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Mittwoch, 14. April 1926
Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr. 86 Zweites Blatt
Aus Natur und Technik.
Vas Wunder des Fernsehens.
Von Wilhelm Buchmonn.
Aus stillen Gelehrtenstuben und Laboratorien dringt von Zeit zu Zeil die Kunde von einem neuen Sieg des Menschengeistes in die breite Oefsentlich- keit, heute noch kaum geglaubt, morgen im Brenn- punkt des allgemeinen Interesses und übermorgen bereits Allgemeingut der Technik.
So ist denn auch kürzlich wieder ein alter Traum der Erfüllung entgegengereist: Dem Scharfsinn deut- scher Forscher und Erfinder ist es gelungen, Raum und Zeit für das Auae zu überbrücken. Zum Wunder des Jernhörens ist das Wunder des Fernsehens * von stehenden oder bewegten Bildern hinzugekom- men -- wohlgemerkt: des auaenblcklichen Fernsehens der Bilder nicht etwa bloß der einfachen Bildübertragung. Zwischen Fernsehen und Bildübertragung mutz man scharf unterscheiden und sich den grundlegenden Unterschied klar machen, wenn man die Schwierigkeiten erkennen will, die sich gerade dem Fernsehen entgegengestellt haben.
Bei der Bildtelegraphie handelt es sich darum, ein gegebenes Bild während einer in der Dauer
Diese Leistungen sind gewiß erstaunlich; zum Fernsehen genügen sie aber noch nicht. Dazu ist mindestens die doppelte Geschwindigkeit ersorderlich.
Das Bestreben von Dr. Karolus lief zunächst darauf hinaus, die Trägheit, wenn möglich, über- haupl auszuschalten, und für die einsache Bild- Übertragung ganz ohne irgendwelche bewegten Teile beim Empfänger auszukommen. Auf der Suche nach einem brauchbaren Ersatz für die Selen- zelle verfiel man auf die photoelektrische Zelle, die von Elster und Geltet bereits für wissenschastliche Zwecke durchgebildet worden war. Die Photozelle besteht aus einem als Kathode in einen Strom, kreis eingeschalteten Metallbelag in einem hochgradig ausgepumpten Glasrohr. Der negativen Kathode gegenüber steht die am Pluspol der Batterie liegende Anode. Dos auf die Kathode sollende Licht löst nun einen Elektronenstrom zur Anode aus, dessen Stärke der des einfallenden Lichts in den weitesten Grenzen ganz genau entspricht. Bei größter Empfindlichkeit arbeitet die Photozelle auch bei den höchsten Geschwindigkeiten praktisch träghöitslos. Die unmittelbar erhaltenen Stromstärken sind zwar sehr gering; mit den aus der
gebene Lichtrelais, das ohne irgendwelche bewegten Teile arbeüet. Kerr fand, daß die Schwingungsebene von einebenigem (polarisiertem) Licht, das zwischen zwei in Glas oder Schwefelkohlenstoff befindlichen Kondensatorplatten hindurchgeht, beim Anlegen einer Spannung an den Kondensator gedreht wird. Eine etwa sechzig mal stärkere Wirkung als beim Schwefelkohlenstoff fand Schmidt in Leipzig 1902 beim Nitrobenzol. Das Lichtrelais, das im wesentlichen aus einer Vorrichtung Aur Er- zeugung einebenigen Lichtes, dem Kondensatorbehälter und einer weiteren Vorrichtung zur Filte- rung des einebenigen LichteS besteht, konnte bisher keine praktische Anwendung finden, da es zu seiner Steuerung ziemlich hohe Spannungen braucht. Durch die Einführung der Verstärkerröhren wurde ihm aber die Bahn für Bildübertragungs- und Fernsehzwecke geöffnet.
Unser Bild 2 zeigt die grundsätzliche Anord- nung des neuen Bildübertragungsempfängers. Die in der Antenne aufgenommenen, von den Bild- zeichen überlagerten Schwingungen, werden nach Verstärkung in einem Hochfrequenzr'crstärker HFV durch einen Detektor D ober eine Audionröhre
Sender
Empfänger
nicht begrenzten Zeitspanne von einem Ort zum andern zu übertragen. Für das Fernsehen wird jedoch verlangt, daß das Bild im gleichen Augenblick am Empfangsart sichtbar wird, wo man mit der Übermittlung beginnt.
