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Landes zu überweisen. Gleichzeitig lenkt die Sowjct- regierung die Aufmerksamkeit der britischen Regie, rung auf die den Tatsachen widerspre­chenden und den normalen Beziehungen zwi­schen Regierung nicht entsprechenden Erklärungen einiger ihrer Mitglieder, als ob die dem General­rat der Gwerkschaften überwiesenen Sum­men von der Sowjetregicrung stammen, während sie in Wirklichkeit durch den Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion auf Grund einer Vereinbarung mit dem Zenttaftomitte der Sowjetgewerkschaften ge­sandt wurden.

Die Unterhausdebatte über die Kohlenkrise.

Eine Rede Baldwins.

London, 15. Ium. (TU.) Vor vollbe­setztem Hause fand heute nachmittag die mit großer Spannung erwartete Debatte über die 'Kohlenkrise statt. Premierminister Baldwin eröffnete die Debatte mit einer längeren Erklärung, in der er zunächst darauf hinwies, daß die Arbeit im eng­lischen Bergbau setzt mehr als sechs Wochen ruhe. Die Folgen hiervon würden immer verheerender. In den Fabriken müßte man die Arbeit ein st eilen, sobald die Kohlenvorräte erschöpft seien. Die Re­gierung sei zwar gewillt, den Import von Kohle fiir einige lebenswichtige Betriebe selbst in die Hand zu nehmen, aber im allgemeinen müsse man die Kohleneinfuhr den Privatunternehmun- gen überlassen. Baldwin beschäftigte sich als­dann mit der Lage vor der Veröffentli­chung des Kohlenberichtes. Dieser be­sage. daß. falls gewisse Maßnahmen nicht er­griffen würden, über die Industrie iln* Herl hereinbrechen müsse. Man dürfe sich indessen keine übertriebenen Vorstellungen von der Möglichkeit einer Reorganisation des Bergbaues machen. Die Regierung sei ge­willt. alles zu tun, was die Produktivität der Kohlenindustrie vergrößern könne und das Kabinett sei zu dem bestimmten Entschluß ge­kommen, daß die Rückkehr zu längerer Arbeitszeit eine Rotwendig le it sei. Er habe sich in erster Linie von den Interessen der Arbeiter leiten lassen und glaube, daß eine Verlängerung der Arbeitszeit einer Lohnherabsehung vorzuziehen sei.

Baldwin hob in seiner Rede mehrmals her­vor, daß jetzt die Möglichkeit zur Wiederauftrahme der Derhairdlungen im Bergbau vorhanden sei, da die Grubenbesitzer bereit seien, für die nächsten drei Akonate in einigen Bezirken die alten Löhne weiter zu zahlen, wenn sich die Bergarbeiter, in Anbetracht der äußerst schwierigen Lage des Bergbaues bereit erklären würden, vorübergehend acht Stunden täglich zu arbeiten. Die Regierung denke meßt daran, das Arbeitszeitgesetz zu ändern. Sie würde jedoch dem Parlament einen Gesetz­entwurf vorlegen, nachdem für eine gewisse Zeit eine ileherftunbe täglich im Bergbau für zulässig erklärt wird. Diese Maßnahme der Regierung würde eine W i ed er au fn ah m e der Ver g- bauverhandlungen bedeutend erlerch- tern. Die Regierung wird die Vorschläge der Kohlenkommission in einen Gesetzentwurf um­leiten. Sollte jetzt ein neues Lohnabkom­menbeiverlängerter Arbeitszeit und bei teilwei se herabgesetzten Lohnen für einige Bezirke zustandekommen, so wird eine Regierungsh ilfe für den Bergbau tn Hohe mm drei Millionen Pfund nicht mehr notwendig sein. Aber trotzdem sei die Re­gierung bereit, diesen Betrag zur Unterstützung 1 des Bergbaues stets bereitzuhalten

' Der Genfer Zwischenfall.

