Nr. (58 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Mittwoch, fb. Juni 1926
Der Entscheidungskampf in England.
Don Prof. Dr. Max 3. Wolff. Berlin.
Die englische Arbeiterschaft war früher die besonnenste und im Sinne der kontinentalen Sozialdemokratie die rückständigste in Europa. Die Gewerkschaften hielten sich grundsätzlich von oller Politik fern, und selbst die vergleichsweise spät gegründete „Arbeiterpartei" stand bis vor kurzem völlig und steht noch heute zum protzen Teil auf dem Boden der gegenwärtigen Staatsund Wirtschaftsreform. Eine Partei, die den Umsturz der bestehenden Ordnung auf ihre Fahne schrieb, hätte vor dem Krieg keinen Anklang in England gefunden. Die führenden Männer sind auch heute nicht radikal, aber sie haben es nicht verhindern können, daß sich in ihrer Gefolgschaft während der letzten Kriegsjahre und in der Zeit nach dem Friedensschluh ein maßloser Radikalismus eingenistet hat.
Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Man hat den Arbeitern goldene Berge und einen Sieg über die Mittelmächte versprochen, aber als dieser errungen war, zeigte es sich, dah dieser vielverheihende Wechsel nicht eingelöst werden konnte. Die Lkeberspannung des nationalen Ehau- vinism.us ist infolge der Enttäuschung in das Gegenteil umgeschlagen und hat viel dazu beigetragen. dah der englische Arbeiter heute dem eigenen Staate in einem höheren Mähe feindlich gegenübersteht als der auf dem Kontinent. Während er früher stolz darauf war. national zu ^rpfinden. bemüht er sich jetzt, oft gegen seine innerste Ratur. einen möglichst radikalen Inter- nationalismus zur Schau zu tragen.
Diese Stimmung hat die ursprünglich rein wirtschaftlichen Gewerkschaften völlig politisiert und zwingt die Führer zu Mahnahmen, die sie selber mißbilligen. Sie entschlossen sich sehr ungern. zum Generalstreik aufzurufen, und sie waren froh, als sie eine Gelegercheit fanden, die große Masse der Streikenden zu demobilisieren und durch Beschränkung des Kampfes auf die Bergarbeiter ihn scheinbar wieder in wirtschaftliche Bahnen zurückzulenken. Freilich haben sie auch nicht den Mut. die rein politischen Forderungen der Arbeiterschaft fallen zu lassen. Dazu gehört in erster Linie der nationale Minimallohn. Er ist volkswirtschaftlich sinnlos, aber die Gewerkschaften wollen diesen Anspruch nicht preisgeben, weil er das beste Mittel ist, die Arbeiter unter ihrer Fahne zusammenzuhalten, und sie können ihn nicht preisgeben, weil sie sonst ihre Anhänger verlieren würden und damit auf die schmeichelhafte Stellung einer Rebenregierung verzichten mühten, die sich ihre Führer in den letzten Jahren geschickt anzumahen verstanden haben.
Während man scheinbar noch über Löhne und Arbeitszeit diskutiert, geht in Wirklichkeit der Kampf um die politische Macht, ob die bürgerliche Demokratie die Oberhand behalten soll oder die organisierte Arbeiterschaft, die immer mehr dem Kommunismus anheimfällt. Darüber ist man sich in beiden Lagern klar, sowohl in dem der Llnternehmer wie der Arbeiter, und nicht nur in England weih man das. sondern auch im Ausland. Die Sowjets, die früher ihre besten Hoffnungen auf Deutschland setzten und dort den Ausbruch der Weltrevolution erwarteten, haben längst erkannt, dah Großbritannien ein viel günstigerer Boden für ihre Agitation und ihre umstürzlerischen Bestrebungen bietet. Die Russen wissen sehr genau, warum sie jeden englischen Ausstand in so sreigebiger Weise unterstützen.
