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Itr. 286 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Dienstag, Z. Dezember I926

Eröffnung der Ratstagung des Völkerbundes

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geheimen Sitzung Ides. (S8 touri)e;r eine

Kontrolle nach dem Versailler Vertrag auf ju« hören hat, sobald die vertraglich sestgelegten Bedingungen erfüllt sind. Und diese Bed' gungen s r n d restlos erfüllt, so daß der Bot

bald beseitigt; wenn nicht, so wird die Z^age der Beseitigung der Interalliierten Militärlom- mission solange verschleppt, bi- Deutschland sich fügt. Das Blatt fragt: Soll das etwa das gute Gleis sein, aus welchem Thoiry fährt, wie Briand sagte? Unserer Meinung nach führt dieses Gleis auf einen Prellbock, an dem der Thoiryzug zerschellen mühte. Achnlich äußert sich dieD. A. Z.", die diese Auffassung über den Charakter der Militärkontrollc ener­gisch zurüclwcist und daran erinnert, das; die

schafterkonferenz zwangeläu ig nur ü'r>rigbleibt. die Aufhebung dec Militarlontrolle zu verfügen. DieGermania" halt es sogar für we­niger schlimm, wenn Stresemann unverricl tetcr Dinge, d. h. ohne Einigung über die Been­digung der jetzigen Militärtontrolle, nach Berlin zurückkehrt, und wenn damit der Prozeh der deutsch.französischen Verständigung einen vor­übergehenden S t i l l st a n d erleidet, als dah Deutschland hinsichtlich des Prinzips der Unu4- lässigkeit von irgend einem Clöment stable a u ch

d i e gering st e Konzession macht.

Der deutsche Untergeneralsekrelär.

»«nähme von Anzeigen für die Tagesnummer bi» zum Nachmittag vorher.

preis für l rom höhe für Anzeigen oo.i 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re­klameanzeigen von 70 m Breite 35 Reichspfennig, Platzvorfchrift 201 , mehr.

Chefredakteur

Dr Fncdr Wilh Lange. Derantwortlich für Politik Dr Fr Wilh Lange; für Feuilleton Dr H Ikyriot; für den ädrigen Teil Ernst Blumschein; für den An« zeigenteU LT-eiir H.Beck, sämtlich in Gießen.

Rußlands Auhenpolitik

Tschitscherin empfängt die Berliner Presse.

von morgen. Rußland sei mit der Kuomin- regierung befreundet. Tschangtsolin gegenüber werde Rußland seine Rechte an der ost- chineschen Eisenbahn nicht Preisgaben. Politisch-freundliche Beziehungen und stä ke wirt­schaftliche Verbindungen seien der Weg. um vor­wärts zu kommen. Er könne erklären, dah auf dem Wege der Entwicklung dieser wirtschaftlichen Verbindungen Deutschland den anderen Staaten vo. angehe.

Die Lage in China.

London , Z. Dez. (W. T. B. - Funlspruch.) Daily Mail" berichtet aus Hankau, infolge einer Entspannung der Lage sind die bri­tischen Warinefoldaten und die Schnellfeuer- geschühe von den Sandsackversperrungen in der bri ischen Konzession zurückgezogen worden. Gestern früh wurden in Hankau Flugzettel angeschlagen, in denen die Chinesen zur Boy­kottierung der Engländer aufe ordert werden. Sie sollen außerdem für die Beseitigung der Zollbehörden, der Konzessionen und die Rückgabe alles abgetretenen Terrains agitieren.

