Nr. U8 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheßen)Samstag, 22. Mai 1926
Pfingst-Betrachtung und -Beachtung.
Der „Wonnemonat" Mai scheint Miene zu machen, aus seiner kühlen Reserve, wenn auch ziemlich spät, herauszutrcten, nachdem sich seine Vorgänger viel wärmer der Menschheit angenommen halten. Waldmeister, Maiblumen, Maikäfer usw. trauten ihrem Schutzpatron und Lenzmonat nicht und machten sich volle vier Wochen früher auf die Socken als sonst. Das Fritzchen in der Katharinengasse, bekannt als Maikäser- bzw. Klewwerngroß- handlung konnte seinen Laden schon im April öffnen und machte ein Bombengeschäft, dessen Uebcrschuß ihm den Gebauten spinnen lieft, eine Tierhandlung ä la Hagenbeck einzurichtcn. Den Grundstock dazu bilden jetzt zwei Laubfrösche, eine Eidechse, ein Vier- teldutzend verspätet ausgeschlüpste Maikäfer und ein zu früh dem Neste entflogener Spatz. Gir- und sonstige Assen, Kamele, Nashörner und ähnliche Exoten sind nach Fritzchens Versicherung unterwegs, wenn das Mailüfterl die Wettermeldestelle nicht mehr beschäftigt, d. h. das Klima in der Katharinengasse sich dem der Tropen nähert.
Wo gehen oder fahren wir zu Pfingsten hin? Am vorigen Sonntag und früher hat der „Gieft. Anz." feinen Lesern und Leserinnen mit einer reichlichen Anzahl von Vorschlägen aufaewartet. Vogelsberg, Wetterau, Taunus, Lahntal, Thüringen, Rhein und Mosel, Schwarzwald, Spessart, Siebengebirge, Oberbayern, Tirol usw. usw. sind Gedanken, die sich verwirklichen lassen, wenn die Zahl der Markstücke sich in Einklang bringen läftt mit der Zahl der Reisekilometer und den Rechnungen der Hotel- und Sommerfrischenbesitzer. Mit dem bloften Wandern ist cs nicht getan, der wandernde und fahrende Mensch bedarf auch der Stärkung, einer Stätte, in der man einkehren, oder wie der Gießener sagt, „die Hacke unterstellen" kann.
Woher der Ausdruck: „Die Hacke unter- ft c 11 e n" kommt, hat die Welt in Gieften und Umgebung urkundlich genau noch nicht erforscht. Dor über einem Menschenalter, als in Gießen noch Kleinlandwirtschast und Gartenbau vor den Toren der Stadt heimisch waren, rückte der ehrsame Handwerker mit geschultertem Spaten und Hacke nach seinem Grundstück, um dort zu hacken und zu jäten. Dies lat auch der Schuster Schorschadam, soweit ihm es das Sohlen und Flecken seiner nicht sehr zahl- reichen Kundschaft erlaubte. Seine strenge Eheliebste Christine hatte, seit des Pfarrers Segen sie mit dem jungen Meister verbunden, nach und nach eine schwache Seite an ihrem Schorschadam entdeckt, er trank nämlich gern ein „Dibbchen", auch zwei, mitunter auch drei, denn in Königs an der Schoor, ins Herberts auf der Mäusburg, ins Heile in der Kaplaneigasse und Sonntags ins Lotze am Seltersweg ober im Busche Goarte ebenda, war gut sein. Den zwei ober brei „Dibbchen" ging gewöhnlich ein ,.Sorfter" voraus, und ben Schluß bilbete roieber ein „Kortzer" zum Abgewöhnen. Daß Schorschadam mit Hacke und Spaten auf seinem Gange nach dem Garten auch an der einen oder anderen der eben genannten Kneipen vorüber gehen mußte, war aus verkehrstechnischen Gründen nicht zu ändern. Auf dem Heimwege ging Schorschadam mit dem ihm von seiner Christine eiiigetrichterten Vorsatz stolz an der Dippchen-Zapfftelle vorbei. Nach getaner Arbeit, dem Kartoffelhäufeln aber wurde der gute Vorsatz mit dem Gartenwamms ausgezogen, die Hacke, eigensinnig, wie sie nun einmal mar, zog den Schorschadam in die Zapfbvde, sie roartete. geduldig in dem ihr zugewiesenen Winkel, bis ihr treuer Begleiter sie wieder auf die Schulter nahm und nach Hause trottete. Auf den Vorhalt seiner Christine über sein längeres Ausbleiben erwiderte Schorschadam: „Aich hunn nor e moal die Hack unnergeschtellt". Als aber eines schönen Wintermontags, als es schon lange feine Kartoffeln mehr zu behacken gab, Schorschadam wankenden Schrittes seine Behausung betrat, begrüßte ihn fein Ehegesponst mit den Worten: „Ei dou Volleul', hoste heit aach bei Hack' Widder unnergeschtellt?"
