Nr. 49 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Außenpolitische Umschau.
Von Professor Dr. Otto Hoetzfch, M.d.R.
Die Erörterung um die Völkerbunds- rats ttze geht weiter, klärt sich aber doch einigermaßen. Briand hat in der Kammer zugegeben, daß schon vor Locarno davon die Rede gewesen ist, und daß die daran interessierten Stationen (also vor allem Polen) die Gelegenheit, die sich durch den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund ergäbe, benutzt haben, die Erweiterung des Rates zu beantragen. Briand hat aber in dieser Erklärung vor seinem Auswärtigen Ausschuß, der sich mit der Ra- tifikation der Locarnoverträge beschäftigte, nicht gesagt, was nun Frankreich in dieser Frage jetzt, bei der Ratssitzung vom 8. März tun wird. Wir können als bestimmt annehmen, daß Frankreich da- bei die Uebertragung eines ständigen Ratssitzes mindestens an Polen beantragen wird. Es steht wohl auch so gut wie fest, daß sich das nicht wird er- möglichen lassen, weil Schweden unbedingt gegen eine Erweilernug ist, wahrscheinlich auch Japan und Uruguay und vielleicht auch Belgien. Damit ist die satzungsgemäße Einstimmigkeit nicht zu erreichen. Geht das jo, dann würde also jetzt Deutschland in den Völkervund ausgenommen werden und den ständigen Ratssitz erhalten, bie ganzen übrigen Fragen aber auf die ordentliche Versammlung im September vertagt werden.
Man hat sich doch im Völkerbund davon überzeugt, namentlich unter dem Druck der darin sehr einigen englischen öffentlichen Meinung, daß die Frage viel zu verwickelt und folgenschwer ist, als daß man sie setzt über das Knie brechen könnte. Unzweifelhaft besteht ein Bedürfnis im Völkerbund noch Revision der ganzen Einrichtung der Ratssitze. Die Idee war ja, daß die kleineren Staaten in diesen nichtständigen Sitzen miteinander a b w e ch - fein sollten. Tatsächlich aber hat sich ein fester Gebrauch im Wechsel unter den beteiligten nichtständigen Mitgliedern nicht herausgebildet. Zumeist wurden sie wiedergewählt und sind, wie namentlich die Tschechoslowakei, zu einer Art ständigen Mitglieds geworden. Es ist sicherlich notwendig, hier eine Ordnung festzulegen, die das Ausscheiden der nichtständigen Mitglieder, die Amtsdauer, ihren Wechsel, ihre ganae Stellung klärt.
Daneben besteht also der Wunsch, den Kreis der Großmächte, die die ständigen Ratssitze für sich vorbehalten haben, zu erweitern. Dergleichen schwebt Chamberlain vor, der vor der auswärtigen Presse in London etwas nebelhaft und allgemein gesagt hat, daß der Rat doch genügend groß sein müsse, um den großen Ausgaben genügend gerecht ?u werden, die er zu erfüllen haben werde. Man ann annehmen, daß Chamberlain nicht nur mit der Wirkung des deutschen Eintritts rechnet, sondern auch mit dem anderen Verhältnis zum Völkerbund, in Das Nordamerika und Rußland ja auch allmählich treten. Dabei spielt bei ihm auch die Schwierigkeit der Vertretung des englischen Welt- reiches in ihrer Verteilung zwischen Großbritannien und den großen englischen Kolonien mit.
Ganz allgemein und sachlich die Lage angesehen, ist nun unzweifelhaft, daß Polen gar keinen Anspruch darauf hat, burch Uebertragung eines ftän- digen Ratssitzes in bie Reihe ber Großmächte ein- zu'treten. Es erfüllt keine der Voraussetzungen, bie für den Begriff ber Großmacht herkömmlich sinb. Ferner wäre ein ständiger Sitz für Brasilien sehr unzweckmäßig, weil Brasilien bekanntlich ber einzige portugiesische Staat Südamerikas ist, und ber gewaltige übrige Teil, ber spanisch spricht, bamit zurückgesetzt wäre. Dadurch, bah Polen unb auch Brasilien bereits Botschafter statt der Gesandten ernennen, lassen sie ihr Streben, als Großmächte zu gelten, erkennen, aber um so mehr hat ber Völkerbundsrat bann fest zu bleiben.
