Nr. Erstes Blatt
176. Jahrgang
Mittwoch, 10. Zebruar 1926
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General-Anzeiger für Oberhessen
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Deutschlands Antwort an Mussolini.
Reichsauhenminister Dr. Stresemanns Erklärungen im Reichstag.
Das war sicher nicht die Absicht Mussolinis, als er in der römischen Kammer geharnischte Worte wider Deutschland sprach, den Kampf um Südtirol erst recht eigentlich aufzurollen. Der deutsche Außenminister Dr. S t r e s e m a n n hat e? abgelehnt, Mussolinis Gongschläge mit ähnlich gearteten lärmenden Kundgebungen zu erwidern. Um so wirksamer war dafür, was Dr. Stresemann sagte, vor allem, was er an Tatsachen über die Vergewaltigung Südtirols -mitteilte, Tatsachen, die sich um so stärker einprügen und einprägen müssen, als sie in auffälligem Widerspruch zu den feierlichen Verheißungen stehen, die da? amtliche Italien der deutschen Bevölkerung Südtirols unmittelbar nach dem Kriege machte. Verheißungen, die nicht am Verhandlungstisch unter vier Augen gemacht worden sind, sondern die der ganze Erdball gehört hat und hören sollte. Es ist dem Faszis- m u s vorbehalten geblieben, sich über diese Verheißungen hinwegzii setzen. Es wird eine ungewöhnliche staatsmännische Leistung Mussolinis fein, wenn C5 ihm gelingt, die Mißgriffe des Faszismus in Südtirol zu beseitigen, um so die Politik der Faszisten gegenüber der deutschen Minderheit dem gemeinschaftlichen Recht und der gerade von den Verbündeten betonten hohen gemeinschaftlichen Gesittung Europas wieder anzupassen
Der deutsche Reichsaußenininister hat in der Antwort an Mussolini das erwähnt und hervorgehoben, was das Recht der deutschen Bevölkerung in Südtirol sichert. Richt nur 'Mussolini und'Italien sollen das hören, die öffentliche Meinung Europas hat alle Tlrsache. sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Die sa- szistische Gefchichtsphilosopyie reicht nun einmal nicht aus, das unvordenkliche Recht Italiens an Bozen und Laucins Rosengarten zu begründen. Dr. Stresemann hat nicht nur die geharnischte Tonart Mussolinis, er hat auch feine sehr gewagten gescknchtsphilosophifchen Konstruktionen abgelehnt. Die Italiermr von heute sind keine Rachkommen $er alten Römer. Soweit diese überhaupt bcvölkerungspoliti'ch festzustellen sind, nxiren sie beim Ausgang des weströmischen Reiches bis auf wenige verkümmerte Reste nah^u ausgestorben. Durch Jahrhunderte tummelten sich auf italienischem Boden fremde Bölker, die leils weiterzogen, teils seßhaft blieben. Tlnd diese sind die Vorfahren der zeitgenössischen Italiener, wobei klimatische und geopolitische Einflüsse im Ablauf der Jahrhunderte mitgewirkt haben.
Aber auch die Römer, deren Ruten und Beile Mussolinis Faszismus entliehen hat. waren nicht die Schöpfer der antiken Kultur, von deren Höhe der Duce heute verächtlich auf die nordischen Barbaren herabsieht. Ohne Hellas hätte es feine römische Kultur gegeben, an welch geschichtlicher Tatsache auch das flammende Rationalgefühl der Faszisten nicht vorübergehen kann. Auch daran nicht, daß die Deutschen die Schöpfung des neuen Italiens nicht nur politisch und militärisch unterstützt und gefördert haben. Venetien ist für Italien bei Königgräh, Rom bei Sedan erobert worden, während Frankreich sich die Eroberung der Lombardei mit Rizza bezahlen lieh, dem Geburtsort des italienischen Freiheitshelden Garibaldi. Merkwürdig, dah die Faszisten sich daran nicht erinnern.
