m. 2H Erster Blatt
176. Jahrgang
Montag, <5. September 1926
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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
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General-Anzeiger für Oberheffen
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An- zeigenteil i. Dertr. H. Beck, sämtlich in Dießen.
„Comedie frangaise“.
P Don unserem Genfer Sonderberichterstatter pr Dr. v. Renteien.
f Genf, 11. September.
Der Völkerbund hat feinen Feiertag gehabt. Das Fesk" ist verrauscht, die Reden sind verklungen. Cs ist nicht anders gekommen, als es vorauszusehen war. Schon am Donnerstag abend sah man gegen 6 Llhr eine Menschenmenge zu Wagen und zu Fuß die Straße zum Bahnhof hinabströmen. Die deutsche Delegatton traf ein. Ohne offiziellen Empfang. Ohne Begrüßung. Durch die abensonnenvergoldeten Straßen rollten die schweren Mercedeswagen zum Hotel Metropole. Bis in die Rächt hinein wurden die Straßen und der schmale Englische Garten, der das Hotel vom blinkenden Genfer See trennt, von Schaulustigen umlagert. Einige DegrühungÄ- worte richtete Stresemann an die Presse. Dann senkte sich die durchsichttge sternenklare Rächt über die Berge, den See und die Stadt.
Von den frühen Morgenstunden des nächsten Tages ab umlagern Reugierige und zahllose Photographen den Eingang zum Reforma- tionsfaal. Die älebersülle des Sihungsraumes ist unüberbietbar. Die Hitze noch unerträglicher als sonst. In der Versammlung herrscht festliche Stimmung. Die Verifikation der Vollmachten der deutschen Delegation wird von der Versammlung zur Kenntnis genommen, dann bittet der Vorsitzende die Vertreter Deutschlands, chre Sitze einzunehmen. 2ln der Eingangstür steht ein Mann, der seine Arme wie Windmühlenflügel bewegt, worauf Stresemann in der Tür erscheint und im Kreuzfeuer der Scheinwerfer, Kurbelkasten und photographischen Apparate, unter donnerndem Applaus der Anwesenden zu den deuttchen Sitzen hinschreitet. Ihm folgen Herr v. Schubert und Dr. Gaus. Alle drei nehmen Platz, während die übrigen deutschen Herren in der Nähe der Bühne verbleiben. Mit kurzen Worten begrüßt Präsident R in- t ch i t ch die Deutschen und erteilt Stresemann das Wort. Sichtlich irritiert durch den grellen Strahl des Scheinwerfers, der ihm vom Platz auch auf die Rednertribüne nachhüpft, beginnt er seine Rede. Zum erstenmal in der Geschichte des Völkerbundes hört man von dieser Stelle aus die deutsche S prache. Sie wird hier nicht weniger verstanden, als die englische oder die französische; Las sieht man an der Aufmerksamkeit, mit der die Anwesenden der Rede folgen und sie oftmals spontan Lurch Händeklatschen unterbrechen. Sie ist kurz und für Genfer Verhältnisse sachlich. Man hätte vielleicht genauere Angaben über die Aufgabe, die sich Deutschland im Völkerbund stellt, gewünscht, aber man soll nicht mit der Türe ins Haus fallen und dann erfordert die Atmosphäre dieses Hauses stets eine bestimmte Tonart.
Ie weiter der Redner kommt, um so häufiger zieht er das Taschentuch, um sich den perlenden Schweiß von der Sttrne zu streichen. Die Hitze ist wahrhaft tropisch. Im Saale herrscht lautlose Stille. Mit gespannter Aufmerksamkeit schaut Chamberlain, zur Tribüne hingewandt, dem Redner von unten her ins Gesicht. Gesenkten Hauptes hört Briand zu. Unbeweglich am Pulte verharrend, bringt Stresemann in tönenden, klaren Worten seine Rede zu Ende. Ihr folgt anhaltender Beifall.
