Nr. 64 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 17. März 1926
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das und sich Geern- und
zu nennen braucht, um die Weite des Umkreises zu bemessen. Meister der deutschen Prosa, Künstler des reifen, gestaltenden, geistig gefüllten Wortes tragen gleichsam als anstrebend breite Pilaster die vielfach durchbrochene und gegliederte Fassade des Buches: Thomas Mann, Hermann Hesse, Walter von Molo, Waldemar Bon- sels, Stefan Zweig (der würdevolle, golden-traurige Worte zu sagen weist über die Mono- tonisierung der Welt). Die Werkleute auf Haus Nyland: Winckler und Kneip, die Rheinländer Brües, Lersch, Schmidtbann, die Brüder Schnack, der zarte Franziskusdichter Federer, der nervös- empfindsame Wiener Schaukal, der schwerblütige Norddeutsche Blunck... In der Lyrik werden Lissauer und der wertvolle, schwer zugängliche Haringer stark herausgehoben: die bildende Kunst ist mit einer gewissen trotzigen Hartnäckigkeit auf zwei Namen gestellt, Corinth und Barlach, (aber es ist nicht zu verkennen, daß hier ein Gleichmaß, eine innere Ebenbürtigkeit in Format, Temperament und Statik empfunden und in der Paarung behauptet wurde). Besonders reizvolle Einsprengsel bilden eine Handvoll Essays, die das literarische Profil deutscher Städte umreisten Schlaf: Weimar: Sarnchki: Köln: Paquet: Frankfurt: Korrodi: Zürich: Weigand: München: Schaukal: Wien: Eloesser: Berlin: Harich: Königsberg). Zuletzt eine Iahresschau über Literatur und Theater (Elster), Musik (Heß), bildende Kunst (Kuhn). — Die verlegerische Ausstattung des Werkes ist gediegen und festlich zugleich.
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— Claude Tillier: Mein Onkel Benjamin. Eingeleitet von Ludwig Pfau. In neuer Verdeutschung von Iosef Hofmiller. Mit einem Bilde des Dichters. (Langens Auswahlbände, Band 23). Preis in Leinen ge-
— August Wilhelm Grubes berühmte Geographische Charakterbilder hat der Leipziger Verlag Friedrich Brandstetter in einer neuen, vierbändigen Ausgabe herausgebracht. Die Auflageziffern (Bd. I, II, III in 22., Bd. IV in 17. Auflage) sprechen für die Beliebtheit dieser Zusammenstellung erlesener Beiträge namhafter Forscher und Beisenden mit ihren Schilderungen aller Länder des Erdballes, der Sitten und Gebräuche ihrer Bewohner, und der Wirtschaft in ihren wesentlichen Zweigen. Ausgezdichne'e Bilder sind eine wertvolle Ergänzung der Aufsätze. Besonders für unsere Volks- und Schulbibliotheken eignet sich das Werk in hohem Maße. 61
Mr den Büchertifch Schöne Literatur.
Zeitgemäß ist Proust für unser Iahrhundert, weil wir ja alle, sei es bewußt oder unbewußt, uns auf der Suche nach der verlorenen Zeit ertappen. Wir finden ihre Spuren in der Gegenwart und gehen auf ihren Spuren der Zukunft entgegen. Da uns jedoch die verlorene Zeit etwas Gegensätzliches zu dem ist, was die allgemeine Entwicklung fordert, weil ihre Spuren nur psychische, nicht aber physische Reaktionen auslösen, ist dieser Romanzyklus der realen Gegenwart gegenüber wieder unzeitgemäß. Die Vergangenheit bleibt immer etwas Irreales, „sie ist verborgen außerhalb des Bezirkes unseres Geistes und seiner Reichweite, verborgen in irgendeinem stofflichen Ding — und wir ahnen nicht, wo."