Anders steht es ohne Zweifel mit Spanien. Einmal gilt Spanien aus alter Ueberlieferung noch als Großmacht, obwohl diese seine Stellung ja längst vorbei ist; Spanien unterhält heute Botschafter gleich den anderen Großmächten. Dann aber ist Spanien das Mutterland für die große spanisch sprechende südamerikanische Welt, unb baß biefer Komplex im ganzen, wenn er sich als eine Einheit
fühlen unb betätigen will, wenn er in ber Lage ist, eine einheitliche Dölkerbunbspolitik zu machen, bann ein Recht hat, einen ftänbigen Ratssitz zu beanspruchen, bas läßt sich nicht bestreiten. Deutschlanb hat keine Veranlassung, sich von vornherein bagegen auszusprechen, aber unter ber Voraussetzung, daß eben bie Sache bann so gemacht wirb, wie beim englischen Weltreich: ein staubiger Ratsoertreter f ü r das Ganze, ovwohl heute diese spanische Welt in Europa unb Sübamerika keineswegs eine Einheit ist. Können Chile, Argentinien, Peru gemeinsame Dölkerbunbspolitik machen? Wir sollten meinen: ja. Aber das Problem muß erst wirklich gestellt und angesaßt werden.
Das sind ganz interessante Fragen. Nur haben sie beide nichts mit der Situation des Augen- dlickszu tun. Die ist sehr einfach. Die Märztagung hat lediglich Deutschland aufzunehmen, ihm den Ratssitz zu übertragen unb so bie Deutschlanb iiemadjten Zusagen zu erfüllen. Würbe sie darüber linaus bie Tagesorbnung mit der Besprechung bie- er ganzen Umgestaltung des Völkerbundsrates belasten, so würde das die Zusagen an Deutschland entweder zunichte machen oder entwerten und müßte von Deutschland entsprechend beantwortet werden. Und das ist die Situation, bie man sich auch so vor Augen halten soll, ohne Scheu bavor, daß das bann in Genf evtl, zu unangenehmen Auseinandersetzungen führt.
Daran wird es überhaupt nicht fehlen. Gleich diese Krise zeigt ja, wie sich die Lage in Genf mit dem Beitritt Deutschlands verändert. Beinahe jedes Dölkerbundsproblem gewinnt ein anderes Gesicht, wenn Deutschland in diesem ganzen Zirkel mitarbeitet. Am nächsten liegt uns dabei natürlich das Problem der Minderheiten. Ausgerechnet in diesem Augenblick erläßt die T s ch e ch 0 s l 0 w a k e i eine Sprachenverordnung, die bie Rechte ber deutschen Minberheit unglaublich einengt unb den Minderheitenvertrag vom 10. September 1919 verletzt. Und ausgerechnet in diesem Augenblick unternimmt Polen mit den Verhaftungen in Kattowitz gegen den dortigen „Deutschen Volksbund" einen Vorstoß, der genau wie vor zwei Jahren gegen den Deutschen Volksbund in Pomerellen und Posen sich gegen die deutschen Volkstumsrechte richtet. Beide Vorgänge zeigen die Absicht und den festen Willen ber betreffenden sogenannten Staatsnationen gegen bie deutsche Minderheit in ihrem Lande. Beide beleuchten die große Schwierigkeit, die Deutschland vorfindet, wenn es sich nun in Genf an diese Arbeit macht.
Sobald man darüber etwas nachdenkt, sieht man sofort, daß zwar überall Uebereinftimmung besteht, die Rechte der Minderheiten müßten geschützt werden, daß aber die in Frage stehenden Begriffe und Forderungen reichlich unklar sind. Freilich ist darüber keine Meinungsverschiedenheit oder sollte fein, daß bas, was man für die eigene Minderheit im anderen Staate fordert, fremden Minderheiten im eigenen Staate billig fein muß. Deutschland ist dazu bereit. Alle seine Parteien haben, als bas Genfer Abkommen über Oberschlesien ratifiziert wurde, bieten Satz anerkannt. Eben wird auch ber erste praktische Schritt zur Ausführung getan mit einem Erlaß ber preußischen Unterrichtsverwaltung über bas Schulwesen ber dänischen Minderheit in Nord-Schleswig. Sofort aber beginnen die eben bezeichneten Schwierigkeiten. Wann und mit wieviel Prozent ber Bevölkerung ist eine Minderheit im Staat vorhanden? Wie soll bie öffentlich- rechtliche Körperschaft aussehen, die eine solche Minderheit bann bilden soll? Wie steht es mit ber kulturellen Autonomie in ihrer praktischen Durchführung? Wie mit einem sogenannten nationalen Kataster? Wie mit einer Beitragsleistung des Staates, ober ben Fragen, ob Staats- ober Privatschule, Sicherung ber staatlichen Bedürfnisse, Sicherung gegen Mißbrauch durch Propaganda usw.?
