Aschmann, Frau Ministerialrat Dr. B a e u - m c r, Botschafter z. D. Graf B e r n st o r f f, M. d. R., Oberstleutnant v .B o e t t i ch e r, Dr. B r e lisch e i d , M. d. 9t., Vortragender Legationsrat von Buelow, Vortragender Legationsrat Dr. F u e h r, Professor Dr. Kaas, M. d. R., Ministerialrat Karlowa, Ministerialrat Dr. K i e p , Ministerialrat Dr. Mayer, Konsul Poensgen, Staatssekretär Dr. P u e n d e r, Staatssekretär a. D. Freiherr o. R h e i n b a b e n . M. d. R., Ministerialdirektor Dr. Schaeffer, Vortragender Legationsrat Dr. Soehring, Staatssekretär Dr. Weißmann und als Sekretär der Delegation Gesandtschaftsrat Dr. B o l tz e. Da die Arbeiten des Völkerbundes in sechs Kommissionen erledigt werden, macht sich ebenso wie bei anderen Nationen auch für Deutschland die Ernennung st e l l v e r - tretender Delegierter für diese Kommissionsarbeiten notwendig. Es sind außer den Delegierten für die Vertretung Deutschlands in den Kommissionen Graf Bernstorff, Dr. Breitscheid, Dr. Kaas und Freiherr v. Rheinbaben in Aussicht genommen.
Die parlamentarischen Delegierten über Genf.
Berlin, 8. S»pt. (TU.) Ein Vertreter der Telunion hatte Gelegenheit, vor ihrer Abreise nach Genf die Abgeordneten Freiherr v. Rheinbaben (D. 23p.), Dr. Kaas (Zentr.) und Dr. Breitscheid (Soz.) nach ihrer Ansicht über die der deutschen Delegation harrende Aufgabe zu befragen. Freiherr v. Rheinbaben äußerte sich hierüber u. a. wie folgt: „Im großen und ganzen entsprechen die Umstände, unter denen der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund erfolgt ist, der Würde des deutschen Volkes. Jedenfalls ist die jetzt gefundene Lösung wesentlich besser als diejenige, die seinerzeit tm März geplant war und die glücklicherweise durch das Veto Brasilien^ verhindert wurde. Auch die Erweiterung des nichtständigen Teils des Völkerbundsrates von sechs auf neun Sitze kann fogar für btc deutschen Interessen unter Umständen günstig sein. Es steht fest, daß sich nunmehr Deutschland ander Besetzung der nicht st ändigen Rats- fitze im Rahmen seiner Befugnisse als Völkerbundsmitblied beteilig en kann. Erst in Genf wird die deutsche Delegation über ihre Stellungnahme hierzu schlüssig werden. Ich persönlich bin der Auffasiung, daß sich Deutsch- land gegenüber einer Kandidatur Polens der Stimme enthalten sollte. Von besonderer Bedeutung wird die Mitwirkung Deutschlands i m Völkerbundsrot fein. Zunächst in moralischer Hinsicht. Die Beschlüsse des Dölkerbundsrates werden im allgemeinen e i n st i m m i g gefaßt. Deutschland hat die Möglichkeit im Dölkerbundsrat, wertvolle Arbeit zu leisten und die Zusammensetzung des Rates, die jetzt in Genf entschieden werden wird, braucht nicht so auszufallen, daß Deutschland im Rate nur Gegner vorfindet." Der Abgeordnete Kaas faßte seine Wünsche wie folgt zusammen: „3d) hoffe, daß dieEtappe in Berlin uns, die wir an derFront sind, unterstützt." Der Abgeordnete Dr. B r e i t s ch e i d äußerte sich dahin, daß man in Genf Gelegenheit hoben werde, auch außerhalb des eigentlichen Tagungsprogramms eine Reihe von wichtigen Fragen in persönlicher Fühlungnahme mit den ausländischen Delegierten zu besprechen. Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, u. a. auch in der Frage der Befatzungs stärke in Genf zu einer Einigung zu kommen. Er glaube jedoch nicht, daß schon letzt in Genf, wie dies verschiedentlich erwartet werde, auch über große internationale W t r t - schaftsprobleme werde verhandelt werden können. 3m übrigen, so meinte er, werde unsere Anwesenheit in Genf zunächst einmal der gegenseitigen persönlichen Fühlungnahme , dienen, um die Grundlage für eine Zusammenarbeit im Völkerbünde zu schaffen.