Diese Spenden werden auch von den älteren Arbeiterführern ohne Begeisterung, ja mit einer gewissen Abneigung gegen ihre revolutionäre Herkunft angenommen, aber sie muhten sie unter dem Druck der Massen annehmen, denen die Ver- brüherung mit Moskau als ein selbstverständlicher Ausfluh der Gesinnungsgemeinschaft erscheint. Auf der anderen Seite haben gerade die russischen Gelder dem groben Publikum den wahren Charakter der Bewegung offenbart. Dah sich Engländer bei einem inneren, angeblich wirtschaftlichen. Kampf von Ausländern unterstützen lassen, ist schon eine Herausforderung des britischen Rationalstolzes, und nun gar von den Sowjets, die man als erklärte Feinde des Landes betrachtet! Mit sicherem politischen Instinkt hat sich das Dürgertuni einmütig hinter die Unter» nehmer und die Regierung gestellt und durch
Zahresfeft des Goethe-Bundes.
Das 3ahresfest des Giehener Goethe- Bundes wurde eingeleitet durch einen Dor- tragsabend im Bundesheim. Den musikalischen Auftakt bildete ein seines, selten gehörtes Oboe- fonaert von Händel in vier Sätzen (Grave — Allegro — Largo — Allegro). Hiernach folgte eine Ansprache des 1. Vorsitzenden, Dr. Henning. der herzliche Degrühungsworte an die zur Feier Erschienenen richtete und in kurzen Darlegungen auf Ziele und Aufgaben des Bundes hinwies. Die Rezitation von drei Goethe- Gedichten der Wetzlarer Zeit („21bler und Taube", .Mahomeds Gesang" und „Ganymed") leitete über zu einem Vortrage von Professor Dr. ©loel über Goethe in Wetzlar. Ausgehend von einem Urteil des alten Goethe über seine Wetzlarer Zeit schilderte der Vortragende (aus offenbar eindringlichen Studien heraus) zunächst Zusammensetzung und Wesen des weiland Reichskammergerichts. Eine Schllderung der mit dem jungen Frankfurter Juristen damals in mehr oder minder nahe Beziehung getretenen Persönlichkeiten führt zum Kardinalerlebnis der Wetzlarer Zeit: Charlotte. Don hier aus ergibt sich leicht die künstlerische "Bebeutung der Periode: im „Weither", und die menschlich-allgemeine: im Bestreben, wie der Dortragende es ausdrückte, sein Subjekt zu objektivieren. — Am zweiten Tag vereinigten sich die Mitglieder des Bundes und eine Reihe von Gästen zu einem Festabend. Rach der Begrüßung durch den 1. "Vorsitzenden, Dr. Henning. sang Frl. Leny Lyncker mit llvärme drei Schubertsche Vertonungen Goethe- scher Sieber: „Rur wer die Sehnsucht kennt", ..Das Heidenröslein" und „Gretchen am Spinnrad". Alsdann bot Franz Harres (Darmstadt) eine Folge von Gesängen, mundartlichen und hochdeutschen Vorträgen, die sich um das Thema „Aus Goethes Darmstädter Tagen" bewegten. Mit temperamentvoller Charakterisierung sang er die Schubertsche Weise des „Goldschmiedgesellen" und das von Beethoven vertonte Lied des Cru-
leine opferbereite Entschlossenheit den Generalstreik im Keime erstickt Es hat seine Kräfte erkannt, und es fordert von der Regierung, dah sie nicht auf halbem Wege stehen bleibt, sondern den errungenen Anfangserfolg in einen endgültigen Sieg verwandelt. Man hat die beständige Unruhe und die ewigen Streiks gründlich satt, man will zu einem dauernden Arbeitsfrieden kommen und Voraussetzung dafür ist. dah die augenblickliche und vielleicht letzte günstige Möglichkeit nicht verpaht wird, um die Macht der Gewerkschaften zu brechen.