Der Vorsitzende erteilt Briand das Wort. Wieder, flammen die Scheinwerfer auf und Frairkreichs Vertreter steigt zur Tribüne hinauf. Er ist unbestritten einer der besten Redner dieser Versammlung, aber deutscher Art fremd und fast ein wenig lächerlich. Mit breitem Pathos beginnt er seine Rede. Er feiert den Tag, er feiert die Gelegenheit, ja, er feiert eigentlich — sich selbst. Er verschmäht nicht, seine ältesten Ladenhüter hervorzusuchen, die bereits so oft von ihm gehörten Wendungen von den bluttriefenden Wegen, die man zu verlassen gewillt sei, um sich schöneren, höheren Aufgaben zuzuwenden, usw. Er findet aber auch manch' feine zwischendurchgleitende Bemerkung an die Adresse der Deutschen. Immer häufiger wendet er sich gerade an diese. In vorsichtigen, schmeichelnden Worten zieht er unbemerkt Grenzen, stellt Wegweiser hin. Man hat den Eindruck, als webe 'hier, wie unabsichtlich, eine Spinn» ferne, wohlerwogene Maschen. Dazwischen streut er einen Scherz ein, daß alles ins Lachen gerät.
Aber dann überschlägt sich sein Pathos. Er tippt mit dem Zeigefinger abwechselnd in den Saal, ailf Stresemann und auf seine Brust. Wirft die Fäuste gen Himmel und schüttelt die Mähne. Läuft auf der Bühne wie ein wildes Tier auf und ab, bald brüllend, bald zu unverständlichem Flüstern herabsinkend. Da beugt sich oben ein — wohlgemerkt — französischer Iourna- pft zu einem Kollegen hinüber und flüstert ihm leise, aber deutlich vernehmbar zu: „Comedie f r a n gai s e“ ... Ia, Herr Briand, keine Sieger und keine Besiegten? Eitel Friede und Gleichberechtigung? Wir sind es, denen man an unsrem Rhein die gepanzerte Faust um den Hals schnürt, w.r sind es, denen man das Mark aus den Knochen zieht, um Tribute zu erhalten, wir sind es, deren Land man elementarer, menschlicher Einsicht zum Hohne, verstümmelt hat. wir sind es,... gegen die heute noch Militärlonventionen geschlossen werden. Liegt Polen so weit und ist die Reise von Paris nach Genf so lang, daß diese Singe dem Gedächtnis entschwanden?
Aber es ist gut. Cs tann zugegeben werden, öatz die Genfer Luft friedlich gestimmte Reden erfordert, auch wenn sie den Tatsachen weit vor- ouseilen. Die kommenden Arbeiten des Völkerbundes werden ja genügend Gelegenheit geben,
Das Attentat aus Mussolini.
Der Diktator unverletzt. - Der Attentäter verhaftet.
Hom, 12. Sept. (Wolff.) Das bereits am Samstag aus Genf gemeldete Gerächt vor einem Attentat auf Mussolini, bestätigt sich. Die „Agenzia Stesani" verbreitet darüber folgende amtliche Meldung: Am Samstagvormittag kur; nach 10 Ahr durchfuhr das Automobil Mussolinis, der von der Villa Torlonia zurückkehrte, und sich aus dem Wege nach dem Palazzzo Ehiai befand, den Platz der Porta Pia, als ein junger Mann namens Erntete Gio- vann 1 ni, von Beruf Steinmetz, eine Bombe gegen den Wagen schleuderte. Die Bombe traf das Seitenfenster des Automobils, fiel dann auf die Erde und explodierte, während der Wagen feine Fahrt forkfehte. Durch die von der sehr starken Explosion herrührenden Splitter wurden vier vorübergehende Personen leicht verletzt, die in ein Spital gebracht wurden. Der im Jahre 1908 geborene Attentäter wurde sofort durch die Polizisten, die Mussolinis Auto begleiteten, verhaftet. Er erklärte, er sei an diesem Morgen vom Auslande zurückgekebrt und besitze keinen Pah. Mussolini ist gänzlich unversehrt. Er widmete sich sofort im Palazzo Chigi seiner gewöhnlichen Tätigkeit.