Die Ausführungen Dr. Stresemanns sind, wie die Angriffsvede Mussolinis, diplomatisch und politisch zu werten. Es ist versucht worden, den massiven Angriff des Duce auf Deutschland durch die innerpolittschen Verhältnisse Italiens zu erklären. Daß der Faszismus für den Untergang reif sei, das glauben vielleicht nicht einmal seine geschworenen politischen Gegner innerhalb und außerhalb Italiens. Zweifellos ist aber, daß Mussolini v-on dritter Seite beeinflußt worden ist. Diese Beeinflussung war schon während des Ruhreinbruchs fest- zustellen, als es sich der französische Botschafter in Rom angelegen fein lieh, Mussolini deutsche Pressestimmen zu unterbreiten, die den Duce nicht nur politisch, sondern auch persönlich als Abtrünnigen vom Sozialismus aus das Schärfste angriffen. Mussolini ist aber nicht nur Parteiführer, sondern auch der Ministerpräsident eines großen Volkes, mit dem wir in Frieden und Freundschaft leben wollen. Schon Bismarck hat einmal gesagt, dah die Volker eines Tages die Fensterscheiben bezahlen müssen, die die Presse gegenseitig eingeworfen hat. Sicher sind auch diesmal fleißige Hände am Werk gewesen, um Mussolini die publizistischen Kundgebungen vorzulegen. Wenn also diese maßlosen Angriffe, die die deutsche sozialistische Presse aus parteipolitischen Gründen schon seit Jahren gegen den „Renegaten" des Sozialismus schleuderte, den Duce erregt haben mag, so ist es doch unser gutes Recht, gegen die Auswirkungen dieser Mißstimmung entschieden Einspruch zu erheben.
Sitzungsbericht.
Berlin, 9. Febr. Die Reichstagstribünen sind heute dicht besetzt, auch die Diplomatenloge, in der u. a. der englische Botschafter Lord d'Abernon und der österreichische Gesandte Dr. Frank zu bemerken sind. Der Sitzungssaal füllt sich langsam. Reichsauhenminister Dr. Stresemann bat schon einige Minuten vor Sihungsbeginii seinen Platz eingenommen. Auf der Tagesordnung stehen die Interpellation der
Deutschnationalen über die Bedrückung der deutschen Bevölkerung in Südtirol und die Interpellation der Regierungsparteien wegen der jüngsten Mussolinirede.
ReichsautzenminisLer Dr. Stresemann
nimmt sogleich das Wort zu folgenden Ausführungen:
„Die Ausführungen des italienischen Ministerpräsidenten in der Samstags- sihung der italienischen Kammer greifen tief ein in das Verhältnis Italiens zu Deutschland. Sie rollen darüber hinaus die Gesamtlage auf, die mit dem Abschluh der Verträge von Locarno und mit dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund in Verbindung stehen. Der rhetorische Ausdruck des Herrn Mussolini gäbe Veranlassung, ihm in der gleichen Art zu antworten. Die deutsche Reichsregierung muh es aber ablehnen, der mehr auf Massenversammlungen als auf die Aussprache mit anderen Rationen berechneten Tonart des italienischen Ministerpräsidenten zu folgen. (Beifall.) Wir wollen vielmehr in aller Sachlichkeit die Vorgänge untersuchen. Die Tatsache, dah Südtirol Italien zugesprochen ist, wird von uns anerkannt. Italiens Souveränität auf diesem Gebiete ist von uns stets respektiert worden und wird immer respektiert werden."
ilnter lebhaften Hört! Hört-Rufen verliest der Minister dann die verschiedenen feierlichen Versicherungen des Königs von Italien und der amtlichen Stellen Italiens, in denen bei der Besitzergreifung Südtirols durch Italien der deutschen Bevölkerung jenes Landes die Wahrung ihrer Kultur und des deutschen Zollwesens in Sudtirol zugesagt wurde.
Im Gegensatz zv allen diesen Zusicherungen hat das faschistische Regime eine bewußte Italianislerung und Entdeutschung Südtirols borgenommen.
lieber diese nicht zu leugnende und auch von Mussolini nicht geleugnete Tatsache ist die Oeffentlichkeit unterrichtet. Sie ist nur verwirrt worden durch unwahre und entstellte Einzelnachrichten, wie die von einem Verbot der Weih- nachtsbäume und der geplanten Beseitigung des Waltherdenkmals in Bozen. Die deutsche Regierung hat diese falsche Rachrichten, denen sie vollkommen fernsteht, außerordentlich bedauert und die Presse zu größter Vorsicht ermahnt. Es ist auch die Vermutung geäußert worden, dah solche falsche Rachrichten absichtlich von Provokateuren verbreitet werden. Diese bebauer- lichen falschen Rachrichten ändern aber nichts an dem gesamte Tatbestand der Italianisierung Südtirols. (Sehr wahr.) In München ist in der Tat von wenigen Privatleuten eine Bewegung zum Boykott eingeleitet worden. Hinter dieser Bewegung stehen weder die bayerische Regierung noch deutsche amtliche Stellen. Ich halte es für durchaus unangebracht, wenn einige Dutzend Leute glauben, auf diese Weise deutsche Außenpolitik machen zu können.