Rom, 16. Iuni. (TU.) ImPopolo d'Italia" schreibt Mussolinis Bruder Arnaldo zu dem antifasziftischen Zwischenfall in Genf, es komme jetzt darauf an zu wissen, ob Genf den Delegierten beim Völkerbund die n o t° wendigen Garantien für objektive . Ausübung ihres Amtes geben könne. Es sei unmöglich, daß ein italienischer Delegierter in offizieller Mission Gast einer Stadt sei, wo in öffentlichen Versammlungen sein Land, seine Regierung und fein König beschimpft werden.

Die Oberleitung der italienischen faszi - stischen Partei hat die faszistische Sektion in Genf zu dem Angrif beglückwünscht, dem die Genfer Faszisten auf einer sozialistischen Versammlung ausgesetzt waren. In Mailand wurde vorsichtshalber vor dem schweizerischen Konsulat der Polizeiposten verstärkt und ein Kriminalbeamter hinzugezogen, da man eventuell Repressalien wegen des Vorfalles in Genf be­fürchtet. Der Generalsekretär der faszistischen Gewerkschaften, Rossoni, der zur Zeit auf der internationalen Arbeitskonferenz in Genf weilt, wurde von der faszistischen Parteileitung mit einer strengen Untersuchung der Vor­fälle betraut.

Amerikanische Stimmen zum Austritt Brafiiiens. Reuhork, 15. Iuni. (TU.) Die Reuyorker Zeitungen kommentieren zum ersten Male den Entschluß Brasiliens, aus dem Völ­kerbund auszutreten. Sie stellen sich fast einmütig auf den Stan dpunkt Brasi­liens. weil der Austritt Brasiliens aus dem Völkerbund diesen noch mehr als bisher 5um rein europäischen Bund mache. Der Herold" weist darauf hin, daß eine pan- amer ikanisch e Union einen Völker­bund für sich bedeuten würde. DerH er al d", World" und dieTimes" stimmen in ihren Kommentaren darin überein, daß der Austritt Brasiliens für den Völkerbund einen schweren Schlag bedeute.

Der Kampf im Elsaß.

Ein neuer Aufruf des Heimatbundes.

Berlin, 16. Iuni. (TU.) Wie die Morgen­blätter aus Straßburg melden, veröffent- sichte das Komitee des Elsaß-Lothrin­gischen Heimatbundes am Dienstag in der katholischen Presse des Oberelsaß einen neuen Auf ruf, in dem der Heimatbund erklärt, daß er von seiner Kundgebung nichts zurückzunehmen habe und daß er alle diejenigen in Schutz nehme, die von der Regierung gemaßregelt worden seien.

Der Ausruf schließt: Elsässer und Lothringer! Jeder neue Gewaltakt der Regierung beweist mehr denn je, von welchen Gefahren die elementaren Rechte in Elsaß-Lothruigen bedroht sind. Schließt euch also mehr als bisher zusammen zum Kampf für d i e natür­lichen Rechte des Landes.

Sanktionen.

Paris, 15. Iuni. (TU.) Das Generalsekre- tariat der elsaß-lothringischen Eisenbahnen gibt bekannt, daß die E i s e n b a h n b e a m t e n, die den Aufruf desHeimatbundes unter­zeichnet haben, ihrer Funktion enthoben und vor einen Untersuchungsausschuß gestellt werden, der über ihre Absetzung zu ent­scheiden hat. Der Arzt Dr. Druar, der eben­falls den Aufruf unterzeichnet hatte, wurde von drei Soldaten angefallen. Er flüchtete zu einem Freund, dem früheren Bürgermeister Beffrey. Die drei Soldaten drangen in die Wohnung ein und mißhandelten auch die Mitglieder der Familie Beffrey.