Doch Proust zeigt, daß darum die Vergangenheit nicht tot ist. An der Erinnerung belebt sich das Vergessene und an dem Gegenstand, der die Erinnerung weckt, steigert sich das Stoffliche zum Seelischen, aus dem konkreten Teil wird ein Stück Weltseele. Die Sinne, und namentlich Geruch und Geschmack sind für Proust Wahrnehmungsorgane, an denen die Vergangenheit in Erinnerungsbildern wieder auflebt: „Wenn von uralter Vergangenheit nichts mehr besteht, nach dem Tode des Lebendigen, nach der Auflösung des Dinglichen, dann bleiben einzig Duft und Geschmack noch für lange Zeit: und sie, die Schwächeren, aber Lebensfähigeren, Geistigeren. Zäheren, Treueren, sie bleiben, wie Seelenwesen, und rufen, erharren, erhoffen sie nicht auf den Trümmern der übrigen Welt, tragen sie nicht unbeugsam auf ihren fast unspürbaren Tröpfchen den ungeheuren Dau der Criirnerrmg?" Da aber Erinnern für Proust einem bestimmten Augenblick „nachtrauern" bedeutet, liegt ein Zug müder Resignation über seinen Erinnerungsbildern, und er ist für ein vitales Zeitalter wieder unzeitgemäß, wenn er die Vergangenheit mit der Vorstellung sucht, daß die Gegenwart ihm ein kostbares Gut geraubt hat, das er nicht in Wirklichkeit, sondern nur in seinen Visionen wiederfinden kann. Es ist mehrfach darauf hingewiesen worden, daß hier Prousts Psychologie sich mit deck Theorien Sigmund Freuds berührt.
Als Mensch hat Proust di:sen rückschauenden Standpunkt erst als Vierzigjähriger gewonnen, nachdem er ein Menschenleben an die Nichtigkeiten und aufreibenden Vergnügungen der aristo-
8ranzi§ka Gräfin zu Reventlow.
Eine der merkwürdigsten Gestalten, die sich still und „mit königlicher Selbstverständlichkeit" dem deutschen Schrifttum eingeführt haben, ist Franziska Gräfin zu Reventlow. Gin Philister allerdings, der ein Buch von ihr in die Hand bekäme, stünde diesem funkensprühenden, wahrhaft Weltdamenhasten Geiste, diesem Temperament hilflos und verständnislos gegenüber. Wer aber ein freier Geist und dazu noch ein wenig Feinschmecker ist, der griff, wenn er sie einmal kannte, gewiß nach jedem neuen Werke dieser Frau mit der frohen Begierde dessen, der sich bewußt ist, daß ihn ein seltener, ein kostbarer Genuß erwartet. — Die Herausgabe ihrer „Gesammelten Werke" durch den Münchener Verlag Albert Langen (in einem schönen Ganzleinenband auf Dünndruckpapier) bringt eine große Lleber- raschung. Vor allem die Tagebücher der Gräfin aus den Iahrey 1897 bis 1910 bringen einen unauslöschlichen Eindruck hervor. Sie vervollkommnen und vertiefen das literarische und menschliche Bild dieser Frau und bedeuten ein es wirkliche, oft ganz lässige Taoebuchaufzeich- wahrhaftes menschliches Dokument Dabei sind nungen, keineswegs für fremde Augen bestimmt. Aber ist man diesen rasch hingeworfenen Bemerkungen durch dreizehn Iahre gefolgt, durch die dreizehn inhaltsschwersten Jahre der Gräfin, von der jubelnd-bangen Erwartung ihres Kindes an bis an den Tag. wo sie sich von dem unsäglich geliebten Buben trennen muh, — dann ist es einem, als hätte man nie einen so erschütternden Roman in Händen gehabt.