Diese reine Privatbewegung von unverantwortlichen Leuten hat den italienischen Ministerpräsidenten veranlaßt, dem deutschen Botschafter gegenüber zu erklären, daß er amtlich die Einfuhr deutscher Waren verbieten und zum Boykott Deutschlands auf* fordern würde, wenn derartige Bestrebungen nicht aushoren.
(Rufe: Unerhört!) Ich halte es für ein unmögliches Vorgehen, die von der Regierung gemih- billigte Bewegung unverantwortlicher Kreise mit dem Bruch internationaler handelspolitischer Abmachungen beantworten zu wollen. Auf solcher Basis ist ein internationales Zusammenleben nicht möglich. (Beifall!) Wie an andere Staaten, so ist auch an uns die Frage gerichtet worden, wie wir uns zu einer Einbeziehung der Brennergrenze stellen. Unsere Antwort war selbstverständlich die, daß wir für eine solche Frage nicht die richtige Adresse sind. Oesterreich, nicht wir, grenzt an Italien. Wir achten das Selbstbestimmungsrecht der Völker und haben nur den Wunsch, daß unfern und Oesterreichs Wünschen, die auf dem Selbstbestimmungsrecht der Völker beruhen, nicht in die Ewigkeit hinein die Hindernisse entgegengesetzt werden, die wir seit 1919 erfahren haben. Wir können uns auch nicht der Meinung anschließen. daß es zweierlei Grenzen in Europa gibt, solche, die vertraglich garantiert und solche, die labil sind. Das was hier der deutschen Politik an Expansionsbestrebungen unterstellt wird, ist vollkommener Unsinn. Die deutsche Oeffentlichkeit hat in den letzten Jahren Italien große Sympathien entgegengebracht. Es hat sich erst geändert, als die Rachrichten über die Unterdrückung der deutschen Bevölkerung Südtirols sich immer mehr verstärkten. Wenn Mussolini meint, diese veränderte Haltung der deutschen Presse sei auf einen Befehl der deutschen Regierung zurückzuführen, so vergißt er, daß man in Berlin nicht wie in Rom die Freiheit der Presse willkürlich beschränken kann. (Sehr gut!)
Wir können und wir dürfen auch -er deutschen Presse nicht verbieten, Sympathien zu empfinden, um einzutreten für ein Land nnd
Volk, das feit vielen Jahrhunderten deutsch gewesen ist und der deutschen Kulturgemein- schast weiter angehört.
Wenn aus der Unterdrückung eines Volkes die Gefahr einer Störung des Friedens entsteht, so ist der Appell an den Völkerbund gegeben. (Lachen rechts und bei den Kommunisten.)
Das Reichskabinett hat gestern den Eintritt in den Völkerbund beschlossen und ist darin bestärkt worden durch die Mussolinirede. Diese Rede fordert nicht nur die Entdeutschung Südtirols, sondern sie ist in der ganzen Welt als eine Kriegsdrohung auf- gefaßt worden gegen Deutschland und Oesterreich. Derartige Drohungen sind mit dem Geiste des Völkerbundes schlechthin unvereinbar. Unvereinbar mit ihm ist der ganze Ton. die Aeberheblichkeit und Maßlosigkeit von Mussolinis Ausführungen, die kein Ausdruck innerer Kraft zu sein braucht. (Lebhafte Zustimmung.) Was Mussolini über Walther von der Vogelweide sagt, verkennt das Wesen dieses deutschen Dichters. Richt seine Bedeutung in der Weltliteratur, sondern das Deutschtum Walthers von der Vogelweide zeugt davon, dah Bozen innerhalb der deutschen Kulturgemeinschast liegt. (Lebhafter Beifall.) Mussolini wendet sich gegen die deutschen Touristen und spricht vom Mißbrauch italienischer Gastsreundschast, droht aber gleichzeitig Repressalien an für einen etwaigen Boykott Italiens durch Deutschland. Wenn die Zahl der deutschen Touristen in Italien zurüc^eht, so dürfte das nicht die Folge deutscher Maßnahmen, sondern die Folge der Mussolinirede sein. (Lebhafte Zustimmung.) Mussolini hat einst anders über Deutschland gesprochen. Roch 1920 rühmte er in einer Rede den Wert der deutschen Kultur und der deutschen Arbeit ftir den Wiederaufbau Europas. Mussolini hat für seine große Aktion die Land- tagsrede des bayerischen Ministerpräsidenten S)’c l d genommen, ohne den Wortlaut dieser Rede erst abzuwarten. Ministerpräsident Held hat ganz klar nur von der kulturellen Freiheit der Deutschen Südtirols gesprochen. Wir erscheint es allerdings wünschenswert, daß auswärtige Politik nur von den Reichsstellen und im Reichstag gemacht wird. (Lebhafter Beifall links.) Man sollte nicht durch Interpellationen die Ministerpräsidenten der Länder in die Zwangslage bringen, über Außenpolitik zu sprechen. Die Verantwortung für die Außenpolitik trägt jedenfalls nut d i e Reichste g i e r u n g.
