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Hr. 235 ZNrites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger fürMerhessen) Vienstag^Oitober 1926

Bas paneuropäiiche Manifest.

Don Graf R. N. Coudenhooe-Kalergi.

In Wien ist dieser Tage der erste Pan- europäische Kongreß eröffnet, dessen Präsi­dent, Gras Coudenhooe-Kalerai, der Begrün­der der Paneuropäischen Union und eiirige Dorkämkfcr der Idee von den Dereungten Staaten von Europa, uns diesen Aufsatz zur Vrfügung stellte. Die Familie Loudenhooe- Kalergi entstammt flämischem und kretischem Uradel, des Grasen Vater war ostcrreichiscyer Diplomat, seine Mutter Japanerin. Die leb­haft diskutierten Gcdankengange Couden- Hoves werden allgemein interessieren, gleich­viel welche Stellung man selbst ihnen gegen­über einnimmt. D. Red.

Europas Schicksalsstunde schlägt!

In europäischen Fabriken werden täglich Waffen geschmiedet, um europäisä-e Männer zu zerreißen in europäischen Laboratorien werden täglich Gifte gebraut, um europäische Frauen und Kinder zu vertilgen.

Indessen spielt Europa in unbegreiflichem Leicht­sinn mit seinem Schicksal; in unbegreiflicher Blind­heit sieht es nicht, was ihm bevorsteht; in unbegreif­licher Untätigkeit läßt es sich willenlos der furcht­barsten Katastrophe entgegentreiben, die je einen Erdteil traf.

Europas Politik steuert einem neuen Kriege z u. Zwei Dutzend neuer Elsaß- Lothringen sind entstanden. Eine Krise löst die andere ab. Täglich kann durch einen Zufall etwa durch ein Attentat oder durch eine Revolte der europäische Vernichtungskrieg ausbrechen, der un­seren Erdteil in einen Friedhof wandelt.

Dieser Vernichtungskrieg, dtzn die europäische Politik vorbereitet, wird an Schrecklichkeit den Welt­krieg ebenso weit hinter sich lassen, wie dieser den deutsch-französischen. Sein Element wird die Luft fein seine Waffe das Gift sein Ziel die Aus­rottung der feindlichen Nation. Der Hauptkampf wird sich gegen die Städte des Hinterlandes richten, gegen Frauen und Kinder. Die besiegten Nationen werden vernichtet, die siegreichen tödlich verwundet aus diesem Massenmorden hervorgehen. Dieser drohende Krieg bedeutet den gründlichen Untergang Europas, seiner Kultur und Wirtschaft. Andere Erdteile werden an dessen Stelle treten.

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Die zweite Gefahr, der ein zersplittertes Europa entgegengeht, ist: die Eroberung durch Rußland. Rußland verhält sich zu Europa, wie einst Mazedonien zu Griechenland. Bei Philipps Regierungsantritt glaubte kein Grieche an eine Mazedonische Gefahr; denn Mazedonien befand sich damals in Verwirrung und Anarchie. Philipps Genie brachte aber Ordnung in dieses Chaos, und nach 20 Jahren war das einige Bauernoolk Maze­doniens stark genug, die zersplitterten Kulturvölker Griechenlands niederzuwerfen.

Unter Fthrung c*ncs roten oder weißen Dik­tators könnte Rußland, durch gute Ersten, ameri­kanisches Kapital und deutsche Organisation sicy schneller wiederaufrichten, als Europa ahnt. Dann werden die zersplitterten und uneinigen Kleinstaaten Europas der einigen russischen Weltmacht gegen« Überstehen, deren Gebiet fünfmal so groß ist wie das gesamte europäische. Weder die Kleinstaaten Osteuropas, Skandinaviens und des Balkans, noch das entwaffnete Deutschland wären bann fähig, den russischen Ansturm abzuwehren. Rhein, Alpen, Adria würden zur Grenze Europas: bis auch diese fäll und Europa Rußlands Westprooinz wird.