Es gab kaum ein Wesen, das mehr zum Glücklichsein prädestiniert erschiene als Franziska Reventlow. Aber das Schicksal will es nicht — nichts wird ihr erspart, feine Enttäuschung, keine Demütigung, nicht die bitterste Not, nicht die fürchterlichste Situation. Lind immer bleibt diese Seele ungebrochen, oben, adlig. Weil sie eben adlig ist bis ins Mark. Wie sehr ihre Bücher ihr eigenes Leben schildern, wird uns erst aus diesem Tagebuch bewußt. Sie selbst ist jene Ellen Olestjerne, die wie ein fremd-schöner Vogel von Lieblosigkeit und Einverständnis aus dem aristokratischen Nest heravsgebisfen wird, die durch ihr heißes Blut, selbst wenn sie liebt, immer weitergeheht wird, die im Treiben der Schwabinger Boheme tausend amüsante Schwänke erlebt. aber auch das Herzeleid, da Schmerzen bereiten zu müssen, wo sie liebt, und die aus allen Abgründen strahlend austaucht, die Gloriole der Mutterschaft um das reine Haupt. — Sie, Franziska Reventlow, ist es, die in „Herrn Domes Aufzeichnungen" wiederum ihre Erlebnisse mit dem Schwabinger Völkchen, dessen Torheiten und ewig-junge Ideale so liebevoll wie klug drastisch in heiterer Ironie und Selbstironie schildert. Sie ist es. die, unter bunter Gesellschaft, im ..Logierhaus zur schwankenden Weltkugel" wohnt. - wann hätte sie auch je wo anders gewohnt! Sie und immer sie ist es, die in „Von Paul zu Pedro", ihrem vollkommensten Werke, einer stilistischen Kostbarkeit, die Qlmou- resken ihres ewig unbeständigen Herzens so geistvoll, reizeüd imö klug erzählt.
Mau mag den Grund ihrer Unbeständigkeit in einem Fatum suchen, das über ihrer Psyche oder ihrer Physis waltet, entzückt aber ist man von der Grazie dieses echten Weibes, erschüttert ist man von seiner süßen Mütterlichkeit und voller Bewunderung für seine große und eigen» a#ige Kunst. 886
Meyers MaWer-Ausgaben.
Kellers Werke. Kritisch-historische und erläuterte Ausgabe mit Kellers Leben. Bildnis, Handschriftenprobe, Einleitungen und erläuternden Anmerkungen, herausaegeben von Max Nußberger. 8 Bände. — Hölderlins Werke. Herausgegeben von Hans Brandenburg. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe. 2 Bände. — Grabbes Werke. Herausgegeben von Albin Franz und Paul Zaunert. Kritisch durchgesehene irnd erläuterte Aüsgabe. 3 Bände. —
krotischen Pariser Gesellschaftslphäre verschwendet batte. Aristokrat blieb er jedoch Zeit feines Lebens, denn er liebte nur das Auserlesene, nicht das Gewöhnliche und Unpersönliche. In seiner Kunst zeigt sich dieser Aristokratismus wesentlich ästhetisch. Es ist charakteristisch für ihn, wenn er den lebendigen Menschen stets in eine Beziehung zu einem Kunstwerk bringen will. Das Künstlerische ist ihm Ausdruck deS aristokratischen Lebens. Der tiefere Sinne einer Ma- dvima Boticellis, einer Landschaft der Niederländer, einer Sonate liegt ihm in dem seelischen Erlebnis des nach seiner Persönlichkeit sich einfühlenden Gegenwartsmenschen, nicht in einer historischen Wertung.
Prousts Kunsturteile erhalten daher eine eigene wertvolle Note und besonders dem Wesen der Musik ist wohl kaum von einem epischen Dichter der Neuzeit eine so tiefgehende Deutung gegeben worden wie von Proust. Er erinnert hier, wie überhaupt in seiner vielseitigen künstlerischen Bildung und auch in seinem bizarren Lebenswandel an E. T. Ql. Hoffmann an den deutschen Dichter, der immer wieder aus Frankreich seine Wirkung ausübt. (So taucht die Hoffmairnsche Welt auf, in ihrer Phantastik und ihren grotesken Gestalten, wenn Proust von den Wunder- wesen erzählt, die in den Schoten und Spargel- köpsen ihr verzaubertes Dasein leben, wenn er Von dem geheimnisvollen Schauer der Kathedralen und Kapellen oder von dem Eindruck der Bilder Giottos berichtet.)
