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Ur. 64 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Mittwoch, 17. März 1926

LnglandundderZonvenelvertrag

, Von unserem K-Korrespondenten.

K o n st a n t i n o p e l, 13. März.

Als Wendepunkt allergrößter Bedeutung für die gesamte Politik des nahen Orients war das vor einigen Monaten erfolgte Einverständnis der französischen rind englischen Di­plomatie zu verzeichnen, deren Interessen sich hier trotz der so oft betonten Waffenfreundschaft stets diametral entgegcnstanden. Dieser Wendung, die in den Besprechungen von Locarno ihre innere Festigung erfuhr, hat England in erster Linie zu verdanken, daß es in Genf seine unglaublichen For­derungen auf Mos s u l restlos hat durchdrücken können, und der Türke, der seit Jahren immer große Stücke auf seine Freundschaft mit Frank­reich gehalten hatte, sah sich in seiner Hoffnung auf bestimmt zugesagte diplomatische Hilfe arg ent­täuscht. Es entsprach daher einer bestimmten Ten­denz, daß der türkische Außenminister Tewfik Rüschdi Ley in jenen kritischen Tagen, die der Entscheidung von Genf folgten, ausgerechnet in Paris jenes viel beachtete Freundschaftsverhältnis mit Moskau unterzeichnete, das in der türkischen Regierungspresse als die Einigung des Orientes gegen den imperialistischen Okzident gefeiert wurde. DabU fiel für den Völkerbund und für England manch hartes Wort ab, über den Umfall Frankreichs schwieg man sich jedoch vorsichtigerweise aus.

Inzwischen haben Frankreichs Man- datsnöte in Syrien eher zu-als abgenommen und anstatt des erwarteten kurzen Bandenkrieges hat es dort einen regelrechten Feldzug zu führen, der überaus zeitraubend und doppelt schwierig ist, da auch in Marokko neue harte Kämpfe bevorstehen und das Finanzproblem drohend in der Luft hängt. Der neue Gouverneur Jouvenel steht einer schwierigen Aufgabe gegenüber, und zielbewußt sucht er durch Rücksprache mit den Nachbarn Sy­riens das Ausstandsgebiet abzudämmen, denn irgendwoher müssen schließlich die Syrier ihre Waffen, über die sie anscheinend reichlich verfügen, herbekommen. Vor seinem Amtsantrit setzte er sich bereits mit London ins Einvernehmen, und in den letzten Wochen sahen wir ihn in Angora, um auch nach dieser Seite hin Sicherungen zu schaffen. Es war in den letzten Jahren verschiedentlich auch an der türkisch-syrischen Grenze zu blutigen Banden- kämpfen gekommen, ohne daß jedoch die Aufständler besondere Unterstützung von türkischer Seite erhalten hätten, wie das verschiedentlich in der französischen Presse behauptet worden ist. Man hat sich ini Gegenteil türkischerseits stets peinlich gehütet, auch nur irgend etwas zu unternehmen, was dertür­kisch-französischen Freundschaft" Abbruch tun könnte. Es berührte eigenartig, daß die türkische Presse stets einmütig betonte, daß Angora an einer französischen Niederlage nicht das geringste Interesse habe, eigen­artig insofern, als die Sympathie des türkischen Volkes doch wohl auf Seiten der Freiheitskämpfer in Marokko und Syrien fein dürfte, mit denen' es durch die gemeinsame islamitische Religion und durch alte Tradition doch noch recht enge verbunden ist.