Reihe von D.'.ügets- und Derwaltungsfragen er­ledigt. ferner die Frage der Schließung des Wettbewerbes für die Baupläne für das neue Bölkerbundgebäud» und die Frage dec Er en- nung von neuen M tg irdern für dis Hhg ene- komilee. K,rz vor 12 Uhr beginn die öffent­liche Sitzung, zu der d.e in groher A.rzayl er­schienenen Pressevcr reter a ler Länder z g lassen waren. Am Ratrt.sch präsid eck» Ba idilroc de, die übrigen Ratsm tglieder nahmen ihre Plä;e in der üblichen Reihenfolge en. Die Tages­ordnung, auf dcr sechs Pu;fte von u 1er- georÖnder Dede. tnng stand m. wurden i r kaum 20 Minuten ohne Diskussion eredigt. i.tliche Berichte über die auf der Tagesordnung stehen­den Fragen, darunt r De ich! der Hygien Kom­mission,^ Bericht des 3 terr.at'.ona'en Arbeits­amtes über di> Vorarbeiten für eine Ko ben» tion gegen die Sk.'aoere:. Berich! über die Unter­bringung der armenisch n F ücht inge und Rati­fikation der unter M.twirkung des kec- bundes zustar.degckommenen Abkcmmm wurden vom kecbundsrat ohne Ab immung ange­nommen, worauf sich dec Rat auf Dienstag nachmittag vertagte. Am Montagnachmit ag trat das Dreierkomitee des Völkerbundes für die Minderheitsfragen z.sammen.

BesprechungderRheinpakiMüchte

Um die Aufhebung der Militärkontrolle.

Genf, 6. Dez. (TU.) Die heute nachmittag um 6 Uhr begonnene Unterredung im Hotel Beaurwage zwischen Chamberlain, Briand, Dr. S t re- sem a n n , Vandervelde und S c i a l o j a dauerte bis nach 8 Uhr abends. Die Minister ver­liehen unmittelbar nach der Unterredung das Hotel, ohne besondere Mitteilungen zu machen. Offiziell wurde über die Unterredung folgendes Kommunique ausgegeben:

Die Vertreter Englands, Frankreichs, Deutsch­lands, Italiens und Belgiens im Völkerbundsrat haben heute die bisherigen Einzelbcsprechungen m einer gemeinsamen Unterredung weiter forfgefüfjrf. Das Ergebnis dieser ersten Zusammenkunft ist befriedigend. Die Verhand­lungen werden In weiteren gemeinsamen Zusam­menkünften sortgesehk werden. Ls besteht die Hoffnung, dah man zu einer Einigung ge­langen wird."

Reichsauhenminister Dr. Strescmann sowie die übrigen Mitglieder der deutschen Delegation nehmen heute an einem Essen beim deutschen Generalkonsul Aschmann teil. Sn unterrichteten Kreisen ist man der Ansicht, daß der Hinweis des offiziellen Kommuniques auf die Möglichkeit einer Einigung zunächst auf die Frage der Auf­hebung der interalliierten Militär­kontrollkommission zu beziehen ist. Sollte in den nächsten Tagen die Pariser Dotschas- terkonferenz eine Entscheidung treffen, die die Aushebung der interalliierten Kontrolle für

Gegen die Wohnungs- zwangswirtschaft.

Eine Entschließung der Lpitzenverbände.

Berlin, 6. Dez. (TU.) Die sieben nam­haftesten Spitzetiverbände der deutschen Wirt­schaft u.a. der Zentralverband des deutschen Dank- und Dankiergewerbes, der Reichsverband der deutschen Industrie und der Zentvalverband bei deutschen Großhandels veröffentlichen eine Entschließung zur Frage der Zwangswirtschaft auf dem Gebide des Wohnungswesens, in der deren Beseitigung im Interesse der Aus- grstaltung der freien Wirtschaft zum Zwecke der Beschleunigung des Ausgleichs von Angebot, und Nachfrage und Behebung der Wohnungsnot gefordert wird. 3m einzelnen wird U.O. verlangt: Sofortige Beseitigung des Wohnungsmangelgesehes. Abbau des Eingriffs in freie Dertragsrechk der Parteien, be­schleunigte Ausgleichung der Mieten in alten und neuen Räumen, genügende Er­stellung von den Bedürfnissen der großen Masse eiUsprechenten, gelundheitlich einwandfreieren Häusern. Endlich wird eine Prüfung der Frage verlangt, ob. soweit Zuschüsse aus allgemei­nen Mitteln notwendig sind, diese nicht zweck­mäßiger in der Form von Zinszu- s ch ü s s e n als durch 5)ergäbe von Kapitalien ge­wahrt werden sollen. Die ilmtoanölung der Hauszinssleuer in eine öffentlich-rechtliche Rente wird abgelehnt.