Diese Schwierigkeiten wurden hervorgehoben, nicht um bas Problem auf bie lange Bank zu schieben ünb Unbequemlichkeiten aus dem Wege zu gehen. Nach unserer Ueberzeugung muß Deutschland, das die größten Minderheiten der Welt in anderen Staaten hat, in dieser Frage in Genf und außerhalb führend vorangehen. Will es aber und soll es diese Pflicht erfüllen, soll es die Hoff
nungen rechtferttgen, die vielfach aerobe in biefer Beziehung auf den Eintritt Deutschlanbs in den Völkerbund gesetzt werben, so muß es in jeher Beziehung gerüstet sein.
Wer sich mit ben Fragen beschäftigt hat, weiß, bah biese Rüstung noch nicht vorhanben ist, baß noch nicht einmal bie Dafür notroenbige nationale ©runbauffaffung Gemeingut ber Parlamente und ber Bureaukratie ist. Das muß jetzt schleunigst nachgeholt werben: im Außenministerium, in ben Jnnen- unb Kultusministerien ber beteiligten ßänber, in ben Fraktionen unb in ber Zusammenarbeit mit ben entschieben nationalen Kreisen, bie seit langem die Bedeutung dieses Problems erkannt hoben unb feit langem in dankenswerter Weise Bausteine zu seiner praktischen Lösung gufammengetragen haben.
Mexiko.
Von Oberstleutnant a. D. Otto v. Feldmann (Hannover).
Wer heute durch Mexiko als Deutscher reift, wird zu seiner großen Freude feststellen können, daß er sich bei einem Volke zu Gaste befindet, auf das bie verlAnnberische Hetze währenb bes Krieges nicht gewirkt hat. Wie im Kriege Mexiko trotz des scharfen amerikanischen Druckes uns gegenüber seine Neutralität gewahrt hat, so finbet man auch heute im Lanbe überall eine warme Sympathie für beut- sches Wesen, beutschc Tüchtigkeit unb beutsche Ehrlichkeit. Dieser Zug ber Deutschenfreunblichkeit geht burch alle Kreise bes Volkes, vielleicht mit Ausnahme einiger sogenannter gebildeter Familien, die heute noch in Paris die Stadt des Lichtes unb in Frankreich bas einzige wirklich kultivierte Lanb erblicken. Für die Gefühle des einfachen Mannes mag ein kleiner Vorgang bezeichnend sein, ber sich bei der Ankunft eines Teiles der Besatzung des Kreuzers „Berlin" auf dem Bahnhof in Mexiko abgespielt hat. Dort vergaß ein deutscher Herr, an dessen gut nationaler Gesinnung auch nicht der leiseste Zweifel berechtigt ist, ben Hut abzunehmen, als bas Deutschlandlied gespielt wurde. Ein hinter ihm stehender mexikanischer Arbeiter schlug dem Herrn den Hut vom Kopfe unb machte ihn darauf aufmerksam, daß man bie Kopfbebeckung nicht aufbehalten bürfe, wenn das Lied der Deutschen gespielt würbe. Auch bie Regierungskreise zeigen eine burchaus beutschfreunb- liche Stimmung. Sie legen zweifellos großen Wert auf beutsche Mitarbeit in ihrem Lande unb wissen diese zu schätzen. Als Folge hiervon sollen mexikanische Konsulate manchmal Deutschen über die Verhältnisse im Lande Auskünfte geben, die etwas stark rosig gefärbt sind, um die Einwanderung zu vermehren.