Wir lassen uns das Recht nicht nehmen, für die kulturellen Rechte der deutschen Minderheiten im Ausland einzutreten, wie wir auch die Rechte der in unseren Grenzen wohnenden nationalen Minderheiten wahren wollen.
(Beifall.) Die Anteilnahme des deutschen Volkes an den Menschen deutsches Blutes jenseits unserer Grenzen ist ein Ratur recht, das wir uns nicht bestreiten lassen. (Lebhafter Beifall.) Wir werden im Völkerbund für die nationalen Minderheiten eintreten. Wir haben keine Gegensätze zum italienischen Volk und wollen mit ihm in Frieden leben. Aber zur Grundlage des Friedens gehört auch jene Selbstachtung, ohne die ein Volk vor sich selbst nicht bestehen kann. Aeuhere Machtlosigkeit ist nicht gleichbedeutend mit dem Verlust innerer Kraft. In diesem Gefühl weise ich die gegen Deutschland gerichteten Drohungen mit aller Entschiedenheit zurück. (Lebhafter Beifall.)
Abg. Dr. Scholz (D. Vp.> gibt im Tiamcn der Regierungsparteien eine ©rfiärung ab, in der die Beleidigungen und Drohungen Mussolinis als eine Rückkehr zur Politik der Gewalt zurückgewiesen werden. Sie seien geeignet, den Frieden Europas zu bedrohen. Weder die deutsche Regierung noch irgendwelche amtlichen Stellen haben eine Parole gegen Italien ausgegeben. Wenn in der Presse gegen die Unterdrückung der Minderheiten in Südtirol Protest erhoben sei, so komme ein Einschreiten dagegen nicht in Frage, da feine rechtswidrige Handlung vorliege. Gegen ba£ Unrecht in Südtirol müsse vor aller Welt schärfster Einspruch erhoben werden. In der Beurteilung dieser Vorgänge wisse sich das deutsche Volk einig mit den Gerechtdenkenden aller Rationen. Der Redner schließt mit einer Sympathieerklärung für den deutschen Stamm in Südtirol, der feine Pflichten gegen den itcdie- nischen Staat voll erfüllt habe. (Lebhafter Bei- faH.)
Abg. Stampfer (Soz.) stimmt den Ausführungen des Ministers zu und wendet sich scharf gegen die Mussolinirede. llebrt- gens sei das heutige Italien durch die Geschichte seiner Kämpfe um Einheit und Freiheit nicht das Italien der Raub- und Mord- polttik Mussolinis, sondern das Italien des von Mussolinis Werkzeugen ermordeten Matte- o11is. Mussolini dünke sich als Casar, aber er ist nur ein S a I i g u I a. Mit dem aufgeblasenen Hochmut des Emporkömmlings spotte er jetzt über die Leute in primitivster Kleidung. Als er früher solche Kleidung trua. trar er im« fer Bruder, beim er war damals Sozial
d e m o f r a t. Wenn die Rationalisten einen Führer brauchen, mühten sie immer warten, bis ein Sozialdemokrat verrückt geworden sei. (Große Heiterkeit.) Wir Deutsche haben traurige Erfahrungen gemacht mit einem Herrscher, der Zerschmetterungsreden hielt. Weil wir Italiens Freunde sind, wünschen wir dem italienischen Volke, daß es sich bald aus der faszistifchen. Zwangsjacke befreien möge. Mussolini will Battisti in Bozen ein Denkmal setzen. Battisti ist als Märtyrer der italienischen Irredentisten in Oesterreich gestorben. Sein Denkmal würde also einen Mann zeigen, der die Volksgemeinschaft immer weit höher g e ft eilt hat, als die durch Eroberungskriege künstlich geschaffenen Landesgrenzen. Battisti hat in einer Rede die Kriegshetzer und Säbelrassler als Wahn- finnige bezeichnet, die ein Volk unschädlich machen mühte. Wir werden uns gern an der Sammlung für das Battisti-Denkmal beteiligen, wenn am Sockel diese von Battisti über Leute wie Mussolini gesprochenen Worte angebracht werden. (Beifall.)