Was nun die llcberfeßung des Romanes „Du Cöte chez de Swann" selbst angeht, der als erstes Werk des Zyklus in zwei Bänden im Berliner Verlag „Die Schmiede" (108) erschienen ist, so muß man wohl zugeben, daß hier Schwierigkeiten Vorlagen, die selbst der geübteste ileber» setzer im ersten Wurf nicht überwinden konnte. Emst R. Curtius, Hans Jacob und andere haben in längeren Ausführungen und einzelnen Belegen auf die Mängel der Üebertragung Rudolf Schottlaenders hingewiesen. Das spezifisch französische Kolorit der Sprache Prousts verträgt nicht eine freie Interpretation, geschweige denn eine fremdländische Dialektfärbung. In diesem Sinne mögen manche Seiten durch verbale Mißgriffe mißlungen sein. Aber sollte man hier nicht einen weiteren Gesichtspunkt gelten lassen, der
oie Einzelheiten dem Gesamteindruck unterordnet? Auch der deutsche Leser, der das Original nicht fennt, wird das Gesamtbild und die Idee des Romanes unverfälscht ausnchmen formen, wenn bie Stofflichkeit des Buches nach der Lektüre verschwunden ist und nur der Geist des Kunstwerks in ihm wirkt. Vielleicht werden noch viele Jahre vergehen, ehe uns ein mit der modernen französischen Kultur vollständig vertrauter Ueber- setzer den deutschen Proust vorlegt, vielleicht werden wir diese Verdeutschung auch nie erhalten. Die Wiedergabe des Proustschen Stils ist sicher eine sehr schwierige Aufgabe, so schwer, wie beispielsweise eine LIebersehung Hölderlins oder Goethes. Lind hat Frankreich heute eine mustergültige ilebertragung des Wilhelm Meister oder des Hyperion? Wie wird die geplante Lieber- sehung Thomas Manns „Zauberberg" ausfallen?
Berechtigt ist dagegen der Vorwurf, den Hans Jacob dem lieberfe^er macht, er hätte ben Titel „Du Cote de chez Swann" falsch wie- bergegeben. Denn „Der Weg zu Swann" läßt nicht einen Gegensatz ahnen, der darin liegt, daß denr bürgerlich-intelligenten Kreise SwannS die aristokratische, genußsüchtige Sphäre der Gucr- mantes (welcher im besonderen der dritte Roman gewidmet ist! gegenübersteht. Auf diese Gegenüberstellung der beiden Kreise, zwischen denen Odette, Swarms Geliebte und spätere Frau, mit ihren Launen, Oberslächlichkeiten aber auch manchmal mit mehr Gefühl für seelischen Takt als ihre aristokratischen Gönner ihn besitzen, hin und her schwankt, hätte der Titel hindeuten müssen, denn um diese beiden Pole bewegt sich alles Geschehen des gesamten Werkes.
Dem Leser ist der Rat zu geben, dieses Buch nicht zu lesen, wie man sonst Romane zu lesen pflegt, indem man heute darin blättert, es dann in ben Schrank stellt, um an einem späteren Tage den unterbrochenen Faden wieder anzu- knüpfen. Rein — hier ist ein Kunstwerk, dessen hohe Bedeutung in seiner Gesamtheit liegt, das eine Seelenstimmung von besonderem Zauber hervorruft, der nicht weicht, wenn man sich ganz seinem Eindruck htngibt, der aber nicht duldet, daß man seine Wirkung auf längere Zeit unterbricht. So wird vielleicht der Leser, der dieses Epos im engen Zusammenhang lesen kann, den höchsten Genuß haben.
