Einzelbild herunterladen

Gießener Stadttheater.

Ludwig-Thoma-Abend.

3m Januar nächsten Jahres hatte Ludwig Thoma, auch als Peter Schlemihl bei Lebzeiten nicht unbekannt, seinen 60. Geburtstag feiern können. Willkommener Anlaß, im voraus schon auf dem Theater seiner zu gedenken, die guten Bekannten fröhliche Llrständ feiern zu lassen, bie er in feinen Dramen unterlassen hat. Es steht übrigens mit Thoma ohne sonst unangebrachte Vergleiche ziehen zu wollen wie neulich mit Sudermann. Wenn dieser überaus heilere Abend dazu beigetragen hat, auch an den Erzähler Ludwig Thoma so ganz nebenbei ein wenig zu erinnern, dann hat er doppelt seinen Zweck er­füllt. Wobei wir nicht einmal an die Laus- bübengeschichten denken und an die vom großen Gulbransfon entzückend verewigte Tante Frida mit dem Papagei, oder an dasKälbchen" und die Briefe eines bayerischen Landtagsabgevrd- neten, sondern an den guten, bodenständigen! 'Bauernroman vomWittiber", der vor 15 Jahren erschienen ist das Beste, was Thoma ge­geben hat.

Aber wir wollten vom Theater sprechen, von derMedaille" zuvörderst, jenem schlicht- silbernen Ehrenzeichen auf schwarzem Braten­rock, das dem Dezirksamtsdiener Aeusigl für langjährige treue Dienste" an die Brust ge­heftet wird, und das den wahren Anlaß gibt zu der schrecklichen Biecherei (mit Thoma zu reden) in der altbahrischen Kleinstadt, im Salon des Amtmanns Kranzeder. Hier wird dasFest" dieser prächtigen Auszeichnung gefeiert, nicht ohne Absichten, höchst geheime, in steter Erwartung des hohen Vorgesetzten; als welcher für Aufwand, Blamage und Peinlichkeiten entschädigen soll, die das Festessen für Gastgeber und -geberin, sowie

einen jungen, gleichfalls zugezogenen Assessor be­deuten. Thoma hat nie ein Blatt vor den Mund genommen, sein Witz und Spott haut grimmig dazwischen und verpatzt das Symposion mit vernichtender Gründlichkeit. Schon wenn sie auf­marschieren, das Jubelpaar, der Metzgern, eist er und Landtagsabgeordnete, dieOekonomen" und der Lehrer da wirds einem himmelangst, und man ahnt nichts Gutes. Jetzt geht eine Szene los, der der weiland Aeithard von Reuenthal Pate gestanden haben könnte. Mit Grüas God und Iuhui fängt es an, mit einer wüsten Fresserei, mitFestreden", Witzen und Frozzeleien, mit einem gewaltigen Gläserschwingen, dieweil die andern drei schier umkommen vor soviel Urwüchsig­keit und Krawall. Als dieStimmung" beider­seits einen schimmernden Gipfel erstiegen hat, erscheint, durchaus im rechten Augenblick, der hohe Herr, um der gediegenen Rauferei beizuwohnen, die man längst kommen sah. Tableau... Das Ganze wurde von Telekh mit Witz und Laune und großem Hallo serviert: die Festgesellschaft war in ausgelassenster Losgebundenheil bei der Sache. Ein grotesk-komisches Dauernquartett stellten die Oekonomen": Gehre, Volck, Kurz ho ff, W e h r l. Feiste Gemütlichkeit und Leutseligkeit umgab, eine halbe Rüance feiner, Golls Metz­germeister Lampl. Sehr drollig auch das 3ubel° pärlein (Stichel und Jüngling) und das beschwipste Lehrerchen Häberlein von Eisig. Auf der andern S.eite brauchten für den Spott nicht zu sorgen der steifkorrekte Dezirksamtmann (Te­lekh), dessen ferne Frau, Auguste Marcks sie kann unwiderstehlich schockierte Gesichter machen und Hankes schnarrender Monokel- assessor. Es war, mit einem Wort, eine richtige Biecherei", wie sie der selige Thoma sich feixend ausgemalt hat.

Muß man noch vonLottchens G e - burtstag" erzählen? Oder ist diese heikle Geschichte etwa schon bekannt? Um kurz zu sein:

m. 235 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Donnerstag, 7. Oktober (926

Das Wohnungsproblem im Räterußland.