Diese Aufgabe ist nun durch den Physiker Dr. K a r o l u s vom Physikalischen Institut in Leipzig gelöst worden. Karolus ging bei seinen Arbeiten von der einsachen Bildtelegraphie aus, wie sie insbesondere durch Professor Korn von der Technischen Hochschule Berlin in jahrzehntelanger Ar- beit bereits zu einem hohen Grad der Vollkom- menheit entwickelt worden war. So sinnreich die bisherigen Vorrichtungen auch find und so fein sie auch ausgeführt sein mögen, ein Nachteil hastet ihnen doch an: die Trägheit. Hierin liegt der Grund, weshalb man die Bilder nicht in beliebig kurzer Zeit übertragen konnte. Auf der Sender- feite ist es die Selenzelle (sprich: Selenzelle), deren Widerstandsänderungen allzuschnellen Lichtschwan- klingen nicht mehr zu folgen vermögen; auf der Empsänaerseite liegen die Schwierigkeiten hauvt- sächlich in der Verwendung von Massen, wie bewegten Spiegeln, Blenden, Schützzungen (Relaiszungen) und dergleichen, deren Trägheit nie ganz auszuschalten ist. Es ist jedoch erstaunlich, bis zu welchen Feinheitsgraden man diese Vorrichtungen bereits gebaut hat. So hat das Schleifengalvanometer von Zeitz nur eine zu bewegende Masse von drei Hundertstel Milligramm, und der von v. Mihaly ersonnene Oszillograph vermag angeblich in der Sekunde 50 000 Schwingungen auszuführen.
gleichgerichtet und durch einen nachfolgenden Widerstandsverstärker WV der Karoluszelle K zuge- führt. In Reihe damit liegt die Batterie B, die die nötige Vorspannung von etwa 300 bis 400 Volt liefert. Die Karoluszelle ist ein kleines Wunder. Ihre Kondensatorplatten sind nur einige Millimeter lang, ihr Slbftanb beträgt nur ben Bruchteil eines Millimeters. Der Zwischenraum, burch den das einebenige Licht hindurch mutz, ist mit besonders gereinigtem Nitrobenzol angefüllt. Zur Erzeugung des einebenigen Lichts dient ein Nicolsches Prisma N 1, das aus zwei besonders geschliffenen Kalkspat- priemen zusammengekittet ist. Nur die einer Lichtquelle L entstammenden Strahlen mit einer bestimmten Schwingungsebene können durch das Prisma hindurch. Hinter der Karoluszelle ist ein zweites Nicolsches Prisma N 2 um einen bestimmten Winkel versetzt angeorbnet, und zwar so, daß die Schwingungsebene des einfallenden Strahls im Ruhezustand quer zur Durchlaßebene des Pris- mas steht. Es kann also kein Licht zur sich gleich schnell mit der Sendetrommel bewegenden Emp- sangstrommel T hindurch. Sowie aber eine Spannungsschwankung in der Zelle auftritt, ändert sich der Polarisationszustand des Lichtes durch sogenannte „Doppelbrechung", und im gleichen Matze kann Licht durch das zweite Prisma hindurchtreten.
Die Wunderzelle scheint überhaupt keine Trägheit zu haben. Wie Versuche gezeigt haben, sprach sie noch bei hundert Millionen Hertz, d. h. bei hundert Millionen Schwingungen in der Sekunde, tadellos an. Eine weitere unschätzbare Eigenschaft ist
Funktechnik allgemein bekannten, gleichfalls trägheitslos arbeitenden Verstärkern lassen sich die Stromreize jedoch leicht genügend verstärken. Für Bildübertragungszwecke wurde die Photozelle nun umgebaut. Während man früher mit durchfallendem Licht arbeitete, bedienen sich Telefunken und Dr. Karolus des zurückgeworfenen Lichtes.
