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Nr. 289 viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffenl Zreitag, 10. Dezember 1926

Der Sammler aus Aunft und Wissenschaft.

GberhMcher Seschichtsverein.

Dr. Waas: Eigenkirchenrecht und Jnvestiturstreit.

Aul Einladung deS Olcrh.'ssifchen GcfchichtS- vercins sprach S>v. Adolf -di a a ä über .Eigen» kirchenrecht und Investitur ft reit". Der Vortragende, der. bevor er die Leitung der städtischen Bücherei und Lesehalle in Darmstadt übernahm, an der Stadtbiblivthrk zu QUanu tätig Dar, hat sich schon seit einer Reihe von Jahren mit den Fragen beschäftigt, die er in seinem Dortrag anschaitt. DaS von ihm gewählte Thema kann insofern als dankbar bezeichnet werden, als .die au« mehrfachen Einzelwurzetn von bedingter Bedeutung entspringende Bewegung zuletzt in autzerordentlich.'m Mähe die Geschicke des Heiligen Ad mischen Reiches Deutscher Ration beeinflußte.

Gegen Ende des 11. und zu Beginn deS 12. Jahrhunderts, so führte der Dortragende aus. robte in ganz Deutschland ein Kampf, den wir uns nicht erbittert und verbissen genug vorstellen können. Hut ein kleiner Teil davon ist der Stampf von Kaiser und Papst um die Einsetzung der Bischöfe, der unter dem Damen Investitur­streit bekannt ist. Die Chroniken reden von Haß, Feindschaft und Erbitterung in diesem Kamps, und die Urkunden sind Zeugnis davon, vor allem die Fälschungen, die überall in Deutschland 'n diesem Kampf entstanden, und di« mir aus der Massensuggestion eines erbitterten, von reli­giösen Antrieben geförderten Streiten- zu er­klären sind. In jedem lleinen Kloster, in jeder Pfarrkirche kämpfte man darum, ob weltliche Große, Könige. Herzöge. Grafen oder Ritter, über das Kloster verfügen. Herrenrechte in Gericht und Verwaltung ausüben sollten, oder ob sie nur nach Wunsch des Ables das Kloster alS seine getreuen Dögte das ausüben sollten, was dem Geist­lichen sein Stand nicht gestattete: Gericht und Waffenschuh. ES ist der große Kampf, der sich auf sich selbst besinnend«! Kirche gegen das Eigenkirchenrectzt. das lange Jahrhunderte hin­durch für da« kirchliche Leben bestimmend war. Es ist bi« erste große Revolution, die Deutsch- lond erlebte, und die erste geistige Bewegung, di« Deutschland in großen Teilen seines Volkes erschüttert", und zwar wandelt sich eine zunächst rein resigiöse Bewegung in eine kirchendolitische. um dann ganz ins Gebiet der Politik sich zu ver­lieren. die relig'öse Bewegung aber versanden zu lassen. Auch die deutsche Eigenkirche war ur­sprünglich religiös erfordert, da- Mifftvns- christentum der Karolingerzeit als Religion der Könige und des Adels, die erst allmählich die Gesamtheit deS Volkes zu sich Herangehen will, konnte ln einer Missionskirche nicht anders auf­gebaut fein, es brauchte den Schuh des Königs und bas Adels, sein Wille, das Thristentum durchzusetzen, war die allein treibende, haltende Kraft. Langsam schafft sich daS Thristentum Raum und schafft eigene« christliche« Leben, das sich Im Mönchtum zunächst äußert. Di« Klunia- ^enserbew«gung ist erste« Zeugnis dafür. Don Lothringen aus dringt sie in Deutschland ein. oerändert hier aber vollständig ihren Eharakter. Sie findet die Eigenkirche vor und glaubt in ihr ein Hemmnis für die Entwicklung christlich-kirch­lichen Lebens zu sehen, da« überwunden werden muß. wenn Entfaltung möglich sein soll. Damit ist der Kampf auf Tod und Leben gegeben, der m jedem Klösterlein. aber eb<mso auch in Rom ausgefochten werden muß. Darüber geht aber die warm« religiöse Kraft, die der Bewegung zunächst auch in Deutschland innewvhnte. ver­loren und der politische Kampf bleibt allein, die Revolution. die da« deutsche Königtum in aller Tiefr erschütterte. Ursache dieser Revolution sind nicht, toi« man von kirchlicher Seite auS damals glaubte. Entartungen der Laienqcwolt. Mißbrauch. Anmaßung de« Patrons oder de« Bogt«, sondern man stand gegen uralte«, be­stehende« Recht aus. Es ist aber auch nicht, tote man aus Seit' der Laien glaubte, grundlose Verhetzung und Agitation, nicht Mutwille und Herrschlust, sondern eS ist di« notwendige Lebens» Üußerung neuen religiösen und kirchlichen Lebens, das sich neue Lebensformen suchen mußte. Recht steht hier gegen Recht, historische« Recht de« Ge­wordenen aegen biologische« Recht des Werdens