Don unserem Dr. ^-Sonderkorrespondenten. Leningrad, Oktober 1926.

lieber nichts in der Welt gehen bekanntlich die Ansichten und Meinungen so auseinander, wie über das heutige Rußland. Während die einen, durch d'.e rosenrote Brille des Optimismus ichauend, hier ein Paradies auf Erden zu sehen glauben, ballen andere es für ihre unabweisbare Bflicht, lediglich oder doch vorwiegend (um mit Wilhelm «usch zu reden), nach den Raupen im Sauerkraut fleißig Umschau zu halten. Wer aber mit dem ehrlichen Willen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, nach Rußland kommt, wird hier zwar kern Parad.es ver­wirklicht sehen, wohl aber wird er ein Volk vor- finden das in festem Glauben an gewisse Ideale mit unermüdlichem Eifer dabei ist, seine durch Krieg, Umsturz und Bürgerkrieg verwüstete Heimat nach eigener Neigung und eigenem Geschmack wieder aufzubauen.

Ob das kommunistische Ideal an sich richtig oder verkehrt ist, ob es überhaupt letzten Endes verwirk­licht werden kann, soll hier nicht untersucht werden. Jedenfalls steht fest, daß dieses Ideal imstande ge­wesen ist, 140 Millionen Menschen aus lethargischer Untätigkeit aufzurütteln und in Bewegung zu setzen. Dieser Zustand emsigster Bewegung, der jeden Nerv des Riesenkörpers durchschüttelt, ist gemessen an dem früheren Zustand behäbiger Ruhe und Schwer­fälligkeit ohne Zweifel der hervorstechendste Zug des neuen Rußland.

Wer nach Leningrad mit der Borftellung kommt, hier an Stelle des alten Petersburg eine tote und halbverwüstete Provinzstadt vorzufinden, wird von der Wirklichkeit angenehm überrascht sein. Zwar sind Revolution und die Not'der ersten Nachkriegs­jahre an der Stadt nicht spurlos vorübergegangen, aber man spurt die Besserung auf Schritt und Tritt, und man sieht Tausende von Händen an der Arbeit, die letzten Spuren der bösen Jahre zu tilgen. Bekanntlich hatte das äußere Ansehen der Stadt am schwersten dadurch gelitten, daß besonders während des schlimmen Winters 1920/21 infolge der Brennstoffnot zahllose unbe­wohnte Häuser aller Holzteile Türen, Fenster, Dielen, Balken beraubt wurden, so daß nur die kahlen Wände stehen blieben. Man sieht noch heute solche Häuser, aber nicht mehr allzu häufig. Wo eine Wiederherstellung noch möglich erscheint, wird sie Dorgenommen; im andern Falle werden die Trüm­mer völlig niedergelegt, um für neue Bauten Platz zu gewinnen.

Für die rasch anwachsende Bevölkerung werden neue Wohnungen in nächster Zeit ein dringendes Bedürfnis fein. Außerordentlich eindrucksvoll ist die stumme Sprache der Ziffern, ih welcher Leningrads Bevölkerungsstatistik während der letzten zwölf Jahre zu dem redet, der in Zahlen zu lesen vereflht.

Das alte Petersburg zählte vor dem Kriege reichlich anderthalb Millionen Einwohner. Während des Krieges setzte ein starker Zustrom ein; der Höhe­punkt wurde 1916 erreicht; damals zähltePetro­grad" nicht weniger als 2,5 Millionen Einwohner. Im nächsten Jahre schon begann der Abstieg; 1920 haben wir bereits die Minimumziffer: es find nur noch 740 000 Menschen da!! Seit 1921 ist die Stadt wieder erst in langsamen, bann in immer schnellerem Wachstum begriffen: am 1. Juni d. I. zählte Le­ningrad bereits wieder 1 440 000 Einwohner.