Genf, 6. Dez. ($11.) Die 43. Tagung des Völlerbundsrates begann heute vormittag 11 Tlhr zunächst mit einer unter Vorsitz Vandervel

einen festen Termin in Aussicht nimmt, so er­scheint die Möglichkeit einer Behandlung der Investigationsfrage aus der gegenwärtigen Rats­tagung ni£t als ausg.schlo feit Man rechnet in informierten Kreisen öcmit, daß Mitts dcr Woche eine gewisse Klärung der Verhandlungen in der einen oder anderen Richtung eintritt. Die Ver­handlungen der Außenminister werden im Lause des Dienstag weitergeführt werden. Am Vormittag um 10 llfjr wird Reichsaußenminister Tr. Strcsemann den Besuch des belgischen Außen­ministers Vanderlelde emp sangen. Am Rachmittag tritt der DölkerbundSrat zu feiner zweiten Sitzung zusammen.

Perlinax meldet demEcho de Paris", daß man nach Öen Unterreöungen ©trefemann« Chamberlain und Slresemann-Briand bereits er­kennen könne, wo hinaus Briand wolle. D.e In­teralliierte Militärtt>ntrolllommi,,ion sei nach sei­ner Ansicht am Ende ihrer Weisheit angelangt. Das beste wäre daher, sie möglichst schnell zu opfern. Als Gegenleistung solle von ©trefemann allerdings die Annahme des Investigationsplanes von 1924 erreicht werden. Bisher häbe aber ©trefemann noch Wi­derstand geleistet. Vieles hänge in dieser Be­ziehung von der Haltung Chamberlains ab. Es sei nicht ganz sicher, ob Chamberlain bei der gestrigen llnterha.tung ©trefemann gegen­über die gleiche Sprache führte wie Briand. Es sei nicht ausgeschlossen, daß er ©trefemann die Hoffnung gelassen habe, daß am Investi­gationsprotokoll des Völkerbundes merkliche Ab­änderungen vorgenommen werden konnten. In diesem Falle hätte man mit Strefemanns Widerstand gegen den französischen Vorschlag zu rechnen.

Berliner Pressestimmen zur 3 ueftigationdfrage.

Berlin. 6. Dez. DieTägliche Rund­schau" interpretiert die Meldung der Agentur Havas über die Haltung Frankreichs in der In­vest iga tion ssrage folgendermaßen: Beugt sich Deutschland unter das Joch des Investiga- tivnsprotokolls, so wird die Militärkontrolle als-

Sozialdemokratie und Regierungskoalltion TcrVorwärts" zurRedc desAbg.Dr. Lcholz

Berlin, 7. Dez. (TU.) DerVorwärts" nimmt in seiner Morgenausgabe aussührlich Stellung zur Rede des Aög. Dr. Scholz in Insterburg, die er als eine Kriegserklärung der Deutschen Dol'spartei an dic Sozialdemokratie wertet. Dr. Scholz bdonte darin, in dcr Frage der Arbeitszeit sei eine Verständigung zwi­lchen der Deutschen Dollspartei und den Sczial- öemofraten nicht möglich, die Große Koa­lition könne als dauernde Regierung nicht in Frage kommen, sondern man müsse hoffen, daß die Deutschnationalen sich zur praktischen Mitarbeit zurücksinden werden. Da Herr Scholz Führer der volksparteilichen Fraktion sei, sei seine Rede als amtliche Parteimeinung aufzu­fassen. Die Schlußfolgerungen der ©ozialderno- kratie beständen deshalb darin, daß sie die Ver­einbarungen als nicht mehr bestehend an* sehe, die die Regierung durch den Reickskanzler mit den Sozialdemokraten getroffen habe und die darauf hinauslaufen sollten, die Geschäfte in enger Fühlungnahme mit der So­zialdemokratie zu führen. Die Rede des Abgeordneten Dr. Scholz habe das Mißtrauen gegen den Innenminister zu dem gegen das ge­samte Ministerium erweitert. Die sozialdemokra­tische Fraktion werde sich in den nächsten Tagen öarü&er schlüssig werden, in welcher Form sie ihrem Mangel an Verträum Ausdruck verleihen