Außenpolitisch liegt die Bedeutung des heutigen Mexiko darin, daß es gleichzeitig Vorposten- und Grenzstadt gegen bie Vereinigten Staaten ist. Diese Rolle ist heute wichtiger als früher, nachdem ber Zusammenschluß der latein-amerikanischen Rasse erheblich festere Formen angenommen hat. Dieser Zusammenschluß bedeutet selbstverständlich für Mexiko eine erheblich größere Sicherung gegen amerikanische Machtgelüste. Jeder Uebergriff gegen einen latem-amerikanischen Staat stößt auf ben geschlossenen Widerstanb ber anderen. Im Hintergrund droht der wirtschaftliche Boykott Latein-Amerikas gegen die Vereinigten Staaten, ber heute diesen gefährlicher denn je werden könnte, nachdem sich Amerika in erster Lime auf dem Markt am Stillen Ozean eingestellt hat. So ist denn auch augenblicklich das Verhältnis Mexikos zu Nordamerika ein freundliches zu nennen. Die Amerikaner, die in Mexiko mit ziemlichen Kapital beteiligt sind, haben kein Interesse an neuen Unruhen und finanzieren solche nicht, wie cs früher geschah. Sie haben allerdings wohl auch wenig Interesse an einer sehr starken mexikanischen Regierung, da sie von einer solchen ein Zurückdrängen des amerikanischen Einflusses auf wirtschaftlichem Gebiet befürchten müssen. So paßt den Amerikanern die jetzige Regierung ganz gut unb dieser Umstand sowie der einer gewissen Revolutionsmüdigkeit in Mexiko selbst lassen erwarten, daß bas schwergeprüfte Land noch einige Zeit vor neuen Unruhen bewahrt bleibt.
Samstag, 27. Februar 1926
Die jetzige Regierung des Präsibenten Calles ist nicht burch Revolution, sonbern durch Volksabstimmung ans Ruber gekommen. Wie weit eine Wahlbeeinflussung ftatgefunben hat, barüber sinb bie Ansichten verschieben. Zweifellos steht aber fest, daß ber Präsibent in erster Linie seine Wahl den Stimmen bes Proletariats oerbankt, bem man seinerzeit weitgehenbe Versprechungen gemacht Hal. Versprechungen, beren Einlösung nun auf bie gleichen Schwierigkeiten stößt, wie man solches auch in anberen uänbern erlebt hat. Ertönte doch auch bei uns einst das Schlagwort: „Freiheit, Friede, Brotl"
Der Präsident war Im vorigen Jahr in Deutschland und hat hier sicher manches auf bem Gebiete ber Derwirklichiinqsmöglichkeiten sozialer Gebauten gelernt. Er bemüht sich nun zweifellos, m ben Grenzen bes Möglichen zu bleiben, muß aber anbererfeits auch an feine Wähler benten. Verstimmt er sie, so kann bie Gefahr innerer Unruhen mieber eintreten, unb bas wäre jetzt bas Schlimmste, was bem Lanbe zustoßen könnte. Auf ber anberen Seite reichen bie Befugnisse des Präsidenten nicht weit genug, um manchem Unfug vorzubeugen, der von kommunistisch-sozialistischer Seite im Lande noch getrieben werden kann, weil die Gouverneure ber Emzelstaa- ten entsprechenb eingestellt sinb. In biefen Gouvernements treibt man noch mit der Landaufteilung unb anberen Versuchen zur Dolksbeglückung ben furchtbarsten Unsinn, unter bem das Land schwer zu leiben hat. Geradezu tolle Verhältnisse herrschten während meiner Anwesenheit im vergangenen Herbst in Mexiko im Staate Veracruz, und namentlich in der Stadt selbst. Dort regiert bie kommunistische Gilbe ber Lastträger eigentlich bie ganze Stabt. Pollzel- unb Staatsgewalt sinb machtlos ober wollen es sein. Die schwarzrote Fahne herrscht, bie Flagge ber Bolschewisten. Immerhin ist ein kleines politisches Erlebnis, das ein Bekannter von mir dort hatte, nicht ohne Interesse. Als wir auf ber Rückreise in Dera- cruz eintrafen, war an bem Tage Wahl der Stadt- verordneten gewesen. Gewählt wurde natürlich ber Führer der Kommunisten. Mein Bekannter hat sich mit dem Mcme längere Zeit unterhalten. Er äußerte sich dahin, daß sie dort etwa die gleichen Ziele hätten wie die Kommunisten bei uns. Als er gefragt wurde, es sei doch bann aber auffallend, daß dann immer wieder ber Ruf „Es lebe Mexiko!" ertönt sei, er- widerte ber Parteihäuptling, bas sei doch selbstverständlich, denn Mexiko sei dochihrDater- land. Mein Bekannter setzte ihm darauf auseinander, daß man bei uns in kommunistischen Versammlungen ein Hoch auf Deutschland nicht hören könne. Der Mexikaner meinte, dann könne er die Leute nicht verstehen.