Berliner Presseecho.
Berlin, 9. Sept. (TTl.) Di.-» Berliner Morgenblätter widmen der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund einige Betrachtungen.
Der .Lokalanz." führt aus: 3m Grunde ist vollständig das erreicht worden, worum im März noch soviel Worte gewechselt wurden. Briand hat sein Versprechen, das er in Locarno hinter der Scheune dem Polen gab, nachdem er Luther treu ins Auge geblickt hatte, gehalten. Es ist geschafft, geschasst ohne irgendwie beträchtliche Konzessionen an Deutschland, geschafft einfach mit der Pfiffigkeit einer alten Diplomatie und mit dem brutalen Druck der Siegerstaaten von Versailles. — Die „D AZ" fuhrt aus: Wir konstatieren immerhin, daß das Bewußtsein von der Wichtigkeit der deutschen Mitarbeit für den Bund selbst überall gewachsen ist und können nur wiederholen, daß nach unserer Ansicht allerdings für die Genfer Institutionen von dieser Mitarbeit Entscheidendes abhängig ist, daß wir darüber hinaus die bestimmte Erwartung hegen müssen, daß die Schranken und Fesseln der vergangenen Rachkriegsjahre endlich fallen. — Die „Germania" schreibt: Deutschland kommt nicht mit überschwenglichen Hoffnungen nach Genf. Das deutsche Volk weiß, daß seinen diplomatischen Vertretern auch hier heftige politische Kämpfe und schwierige Arbeit bevorstehen, wenn sie für das Recht des deutschen Volkes und für die Ideale der Völkergemeinschaft eintreten wollen.
Die „Vossische Zeitung" stellt fest, daß Deutschland nicht nur feinen ständigen Ratssitz erhalten habe, sondern daß mit ihm zusammen auch niemand neu in den Rat eintrete. Erst nachdem Deutschland im Rate seinen Sih eingenommen habe, würden die anderen von der Völkerbundsversammlung gewählt wrden. Man habe nur die neue Ausführung der Verfassung des Rates vorher festgesetzt. — Das „Berliner Tageblatt" geht aus die Gegensätze zwischen der Vollversammlung und dem Rat ein und führt crus: Der Streit, der heute vocmittaa nur die Oberfläche des Wassers gekräuselt hat, aber vermutlich noch stärkere Wellen schlagen wird, betrifft nicht das neue Bundesmitglied, sondern das schon seit Jahren kritische Verhältnis zwischen dem Rat und der Versammlung. Als Dundesmitg.ird wird Deutschland zu dem Fragenkomplex Rat — Bundesversammlung Stellung nehmen müssen. Wenn Deutschland auch Inhaber eines ständigen Ratssitzes ist, so hat es doch nicht das mindeste Interesse, an einer Einschränkung der Befugnisse der Versammlung ..ugunsten des Rates mitzuwirten. Die „D e u t s ch e Zeitung" ist der Ansicht, daß der Eintritt Deutschlands in be>. Völkerbund nicht nur ein Verzicht auf eigene aktive Außenpolitik bedeutet, sondern auch einen Verzicht an machtpolitischem Ansehen.