und Wachsens. Das deutsche Königtum wurde aber damit alles Halte« beraubt, die Kirchen waren seine Stühe. Auch die Eristenz des Adels war entscheidend bedroht, auch sein Reichtum waren seine Kirchen, und feine Macht seine llrch- lichen Bogt ei en. Darum der erbitterte Kampf. Das Königtum erlag, es konnte gegen Papst. Laien fürsten und die ausstehenden Eig-nk.rchcn sich nicht behaupten. E« brach in diesem Kamps zusammen. Auch das Laiensürstentum wurde lange entscheidend gelähmt und mußte vieles an Wacht an die geistlichen Fürsten abtreten. Doch Laien­fürsten und geistliche Fürsten bleiben Sieger, sie teilen sich in die Beute deS Königt:ms und in die Dogteiherrschaften über Kirchen. Klöster und Kirchengüter, die nicht befreit werden. 5>enn di« Beseitigung der Sigenkirch« gelang meist nicht, sie wandelte sich in die Landeshoheit und das landesherrliche Patronatsrecht der weltlichen oder geistlichen Fürsten. Auch di« Entwicklung der Laiengewalten lahmte der Kampf lange Zeit hindurch. Äur die geistlichen Staaten hatten Vor­teil von dem Kampf, da sie dort, wo Bogtfreiheit. Aufhebung der Gigenkirchenrechle der Laien durch­gesetzt wurde. Schutz und Herrschaft über dies Kloster an sich zogen und da« Kloster damit deren neuen Staaten einverleibten. Das um 1075 aber so starke religiöse Leben der Bewegung erstarrt, bis eine neue Welle neue Impulse, nach Deutsch­land brachte. Do bedeutet dicssr große Kampf für unsere Geschichte eine« der tragischsten Er­eignisse. di« mit Rotwendigkeil erwachsene Revo­lution der deutschen Kirchen erscheint so als kri- ttscher Wende Punk! unserer Geschichte.

Die Zuhörer dankten dem Vortragenden durch ihren Beifall für seine Ausführungen, die erkennen ließen, daß er auf dem in manchen einzelnen Punkten strittigen Gebiet gut bewan­dert ist. Dr. W.

verein für öas Deutschtum im Ausland.

Prof. Aubin: Das Deutschtum in Böhmen und Mähren.