Unser Bild 1 zeigt eine anschauliche Vorstellung von der neuen Sendeeinrichtung für drahtlose Bildübertraguna. Das Licht einer Lichtquelle L wird durch eine Linse zu einem ganz feinen Strahlenbündel gesammelt, dessen Spitze das auf einer firh drehenden und sich gleichzeitig in der Achsrichtung verschiedenen Trommel T befestigte Bild in einer Schraubenlinie von nur '/» Millimeter Steigung abtastet. Die Lichtspitze beleuchtet immer nur eine Fläche von ‘/zs Quadratmillimeter. Das von dieser Fläche zurückgestrahlte Licht fällt auf den aus allerfeinst verteiltem Kalium bestehenden Belag der Photozelle P, die ringförmig um das Lichtbündel herumgebaut Ist. Das „elektrische Auge", das durch die Ringform einem wirklichen Auge ähnelt, liegt im Stromkreis einer Batterie B von etwa 100 bis 200 Volk Spannung. Die durch das einfallenbe Licht ausgelösten Ströme werden in einem Verstärker V auf etwa 10 Milliampere gebracht und durch einen Ueberlagerer Ü auf den Sender S übertragen.
Für den Empfänger hat Dr. Karolus eine schon früher bekannte Vorrichtung zu ungeahnter Leistungsfähigkeit verbessert. Es handelt sich um das von dem englischen Physiker I. Kerr 1875 ange-
bte, dah sie sehr große Lichtmengen von Null bis zum Höchstwert zu steuern vermag. Das macht sie zum Fernsehen ganz besonders geeignet und allen anderen Lichtrelais weit überlegen.
Die hervorragend schönen Erfolge mit der vor- stehend beschriebenen Bildübertragungselnrichtuna — ein Bild von 10 mal 10 Zentimeter, das 250 000 Bildpunkte enthält, konnte über Kabel in eineinhalb Minuten, drahtlos sogar in nur 20 Sekunden von Berlin nach Leipzig übermittelt werden — ermutigten Dr. Karolus zum Bau eines Bildsernsehers. An die Stelle der sich drehenden Sendertrommel trat ein Diapositiv, das durch eine optische Bild- zerlegungsoorrichtung lOmal in der Sekunde von einem feinen Lichtstrahl In eng nebeneinander liegenden Linien abgetastet wurde. Das elektrische Auge, die Photozelle, setzte die Schwankungen des durch das Bild hindurchscheinenden Lichtes naturgetreu in Stromschwankungen um, die die Karolus- zelle des Empfängers ebenso getreu wieder in Licht- Schwankungen zuruckoerwandelte. An die Stelle der Empfangstrommel war eine Mattscheibe mit vorgeschalteter optischer Bildzusammensetzvorrichtung getreten, die den in der Zelle beeinflußten Lichtstrahl gleich schnell mit der Bildzerlegunasvorrichtung des Senders ebenfalls lOmal in der Sekunde über die Mattscheibe huschen ließ. Genau wie beim Kinobild verschmelzen die einzelnen Lichteindrücke Infolge der Trägheit des menschlichen Auges zu einem einheitlichen Bild. Das tm fernen Sender abgetastete Bild wird also im gleichen Augenblick im Empfänger wahr- genommen!
Ueber die näheren Einzelheiten des neuen Fernsehers kann aus naheliegenden Gründen nicht viel weiter berichtet. Als Ergebnis der Versuche sei nur noch erwähnt, daß eine Unterteilung irgendeines Bildes, gleich welcher Größe, in etwa 10 000 Bildelemente in den meisten Fällen genügt, und daß eine zehnmalige Ucbertragung in der Se- künde ausreicht. Es steht aber nichts Im Wege, genügend seine Zerlegungs- und Zusammensetz- Vorrichtungen zu bauen, die eine noch feinere Unterteilung erlauben. Die lichtelektrischen Heber- tragungseinrichtunaen halten jedenfalls noch eine wesentlich höhere Belastung aus.
Für Bildübertragungszwecke wurde eine ganz neue Gleichlaufvorrichtung erfunden, die nach einmaligem Vergleich die Aufrechterhaltung des Gleichlaufs zwischen Sender und Empfänger auf Stunden hinaus gewährleistet, ohne daß die beiden Apparate — was bisher der Fall war — irgendwie miteinander in Verbindung stehen.
Das Fernsehen ist wegen der hohen Bild- zeichengeschwindigkeiten — mindestens 100 000 Hertz — nur drahltlos auf kurzen Wellen möglich, da diese Zeichen nur solchen Wellen überlagert werden können, die ein Vielfaches der Zeichenschwin- gungen haben. In Betracht kommen nur Wellen- längen unter 300 Meter, also solche mit Schwin- gungszahlen von über einer Million Hertz, d. h. über einer Million in der Sekunde.