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Der Hauptgrund der Mission Jouvenels, der zusammen mit dem französischen Botschafter S a r r a u t und dem französischen Militärattache in großer Aufmachung in Angora erschien, war der neben der syrischen Gren^sicheruna die in den letzten Monaten begreiflicherweise arg abgekühlten türkisch- französischen Beziehungen wieder aufzufrischen, die durch ein nur zu berechtigtes Mißtrauen zu einer empfindsamen Einbuße des Prestiges Frankreichs in der Türkei geführt hatten. In geschickter Weise griff daher Jouvenel über seine näheren Ziele hin­aus und knüpfte dort an, wo Franklin- Bouillon seinerzeit stehen geblieben war. Es wurde in aller Eile ein Abkommen ausgearbeitet über Grenzregulierungen, Zollerleichterungen und vor allem über die schon im Angoravertrag (Oft. 1921) angeschnittene Frage der Autonomie des Ge­bietes von Alexa ndrette und Antiochia, in der damals nur eine provisorische Lösung erzielt worden war, die die Wünsche der vorwiegend tür­kischen Bevölkerung dieser Gebiete durchaus nicht befriedigte. Frankreich weih genau, daß hier in Nordsyrien der wundeste Punkt des ganzen Man­datsgebiets liegt, und die Türkei hat die Hoffnung auf Zurückerstattung dieser beiden wichtigen Städte niemals aufgegeben, die es gerne alstürkisches Elfaß-Lothringen" bezeichnet. Bei der jährlichen Feier des Abzuges der Franzosen aus Zilizien wird im benachbarten Gebiete in Adana neben der in Weiß gekleideten Gestalt desbefreiten Adana" die in Schwarz gehülltetrauernde Alexan- drette" dargestellt.

Gespräche.

Don (Sina Kaus.

Wenn Smerdjakoff in den Brüdern Kara- masoff fagt, daßmit einem klugen Menschen das Deden ein Dergnügen ist", so meint er damit weniger den klugen Redner als den klugen Zu° Hörer. Und wenn wir uns selbst ein bißchen prüfen, werden wir uns eingestehen, daß wir uns in einem Gespräch am wohlsten fühlen, in dem unser eigener Anteil rasch und richtig ver­standen und nach unserem eigenen Ermessen ge­wertet wird. Wenn wir uns nun gleich dazu sagen, datz es dem Partner wohl genau so geht, daß auch ihm unser Derständnis für seine Mei­nung bei weitem wichtiger und interessanter ist als unsere Meinung selbst, so stehen wir so­gleich jener Schwierigkeit gegenüber, die ein angenehmes Zusammen klingen im Gespräch so selten macht. Denn meist wollen beide Reden­den sich möglichst schnell und gründlich zur Geltung bringen - was durch Widerspruch leichter scheint als durch Zustimmung der Partner wird zum Gegner, das Gespräch zur Debatte, und im Auseinanderprall zweier ge­reizter Eitelkeiten wird ein unbeachtetes Richts im Sand der Arena zertrampelt: die Sache, um die der Streit geführt wird.

Das ist sehr traurig. Unendliche Quanti­täten an Rcrvenkraft werden in zwecklosen Mei­nungskämpfen verpufft, die bloß um des bes­seren oder letzten Wortes willen geführt wer­den. Aber Gespräche führen wird in der Schule nicht gelehrt. Im Gegenteil, gerade dort lernt man ja, sein Stichwort abzupassen und sein Licht leuchten, womöglich über alle andern Lichter leuchten zu lassen. Der TypusMusterschüler" ist auch der unausstehlichste im Gespräch: wo er ftrebert, hat er überhaupt keine Meinung und wo er sich überlegen fühlt, doziert er Ange-

Es ist ein oft wiederholtes Spiel der französi- 'schen Diplomatie, irgendwelchen größeren politischen Auseinandersetzungen mit England eine besondere Aktivität im nahen Osten vorausgehen zu lassen, um sich durch irgendwelche Verträge ein Tausch­objekt im Handel mit England zu sichern. Der Ausgleich hat bisher leider größtenteils a u f Kosten Deutschlands stattgefunden. Zwar ist der genaue Wortlaut des jetzigen Vertrage snoch nicht veröffentlicht, soviel ist jedoch sicher, daß er eine bestimmte Neutralität sklausel ent­hält und neben einer eventuellen verschleierten Ge­bietserweiterung eine türkische Kontrolle des bisher durch das französische Mandatsgebiet laufenden Teils der V a g d a d b a h n sicherftellt. Das zu erwartende Echo in London ist denn auch nicht ausgeblichen. Irgendwo muß in der englischen Politik der Ausgleich gefunden werden, diesen er­neuten Druck, der gerade an einer der empfind­lichsten Stellen der englischen Vorderasienpolitik wieder einsetzt, zu kompensieren. Durch die Lösung der türkisch-syrischen Frage in dieser Form wird nicht nur der türkische Aufmarsch gegen Mossul gesichert, sondern auch die einzige für England in Betracht kommende direkte Landverbindung nach Mossul-Bagdad unterbunden. Die gesamte Petro­leumpolitik Englands wird durchkreuzt, denn als Endpunkt der geplanten Rohrleitungen zum Mittel- ni£.cr kommt im Norden Alexandrette, im Süden Haifa in Betracht. Letztere bedeutend längere Strecke würde durch weite Wüstengebiete führen und dem Wüstenherrscher Ibn toaub ausgesetzt fein, dem man trotz der letzthin abgefchlossenen Verträge nur wenig Vertrauen schenken kann.