— Das Pantheon. Ein Hausbuch deutscher Dichtung und Kunst in der Gegenwart. Herausgegeben von Hanns Marlin Elster. 430 Seiten. Deutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin. — Ein starker, festlich gerichteter, inhaltsschwerer Band, ein Jahrbuch deutschen Geistes der Gegenwart, ein Pantheon, das die Lebenden in sich sammeln will, und sie vereinen zur guten Stunde. Die überwältigende Fülle des lünstlerisch-Iiterari- schen Gesamtbildes der Zeit zwingt dem Auswähler, Sichter und Ordner die Notwendigkeit der Auslese und das persönlichste Bekenntnis auf —: wie ich es sehe, llnb also wurde Werk ein Spiegel von eigenem Schnitt Schliff, in dem die verschiedenstxn Farben brechen, Formen eingefangen sind, Köpfe, "lichter, Silhouetten wechselnd auftauchen, dringlich und unverwischbar, ober flüchtig _____
schnell wieder beschattet. Hinter allem aber spürt man einen strengen, wertenden Blick, eine ordnende Hand und das geistige Band, das die Vielheit der Namen versöhnend umschließt. Das wird jeder sofort sehen — auch der, Der selbst anders gewählt und geordnet hätte —, wenn er nur ein wenig in dem Buche blättert; man weiß sogar, daß Elster die Voraussetzungen erkannt hat, zu denen der Sinn eines solchen Pantheons und deutschen Hausbuches verpflichtet. Alte und Junge, Erfüllung und Hoffnung haben einander die Hände gereicht zu so langer funkelnder Kette, daß man nur ein paar Namen
bunden 4 Mark. Verlag von Albert Langen in München. — In weit höherem Grade als Daudets wohlfeile Karikatur im „Tartarin" darf der „Onkel Benjamin" als typischer Vertreter geistreichen Frv.nzosentums gelten, eines Fran- zosentums allerdings, das in seiner köstlichen Mischung von Humor, Witz, Aufschneiderei und Bonhomie mit dem von heute nicht sehr viel gemein hat. Wenn die tollen Streiche dieses französischen Landarztes und Kneipgenies zwerchfellerschütternd sind, so sind die ernsten Partien des seltsam anmutig zwischen Extremen schwebenden Werkes tief ergreifend. Dor allem ist der „Onkel Benjamin" in jeder Zeile so originell wie wenige Werke der französischen Ltteratur, in der er ganz einsam und ohne Rivalen steht. 888
— Ka r 1 Niger: Das Kuhviertel. In Ganzleinen Mk. 5,—. Verlag von Georg Westermann, Braunschweig und Hamburg. — In einem norddeutschen „Seldwyla" liegt dieses „Kuhviertel", ganz in der Nähe von Fritz Reuters Heimat. Mit einer wohltuenden Behaglichkeit sind die Iahre um die 48er Revolution geschildert. Amüsant ist, wie Öer Revo- lutionshelbenzug vor das Schloß des Fürsten zu einer begeisterten Huldigung für Dörchläuchting wird — prachtvoll Die nächtliche Fahrt, auf derber Schneider Pannewih feinen Ruhm eines Freiheitskämpfers wenigstens vor sich selbst erneuert, indem er, wenn auch ohne sein Wissen, an der Befreiung Gottfried Kinkels durch den Sttrdenten Karl Schurz mithilft. Der Schneider Pannewitz ist ein ganzer Kerl, es wird in diesem Buche viel von seinen Heldentaten erzählt, und von „Spöks" ist darin die Rede und vom Schäfer Jörß, der ein Hexenmeister genannt wurde, und vom 5jerrn Postmeister mit seinen gestickten Morgenschuhen, Herrn Samuel Philip- son, dem hervorragenden Kaufmann, und vom Herrn Präposttus Becker! Die gute alte Zeit sieht man gemächlichen Schrittes dahintänzeln und hat seine helle Freude an jenen Leutchen, die sich noch immer nicht daran gewöhnen können, daß man ihnen den Zopf geschoren hat. 907
— Heinrich Jlgenstein. Die beiden Hartungs. Ganzleinen 7,50 Mk. Verlag George Westermann, Braunschweig und Hamburg. -- Was diesen Roman besonders interessant macht, ist die psychologische Entwicklung, die sich über zwei Generationen erstreckt. Da ist zunächst der in seinem Beruf völlig aufgehende und künstlerischen Regungen sehr wenig'zugängige Großkaufmann Wartung. Dieser wird einerseits durch eine feinsinnige und künstlerisch empfindende Frau, andererserts durch den stark unter geistigen Einflüssen stehenden Arzt Dr. Bormann kontrastiert. Wie aus dem geistigen und materiellen Milieu heraus bann das Schicksal des Sohnes dieser beiden Eheleute gestaltet wird das zeugt von großem Können. Das Kind ist infolge eines Unfalls der Mutter mit einem Buckel zur Welt gekommen, und diese körperliche Mißbildung lastet schwer auf seinem Seelenleben. Auch hier wieder entwirrt der Dichter die Fäden der Entwicklung mit Meisterhand, und die seelischen Känkpfe sind so eindringlich und packend dargestellt, daß der Leser in Bann gehalten wird. 892
Von Völkern und Ländern.