Dor ,^urzem hatte die Iugendgruppe des Vereins für das Deutschtum im Aus­land zu einem Vortrag eingeladen, für den es gelungen war. Prof. Dr. Aubin von der hiesigen Universität als Referenten zu gewinnen. Der Redner sprach in hochinteressanten Aus­führungen über das Deutschtum in Böhmen und Mähren. Zwei über da« Deutschtum in Böhmen und Mähren aufgestellte Theorien, deren An­hänger sich scharf befehden, so führte der Redner au«, müssen kritisch untersucht werben. Die äl­teste und bis vor einigen Jahren allein herr­schende, begründete die Anwesenheit der Deut­schen in Böhmen und Mähren mit einer Ein­wanderung aus dem benachbarten deutschen Grenzgebieten, die von der slawischen Bevöl­kerung wegen der Hebung dec Kultur und Er­weiterung und Verbesserung der Wirtschaft gerne gesehen werde eine These, di« sich aus päpst­liche ilrhmben auS dem 13. Jahrhundert, die Schwierigkeit der Kirchenverfassung infolge der deutschen Einwanderung betreffend, stützt. Diese, von dem Tschechen Balatzktz ausgestellte Idee lebte nach dem Zusammenbruch Oesterreichs und Deutschland« wieder auf und fand in dem Pra­ger Professor Bretholz, der schon 1912 diese« Problem in seiner Geschichte von Böhmen und Währen behandelt hatte, eine sich stet- sie gernd« Gegnerschaft. Richt allein um eine deutsche Ko­lonisation in Böhmen und Währen handelt es sich nach seiner Ansicht, sondern um eine deutsche Urbevölkerung. Ursprünglich bewohnten die Dojer die genannten Länder, die sich jedoch nach dem Stnfall der Markomarmen mit diesen vermischten. Wahrscheinlich infolge des Druck« der nachdrängenden Slawen wanderte der größte Teil von ihnen im 6. Jahrhundert nach Bret- holzens Theorie allerdings erst im 8. Iabr- hundert nach Bayern aus, woraus die ein- dringenben Slawen Tschechen genannt da« ganze Gebiet in Besitz nahmen. Run geht die Behauptung Bretholzens dahin, daß nicht erst im 13. Jahrhundert die Deutschen als Ko- lonisationsbevöllerung Böhmen und Mähren be­siedelt hätten, sondern daß nur ein Teil der

markomannlschen Bevölkerung das Land ver­lassen hätte, der andere aber seine alten Wohn­sitze bcibehalten habe. Dieser germanisch-teutlche Rest fei dann allerdings gegenüber den slawi­schen Tschechen in den Hintergrund getreten, habe jedoch durch die deutsch« Kolonisation im 13. Jahrhundert jene Stärkung erfahren, die für den allgemeinen Aufschwung deS Landes von so großer Bedeutung wurde. Mit dieser seiner Theorie will Bretyolz den Beweis führen, baß da« deutsche Element in Böhmen und Mähren Pri- vattechte hat: eine wichtige Tatsache, die dem­gemäß von der tschechischen Regierung innerhalb Der Politik Berücksichtigung fordere. Wie stellte sich nun der Vortragende zu dieser Frage? Richts weist nach Prof. Aubin« Ansicht aus die Richtigkeit der Bretholzfchen Theorie hin. Ge­schichtsschreibung. Sprachwissenschast und Ar­chäologie. die HilsSnnttel einer jeden exakten Geschichtsuntersuchung, können keinen positiven Beweis dafür erbringen oder lassen Doppel- deutungen zu. Die karolingische Geschichtsschrei­bung von 805 nennt Böhmen al« ein von Sla­wen bewohntes, durchaus national einhei».cheS Land. Rirgends findet sich unter den Aufzeich­nungen Karls des Großen über Rechte der Deutschen eine Spur von einem eigenen deut­schen Stammesrecht in Böhmen, so tote auch kein Rest des Ehristentums aus der martern an» nlschen Periode zurückgeblieben war, da di« Für­sten Mährens sich in Byzanz wegen der Ein­richtung einer eigenen slawischen Kirch« wandten. Mit Hilfe der Sprachwissenschaft läßt sich nur die von niemand bestrittene Tatsache der Anwesen­heit von Deutschen vor den Tschechen beweisen. Die überwiegende Menge der Ortsnamen weist ganz deutlich auf die jüngere Periode, die Ko­lon isationsperiobe des 13. Jahrhundert« hin. Alte deutsche Grunbworte wie -heim, fehlen ganz, ^o wie man auch die alten bajuvarischen Damen auf -stätten. -Hofen, -Hardt und -rieb vergeblich suchen wird, was der Germanist Edward Schröder (Götttngen) überzeugend nach­gewiesen hat. Die zurückgebliebenen Reste der Markomannen waren also entgegen Bretholzen« Theorie so gering, daß irgend ein Einfluß auf sprachlichem wie auf archäologischem Gebiet nicht festzustellen ist, denn mir zwei archäologische Funde auS dem 6. und 11. Jahrhundert könnten als Spuren der urdeutschen böhmischen Bevöl­kerung angesehen werden. Auch beutet die Dia­lektmischung auf böhmischem und mährischem Ge­biet überzeugend auf die spätere Kolonisations- zeit hin, da eine zahlenmäßig größere marte- mannische Restbevöllerung einen einheitlichen Sprachgebrauch vorausgesetzt hätte. Einen sehr guten Beweis für die erst seit dem 19. Jahr­hundert anzusetzende Anwesenheit größerer deut­scher DevbllerungSgruppen sieht Fell? Heinrich Schmidt in der von diesem Jahrhundert ab ein­tretenden sprunghaften Entwicklung der Kultur, die auch auf politisch-wirtschaftlichem Gebiet eine plötzliche war, daß sie keine allmähliche Wand­lung vom Volksstaat zum Territorialstaat kannte. So müssen wir nach Ansicht deS Redners die Theorie von Brecholz alS verfehlt ablehnen, denn die Kontinuität im Sinne Bretholzens gibt es eben nicht. Aber letzten Ende« ist e« ja müßig, um einige 100 Jahre zu rechten, da feit dem 13. Jahrhundert mit der deutschen Einwanderung und deren Rach kommen bi« auf unsere Tage vor allem deutsche Kulturttäger die wesent­lichen Grundlagen für den jungen tschechoslowa­kischen Staat gefegt haben. Dr. A. W.