Berlin, 6. Dez. (WB.) Tschitscherin emp­fing heute in der russischen Botschaft die Dsr- treter der Berliner und der auswärtigen Prcs e. Er verbreitete sich eingehend über das Verhältnis der Sowjetunion zu Deutsch! nb und führte aus: Wenn ich den jetzigen Moment mit meiner vor­jährigen Anwesenheit in Berlin vergleiche, so kann ich mit vollem Bewußtsein behaupten, daß unsere Beziehungen zu Deutschland sich in dieser Zeit b e fxe ft i g t haben. Ich kann auch mit dem­selben vollen Dewußts.in behaupten, daß die internationale Lage der Sowjetunion überhaupt trotz aller feindlichen Bemühungen sich merklich befestigt hat. Als ich im vorigen Jahre in Ber­lin war, standen die Verhandlungen über Öen rus isch»deutschen Vertrag und über t ie uns zu gewährenden deutschen Kredite in einem vorbereitenden Stadium. Jetzt sind diese beiden hochwichtigen politischen Akte zu Tatsachen ge­worden. Wir haben jetzt eine feste Da sis für unsere künftigen Derhältni s>. Der Berliner Vertrag regelt mit aller Bestimmtheit unsere politischen Beziehungen, während die Kredite eine dauernde wirtschaftliche Verbindung unserer Län­der bedeuten.

Tschitscherin verwies bann aus einen Artikel des ..Augur" In derForlnigntly Review", der die Idee der Bildung einer Einheitsfront Englands, Frankreichs und Deutschlands gegen d.e Sowjet­union erläuterte. Lr könne zwar betonen, daß die Freundschaftsbande, die Deutschland mit Rußland verbänden, bereits so fest geworden seien, dah er sich völlig darauf verlasse. Er müsse aber die Ge­fährlichkeit solcher Tendenzen hervorheben. Entschei­dend bleibe die Tatsache, daß Rußland England stets einen Ausgleich geboten habe und biete, aber immer ohne Erfolg. Die harte Tatsache sei die Rußland gegenüber geführte Linkreisungspolilik, die es aber nicht ohne Erfolg bekämpfe.

Dem Vertrag von Litauen messe er öie größte Bedeutung bei, do er in hohem Matze zur Stabilisierung der Verhältnisse in Osteuropa bei­tragen solle. Die Beziehungen zu Polen seien >wch nicht getlärt. weil öie polnische Regierung bestrebt fei, öie Verhandlungen mit Rußland so zu führen, daß Polen zu einem Protektor der baltischen Staaten erhoben würde. Das Ver­hältnis zu Frankreich sei nicht ganz un­getrübt, da das Verhältnis Rußlands zu R u - mänien in öie französische und italieniiche Politik eine Dis'onanz hineintrage. Das russische Programm unmittelbarer Paktverträge verwirk­liche sich Schritt auf Schritt. D.e Anwesenheit Rußlands im Völkerbund würde keine Erhöhung der Sicherheit, sondern eine Verminderung be­deuten, keine Verminderung der Isolierung, son­dern eine größere Abhängigkeit von anderen. Die Entwicklung der südchinesischen Ku - ominpar tei fei jetzt für jedermann klar. Das Südchina von heute fei öie chinesische Republik