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Es erscheint sehr fraglich, inwieweit Frankreich, das ja nur der Mandatar des Völkerbun­des über Syrien ist, selbständige Bestimmungen über Teile des Mandatsgebiets treffen kann, ferner, ob der Vertrag in allen feinen Teilen wirklich ernst gemeint ist, und auch diesmal wieder Versprechungen aufweist, die hernach nicht ge­halten werden. Die Türkei ist begreiflicherweise bei den üblen Erfahrungen des letzten Jahres auch Frankreich gegenüber sehr mißtrauisch geworden, und der aufs neue aufpolierte Schild deramitig franco-turque dürfte kaum im Glanze des vorigen Jahres wiederaufleuchten, trotz der geschickten fran­zösischen Pressercklame. Der englische Botschafter L i n d s a y ist in diesen Tagen zu neuen Verhand­lungen in der Mossulfrage nach Angora gereift, und schon bei dieser Gelegenheit dürfte sich ausweifen, ob der Jouvenelvertrag den Türken wesentlichen Nutzen bringen wird. Die Zusage Jouvenels, auch eine Einigung in den anderen zwischen Frankreich und der Türkei schwebenden Fragen" herbeizu­führen, hatte bei den Türken die Hoffnung auf die Regelung der französisch-türkischen Schuldenfrage, die im Lausanner Vertrag besonderen Vereinbarun­gen vorbehalten war, erweckt. Es handelt sich um 80 Millionen Goldpfund Vorkriegsschulden. Die seit Monaten in Paris gepflogenen Verhandlungen sind in diesen Tagen ergebnislos abgebrochen worden, da die Franzosen auf Goldzahlung bestehen. Eine Forderung, die juristisch kaum haltbar und für die Türkei durchaus nicht tragbar sein dürfte. Der erste bittere Tropfen im Weine der erneuerten Freund­schaft! (Inzwischen scheint auch darüber Klarheit geschaffen zu sein, daß der Jouvenelvertrag in seinen wichtigsten Bestimmungen, der Neutralitäts­klausel und der Kontrolle der Bagdadbahn, für Frankreich nur ein Druckmittel gegen England und ein Tauschobjekt für ein größeres Entgegenkommen des Londoner Kabinetts in Genf, natürlich auf Kosten Deutschlands, bedeutet, eine Kombination, die unser Korrespondent in dem obigen Aufsatz ja schon andeutet. D. Red.)

Marienbad vordem Völkerbund.

Die Tschechoslowakei und ihre deutschen Burger.

Von unserem K. Korrespondenten.

Prag, 11. März.

Die überragende Bedeutung des Eintritts Deutsch­lands in den Völkerbund rückt einen Punkt der gegenwärtigen Genfer Tagung in den Hintergrund, der in erster Reihe die Sudetendeutschen angeht, darüber hinaus aber von allgemeiner Wichtigkeit bei der Beurteilung der Frage ist, ob der Völker­bund die ihm durch seine Verfassung zugewiesene Aufgabe, Hüter der Rechte bedrohter Minderheiten zu fein, übernehmen will und kann. Die Sudeten- deutschen haben auch der diesmaligen Tagung des Völkerbundes zwei Beschwerden über die Regierung der Tschechoslowakei vorgelegt. Die eine Beschwerde richtet sich gegen die jüngst erlassene Sprachenver­

lerntes mit dem Anspruch auf Endgültigkeit. (Niemand lehrt junge Menschen Gespräche führen. And doch machen Gespräche einen nicht un­wesentlichen Teil des Lebens aus, sie sind einer der unausweichlichen Kriegsschauplätze des All­tags, wo Triumphe erfochten, Riederlagen er­litten und viele tausend, oft nicht unbeträchtliche Wunden geschlagen werden. Denn nur sehr wenige besitzen das einzige Mittel, das diesen Rahkampf in ein Räherkommen verwandelt: Takt.

