Das lachende Haus.
Roman von Sophie K l o e r fj.
24. Fortsetzung Nachdruck verboten.
Das begriff sie ja selber nicht. Es war eben ein Wunder. Wer glücklich ist, glaubt an Wunder. Und wenn keinem Menschen aus der Welt das Wunder begegnet, ihm, ihn, ist es erschienen und hat ihn gesegnet. — So gesegnet war sie jetzt, so selig, so überreich. — Und wenn sie in ihrem Zimrnerchen sah, sang sie vor sich hin: „Nie sollst du mich befragen noch Wissens Sorge tragen--" Nein, sie
fragte nicht- Sie wartete und vertraute.
Lrockdorf war ein Frauenkenner. Er wühle ganz genau, dah dies sanfte, weiche Geschöpf doch im Grunde fest war wie seiner Stahl. Die war nicht in schnellem Anlauf zu nehmen, die muhte Schritt für Schritt selber den Weg gehen, der sie in seine Arme führte. Und e» war ein Genuh für ihn, zu beobachten, wie sie sich erwärmte, wie sie immer sorgloser, immer selbstvergessener sich ihm fügte, zu ihm kam, mit ihm ging — Heim und Mutter und Schwestern immer mehr zurückschob vor seinen Wünschen.
Da wagte er einen schnelleren Schritt. Er schrieb ihr, bat sie zum Samstagnachmittag zur stillen Teestunde und verreiste dann, nur einen Brief zurück- lassend, der wirken sollte, während die Sehnsucht nach ihn, in ihr war.
Rose war um vier ausgebrochen zur Rotenbaum- Ehaussee. Das Wetter war auch in der «ladt abscheulich, aber sie stieg am Jungsernstieg in die Elektrische und halte dann nur noch eine kurze Strecke von der Haltestelle zur Villa.
'Am Dammtorbahnhof ein unvermuteter 'Aufent- halt. Ein Pferd mar auf den Schienen gestürzt und halte sich dar Bein gebrochen. Man muhte nach der Feuerwehr telephonieren. Wagen um Wagen hielt hintereinander, es war nicht abzusehen, wann der ftnäuel wieder in Bewegung geraten und sich entwirren würde. Und Rose hatte sich schon ohnehin verspätet. Dies konnte so lange währen, dah ec an- rühmen muhte, sie hätte das Wetter gescheut und käine nicht. Dann konnte er fortgehen. Dann iah sie ihn heute nicht. Und sie hatte ihn schon acht Tage lang nicht gesehen.
Heraus au» dem Wagen, hinein in Sturm und Schnee.
Sie stemmte sich und lief, jo schnell sie konnte. Heih wurde ihr irotz der Kälte. Die Sekunden schienen Minuien, die Minuten Viertelstunden. Einmal fjingelte es dicht hinter ihr. Die elektrische Bahn, die aorüberjagte. Nun wäre sie doch schneller ge- kommen, wenn sie gewartet hätte. Der Schnee lag auf ihren Schultern, ihrer 'Pelzmütze, aus Sinnen und Brust. Im Gesicht schmelzend, rann er in kalten Tropfen an den Wangen nieder. Die Fuhe waren wie Eis. Die Hände erstarrten. Endlich das Haus.
Die Frau des Dieners öffnete. Sah erstaunt auf das ganz verwehre und verschneite junge Ding. „Herr von Brockdorf ist verreist. Ganz plötzlich. Mein Mann ist zur Stadt, dem Fräulein einen Brief zu bringen. Die telephonische Leitung ist gestört vom Sturm."
„Ach."
Die bittere Enttäuschung! — Und nun merkte sic plötzlich, wie müde und atemlos sie war.
„Aber so darf das Fräulein nicht wieder fort. Sic fallen ja um." Mütterlich und doch vertraulicher, als einer Dienenden zukam, zog sie Rose in die Stube, nahm ihr die passen Sachen ab, drückte die ganz Erschöpfte in den Stuhl am Ofen, redete gutherzig dabei. „Kaffee hab' ich drauhen. Auch Gebäck. Einen Augenblick. Gleich bring' ich etwas. Was würde der Herr sagen, wenn ich das Fräulein so wieder fortliehe! Und wenn mein Mann kommt, soll er einen Wagen holen. Das Auto — da ist Herr von Brockdorf selber mit fort."
Sie trug die nassen Sachen in die Küche. Rose sah und träumte vor sich hin.
Da sah die Frau wieder in die Tür. „Und hier ist noch der Brief. „Mein Mann hat ihn liegen lassen. Run ist das ja ganz gut."
Die geliebten Schristzeichen! Sie strich zärtlich über sie hin, rih den Umschlag ab und las. Wurde heih. sah sich erschrocken um — nein, niemand beobachtete sie. „Meine Rose! Ich bin fortgerufen, plötzlich. Und sah dich eine ganze Woche nicht. Kann auch nicht roiebefommen vor drei Wochen. Es handelt sich um wichtige Dinge, mit denen ich dich nicht quälen will. Gcschästssachen. Aber, meine kleine, sähe Rose, ich halte diese Trennung nicht so lange aus. und wenn btt mich ebenso liehst wie ich dich, kommst du mir nach. Wenigstens auf drei Tage.