Ein neuer Aufruf gegen die Fürstenenteignung

Berlin, 15. Iuni. (TU.) Die Kathv- lisch e Vereinigung fürnationalePo- l i t i k hat an die Katholiken zu dem Fürsten- enteignungsbegehren folgenden Auf­ruf erlassen:Katholiken! Denkt an die fried­vollen Zeiten für Volk, Kirche u nd Staat unter den christlichen deutschen Fürsten! und daran, wie chr einst in jeder eurer Tau­sende von Versaurmlungen Treue zu Thron und Altar geschworen habt. Der gegen Moral, Recht und historisches Verdienst verstoßende Volksentscheid ist einzig und allein Angelegenheit der Rovemberleute, denen das deutsche Volk seine jetzige Rot ver- dantt, nicht aber ist er eine Angelegenheit ehr­barer christlicher deutscher Staatsbürger! Be­weist die geschworene alte Treue und haltet euch von dem unsauberen verbrecherischen Treiben des Volksentscheides fern!"

Aus aller Wett.

Religionsfcieg in Indien.

Wie aus Simle gemeldet wird, ist es in Pindi in der Nähe der Moschee zu blutigen Zusammen- ft ö ß e n zwischen Muselmännern und Sikhs ge­kommen, die einen aufruhrähnlichen Charakter an­nahmen. Erst der Einsatz von Militär konnte die wütend kämpfenden Parteien auseinander bringen. Die Zusammenstöße forderten acht Tote und 2 3 Verwundete.

Unruhen in Sowjetrutzland.

Infolge des Erlasses über die strenge Durchfüh­rung des Sparsamkeitsregimes ist es in Kaluga zu Zusammen st äßen zwischen entlassenen Arbei­tern der Textilfabrik in Kaluga und der Miliz ge­kommen.

Sturm an der chilenischen Küste.

Aus Valparaiso wird gemeldet: Während eines heftigen Sturmes schmierten vier chile­nische Dampfer und wurden gänzlich zer­stört. Fünf Schleppdampfer gingen unter, drei wurden schwer beschädigt, mehrere Leichterschiffe versanken. Man fürchtet Derluste an Menschen­leben und enorme Schaden an der Küste.

Eine russische Stadt abgebrannt.

Rach einer Meldung aus Moskau ist die Stadt Kotjelnitsch im Gouvernement Wjcttka fast gänzlich infolge einer Feuersbrunst zer­stört worden. Mehr als 7000 Einwohner seien obdachlos. Fast alle öffentlichen Gebäude wur­den ein Raub der Flammen. Die Zahl der Toten konnte noch nicht sestgestelft werden.

Ein gesunkenes Torpedoboot aufgefunden.

Das Wrack des im Herbst vergangenen Jahres mit der gesamten Besatzung von 54 Mann ge­sunkenen finnischen Torpedobootes 8.2 ist in der Nähe der finnischen Küste mit dem Kiel nach oben liegend aufgefunden worden. Die Bergung des Wracks wird infolge der großen Tiefe mit Schwie­rigkeiten verbunden fein.

Gestrandeter holländischer Dampfer.

Der holländische DampferAlderamin" ist auf der Fahrt nach Hamburg auf Mittelgrund f e ft g e r a t e n. Man hoffte zunächst, das Schiff mit einfetzender Flut flott zu bekommen, doch stellte es sich heraus, das es an mehreren Stellen l e ck ist. Nunmehr wurden Motorpumpen an Bord geschafft, um es leer zu pumpen.

Unwetter in Sachsen.

Aus ganz Sachsen kommen Rachrichten über anhaltende starke Riederschläge, die zum Teil große Verheerungen anrichteten. Die Pulsnitz und die Gottleuba sind über die Ufer getreten und verwüsteten Gärten und Felder. In der Dresdner Heide hat die Prießnitz mehrere Drücken sortgerissen und Hunderte von Bäumen entwurzelt. In Dresden selbst wurden tiefer gelegene Keller und Wohnungen vielfach über­schwemmt. Die Feuerwehr mußte wiederholt ein­greifen. Alle oberen Pegel der Elbe melden ein erhebliches Steigen des Wasserstandes.

Unwetter und Hochwasser in Schlesien.