Auch auf bürgerlicher Seile ist die Gefolgschaft viel entschlossener und zieldewuhter als die Führung, die sich nach der glücklichen und erstaunlich schnellen Beilegung des Generalstreiks wieder auf das Verhandeln und Vermitteln legen möchte. Baldwin ist kein Mann der ^upackenden Tat. Er hat monatelang auf Kosten der Steuerzahler dem britischen Kohlenbergbau eine hohe Subsidie gewährt, in der Hoffnung, dadurch die ausländische Konkurrenz niederzuringen und die Engländer in den Stand zu setzen, die übertrieben hohen Löhne ihren Arbeitern weiterzuzahlen. Der Erfolg ist ausgeblieben, und durch die erheblichen Opfer der Allgemeinheit wurde nichts erreicht, als dah der Ausbruch des unvermeidlichen Kampfes um ein halbes Jahr vertagt wurde. Auch jetzt sucht der Premierminister toieber nach einem Mittel, um die Gegensätze zu überbrücken und den Austrag des Streites zu vertagen, ohne zu ahnen, welche Trümpfe er durch seine Halbheit aus der Hand gibt. Das Bürgertum ist dadurch gegenüber der Arbeiterschaft im Rachteil, dah sein Zusammenschluh auf freiem Willen, der der Gegenpartei auf Organisation beruht. Eine Organisation läht sich ausbauen, der freie Wille wird abgeschwächt, wenn er nicht im ersten Clan ausgenuht wird.
Baldwins Dermittlungsbestrebungen finden ein geneigtes Ohr nur bei den Gewerkschaftsführern. Sie haben eingesehen, dah sie ihre Kräfte überschätzten, als sie dem Druck der Massen nachgaben und zum Generalangriff und Generalstreik schritten. Auch sie sind für Vertagung. Mit ihrer Hilfe wird es vermutlich noch einmal gelingen, eine „staatsmännische" Formel zu finden, die den Arbeitern nichts nimmt, dem Bürgertum nichts gibt, aber für einige Wochen, im besten Falle sür einige Monate den Frieden wiederherstellt. Aber man darf sich durch solche Abmachungen nicht täuschen lassen. Die Lage hat sich aufs äuherstL zugespiht, die Spannung ist so grob und die Erbitterung in beiden Lagern, sowohl bei den Arbeitern wie im Bürgertum so heftig, dah ein halber Frieden keinen Bestand haben kann. Eine klare Entscheidung muh zeigen, wer die Macht im Staat haben soll, und es fragt sich nur, ob dieser Tag der Entscheidung, wenn er sich durch keine diplomattschen Künste mehr hinausschieben läht. das Bürgertum noch so einig und so opferbereit findet wie diesmal.
Davon hängt nicht nur die Zukunft Englands, sondern die der westeuropäischen Kultur ab. England ist das Mutterland und der Hort des bürgerlichen Kapitalismus. Wird er dort gestürzt, so ist das keine lokale Riederlage wie in Ruhland, sondern ein endgültiger Zusammenbruch, denn die Sieger werden nicht die harmlosen Führer der Arbeiterpartei sein, sondern die nachdrängenden radikalen Massen, die den zahmen Parlamentarismus der Macdonald und Genossen längst überwunden haben.
Abessinien.
3m Osten von Aftika, westlich des Roten Meeres, ist neuerdings im Zusammenhang mit den kolonicuen Ausdehnungsbestrebungen der 3taliener ein Land wieder in den Mittelpunkt allgemeinen 3nteresses getreten, das schon wiederholt eine wichtige Rolle hi der Weltpolitik gespielt hat: Abessinien, der einzige, heute noch wirklich unabhängige Eingeborenenstaat Afrikas.