lieber Tierpsychologie.

Dor kurzem sand im Deethovensaal in Ber­lin ein außerordentlich interessanter. Vortrags­abend statt. Der Gießener Tierpsychologe UniversitätSprosessor Dr. H. Kraemer sprach über das ThemaKönnen Tiere den­ken?" Prof. Kraemer kam alS ernster und an­erkannter Wissenschaftler zu dem Ergebnis und Glaubenssatz:3a. das Tier denkt. Das hoch­entwickelte Tier übt in einfacher und untempll- zierter Weise eine eigene selbständige Denk- tätigkeit aus und läßt sich nicht nur durch den Instinkt leiten. Unterschiedlich zum Menschen ist diese Denktätigkeit etwa wie bei einem Kind« und einem hochentwickelten, erwachsenen Men­schen." Es wurden im Lichtbilde di« verschieden­

sten Gehirne gezeigt, vom winzigen Fisch- und Amphibiengehirn an in Aufwärtsentwicklung biS zum Hunde und Menschen. Hochinteressant ist nicht nur die verschiedene Größe de« Gehirn« denn auf die Masse allein kommt e« nicht an bis zu einer gewissen Grenze, wichtiger noch ist die verschiedenartige Falten- und Zur- chenverästelung im Gehirn. D.efe Furchen und Falten sind beim entwickelten Tiere vorhanden. Besonders hervorgchoben wurde, daß diese Lichtbilder vom toten Tier genommen wur­den: der Vortragsabend wurde vomWeltbund zum Schutz der Tiere und gegen die Vivisektion" veranstaltet.

Gesellschaft für Grd- und Völkerkunde Gießen.

Dr. Klüpscl: Ltudicnreisen in den Bereinigten Staaten.

Dor der Gesellschaft für Srd- und Völker­kunde sprach im stark bcfctj.cn Saale der Reuen Aula Privatdozent Dr. Walther K 1 ü p s e l. Gießen, über seine 6tubienic.,e;i in den Bereinig­ten Staaten. Der Vortragende wies daraus hin, daß seine wissenschastlichen Beobachtungen Spe­zialvorträgen Vorbehalten bleiben sollen, und daß die reichen milgebrachten Materialien, na­mentlich die Bodenproben erst eine eingehende Bearbeitung erfahren müßten, bevor RähereS darüber mi geteilt werden könne.