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Zu dem Attentat wird weiter gemeldet: Sobald dec Chauffeur des Degleitautos sah, daß gegen das Auto Mussolinis eine Bombe geworfen wurde, fuhr er auf den Attentäter zu, der die Flucht ergriff, als er sah, daß er verfolgt wurde. Die zweite Bombe, die er warf, explodierte nicht. Die Polizeibeamten schafften den Attentäter in ein vorüberfahrendes Auto und brachten ihn zur Polizeidirektton. Dort erklärte Giovannini, daß er aus Frankreich eigens zu dem Zweck gekommen sei, um ein Attentat auf Mussolini auszuführen. Er sei erst morgens in Rom angekommen und habe sich in einem Cafe in der Rähe der Porta Pia auf- gehalten, um die Stunde der Vorbeifahrt Mussolinis abzuwarten. Giovannini trug einen Revolver mittleren Kalibers und Dum-Dum- Gefchosse bei sich. Rach dem Verhör wurde Giovannini in einem geschlossenen Auto nach dem Gefängnis abtransportiert. Auf dem Platz Collegio Romano kam es zu Kundgebungen gegen den Attentäter. Sobald die Nachricht von dem neuen Attentat in Rom bekannt wurde, bemächtigte sich der Stadt eine ungeheure Erregung. Der Herzog von Aosta, die Minister und Staatssekretäre, die Botschafter und Missionschefs sprachen im Palazzo Chigi vor, um dem Ministerpräsidenten ihre Glückwünsche auszusprechen. Mussolini empfing eine Deputation von Beamten des Ministeriums des Aeußern. Der Ches des Kabinetts, Marquis E a l b o l i, überreichte ihm einen Blumenstrauß mit einer Schleife in italienischen Farben. Kurz nach 1 älhr verlieh Mussolini den Palazzo Chigi und kehrte, von der Menge mit begeisterten Zurufen empfangen, nach der Villa Torlonia zurück. Dem Papst wurde die Nachricht von dem Attentat um V212 Tlhr von Monsignore Pizzardo übermittelt. Er ordnete sofort an, daß Mussolini Glückwünsche zu dem Scheitern des Attentats übermittelt würden.
Mussolini an das Volk von Rom.
Eine Warnung
an die Adresse Frankreichs.
Rom, 11. Sept. (WTB. ©tefani.) Mussolini hielt vom Balkon des Palazzo Chigi folgende Ansprache an die Menge: Römer! Schwarzhemden! 3n den begeisterten Rufen, mit welchen ihr mich zum dritten Male auf diesem Balkon begrüßt (Rufe der Menge: Zum letzten Male!), fühle ich eueren ganzen Glauben, eure vollständige Ergebenheit. (Rufe aus der Menge: Ia,
ja!) Bevor ich zu euch von der Episode spreche, die mich betrifft, will ich vor euch jenes hehre Bild des faszisttschen Kameraden, der an demselben Tage vor zwei Iahren in Rom durch verbrecherische Hand gefallen ist — Armando Ca s a- lini — heraufbeschwören. (Rufe: Hoch Casalini. Mussolini hebt die Hand zum Faszistengruh.) Ich werde euch wenig, aber wichtiges sagen. Zunächst wünsche ich, daß nach Beendigung der Kundgebung die öffentliche Ordnung nicht gestört werde. Ein großes Volk wie das italienische hält seine Nerven allen Ereignissen gegenüber vollkommen in seiner Gewalt. Eine so große Partei, wie es zweifellos die faszistische Partei ist, gibt sich vollkommen davon Rechenschaft, daß in keiner Hinsicht gegen die oberste Disziplin der Nation verstoßen werden darf. (Lebhafter Beifall.) Aber ich will von diesem Balkon aus einige ernste Worte sprechen, welche von denjenigen genau ausgelegt werden sollen, an die sie gerichtet sind: Man muß Schluß machen mit einer gewissen strafbaren und unerhörten Duldsamkeit jenseits der Grenze (bei diesen Worten wird der Beifall so stark, daß