Genf, 6. Dez. (Wol f) Der Völlerbundsrat hat in seiner vertraulichen Sitzung die Ernennung Öc5 deutschen llntergeneral।clrdärö, Gesandter Dufour-Feronce, voll'ogen. Der d.utsche älntergeneralfeir.tär tritt fein Amt am 1. Januar 1927 an und übernimmt die Leitung der Orga­nisation für geistige Zufa mmena r- beit. Als weitere deutsche Mitglieder des Ge- neralfefrctariatd wurden bestätigt: Dr. Daran-, don. seither Mitglied deS deutsch-englisch n Schiedsgerichts in London, als Mitglied der Ab- rüftungöabteilung Kapitän Reida, der ber.it 6 feit einigen Monden in öie er Abt i.ung arbeitet. An Steile deS auLscheidenben seitherigen Alnter- generalfelretärö Aiobe - Japan, wurde der Japaner S o g i m u r a gewählt, der glrichz itig an Stelle des ausscheidenden französischen Mir- glieds Mantoux die Leitung der politischen Abteilung übernimmt

Die Arbeitsbeschaffung durch die Reichsbahn.

B e r I n , 6. Dez. (Wolff.) Die Maßnahmen, dic die Reichsbahn mit finanzieller Hilfe des Reichs zur Bekamp,ung der Arbeitslosigkeit getroffen hat, haben sich in den letzten Monaten bereits g ü n ft i g ausgewirkt. Schon Ende Oktober war der größte Teil des lOV-Millionen-Kredits, der zur ver­stärkten Beschaffung von Material und zur Erneue­rung der Reichsbahnanlagen bestimmt war, in Aufträge u m g e s e tz t. Die geplanten 0 [ e i s = umbauten, für die 30 Millionen Reichsmark vorgesehen waren, sind bereits zu drei Viertel voll­endet. Ebenso fitiö die Wohnbauten zum größ­ten Teil, die Bahnhofsumbauten und die »leklrischen Sicherungsanlagcn zu einem Drittel ausgeführt. 9m Gange sind auch die Arbeiten an den 16 Bahnstrecken, die mit Hilfe eines 54-Millionen-Kredits vollendet werden sollen, den das Reich der Reichsbahn zu besonders günstigen Bedingungen zur Verfügung gestellt hat.

Pas preußische Wohnungsbauprogramm. Der Kinanzminister im Staatsrat.

Berlin, 6. Dez. (DDZ.) 3m Hauptaus­schuh des preußischen Staatsrates führte Fi- narymtnifter Dr. Höpker-Aschofs in seiner EtatSreÖe u. a. folgendes über öie Neubautätig­keit auf: »Wenn en verstärkt s Reubauprogramm durchgeführt werden soll, wirb man mit Öen Mitteln her HauszinSsteuer nicht auslommrn. Wenn man, wie es bet Landtag wünscht, ein Reubauprogramm von 1 50000 Woh­nungen im Jahre 192? durchführen will und damit rechnet, daß ein Teil aus privaten Mitteln erbaut werden kann, daß also etwa 120 000 Wohnungen mit HauSzins st euer- hypothelen unterstützt werden müssen, so würde sich daraus für öie Reubautätigkeit ein Gesamtbedarf von 600 Millionen ergeben. Da öie Hauszinssteuer höchstens 430 Millionen er­gibt, würden 170 Millionen durch Anleihe zu decken sein. Ein Progranunentwurf ö^ Wohl­fahrt-Ministers hat die Anre.'iUng gegeben, es fo zu finanzieren, daß man die Miete und die H a u s z i n s st e u e r weit er erhöht. Das StaatSministerium hat noch keine Stellung ge­nommen. Ich halte es aber doch für vollkommen unmöglich, öie Miete im nächsten Jahre auf 130 Prozent zu erhöhen. Die Mi:te muh lang­sam gesteigert werdm. Für eine Steigerung auf 130 Prozent bedarf es mindestens eines Zeit­raums von drei Jahren. Eine mäßige Erhöhung der Miete wird man hn Lause des nächsten Jahres schon deshalb bekommen, w .il der Haus­besitzer vom 1. Januar 1928 ab einen höheren Betrag für die aufgeteerteten Hy'oothelen wird anwenden müssen, der ja 8 Prozent der Frie- denSmiete beträgt. Für undurchführbar halte ich es auch, etwa für das nächste Jahr an eine weitere Erhöhung der Hauszins­steuer zu denken. Die Länder hatten vom Reichsfinanzminister verlangt, wenn er den end­gültigen Finanz ausgleich dis zum 1. April 1927 nicht schaffen könne, dah dann an den grund­legenden Bestimmungen des provisorischen Gesetzes festgehalten werden müsse, daß insbe­sondere die Länder und Gemeinden ihre 75 Prozent bekommen und auch unter allen Um- stünden die bisherige Spezialgara-ntie aus der Umsatzsteuer nach wie vor gewährt wird. Der Reichsminister ist nur bereit, eine Gesamt­garantie zu geben und die vorhandene Ga­rantie von 2,1 auf 2,4 Millionen zu erhöhen. Darauf konnten sich aber die Länder nicht ein- -assen, Weiler wollen die Länder, daß das Reich sie von der Last der unterstützenden Erwerbs­losenfürsorge befreie. D.e Polizeidotationen, die das Reich gleichfalls kürzen will, müßten in der btsherigen Höhe weitergewährt werden.