Abessinien ist eine unumschränkte Monarchie unter einem christlichen Kaiser mit einem Flächeninhalt von 1 120 400 Quadratkilometer und einer Devölkerungszahl von 8 bis 12 Millionen Einwohnern. Es ist ein von allen Seiten schwer zugängllches Dergland mit einer Höhenlage bis zu 4000 Metern, das im Rorden und Rord- osten von Erhthräa, im Osten und Südosten von Englisch-, Französisch- und Italienisch-So- maliland, im Süden von Dritsch-Ostafrika und im Westen vom Sudan begrenzt wird und damit
aantino aus „Claudine von Villabella" und zuletzt Martin Plüddemanns „Legende vorn Hufeisen", eine Weise, die dem mit leicht schalkig geführten, liebenswürdigen Humor gewürzten Ernst der Legende und ihrem beschaulich-sinnigen Betrachten der Heilandsgestalt wundersam gerecht wird; die Wiedergabe dÄ musikalisch schwierigen, weil ganz der wechselnden Stimmung des epischen Ganges angepahten, alle Tonarten durchlaufenden Legende, durch Franz Harres war vollendet. Am Klavier begleitete verständnisvoll Fräulein Gerda W e i n e r t. Proben seiner eigenen literarischen Betätigung gab Harres in zwei ausgezeichneten Sachen in Darmstädter Mundart: Eine kleine Skizze „Dammstädta Dibliophlle vor humiert 3ohr" führte in das landgräfliche Darmstadt der Goethezeit; ein dramatisches Vorspiel zu Goethes „Pater Brey" gab in launiger Form die Tatsachen der Entstehungsgeschichte des Fastnachtsspieles wieder, das zuletzt als Abschluß des festlichen Telles von Fr. Harres im Verein mit Frl. Else Speckhardt in kerniger 3nterpreta- tion vorgetragen ward. Arn Rachmittag des dritten Tages führte ein Ausflug eine stattliche Zahl Festteilnehmer nach Wetzlar, um die Wetzlarer Goethestätten zu besichtigen. Professor Gloel, der Kenner seiner Heimat und Künder des jungen Goethe und seiner Wetzlarer Zell, geleitete die Giehener Gäste in liebenswürdiger Weise zum Lottehaus. dem 3erusalemhaus, dem Goetheorunnen und nach Garbenheim, wo das 3ahresfest seinen Abschluh sand.
Englischer Vortragsabend.
3m überfüllten Großen Hörsaal der Uni» oersität trug Miß Evelyn Heepe englische Prosa und Dichtungen vor. Ihre wohlausgebildete modulationsreiche Stimme im Verein mit ihrer musterhaften und klaren Aussprache, die keinerlei der selbst bei vielen englischen Schauspielern üblichen Rachlässigkeiten aufzuweisen hatte, vermittelte wohl auch den zahlreichen jungen Zuhörern, die der engllschen Sprache noch nicht mächtig sind, einen Eindruck von den Moglich-
ohnc einen eigenen Zugang zum Meer vollständig von italienischem, englischem und französischem Kolonialbesitz umschlossen ist. Seine Hauptstadt ist das Ende der achtziger Jahre gegründete Adis Abeba, das etwa 50 000 bis 60 000 Einwohner besitzt und seit dem 3ahre 1916 durch eine von Frankreich subventionierte Eisenbahn mit dem französischen Hafen Djibuti verbunden ist. Die Bevölkerung befähigt sich im wesentlichen nur mit Ackerbau und "Viehzucht. Sie ist teils semitischen, teils hamitischen Ursprungs und eine Mischung der verschiedensten Völkerschaften und Stämme, unter denen die Amharer das herrschende Element bilden. Die Amharer sind monophysitische Christen, deren Sprache dem Hebräischen verwandt und die Staatsund offizielle Sprache ist. Der 3llam ist nur unter den Grenzvölkern, den Somalis. Danialis und Sudanesen vertreten.