Rur drei Tage. Für jede Woche einen einzigen lag. Ist das zuviel': Du wolltest doch immer so gern einmal nach Berlin, um dir die Gewerbemuseen und all das, was so dazu gehört, anzusehen. Run kommst du hinüber. 3n dieser Woche noch Drei Tage, kleine Rose! Da können wir zusammen sein von Morgen bis Abend. Und ich will dich lieben und dich verziehen und dir danken, so unbeschreil' lich bauten, wenn du kommst. Wirst du kommen? Dah ich endlich an deine Liebe glauben barf. Dah ich endlich weih, ich bin dir mehr als alle Vorurteile und Altweibergeschwätz. Wie glücklich wir sein werden!"
Rose lieh die Hand finlen. — 5o beif} war ihr geworden. Das Her; ging in wilden Stöhen. Bis in den Hals hinein schlug es.
Nein, nein, nein. Das ging nicht. Die Mutter! — Und die Schwestern. — Und — und--;
Aber wenn er es al» Beweis ihrer Liebe forderte? War er nicht immer voll Güte und Zartsinn gewesen? Umhüllte er sie nicht sörmlich mit feiner weichen Zärtlichkeit? Und wenn er spurte, dah sie zurückschrak, so oft die Leidenschaft aus ihm herausbrach, zwang er sich nicht Immer zur Ruhe? Konnte sie sicherer sein als gerade bei ihm?
Die Tür ging. Frau Klassen kam mit Kaffee und Kuchen und deckte den Tisch, den sie dicht vor Rose an den Ofen schob. Sie beobachtete im stillen bas Mädchen, sah den offenen Brief in ihrer Hand, das rätselhafte Nachdenken in den Zügen.
„Fräulein Bunsen sollte man eine Tasse trinken. Und ein paar Makronen essen. Ich backe sie selber. Sie waren immer das Lieblingsgebäck von unserer lieben gnädigen Frau."
Rose fuhr zusammen. Von weni sprach die da? — Von der, die hier Hausrecht gehabt hatte? Wie kam sie dazu?
„Ich bin ja schon Jungfer bei ihr gewesen," fuhr die Frau ruhig fort, „als sie noch Fräulein von Grotthauv mar. Ich bin ja auch aus Westfalen. — Und wenn ich nicht Klassen geheiratet hätte — ich, ich ginge lieber heute als morgen wieder zu meinem guten Fräulein."
Cine Pause. Rose trank mechanisch den Kaffee, die Makronen rührte sie nicht an.
Frau Klassen trat an das Fenster und zog den Vorhang zurück. Dos Licht fiel gerade auf das Ma- bonnenbilb an dec Löngswand. „Das Bild hat Frau
lein Bunfen wohl noch gar nicht gesehen? Vor fünf Fahren in Dresden ist cs von einem italienischen Maler gemacht worden. Akkurat so sieht sie aus, so lieb und sanft und fromm. — Der Herr hat immer r.c Neigung für die ganz Weichen und Jungen ge- habi. Und die glauben ihm ja auch alle». Mein Fräulem auch. Die Eltern wollten es gar nicht. Sie war 'ne schwer reiche Erbin, ja. Und so viele Anträge, wie sie hatte — und der Vater wollt' gern, sie sollte einen heiraten, der auch katholisch war. Es gab böse Kämpfe. Aber so sanft, wie sie sonst war, da blieb sie sest. Und hat doch hier fortgehen müssen. Das rann ich dem Herrn nie vergeben."
„Warum — warum erzählen Sie mir das?" fragte Rose mühsa,,'
„Fräulein, — Sie tun mir leid. — Nein, Sie brauchen mich nicht hochmütig anzusehen, ich will nicht dreist sein. Gewih nicht. Hier ist manche im Haus aus und ein gegangen — na, Iah sie. Ich tonnt’ sie nicht hüten, die wollten auch gar nicht gehütet sein. — Aber wie ich Sie zum erstenmal gesehen hab' — Sie erinnern mich viel zu sehr an meine liebe gnädige Frau. Bloh, dah Sie blond sind, und die ist schwarz. Aber Sie glauben auch, was der Ihnen lagt. Und um Sie ist es schade "
Rose stand auf. Zwang sich zur Ruhe. Erwiderte ganz kurz und kühl: „Ich mochte bitten, mich zu verschonen. Her von Brockdorf ist ein Ehrenmann, und außerdem habe ich keine Veranlassung, mir so etwas sagen zu lassen."
„Dos weis; ich schon, das ist nicht ichön, Fraulein Bunsen. Und meint mein Mann müht', was ich hier sag', er würd' mir den Marsch blasen. Er sagt: We» Brot ich ess', des Lied ich sing'. — Ra, mag ja fein. Ich bin aber nicht bei dem Herrn in Dienst, ich war bei seiner Frau. Die immer noch seine Frau ist, weil sie immer noch denkt, eine grohe Lieb» könne auch den ärgsten Sünder bekehren. Und er — na, ihm ist dos ja recht, öie erbt mal alles, was der alte Herr besitzt, sie und der Junge. Der Jung» ist zart — na, da will ich nicht weiter von reden. Aber auf das Geld ist der Aerr von Brockdorf sehr. Und Vorteil hat noch niemals eine davon gehabt, die ihn gern leiden mochte."
^Fortsetzung folgt.)
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im Jmpflokal, Turnhalle der Stadtmädchenschule, Schillerstrabe 8.
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