Dorausge.chickt wurden allgemeine Eindrücke über Land und Leute, welche, wie der Red­ner betonte, in Auswahl und Darstellung bi« zu einem gewissen Grad« subjektiv fein müssen, da jeder Reisend« in fremdem Lande immer nur einen beschränkten Ausschnitt des flehen« kennen lernt. Der Redner ft reifte kurz den LandschasiS- charakter und gab einen Uebcrbllck über da« bunte Dölkergernisch der Eingewanderten und über die farbigen Rassen. Dabei ging er des' Räheren ein auf das Wesen des Amerikaner« selbst, über welches bei unS vielfach noch falsche Vorstellungen bestehen. Dabei hob der Redner die Diszipliniertheit, die Ehrlichkeit und da« un­gezwungene Wesen des Amerikaners lobend her­vor. Er betonte, daß die Sicherheit auf dem Lande in den Süd- und Weststaaten größer sei al« in Europa. Zum Schluß wurde auf die Aus- wanderungSsrage ein gegangen und davor ge­warnt, ohne genügende Geldmittel auSzuwandern oder sich auf Derwandte drüben zu verlassen.

Im zweiten Teil seines Vortrages brachte Dr. Klüpfel instruktive Lichtbilder fast ausschließ­lich nach eigenen Ausnahmen. Don ReuorleanS mit feiner Interessanten französischen Altstadt ging «S quer durch die sumpsigen Riederungen Loui­siana« nach den Prärieen am Dols von Meriko in Te?a«. Anschaulich erläutert waren die Wir­kungen der Rordstürm«. welche da- Land zeit­weise heimfuchen und ein katastrophale« Vieh­sterben verursachen. Heber El Paso am Rio Grande ging die Reis« nach Reumeftko un6 Arizona, wo di« giganttsche Schlucht d«S Solo- radoftuffe«, da« Grand Eanhon, daS Apachen­land mit seinen Riefenkakteen und die Gegend von TuScvn besucht wurden. Die Umgebung von Qo« Angele« (Kalifornien) mit ihreck wunder­vollen altspanifchen Millionen und den imposan­ten Erdölfeldern war in vielen Bildern ver­treten. Gntlana der pazifischen Stüfte wurde die Reise über das reizvolle Monterey nach Dan Franzisko fortgefeht und vom Mi. Tamalpai« mit seinen Sequoia-Wäldern di« Aussicht auf die im Meer ertrunkene Landschaft de« Golde­nen Tore« genoßen. Hebet die Slerro-Revada hinweg galt ein Besuch der wegen ihrer Gold- und Silbererze berühmten Mohave-Wüste. Quer durch Revada führten dann die Reisebilder nach Utah an den Großen Salzsee tinb nach ©alt Lake City am Fuße der schneebedeckten Kette der Wasatch Mountains. Der gewaltig« Tage­bau der Kupfergrube Bingham zeugt von dem Mineralreichtum des Staates Utey. Rech Durch- guerung des nördlichen Evteradoplateaus zogen Bilder von den Rocky Mountain« mit ihren Gletschern an dem Auge vorüber. Mit einiatn Aufnahmen au« Chicago und Den Riagara*ällen fand die Tanne Reife ihr K.

Verein der freunde derhumanistifchen Gymnasiums.

Prof. Loeschke: Die Erschließung der römischen Kaiser-Residenz Trier. Im Nahmen der Veranstaltungen desVereins der Freunde des humanistischen Gymnasiums" hielt nn Physikalischen Institut Prof. D. Laeschke aus Trier, der Leiter der derzeitigen dortigen Ausgra­bungen. über das ThemaDie Erschließung von Trier, der römischen Kailer-Residenz", einen sehr intereflanten und anschaulichen Vortrag mit Licht­bildern.

Nach einer kurzen Einführung, die sich mit den historischen Doraussetzungen allgemeiner Art, mit der Geschichte der rheinischen Altertumsforschung und des Provinzialmuseums in Trier be­faßte, fand Profesior L o e s ch k e den ge­eigneten Ausgangspunkt für feine Darlegungen in zwei Üichttnldern, die die geographische und oerkehrsmaßige Situation des alten Trier deutlich machten, das, um Christi Geburt gegründet, vier Jahrhunderte lang römische Stadt und, die letzten 100 Jahre hindurch, auch römische Residenz ge- wesen ist.

