m. 242 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Zrettag, 15. ©Hoher 1926
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein: für den Anzeigenteil i.Dertr. H.Beck, sämtlich in Gießen.
Die Deutschnationalen zur Politik von Thorry.
Eine Rede des Grafen Westarp.
Karlsruhe, 14. Oft. (Wolff.) 3n einer Rede vor dem Deutschnationalen Landesverband führte der Parteidorsitzende Graf Westarp u. a. folgendes aus: Ein Blick aus das Ausland läßt es nicht möglich erscheinen, die von Driand in Thoiry gemachten Vorschläge einer Teillösung als eine Angelegenheit zu behandeln, die lediglich zwischen Frankreich und Deutschland zu erledigen wäre. Schon rein formell betrachtet, haben die übrigen ©laubiger i>er Dawesschuld entscheidend mitzureden. Das letzte Wort aber hat Amerika zu sprechen, dessen in engftex Fühlung mit ihrer Regierung stehende Banken das Geld für den ganzen Plan herzugeben haben. 3m übrigen ist bekannt, daß die umfassende Regelung der deutschen Reparationslast in Verbindung mit einer solchen der gesamten interalliierten Kriegsschulden im Auslande und insbesondere bei der amerikanischen Grohsinanz längst Gegenstand eingehender Erwägungen und Erörterungen ist. Wir sind nicht die „Ewig Gestrigen", sondern wir stützen uns auf die neuesten Erfahrungen, wenn wir behaupten, daß
in Frankreich die alte Einstellung auf den Kamps gegen Deutschland und um den Rhein noch nicht dem neuen Geiste der Verständigung gewichen ist. Reben dieser Warnung ergeben sich für uns sehr positive Forderungen an die deutsche Politik. Sie muh mit den anderen Mächten des Dawespaktes in enger Fühlung bleiben, um sich den Weg zur Annäherung an neue Machtkonstellation en, wie sie sich jetzt im Mittelmeer zu ergeben scheinen, ober an den Osten, nicht zu verbauen, insbesondere aber die weiteren Verhandlungen nur im Rahmen und unter genauester Beachtung unserer Beziehungen zu den Vereinigten Staaten führen. Engste Fühlung mit Amerika sollte auch in den Verhandlungen über die Abrüstung gehalten werden, die ihrem bisherigen Ergebnis nach doch geradezu als eine Farce und als Hohn auf das entwaffnete Deutschland empfunden werden muh.
Zur Frage der Regierungsumbildung erklärte der Redner u. a.: Die Stellung, die inzwischen vom Zentrum und der Deutschen Volkspartei eingenommen worden ist, verbesserte die Möglichkeit eines Zusammenschlusses der staatsbürgerlichen Kräfte zur Regierungsgemeinschaft im Reiche und Preußen und Sachsen nicht. Wir haben keinen Anlaß, irgendetwas an den auf unserem Kölner Parteitag bekanntgegebenen Grundlagen und Grenzen der Einigung zu änbern oder hinzu- zufugen. Somit haben die Parteien der Mitte ein klares unverwischbares Bild von der Ver- antwortang, die sie übernehmen, wenn sie daran festhalten, entweder mit der Sozialdemokratie oder in einer unsicheren Minderheitsregierung, die unter sozialdemokr ck schem Einfluß steht, gegen uns zu regieren. Solange die Mitte die Verantwortung tragen toiII, uns in der Stellung der Opposition zu belassen, werden wir unsere positive Arbeit auch in der Opposition entschlossen und mit wohlbegründeter Aussicht auf Erfolg fortfetzen.
Der Rückkauf der Saargruben.
Berlin, 14. Oft. CSU.) Das „Berliner Tageblatt" besaht sich heute mit der Frage des Rückkaufes der Saargruben. Von den Ausführungen, die offenbar auf Informationen von unterrichteter Seite zurückgehen, ist bemerkenswert, dah, ohne dah die Oesfentlichkeit etwas erfuhr, in früheren 3ahren bereits zwischen Deutschland, Frankreich und Reparationskommission über den Wert der Gruben sehr eifrig verhandelt worden ist. Während des Ruhrkonsliktes schlug die Aeparations- lommiffion einen Vergleich vor. Frankreich bezifferte den Wert mit 290 Millionen Mark. Deutschland nannte 480 Millionen und Repara- tionskommission 358 Millionen. Die Verhandlungen zerschlugen sich aber. Als anfangs 1925 die Frage erneut angeschnitten wurde, teilte Deutschland mit, dah es bereit sei, die von Frankreich vorgeschlagene Summe von 290 Millionen anzunehmen. Von dieser Summe wird man au$9£ven müssen, wenn man sich mit der Frage be£ Ruckkaufpreises beschäftigt. Die genannte Bewertung bezieht sich auf das 3ahr 1919. Inzwischen sind aber die Grupen weiter ausgebeutet worden und die französische Gruben- verwaltung hat in der Erkenntnis, daß Frankreich dre Gruben doch nicht behält, Raubbau getrieben. Die Summe, die Deutschland für den S^uL5xcten ^nn. liegt also bestimmt unter 290 Riillionen. Der Preis wird von einem deutschen und einem französischen Sachverständigen und einem neutralen Obmann festgestellt werden.