Wirtfchastlich und kulturell steckt Abessinien noch in den ersten Anfängen der Entwicklung. Abgesehen von der unter französischem Einfluh stehenden Post besitzt es keinerlei europäische Einrichtungen. Das Land ist in mehrere Stammes- bezirke eingeteilt, an deren Spitze ein sog. Ras oder Dedschas steht, der dem Kaiser, dem Regus. treu- und tributpflichtig ist. Politisch dagegen hat Abessinien, wie gesagt, zu verschiedensten Malen bereits eine wichtige Rolle gespielt. Das erstemal im 3ahre 1868, als die Engländer aus Anlaß der Festnahme englischer Missionare durch den Regus Theodor II. ein Expeditionskorps unter Führung des späteren Feldmarschalls Rapier nach Abessinien entsandten, das nach anfänglichen Erfolgen das Land wieder räumen muhte. Das zweitemal in den achtziger und neunziger Iahren, als 3talien. in Rordafrika durch Frankreich verdrängt und auf dem Ballan durch Oesterreich überflügelt, das Schwergewicht seiner politischen Bestrebungen in enger Anlehnung an England nach den Küsten des Roten Meeres verlegte. Italien versuchte, gestützt auf einen Vertrag, den es am 2. Mai 1889 mit Kaiser Menelik II. in iltfcballi abgeschlossen hatte, Abessinien italienischer Schuhherrschaft zu unterstellen . Es kam zu mehrjährigen erbitterten Kämpfen zwischen 3lalien und Abessinien, die schließlich am 1. März 1896 mit der vernichtenden Riederlage der vom General Daratieri geführten italienischen Truppen endeten. Italien konnte zwar im Frieden von Adis Abeba am 26. Oktober 1896 Erythräa behaupten. Es muhte aber auf die erstrebte Schuhherrschaft über Abessinien verzichten und die Selbständigkeit Abessiniens anerkennen. Die Folge davon war einmal der Sturz des italienischen Ministerpräsidenten Crispi und im Zusammenhang damit eine immer stärkere Abkehr Italiens vorn Dreibund zugunsten einer Annäherung an Frankreich, dann aber vor allen Dingen, dah Abessinien lange Zeit sowohl von Italien wie auch von England und Frankreich unbehelligt blieb. England. Frankreich und Italien schlossen zwar am 13. Dezember 1906 ein Abkommen, in dem sie sich in Abessinien Interessensphären zuteilten für den Fall, dah die innerpolittschen Verhältnisse in Abessinien erneut zu einem Eingreifen in Abessinien führen sollten. Sie konnten aber an der Selbständigkeit des Landes nichts ändern. Erst im Weltkrieg erfolgte ein neuer Eingriff der drei Mächte in Abessinien unter dem Vorwande, dah der damalige Kaiser Lidsch Ieassu zum Islam übergetreten fei und sein Land auf der Seite der Mittelmächte gegen die Ententemächte in den Krieg führen wolle. Der Eingriff führte zwar im Iahre 1917 zum Sturz des Kaisers Lidsch Ieassu und zur Thronbesteigung der heutigen Kaiserin Zeoditu. einer Tochter Kaiser Menellls, hatte sonst aber keine weitergehenden Folgen.
Die kolonialen Ausdehnungsbestrebungen der Ita.iener haben nun neuerdings wieder Abessinien zum Zielpunkt derselben gemacht. Wiederum, wie in den achtziger und neunziger Iahren. sucht Italien in enger Anlehnung an England die Verwirklichung dieser Bestrebungen in Abessinien. Ob sich das letzte italienisch-englische Abkommen über Abessinien tatsächlich nur, wie beide Länder behaupten, auf rein wirftchastliche Abmachungen beschränkt oder ob sich dahinter auch rein politische. auf eine Aufteilung Abessiniens hin- zielende Abmachungen verbergen, läht sich nicht übersehen und bleibt abzuwarten. Die italienischen Operationen im Nord - Somalilande, die sehr bald nach Abschluß des italienisch-englischen Abkommens einsetzten und ihrem ganzen Charakter nach sehr den Kämpfen ähneln, die dem Einmarsch der Italiener nach Abessinien Anfang
der neunziger Iahre von Erythräa aus vorangingen. lassen immerhin den Sckiluß zu, dah man italienischerseits mehr beabsichtigt als rein wirtschaftliche Ziele. Wie dem aber auch fei, soviel ist sicher, daß Abessinien, wie in den neunziger Iahren. jetzt auch wieder seine Selbständigkeit zu verteidigen wissen wird. Abessinien besitzt heute eine betoaffneic Macht von über 200 000 Mann, die mit modernen Militärgrwehren. mit Maschinengewehren und Geoirgsgeschützen ausgerüstet sind und deren Zahl in einem Kriege unschwer auf das Doppelte erhöht werden kann, da die einzelnen Stämme trotz ihrer dauernden inneren Streitigkeiten einem äußeren Feind« gegenüber unbedingt zusammenhalten würden, der die Selbständigkeit des Landes anzutasten wagen würde. Dazu kommt, dah das Gelände kriegerischen llnlcrm Innungen eines Angreifers außerordentlich schwierige Geöirgsverhältnisse bietet, den Angreifer in den tief eingeschnittenen Schluchten und Tälern um Marsch in mehreren voneinander durch hohe Gebirgszüge getrennten Kolonnen zwingt und dami, einer erfolgreichen Verteidigung, wie dies ja die Riederlage der Italiener bei Aduo ganz klar gezeigt hat, auher- ordentlich günstig ist.