Das Oderhochwasser ist infolge der unaufhör­lichen Regenfälle im weiteren starken Steigen be­griffen. Auch die Nebenflüsse der Oder führen große Wassermengen. Schwerer Unwetterschaden wird aus Ober- und Niederschlesien gemeldet. Die Getreidefelder haben fast überall großen Schaden erlitten. Die Heuernte ist vielfach völlig vernichtet. Im Gebirge nahmen die Stürme in der heutigen Nacht und am Vormittag orkanartigen Charakter an.

Neues Hochwasser des Neckars.

Infolge der starken Regenfälle der letzten Tage hat der Reckar erneut die Hochwassergrenze überschritten, so daß die Schiffahrt wieder ein­gestellt werden mußte. Vom Oberlauf wird starkes Steigen gemeldet.

Der Rhein steigt.

Die Meldungen über das Steigen des Ober­rhein haben in Düsseldorf besondere Beunruhigung hervorgerufen, da einem weiteren Steigen des Riederrheins die große Ausstellung gefähr­det ist, die bereits bei dem letzten großen Hoch­wasser im Dezember bis zu einem Meter unter Wasser stand. Der Rhein ist erneut um 22 Zen­timeter gestiegen und erreichte einen Stand von 3 64 Meter.

Politischer Zusammenstoß in Elberfeld.

In Elberfeld kam es nach einer nationalsozia­listischen Versammlung, in der Hitler gesprochen hatte,

auf der Straße zwischen Teilnehmern der Versamm­lung und 'Reichsbannerleuten, die einen Demonstra- tionszug gegen die Fürstenabfindung veranstalteten, zu Schlägereien. Drei Personen wurden ver­letzt. Die Polizei schritt ein und stellte die Ruhe wieder her.

Grabschändung.

Auf dem Friedhof in Kirchchrenbach (Bah.) hat sich eine unerhörte Grabschändung ereignet. Eine Frau wollte das Grab ihres Großvaters besuchen. Beim Instandsehen des Grabes stieß sie plötzlich auf einen erheblichen Teil eines Schweines, das erst vor ganz kurzen Zeit eingescharrt worden war. Es wird ange­nommen, das; ein Abergläubischer die Tat be­gangen hat, umGlück im Stall" zu haben.

Selbstmord in der Synagoge.

Der Vorsteher der Essener ©qnagogengemeinbe Levy hat in der Synagoge Selbstmord verübt. Schwierige Lebensverhältnifse sollen ihn zu diesem Schritte veranlaßt haben.

3m Schlafe ermordet.

Aus Göttingen wird gemeldet: Im benach­barten Geismar erschlug ein polnischer Arbeiter seinen schlafenden Zimmergenossen, den 23jäh- rigen August Pieper. Zu der Bluttat benützte der Mörder eine eiserne Wagenkapsel, mit der er die Schädeldecke des Pieper zertrümmerte. In schwerverletztem Zustande wurde Pieper in die Göttinger Klinik gebracht, wo er bald darauf seinen Verletzungen erlag. Der Mörder unternahm einen Fluchtversuch, wurde aber als­bald ergriffen und in das Gerichtsgefängnis übergeführt.

Ein Dolizeibeamter als Einbrecher.

Aus M.-Gladbach wird gemeldet: Einem Geschäftsmann tratt beim Aufsuchen feines La­gers am späten Abend ein Mann in Polizei-« uniform entgegen. Es war der Wachtmeister Dackweiler, der auf Raub aus ging. In seiner Wohnung wurde ein vollständiges Warenlager aufgefunden, das er sich überall zu­sammengestohlen hatte. Dieser eigenartige Hüter der Ordnung und Sicherheit sitzt jetzt hinter Schloß und Riegel und sieht seiner Bestrafung entgegen.

vom Vlih erschlagen.

Aus Bebra wird gemeldet: Bei einem starken Gewitter wurden die zwei Brüder Vogt aus Dö­britz vom Blitz getroffen. Der 17jährige Otto trug eine Sense auf der Schulter und wurde vom Kopf bis zu den Füßen vom Blitz durchschlagen. Er war o f o r t tot. Der 13jährige Bruder wurde be­täubt und vorübergehend gelähmt.