— Vor Jahresfrist erschien in einer ausgezeichneten Klebersetzung Reinhold von Walters der erste Band von Kliutschewskijs berühmter „Geschichte Rußlands" (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, und Obelisk-Verlag, Berlin). In kurzen Abständen sind der zweite und dritte Band gefolgt. Der vierte Band (mit einem Gesamtregister) der in den nächsten Tagen erscheinen wird, bringt das Werk, das wie fein anderes geeignet ist, uns Deutschen das Verständnis Rußlands und des russischen Volkes zu erschließen, zum Abschluß.
Marcel Proust.
Hur ersten deutschen Aebersehung. Don Dr. Gerhard Walbow.
Marcel Proust ist keine „moderne Erscheinung", die ein sensationelles „literarisches Ereignis" bedeuten könnte. Denn einmal ist er schon fett vier Jahren tot und das andere Mal wurde der jetzt in der ersten Verdeutschung vorliegende Roman „Du ®ot£ de chez Swann" (aus dem Romanzyklus „A la Recherche du Temps perdu" bereits im Iahre 1918 geschrieben. Daß man ihn eigentlich erst jetzt in Deutschland entdeckte, rührt daher, daß er eben fein f»genannter „europäischer Dichter" ist, zu dem man ihn so gern machen nröchte; denn seine Lebens- und Kunstanschauungen wurzeln durchaus in einem romanischen und nicht in einem europäischen Kulturkreise. Seine geistigen Ahnen sind Saint Simon und Balzac, und nur hin und wieder finden sich Anklänge an auherfranzösische Dichter, wie zum Beispiel an E. T. QL Hoffmann und Gottfried Keller.
Daß Proust seit mehreren Iahren in spanischen und englischen älebersetzungen gelesen wird, will ebenfalls für seine europäische Geltung noch nicht viel besagen. Denn in Spanien fand er als Romane verwandte Saiten, und in England pflegt man im allgemeinen bei der Auswahl fremdländischer Literatur nicht auf universelle Geltung Wert zu legen.
Aber auch in feinem Heimatlande ging der Ruhm Marcel Prousts erst auf, als er 1919 für fein zweites Romanwerk „Al'Ombre des jeunes Filles en Fleurs" den Goncourtpreis erhielt.
Wenn man sich diesen äußeren Merkmalen gegenüber als nicht voreingenommener Betrachter ie Frage vorlegt, ob hier wirklich ein Kunstwerk vorliegt, das seiner inneren Bedeutung nach zur Weltliteratur zu rechnen sei, so muß man allerdings gestehen, daß uns die Romane Prousts in eine Tiefe der menschlichen Seele führen, die auch in ihrer nationalen Färbung zu den großen Darstellungen des Allgemein-Menschlichen gehören., In diesem Sinne ist das Werk Marcel Prousts für das zwanzigste Jahrhundert allerdings nicht nur von europäischer, sondern von einer universellen Bedeutung.
Die Glückskinder.