Wem hold der Maitrank nie gelacht Von Schisfenbergs Altan,
Der kennt nicht deiner Gegend Pracht, Mein Gießen an der Lahn.
Mit diesen Versen lädt der Gasthalter unseres herrlich gelegenen Schiffenbergs die Ausflügler ein. Seit undenklicher Zeit lenken die Gießener ihre Schritte nach der bewaldeten Höhe. Wer nun aber glaubt oder behauptet, daß die „Ausflügler" von anno dazumal besonders und extra solide und sittsam gewesen wären, baft sie in aller Ruhe ihr , Mitgebrachtcs" dort oben verzehrt und dazu nur ein „Dibbchen" damaliger harmloser Brauart getrunken, und bann, sittsam wie sie gekommen, wieder heimgondelten, der ist etwas im Irrtum. Radaubrüder gibt es nicht nur heute, nein, die hat es vor hundert und mehr Jahren auch schon gegeben. Beweis: Der Vorfahre des jetzigen Schiffenberg- mirtes, A. Weber, muß nicht gerade erfreuliche Erfahrungen mit seinen Gästen in punkto Wohlverhalten gemacht haben. Vier Tage vor Pfingsten des Jahres 1814 erlieft er im „Giesser Anzeigungsblättchen" eine Erklärung, in der es u. a. heißt, „daß der Schiffenberg keineswegs eine jede öffentliche Wirthschaft oder Wirthshaus sey, in dem man für sein Geld toben und lärmen und den öffentlichen Anstand beleidigen dürfe wie man wolle, daß Jeder, der durch ein unanftänbes Betragen der eingeführten Ordnung und den gesellschaftlichen Vergnügungen Anderer hinderlich zu werden befürchten lassen sollte, es sich selbst zuzuschreiben habe, wenn er nicht nur keine Erfrischungen erhält, sondern auch diesen Ort überhaupt mit seinen Besuchen zu verschonen hiermit gebeten wird." Ergo: Ihr Pfingstausflügler, ihr vom „starken Geschlecht" insbesondere, beherziget, was euren Vorfahren vor 112 Jahren vom Schiffenberg aus zugerufen wurde, wenn ihr nach flotter Wanderung dort oder anderswo „die Hacke unterstellt". H. E.
Schöffengericht Gieften.
• Gießen. 20. Mai. Hinter verschlossenen Türen verhandelte das Gericht gegen einen Kaufmann aus Bad-Nauheim, der kürzlich wegen Sittlichkeitsverbrechens zu drei Zähren Zucht» Zhaus verurteilt worden war. Er wurde des Versuchs eines weiteren Sittlichkeitsverbrechens für schuldig befunden und zu einer Gesamt» zuchthaus st rase von drei Zähren zwei Monaten verurteilt.
Ein Arbeiter wurde von der Anklage der Erregung öffentlichen Aergernisses mangels aus
reichender Beweise freigesprochen. Auch diese Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichteit statt.