Das erste der besprochenen alten Bauwerke ist ein Doppeltor das man erst spät als solches aus einer darübergebauten Darockkirche heraus freigelegt hat. Das Tor war in ein altes Gräberfeld hinein- gebaut, besten Untersuchung eine genaue Datierung des Baues gestattet: kurz nach 259. Ein anderes römisches Bauwerk ist die Basilika, um deren Re- ftaurierung sich Friedrich Wilhelm IV. verdient ge­macht hat. Der Bau ist unter Konstantin errichtet, stammt also aus der Residenzzeit des alten Trier (ca. 300400), und gibt ein imposantes Bild von der Raumwirkung der Römerbauten. Auch aus der Baugeschichte des Domes wurden sehr aufschlußreiche und schöne Bilder gezeigt, fiter fehlen noch umfang, reiche Grabungen. An der sog. Römerbrücke sind die Pfeiler (der heutige Oberbau ist neueren Datums) wohl römischen Ursprungs: doch gelang es Loeschke, stn trockenen Sommer 1921, Spuren noch älterer

Fundamente nachzuweisen: dieser Teil ist zweifellos römischen Ursprungs. Auch mürben Teile eines Brückentors in der Stadtmauer gefunden, das durch- aus zu der Fahrbahn der von Loeschke ermittelten Fundamente stimmt. Wohl um 100 n. Ehr. ist das Amphitheater errichtet, was Grabungen nach der Freilegung ergaben. Auch sind hier große Unter­kellerungen, Erdtreppen am fiang und Umgänge nachzuweisen. Bemerkenswett ist, daß das Theater- tor mit einem Stadttor identisch war. fiterfür fehlen ebenfalls noch die sostematifche Untersuchung und eine ausführliche Publikation. Bei der Kanalisation von Trier wurden römische Straßenreste aufgedeckt: allmählich wurde das Bild eines Netzes von regel­mäßigen Vierecken gewonnen. Interessant ist die Nachweisung verschiedener Straßenschichten: die Lage des römischen Trier ist einige Meter unter dem heutigen anzunehmen. Die römischen Bäder sind verschwunden: nur Reste eines großen Bades hat man gefunden, das um 100 n. Ehr. wahrschein­lich nach dem neronifchen Grundrißtyp erbaut und um 1900 von einem Franzosen rekonstruiert wurde. Auch hier fehlt die maßgebliche Publikation. Dann das gewaltige Monument der kurz vor 300 n. Ehr. erbauten Kaisetthermen, die eine außerordentlich schöne und klare Grundrißgliederung aufweisen. Um 400 wurde das Bad gänzlich umgebaut: doch gehen die Meinungen über den Zweck des Umbaues weit auseinander Vielleicht handelte es sich um eine Kirche. Eine Publikation hierüber soll 1927 er­scheinen. lempetimuten werden erst jetzt aefunten; ihre Lage ist bekannt. Fragmentarische Plastiken sind vorhanden, Götterbilder des 1. Jahrhunderts. Es handelt sich um einheimische Gottheiten, um ein großes fieiligtum des Lenus Mars in erster Linie.

Zuletzt gab der Redner an fiand von Lichtbildern einen Ueberblirf über die Grabungen, mit denen man sich gegenwärtig beschäftigt 30 fieiliatümer wurden schon freigelegt, darunter ein sehr schönes Mithraskultbild. Statuen einheimischer Mutter- göttinnen. auch ein riesiges Monument des germani­schen Wotan und das Stierbild eine sehr reife Plastik einer alten Flußgottheit. Um 340, als Trier Christenstadt und Bischossstadt wurde, haben die Ehristen den ganzen heiligen Bezirk zerstött. Die

ein verwittertes Ueberbleibfel und Zeichen welthisto­rischer Entwicklung wirkte zuletzt das Bist» eines Fundes aus christlicher Zeit, der eine Brosche in Kreuzform darstellt.

Prof. Loeschke schloß seine hochinteresianten, mit lebhafter Anteilnahme aufgenommenen Dar­legungen mit dem fiinweis auf die großen Aufgaben, die die Wissenschaft, knsbesondere die Kommission zur Erforschung der Vorgeschichte der Rheinprooinz, noch zu leisten hat.

Deutscher Sprachverein.

Professor Dr. Goetze: Sprache und Kultur.