Die „Tägliche Rundschau" kommentiert die heutigen Genfer Beschlüsse mit folgenden bemerkenswerten Ausführungen: Die einstimmige Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund beendet einen Kampf, dessen Zwiespältigkeiten und Parteiverzerrungen schwer auf der europäischen Öffentlichkeit und insbesondere auf der deutschen Politik lasteten. Entgegen allen Befürchtungen der Opposition, die sich zuweilen wie inbrünstig genährte Hoffnungen lasen, ist kein Zwischenfall eingetreten und ist auch Deutschland von seinem Rechte nichts abgehandelt worden. Deutschland zieht mit allen Ehren, willkommen geheißen von allen Rationen, in den Völkerbund ein und nimmt als Großmacht allein ohne Polen oder Spanien den ständigen Ratssih ein, der ihm zugesprochen worden ist. Die Vermehrung der nichtständigen Ratssihe auf neun geschieht mit Zustimmung Deuts chlands und bedeutet weder eine Minderung, noch eine Veränderung der ihm angebotenen und jetzt von allen Rationen gutgeheißenen Stellung im Rat. Deswegen hat die deutsche Regierung schon durch ihre Delegierten im Mai in der Studienkommission der Erhöhung der nichtständigen Sitze zugestimmt und die großen Parteien haben im Auswärtigen Ausschuß einmütig ihre Bindung zu dieser Zustimmung festgelegt, lieber die Besetzung der drei neuen nichtständigen Sitze wird Deutschland mitzureden haben, wenn erst die von der Studienkommission vorgesehenen Vorbereitungen erledigt sind und die Wahl ftatt- findet. Die Zusammenfassung bei der Abstimmung war wohl die einzige Möglichkeit, um die längst spruchreife Sache endlich zum Abschluß zu bringen. Die Aufnahme Deutschlands ist vollzogen. Für uns wird sie allerdings erst dann wirklich vollzogen sein, wenn übermorgen die deutsche Delegation in di e Versammlung eingezogen ist. Dann auch wird erst die Bedeutung dieses Ereignisses, das bei gutem Willen der Völler ein M a r k st e i n einer besseren Zukunft fein könnte, von allen Seiten betrachtet und gefeiert werden und nicht nur der Völkerbund, sondern- auch die Parlamente und die Presse der ganzen Welt werden ihr Schlußwort sagen. Heute schon aber können wir mit Genugtuung feststellen, daß Deutschland sein Ziel, das ihm lange versperrt wurde, erreicht hat und zwar in allen Ehren erreicht hat.
Rutzland zum deutschen Dölkerbundsbeitritt.
Berlin, 8. Sept. (TU.) Aus Berliner diplomatischen Kreisen erfährt der „Asien-Ost- europa-Dienst" über die Stellung Rußlands zum Völkerbundsbeitritt Deutschlands folgendes: Eine der nächsten Folgen des Völkerbundbeitritts Deutschlands dürfte jetzt ein prononcier- teres Verhalten Rußlands zu Warschau und Paris fein. Die Sowjetdiplomatie betrachtet Deutschlands Anschluß an Genf als Schwächung der rusfischen Position im Weft en, die durch den Berliner Vertrag mit Deutschland eine Stärkung erfahren hatte. Jedoch erhofft man in Dowjetkreisen für die Zukunft eine präzisere Klärung der deutschen Ostpolitik. In Verbindung mit der Lösung der Frage Genf für Deutschland ventiliert die Sowjetdiplmnatie auch die Frage der Entsendung eines russischen Botschafters nach Genf, als welcher neuerdings der Sowjetbotschafter in Berlin. Krestinski, genannt wird. Der Entsendung hätte jedoch, betont man, eine Beilegung des russisch- schweizerischen Konfllltes voranzugehen.
Unternehmer und Arbeiterschaft.
Stegerwald über die Programmrede Silverbergs.
Berlin, 8. Sept. Der Führer der christlichen Gewerkschaften, Stegerwald, antwortete einem Mitarbeiter der „Kölnischen Zeitung" auf die Frage, ob er dem Gedanken Silverbergs, die Sozialdemokratie zur verantwortlichen Mitarbeit an der Reichsregierung heranzuziehen, zustimme, mit den Worten: „Aber ganz bestimmt!" Gr messe dem Schritt des Reichsverbandes der deutschen Industrie eine ähnliche Bedeutung bei wie der sozialen Botschaft, mit der der junge Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1890 die Arbeiterschaft für den Staat gewinnen wollte. Jetzt spreche fein Monarch, sondern die Industrie biete in großen, in manchen Punkten allerdings noch der Klärung bedürftigen Grundrissen die Hand, um auf dem Boden des Staats und der Reichsverfassung zusammen mit der bedeutungsvollen Schicht der Arbeitnehmer das zerstörte Werk aufzubauen und das deutsche Volk wieder zur Geltung zu bringen. Wenn zwei Parteien in gegenseitigem Vertrauen zur Erreichung eines Zieles zusammenarbeiten wollen, dann müßten aber auch beide völlig gleichberechtigt sein.