Ser Polizeidiener H. Z. von N.-R. hat in den Jahren 1923 bis 1925 mehrfach öffentlich« Gelder u.'te,schlagen und Urkunden gefälscht. Der Grund zu kinen Verfehlungen liegt in reichlichem Alkohrlgenup, cer ihn heruntergebracht und sein ohnedies geringes Einkommen noch unzulänglicher -z.macht hat. Unter Annahme mi- :ernder Umstände wurde er zu einer G e f ä n g» nisstrafe von vierzehn Monaten verurteilt.
Oderhessen.
Lanvkrcis Gicszcu.
• Allendorf a. d. Lda., 22. Mai. Dem nesigen Turnverein 1907 ist eine T u r n- und Singhallenbau-Lotterie genehmigt worden. Die Ziehung findet am 30. Mai tatt. Näheres ist aus dem heutigen Anzeigenteil ersichtlich.
z. Allendorf a. d. Lumda. 21. Mai. Zur letzten Ruhe bestattet wurde heute der Veteran von 1870/71. Landwirt KonradNoll, Er eireilzte eil Alter von 77 Zähren.
p. Ovenhausen, 21. Mai. Zn einem hiesigen Hause fliegt seit etwa 8 Tagen eine an beiden Beinen beringte Brieftaube ein und aus. Die Nummern uns den Ringen lauten 958 25, 139 E 300.
:—: Beuern, 21. Mui. Am Donnerstagabend and eine öffentliche Gcmeinberatssitzung tatt. Vor deren Beginn wurden etliche Arbeiten vergeben. Im Distrikt „Eich wald" wird der dort befindliche Waldweg, der über der Mönch- mühle läuft, um weitere 200 Meter zur feften Strafte ausgebaut. Die Arbeiten dazu wurden in vier Losen zu je 50 Meter vergeben. Laut Bedingung müssen die drei ersten Lose als Notstandsarbeiten durch Arbeitslose oorgenommen werden, das Los 4 stand freiem Wettbewerb offen. Für den laufenden Meter Straßenbau wurden gefordert in Los 1 3,30 Mk., Los 2 3,25 Mk., Los 3 3,20 Mk. und Los 4 3,05 Mk. Der Zuschlag wurde erteilt. Das Reißen des Schulholzes, 6 Rm. Buchen- cheiter und 6 Rm. Fichtenknüppel wurde von zwei Interessenten übernommen, die für je 2 Rm. Buchen- cheiter 1,50 Mk. bzw. 1,49 Mk. und für je 2 Rm. Fichtenknüppel 1,65 Mark. Der Zuschlag wurde ebenfalls erteilt. Das Fahren des Schul- Holzes vom Wald bis in den Schul- Hos übernahm ein hiesieger Fuhrmann für durch- chnittlich 1,54 Mk. für je 2 Rm. Für das Schnellen desselben fordert ein hiesiger Sägewerfsbesitzer ür je 2 Rm. ben Betrag von 2,10 Mk. Der Zuschlag wurde auch hier erteilt. — Der hiesige Männer- gefanguerein „Bruderke11e" hat den Gemeinderat eingeladen, an dem Festzug anläßlich einer Fahnenweihe teilzunehmen. Von der Einladung wurde Kenntnis genommen und beschlossen, der Einladung Folge zu leisten. Da die beiden hier eingerichteten K o ch k u r s e infolge des großen Interesses der jungen Mädchen stark besucht sind, er- weist sich der seither benutzte Herd als zu klein. Es wurde deshalb die Anschaffung eines zwei- tcn Herdes beschlossen.
* Grüningen, 21. Mai. Die Vorbereitungen zu unserem am Sonntag nach Pfingsten stattfindenven Sängers«ste sind nunmehr abgeschlossen. Hiermit verbunden ist die Weihe einer Dereinsfahne, die von der Firma Hisgen»Lich geliefert wurde. Weit über 20 Vereine haben ihr Erscheinen zu dem Fest zugesagt.