Takt gilt gemeinhin für eine negative Kunst, die Fehler vermeidet, am rechten Ort schweigt und eine Wunde bloß zu dem Zwecke bemerkt, nicht den Finger daraus zu legen: eine Kunst höherer Gesellschattsschichten, gepflegterer Kin­derstuben. Aber Takt ist vor allem die un­unterbrochene Kontaktfähigkeit zu einem anderen Menschen, was man Rücksicht, oder zu einem Ding, was man Sachlichkeit nennt. Sachlich ist jener Mensch, der die Person des Partners nie aus den Augen, aber immer aus der Debatte läßt. Zur Debatte steht immer nur die Sache, aber es sind immer Menschen, die debattieren, und die Rücksicht auf diese zu vergessen, ist ebenso tattlos, wie sie merken zu lassen. Die einzige Methode, die Achtung vor dem Ge­sprächspartner zu zeigen, ist die Achtung vor dem Gegenstand des Gespräches. Diese Sachlich­keit ist aber das gerade Gegenteil trockener Fach­simpelei, (die ihrerseits meist renommistisch und daher unsachlich ist), nämlich der lebendige Kon­takt mit einem andern ohne persönlichen Hebet- griff, durch das Medium jenes Weltausschnittes, der gerade in das gemeinsame Blickfeld ge­rückt ist.

Denselben Gesichtswinkel suchen, den der Partner hat, um ihm das Ergebnis der eigenen Schau nicht aufzudrängen, sondern zu übermit­teln, ist das Ziel jedes Gespräches und die täglich wiederkehrende Gelegenheit zux Klein-

ortmung, welche nicht nur die von der Verfassung gewährleisteten Rechte der Minderheiten, sondern auch den der Tschechoslowakei unter internationaler Garantie auferlegten Minderheitenschutz-Vertrag ver­letzt. Die zweite Beschwerde wendet sich gegen die zwangsweise Beschlagnahme und Enteignung des Weltkurortes Marienbad, dessen Quellen und Bade­einrichtungen dem deutschen Stift Tepl gehören.

Der Fall Marienbad hat schon im Sommer Auf­sehen erregt. Damals hat die Weigerung des Tepler Stiftes, den Vertrag über die Verpachtung des Bade­betriebes an eine tschechische Gesellschaft zu verlän­gern, die Verhängung der staatlichen Zwangsver- walmng über den Kurort zur Folge gehabt. Die Handhabe hierzu glaubte die Regierung im Boden­enteignungsgesetz zu besitzen. Der Besitzer, das Stift Tepl, hat sich diesen Eingriff nicht ruhig gefallen lassen. Es hat die innerstaatlich zulässigen Rechts­mittel ergriffen, es hat sich aber auch an das inter­nationale Forum des Völkerbundes gewendet, weil es offensichtlich, daß die Zwangsverwaltung und die angedrohte Enteignung eine vexatorifche Maß­regel aus nationalen Gründen darstellt und daher eine Verletzung des Minderheitenschutz-Vertrags be­deutet. Die Ergreifung der inländischen Rechtsmittel, in diesem Fall einer Beschwerde an das Oberste Ver­waltungsgericht, hat die Regierung kalt gelassen, solche Beschwerden laufen jahrelang, bevor es zu einem Urteil kommt, und außerdem macht man sich in Prag aus verwaltungsgerichtlichen Entscheidun­gen wenig. Sobald die Spruchpraxis des Verwal­tungsgerichts unbequem wird, schafft man ein neues Gesetz, wie wir solcher Gelegenheitsgesetze schlimm­ster Sorte schon eine Menge haben, und damit haben dann die jeweiligen Sorgen ein Ende. Weit unbe­quemer ist der Regierung die Beschwerde an dey Völkerbund. Dieser Schritt hat dem Stift Tepl öffentlich die heftigsten Angriffe der tschechischen Presse eingetragen, die die Anrufung des Völker­bundes als Landesverrat qualifiziert, insgeheim aber ist dem Stift als Belohnung für die Zurücknahme der Beschwerde ein Vergleichsantrag gestellt worden, der erst recht den habsüchtigen Charakter der Be­schlagnahme enthüllt. Die Regierung hat sich bereit erklärt, von der Enteignung Abstand zu nehmen, wenn das Stift die Beschwerde beim Völkerbund zu­rückzieht und feinen Marienbader Besitz, nämlich sämtliche Heilquellen, drei Badehäuser, eine Kalt- wasftrheilanstalt, vier moderne Hotels mit fünfhun­dert Zimmern und das Waldgut des Stifts im Aus­maß von 2000 Hektar für eine Entschädigung von 14 Millionen Mark einer Aktiengesellschaft übergibt, von deren Aktien 15 Proz. dem Stift, hingegen 60 Prozent dem Staate ohne jede Gegenleistung zu übergeben wären (für den Rest kommen andere Jn- teieffenten, wie zum Beispiel die Stadtgemeinde Marienbad in Betracht).