Sehr interessant sind die Eigentumsverhältnisse des städtischen Grundbesitzes in Rußland. Bekannt­lich wurde der gesamte städtische Grundbesitz nach der Oktoberrevolution enteignet; die Häuser gingen da­mit in den Besitz der Stadt über. Dabei ergaben sich aber naturgemäß bald große Schwierigkeiten: es erwies sich als unmöglich, tausende von Häusern, in deren jedem die Verhältnisse anders lagen, von einer Stelle aus in befriedigender Weise zu ver­walten. Daher übertrug die Stadt ihre Rechte an die Bewohner der Häuser selbst. Und so entstand, aus den Bedürfnissen der Praxis geboren, das heu­tige System der sog.Shiltowärischtschestwa".

Wohl nirgends auf der Welt gibt es so riesige Wohnhäuser, wie in den russischen Großstädten. Es ist gar keine Seltenheit, daß ein einziges .Haus 30 und mehr Wohnungen (78 Zimmer) enthält. Bei kleinen Wohnungen kann die Zahl entsprechend bis K100 steigen. Alle Inhaber dieser Wohnungen

. zusammen einShiltowärischtschestwa", d. h. etwa ein H a u s g e n o s s e n s ch a f t. Die Gesamiheit wiederum wählt einen Ausschuß, der mit der Ge­schäftsführung beauftragt ist. Dieser Ausschuß zieht die Mieten ein, welche nach Abführung der städti­schen Steuer restlos für Instandhaltung des Hauses verwandt werden. Interessant ist dabei, daß der

Mietzins einer Wohnung aus zwei Faktoren er­rechnet wird: der Größe der Wohnung und dem (wirklichen oder vermuteten) Einkommen des betref­fenden Mieters. Der Mieterausschuh vermietet auch etwa freiwerdende Wohnungen, wobei er häufig zahlungskräftigen Mietern den Vorzug gibt, aus dem natürlichen Bestreben heraus, die Mietquoten der anderen Hausgenossen dadurch herabzudrücken. Mit einem Wort: der Ausschuß übt im Auftrage der gesamten Genossenschaft alle Rechte des Hausbesitzers aus mit alleiner Ausnahme des Verkaufsrechts.

Es liegt auf der Hand, daß man auf diese Weise bereits vorhandene Häuser zwar recht gut verwalten kann, daß er sich aber als unmöglich erweist, N e u- bauten auf solcher Grundlage zu finanzieren. So hat man denn zunächst den Bau von Privathäusern (bis zu einer gewissen Größe, die nicht überschritten werden darf) unter Zugrundelegung des Erbpacht- rechtes gestattet. Für größere Häuser kommt ober eigentlich nur Finanzierung durch Gemeinde oder Staat in Frage.

Da aber die öffentliche Hand einstweilen für solche nicht direkt produktiven Zwecke keine Gelder verfügbar hat, so ist an vielen Orten, zumal in Moskau, die W o h n u n g s n o t auf ein in Deutsch­land kaum glaubliches Maß gestiegen. Mit einiger Hoffnung sieht man gegenwärtig auf eine neuge­gründete deutsch-russische AktiengesellschaftRus- gerftroj". Sie will noch in diesem Jahre in Mos­kau zwei große Wohnhäuser im Werte von zwei Millionen Rudel fertigstellen und im nächsten Jahre eine große Arbeitersiedlung von 2000 Wohnungen in Angriff nehmen. Da es sich um eine neue Bau­methode handelt, so will man gleichfalls in Moskau zum Bau eines Versuchsgebäudes schreiten, in dem Materialprüfungen und Arbeitsmethoden demon­striert werden sollen.

Auch in den Industriegebieten des Donbeckens und Transkaukasiens will die Gesellschaft sich be­tätigen. Es versteht sich von selbst, daß auch die kapitalkräftigste Gesellschaft die russische Wohnungs­not nicht fühlbar lindern kann; die Bedeutung der Gründung muß man vielmehr im guten Beispiel und im Ansporn sehen, die sie unzweifelhaft aus- üben wird.

Heifeeinörüde aus Spanien.

(Von unserem nach Spanien entsandten W. S.- Sonderberichterstatter.)

Barcelona, Oktober 1926.

