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Nr. 15 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Dienstag, 19. Januar 1926

Sietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

vnlck und Verlag: Brühl'sche Univerfttäts-Vnch- und Lteindruckerei R. Lange in Siegen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Hans Iüstel, sämtlich in Gießen.

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Die Regierungsbildung.

Zuspitzung der Krisis. Die Bayerische Dolkspartei gegen Koch.

Der heffifche Staatsvoranfchmg 1926.

Von unserer Darmstädter Redaktion.

Die jetzt vorliegende Denkschrift zum Ent- wurf^des Staatsvoranschlags' 1926 widmet zu­nächst dem Ergebnis des Rechnungsjahres 1924 eingehende Betrachtungen und erklärt dann u. a. zu dem Rechnungsergebnis von 1925, daß sich zur Zeit noch nicht überblicken lasse, wie sich dieses tatsächlich gestalten werde.Es hat den Anschein, daß der vorgesehene Fehlbetrag der Zahreswirtschaft von 8,5 Mill. Mk. nicht voll erreicht, daß er sich aber immerhin auf etwa 7,5 Mill. Mk. stellen wird. Als Deckung hierfür würden zur Verfügung stehen die Bestände des Restestöcks aus dem Abschluß 1923 mit 3,7 Mill. Mark, desgl. aus dem Abschluß 1924 mit 6,8 Mill. Mk., zusammen 10,5 Mill. Mk.. so daß noch ein Betrag von rund 3 Mill.Mk. verfügbar bliebe. Dieser soll zum teilweisen Ausgleich des Fehlbetrages 1926 Verwendung finden.

Von dem Staatsvorschlag 1926 wird hier­auf u. a. gesagt:Die wirtschaftlichen Verhält­nisse, unter denen nunmehr der Staatsvoran­schlag 1926 aufzustellen ist, sind nichts weni­ger als befriedigend zu bezeichnen. Zwar konnte die Form des Staatshaushaltes stärker konzentriert und int ganzen wieder der Vor­kriegszeit angepaßt werden, wie auch die Ent­wickelung der Preise, sowie die nunmehr schon wieder längeren Erfahrungen unter der Herr­schaft der stabilisierten Währung zu einer an­nähernd genauen Veranschlagung des Bedarfs und - unter Berücksichtigung veränderter Ver­hältnisse -- zu einem möglichsten Angleich an die Vorkriegszeit führten. Die Hoffnungen des Vorjahres auf eine Besserung der Wirtschafts­lage haben sich nicht erfüllt. Die derzeitige Ä o t - läge der Landwirtschaft ist bekannt. Preise und namentlich Absatzmöglichkeiten sind unbefriedigend. In vielen Gegenden haben die Wetterschäden zu besonderer Rotlage geführt. Ebenso stehen Handel, Gewerbe und In- d u st r i e unter dem Druck und der Lähmung, die insbesondere der Mangel an Betrieb s- ka Vital zwangsläufig bringen muß, nament­lich, nachdem eine weitgehende Verwendung der Inflations- und PaHiermarrgewinne vielfach zu einer derartigen Erweiterung der Betriebe ge­führt hat, daß der Umfang des Anlagekapitals in Form der Gebäude und Einrichtungen nicht mehr int richtigen Verhältnis zu den verfügbar zu machenden Betriebsmitteln steht. Absatz und Umsatz stockt. Betriebseinschränkungen und -Still­legungen hausen sich mit den Wirtschafts- und sozialpolitisch gleichbedauerlichen Folgen der Ar­beitslosigkeit. Daß Hessen von diesen Wirt- schaftsnöten besonders hart getroffen wird, ist bei seiner Lage teilweise inmitten großer Wirtschaftszentren, teils ihnen benachbart, nicht zu verwundern, zumal auf etwa der Hälfte des Gebiets der Druck dec Besatzung liegt. Große Teile der Bevölkerung leiden Rot. Die Kosten der Lebenshaltung mit einem Index von 1,41 gegenüber dem Friedensstand und von 1,2 bis 1,3 vor einem Jahr vergrößern das Mißverhältnis zum Stand der Einnahmen, während die Staats- finanzen den an sich verständlichen Wünschen auf eine Besserstellung der im Staatsdienst Be­schäftigten nicht oder nur in ungenügender Weise Nachkommen können. Dagegen bleiben die Folgen für den Staatshaushalt nicht aus in Gestalt fi­nanziell erhöhter sozialer Verpflich­tungen Unterstützungen und Beihilfen auf den verschiedensten Gebieten.