Die erste Ratstagung war so belanglos, wie nur irgend etwas. Man hielt sich auch mit dem Pro­gramm nicht lange auf, sondern erledigte es in zwanzig Minuten. Anders dagegen die hinter den Kulissen stattfindenden Auseinandersetzungen der verschiedenen Außenminister über die brennendsten und dringendsten sich um Deutschland gruppierenden Probleme. Bereits am Sonntag fand eine Bcspre- chung zwischen Briand und Stresemann statt, an der nur als Dolmetscher Professor Hesnard von der Berliner französischen Botschaft teilnahm. Wenn auch Herr Briand in der anschließenden Information der Pressevertreter den Versuch unternahm, mit ge­schickten Redewendungen und witzigen Bemerkungen unbequemen Fragen aus dem Wege zu gehen, wie überhaupt einen Schleier über die Zusammenkunft im Hotel des Bcrgues zu ziehen, so kann doch gesagt werden, daß hier unter sechs Augen nicht nur die gegenseitigen Stellungen abgetastet, soi.dern die schwebenden Fragen ohne Verzug in Angriff §e n o m men wurden. Welche Angelegenheiten zu cremigen sind, das wissen wir: die Militärkon­trolle und der Inoestigationsplan. Ueber den Ver­lauf der Unterhaltung läßt sich selbstverständlich nichts sagen, immerhin war sie doch wichtig genug, Herrn Briand zu veranlassen, ein halbes Dutzend Telegramme an Herrn Poincars nach Paris zu jagen, die nun den französischen Ministerpräsidenten veranlassen werden, von seinem Platz hinter der Front die Kräfte zu gruppieren und einzusetzen. Daß die Franzosen versuchen werden, sich irgendwie aus der Affäre zu ziehen, soll ihnen nicht weiter verübelt werden, solange sie in ihrem Kampf sach­lich bleiben und nicht mit Verdrehungen und Ent­stellungen arbeiten. Bis jetzt sieht es jedenfalls so aus, als will man mit ehrlichen Waffen fechten. Das ist allerdings der Genfer Eindruck, wie er vor allem durch einen Artikel Marcel Rays, des Gefolgsmanns Briands, hervorgerufen worden ist, in dem zwar nicht gesagt wird, was Dr. Stresemann Herrn Briand mitgeteilt hat, der aber doch den fran­zösischen Standpunkt auseinanderzusetzen sucht. Die Befürchtung läßt sich allerdings nicht von der Hand weisen, daß PoincarL nach- alter Gewohnhe.l dazwischenzufunken versuchen wird, wenn er aus dem Gang der Dinge glaubt schließen zu müssen, daß sich vielleicht doch eine Verständigung anbahnt, die dem deutschen Standpunkt gerecht wird.

Vie Eröffnung der Ratstagung.

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertag, Beilagen;

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