Abg. Dr. Spahn (Dn.)
Die Rede Mussolinis hat klar die Gcwaltprlitik aufgedeckl, mit der das alte deutsche Volkstum der Südtiroler ausgerottet werden soll. Wir empfinden gegen Italien und das italienische Volk keine Abneigung. Von Italien, von der römischen Kurie und auch von den italienischen «Staatsmännern war bisher immer das Recht der nationalen Minderheiten auf kulturelle Autonomie betont wmdeu. Mussolini, der so gern an die alten Römer anknüpft, vergißt ganz, daß die alten Römer niemals die Stultur der von ihnen besiegten Völker unterdrückt haben. Die Mussolinirede war keine gute Begleit n.usik zu Deutschland Eintritt in den Völkerbund. Wir können die Ausführungen des Außenministers zur Völkerbundsfrage nicht unterstreichen, so sehr mir ihm zustimmen in der entschiedenen Zurückweisung der Drohungen Mussolinis und in der Ve tonung unseres Rechts und unserer Pflichten, Anteil zu nehmen an dem Schicksal unserer bedrängten deutschen Volksgenossen in Südtirol.
Abg. Stöcker (Komm.): Wir protestieren gegen die Unterdrückung der Südtiroler. Drei Monate nach Locarno zeigt sich, daß der Geist von Locarno Schwindel und Betrug ist. Die Rede Mussolinis zeigt, daß in einem entscheidenden Augenblick alle Verträge wie Fetzen Papier behandelt werden. Der „Schwarze Mann" tut aber nichts anderes, als was B o n c o u r in Elfaß-Lothrin- gen und Ma saryk in der Tschechoslowakei zur Unterdrückung der Deutschen tun.
Abg. Hampe (Wirtsch. Vg.) begrüßt in einer kurzen Erklärung die Ausführungen des Außenministers und schließt sich der Erklärung der Regierungsparteien an.
Abg. Graf zu Reoentlow (Völk.) weist die Rede Mussolinis als unwürdig und verächtlich zurück. Das Frankreich des Paktes von Locarno lasse im „Temps" die Haltung Mussolinis begrüßen. Der Geist von Locarno sei eben nur eine Phantasie der deutschen Staatsmänner und ihrer Anhänger. (Sehr gut! bei den Völkischen.) Für die Westmächte sei der Pakt von Locarno nur die Bestätigung des Verzichts Deutschlands auf Elsaß-Lothringen und die nochmalige Anerkennung des Versailler Vertrags. Es fei eine Illusion, zu denken, daß Deutschland im Völkerbund die Minderheitenfrage besser regeln könne. Dafür sei die Rede Mussolinis der beste Beweis. — Damit schließt die Aussprache.
Präsident Loedc:
Ich darf das Ergebnis der Aussprache für den Reichstag mit Ausnahme der Kommunisten wie folgt zusammenfassen: Der Reichstag weist die sachlich unberechtigten und in der Form beleidigenden Angriffe und Ausfälle Mussolinis mit Nachdruck zurück. (Lebhafter Beifall.) In der ganzen Welt herrscht die rechtliche Auffassung, daß das Schicksal stammverwandter Minderheiten von ihrer Mutternation mit aller Anteilnahme verfolgt und ihr Ringen um das eigene Volkstum unterstützt wird. Obwohl das deutsche Volk nichts anderes wünscht, als in friedlichem Zusammenwirten mit den anderen Völkern feinem eigenen Aufbau zu dienen, wird es sich doch nicht abhalten lassen, für die deutschen Minderheiten unter fremder Staatshoheit eine gerechte Behandlung zu beanspruchen. (Lebhaftes „Sehr richtig!") Dieses Recht werden wir uns am allerwenigsten durch beleidigende Angriffe und sinnlose Drohungen beschränken lassen. (Lebhafter Beifall.) — Damit ist dieser Gegenstand erledigt.
Es folgt die zweite Beratung der Gesetzentwurfs betreffend
das verlängerte Wirtschaftsabkommen mit Spanien.
Der Handelspolitische Ausschuß beantragt die Annahme der Vorlage.
Abg. Haas (Dn.) roill die Interessen her deutschen Landwirtschaft im allgemeinen und des deutschen Weinbaus im besonderen Spanien gegenüber nachdrücklicher gewahrt wissen, als das in dem letzten Handelsabkommen geschehen sei. Dabei sei die Position unserer Händler eine sehr günstige gewesen. Wäre die deutsche Regierung nur noch ein paar Wochen fest geblieben, so hätte Spanien nachgeben müssen. Auch das vorliegende
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