Der deulschnationale Parteitag.
Berlin, 8. Sept. (TU.) Die diesjährige Parteitagung der Deutschnationalen Volkspartei nahm heute in Köln mit einer Sitzung der Parteileitung ihren Anfang. Die Führer der Partei waren vollzählig erschienen. Die Tagung ist aus allen Teilen des Reiches sehr beschickt. Man rechnet mit einer Teilnehmerzahl von 3000. Graf Westarp berichtete über die politische Lage, über die Frage einer Arbeitsgemeinschaft mit anderen Parteien und über die Frage der Regierungsbildung im Reich. Die Aussprache stellte fest, daß die Vorgänge dieser Tage in Genf alle jene Besorgnisse der nationalen Opposition zum Schaden Deutschlands verwirklichen, die bereits Hauptpunkt der Locarnodebatte gewesen waren. Dos falsche Spiel, das die Vertragspartner schon in Locarno getrieben haben, hat sich jetzt in Genf fortgesetzt. Auf dem Parteitage soll deshalb die richtige Auffassung von der Gleichberechtigung Deutschlands als Großmacht kräftig zum Ausdruck gebracht werden. Für die Arbeitsgemeinschaft aller staatser- haltenden Kräfte im Sinne des Vorschlags Gayl- 3arres wurde die schon öfter betätigte Bereitschaft bestätigt. Die Parteioertretung behandelte in ausgedehnter, überaus zahlreich besuchter Versammlung die gleichen Themata.
Die deutschnationale Beamtenschaft versammelte sich ebenfalls zu einer sehr gut besuchten Sitzung, in der Reichstagsabgeordneter Frhr. v. Freyta gh-Loring Hoven über das Thema: „Staat und Berufsbeamtentum" sprach. Bei aller Mißbilligung der heutigen
Zustände sei die deutschnationale Partei durch und durch staatserhaltend und Anhängerin der Staatsautorität. Damit vertrage sich andauernde grundsätzliche Opposition nicht. In verstärktem Maße gelte das für die deutschnationale Beamtenschaft. Die Lösung könne nur in erneuter Veteiligung an der Regierun g gefunden werden. Solange aber die Voraussetzungen dafür bei den anderen Parteien fehlen, müsse eine Lage geschaffen werden, die den Belangen des Staates wie der Beamtenschaft gerecht werde. Diese sei gegeben in der Entpolitisierung des Beamtentums. Das Derufsbeamtentum könne weder durch Parteifunktionäre ersetzt werden noch durch kaufmännische Angestellte. Wer die Beamtenschaft antaste, lege Hand an den Bestand des Staates. Landtagsabgeordneter Ebersbach erörterte das Thema: „Deamtenfragen in den Volksvertretungen". Er warnte davor, die Beamtenrechte zu überspannen und bezeichnete insbesondere das Streikrecht als unvereinbar mit dem Berufsbeamtentum. Andererseits müsse der Staat die Belange des Berufsbeamtentums achten und die Einstellung unvorgebildeter Außenseiter vermeiden. Abends veranstaltete der Reichsfrauenausschuß der Deutschnationalen Volkspartei eine außerordentlich stark besuchte Frauenversammlung.
vom Alldeutschen verband.