Mussolini gezwungen ist, einige Minuten zu warten, bevor er fortsahren kann), wenn man wirklich auf die Freundschaft des italienischen Volkes Wert legt, eine Freundschaft, welche Ereignisse dieser Art verhängnisvoll gefährden könnten. (Der lebhafte Beifall erneuert sich mit größerer Stärke. Man hörte Rufe: Die Freundschaft ist bereits gefährdet.) Nach reistiher UeEeriegung kam ich zu der Lleber- zeugung, daß man andere Maßnahmen ergreifen muh. (Zurufe: Den Galgen!) Dies sage ich nicht um meinetwillen (Zurufe: Um deinetwillen, denn du bist die Nation!), denn ich lebe wirklich gern in Gefahr (Ruse aus der Menge: Nein, nein!), sondern um des italienischen Volkes willen, das mit Anstrengung sich emporarbeitet; denn es ist seine Pflicht, sein Vorrecht, seine Hoffnung und sein Ruhm. Das italienische Volk darf nicht immer wieder aufgestört werden durch einige wenige Verbrecher. (Langanhaltender stürmischer Beifall.) Wie wir das System des andauernden und immer wiederkehrenden Generalstreiks unterdrückt haben, so wollen wir Schluß machen mit der Reihe von Attentaten, selbst tz enn wir zur Todesstrafe greifen müssen. (Stürmischer Beifall.) Auf diese Weise wird es immer schwieriger werden, das faszistische Regime und die Ruhe des italienischen Volkes in Gefahr zu bringen. (Stürmische Beifallsrufe.) Ihr wißt, daß ich, wenn ich im- mittelbar zum Volke spreche, feine leeren Worte mache. (Wir wissen es, wir wissen es!) Aber ich kündige hier nur Maßnahmen an, die ich mit Zähigkeit und systematisch durchführen werde, Maßnahmen, die tief gegründet sind auf den Charakter des neuen faszisttschen Italiens. Mussolini zieht sich darauf unter stürmischen Beifallsrufen, Tücherwinken und Hüteschwenken der Menge zurück. Die Musik spielte das Faszisten- lied Giovinezza.
Frankreich und das Attentat.
Scharfe Angriffe
in der italienischen Presse.
Rom, 11. Sept. (WTB.) Zu dem Attentat auf Mussolini schreibt die „Gi o r na le d'Ita - [ia: Wir wollen mit aller Ruhe, aber auch mit aller Entschiedenheit sagen: Cs ist an der Zeit, daß die verantwortliche französische Regierung ihre Aufmerksamkeit lenkt auf die Tragweite und die Folgen der eigenartigen Gastfreundschaft und die Freiheiten, die den Feinden des italienischen Faschisnrus, sowie
ihrer Agttatton und ihrer Organisation gegen die italienische Regierung gewährt werden. In Italien findet man es unerträglich, daß eine fremde Regierung auf ihrem Territorium die Veröffentlichung von Zeitungen und die Agitation von Ausländern gestattet, die sich als tatsächliche Aufforderung Aum politischen Verbrechen gegen die Regierung Italiens kennzeichnen lassen. Man muß die Lage unbedingt klaren. Man muß wissen, ob Frankreich wenigstens neutral bleiben will in dem Kampfe zwischen dem italienischen Faschismus und dem Antifaschismus, oder ob es im Gegenteil den Antifaschismus unterstützen will und so die Mitverantwortung eigenartiger Natur an den Verbrechen, welche aus, dieser Agitation hervorgehen, auf sich nehmen will, mit Rücksicht daraus, daß diese Zerbrechen geistig auf französischem Territorium vorbereitet worden, sind. Bei der Aktivitä! dieser Elemente, welche die französische Regierung geduldet oder geschützt hat, während sich die italienische Nation einmütig um den ersten Minister schart, will Italien klar sehen, wo sich seine Freunde und wo sich seine Feinde befinden.