Der Fall Lessing.

Dor einigen Monaten hat Prof. Lessing von der Technischen Hochschule in Hannover in einer Prager Zeitung einen Artikel veröffent­licht, in dem er sich über den Reichspräsidenten von Hindenburg in einer Weise äußerte, die in den breitesten Kreisen des deutschen Volkes mit Recht einen Sturm der Entrüstung erregte. Dieses für einen deutschen Hochschullehrer ganz ungewöhnliche Verhallen zettigte zunächst ein par­lamentarisches Rachspiel im Preußischen Landtag, weiterhin aber auch ein Vorgehen des preußischen Kultusministers Decker gegen Professor Les­sing. Der Minister sprach Lessing in einem Erlaß seine entschiedene Mißbilligung aus, und gab dieser Rüge eine Form, die erwarten ließ, daß der Gemaßregelte daraus die. gebotenen weiteren Konsequenzen ziehen würde. Dies zu tun, hat Prvfeffor Lessing merkwürdigerweise unterlassen, vielmehr sein Lehramt weiterhin ausgeübt, als ob nicht das mindeste gegen ihn vorläge. Be­greiflicherweise hat sich nicht nur in den nationalen Dürgepkrersen, sondern auch in der Hannoverschen Studentenschaft gegen diesckn Herrn eine starke Erregung geltend gemacht, die sich neuerdings zu einer entschiedenen Abwehrstellung der Studentenschaft zuspitzte. Die Studierenden verwahrten sich dagegen, daß Professor Lessing nach dem Vorgefallenen noch weiter sein Lehr­amt ausübe, und da sie schließlich keinen anderen! Ausweg sahen, dieser Lehrpersönlichkeit enthoben zu toerben, traten sie in einen sog. Studenten-- streik ein. Das preußische Kultusministerium nahm nun seinerseits Stellung gegen die Stu­dentenschaft. und ersuchte die Hannoversche Hoch- schulbehvrde, unter Umständen selbst mit den schärfsten Mitteln gegen die streikenden Studieren­den vorzugehen, wobei man sich darauf berief, daß hier die Autorität des Staates und der Ge­setze zu wahren sei. Als die Studentenschaft in ihrem Abwehrstreik verharrte, erfolgte eine An­zahl Relegationen, worauf die Wellen des Streites weit über Hannover^ hinausschlugen. In zahl­reichen Universitätsstädten nahm jetzt die Stu­dentenschaft zu den Vorgängen in Hannover Stellung, wobei der größte Teil der Studenten! den Hannoveraner Kommilitonen seine Solidari­tät aussprach, während sich ein anderer, aller­dings der kleinere Teil der Studentenschaft, dem Vorgehen der Hannoveraner nicht angeschlossen hat. Professor Lessing, gegen den sich übrigens auch der weitaus größte Teil des Lehrkörpers der Technischen Hochschule Hannover, sowie ein­stimmig der dortige Magistrat aussprach, ist mitt­lerweile noch, einmal zum preußischen Kultus­minister beschieden worden, aber auch in dieser Unterredung ist keine Entscheidung gefallen, die der Mißbilligung des Ministers gegen Lessing den erforderlichen, prattischen Ausdruck gegeben hätte. Professor Lessing ist also bis zum heutigen Tage noch Inhaber seines Lehrauftrages, wah­rere ihn auf der anderen Seite die Studenten­schaft nach wie vor ablehnt.