Bayreuth, 8. Sept. (TLl.) Am 4. Sept, trafen in Bayreuth der Gesamtvorstand der Alldeutschen Verbände zusammen. Der Derbandstag fand am Sonntag unter starker Beteiligung statt. Der Verbandsvorsitzende, Iustizrat Claah, sprach in seinem Bericht zur politischen Lage gegen die Parole der Schaffung einer großen Rechten, die ihm im höchsten Maße bedenklich erscheine. Der Verbandstag nahm bann einstimmig eine Entschließung an, in der es heißt: „Angesichts der politischen Entwicklung des letzten Jahres fühlt der Alldeutsche Verband sich in seinem Gewissen verpflichtet, noch einmal in letzter Stunde eindringlich seine warnende Stimme gegen den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zu erheben. Der Eintritt in den Völkerbund wäre die Krönung der international eingestellten marxistischen Erfüllungs- politll, wäre die nochmalige Unterzeichnung und freiwillige Anerkennung des Versailler Diktats und die Bekräftigung der Verträge von Locarno. Er wäre damit der freiwillige Verzicht auf deutsches Doll und Land in Rord, Süd, Ost und West. Er wäre die freiwillige Anerkennung der Dawesgesetze mit dem Verlust der politischen und wirtschaftlichen Souveränität Deutschlands. Er wäre die freiwillige Uebemahme der brutalen Bedrückung und Aussaugung durch diese Gesetze. Dabei soll der Eintritt in den Völkerbund vollzogen werden, während die zweite und dritte Rheinlandzone durch stärkere Besetzung geknechtet sind als vor der Räumung Kölns, soll vollzogen werden angesichts neuer rücksichtsloser Gntwafsnungsnoten, angesichts der schamlosen Abrüstungskomödie, die soeben in Genf gespielt wird, also angesichts des klaren Willens der Feind bundstaat en unter Verleugnung des sogenannten Geistes von Locarno die Politik der Knebelung und Ausraubung Deutschlands fort« zusehen. Gegen eine Reichspolitik, die uns hierhin geführt hat, erhebt der Alldeutsche Verband den schärfsten Widerspruch: niemals darf das nationale und völkische Deutschland das Ergebnis dieser Politik für sich als verbindlich anerkennen. Dieses Ergebnis durch sogenannte posllive Mitarbeit zu befestigen, wäre Verrat am deutschen Voll und seiner Zukunft.
Aufhebung des Belagerungszustandes in Spanien.
Madrid, 8. Sept. (WD.) Beim Verlassen des Königlichen Palais erfiärte Primo d e Rivera Journalisten, daß überall vollkommene Ruhe herrsche. Der König habe soeben einen Erlaß unterzeichnet, der den Belagerungszustand aufhebe. Er fügte hinzu, es sei beschlossen worden, 12 000 Mann der marokkanischen Armee in die Heimat zu befördern. Der König wird heute abend nach San Sebastian abreifen. Die Zahl der wegen Teilnahme an dem Aufstand angeklagten Offiziere beträgt 2400, darunter 6 Generäle, es werden aber nur 150 vor das Kriegsgericht gestellt werden. Die strengsten Strafen sollen für die Lehrer der Militär- Akademie in Segovia vorgesehen fein, von denen die Bewegung ausgegangen ist.
Polnische Minderheitenpolittk.
Warschau, 8. Sept. (WTB.) Der polnische Ministerpräsident Bartel empfing eine Abordnung der litauischen weißrussischen und jüdischen Bevölkerung des Wilnaer Landes. Die Delegierten führten lebhaft Klage über dieSchikanen, denen sie seitens der polnischen Behörden ausgesetzt sind, und stellten die Forderung, entsprechend den Bestimmungen der polnischen Verfassung als gleichberechtigte Staatsbürger behandelt zu werden. Der Vertreter der Weißrussen fürte zur Illustrierung der minderheitenfeindlichen Politik oer polnischen Regierung an, daß 400 im Wilnaer Gebiet vorhanden gewesene weißrussische Schulen nun auf drei reduziert wurden. Der jüdische Vertreter verwies darauf, daß die Regierung trotz der vielfach gegebenen Versprechungen an d i e jüdischen Gymnasien keine Prüfungskommissionen entsende. Der Ministerpräsident empfing die Delegation recht unwirsch und begrüßte sie gleich mit dem wenig verheißenden Ruf: „Warum wendet ihr euch überhaupt an mich? Mit Schulfragen beschäftigt sich doch der Ministerpräsident nicht! 3ch kann mich doch nicht um alles kümmern!" Zum Schluß versprach der Ministerpräsident aber, sich über diese Frage mit dem Unterrichtsminister ins Benehmen zu setzen
Die Kämpfe in China.