Vor dieser Gefahr gibt es nur eine Rettung: der europäische Zusammenschluß. Für ein einiges Europa gibt es keine russische Gefahr. Denn es hat dopeplt so viele Menschen wie Ruß­land und eine ungleich entwickeltere Industrie. So liegt die Entscheidung über die russische Gefahr nicht bei Rußland, sondern bei Europa. Die beiden kom­menden Jahrzehnte werden der Geschichte das Schauspiel eines Wettlaufs bieten zwischen Europas Einigung und Rußlands Wiederaufrichtung: erholt sich Rußland von seiner Wirtschaftskatastrophe, be­vor Europa sich einigt so muß Europa unrettbar der russischen Hegemonie verfallen; einigt sich Eu­ropa, bevor Rußland wiederhergestellt ist so ist Europa vor der russischen Gefahr gerettet. So liegt die Freiheit Europas in der Hand der Europäer.

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Die dritte Lebensgefahr für Europa ist: der wirtschaftliche Ruin. Nie kann die zersplit­

terte Wirtschaft der uneinigen Staaten von Europa konkurrenzfähig bleiben gegen die geschlossene Wirt­schaft der bereinigten Staaten von Amerika. Denn die europäischen Zwischenzölle behindern und ver­teuern jede Produktion. Die europäischen Wirt- schafts^arzellen sind also verurteilt, von den außer­europäischen Wirtschaftsimperien Amerikas, Bri­tanniens, Rußlands und Ostasiens künftig ebenso erdrückt zu werden wie Krämer von Trusts.

Chronische Krisen werden die europäisä)e Wirt­schaft untergraben, die Not, das Elend und die Teuerung steigern bis schließlich das bankerotte Europa amerikanische Wirtsck>aftskolonie wird. Die­ser Zustand wird zur Versklavung der europäischen Arbeitersck)aft durch das amerikanische Kapital füh­ren, das sich jeder Kontrolle durch seine europäischen Arbeitnehmer entziehen wird.

Vor dieser Gefahr gibt es nur eine Rettung: Zu­sammenschluß des europäischen Kontinents zu einem Zollverband, Abbau der europäischen Zwischenzölle und Schaffung eines paneuropäischen Wirtschafts­gebietes. Jeder andere Weg führt zum Ruin.

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Das zersplitterte Europa geht somit einer drei­fachen Katastrophe entgegen: dem Vernichtungs­krieg; der Unterwerfung durch Rußland; dem wirt- schastlichen Ruin.

Die einzige Rettung vor diesen drohenden Kata­strophen ist: Pa ne uropa; der Zusammenschluß aller demokratischen Staaten Kontinentaleuropas zu einer internationalen Gruppe, zu einem politi­schen und wirtschaftlichen Zweckverband.

. Die Gefahr des europäischen Vernichtungskrieges kann nur gebannt werden durch einen paneuro­päischen Schiedsvertrag;

Die Gefahr einer russischen Herrschaft kann nur gebannt werden durch ein pancuropäisches Defen­siv b ü n d n i s;

Die Gefahr des wirtschaftlichen Ruins kann nur gebannt werden dijrch eine paneuropäische Zoll­union.

Der Schiedsvertrag sichert den Frieden das Bündnis sichert die Freiheit die Zollunion sichert die Wirtschaft. Diese drei Punkte enthalten im wesentlichen das paneuropäische Programm. Pan­europa umfaßt die Halbinsel zwischen Rußland, dem Atlantischen und dem Mittelländischen Meer; dazu

Island und die Kolonien der europäischen Staaten. Die große europäische Kolonie, die zwischen Tri­polis und Kongo, Marokko und Angora halb Afrika umfaßt, könnte bei rationeller Bewirtschaftung Eu­ropa mit Rohstoffen versorgen.

Das paneuropäische Programm bildet ein u n - teilbares Ganzes. Der Weg ist gegliedert das Ziel einheitlich. Ohne Sicherung' des euro­päischen Dauerfriedens ist eine europäische Zoll­union unmöglich. Solange jeder Staat in ständiger Furcht vor seinen Nachbarn lebt, muß er sich darauf vorbereiten, im Kriegsfall alle notwendigen Waren wie eine umzingelte Festung selbst zu erzeugen. Dazu braucht er nationale Industrien und Schutz­zölle. Nur ein Verschwinden der Kriegsgefahr durch i obligatorische Schiedspflicht würde den europäischen Staaten den Weg öffnen zum Abbau der Zoll­grenzen und zum Uebergang zum europäischen Freihandel. Umgekehrt bilden die nationalen Indu­strien und ihr Schutz durch den Staat einen Herd des europäischen Nationalismus und eine Be­drohung des europäischen Friedens. Interesfen- gemeinschaft dagegen ist der sicherste Weg zur poli­tischen Gemeinschaft. So stützt der politische Teil des paneuropäischen Programms den wirtschaft- liehen und umgekehrt.