Deutschland hat mit Abessinien stets in guten Beziehungen gelebt angesichts des Fehlens jeglicher machtpolitischer Interessen Deutschlands in Abessinien. Es hat im Iahre 1904 eine diplomatische Mission unter Führung des späteren Außenministers Rosen nach Abessinien gesandt und im Iahre 1905 einen Handelsvertrag mit diesem abgeschlossen, der noch heute in Gültig- leit ist.
Oberhefsen.
Hundertjahrfeier des Kurhauses in Vad Salzhausen.
Die Dorberellungen zu der am 20. Iuni in Bad Salzhausen stattfindenden Hundertjahrfeier des Kurhauses schreiten rüstig voran. Wenn sich auch das Fest in einem zeitgemäß engen und bescheidenen Rahmen bewegen wird, dürste ihm doch ein würdiger Verlauf gesichert sein. Die nun endgültig festgelegto Festordnung sieht vor: Für 10 Lihr vormittags einen feierlichen Festgottesdienst im Konzerthaus unter Mitwirkung musikalischer und gesanglicher Kräfte aus Ridda und Rachbarschaft. Rach der gottesdienstlichen Feier wird eine Führung der Festtellnehmer durch die Kuranlagen erfolgen, worauf mittags 1 Lihr ein gemeinsames Mahl im Kurhaus stattsindet. Hiernach ist die Besichtigung des Ernst-Ludwig-Heims vorgesehen. älm 3Vs Lihr Festakt am ober im Kon- zerthaus unter Mitwirkung der Kapelle Topp- Gießen. Ein um 5 Lihr beginnendes Konzert dieser Kapelle, später Tanz und Feuerwerk, soll den Beschluß der Feier bilden.
Landkreis Gießen.
h. Leihgestern, 15. Iuni. In der Rächt vom Samstag auf Sonntag wurde, wie schon kurz gemeldet, die hiesige Einwohnerschaft durchs Feuer-Alarm erschreckt. Zwei nicht allzureich mit Gütern gesegnete Familien kamen zu Schaden, ein Eisenbahn-Beschädigter und eine Kriegerswitwe; ihre Scheuern brannten nieoer. Rur durch das tatkräftige Einschreiten! unserer freiwilligen Feuerwehr und der Einwohnerschaft tonnte dem rasenden Element Einhalt geboten werden. Die Entstehungsursache des Feuers ist unbekannt.
bu. Burkhardsfelden, 15. Iuni. Linser Ort hatte dieser Sage unliebsamen Zigeunerbesuch. Die Gesellschaft bettelte und stahl, wo sie nur konnte, ferner versuchten einige Angehörige der Bande, allerdings ohne Erfolg, beit Postagenten und einen Geschäftsmann burch allerlei Manipulationen um einen Zehnmarkschein zu prellen. Derartigen Besuchern sollte man überall kurzerhand die Tür weisen.
!—I Aus dem Lumdatal, 15. Iuni. Don dem Regen der letzten Wochen stark begünstigt, konnte das Dickwurzsetzen dieses Iahr ohne das läftige Nachsehen und Gießen ziemlich rasch erledigt werden, so daß man jetzt bereits fertig damit ist und das Hacken und Häufeln der gut auf gegangenen Kartoffeln vornehmen kann. Auch wird hier und da schon mit dem Mähen begonnen. Die Heuernte in den trocken gelegenen Wiesen verspricht sehr gut zu
feiten und Schönhellen des Englischen. Ganz besonders gut gelangen Miß Heepe die beiden humoristischen Prosastücke aus Dickens und Kipling. In der Szene von „David and bis child-wife“ aus „David Copperfield" war sie den besten englischen Dickensrezitatoren ebenbürtig, wenn nicht überlegen; auch die Wiedergabe des Kiplingschen „If" war durchaus gut und auf der Höhe, doch will uns scheinen, daß einer Frauenstimme ein derartiges Gedicht infolge seines typisch männlichen Gefühlsinhaltes nicht recht liegt. Edgar Allan Poes Gedicht „Bells“, bas für den Rezitator dankbar ist wie kaum eines, und dessen volle klanglichen Möglichkeiten so selten ganz erschöpft werden, machte dank der künstlerisch hochstehenden Interpretation einen offenbar tiefen und nachhaltigen Eindruck auf die Hörer. Die beiden dramatischen Stücke aus Shakespeare und Shaw zeigten ein starkes schauspielerisches Talent und ließen das Publikum eine gute Vorstellung von englischer Bühnenkunst gewinnen, soweit das überhaupt durch die Darstellung einer einzelnen Persönlichkeit geschehen kann. es.