Peking, 8. Sept. (Wolff.) Die Kanton- truppen haben gestern Wutschang undHan- kau beseht. Wupeifu zog sich mit der Eisenbahn nach der Provinz Honan zurück. Den Angriff auf Hanjang begann die Kantonarmee Montag gegen Abend. Die ihr entgegengestellten Truppen standen unter dem Befehl der Generale Tschintjunao und Liutsolung, wovon letzterer die Verteidigung der Stadt selbst leitete, während erster, r die Hügel neben der Stadt besetzt hielt. Rachts ging Liutsolung, den Wrrpeifu erst am 4. September zum Zivilgouverneur der Provinz Hupeh ernannt hatte, zum Feind über und beteiligte sich an dem Angriff auf den Hügel bei Hanjang, wobei die Truppen Tschinjunaos fast völlig aufgerieben wurden. Dieser Hügel beherrscht zugleich Hankau und Wutschang und bildet eine äußerst wichtige Artilleriestellung,
nach deren Eroberung die Kantontruppen auch Wutschang unb Hankau besetzen konnten.
Aus aller Welt.
Die Lciferder Attentäter in Hannover
Hannover, 8. Sept. (TN.) Die Tlrheber der Cisenbahnkatastrophe bei Leiferde, Otto Schlesinger und Will: Weber, sind hier eingetroffen. Beim Passieren der Stells, wo sie den O-Zug zur Entgleisung gebracht hatten, zeigten sie, von Kriminalkommissar Raeh, der mit zwei anderen Kommissaren den Transport leitete, aufmerksam gemacht, keinerlei Gemütsbewegung. Die Verhafteten wurden borläufig ins hiesige Polizeigefängnis gebracht, wo auch Walter Weber untergebracht ist. Demnächst erfolgt die •ileberfübrung der Täter nach Hildesheim, wo die Untersuchung weitergeführt wird. Der in Hannover bereits in Hast befindliche Walter W e b e r hat ein umfassendes Geständnis abgelegt, in dem er ausführt, von den Attentats- Plänen gewußt zu haben, eine Anzeige jedoch unterlassen habe, um seinen Bruder nicht unglücklich zu machen.
Schweres Untergrnndbahnnglück in Brocklyn.
®in aus sechs Wagen bestehend«: Unter- 9 r u n d b a hnzug, der zwischen Manhattan und Condy Island verkehrt, geriet, während er einen 30 Fuß tiefen Tunnel durchfuhr, in einen Gewi11ersturm. Der Führer des Zuges versuchte 600 Meter vor der Einschlagstelle eines Blitzes in den Tunnel den Zug zum Halten zu bringen, was ihm jedoch mißlang. Von der Einschlagstelle des Blitzes stürzten ab- bröckelnde Steine und Erdmassen auf den Zug. Die Fenster und Dächer der Wagen wurden zertrümmert und eine große Anzahl von Personen unter den Trümmern begraben. Die verzweifelten Menschen versuchten in der Dunkel- Helt die Türen zu öffnen, was ihnen jedoch nicht möglich war, da die Reuyorker Antergrundbahn- türen automatisch schließen. Man benutzte deshalb die Fenster als Ausgänge. Zwei Personen sprangen hierbei gegen die Hochspannungsleitung und wurden sofort getötet. In der Durckelheit entstand eine Riesenpanik. Die erste Hllfe traf erst zwei Stunden nach dem llnglück ein, da die Hilfsmannschaften sich erst den Weg nach der Unglückstelle bahnen mußten. Zwei Tote und 30 Schwerverletzte, die auf den schmalen Settenwegen nach der nächsten Station gebracht wurden, fielen der Katastrophe zum Opfer.
Erfolg des Offenbacher Schrlflgießereigewerbes.
Bei einem Preisausschreiben des fast alle deutschen Duchdruckereien umfassenden Deutschen Buchdrucker Vereins um eine Ehrenurkunde für Geschäftsjubiläen feiner Mitglieder wurden die Satzentwürfe der Firma Gebr. Kling- s p o r mit den ersten beiden Preisen ausgezeichnet.