Dazu führen die steuerlichen Erleich­terungen (z. B. Herabsetzungen der Ein­kommensteuersätze, Erhöhung der steuerfreien Ein- lommensbeträge, Ermäßigung der Umsatzsteuer ufto.), sowie die Minderung der Steuer­eingänge im übrigen als Folge der Wirt­schaftslage zu bedeutenden finanziellen Aus­fällen bei den öffentlichen Kassen. Alles in allem steht fonach die Aufstellung eines Voranschlags für 1926 unter einem wirtschaftlichen Druck, der^ umso bedeutsamer und bedenklicher ist, als eine Besserung der Staatsfinanzen für die nächste Zeit sich noch in keiner Weise absehen läßt. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunder­lich, wenn auch der Abschluß des vorliegenden Voranschlagsentwurfs gegen das Vorjahr weiter­hin eine Verschlechterung aufweist, trotz der schärfsten Einschränktmgen, die sich die Regie­rung auf allen Gebieten an dem persönlichen uni) sachlichen Aufwand, oft über das Maß des für eine geordnete Derwaftung überhaupt nod) Erträglichen hinaus auf erlegt hat.

Die Abschlußziffern des Staatsooranschlags 1926 stellen sich im Verwaltungsteil int Vergleich mit dem Vorjahre wie folgt (alles in Reichs­mark): Gesamtausgaben 1926: 128 610 367, 1925: 112149 439, also mehr 16 460 928 Mk. Laufende Einnahmen 1926: 119 462 465. 1925: 103 631 349, also mehr 15 831 116 Mk. Darnach ein Fehl­betrag 1926: 9147 902, 1925: 8 518 090, somit mehr 629 812 Mk.

Die Denkschrift bietet dann folgende Ueber- sicht, die die Verteilung der Gesamtausgabe auf die 10 Hauptabteilungen des Staatsvoranschlags und gleichgeitig die Steigerung der Ziffern (in Millionen Mark) gegen das Vorjahr erkennen läßt:

I. Staatsgüter 1925 13,6; 1926 16,3 (mehr 2,7).

11. Allgemeine Fmanzverwaltung 1925 22,9; 1926 30,9 (mehr 8,0).

HL Landtag 1925 0,2; 1926 0,2.

IV< Staatspräsident 1925 0,7; 1926 0,8 (mehr 0,1).

Berlin. 18. Ian. (TU.) Die Reichstagsfrak­tion der Bayerischen Volkspartei faßte in ihrer heutigen Nachmittagsfitzung folgenden Be­schluß, der sofort dem Reichskanzler Dr. Luther und den Reichstagsfraktionen des Zentrums, der Demokraten und der Deutschen Volkspartei mit» geteilt wurde:

1. Die Reichskagsscaktion der Bayerischen volksparlci erklärt eine Lösung der Kabinettsbildung mit Herrn Koch als Innenmini ft er für un­tragbar und würde beim Festhalten an dieser Lösung an einer Koalition auf dieser Grundlage nicht teilnehmen.

2. Angesichts dec großen politischen Schwierig­keiten für den Fall einer parleipolitisch-par- tamentarischen Besetzung des Innenmini­steriums erachtet die Fraktion die B e - sehung mit einem Fachmann als richtige Lösung.