Der nächste Wetz, an dem Dr. Karolus bereits arbeitet, sührt zum Fernkino, also-zur Uebertragung lebender Filmbilder, von einer Sendestelle aus auf die Mattscheiben beliebig vieler Empfänger. Die Losung dieser Ausgabe wird zweifellos gelingen, unb es ist nur eine Frage des Geldbeutels, ob man in wenigen Jahren, anstatt in die Oper, nach House zum tönenden und sprechenden Film gehen wird.
Eine ganz große Aufgabe harrt jedoch noch der Lösung: die des Fernsehens wirklicher Gegenstände. Ansätze dazu sind schon vorhanden, theoretisch geht alles wunderschön, nur ein dunkler Punkt ist da im wahrsten Sinne des Wortes vorhanden: die zu geringe Helligkeit des durch das Objektiv eingefau- genen Abbildes. Hier tönt der Schrei des Erfinders mit dem Ruf des Dichters zusammen: Mehr Licht'.
Der schwankende Fels.
Don Professor Dr. Paul Kirchberger.
Don jeher hat die Frage, wie es wohl im Innern der Erde aussehen mag, die Phantasie unb die Wißbegierde der Menschen gereizt. 3n der Sage aller Völker ist die „Unterwelt" der Sitz des Geheimnisvollen, Furchtbaren, Schrecklichen oder auch, wie bei den alten Griechen, bloß der der stillen Trauer. Es ist selbstverständlich, daß auch unsere über so ausgrbaute Hilfsmittel verfügende Daturwissenschast dieser Frage näher zu kommen sucht. 3m wesentlichen bieten sich der Forschung hierzu zwei Wege, nämlich die Untersuchung der Schwerewirkungen der Erde und der Eigentümlichkeiten in der Fortpflanzung der Erdbebenwellen.
Die Schwerewirkung der Erde wird am genauesten durch die Aenderung in der Dauer der Schwingungen eines Pendels von bestimmter Länge erkannt. Daß die Schwere am Qkquator geringer ist als in nördlichen Dreiten und dah infolgedessen dort Pendeluhren langsamer gehen, ist schon seit Dewton bekannt. Seit jener Zeit weiß man auch, dah die Erde keine Kugel, sondern abgeplattet ist, und später stellte man fest, daß auch das Rotationsellipsoid ihre Gestalt nicht genau wiedergibt. Aber trotz ihrer keineswegs einfachen Form läßt sich die Schwerewirkung, die an jedem Ort bei gleichmäßiger Schichtung des Erdinnern eintreten müßte, berechnen. Ergibt nun die Messung ein hiervon abweichendes Ergebnis, so nmh man auf Unregelmäßigkeiten in der Dichte der Erdmasfen schließen. Z. D. kommt man, wie kürzlich Professor Angenheister (Göttingen) ausführte, auf diese Weise zu der Annahme, daß so gewaltige Gebirge wie etwa die Alpen und der Himalaja sozusagen auf zähflüssiger Unterlage schwimmen und allmählich ab- sinken.
Noch viel reicher ist die Ausbeute bei der Untersuchung der sich bei gewaltigen Erschütterungen der Erde, vor allem also der sich bei natürlichen Erdbeben bildenden Wellen; sie werden an sogenannten Seismographen gemessen; das sind schwere Pendel, z. D. in wagerechter ober senkrechter Ebene schwingende Pendelstangen ober auch durch Federkraft im Gleichgewicht gehaltene Körper, die infolge ihrer gewaltigen Masse ben Erschütterungen des Bodens langsamer folgen als ihre Unterstützungspunkte. Die Bewegungen dieser Körper werden entweder durch Zeiger übertragen und unmittelbar ausgezeichnet ober auf optischem Weg, indem ein Lichtstrahl von
einem auf dem Seismographen befestigten Spiegel zurückgeworfen wird, auf einer photographischen Platte sichtbar gemacht. Als Höchstwert kann man auf diese Weise eine millionenfache Vergrößerung erhalten, so daß Erschütterungen des Erdbodens von der Gröhe eines einzigen Atoms der Untersuchung noch zugänglich gemacht werden können. Die Schütterungen d^s Dovens bei Erdbeben werden verglichen mit künstlichen Schwankungen, die man z. B. dadurch hervorgerufen hat, bah man in bekannter Entfernung vom S ri'mographen eine schwere Eisenkugel auf den Fels fallen lieh, oder indem man Sprengstoffe explodieren lieh unb dergleichen mehr.