Der Attentäter.
Berlin, 13. Sept. (W. T. 2. Funkspruch.) Nach Dlättermeldungen aus Rom zufolge hat der Mann, der den Anschlag auf Mussolini aus- führte, falsche Personalien angegeben, er heißt in Wirklichkeit Gino ßucettt Er befand sich schon seit dem 2. Februar in Rom. Da die Polizei annimmt, daß er das Werkzeug einer w eitverzweig t en Verschwörung ist, wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. — Nach einer Pariser Meldung soll der französische Geschäftsttäger in Rom bei Mussolini offiziell gegen den oben wieder- gegebenen Artikel des „Givrnale d'Italia" protestiert und der Erwartung Ausdrua gegeben haben, daß die italienische Regierung Maßnahmen gegen eine Irreführung der öffentlichen Meinung in Italien ergreifen werde.
Mussolinis Zuversicht.
London, 13. Sept. (W. T. B. Funkspruch.) Nach einer Reutermeldung aus Rom erklärte Mussolini dem Handelssekretär der britischen Botschaft, der sich unmittelbar nach dem Attentat verabschiedete, es sei zwecklos, Anschläge auf sein Leben zu machen, da ihm vorausge- s a g t worden sei, daß er nicht eines gewaltsamen Todes sterben werde. Er glaube an Prophezeiungen. „Daily Graphic" schreibt, es werde allgemeine Befriedigung in England herrschen, daß Mussolini dem neuen Anschlag entgangen tft, aber weniger Befriedigung über Den phantastischen und unberechtigten Gedanken, daß Frankreich mit diesem Attentat mehr oder weniger in Verbindung gebracht werde. „Daily News" schreibt, wenn gewissen Stellen der nach dem Attentat gehaltenen Rede Mussolinis ernste Bedeutung beigemessen werden solle, so könne es fraglich sein, ob die Rettung Mussolinis das Heil Italiens war.
Diplomatische Glückwünsche.
Moskau, 12. Sept. (TU.) Der Vorsitzende des Vollzugskomitees der Sowjetunion, K a l i p i n, und der Außenkommissar Tschitscherin haben an Mussolini ihre Glückwünsche zu seiner-Errettung vor den Folgen des Bombenattentats gesandt. Der russische Botschafter in Rom, Kerschenzew, wird diese Glückwünsche in persönlicher Audienz Mussolini aussprechen. — Auch der deutsche Geschäftsträger in Rom hat dem Ministerpräsidenten die Glückwünsche der Reid)sregierung übermittelt.
die Worte in Taten umzusetzen. Die deutschen Vertreter sind in dieser Beziehung die wertvollsten Mitarbeiter. Kein Land der Welt erstrebt mit größerer Aufrichtigkeit den wahren Frieden der Gleichberechtigung, als Deutschland.
Unter donnerndem Beifall steigt Briand zu seinem Platze hinab. Der Kanadier F o st e r schwenkt sein riesiges, buntaewürfeltes Taschentuch und schmettert aus vollem Halse ein dreifaches Hip, Hip, Hurra! Selbst ein gelungener Fußballmatsch hätte ihm keine gröstere Begeisterung entlocken können. Der Eintritt Deutschlands ist so etwas wie ein Triumph Frankreichs geworden.