3. Ie nach der Erledigung dieser beiden Punkte wird die Stellungnahme zu den weiteren Verhandlungen sich gestalten.

Gegen 6 Tlhr empfing der Reichskanzler die Parteiführer. Gleich zu Beginn der Sitzung ver­las der Abg. Leicht die Crllärung der Bay­rischen Volkspartei und s rhrte in der Begrün­dung aus, daß der Abg. Koch ein zu prominen­ter Demokrat und außerdem zu unitarisch gesinnt sei, sodaß die Bayerische Vollspartei gegen ihn als Reichsinnenminister Einspruch er­heben müsse. Die Verhandlungen wurden nach mehr als zweistündiger Dauer abgebrochen, ohne daß eine Einigung über die schwebenden Fragen der Zusammensetzung des Kabinetts er­zielt worden wäre.

Rach der Besprechung beim Reichskanzler Dr. Luther traten die Zentrumsfraktion und die demokratische Fraktion des Reichstags zusammen. Die Zentrumsfraktion hielt eine kurze Sitzung ab und nahm den Bericht über die Ver­handlungen bei Dr. Luther entgegen. Die demo­kratische Reichstagsfraktion versam­melte sich uni 7 älhr und tagte bis gegen 10 Ahr. Es handelte sich vornehmlich um die Frage, ob

V. Ministerium des Innern 1925 19,1; 1926 20,5 (mehr 1,4).

VI. Landesamt für das Dildungswesen 1925 32,7; 1926 36,6 (mehr 3,9).

VH. Ministerium für Arbeit und Wirtschaft 1925 9,1; 1926 8,1 (weniger 1,0).

VIII. Ministerium der Justiz 1925 9,5; 1926 10,4 (mehr 0.9).

IX. Ministerium der Finanzen 1925 4,1; 1926 4,4 (mehr 0,3).

X. Ausleihungen und Staatsschuld 1925 0,3; 1926 0,4 (mehr 0,1).

Die Gesamtsumme ergibt für 1925 112,2, für 1926 128.6 (mehr 16,4).

An den Erhöhungen sind hauptsächlich be­teiligt: Forst- und Kameralgüter 1,7; Braun­kohlenbergwerte Ludwigshosfnung, Wölfersheim ufto. 0,4; Bad-Rauheim 0,4; Landesstru t i 12,4; Ruhegehalte usw. 4,1; Polizei 0,5; Vollschulen 2,1; Gymnasien, Realgymnasien 0,5; Landesuni­versität und Hochschule 0,5; Bodenvrrbesserung und Wasserversorgung 0.2; Gericht» 0,5; Landes­vermessungswesen 0,2 Millionen Mark.

Der Iungdeutsche Orden.

Von der Rachrichtenstelle des Iungdeutschen Ordens wird folgendes mitgrteilt: In den letzten Tagen ging durch die gesamte '-etitsche Zeitungs- Welt die aufsehenerregende Meldung, daß die Staatsanwaltichast zu Kassel ein Hochver­ratsverfahren gegen den Hochmeister des Iungdeutschen Ordens Artur M a h r a u n ein­geleitet habe. Diese Rachricht ist richtig. Aber wie ist es zu diesem Hochverrats verfahren ge­kommen, und was liegt ihm zugxunde? Aus der Ballei RiÄ>erhessen des Iungdeutschen Ordens mußten einige Herren, die in der Leitung der genannten Ballet tätig waren, durch Eingreifen des Hochmeisters ausscheiden. Die Gründe stehen hier nicht zur Erörterung. Diese Herren haben es nun fertiggebracht, daß die Staats­anwaltschaft zu Kassel glaubte, das Hochverrats- verfcchren gegen den Hochmeister des Jungdeut­schen Ordens einleiten zu müssen. Die Grundlage des Verfahrens mußte die f»genannteW est - Politik" Mahrauns abgeben, lieber diese West­politik des Hochmeisters hat derIungdeutsche", die amtliche Zeitung des Iungdeutschen Ordens, in aller Öffentlichkeit berichtet. Irgendwelche Geheinmisse gibt es hier also in keiner Hinsicht. Die Westpolitik Mahrauns erwägt die Frage, ob es nicht möglich und für Deutschland günstig sei, wenn es gelänge, zwischen Deutschland und Frankreich andere und zwar freundliche Bezie­hungen zu schaffen. Unerläßlich; und für den Hochmeister ganz selbstverständliche Bedingungen und Voraussetzungen sür Mahraun waren dabei unter anderem die sofortige Räumung der besetzten Gebiete, die Einstellung aller Repa­rationszahlungen und die Wiederherstellung der Grenzen, wie sie Deutschland in 1914 hatte. War aber der Hochmeister berechtigt, innerlich berechtigt, eine solche Politik zu betreiben? Diese Frage beantwortet eine Erklärung in Rr. 14 desIungdeutschen" vom 17. Januar 1926. Darin heißt es wörtlich: ..Es sind in Wirklchkett ein­flußreiche französische Staatsmänner an den Iungdeutschen Orden heran- getreten, um eine für beide Völler nützliche