Auf den ersten Blick wird man zugeben, daß die Regierung ihren geschäftlichen Vorteil wahrzuneh­men versteht. Der Hauptzweck der Marienbader Aktion ist zwar nicht geschäftlicher Natur. Vielmehr wird mit dem Uebcrgang Marienbads in den Besitz einer Aktiengesellschaft, über deren Mehrheit die Prager Regierung verfügen würde, die Absicht ver­folgt, tschechische Beamte in reichlicher Zahl nach Marienbad zu bringen und dadurch den nationalen Charakter dieser rein deutschen Stadt zu verwischen. Daß mit diesen nationalpolitischen Bestrebungen auch ein gutes Geschäft verbunden wird, ist zwar vom Standpunkt der Prager Regierung aus ver­ständlich, macht aber die ganze Transaktion in den Augen unparteiischer Beurteiler kaum appetitlicher. Freilich wird das Angebot von Prag für eine be­sonders generöse Handlung ausgegeben, denn bei Durchführung der Enteignung wäre die Entschädi­gung des Eigentümers weit niedriger bemessen. Das stimmt allerdings, denn das tschechische Boden­reformgesetz sicht solche Lappalien an Entschädigung vor, daß es einer Konfiskation gleichkommt. Nur ist zu sagen, daß es mit der Anwendung des Bo­denreformgesetzes auf die Bäder und Heilquellen von Marienbad etwas windig aussieht. Die Inten­tion des Bodengesetzes ist gleichfalls rein national- politischer Natur, es verfolgt das Ziel, die großen Grundbesitze billig aus deutscher Hand in tschechi­sches Eigentum überzuführen. Immerhin ist diese Tendenz verhüllt, indem das Gesetz ausdrücklich zu Zwecken der Agrarreform und der Jnnenkolonisation erlassen worden ist. Nun gehört wohl ein unge­wöhnliches Maß von juristischer Spitzfindigkeit dazu, um die Enteignung von Heilquellen, Hotels und Kaltwasserheilanstalten als ein Erfordernis der Agrarreform und der Jnnenkolonisation hinzuftellen. Damit kann man im Inland, wo die Auguren ein­ander zulächeln, operieren, aber es ist einigermaßen peinlich, mit solchen dialektischen Künsten einen Eiertanz vor dem internationalen Forum eines Völkerbundausschusses aufführen zu müssen. Und überhaupt sieht es die Prager Regierung nicht gern, daß sie sich immer wieder vor dem Völker­

arbeit am Aufbau menschlicher Gemeinschaft. Die aber jener nicht leisten kann, den sein Prestige­bedürfnis zwingt, sich selbst vor das zu Be­trachtende als das vor allem zu Beachtende zu stellen. Es geht dann zu wie in einem hübschen Lustspielfilm, den ich einmal gesehen habe, da Max Linder- sich bestrebte, eine Landschafts­aufnahme zu machen: aber immer, wenn er gerade eine schöne Dlumenwiese, einen stillen See in der Mattscheibe hatte und losdrücken wollte, stellte sich rasch ein Mensch davor, der unbedingt mit auf der Platte sein wollte und die Landschaft war verdorben, zum Hintergrund für ein belangloses Gesicht herabgewürdigt.

Dieses Mit-aus-der-Platte--sein°wollen ist es. was aus jedem Gespräch einen maskierten Kampf macht. Wer aber hier versagt und die Hingabe an das Objekt verfehlt, der wird auch sonst kein angenehmer Kamerad fein, der wird auch sonst dazu neigen, seine persönliche Geltung der Rücksicht auf seine Mitmenschen hintanzusetzen. Denn Sachlichkeit ist ein Ausdruck des Gemein­schaftsgefühls, und der taktlose Mensch ist ein als was immer kostümierter Egoist.