Zu einem sehr fesselnden, leider nicht be­sonders zahlreich besuchten Dortrage hatte di« Gießener Ortsgruppe des DeutschenSprach- verelns geladen: der Germanist Prof. Goetz« sprach über da« Thema: »Sprache und Äultur". Es ist leider auf dem zu Gebote stehenden Raum nicht möglich die überaus lehrreichen und leben­dig entwickelten Ausführungen des Redners eini­germaßen vollständig zu vermitteln: wir müssen ur.« auf die Wiedergabe der wesentlichsten Ge­sichtspunkte beschränken. Ausgehend von den historischen Doraussetzungen und den Anfängen einer Wissenschaft von der deutschen Sprache betonte der Dortragende zunächst, wie dem Duvchschnittgebildeten gemeinhin die stetig flie­hende Entwicklung der Muttersprache wen.g be­wußt fei, toi« er vielmehr meist am Grund, atz einer starren .Richtigkeit" festzuhalten sich ge­wöhnt habe. Sehr bemerkenswert ist weiterhin die außerordentliche Mannigfaltigkeit unseres Sprachgebrauches, die sich aus Landschastsunter- schieden ableitet. Ein paar gemeinverständllche, dem alltäglichen Leben entnommene Beispiele machten dies eindringlich (lat. Die Buntheit des sprachlichen Ausdruck« ist ebenso verbreitet, wie di« Unsicherheit io der Bildung gewisser Haupt- und Zeitwottförmen (auf dem Baum, aus dem Daum«: backte, buk u. a.). Der Redner erklärte weiterhin eine Kritik für unhaltbar, die DerSnderungen in früherer Zeit zwar hin­

nimmt wti) billigt, moderne Entwicklung aber db- iehnt- Die Gesamtheit der Sprachveranderungen ist als Leben der Sprache zpi bezeichnen. Das Sprachleben steht in enger Verbindung mit dem Kulturleben eines Volkes i»i weitesten Sinn; Sprachgeschichte ist immer und notwendig Kultur­geschichte. 3eber Kulturbesitz muß sprachlich ge­deckt sein. Immerfort aber entstehen neue Kultur­güter, für die zunächst keine Deckung vorhanden ist. Die drei wichtigsten Möglichkeiten zur Heber* brückung der so en!stehenden Spannung zwilchen Kultur und Sprache sind Metapher (Bld). Entlehnung und Bedeutungswandel. Besonders den beiden letzten Punkten widmet« der Dottragende sein« mit vielen Beispieles anschaulich gemachten Da^egungen. Im allge­meinen gilt der Satz: Wit den Sachen dis Wörter. Mit der Entlehnung der Sachen geht die sprachliche üebernahme Hand in Hand. Be­sonders lehrreich sind die römischen Einflüsse bet unseren Voreltern, die sich heute auf vielen Kulturgebieten (Hausbau, Gattenbau, Schmiede­kunst, Schreibkunst u. v. a.) noch le cht nachweifen lassen. Eine besondere $fcäcutung kommt den sog. Lehnübersetzungen zu, die einen bewußt gestalten­den Urheoer ooraussetzen.

Als besonders proMematifd) wurde z. B. di, mtereffante Entwicklungsgeschichte des Eigenschafts- wottes braun behandelt. Die Entlehnung aus dem lateinischen prunum (Pflaume) bietet eine befriedi­gende Lösung. 9nterefiante Sprachentwicklung läßt sich im Bedeutungswandel verfolgen, fiier ist festzu­stellen, daß die Namen älter sind als die Wörter (nomen ante rem). Beispielsweise haben die Erfin­dungen der Buchdruckerkunst, des Schießpulvers, der Stteichhölzer und des Torpedos auf teilweise er­heblich ältere Wörter zurückgreifen müssen. Insbe­sondere Torpedo ist schon bei Cicero und Barre in der Bedeutung Zitterrochen (lateinisch torpere) zu belegen.

Die anregende und lehrreiche Veranstaltung wurde nach kurzer Diskussion durch den Vorsitzenden der hiesigen Ottsaruvpe des Sprachvereins, Ge- heimerat Befragtet, geschloffen.