Ueber die augenblickliche sehr gespannte Lage in Spanien kann man sich nur an Ort und Stelle ein rechtes Bild machen. Denn was die außerordentlich strenge Zensur an nichtssagenden'Telegrammen ins Ausland durchläßt, ist gar dürftig. Die Lektüre der spanischen Zeitungen hilft auch nicht viel weiter. Wenn auch der Belagerungszustand augenblicklich wieder aufgehoben ist, weilim ganzen Lande voll­ständig Ruhe herrscht", so dürfen die Blätter doch selbstverständlich nur das berichten, was den strengen Zensoren genehm ist. Ja, sie laufen sogar noch Ge­fahr, auch wegen ordnungsmäßig zensierter Artikel hinterher zur Rechenschaft gezogen zu werden. Des­wegen befassen sich auch die beiden in Spanien er­scheinenden deutschen Wochenschriften gar nicht mit Politik, sondern veröffentlichen nur rein wirtschaft­liche oder allgemein kulturelle Artikel.

Wer in Spanien selbst mit maßgebenden Per­sönlichkeiten des öffentlichen Lebens, mit Poli­tikern, Gelehrten, Vertretern von Handel und Ge­werbe, kurzum mit den Intellektuellen in Fühlung tritt,' muß höchlichst erstaunt darüber werden, daß Primo de Rivera eigentlich gar nicht, oder gar nicht mehr ernst genommen wird, wenigstens nicht von diesem maßgeblichen Teile der spanischen Bevölke­rung. Noch kann sich Primo de Rivera durch das Heer behaupten. Der Nachdruck liegt hierbei auf dem Wörtchen noch. Er ist bekanntlich selbst aus der Ar­tillerie heroorgegangen. Die Artillerie gilt in Spa­nien als Elitetruppe, in der der weitaus überwie­gende Teil des Offizierskorps aus Aristokraten und Adligen sich zusammensetzt. Doch geradedieAr- tillerie ist heute ganz entschieden gegen Primo de Rivera. Fortwährend kommt es zu teilweise sehr heftigen und unangenehmen Konflikten zwischen beiden, die durchaus nicht immer zugunsten des Dik­tators gelöst werden. Wenn König Alfons XIII. nicht melfach mit einer geradezu erstaunlichen Ge­schicklichkeit eingriff, so wäre es mit der Herrschaft des Generals schon längst vorbei.

Wir erlebten gerade das von dem General an­geordneteP l e b i s z i t", das sich dahin entscheiden sollte, ob das Regime, wie er es eingeführt hatte, weiter bestehen sollte oder nicht. Wer würde es wohl gewagt haben, in offener Abstimmung gegen de Rivera zu entscheiden? Wir haben viele Listen ge­sehen, in denen des Lesens und Schreibens Unkun­

dige ein oder zwei Kreuze gmacht hatten; Kranke und Krüppel Hal man zu den Wahllokalen geschleppt, damit siefür" den Diktator stimmten. Ganz Spa­nien hat innerlich mit Recht über diese Posse ge­lacht, die dem General auch bei dem Könige selbst sehr viel geschadet hat.

Primo de Rivera Hal sicherlich besonders zu Beginn seiner Diktatur durch manche Reformen im Inneren Gutes gewirkt, mancherlei Mißstände abgc- stellt, Korruption und Verschwendung Einhalt ge­boten. Doch diese Reformen genügten nicht, um dem Lande die notwendige Ruhe wiederzugeben und um die unerläßlichen Voraussetzungen zur Ucberwindung der drohenden, so gefährlichen Wirtschafts- k r i s i s zu schaffen. Vor allen Dingen darf maif nicht außer Acht lassen, daß die Mißerfolge des Generals in der Außenpolitik, besonders in der Ton- ger- und Völkerbundsfrage, im Lande sehr ver­schnupft haben. Die sofort einsetzende französische Propaganda wollte natürlich in erster Linie Deutsch­land dafür verantwortlich machen, und fand auch hier und da damit Gehör.

Was gerade die Stimmung für Deutschland in Spanien anbelangt, so hat man zwischen drei Gruppen zu unterscheiden. Die frankophile Gruppe (etwa 30 000 Mitglieder) sitzt hauptsächlich in Barcelona; die internationale Gruppe, die hauptsächlich auch mit Deutschland gute Beziehun­gen unterhalten möchte, ist unverhältnismäßig stär­ker und weit einflußreicher, und die dritte Gruppe, die rein nationalistische, möchte Spanien am liebsten vom ganzen Auslande abschließen. Dabei findet man selten in einem fremden Lande so viele deutsche Erzeugnisse aller Art wie gerade in Spa­nien. Viele Leute verstehen Deutsch, das in den Schulen gelehrt wird. Vor einigen Monaten liefen, wie seinerzeit berichtet, ein paar deutsche Kriegsschiffe spanische Häsen an. Davon spricht die Bevölkerung heute noch, rühmt die tadellose Haltung der deut­schen Matrosen und möchte, daß recht bald wieder deutsche Schiffe zu Besuch kämen.