Eupen-Malmedy.
Vandervelde über Belgiens Außenpolitik.
Brüssel, 15. Oft. (SiL) Der belgische Außenminister Vandervelde empfing die Vertreter der ausländischen Presse und äußerte sich ausführlich über die belgische Außenpolitik, «r bedauerte zunächst, dah es noch vielzuviele Algier und Franzosen gebe, die glaubten, Deutschland wolle einen Revanchekrieg. Es gebe Ober auch noch zuviele Deutsche, die der Mei-
Die tschechisch-deutsche Koalition
Die ersten deutschen Minister in der Prager Regierung.
Der Eintritt der deutschen Minister in die tschechische Regierung ist zweifellos eine der größten Sensationen, die wir in der Politik in den letzten Jahren erlebt haben. Er kann, wenn er sich voll auswirkt, eine völlige Umwälzung der ganzen mitteleuropäischen Konstellation bringen. Me Tschechen hatten bisher nach außen hin immer die Auffassung vertreten, daß sie ein reiner Rational st aat wären. Die Tatsache der 3,5 Millionen Sudetendeutschen haben sie offiziell totgeschwiegen. Wenn jetzt die Deutschen in die Regierung eintreten, dann geben die Tschechen zu. dah sie allein nicht stark genug sind, ihren Staat zu regieren. Sie erkennen damit an, dah sie kein Rationalstaat, sondern etn Rationalitäten st aat find. Das bedeutet vom tschechischen Standpunkt aus gesehen allerdings sehr erhebliche Konzzessionen. Sie müssen aufhören, die Deutschen als Staatsbürger zweiter Klasse zu behandeln, sie müssen ihnen das Recht auf ihre Sprache und ihre Kultur versassungsgemäh gewährleisten, sie müssen überhaupt darauf verzichten, zwangsweise tfchechisieren zu wollen. Ganz leicht wird ihnen das bei ihrem starken Rationalismus nicht fallen, obwohl immerhin anzuerkennen ist, dah die Tschechen von allen in Versailles mit eigener Staatlichkeit bedachten Völkern den meisten realpolitischen Sinn bewiesen haben.
Die Gefahr bleibt nur, dah diejenigen Parteien, die jetzt mit den Deutschen paktieren, auch damit eine Politik mit doppeltem Boden betreiben. Sie können daraus hinarbeiten, dah sie die Deutschen lediglich als Mckenbüher benutzen, um ihre tschechische Politik über den toten Punkt hinwegzubringem, auf dem sie sich festgefahren haben. Das würde bedeuten, dah sie die Deutschen nur heranholen, um alles das mit ihnen durchzuführen, was innerhalb der tschechischen Koalition nicht zustandezubringen wäre, vornehmlich den Zolltarif und die Fmanz- gesetzgebung. Sind diese Ausgaben erfüllt, dann läuft die tschechische Politik wieder einige Jahre weiter. Dann könnte der Augenblick kommen, wo die Versuchung beginnt, den Deutschen einen Tritt zu geben und sie in die Opposition zurückzuwerfen. Sie hätten inzwischen vielleicht sogar geholfen, nicht nur den tschechischen Staat zu stabilisieren, sondern auch einen tschechischen Präsidenten wählen zu helfen, ohne etwas mehr nach Hause zu bringen, als die kurze Zeit der • Ministerherrlichkeit, die bezahlt würde mit dem Verlust des stärksten moralischen Postens, den eine Opposition in die Wagschale zu werfen hat.