Cs ist verhältnismäßig leicht, ein großartiges Opfer zu bringen, einen schweren Verzicht zu leisten. Aber es ist unendlich schwer, etwas so pinscheinbares, Tin bemerkbares zu tun, wie im Gespräch hinter einen andern, den man vielleicht sogar schlagen tonnte, zurückzutreten. (Der Ideal- fall, daß beide hinter der Sache zurücktreten, ereignet sich so selten wie alles Vollkommene im irdischen Leben). Aber vielleicht geht es doch. Das stärkste Argument für die (Nächstenliebe ist, hier wie überall der Egoismus. Was Be­scheidenheit (mit Recht) nicht vermag, vermag vielleicht eine vernünftige Tieberlegung und der zweckmäßig durchgeführte Wille, füreinen klugen Menschen" zu gelten,mit dem das Reden ein Vergnügen ist."

bunb rechtfertigen muß. Die Tschechoslowakei legt großen Wert darauf, als ein Muster der Demo­kratie zu gelten, wo nationale Minderheiten keinen Anlaß zu Beschwerden haben. Die gute Aufführung erst beweisen zu müssen, kommt der tschechischen Negierung ebensowenig gelegen, wie der angeblich anständigen Frau, die sich genötigt sieht, ihre Tu­gend öffentlich zu dokumentieren. So ist es ver­ständlich, daß man es sich etwas, wenn auch nicht zu viel, kosten lassen will, um die Gerichtsszene vor dem Völkerbund zu vermeiden.

Allerdings, wirkliche Gefahr ist kaum vorhan­den und man kann ruhig annehmen, daß die Ma­rienbader Beschwerde ovm Völkerbund ebenso ele­gant begraben werden wird, wie alle vorangegange- nen Klagen des Sudetendeutschtums. Der Völker­bund begnügt sich mit der Dekoration des Minder­heitenschutzes und hütet sich ängstlich, von feinen Befugnissen Gebrauch zu machen. Man hat sich in Genf eine bequeme Auslegung zurechtgemacht, nach der nur loyale Minderheiten Anspruch auf den Schutz des Völkerbundes hätten. Die Loyalität aber hat der Staat zu bescheinigen, gegen den sich die Beschwerde einer Minderheit richtet. Ist das nicht sein ausgeheckt? Die Tschechoslowakei bezeichnet jede Beschwerde ihrer Stao'.ibürger an den Völkerbund als eine Illoyalität und damit hat sie gleich ge­wonnenes Spiel.

So wird es wohl auch diesmal kommen, aber vielleicht, so hofft man, in den Sudeten, wird dieses üble Spiel zum letztenmal aufgeführt. Die Anwesen­heit Deutschlands im Völkerbund könnte eine Aende- rung mit sich bringen. Gewiß erwartet niemand von den auslanddeutschen Minderheiten, daß das Deutsche Reich initiativ und mit besonderer Schärfe als Anwalt des Auslanddeutschtums von vornherein auftreten wird. Die deutschen Minderheiten sind ge­witzt 'genug, um die nicht leichte Position Deutsch­lands zu verstehen und es zu billigen, daß das Reich in erster Linie seine Lebensnotwendigkeiten wahrnehinen muß. Aber man kann doch hoffen, daß die deutschen Vertreter im Völkerbund ohne beson­dere Exponierung viel zur Erleichterung der be­drückten deutschen Minderheiten werden beitragen können einfach dadurch, daß sie die frivole Art nicht mitmachen, in der bisher nationale Beschwerden vorn Völkerbund abgetan worden sind. Viel wird schon gewonnen s«n, wenn zumindest eine Unter» suchung solcher Beschwerden durchgesetzt wird. Dann ist zu hoffen, daß manches unterbleiben wird, was bisher der Staat in dem Bewußtsein, daß ihm nichts geschehen kann, und daß sich niemand in der Welt darum kümmert, an Schmälerung der natio­nalen Minderheitsrechte sich zu Schulden kommen läßt. Zumindest ist diese Hoffnung für die Tschecho­slowakei berechtigt, wo wie loyal zugegeben sei die Empfindlichkeit für das Urteil der gesitteten Welt weitaus größer ist als etwa in Mussolinis Italien.