Die Wellen, die sich bei Erdbeben fortpflanzen, find von zweierlei Art: entweder, wie die des Schalls, Längswellen, d. h. sie bestehen in einer Bewegung in der Richtung der Wellen- fortpslanzung, oder sie beruhen auf seitlichen Verschiebungen, sogenannten Scheerungen, und sind dann den Querwellen ähnlich. Beide Arten pflanzen sich nun mit verschiedener Geschwindigkeit fort. Außerdem können sie sich entweder längs der gekrümmten Erdoberfläche ober auf gradlinigen Weg durch das Erdinnere bewegen. Der Weg durch das Erinnere kommt natürlich nur in Betracht, wenn Erfchütterungsherd und Beobachtungspunkt weit von einander entfernt sind. So werden im allgemeinen vier verschiedene Wellen beobachtet, unb der Zeitunterschied, mit dem sie eintreffen, ist der wichtigste Anhaltspunkt für die weitere Forschung, denn aus ihm lassen sich Schlüsse über ben Weg der Wellen im Erdinnern ziehen.
Durch zahlreiche Beobachtungen ist man zu der Vorstellung gelangt, daß die Erde aus verschiedenen, ziemlich scharf getrennten Schichten besteht. Der innere Kern aus Eisen oder Nickeleisen hat einen Halbmesser von etwa dem halben Erdhalbmesser; darüber kommt eine Kugelschicht, die aus Sulfiden besteht, also aus Stoffen, die wir von unseren Metallerzen her kennen, und darüber lagert sich eine SUikatschicht, deren Natur sich schon den Gesteinen der Erdoberfläche annähert. Trifft nun eine Welle auf eine Trennungsfläche zweier Schichten, so geht sie nicht glatt weiter, sondern wird ganz ähnlich rote die Lichtwellen beim Auftrefsen auf Glas ober Wasser aus ihrer Richtung abgelenkt, gebrochen. Wenn eine Welle eine innere Kugelschicht gerade streift, ohne in sie einzudringen, so muß eine benachbarte, die gerade eindringt, nicht unmittelbar neben der ersten, sondern infolge ihrer Ablenkung durch Brechung erst in erheblicher Entfernung von ihr an der Erdoberfläche anlangen. In dem Zwischenraum kommen keine Wellen an. Dieser merk
würdige Schluß ist durch die Erfahrung aufs Beste bestätigt; es gibt also auch bei Erdbebenwellen ganz ähnlich wie bei den sich in der Luft fortpflanzenden Schallwellen oder auch den Funkwellen eine Art „Zone des Schweigens".
Freilich sind alle diese Schlüsse nicht ganz so leicht und einfach zu ziehen, wie sie sich hier ausnehmen mögen; als größte Schwierigkeit bleibt immer die Unsicherheit bestehen, ob die Naturgc- fetze, die sich in den bescheidenen Größenoerhält- ni'ifen eines physikalischen Laboratoriums bewährt haben, auch für die Größenoerhältniffe der Himmelskörper ihre Geltung behalten. Da gilt es also kühne wissenschaftliche Phantasie mit Kritik und Vorsicht zu verbinden, und man kann wohl sagen, daß, so sehr sich auch die Beobachtungen häufen mögen, die Wissenschaft hiermit nie zu Ende kom- men wird. So werden auch noch künftige Geschlechter die Inschrift des Göttinger seismographischen Institutes zu erfüllen trachten: „Ferne Kunde gibt dir der schwankende Fels; deute die Zeichen!*
Zwischen Himmel und Erde.
Don Professor Dr. Küster mann.