Wettervoraussage.
Bei schwach'wechselnden Winden wolkig mit zeitweiser Aufheiterung, keine wesentllche Linderung der Lagestemperaturen, vorwiegend trocken.
Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 18,6, Minimum 10,1 Grad Celsius. Riederschläge: 0,1 Millimeter. Heuttge Morgentemperatur 12,6 Grad Celsius.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 9. September 1926.
Sonnlagnachmiltag.
Sonntagnachmittag an einem Hochsommertag — du Hause! Cs liegt eine ganz besondere Stimmung über ihm, ein Gemisch von Ruhe, Langeweile, Besinnlichkeit, etwas Traurigkeit und Philistertum. Ich sitze am Schreibtisch, Sonne und Sommerlust fommen durch das weitgeöffnete Fenster herein und ein leises Rauschen der Bäume aus dem Garten des Rachbarhauses: von Zeit zu Zeit klingt ein Schrttt auf, aus der Ferne Hundegebell, sonst Stille, Sonntagsstille. Im gegenüberliegenden Hause sind ebenfalls alle Fenster geöffnet. Man sieht in lauter aufgeräumte, leere Zimmer, die Bewohner sind ausgeflogen. Auf einem Fensterbrett steht ein Paar weißer Spangenschuhe zum Trocknen, die sollen gewiß am Abend noch im Tanze springen. Rebenan lehnt ein altes Ehepaar breit und behaglich, auf Sofakissen gestützt, aus dem Fenster und beobachtet das „Leben und Treiben". Vorläufig treibt aber nichts. Auf dem Balkon des ersten Stockwerks sitzt nur ein kleiner Junge, der aus irgend einem Grunde daheim bleiben mußte. Er bläst auf einer Mundhamwnika; er ist noch kein Meister, ein Lied ist nicht herauszumerken, aber die Dreiklänge Horen sich doch ganz hübsch an. Unten auf der Bordschwelle des Bürgersteigs hockt ein anderer kleiner Junge und lauscht andächtig hinauf. „Kommste nich runter?“ fragt er endlich. „Ree," sagt der Künstler und bläst weiter. Eine junge Mutter im karrierten Seidenkleid mit zwei kleinen karrierten Ablegern neben sich und einem Kuchenpaket in der Hand eilt vorbei. Jetzt zwei Jünglinge mit „wunderbar" geölten, langhintenübergekämmten Haaren. Run ein Schuhmann — laut hallen feine .Schritte in die Stille. Jetzt klingt Musik auf, Klavier und eine etwas gepreßte Männerstimme. Merkwürdigerweise singt sie nicht „Ich hab' mein ^rz In Heidelberg verlogen", aber das Thema ist schließlich dasselbe, wenn mans so nehmen will: „Dir, Göttin der Liebe, soll mein Lied erklingen". Die Begleitung ist schwierig, man merkt es, aber der Sänger zwingt das Lied doch, wenn auch nicht In dem von Wagner gedachten Tempo. Die Göttin der Liebe würde ihn auf die Stimme hin sicher nicht erhört haben. Aber vielleicht ist er sonst bildschön und dämonisch, denn zartes Händeklatschen lohnt ihn am Schluß, und er läßt nun das Weserlied folgen. Die Alten am Fenster schauen und lauschen. Ein eingeschlossener Hund heult irgendwo melancholisch, die Mundharmonika tritt wieder in Tätigkeit, und der Kleine auf der Straße hort aus, mit seinem Stöckchen zwischen den Pflastersteinen zu stochern: „Kommstc nich runter?“ fragt er noch einmal. „Ree", antwortet's wieder von oben. Sonntagnachmittag im Hochsommer — zu Hause. x C. v. M.
Zur Wietzener Werbewoche gelegentlich der Gartenbau undElektri- zitäts- Ausstellung in der Zeit vom 11. bis 19. September iann man mit einem starken Besuch aus der näheren und weiteren Umgebung unserer Stadt rechnen. Besonderes Interesse dürste sich dem vom Gießener Derkehrsverein für nächsten Sonntagnachmittag vorgesehenen