die Fraktion daran festhalten soll, daß dem Abg. Koch das Innenministerium übergeben wird. Die Verhandlungen wurden dann abge­brochen und auf 11 äkhr nachts vertagt, da die Fraktion, unbedingt noch heute zu einem Beschluß kommen wollte. In der Zwischenzeit fanden Verhandlungen nach verschiedenen Rich­tungen hin statt, u. a. begaben sich die Abg. Koch, Erkelenz und Haas zum Reichs- Wehrminister Geßler. der seinerseits mit dem Reichskanzler Fühlung nahm. Die demokratische Reichstagsfraftion nahm dann um IP/s äkhr nachts ihre Sitzung wieder auf und faßte nach kurzer Beratung folgenden Beschluß:

Die Fraktion der Deutschen Demokratischen Partei ist nicht gewillt, infolge des Einspruchs der Bayerischen Volkspartei auf ihre Wünsche für die Besetzung des Innenministeriums zu ver­zichten. Sie ist nicht in der Lage, ihre Ueber- zeugung. daß durch sie die Führung der Innen­politik im Geiste der Verfassung gesichert wird, vor einem unbegründeten parkikularistischen Mißtrauen preiszugeben."

Dieser Beschluß wird am Dienstagvormittag um 10 Uhr dem Reichskanzler und den anderen Par­teiführern mitgeteilt werden. Wie das Nachrichten­bureau Deutscher Zeitungsverleger hört, hat Reichs­wehrminister Geßler erklärt, daß er sein Amt nur annimmt, wenn die Demokraten in der Koali­tion vertreten sind. In demokratischen Kreisen nimmt man an, daß die Bemühungen Dr. Luthers um die Bildung eines neutralen Kabinetts der Mitte als gescheitert anzusehen sind. Wie derLokalanzeiger" schreibt, scheint aber Dr. Lu­ther nicht die Absicht zu haben, sein Mandat in die Hände des Reichspräsidenten zurückzugeben. Er wolle dann vielmehr mit einem frei gebil­deten Kabinett andere Blätter sprechen von einem Beamtenkabinett vor den Reichstag treten. DerVorwärts" erklärt, eine Beamtenregierung werde sich nur halten können, wenn sie wenigstens das Zentrum für s i ch gewinne. Scheitere sie, so bleibe als einziger ver­fassungsmäßiger Weg die Auflösung d»s Reichstags.

Wandlung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich zu erörtern. In dem Augenblick, in dem diese Erörterungen einen zweifellos ern­sten Charakter annahmen und über das Maß einer persönlichen Unterhaltung hinausgingen, hcchen die Unterzeichneten (dies sind der Hoch­meister des Ordens und der Ordenskanzler) es für ihre Pflicht gehalten, in persönlicher Rück­sprache den Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg zu unterrichten. Dies ist bereits vor längerer Zeit erfolgt." Don der Kanzlei des Reichspräsidenten wird hierzu mitgeteilt: Die Mitteilungen über einen Empfang des Hoch­meisters des Iungdeutschen Ordens, Mahraun, beim Herrn Reichspräsidenten entsprechen nicht den Tatsachen. Mahraun ist am 4. Januar vorn Herrn Reichspräsidenten in Gegen­wart eines Beamten empfangen worden und hat dem Reichspräsidenten berichtet, daß er auf Anregun g von französischer Seite Besprechungen gehabt hätte, die eine Bes­serung der deutsch-französischen Be­ziehungen zum Ziele hätten. Der Herr Reichs­präsident hat Herrn Mahraun kurz angehört und ihn bezüglich dieser Verhandlungen an die zu­ständig e n Stellen, nämlich den Reichs­kanzler und den Reichsauhenminister, verwiesen. Don einer Z u st int m u n g ober eines Einver­ständnisses des Herrn Reichspräsidenten mit den entwickelten Gedanken ist feine Rede. Die Unterhaltung ist protokollarisch festgelegt worden.