Doch mit Bedenken allein macht man feine positive Politik, der Versuch muhte wohl gemacht werden, wenn wir auch die Führer der deutschen Partei um die Verantwortung nicht beneiden, die sie auf sich nehmen. Gelingt ihnen das Experiment, gelingt es ihnen, die deutschen Ansprüche, wie sie in dem Minimalprogramm feft- gelegt sind, zu sichern, dafür zu sorgen, dah Deutsche auch in der Verwaltung gleichberechtigt arbeiten können, dann haben sie den Weg für eine grobe innereuropäische Politik frei gemacht. Denn Bann ist die Tschechoslowakei ihres nationalistischen Charakters entkleidet. Es ist dann eine logische Folge, daß dieser Staat sich nicht als eine Darre hineinschiebt in das natürliche Wirtschaftsgebiet, das sich um Deutschland gruppiert, daß er sich vielmehr indiesesWirtschafts- gebiet ein gliedert und auch zu seinem eigenen Vorteil die Wege zu einer großzügigen Wirtschaftspolitik freimacht, bei der nicht nur die
Deutschen, sondern auch die Tschechen auf ihre Kosten kommen werden.
Das Kabinett Svehla vor dem Parlament.
Prag, 14. Oft. (TU.) Das Prager Parlament hatte heute einen großen Tag. Zum ersten Male feit dem Bestehen des Staates sitzen Deutsche auf der Ministerbank. Diplomatenlogen und Galerien find überfüllt. Ministerpräsident Svehla wurde besonders von den deutschtschechischen Parteien begrüßt. Bei der Rede des Ministerpräsidden- ten eilten zahlreiche Abgeordnete zur Ministerdank. Die Deutschnationalen machten dauernd scharfe Zwischenrufe. Sie verlangten wiederholt, Svehla solle, entsprechend dem nationalgemischten Charakter feiner Regierung, auch deutsch sprechen. Zum Schluß der Rede Svehlas erhob sich lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien. Die Regierungserklärung betonte, daß die neue Regierung im Grunde an das von Svehla im Dezember entwickelte Regierungsprogramm anknüpfen und damit die Kontinuität der Staatsregierung sicherstellen wolle. Die Hauptaufgaben der nächsten Zeit seien die Erledigung des Staatshaushalts und die Gesetze betreffend die Wehrmacht. Die mit der jetzigen Regierungsbildung gefundene Losung leite eine für die Entwicklung der Tschechoslowakei bedeutungsvolle Etappe ein. Sie sichere die Stabilisierung der Verhältnisse nach innen und nach außen durch eine G e - meinbürgschaft, an der die Angehörigen aller Schichten ohne Unterschied der nationalen, konfessionellen und sozialen Zugehörigkeit teilnehmen. Die Tschechoslowakei sei geradezu ein klassisches Beispiel für die enge Verbindung verschiedenartiger Kulturen. Die aus verschiedenartigen Kulturen entstandenen Differenzen werden zwar nicht verschwinden, aber, so erklärte Svehla unter dem Beifall der Mehrheit, wir werden nunmehr die Art und Weise der Erledigung dieser Streitigkeiten vervollkommnen. In dieser Richtung wollen wir neue Wege gehen. Svehla gab zum Schlüsse der historischen Bedeutung dieses Tages Ausdruck, indem er den Willen zu positiver Lösung der neuen Probleme Zwecks Schaffung eines harmonischen Zusammenlebens im Staate betonte und erklärte: Der unerschütterliche Glaube, daß wir für alle Zeit zusam- men sind und bleiben, macht es uns zur Pflicht, enger zusammenzuarbeiten, damit unser Zusammenwirken von Dauer sei. Die Demokratie, die die Lösung des sozialen und kulturellen Kampfes erzielte, werde auch die Lösung des nationalen Zusammenlebens und die nationale Zusammenarbeit ermöglichen.
Die Opposition.
Prag, 15. Oft. (TU.) Das Blatt der slo- wakischen Volkspartei in der Tschechoslowakei erklärt, die Partei werde einen scharfen oppositionellen Standpunkt ein- nehmen, weil die Lösung der slowakischen Frage von Svehla ignoriert würde. Im Parlament werde die Partei alles tun, um das Kabinett zu st ü r z e n und dadurch die Schaffung einer Regierung ermöglichen, die sich in erster Linie mit der Lösung der Frage der slowakischen Autonomie befasse. Durch diese unerwartete Haltung der slowakischen Dolkspartei ist die Frage der Mehrheit für das Kabinett Svehla im Parlament kritisch geworden. Dem Vernehmen nach verhandelt Svehla daher bereits mit den tschechischen Rationalsozialisten wegen Unterstützung der Regierung.