* Arnsburg b. Lich, 22. Mai. Arn Psingst- bienstag, 25.Mai, nachmittags 2 Uhr, feiert bas hiesige Evangelische Rettungshaus fein Iahresfest. Feftprebiger find Oberkirchenrat Wagner zu Gießen und Misfionsinfpektor Held zu Wiesbaden. Anläßlich des Festes fahren auf der Butzbach — Licher Eisenbahn zwei Son - derzüge. Hinfahrt: Butzbach-West ab 12.50 Uhr, Muschenheim an 1.30 Uhr. Rückfahrt: Muschenheim ab 7.52 Uhr, Butzbach-West an 8.35 Uhr. (Siehe heutige Anzeige.)
t Grünberg, 21. Mai. In der Haupt-, Versammlung des Grünberger Vor - schuftoereins wurde u. a. der Vorstanbs- bericht mitgeteilt. Darin wird u. a. gesagt: Dem Wiederaufbaujahr 1924 folgte bas Krisenfahr 1925. Schon 1924 machte es sich durch die durch Nässe verdorbene Ernte bemerkbar. Die von der Landwirtschaft aufgenommenen kurzfristigen Personal-Kredite tonnten nicht abgedeckt werden, und langfristiges Hypothekengelb war nicht vorhanden, weshalb die Kredite immer wieder verlängert werden mußten. Die neuere Zeit bietet bessere Aussicht auf rechtzeitige "Abdeckung. Der Umsatz steigerte sich von 3 223 018,24 Reichsmark an 19?4 auf 5 775 279,84 Reichsmark in 1925. Die Geschäftsguthaben erhöhten sich von 7512 Reichsmark auf 16102 Reichsmark. Die übrigen Bilanzkonten erfuhren ebenfalls entsprechende Steigerung. Die Summe der Bilanz erhöhte sich von 156 595,40 Reichsmark in 1924 auf 252 738,39 Reichsmark Ende 1925. Die Spareinlagen haben sich 1925 um rund 300 000 Reichsmark vermehrt. Hieraus ist entnehmen, daß sich das Ver- trauen zum Sparen steigert. Es wird auch hierbei auf die Heimsparkasse hingewiesen. Die Heimsparkasie kann jederzeit der Genossenschaft zur Entleerung und Eintragung überbracht werden. Die Nachfrage nach Krediten war im abgelaufenen Jahre noch stark. Die Zahl der Mitglieder betrug Ende 1925: 407, die Haftsumme für jedes Mitglied 300 Mark. Jedenfalls ist in diesem Jahre ein Zuwachs von neuen Mitgliedern zu erwarten. — Infolge mangelhafter Bekanntmachung war der gestrige D i e h m a r k t im Marktoerzeichnis nicht vorgesehen — nur schwach befahren. Im ganzen waren nur 210 Schweine, davon 65 von Händlern, aufgetrieben. Es wurden bezahlt für 6 Wochen alte Ferkel 30—36 Mk., 7 Wochen alte 45—50 Mk., 8 Wochen alte 48—55 Mk., 9 Wochen alte 52—58 Mark 10—12 Wochen alte 60—65 Mk. Schweine von einem 90-Pfundgewicht 120 Mk. per Stück. Um 9.30 Uhr war fast ausverkauft; die Nachfrage war bedeutend, der Handel ging äußerst lebhaft.
Kreis Friedberg.