Man hat Deutschland ehren und schätzen gelernt, man bewundert uns und bedauert es daher doppelt, daß die deutsch-spanischen Handelsvertragsverhand­lungen durchaus nicht allen Wünschen der Spanier gerecht werden. Man blickt auf uns in Erwartung der schweren kommenden Dinge, die sich für Spa­nien vorbereiten. Man muß sich darauf gefaßt machen, daß ernste Ereignisie in Spanien schon in ganz kurzer Zeit eintreten können, Ereignisse, deren Tragweite auch für Deutschland vorläufig noch gar nicht abzuschätzen sind.

Hoffnungen der Saar.

Aus Saarbrücken wird uns geschrieben: Die Frage der endgültigen Zurückziehung des französischen Militärs aus^dem Saargebiet ist abermals auf der Tagung des Völkerbundes zurückgestellt worden. Gerade jetzt hätte man eine Entscheidung erwarten dür­fen, nachdem der Rat auf der 3uni-Tagung sich für Verhandlungen im September ausge­sprochen hatte. Die Saarbevölkerung hatte sich auf Grund der Märzbeschlüsse des Rates der Hoff­nung hingegeben, daß die widerrechtliche Be­setzung noch vor Ende des Jahres been­det werde. Aber leider sieht sie sich wieder ge­täuscht und es entsteht ein leichtes Mißtrauen. Die Saardelegation konnte keinen greifbaren Erfolg verbuchen, sie hat aber sonst wertvolle Arbeit geleistet. Besonders hat sie sich in der Frage der besseren Bezahlung der Berg­arbeiter der Saargruben eingesetzt und es wäre zu wünschen, daß die Anregung des Kommerzienrats Röchling, der beim Arbeits­amt den Vorschlag machte, in Zukunft infolge der dauernden Frankenbaisse die Arbeiter in Mark auszuzahlen, Rachahmung fände. Gerade das internationale Arbeitsamt sollte diesen Anre­gungen folgen und sich einmal näher mit den sozialen Zuständen im Saargebiet befassen. Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist die Be­seitigung der französischen Mehr­heit in der Re g i e r u n g s k o m Mis­sion, die sich sehr zum Schaden der Saar­bevölkerung auswirkt und die neutrale Präsiden­tenschaft des Kanadiers Stephens praktisch illusorisch macht. Die französische Mehrheit sa­botiert die Beschlüsse des Völkerbundes, tritt die Grundrechte der Bevölkerung mit Füßen, wie das deutlich in der Mißachtung des Landes­rates zum Ausdruck kommt. Durch die Entfer­nung irgendeines französischen Mitgliedes der Regierungskommission muh diesen Zuständen nachgerade ein Ende gemacht werden.

Durch die Verhandlungen von T h o i r y ist auch der Rückkauf der Saargruben ak­

tuell geworden. Wie die Dinge liegen, wird Frankreich jedenfalls lieber heute als morgen auf einer annehmbaren Basis die Gruben an Deutschland verkaufen, da es ja davon Über­zeugt ist, daß. wenn es bis zur Abstimmung im Jahre 1935 warten will, die Gruben niemals an Frankreich kommen. Deswegen wird Frank- ceich heute um jeden Preis Die Saargruben an das Deutsche Reich zurückgeben. Der fran­zösische Abgeordnete Ubry hatte sich seinerzeit um den Verkauf der Saargruben bemüht und nannte damals einen Preis von zwei Milliarden Goldmark. Man wollte auch damals die Saar- gruben einem internationalen Konsortium über­antworten, an dem außer deutschem auch fran­zösisches. schweizerisches, italienisches und ame­rikanisches Kapital beteiligt sein sollte. Von die­ser Lösung ist allerdings mittlerweile nicht mehr die Rede, und gewisse Völkerbundskreise, die sich seinerzeit sehr dafür einsehten, wollen heute auch nichts mehr davon wissen. Soviel ist aber sicher, daß, wie es dieser Tage hieß, von Deutsch­land der Rückkauf der Gruben erst für den Zeitpunkt ins Auge gefaßt werden kann, in dem die völlige Rückkehr des Saargebietes in die deutsche Verwaltung erfolgt ist. wobei entgegen verschiedenen Aeußerungen, die man in der Presse hört, ein Verzicht auf die Volksabstimmung durchaus nicht als im deut­schen Interesse gelegen erscheint.