In einer Zusammenkunft der f a s z i st i s ch e n Verbände wurde gegen die Teilnahme der tschechischen Rationaldemokratie an der tschechisch- deutsch en. Regierungsmehrheit scharf Stellung genommen. ' Die Faszisten stellten den tschechischen Rationaldemokraten ein Ultimatum, binnen einer Woche aus der Regierungsmehrheit auszutreten und diese so in eine Minderheit zu verwandeln, andernfalls würde es zu einem Austritt der Faszisten aus der nat-.onaldemokratischen Partei kommen.
nung seien, daß die Franzosen am Rhein bleiben wollten. Eupen und Malmedy könnten solange nicht Gegenstand einer Erörterung sein als Deutschland seinen M a r k Verpflichtungen aus der Kriegszeit her nicht nachgekommen sei. Vandervelde gab dann der Hoffnung Ausdruck, daß nach erfolgter Abrüstung die Errichtung eines Bundes der europäischen Staaten möglich sein werde. Der Rücktritt S e e ck t s sei der beste Beweis für eine friedlich gesinnte Mehrheit in Deutschland. Die Reichswehr habe den Versuch gemacht, sich der Abrüstungsverpslichtung zu entziehen, so daß die Alliierten immer ein wachsames Auge auf sie hätten richten müssen. Wenn Deutschland abgerüstet habe, würden die anderen Länder diesem Beispiel folgen. Heber die in Thoiry angeknüpft?n Verhandlungen würden Belgien und England stets auf dem lausenden gehalten.
Italien und der Ztahltrust.
Mißtrauen gegen die internationalen Wirtschaftsverhandlnngen.
Rom. 14. Oft. (TU.) D^e große Beunruhigung, die der Stahltrust in Italien her- vorgerusen hat, steigert sich noch infolge der schwebenden Verhandlungen zwischen deutschen
und englischen Industriellen. „P0P0I0 d'Italia", das führende Mailänder Faszistenblatt, verurteilt die Industriemagnaten der reichen Länder, die unter der Flagge von „Locarno" gute Geschäfte machen und den pe'undesten Sator de5 wirtschaftlichen Lebens, die Konkurrenz ausfchei- den wollten. Italien, das der Bildung des Trustes mit großem Mißtrauen gegen» überstehe, könne vor allem nicht zugeben, daß die Erfolge einer bevorstehenden internationalen Wirtschaftskonferenz in Genf durch voraus- gehende Bindungen der wichtigsten europäischen wirtschaftlichen Verbände geradezu p r ä- jubiliert würden. Aus dieser Konferenz beabsichtige Italien seine Rohstoffe gegen die Rohstoffe der reichen Länder auszuspielen, um feinen geographischen Bedürfnisse gerecht zu werden. Es unterliege keinem Zweifel, dah Separat- a b f 0 m m e n, wie fie jetzt angestrebt würden, den Interessen der übrigen Mitglieder des Völkerbundes entgegen seien. Italien müsse darauf bestehen, dah industrielle Fragen von internationaler Bedeutung gleichzeittg mit Fragen der Rohstoffverteilung verhandelt würden. Der „Messagero" sieht in diesen Auslassungen des „Popolo d'Italia" die Hauptlinien der italienischen Politik.
Vertagung der Koalition Verhandlungen in Preußen.
Berlin, 14. Oft. Die Besprechung des IHiniffer- präfibenten Braun mit den Führern der Regierungsparteien über die Regierungsbildung war nur von kurzer Dauer. Sämtliche drei Regierungsparteien erklärten ihre grundsätzliche Bereitschaft zu Verhandlungen. Die Sozialdemokraten wiesen daraus hin. daß sie aus Gründen der inneren Geschäftslage sich außer st ande sähen, sofort praktisch zu verhandeln. Damit war die Besprechung beendet.
Winisterpräsident Braun wird am 3. November bei Wiederzusammentritt des Landtags dem Wunsche der jetzigen Regierungsparteien entsprechend mit den Fraktionsführern der Deutschen Volkspartei über die Umbildung der preußischen Regierung verhandeln und dann das Ergebnis dieser Besprechungen den Regierungsparteien mitteilen. Das „B. T." will sogar wissen, daß bei allen drei Regierungsparteien die Auffassung bestehe, dah die Koalitionssrage in Preußen nicht gesondert, sondern zusammenmit der Soalilionsfrage im Reich geregelt werden müsse. Die „Tägl. Rundschau" bemerkt zu der Vertagung der Verhandlungen bis zum Wiederzusammentritt des Landtags: „Wan kann sich Vörstetten, daß diese Art, eine wichtige Frage zu behandeln, in der Deutschen Volkspartei eine sehr starke Wihstimmung hervorgerufen hat. Wenn die weiteren Verhandlungen unter diesem vorläufigen Abschluß zu leiden haben, so wird man die Verantwortung dafür nicht der Deutschen volkspartei zuschreiben dürfen."