Zusammengefaßt kann gesagt werden, daß sich das Land zur Zeit in bem Zustand einer verhältnis- mäßig großen Ruhe befindet, nachdem es gelungen ist, bie Beziehungen zu Amerika freunb(id)er zu gestalten und bie diplomatischen Verbindungen mit England wiederherzustellen, bie längere Zeit völlig unterbrochen waren. Hoffentlich gelingt es ber Regierung, sich fester in den Sattel zu setzen. Dann wird sich bas Land vor neuen Stürmen bewahren und auch bie Sicherheit im Lande wiederherstellen können, an ber es heute noch sehr fehlt.
Erweiterung des Gießener Gülerbahnhofs.
Der Bahnhof Gießen hatte als wichtiger Knotenpunkt mit Abzweigungen nach allen Richtungen hin von jeher einen bedeutenden Güterverkehr zu bewälttgen. Aach der Sr- bauung der älmgehungsbahn G iehen- Bergwald nach Dutenhofen ist zwar eine erhebliche Zahl Güterzüge, sowohl von Süden (Richtung Frankfurt nach Richtung Dillenburg und Kohlenrevier) als auch umgekehrt, direkt geleitet worden, ohne daß sie den eigentlichen Güterbahnhof Gießen. weiter belaTten. Die günstige geographische Lage unseres Bahnhofs und das 'Bestreben der Reichsbahnverwaltung, Güterzüge auf weite Strecken geschlossen als sog. Ferngüterzüge zu befördern, hatten schließ- lich aber doch zur Folge, daß die bisherigen Anlagen unseres Güterbahnhofes bei weitem nicht ausreichten und bei einem stär-
Gießener Konzertverein.
Bach-Abend.
Während das Genie meist so gestaltend auf seine Zett einwirkt, daß sich das ganze Zeitalter in seinem Einfluß zeigt (wie bei Beethoven, Wagner), so ist Dach der Sammelpunkt der historischen Sntwicklungslinien des 17. bzw. des beginnenden 18. Jahrhunderts. Was diese Zeit geschaffen Hal, das findet in ihm seine höchste Vollendung und letzte Bereinigung. So ist seine Stellung aus den treibenden Kräften der historischen Auswirkung herausgewachsen. Er ist das Objekt dieser Zeit, das durch die starke persönliche Kraft die epochalen Strömungen zur Vollendung führt. Das ist der Grund, weshalb man seine Schaffensart als die objektive dem subjektiven Zeitalter gegenüberstellen kann.
Dieses objektive Zeitalter hatte es mit streng begrenzten Formgebilden zu tun, die eben das Ergebnis einer historischen Ueberlieferung waren. Daraus erklärt es sich, daß Dach beim Anhören fremder Werke schon aus der Struktur des Themas heraus den ganzen Verlauf der Gestaltung vorher zu bestimmen vermochte. 3m subjektiven Zeitalter dagegen fand das Werk im Verlauf der Erlebnisse und ihrer Auswirkung seine Formung. Da in der Dach'schen Zeit das Thema die Energien zur Formgestaltung in sich trug, so haben wir es nicht mit einem leeren Formalismus zu tun, der dem persönlichen Erlebnis fernsteht, sondern das Thema hat sich aus dem Erlebnis herauskristallisiert, und der weitere Verlauf zeigt die Spannungsschwankungen Der im Thema gebannten Energien.
Wer an Bach herantritt, wird ihn einerseits historisch erfassen müssen, um das Wesen seiner Formgestaltung zu erkennen, anderersetts muß sich mtt der historischen Erkenntnis ein gesundes musikalisches Einfühlungs- und Gestaltungsvermögen vereinen, um die im Thema gebundenen Energien zu neuem Leben und neuer Kraft zu wecken. Diese Kraftbindung prägt sich sowohl in den instrumentalen wie auch vokalen Werken Dachs aus.