sf„ Friedberg, 21. Mai. Im Ratskeller fand eine sehr stark besuchte öffentliche Versammlung statt, in welcher Regierungsrat Dr. R i n d- fuy einen Vortrag über das Thema „Reue Wege zur Finanzierung des Wohnungsbaues" hielt. Die Versammlung wurde durch den Direktor der Bezirkssparkasse Ma» thildenstift, Amtsgerichtsrat T h u r n, eröffnet und geleitet. Der Referent, der in der Frage des Wohnungsbaues schon eine sehr lebhafte Tätigkeit entwickelt hat und auf diesem Gebiete wohl
als eine Autorität anzusehen ist, entwickelte in längerem, lichtvollen Vorträge den Weg zur Erlangung eines eigenen Heims durch Anlegung eines Sparkontos. Die Einlagen des Sparers werden von den öffentlichen mündelficheren Sparkassen entgegengenommen un) zu 4 Prozent verzinst. Ze nach der Höhe der zu gewährenden Darlehnssumme müssen die Mindesteinlagen bemessen werden; so z. B. bei 5000 Mari eine jährliche Einlage von 100 Mark, bei dem Höchst» betrage von 20 000 Marr 400 Mark. Nach Gewährung eines Darlezns muß dasselbe verzinst und getilgt werden. Der Zins- und Tilgungs- betrag beträgt bei 5300 Mark jährlich 300 Mark, bei 20 000 Mark jährlich 1200 Mark. Baudarfeh en werden nach Maßgabe der vorhandenen Mittel zu 5 Prozent gewährt, über die Gewährung entscheidet ein aus sechs Personen bestehendes Schiedsgericht. Ze größer die Beteiligung. um so leichter wird eS fein, die Bau- lustigen zu befriedigen. Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall entgegengenommen, da die in denselben ausgesprochenen Wege jedenfalls auf einer sehr gefunden und bernünftjgcn Grundlage beruhen und auch dazu beitragen werden, den Sparsinn zu wecken und« zu fördern. Selbstverständlich kann dadurch die Wohnungsnot nicht mit einem Schlage beseitigt, werden, doch ist c5 sicher ein Weg zur Befscrurng und besonders für jüngere Leute geeignet, ii absehbarer Zeit zu einem eigenen Heim zu FcAnmen. Aber auch für ältere Leute, z. B. für Beamte, die in einem bestimmten Alter doch ihoer Versetzung in den Ruhestand entgegensetzen »und dann oft die Wohnung aufgeben müssen, bietet dieser Weg manche Möglichkeiten. Jedenfalls verdienen die ausgesprochenen Gedanken die vollste Beachtung aller derer, die sich mit diesem fo überaus wichtigen Problem befassen. Eine lebhafte Aussprache und verschiedene Anfragen bewiesen das allgemeine Interesse der Anwesend;?. — Eine der bedeutendsten und bekanntesten hiesigen Industrieanlagen, die Lackiabrik Fr. Roßbach, kann am 22. l. M. auf ein 7 5 jähriges Bestehen zurückblicken. Der Begründer, der 'm jungen Jahren auf seinen Wanderfahrten nach Mußlanb kam, lernte bei dieser Gelegenheit den sog. Petersburger Möbellack kennen und wußte durch HH-stellung und Verbesserung desselben bald sein Geschäft in weiteren Kreisen bekannt zu machen. Aus kleinsten Anfängen in einem gemieteten Raume auf der Kaiserstraße entwickelte sich im Laufe der Jahre tyhs Geschäft zu seiner jetzigen Bedeutung. bald muffle zum Ankauf des großen Fabrikgrundstückes geschritten werden. Auch der jetzige Besitzer, ein Sohn /des Gründers, hat es verstanden, das Geschäft ftete weiter zu entwickeln, so daß die Firma hetite zu'den ältesten und angesehensten der Branche zählt.