Der Reichslandbund gegen die Gröhe Koalition.
Berlin, 14. Oft. (WTB.) Der Bundesvorstand des Reichslandbundes hat zur Frage der Regierungsbildung in Preußen eine Entschließung gefaßt, in der eS heißt, dah der Reichslandbund jeden Schritt, der geeignet ist, den Einfluß der sozialdemokrattschen Partei zu schmälern, begrüßt, daß er jedoch in dem Beitritt der Deutschen Volkspartei zur jetzigen Parteiregierung in Preußen keinen derartigen Schritt sieht. Diese Bedenken würden durch die Tatsache verstärtt, daß die Sozialdemokraten den Beitritt der Deutschen Volkspartei in Preußen von einer gleichen Entwicklung im Reiche abhängig machen.
Die Rede Silverbergs.
Zustimmung des Reichsverbandes der deutschen Industrie.
Berlin, 10. Oft. (WTB.) Der Vorstand des Reichsoerbandes der Deutschen Industrie trat heute nachmittag unter dem Vorsitz von Geheimrat Pros. G. Duisberg zu einer aus allen Wirtschafts, gebieten des Reiches außerordentlich stark besuchten Sitzung zusammen. Auf der Tagesordnung stand in erster Linie die Aussprache über die Dresdner Mitgliederversammlung. Der Vorstand erklärte nach eingehender Aussprache sich einstimmig mit der vom Präsidium vorgelegeten Entschließung einoer- ftanben, die folgenden Wortlaut hat:
In der Präsidial-Vorstandssitzung des Reichs- verbandes der Deutschen Industrie wurde in Ver- bindung mit der Besprechung der Ergebnisse der diesjährigen Mitgliederversammlung auch die Re d e D r. Silverbergs, „Das industrielle Unternehmertum in der Nachkriegszeit", eingehend erörtert. Als Ergebnis dieser Aussprache wird einstimmig festgestellt: Die Mitglieder des Reichsverbandes der Deutschen Industrie sind bei ihren Reden und Bor- trägen in keiner Weise gebunden. Sie haben das Recht, ihre Meinung frei zu äußern und sind in keiner Weise einem Mehrheitsbeschluß unter« morsen. Das Präsidium und der Vorstand sind der Auffassung, daß sowohl das Bekenntnis der Unternehmerschaft zum Staat als auch die Aufforderung zur Zusammenarbeit zwischen der Unternehmer- und Arbeiterschaft nur eine neue Betonung der auch bisher von den Spitzenorganisationen der Industrie verfolgten Ziele darstellen. Das Präsidium und der Vorstand des Reichsverbandes der Deutschen Industrie begrüßen alle Bestrebungen, die geeignet sind, die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmern und Arbeitern zu fordern. Zu den parteipolitischen und parteitaktischen Auslegungen der Rede Silverbergs nehmen der Vorstand und das Präsidium keine Stellung, da es nicht Aufgabe des Reichsverbandes der Deutschen Industrie ist, Parteipolitik zu treiben.
Der Doiksburrdprozeh in Kattowitz.
K a 110 w i tz, 14. Oft. (WTB.) 3m Verlaufe des dritten Verhandlungstages äußerte sich der Polizeifommissar S b r 0 d n i e w i c z, der mit der Tlebertrachung des Volksbundes betraut war, daß die Tätigkeit des Bundes polenfeindlich gewesen fei. Er stützt sich namentlich auf ein Schreiben des Leiters des Landes-Schützenver- bandes in München, Dr. Zettl, der den Abgeordneten 11 l i h aufforderte, mit dem Landes- fchühenverband in eine engere Gemeinschaft zu treten. Da die Verteidigung die im Zusammenhang damit erhobenen Vorwürfe widerlegte, verzichtete das Gericht auf die weitere Vernehmung des Zeugen. Ebenso wurde von der Verteidigung die Behauptung des Leiters der politt- scheu Polizei der Wojwodfchast, Oberkommissar H 0 m e r a i n f f i, dah der Dolksbund die Oer» m a nisati 0 n mit reichlichen Mitteln unterstützt habe, widerlegt. Die Sitzung wurde hierauf auf morgen vertagt.