Es konnte für einen Dach-Abend kein besseres Medium zur Einführung in Dachsches Gestalten «eben als die Passacaglia für Orgel. Das geschlossene, in sich gespannte Thema, zunächst auf Dem Orgelpedal vorgetragen, zeigt bei seiner weiteren Abwandlung seine Rückwirkungen und Ausstrahlungen in die musikalische Klangwelt. Ammer weiter werden die Kreise, die das Thema
um sich schließt, und es gereicht dem Werke nur zum Vorteil, daß Dach ihm im weiteren Verlaus Chaconnecharakter gibt, d. h. das Thema auch in arideren Stimmen auftreten und wieder neue Energiebezirke erschließen läßt. Rachdem er das Thema in 20 verschieden gebundenen Klangwelten sich hat auswirken lassen, da zeigt er es in seiner höchsten Kraft und Intensität in der sich gewaltig türmenden Schlußsuge.
Hoforganist Hops aus Eisenach war dem Werke bis in seine lleinsten GntwicklungSphasen nachgegangen und bot es in einer derart klaren Uebersichtlichkeit, daß dieses so schwierige Werk zur klanglichen Selbstverständlichkeit wurde. Wie er die einzelnen Bachschen Linien herausstellte, wie er dem klanglich wenig modifizierbaren Orgelton durch Herausarbeitung der agogischen Akzente Leben gab, wie er die Register zur Aufschließung der Klangwelt verband, das stellt ihm als Dachspieler das beste Zeugnis aus: für den Organisten das erstrebenswerteste Ziel des Könnens. Die Orgelbegleitungen in den Kantaten führte er mit sicherem Stilempftnden durch, ein Erfordernis, mit dem die Ausführung Dachscher Kantaten steht und fällt.
3m Mittelpunkt von Dachs Persönlichkeit steht seine starke Religiosität. Aus ihr heraus ist die Reihe der Kirchenkantaten erwachsen, in sich geschlossene Stimmungsgemälde, bie in ihrem Verlauf der Stimmung reiche Ausbreitung verleihen. Der gebundene Stimmungsgehalt ist unferm modernen, romantisch-subjektiv beeinflußten Musik» empsinden nicht ohne weiteres offenbar, da Dach ihn in der Sprache seiner Zeit geprägt hat. Auch erst das historische Verstehen tonn diese Welt erschließen. 3n der Form der Kantate hat Dach das Erbe seiner Zeit übernommen: in der Ausprägung des geistigen Gehaltes bat er äleberzeitliches darin geschaffen. Heber die einzelnen Kantaten hat der Dorbericht bereits das Rotwendigste geäußert.
Diese eigenartige Klangwelt Dachs stellt an die Ausführenden allerhöchste Ansprüche, ein eminentes technisches Können, ein eingehendes historisches Verständnis, starkes einfühlendes Gestaltungsvermögen. Die Bachschen Gesangslinien müssen unS zunächst fremd erscheinen in ihren Derhäkelungen und Ausbrettungen der Linie, und, mit dem Maß des üblichen Koloraturgesanges gemessen, würde man seine Gestaltungswelt nicht erschließen können, denn jede Koloratur stellt bei ihm eine Spannungsschwankung der gespannten Energie kurvenmähig dar. Rur eine stark aus
geprägte Gestaltung dieser Spannungskurde kann Den Bachschen Geist erschließen. Daraus erklärt es sich, daß wir nur sehr wenige berufene Dachsänger haben: und an Dach sollte man nur mit der größten Selbstkritik der eigenen Kraft herantret en.
Die beiden Solisttnnen, Margarethe Strunk (Sopran), Elisabeth Döhm (Alt), vom Derliner Vokalterzett schienen den Dachschen Anforderungen doch nicht völlig gewachsen. Sie bemühten sich zwar mit gutem Willen, die Bachsche Welt zu erschließen, einzelnes auch mit rechtem Erfolg, so Elisabeth Böhm in der Altarie: „Stirb in mir, Welt..Margarethe Strunk in der Arie „3ch bin vergnügt..." Doll zu erschöpfen reichte die technische Durchbildung der Stimmen nicht cncs, da der Ton der Altistin guttural gebildet wurde und namentlich in tiefen Tonen eine gewisse Flachheit zeigte Die Sopranistin neigte zum Tremulieren und konnte so der Koloratur keine scharfe Ausprägung verleihen. Abgesehen von den stimmlichen Schwächen bewiesen beide in der Durchführung ihrer einzelnen Partien musikalische Sicherheit und Gestaltungsgabe: besonders die Rezttative gelangen besser als die Arien.