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Gestern vormittag nahm die Gießener Studentenschaft in einer Studentenver­sammlung z.u der Angelegenheit des Prof. Lessing in Hannover Stellung. Die Versamm­lung beschloß die Absendung einer (SrElärnng an die Hannoveraner Studenten, worin die Gießener Studentenschaft den Hannoveraner Kommilitonen herzliche Sympathie zu ihrem Kampfe und die Billigung aller bisherigen Maßnahmen der Han­noveraner Studenten ausspricht, ferner betont, daß der Kamps gegen Prof. Lessing und feine Verteidiger bis zum letzten geführt werden müsse, und schließlich den Kommilitonen der Tech­nischen Hochschule Hannover erklärt, daß auch die Gießener Studentenschaft dem preußischen Kultus- ministerium Mißtrauen entgegenbringe. Als Aus­druck der Sympathie mit den Hannoveraner Kom­militonen blieb die Gießener Studentenschaft den ganzen gestrigen Tag über den Vorlesungen in der hiesigen Universität fern.

Daraufhin hat der Rektor öxer Landes- Universität folgenden Anschlag am Schwarzen Brett veröffentlicht:An die Gießener Studentenschaft! Die Gießener Stu­dentenschaft ist aus Anlaß der akademischen Vor­fälle in Hannover am heutigen Tage (15. Iuni) in denSympathiestreik" eingetreten. Man mag eine Stellung zu dem Anlaß nehmen «welche man will, ich muß es durchaus mißbilligen, daß die Studentenschaft politische Methoden auf aka­demische Verhältnisse anzuwenden sucht.

Der Rektor."

Zu dieser Erllärung des Rektorats wäre zu sagen, daß man allerdings nicht versteht, warum die hiesige Studentenschaft, deren Sympathie mit ihren Hannoveraner Kommilitonen wir durch­aus begretfen, den gestrigen Vorle.su ngen fernblieb, da zwischen dem Lehrkörper unserer Universität und unseren Studenten ja erfreulicherweise keinerlei Mißhellig­keiten bestehen. Es hätte sich doch wohl aud) eine andere, nicht minder wirksame Form finden lassen, um der Beurteilung des Falles Lessing durch die Gießener Studentenschaft ganz ein­deutig Ausdruck zu geben.

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Dem Vorbild der Studenten an anderen Hochschulen folgend hat jetzt auch die Studenten­schaft Marburgs und die dem deutschen Stu­dentenring angehörende Studentenschaft Frank­furts in dem gleichen Sinne wie ihre Gießener Kommilitonen Stellung genommen. Die Heidel­berger Studentenschaft hat sich ebenfalls gegen Lessing gewandt, aber ebenso wie Bonn einen Sympathiestreik abgelehnt. Das Frankfurter Kar­tell republikanischer Studenten wendet sich in einer Kundgebung gegen das Vorgehen der Hannoveraner Studenten. Prof- Lessing ist gestern abend auf telegraphische Aufforderung von neuem nach Berlin gereift, um heute wieder mit dem Kultusminister und dem preußischen Ministerpräsidenten zu verhandeln.

Au§ der provinzialhauptftadt.

Gießen, den 16. Iuni 1926.

LU. Von der Landesunioersität. Der ordenlliche Professor der Mineralogie und Petto- graphie an unserer Universität Dr. Scheu- mann hat einen Ruf auf das Ordinariat der Mineralogie an der Technischen Hochschule Charlot- tenburg erhalten.

** Aufgehobene Straßensperre. Die vom Polizeiamt am 17. Mai angeordnete Sperrung der Frankfurter Straße von der Straße Am Steg bis zur Eisenbabnüberführung Klein-Linden ist jetzt wieder aufgehoben worden, da die Walzarbeiten beendigt sind.

** Sie Abstimmungsbezirke für den Volksentscheid am nächsten Sonntag werden im heutigen Anzeigenteil von der Stadtverwaltung veröffentlicht.

** (Ein Transport erholungsbedürf­tiger Kinder ist auf Veranlassung des städti­schen Wohlfahrtsamts gestern abend mit dem Ham­burger v-Zug 10.18 ab Gießen von hier nach Brunshaupten-Arendfee an der Ostsee abgereift. Frohgemut trat die kleine Gesellschaft, 29 Köpfe stark, unter guter Begleitung die Fahrt an. Ende Juli kehrt die Schar hierher zurück. Für die Zeit vom 13. Juli bis 24. August soll ein weiterer Trans­port nach diesem Ostseebad geschickt werden, wozu Interessenten im heuttgen Anzeigenteil zur Anmel­dung aufgefordert werden.