Oberheffen.

Lanvkrcis Gießen.

Klein-Linden, 6. Oft. Der A l t * Veteran und Schaffner i.R. August Steuer und seine Ehefrau, Karoline, geb. Jung, feiern am nächsten Sonntag das Fest der Goldenen Hochzeit. Der Jubilar steht im 81. Lebens­jahr, seine Ehefrau ist 70 Jahre alt, beide er­freuen sich noch bester Gesundheit, ©leger hat den Feldzug 1870 71 im Füsilier-Regiment in Wesel mitgemacht. Der Oberweichenwärter Jakob Frey blickt auf ein dreifaches Ju­biläum zurück. Morgen werden es 25 Jahre, daß er bei der Eisenbahn tätig ist. Vor einiger Zeit konnte er Silberne Hochzeit feiern und ist außerdem seit 25 Jahren im Vorstand des hiesi­gen Turnvereins.

ck. Heuchelheim, 6. Ott. Der W o h / n u n g s n o t Rechnung tragend, hat auch die hiesige Gemeindeverwaltung den Bau eines Doppelwohnhauses ausgesührt. Das in der Ernststraße stehende Gebäude enthält 6 mal Dreizimmerwohnungen. Die Arbeiten sind vor ungefähr 14 Tagen vollendet worden, so daß in der vorigen Woche die Mieter einziehen konnten.

X A l l e n b o r f (La h n), 6. Okt. Gestern wur­den die neuen Bauplätze zwischen dem Gie­ßener Weg und dem Triebviertel den neuen Be- jitzern zugeteilt. Hier wurde ein sehr weites Gebiet zu einem großzügig angelegten Souterrain aufge­teilt, so daß ein Mangel an Bauplätzen hier so leicht nicht eintreten wird.

Lang-Göns, 6. Oft. Bei der hiesigen Spar- und L e i h k a s s e ist die Einrichtung getroffen worden, monatlich Spareinla­gen zu sammeln. Wie nützlich und zweckdienlich solche Sammlung ist, beweist die Tatsache, daß mancher Sparer auf diese Weise mit Leichtig­keit seine Zinsen und auch einen Teil am Kapital abtragen konnte. Diese Einrichtung zur Förde­rung des Sparsinns wird aber leider von vielen noch nicht geschäht, denn unbegreiflicher­weise wird diesem System noch viel entgegen­gearbeitet; u. a. wird behauptet, die Kasse werte nicht auf, obgleich doch eine Aufwertung bei der hiesigen Kasse schon längst beschlossene Sache ist. Deren Höhe kann aber erst nach den end­gültigen Feststellungen der aufzuwertenden Hy­potheken und Schuldscheine festgesetzt werden. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn von der Ein­sammlung der Spareinlagen auch hier recht aus­giebiger Gebrauch gemacht würde.

* Reiskirchen, 6. Oft. Am Sonntag hatte der hiesige GesangvereinHarmonie" den ihm befreundeten GesangvereinLie­derkranz" Roth a. Lahn zu Gast. Um 1 Tlhr mittags wurden die Sänger mit Musik am Bahnhof abgeholt. Rach einer furzen Begrü­ßungsansprache im Vereins lokal durch den ersten Vorsitzenden L. Balser entwickelte sich bald eine frohe Stimmung. Insbesondere wechsel­ten Gesangsvorträge der beiden Vereine unter Leitung ihrer Dirigenten Sommerlad (Beuern) und Lehrer Sauer (Roth) ab. Der 1 starke Beifall zeugte dafür, daß die gesanglichen