Der Weg zur Verwirklichung Paneuropas ist folgender:

1. Gruppierung der europäischen Staaten nach dem Muster Panamerikas; dies wäre entweder innerhalb des Völkerbundes (nach Deutschlands Beitritt) möglich, ober durch Einberufung einer paneuropäischen Konferenz nach dem Muster der panamerikanischen.

2. Abschluß obligatorischer Schiedsverträge und gegenseitiger Grenzgarantie zwischen den Staaten Europas.

3. Defensiobündnis zum Schutze der gemein« . samen Ostgrenze.

4. Anbahnung einer Zollunion durch periodische Wirtschaftskonferenzen der europäischen Staaten.

Dieses Programm, das nichts Unmögliches ent­hält, sollte unverzüglich von allen in Angriff ge­nommen werden, die Europas Lage erkennen und ihren Erdteil retten wollen.

Von Staatsminister H i r t s i e f e r,

Die deutsche, also auch die preußische Volkswirt­schaft leidet und wird weiter leiden unter Woh­nungsnot und unter Arbeitslosigkeit sowie unter den Folgen dieser Notstände, so namentlich auch unter gesundheitlichen Schäden. Eine Gesundung unseres Volkskörpers in wirtschaftlicher, gesundheit­licher und sittlicher Beziehung ist deshalb nur mög­lich, wenn Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit be­hoben werden.

1. Eine Bekämpfung der Wohnungsnot kann nur biA'd) Mn Neubau von Wohnungen, also durch eine unmfangreiche Bautätigkeit erfolgen. Die Bau­tätigkeit und die Ausstattung de rneuen Wohnungen schafft Arbeit nicht allein für das eigentliche Bau­gewerbe, sondern als Schlüsselgewerbe für fast alle Gewerbe- und Industriezweige. Die Bekämpfung der Wohnungsnot bedeutet deshalb im weitest­gehendem Maße auch die Bekämpfung der Arbeits­losigkeit. Mit anderen Worten: Wir können und müssen die Arbeitslosigkeit dadurch erheblich ver­mindern, daß wir die Wohnungsnot beseitigen. 2. Ohne öffentliche Beihilfen ist der Bau von Woh­nungen für die minderbemittelten Bevölkerungs­klassen bis auf weiteres nicht möglich. Es müssen deshalb noch für eine Reihe von Jahren erhebliche Mittel für die Bautätigkeit zur Verfügung gestellt werden. 3. In Preußen werden jährlich etwa 120 000 Haushaltungen neu gegründet. Hierfür sind tätigfeit und die Ausstattung der neuen Wohnungen jährlich 120 000 neue Wohnungen nötig. Weitere 50 000 Wohnungen sind jährlich nötig, um allmählich den Fehlbetrag an Wohnungen zu decken, der durch unzureichende Bautätigkeit in den letzten Jahren ent­standen ist. Weitere 30 000 Wohnungen müssen jährlich als Ersatz für verfallene und schlechte Woh­nungen gebaut werden, damit das Wohnungswesen in Preußen allmählich voll gesundet. Alles in allem brauchen wir also eine Bautätigkeit, die für die nächsten Jahre 200 000 neue Wohnungen jährlich erstellt. 4. Erfahrungsgemäß muß die öffentliche Beihilfe im Durchschnitt für eine Wohnung 5000

Minister für Volkswohlfahrt.