-b. Städtische Heugrasversteige­rung. Bei der gestrigen Heugrasverfteigerung der Stadt Gießen wurden folgende Durchschnitts­preise pro Morgen erziell: von den Wiesen am Altentisch 65 Mk., am Utersbrmrnen 75 Mk., von den Ochsenwiesen "80 Mk., von den Wiesen im Stolzenmorgen 40 Mk.

* Der hessische Iugendfeiertag. Das Landesamt für das Dildungswesen hat an­geordnet, daß der diesjährige Iugendfeiertag in allen Schulen Hessens am 24. d. Mts. stattfindet. Für alle Veranstaltungen ist vorgeschrieben, daß nur Fahnen mit den Farben der deutschen Repu­blik (schwarz-rot-gold) und des Volksstaates Hessen (weiss-rot) mitgeführt werden dürfen.

ß. Schlechte Srnteaussichten für die Imker. Recht bitter hört man in diesem Iahre die Bienenzüchter klagen. Leider haben sie ein Recht dazu. Die Haupttracht ist nun bald dahin, und anstatt eine Ernte zu verzeichnen, mußten die Imker tief in den Säckel greifen und Zucker erstehen, um ihre Immen vor dem Hun­gertod zu bewahren. Auch die Bienenschwärme, deren es in trachtloser Zeit genug gibt, machen dem Imker viel Sorgen; er wird eine Vermeh­rung seiner Völker kaum vornehmen wollen. Die Bienenzucht ift schon, bedingt durch die Kriegs- jahre und die schlechten Erntejahre, um ein Drittel ihres früheren Bestandes zurückgegangen, ein weiterer Rückgang wäre im Interesse der Landwirtschaft, des Garten-, Obst- und Gemüse­baues sehr zu besagen. Hoffentlich hat der Wettergott bald ein Einsehen und läßt endlich die Sonne scheinen, damit die Blüten Rektar spenden, die Bienen ihren Sammeltrieb befriedigen kön­nen und der Imker süßen Lohn empfängt.

** Die Maul- und Klauenseuche ist jetzt in Köddingen, Meiches. Helpershain (Kreis Schotten) und in Dornholzhausen (Kreis Wetzlar) ausgebrochen. In Obererlenbach, Ober- Wöllstadt, Rieder-Rosbach, Ober-Eschbach, Grie­del, Ober-Rosbach, Dortelweil und Kirchgöns (Kreis Friedberg) ist die Seuche erloschen. In Geilshausen (Kreis Gießen) hat die Seuche nicht Wetter um sich gegriffen.

* Lichtspielhaus Bahnhofstraße. Das gegenwärtig gezeigte FilmspielFörster- chriftl" (nach der gleichnamigen Operette bear­beitet) verdient, als Meisterwerk der deutschen Filmkunst bezeichnet zu werden, da es nach keiner Richtung hin Wünsche offen läßt. Die flotte Handlung bewegt sich auf einheitlicher Linie, eine dem Riveau entsprechende, sehr geschmack­volle Ausstattung bildet den Rahmen, und ein Reigen von Prominenten wetteifert in der Dar­stellungskunst um die Gunst des Publikums. Zwei Glanzleistungen treten besonders hervor: LYa Mara als Försterchristl und Harry Liedtke als Kaiser Ioseph II., die eine prächtige Gestal­tung der Hauptrolle bieten. Von den übrigen Mitwirkenden, die ebenfalls ihr Bestes geben, seien genannt : Eduard von Winter st ein lFörster Lange), Wilhelm Sie t e r le (Korporal Földessy), Karl Harbacher (Hoffriseur Wal- perl) und Margarete Kupfer (Gräfin Segen» feld). Im Ganzen: ein Film, dessen Besichtigung mit gutem Grund nur empfohlen werden farm.

-z.