Thoma fand, das Motiv vom Frühlings­erwachen hätte auch eine heitere Seite, man müsse Spaß verstehen. (Wedekind hatte sichs freilich schwerer gemacht.) Lottchen, ein munteres Professorentöchterlein, feiert das 20. Wiegenfest. Der pflichtbewußte Papa, aus juristischen Pro­blemen schreckhaft aufgestört, bekommt schwer­wiegende Anwandlungen, brütet an einem Ge­burtstagsgeschenk besonderer Art: wie sagt er's seinem Kinde? Run, kurz und gut, das auf­geweckte Mägdlein reißt ihn mitsamt einem jun­gen Privatdozenten aus schrecklichen Schwankes- nöten mit einer höchst handgreiflichen Pointe: sie weißes" schon, sie hat, ganz heimlich, einem Kursus beigewohnt, allwo man Künste lehrte, deren, in übertragenem Sinn, schon der alte Sokrates dereinst sich lächelnd rühmte... Volck zeichnete für die Groteske verantwortlich, mimte auch zugleich (in einer Maske, die Henrik Ibsen nicht unähnlich sah) jenen heute zum Glück aus- gestorbenen Gelehrtentyp aus Weltfremdheit und falschem ilebereifer. Sehr drollig der käfer- beflissene junge Zoologe, der das Privatissi­mum beim Antrittsbesuch gelesen bekommt: Fr. L. Eisig. Die beiden vernünftigen Frauen waren Aug. Ma r cks und L. 3ün gling, das muntere ßottdjen 3ngeborg Scherer, die ihre kurze Szene mit erfrischender Herzlichkeit zum besten gab.

Die Ausgelassenheit der Bühne teilte sich dem angeregten Auditorium mit. Es wurde viel ge­lacht und gab verdienten Beifall. Dr. Th.

Das Grab des Philosophen.

Von Max Iungnickel.

Messinggelb steht über dem Dorfe Röcken die Sonne. Weißrot die Blumen in den Bauerngärten. Lebendiges Gold darunter. Im Feuer und im Blute des vergehenden Sommers alle Bäume. Auf den grauweißen Wölkchen am Himmel wiegt sich noch

ein Lerchenlied. Einer Magd begegne ich: Knall­rotes Tuch um den Hals, schwere Holzpantoffeln an den Füßen. Im Munde, zwischen den Zähnen, eine wippende, blaue Aster. Mitten im Dorf ist der Friedhof mit dem Kirchlein. Alles rennt über den Friedhof: Menschen, Hühner, Enten. Schul­kinder gehen singend und pfeifend darüber hin, pcitschenknallende Knechte, zwei Bettelmusikanten, Radfahrer und ein Kinderwagen. Hier und dort ind Grabhügel zertreten. Grabsteine liegen zer- plittert im hageren Grase. Ein richtiger Holpcr- tolperroeg ist dieser Friedhof. Das Dorfkirchlein hat etwas Ruhrendes. Wie von Märchengoldstaub um­woben, wie in einen Dornenschlaf gehext. Manch­mal, wenn ein Winkelwindchen aufwacht und unter die alten Mauern schleicht, dann isfs, als ob eine plötzliche Zärtlichkeit in ihr aufsteigt. Sie sehnt sich nach singenden Kerzenkindern, nach alten Frauen, die noch den Flammenschein des Kunkelofens in den Augen haben. Ein rührendes Kirchlein. Und an dieser Kirche liegt, von weißen Astern umnickt, vom Efeu umsponnen: Friedrich Nietzsche.

Wie seltsam: Das Herz, das von eine ewigen Fackel durchflammt war, von unendlichen Melodien durchblüht war und von genialen Irrlichtern durch­leuchtet war: Nun liegt es stumm und kalt an einer armen, windigen Dorfkirche. Und der Efeu, der aus diesem Herzen wuchs, zieht sich an der harten Mauer der Kirche hinauf. Wie eine grüne Braue überschattet er die müden, halbblinden Fensteraugen der Kirche. Wie flüsternde Ewigkeit geifterfs aus Efeu und Kirchenmauern.

Dieses Herz, das einst gegen die Kirche anboiv nerte: Nun klammert es sich an die Kirche, nun hängt es daran, unuittert von der letzten Melodie einer Lerche, umwoben von den letzten Strahlen der Dorffonne.

Es wird Abend. Die Kirche betet mit heller Stimme. Im Dorfe werden Fenster hell. Der Mond kommt. Eine Krähe fliegt und zieht den Mond wie an einer Silberleine über die Kirche weit ins Land hinein.