Das Bistum Danzig.

Danzig. 18. Jan. (WTB.) Der bis­herige Administrator des Freistaates Danzig. Graf O'Rourke, ist vom Papst zum Bischof der neugegründeten Diözese Danzig ernannt wor­den. Senatspräsident Dr. Sa hm hat den neuen Bischof in feierlicher Audienz zur Entgegennahme der päpstlichen Dulle empfangen. In der Bulle heißt es u. a.:Zum bischöflichen Sitz der Danziger Diözese, die nur dem Apo­stolischen Stuhl unmittelbar unter­worfen ist, haben wir die Stadt Danzig bestimmt mit allen Rechten und Privilegien, deren sich nach dem Allgenreinen Recht auch alle anderen Bischofsstädte erfreuen. Die Pfarr­kirche in OlivaZ u r Heiligen Drei­faltigkeit" in der genannten Gemeinde er­heben wir zu Rang und Würde einer Kat he- dralkirche unter Beibehaltung ihres Ramens und Charatters als Pfarrlirche. Zur Ausführung unserer Anordnungen bestimmen wir unferen ehr­würdigen Bruder Eduar O'R Dürfe,

Jur Fürstenabfindung.

Berlin. 18. Jan. <WTV.) Heute über­reichten Vertreter der deutschen Liga für Menschenrechte der Kommunistischen Partei Deutschlands und anderer Verbände dem Innenministerium den Zulassungsantrag auf Einleitung des Volksbegehrens für völlige Enteignung der Fürsten und legten einen ent­sprechenden Gesetzentwurf vor. Gleichzeitig über­gaben sie dem Ministerium die beglaubigten Unterschriften von über 9000 Wahlberechtigten aus dem Berliner Stadtteil Reutölln. Weitere Listen mit über 20 000 älnterschriften liegen zur Bestätigung dem Wahlamt in Reukölln noch vor.

Die Entrechtung Deutsch-Tirols.

Bozen. 19. Ian. (TU.) In einer Verordnung der italienischen Regierung wird bestimmt, daß die Verwaltungsbehörden das Recht haben, die Op­tionen der deutschen Bewohner Süd­tirols aufzu heben, wenn sich herausstellt, daß der Optant sich wegen seiner politischen Haltung der italienischen Staatsangehörig­keit unwürdig zeige. In Zukunst können daher auf Grund einer einfachen behördlichen Einordnung alle politisch verdächtigen Südtiroler nach Aberken­nung der italienischen Staatsangehörigkeit aus« gewiesen werden. Die deutsche Presse in Bord- tirol sowie die gesamten österreichischen Blätter er­heben schärfsten Einspruch gegen diese neue Vergewaltigung des Deutschtums, das durch die Be­stimmung völlig entrechtet wird. Sie weisen darauf hin, daß hierdurch alle Deutschen für vogelfrei erklärt werden. Das Presseamt der faszistischen Partei Italiens teilt mit. daß jen­seits der italienischen Grenze in allen Orlen Faszlftenvereine gegründet werden, die die Ausgabe haben, die Italienifierung die­ser Gebiete zu fördern.