. B a ö = Ql a u ft c i nt. 20. Mai. Welch guten Ansehens sich, die Bad-Nauheimer Fortbildung sfturse für Aerzte, die seit Zähren in der Woche vor Pfingsten hier veranstaltet werden, erfreuen können, geht aus dem Besuch der vierten derartigen Veranstaltung hervor, die wieder zahlreiche Aerzte des Zn- und Auslandes hiev zusammengeführt hat. Der Lehrgang wurde hertzte früh im Theatersaal des Kurhauses mit einer. Begrüßung eröffnet. 3m Namen der hiesigen Aerztevereinigung hieß Dr. Frick toiU» kommen, während Pros. Dr. Weber die Gäste im_ Auftrage der Bad- und Kurverwaltung begrüßte. In den wissenschaftlichen Sitzungen, die sofort begannen, steht diesmal das Leitthema ..Hhpechtenfton" zur Behandlung. Zn drei bedeutungsvollen Referaten von Prof. Doll- hard (Halle), Dr. Koch (Halle) und Prof. We,ih (Tübingen) wurden heute bereits Einzel» S" -*te der Hypertensiv? behandelt. Morgen Hen sich weitere Vorträge an. Heute abend zu Ehren der Teilnehmer an dem Lehrgang im großen Hause ein Festkonzert statt, das dadurch von besonderer Bedeutung war. daß Windersteins Nachfolger, Generalmusikdirektor Prof. Zoss Eibenschüh, als neuer Chef unseres staatlichen Kurorchesters, zum erstenmal am Dirigentenpult erschien. Der neue Dirigent, ein geborener Frankfurter, der eine ruhmvolle Künstlerlaufbahn hinter sich hat und aus Norwegens Hauptstadt zu uns gekommen ist, gab mit der gewählten Vortragsfolge, durch die zwei der größten deutschen Meister zu Gehör kamen, 8um Ausdruck, daß ihm daran liegt, den bewährten Ruf Bad-Nauheims als Musikstadt weiter zu behaupten. Den Auftakt zur Dortrags- folge bildete Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 3, dann folgte Wagners Vorspiel und Liebestod aus „Trrstan und Zsolde", den krönenden Abschluß gab dre Sinfonie Nr. 3 ks°Dur (Eroica), neben der 9. Sinfonie wohl das bedeutendste und zugleich am schwersten dem Hörer zu erschließende Wert Beethovens. Das Haus, das nach längerer Zeit wieder einmal der Schauplatz einer Orchesterveranstaltung großen Stils war, war voll besetzt. Das Publikum, das aufmerksam den ge» wattigen Tonschopfungen lauschte, brachte dem neuen Generalmusikdirettor begeisterte Huldigungen dar. Das Kurorchester hat mit 52 Mann jetzt volle Besetzung. — Die Turnierabteilung des Reichssportkartells Berlin veranstaltet hier am 5. und 6. 3 uni ein großes Reit-, Spring- und Fahrturnier. Man darf damit rechnen, daß 150 Pferde starten Werdern Als Gelände für die Veranstaltung wird vom Staat die „Rote Heil", nahe dem Teich, zur Verfügung gestellt. Die Veranstaltung, die erstmalig hier stattfindet, war seither jährlich in Bad Kissingen.
rl Rockenberg, 20. Mai. Zu einer un- gemein inhaltsreichen Tagung gestattete sich der Besuch, den gestern die evangelischen Geistlichen des Dekanates Hungen unter Leitung von Dekan E n g e l - Obbornhofen dem Landeszuchthaus Marienschloß abstatteten. Aach einer von Pfarrer G r a f - Gcnnbach gehaltenen Morgenandacht hielt der Leiter der Anstalt, Direktor Hainer, einen Vortrag über den heutiaen Strafvollzug und seine pädagogischen unb juristischen Grundlagen. Auch gab er einen kurzen Lieberblick über die Geschichte des hessischen Zuchthauses und seiner baulichen Anlage. Darauf wurde die Anstatt eingehend besichtigt. Am Nachmittag sprach zuerst der An» stattslehrer Reallehrer D e g g a u über den Schulbetrieb der Anstalt und dann der Anstattspfarrer Dörmer über die seelsorgerlichen Aufgaben im Zuchthaus. Auf die Vorträge folgte eine kurze Aussprache. Zuletzt wurde noch das Gotteshaus der Anstalt Midjligt. die sehenswerte alte Klosterkirche des ehemaligen Nonnenklosters Marienschloß, in der die Gottesdienste für beide Bekenntnisse allsonntäglich gehalten werden Di« Besucher schiÄ>en mit einem tiefen
Eindruck von den großen Ausgaben, die die Anstalt zu erfüllen hat.