Die höchste Krönung findet die Kantatenstimmung in dem Choral, der jedesmal von dem Akademischen Gesangverein unter der Leitung von Theodor Knodt in Vertretung für Prof. Trautmann recht ausdrucksvoll vorgetragen wurde. Der Chor erwies eine wohltuende, ausgeglichene Frische: den größten Anteil trug er in der letzten Kantate: „Gott der Herr ist Sonn und Schild" mit dem Gingangschor, der mit seiner Durchführung nut bedauern ließ, daß dem Chor für den Abend nicht noch größere Aufgaben Vorbehalten waren.
Dieser barock-pompöse Geist, der aus dieser Kantate spricht, wurde trefflich unterstützt und erschlossen von dem Kammerorchester, verstärkt durch Frankfurter und Rauheimer Künstler. Die 3nstrumentalsolostimmen in den Begleitungen der Dach'schen Arien fanden stilgerechte und klangschöne Durchführung durch Konzertmeister Willy Haehnel (Solovioline), Rauheim und Kammermusiker Kurt Schubert (Svlooboe) aus Wiesbaden. Herr Knodt bewies in der Geltung der Orchesterzwischenspiele, Einleitungen und De- gleitungen recht beachtenswertes Dirigen. enge- schick. Bei der kurzen Zeit der Vorbereitung war es für Chor und Dirigenten ein recht bedeutender Erfolg. Ein Bedürfnis für die Musik lie
benden Bewohner Gießens, die in reicher Zahl erschienen waren. Es gibt für die Passionszeit feine treffendere Auswahl als Bach, und Dachs Musik aufführen ist ein Gottesdienst, oder wie es der schwedische Erzbischof Söderblom seinen jungen Geistlichen mit auf den Weg gab: .,Er ist der fünfte Evangelist gewesen — gehet hin und wirket auch für ihn/' —in—
Ein neues deutsches Evangelienbruchstück.
Zu dem vor kurzem an dieser Stelle (G. 21. Rr. 43 vom 20. Februar) besprochenen „literarischen Fund des 14. 3ahrhunderts" wird unS von unterrichteter Seite das Folgende mit geteilt, auf dessen Feststellung wir besonderen Wert legen. Professor Henkelmann fand das Bruchstück seinerzeit in Bensheim und ret-c e es für die Wissenschaft, indem er es an Geheimevat Professor Dr. Dehaghel in Gießen übersandte, der es mtt Zustimmung des Finders seinem Assistenten. Dr. Friedrich Maurer, zur Bearbeitung übergab. Dr. Maurer hat nicht nur die sprachliche Behandlung übernommen, sondern das Fragment vollständig beraub gegeben und ein- geljenb untersucht. Die Angaben über den Fund in unserer ersten Meldung entstammen seiner Untersuchung. Es ist jedoch festzustellen, daß die älebersehung nicht die älteste überhaupt, wohl aber eine der ältesten ist; jedenfalls kommt der Mönch Matthias Deheim als Verfasser nicht in Frage. Die grundlegende älntersuchung von Dr. Maurer ist vor einigen Monaten al« Heft 4 des 3ahr ganges 1925 der „Schriften der Hessischen Hochschulen" (Verlag Alfred Töpelmann- Gießen) erschienen.
Uraufführung in der frankfurter Oper.
Bernhard S ekles hatte mtt seinem dritten Bühnen werk „Die zehn Küsse" keinen durchschlagenden Erfolg. Darüber konnte auch der starke Dettall nach dem Schlußakt nicht hinwegtäuschen. Das Stück ist eine nicht ganz geglückte Mischung von Märchenoper und Opera Duffa, schleppt sich in den beiden ersten Akten ziemlich müde dahin und kommt erst im Schlußakt durch wirksam eingestreute Melodien zu stärkerer Wirkung. Don den Darstellern seien erwähnt die Damen Urfulaec, Kern und Spiegel, vor allem aber Adolf 3 ä g e r als Prinz vom Marmvrlande und Hermann Schramm als Knappe des Prinzen.