' Seit einiger Zeit beschäftigte ich mich mit Ludwig Heitmanns reichhaltigem, tiefgründigem Werke Großstadt und Religion und mit Karl Barths gewaltigem Römerbrief, und immer wieder ergreift es mich, aus welchem tiefen Schacht beide ihr Werk zutage förderten. Immer wieder sage ich mir, daß hier von ganz verschiedener Seite aus nicht nur dem Gewissen, sondern auch dem Denkvermögen der Leser eine ernste Aufgabe gestellt wird, um durch Nacht zum Lichte zu Dringen. Und der Gedanke drängt sich mir auf, es.toäre schade, wenn diese tiefen Wahrheiten sich nur dem greife der Theologen erschlössen und etwa nur hie und da zu einem Laien gelangten, den eine gütige Fügung darauf hinwies. Und fragte ich mich Wetter, wie viele Laien haben in unserer hetzenden Zeit die Geduld oder vor allen Dingen die Muße, sich Satz für Sah ehrlich durch diese inhaltsschweren Bücher durchzuarbeiten und sich Auge in Auge mit ihrem Gott damit auSeinanderzusetzen. And dock, ob es wohl keinen Wog gäbe, um etwas von den Ewigkeitswerten, lum die eS hier geht, unferem ganzen Volke mitzut eilen?
Da fliegt mir in diesen Tagen ein kleines anspruchsloses Buch ins Haus von Karl Hesselbacher. „Die Glückskinder" heißt es (Verlag Eugen Salzer, Heilbronn 72). „Gedanken und Gestalten auS meiner Arbeit" nennt es der Verfasser. Ich nahm und las. In volkstümlicher Form, nicht knrrck Lehre, sondern durchs Leben wirken sich hier Probleme aus, wie sie in unserer Aerquälten Zeit sich denkenden Menschen mit doppeltem Ernste aufdrängen. Schon die Heber» schritten über den innerlich verwandten Geschichten des Buches deuten dies an. „An der Quelle der Kraft" heißt da eine Ueberfcbrift, »Im Kampfe mit dem Widersacher" eine andere, ober „Die Macht der Sttlle", „Wahrhaftigkeit" itfto. Ich vertiefte mich in diese kleinen Geschichten, die doch das ßanje widerspruchsvolle, harte, grausame und reiche Leben spiegeln und auf einmal war es mir, als schwände Raum und Zeit, ich fühlte mich jung und ging in früher, taufrischer Morgenstunde durch den Böhmerwold. Tiefe Stille ringsum — kein Vogelsang, fein Laut als das leise Rauschen der hohen Baumwipfel. War es nicht, als ob Gottes Größe und Llnnah- barfett mich üb erschauerte und mich armes Menschenkind meine ganze Kleinheit und Äirzulänglich- keit fühlen liehen? ilnb doch empfand ich zugleich den heißen Wunsch, mit meinem Leben teilzuhaben an dem Heiligtum meines Gottes. Nicht ein, Leben aus eigener Kraft begehrte ich, wohl aber ein starkes freudiges Schaffen aus Gottes Gnade. In diese weihevolle stille Stunde hinein erklang plötzlich hier und da ein leises Rieseln, bann wieder ein lauteres Rauschen oder gar ein kraftvolles Brausen. Ich sah mich um — durch das hohe weiche Moos über gestürzte Baumriesen, zwischen Felsstücke und sonstige Hindernisse hindurch riefelten und rauschten die Quellen, bald leise sich windend, bald stürmisch sich vorwärts drängend vom Berg herab zum Tal. Ich beugte mich nieder zu einem klaren Quell, schöpfte mit der Hand und trank von dem erfrischenden, labenden Trunk.
Alnb ich fühlte! Ihr gesegneten Quellen, ihr kleinen und ihr machtvollen, die ihr den Berg speist und ihn lebendig erhaltet, seid doch keine Eigenwesen — Abgesandte seid ihr ,des Urquells, der euch alle speist und durch euch das ganze Gebiet segnet, in das er euch sandte. Ob Nein oder mächttg, ein jedes von euch ist fähig, alle Hindernisse zu überwinden und die ihm zuaewiesene Aufgabe zu erfüllen. Segen spendet ihr und Leben weckt und fordert ihr. wohin ihr kommt, ohne es selbst zu ahnen.
Wie diese Quellen im Hochwald muten mich Hesselbachers „Kinder des Glücks" an, ober wie es am Schlich derselben mit dem Carlyleschen Worte heißt: „Was sind wir Menschen? Öidjtfunfen des nn Aether der Gottheit schwimmen?" und sagt Hesselbacher: „Darum ist unser Leben ein Wandern aus der Heimat — in die Heimat." P. L.