Frankfurter Theater.
Diesmal ist es Hans I. R e h f i s ch, welcher in seiner Tragikomödie „Wer weint um Iuckenack" Heinrich George die große Rolle bietet, mit welcher er sein Gastspiet am Reuen Theater fortsetzt. Hans Rehfisch hat „Ricke! und die 36 Gerechten" geschrieben, aber „Wer weint um Iuckenack" ist als feine stärkste Arbeit anzusehen. Der Staatsanwallsekretär Iuckenack hat ein Erlebnis gehabt, welches ihn durchrüt- telte. Er stand vor den Toren des Ienseits, da rief eine unerbittliche Stimme durch den Raum „Wer weint um Iuckenack?" Lind er mußte, obwohl ein Gestorbener, zurück ins Leben, da nie» mand eine Träne für ihn hatte. Vielleicht war bas ganze nur ein Alpdruck, so schrecklich, baß Frau Ragel, seine Haushälterin, ausrufk, es könne keiner mehr ruhig einfchlafen, wüßte er von solchen Träumen! Iuckenack. von seinem Er
lebnis erfüllt, sucht nun nach Menschen, bie einst um ihn weinen werben; er sucht fanatisch, gläubig. Er verschenkt an arme Lumpen Gelb, zum Lohn wollen sie ihn umbringen. Er läßt Lina, die Richte seiner Haushälterin, sehr zur Wut der Tante, im Hause wohnen, ja er richtet dieser^ Lina, einer ganz verkommenen Person, fogar ein Bankkonto von feinem bißchen Ersparten ein. Zuletzt hilft er in seiner krankhaften Menschenliebe einem jungen Scheckschwindler, in dem er bie Akten verbrennt. Lina rückt aus zu jenem jungen Menschen, ber, als Iuckenack ihm lagt, was er für ihn getan hat, ihn beschimpft. Am Ende seines Lebens muh er einsehen, daß fein Tun umsonst war, da er es auf dem Glauben an menschliche Dankbarkeit aufbaute und nun menschliche Gemeinheit erntete. Aber er wird nicht unbeweint sterben, man wird einem armen kranken Mädchen unter sentimentalen Angaben etwas vermachen, die unbekannte Elsi Fischer wird den unbekannten Iuckenack betrauern. Sehr stark sind die Szenen der Auseinandersetzung zwischen Iuckenack und dem Staatsanwalt; „Menschengüte ist gegen das Gesetz". Lind dann die Sterbeszene. Hier als Iuckenack hatte der Gestalter George ein weiteres, größeres Feld, als im „Haarigen Assen". Er konnte einen Menschen darstellen, ein großes Kind, dem ein Erlebnis, ein Traum bie Wände des Gehirns erschüttert haben, dem die menschliche Gemeinheit den Rest gibt, und dessen Sein, wie auch im Leben, aus Tragik und Komik sich zur Alltagstragödie eines Suchenden verdichtet. Die Aufführung unter der Regie Alois Großmanns war von starker Einbringlichtest. Reben Georges Iuckenack stand Gerda Müllers Lina; zwei künstlerische Exponenten! Dora Debi de, Alfred Scherz er, Hans Wen - graf und Sascha Schöning taten das ihre zur künstlerischen Vollendung des Abends. Das Publikum, welches leider immer an der falschem Stelle feine Verständnislosigkeit durch Lachen anzeigte, war begeistert und zollte den verdienten Beifall. L W,_