Die deutschen Vertreter verblieben Briands Rede über in ruhiger Haltung und spendeten seinen Versicherungen, in Zukunft aufrichtige Zusammenarbeit leisten zu wollen, warmen Beifall. Weiter hinten sah man um Nansens Mundwinkel skeptische Falten. Aehnliches spiegelte sich in den Mienen mancher Vertreter ehemals neutraler Staaten. Man sah, trotz des unbestrittenen Erfolges Briands, manche Hände, die ruhten. — Nack) und nach verließen die Versammelten den Saal. Draußen wiederum ein Kreuzfeuer der Photographen. Als die deutschen Herren ins Freie traten, um das nur wenige Schritte entfernte Hotel Metropol zu Fuß zu erreichen, brach ein förmliches Hindernisrennen der Kameramänner und Schaulustigen los. Eine Schar kurbelnder, knipsender, schreiender, stoßender Menschen mit sich ziehend verschwanden sie im Hotel. — Das Fest ist verrauscht.
Bssprechungen-erLocamsmächte Vandervelde und Briand bei Strefe- mamt. — Eine erste Fühlttnqnahme.
Genf, 12. Sept. (TU.) Die Besprechungen zwischen Dr. Stresemann einerseits und V ander oelde und Briand andererseits, die dem deutschen Außenminister in den Morgenstunden des Samstag nacheinander einen Besuch abftatteten, werden von deutscher Seite als erste Fühlungnahme bezeichnet, die die wichtigen Verhandlungen der nächsten Tage in Genf einleiten soll. Es liege auf der Hand, daß in den bevorstehenden Besprechungen zwischen den westeuropäischen Staatsmännern und dem deutschen Außenminister alle diejenigen Probleme erörtert würden, die im Augenblick politisch im Vordergrund stehen, vor allem die Frage der Rheinlandbesetzung, des Saargebietes, der Räumung der Rheinlandzone und die handelspolitischen Fragen, die immer noch einer endgültigen Lösung harren. In diesen Verhandlungen werden Vandervelde und Chamberlain als Vermittler zwischen Frankreich und Deutschland auftreten. Die erste Fühlungnahme ist in den freundschaftlichsten Formen verlaufen und hat bei den Beteiligten den besten Eindruck für die weitere Zusammenarbeit erweckt. Doch darf in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß nicht nur Fragen, die Frankreich und Deutschland berühren, im Vordergrund des Interesses stehen. Eine Reihe von Problemen allgemeinpolitischen Charakters, die gkeichfalls in einer Aussprache geklärt
werden sollen, wurde aud) gestreift, so vor allem die Frage des p o ln i s ch e n R a t s s i tz e s und die anderen Kandidaturen auf die nichtständigen Ratssitze. Samstag nachmitag erwiderte Stresemann Vandervelde seinen Besuch und stattete um 6 Uhr Chamberlain einen ersten Besuch ab. Mit Briand war Dr. Stresemann bereits am Freitagvormittag vor der Eröffnung der Vollversammlung kurz zusammen.
Sonntagsruhe in Genf.
Genf, 13. Sept. (SIL) Der Sonntag ist, sotveit man in den Abendstunden den Eindruck hat, polittsch ruhig verlaufen. Die meisten Dele- gattousführer und Delegierten haben Ausflüge in die Umgebung von Genf unternommen. Reichs- außenminifter Dr. Stresemann begab sick) im Automobil nach Chamonix, desgleichen der englische Außenminister Chamberlain. Der in den späten Nachmittagsstunden einsetzcnrde starke Regen führte die den Tag der Ruhe aus- nuhenden Staatsmänner und Delegierten allerdings frühzeittg wieder nach Gens zurück. Am heutigen Montag finden Kommissio ns ve r - Handlungen statt. Eine Einberufung der Vollversammlung ist bisher noch nicht erfolgt. Am Vormittag tritt die Redaktionskommission der ersten juristischen Kommission zur redaktionellen Ausarbeitung des Projekts der Ratserweiterung zusammen, das nach Durchberattlng in der morgigen Nachmittags- sihung der Unterfommiffion sowie in der nächsten Vollsitzung der ersten Kommission, die am Dienstag stattfindet, der Bundesversammlung zugehen