Wenn auch wohl mit keinem Wort ein größerer Mißbrauch getrieben wird, als mit dem alten Ham- letwon, daß es noch mehr Dinge zwischen Hirn- mel und Erde gäbe, als sich unsere Schulweisheit träumen lasse, so ist das jedenfalls richtig, daß, wie die Welt überall voller Rätsel ist, so insbesondere auch der Raum „zwischen Himmel und Erde" des Merkwürdigen genug bietet. Schon die Fortpflanzung des Lichtes durch den leeren, von keinerlei Stoff erfüllten Raum wird allen denen unüberwindliche Schwierigkeiten machen, die in der Anschaulichkeit, d. h im Vergleich mit den uns wohloertrauten Bewegungsoorgängen, die Aufgabe der Naturwissenschaft sehen. Aber auch wenn das Licht den leeren Raum verlassen und die Grenze der Atmosphäre erreicht hat, hören die Rätsel nicht auf. Die Luft läßt bekanntlich den überwiegenden Teil der Lichtstrahlen ungehindert hindurch; einen Teil aber zehrt sie auf, und merkwürdige Wirkun- gen rühren daher, daß nicht alle Bestandteile des Lichtes in gleicher Weise von der Luft geschwächt werden. Diese hält nämlich die blauen Strahlen mehr zurück als die roten. Das Farbengemisch, das unser Auge für gewöhnlich erreicht, erscheint diesem als farbloses oder weißes Licht; natürlich nicht, weil ihm diese Eigenschaft an sich zukommt, sondern weil sich das Auge an dieses Licht gewöhnt, besser gesagt, unter seinem Einfluß als Auge entwickelt hat. An und für sich wäre es natürlich ebenlo gut möglich, daß wir auch das Licht der Abend
oder Morgensonne, das einen besonders großen Weg in der Luft zurückzulegen hat und daher einen besonders großen Teil (einer blauen Strahlen ein- büßt, für weiß hielten, während es dem dem gewöhnlichen Licht angspaßten ülupe bekanntlich als rot erscheint; nebenbei bemerkt ist das rote Licht beim Auf- ober Untergang keine Eigentümlichkeit der Sonne; alle anderen Sterne sehen, wenn sie am Horizont stehen, auch rötlich aus, und man braucht also, wenn man dort einen rötlichen Stern sieht, durchaus nicht anzunehmen, daß es ausgerechnet der Mars sei, wie es die Leute tun, die von der ganzen Sternkunde nur das Schlagwort vom rötlich schimmernden Mars behalten haben. Daß das von der Luft zurückgehaltene blauen Licht im Blau des Himmels roietwr zum Vorschein kommt, wird uns danach keine Schwierigkeiten machen.
Könnten wir umgekehrt den Lichtweg durch die Luft vermeiden, so würde die Sonne wegen des unlerm Auge ungewohnten Reichtums an blauen Strahlen bläulich erscheinen, während die Farbe des Himmels schwarz wäre. Wir würden dann a die Sterne, sofern wir nicht gerade in die Richtung der Sonne Dürften unb von ihr geblenbet würben, mit ber Sonne zugleich am Himmel erstrahlen sehen. Im Raum innerhalb ber Wanbelsternbahnen herrscht also gewissermaßen Tag unb Nacht zugleich.
Viel mehr Schwierigkeiten bereitet eine andere Wirkung der Luft auf das Licht, nämlich die Brechung. Durch sie werden alle Sterne etwas in die Höhe gehoben, unb zwar um so mehr, je näher sie bem Horizont stehen. Beim Untergang ober Aufgang erscheinen Sonne unb Monb, weil ihr unterer Rand stärker in die Höhe gehoben wird als ihr oberer, nicht kreis-, sondern eiförmig. Auch bas eigentümliche Funkeln ber Fixsterne ist eine Wirkung ber Lichtbrechung in ber Luft; benn das von diesen Sternen in unser Auge gelangendes Strahlenbündel ist so außerordentljch dünn, daß irgendeine Ungleichheit in der Temperatur ober Dichte der Luft, die der Strahl auf feinem Wetze durchsetzt, gleich bas Licht des ganzen Sternes verändert, während uns die Wandelsterne infolge ihrer Nähe einen dickeren Lichtstrahl und damit ruhigeres Licht zusenden.
Viel Kopfzerbrechen macht diese Lichtbrechung den Astronomen, denn sie fällt je nach Temperatur und Dichte der Luft verschieben aus; bie Temperatur unb Dichte sinb uns aber leiber nur in ber Nähe der Erdoberfläche bekannt, und so kommt es, das jener Professor nicht so unrecht hatte, der seine Vorlesung mit den Worten begann ..Meine Herren, man kann die Luft zwar nicht sehen; sie isi aber doch nicht so einfach, wie sie aussieht.