B. R o d h e i m v. d. Höhe, 2u. Mai. Zu einer Frühlingsfeier hatten der hiesige evangelische Frauen verein und die Mädchen- Vereinigung für geftem abend eingeladen. Aus dem Tätigkeit -bericht über das verflossene Jahr, den der Ortsgeistliche als Vorsitzender erstattete, ging hervor, daß das Interesse an der Vereinsarbeit sich in erfreulichem Aufstieg befindet. Erwähnt wurde auch die Wohlfahrtspflege, die der Frauenverein in Rodheim betreibt, indem er Bedürftige mit Geld und Naturalien unterstützt. Namens der Gaste dankte Bürgermeister Vorbach den beiden Vereinen und sprach in anerkennenden Worten die Hoffnung aus, daß es der Tatkraft tind den, Eifer der Mitglieder gelingen möge, mit ihren Bestrebungen zum Wohle der Gemeinde zu wirken.
Sireio Schotten.
=.— Gedern, 21. Mai. Auf Veranlassung des Kreisschulamte-, Schotten hielt für die männ- 1 lichen Fortbildungsschüler Medizinalrat Dr. B e ft (Schotten) einen aufklärenden Vortrag über „S e x u a 1 h y g i e n e", der von zahlreichen Lichtbildern unterstützt wurde. 'An Hand umfangreichen statistischen Materials gab der Vortragende den Schülern einen llcberblirf über die ungeheure Verdrehung der Geschlechtskrankheiten und ihre verderbliche Wirkung auf den Organismus des einzelnen und die Gesamtheit des Volkes. Der Redner forderte am Schluffe feines Vortrages feine jugendlichen Hörer auf, sich mehr der Ausübung eines gesunden Sportes (Wandern. Turnen u. dgl.) zuzuwenden zur Stählung des Körpers für die harte Schule des Lebens.
Id. Breungeshain, 21. Mai. Zn den auf dem Höhcnzug zwischen Eichel und Hillers» bach liegenden Wäldern besitzt der Stahlwarenfabrikant Engels aus Solingen ein prächtiges, ziemlich ausgedehntes Jagdgebiet, das einen vorzüglichen Rehbestand aufweist. Neuerdings stellte der Zagdaufseher Mohr von hier Wilddiebe in seinem Dienstbezirke fest. Am Hellen Tage traf er auf einen solchen, der auf Anruf, da er nicht schußbereit war, sofort in eine Fichiendickung zurückfprang und flüchtete. Wohl führte die Verfolgung nicht zur Festnahme des Wildschützen, doch konnte der Zagdaufseher das Mittelstück eines zerlegten Jagdgewehrs erbeuten, das dem Flüchtenden entfallen war.
* Wingershausen, 21. Mai. Der 22. Mai, der Hageltag, der drei Eicheltäier Gemeinden Eschenrod, Wingershausen und C i ch e l s a eh s e n, der zum Gedächtnis eines im Zahre 1673 gefallenen Hagelschlags gefeiert wird, ist auch der Gedenktag der großen „W a s s e r f l u t" vom 3. Zuni 1826, bei der aus den drei Dörfern 27 Menschen und zahlreiches Vieh ums Leben kamen, über 60 Gebäude teilweise oder gänzlich vernichtet und die vorzüglichen Wiesen des Sicheltales auf Zahre hinaus mit Steingeröll verschüttet wurden. Die diesjährige Feier gewinnt insofern eine besondere Bedeutung, als 100 Zahre seit dem Unglücks- tag verflossen sind und die Gedächtnisfeier, tote der damalige Wolkenbruch, auf den Pfingst» samstag fällt.
ld. Burkhards, 21. Mai. Nachdem alle Pflastersteinbrüche des oberen Niddatclles, mit Ausnahme des Basaltwerks Eichelsdorf, stillgelegt worden sind, wurde hier ein Steinbruch in B e - trieb genommen, der vorzügliche Pflastersteine liefert. Allerdings wirkt die weite Entfernung von der nächsten Bahnstation (Gedern eine Stunde- erschwerend auf den Geschäftsgang ein.