Das neue Kabinett in Holland.

Von unserem Korrespondenten.

A m st e r d a m, 13. März.

Das Interesse der holländischen öffentlichen Mei­nung war in der letzten Zeit von der Beobachtung des Streits um die Völkerbundsratssitze und der damit in Verbindung stehenden Schwieria. ketten, denen- sich die Völkerbundstagung in Genf in der Frage der Zulassung Deutschlands gegenübersieht, wieder hauptsächlich der inneren Politik xugewandt. Die vorläufige Beendigung der ewigen Regierungskrise bedeutete eine große Ucbcrraschung. Ueberraschend kam zunächst die Nachricht, daß cs dem mit der Bildung des ersten außerparlamentarischen Kabinetts beauftragten Dr. Limburg entgegen den allgemeinen Erwartun­gen doch noch gelungen sein sollte, eine vollständige Ministerliste zusainmenzustellen. Noch überraschen­der angesichts dieser Entwicklung kam jedoch be­reits einen Tag später der wegen der Frage der vatikanischen Gesandtschaft erfolgte Verzicht Dr. Limburgs auf seinen Kabinettsbildungsversuch kurz vor der Bekanntgabe des neuen Ministeriums. Während dann von der Zweiten Kammer der so­zialistische Antrag auf K a m m e r a u f l ö s u n g er» wartungsgemäß mit großer Mehrheit abge» lehnt wurde, war es wieder überraschend, daß sämtliche Parteien, mit Ausnahme der sozialisti­schen Antragsteller die hierbei gebotene günstige Gelegenheit zu einer Debatte über die Ursachen der Regierungskrise und zur Feststellung der Verant­wortlichkeit für die lange Krise selbst ungenutzt vor- übergehen ließen. Wie sich später teils zur Heiter­keit, teils zur Entrüstung der öffentlichen Meinung herausgestellt hat, hatte fast jeder Parteiführer eine große Rede vorbereitet. Keiner wollte jedoch als erster das Wort ergreifen, und während jeder auf den andern wartete, wurde die Debatte vom Kam-

Heilige Haie.

Einen erstaunlichen Bericht über Haifischver­ehrung unter den Eingeborenen von Reuguinea veröffentlicht Dr. I. H. Sanbsord Jackson, der mehr als fünf Jahre als Medizinalbeamter unter ihnen gelebt hat, in einer englischen Zeit­schrift.Jede Gruppe der Eingeborenen," schreibt er,hat ihren eigenen Haifisch, der eine Art Schutzpatron der Gruppe ist. Dieser Hai lebt in der Rahe des Dorfufers und wirdMaselay" oder Guter Geist genannt. Rach der Auffassung der Eingeborenen begräbt dieser heilige Hai, wenn der Leichnam eines Eingeborenen ins Meer geworfen wird, sofort den Körper: er gestattet jtoar den Menschen nicht, dabei zuzusehen, aber er bettet ihn unter einem Haufen von Sand, den er mit seinem mächtigen Schwanz aufwühlt. Die Mitglieder der Gruppe werden von ihrem eigenen Hai-Heiligen nicht angegriffen; wenn sie ifrin zu nahe kommen, und er sie frißt, so tut er öa£ höchstenszum Spaß". Der Schutzpatron hat ein besonderes Stück Land am Ufer für sich reserviert, das kein anderer ohne Todesgefahr» betreten darf, außer den Angehörigen der Gruppe. DieserSchutzengel" bringt die Seelen Öer gestorbenen Mitglieder feiner Gruppe zu einer Hohle, die zwischen den KoraUenfelsen ver­borgen ist. Betritt irgendein nicht zu der Gruppe gehörender Eingeborener dieseSeelenhöhle", dann wird erlang long oder verrückt; er kann aber geheilt werden, wenn ein Schutz besohleuer des betreffenden Hais ihm einige Zauberblätter auflegt und den Geist des Hais bittet, den Fluch von dem Erkrankten zu nehmen. Die Hai­fische find untereinander eifersüchtig auf ihre Schützlinge und greifen die Pflegebefohlenen an­derer Haie mit Vorliebe an; sie kennen nach dem Glauben der Wilden die Kanus, die nicht ihren Verehrern gehören, und verfolgen sie."