Lin Dekret, welches am Freitag im Amtsblatt erschien, aber bisher von keinem Blatt abgedruckt worden ist, ordnet an, daß in der Provinz Trient sämtliche Familiennamen, die lateinischen oder italienischen Ursprungs sind, aber in andere Sprachen überseht wurden, nunmehr d i c italienische Form annehmen müssen. Familiennamen mit fremdsprachlicher Endung oder Orthographie müssen gereinigt werden. Fa- miltcnnamen, die aus alten Ortsvezeichnungen ab­geleitet sind, sowie Adelspradikate. müssen ita- l i e n i s i e r t werden. Rein sremdsprachige Kamen können auf Antrag italienisiert werden. Dieses De­kret kann auch huf andere Provinzen ausgedehnt werden. Für Zuwiderhandlungen find Geldstrafen von 500 bis 5000 Lire angedroht.

Der Protest gegen die Nhsinlan dbes etzun g.

Die Reichsregierung hat ihre Botschafter in den alliierten Staaten beauftragt, gegen die vor­gesehene Höhe der Zahl der Besät- zungstruppen, die von der Unterkommission der Botschafterkonferenz auf 75 000 Mann veran­schlagt worden ist, energischen Einspruch zu er­heben. Die Botschafter haben sich inzwischen dieses Auftrages entledigt, ein Echo finden ihre Vorstel­lungen bereits in der ausländischen Presse, die die Stichhaltigkeit des deutschen Protestes nicht an­erkennen will und auch so tut, als ob sie sich auf die Bindungen, die die alliierten Staatsmänner seinerzeit in London eingegangen sind, nicht besinnen kann. Bekanntlich hat Herr B r i a n d seierlichst er­klärt, die Besatzungstruppen auf die Stärke zurück­zuführen, die im Frieden d i e deutschen Garnisonen hatten. Gleichzeitig sieht ja auch der Versailler Friedensoertrag eine ähnliche Rege­lung vor, an die sich aber die Entente bisher nicht gehalten hat. Namentlich Frankreich hat es vorgezogen, den größten Teil seiner Truppen in das besetzte Gebiet zu verlegen. Der Geist von Lw carno wird, wenn die Gegenseite sich weiterhin so verhält, sehr bald wieder seine Koffer packen und Europa verlassen müssen.

Belgien und die Verringerung des Besatzungsheeres.

Brüssel, 19. Jan. (WTB.) Aach Presse­meldungen hat. Dandervelde auf die Dar­stellung des deutschen Gesandten wegen der Her­absetzung des Desahungsheeres in der zweiten und dritten Zone geantwortet, daß diese Frage Belgien nicht berühre, da die belgischen Besät- zungstruppen auf d i e klein st e Heeres- Einheit von einer Division Infanterie ver­ringert worden sei.

Bor neuen Verhandlungen in Paris.

Paris, 19. Ian. (WTB. Funkspruch.) Wie Journal" berichtet, hat Botschafter von H o e sch bereits vor drei Tagen mit dem Staats­sekretär im Auswärtigen Amt, Berthelot. über die Frage der Herabsetzung des Besatzungs- Heeres in der zweiten und dritten Zone ver­handelt. Der Kriegsminister und der Minister- Präsident 03 r i an b hätten dazu nach nicht Stel­lung nehmen können, da Briand zu sehr mit den Problemen der inneren Politik beschäftigt sei. Aach demPetit Parisien" ist es jedoch wahrscheinlich, daß Briand den deutschen Bot­schafter heute oder morgen in dieser Angelegen­heit empfangen werde. Rach demAvenir" geht in parlamentarischen Kreisen das Gerücht um, Briand werde in der nächsten Zeit eine Er­klärung über diese Angelegenheit in der Kammer abgcbCT.

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Gottesdienst zum Gedächtnis der Reichsgründung.

Berlin. 18. Ian. <WTB.) In Gegen­wart des Reichspräsidenten v. Hinden­burg von Mitgliedern der Deichs-, Staats­und Kommunalbehörden, Parlamentarwrn, des diplomatischen Korps, der Hochschulen usw. fand Montag abend i m D o m eine liturgische Andacht zum Gedächtnis der Reichsgründung statt. Ober- konsistorialrat Domprediger Richter hielt die Predigt. Der Reichspräsident wurde beim Verlassen des Domes von einer zahlreichen Menschenmenge durch Hochrufe herzlich be­grüßt. Bei seiner Abfahrt fang man entblößten Hauptes das Deutschlandiied.