Id. Aus dem vorderen Vogelsberg, 21. Mai. Der vom Frost vernichtete Fruchtansatz der Ob st bäume fällt eben in solchen Mengen zuBoden, baft er an vielen Stellen korbweise zu- fammengefegt werden könnte. Der so oft um Ernte- Hoffnungen betrogene Vogelsberger Bauer sieht wiederum eine für ihn fo wichtige Obsternte dahinsinken.
Kreis Lauterbach.
jy Lauterbach, 21. Mai. Zu Beginn der jüngsten S t a d t v o r st a n d s s i tz u n g gab der Bürgermeister davon Kenntnis, baft bie Auto- linie Stockhausen — Lauterbach am 17. b. M. eingestellt werben mußte, ba sie nicht rentierte. — Die Heimstättenbaugesell- schäft hat bei ber Lanbesversicherungsanstalt Hessen ein Darlehen für Bauzwecke auf» genommen, wofür ber Kreis bie Bürgschaft übernommen hat. Die im oorliegenben Falle burch ben Kreis geforberte Rückbürgschaft würbe von ber Stabt übernommen. — Oefonomierat Glaser hat bie Anlage eines Vorgartens vor der L a n dro i r t s ch a f 11 i ch e n Schule beantragt. Nach vorausgegangener Besichtigung des in Frage kommenden Platzes durch die Baukommission wurde bas Gesuch ber hohen Kosten halber unb evtl, ein» tretenben Störungen bes Verkehrs abgelehnt. — Das Lanbesfinanzamt beabsichtigt, wegen Raummangel bie Dienstwohnung bes Amtsoorftehers bes hiesigen Finanzamtes in Bureauräume umzuwandeln unb bem Amtsvorsteher eine Dienstwohnung zu errichten. Das Lanbesfinanzamt ist deswegen an bie Stabt herangetreten mit bem Ersuchen, zu bem beabsichtigten Bau ben Bauplatz unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Es würbe beschlossen, bas gesamte Mauersteinmaterial, unb zwar bie Bruchsteine bis zur Sockelhöhe kostenlos ab Bruch abzugeben unb bem Reich als Bauplatz ben früheren Blumschen Garten an ber Angersbacher Straße, ober einen geeigneten Platz im Lückenteil zu angemessenem bzw. billigerem Preis anzubieten. — Für bie beabsichtigte Errichtung einer Krüppelklintk in Gießen, sowie für ben weiteren Ausbau ber Lupusheil» ftätte würbe je ein Betrag bewilligt. — Der hessische B e r k e h r s v e r b a n b beabsichtigt, ein sog. „Werk Hessen" herauszugeben. In bie» fern Werk sollen bie hessischen Gebirge, bie Bäber, Kurorte, Stäbte, bie Burgen, Schlösser, Dome, Kirchen, der Rhein, sowie die Geschichte Hessens, die Wirtschaft, ber Weinbau sowie weiter auch Kunst unb Kunstgewerbe in Hessen behanbelt werben. Damit auch bie Stabt Lauterbach in biesem Werk nicht fehlt, wurde beschlossen, die hiesige Geschäftswelt hierfür zu interessieren. — Die im V o r a n s ch l a g 1 9 26 vorgesehene und beschlossene Gewerbesteuer soll nach folgenden Ausschlagsätzen erhoben werden: 1. von je 100 Mk. Steuerwert Anlage unb Betriebskapital 40 Psi, 2. von je 1 Mk. staatlichem Ertragssteuersoll 50 Pf. Die Erhebung blefer Safte ist erforberlld), um ben im Voranschlag vorgesehenen Betrag hereinzubringen. Der Betrag entspricht etwa ben Sätzen bes Vorjahres. —- Nach bem Voranschlag bes Bürgermeisters sollen zwei 'gfeuerglarmftVenen beschafft und etzitz ayj