Mark betragen, wenn der Mietpreis für die neue Wohnung in erträglichem Verhältnis zu den Alt­mieten dzw. zu den Einkommensverhältnissen der breiten Bevölkerungsmasse stehen soll. Es werden also an öffentlichen Beihilfen jährlich benötigt: 200 000 mal 5000 Mark 1 000 000 000 Mark. Als Quelle für diese öffentlichen Beihilfen kommt bis auf weiteres die Hauszinssteuer, die nötigenfalls auszubauen sein würde, in Frage. 5. Um ein Er­trägnis in Höhe von 1000 000 000 Mark aus der Hauszinssteuer für Neubauzwecke .zu erhalten, ist die Erhebung von etwa 50 Prozent der Friedens­miete bei Berücksichtigung der Ausfälle und der ge­setzlichen Befreiung nötig. Notig wäre also eine weitere Steigerung der Mieten um 30 Prozent der Friedensmieten. Diese Steigerung erscheint auf den ersten Blick unerträglich, zum mindesten un­erwünscht. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, daß dieses Mehr an Miete von unserer Volkswirt­schaft getragen werden muß, wenn wir in abseh­barer Zeit aus der Wohnungsnot, aus der schlimm­sten Arbeitslosigkeit, aus der Wohnungszwangswirt­schaft und letzten Endes auch aus der Hauszins- fteuer selbst herauskommen wollen. Das Mehr an Miete ist. auch auf die Arbeitsstunde berechnet nicht so sehr erheblich, wie es auf den ersten Augenblick erscheint. Wenn der Durchschnittssatz der Friedens­miete für eine Arbeiterwohnung auf 25 Mark an­genommen wird, ergibt ein Mehr in Hohe von 30 Prozent von 25 Mark, monatlich 7,50 oder bei achtstündiger Arbeitszeit und 25 Arbeitstagen im Monat auf die Arbeitsstunde umaerechnet einen Mehrbetrag von 3| Pfennig. Im übrigen wird die wirtschaftliche Belastung zum Teil sicher wahrschein­lich zur vollen Summe durch Ersparnisse an der Zahlung der Arbeitslosenunterstützung ausgeglichen werden können. Auch könnte um eine lieber- laftung der lebenden Generation zu vermeiden und auch jetzt schon eine Besserstellung des Althaus­besitzes zu ermöglichen ein Teil der nötigen Mittel anstatt durch Hauszinssteuer durch Anleihen

Zue Wohnungsbaufrage. preußischer

aufgebracht weiden. Letzten Endes ist auch ein Um­bau der Hauszinsstcuer möglich und zweckmäßig. Dieser Umbau kann dadurch erfolgen, daß neben einer ablösbaren Jnslationsrente eine Bausteuer eingeführt wird. 6. Zur Finanzierung von 200 000 neuen Wohnungen im Jahre gehören außer den in Ziffer 4 erwähnten offiziellen Beihilfen in 6orm von zweistelligen Hypotheken auch noch erftftcUige Hypotheken, hierfür würden nach den bisher.gen Erfahrungen nötig werden jährlich etwa 1 bis 1* Millionen Mark bei der heutigen Lage des Geld» marites aufgebracht werden können, da allein schon die Sparkasseneinlagen in Preußen sich zur ^e,t monatlich um 70 Millionen Mark vermehren, und zwar mit steigender Tendenz. 7. Mit den in Preu­ßen vorhandenen Bauarbeitern ui.d Bauhilfsarbei­tern können bei Einführung rationeller Arbeits­methoden und unter der Voraussetzung, daß die Bau­arbeiter ständig bas ganze Jahr beschäftigt werden, 200 000 Wohnungen jährlich ohne weiteres erbaut werden. Sollten aber wirklich in manchen Gegenden nicht genügend Bauarbeiter vorhanden sein zur Er- füUung des erweiterten Bauprogramms, so wür­den angesichts der Arbeitslosigkeit die fehlenden Ar­beitskräfte aus anderen Berufen entnommen und herangbbildet werden können. 8. Die Herstellung der nötigen Baumaterialien würde gar kerne Schwie­rigkeiten machen, da die Leistungsfähigkeit der Jndustriewerke, die Baustoffe erzeugen, zum Bei­spiel die Ziegeleien, nur zu einem verhältnis­mäßig geringen Teile ausgenutzt worden ist. 9. Die Folgen der vermehrten Bautätigkeit werden sein: Sofortige Besserung des Arbeitsmarktes, rest­lose Beschäftigung aller Bauarbeiter, Besserung der Arbeitstage, in fast allen Gewerbe- und Industrie­zweigen, also starker Rückgang der Erwerbslosigkeit, relativ schnelle Besserung des Wohnungsmarktes, demnächst völlige Beseitigung der Wohnungsnot und des Wohnungselends, tatkräftige Wohnungspflege, Ersatz menschenunwürdiger Wohnungen durch gute Wohnungen, damit Beseitigung der sittlichen und ge­sundheitlichen Gefahren, die. sich aus schlechten Woh­nungsverhältnissen ergeben, demnächst Beseitigung der Wohnungszwangswirtschaft im Wohnungswesen und baldige Beseitigung der Wohnungsämter in ihrer jetzigen Form. Abbau der Hauszinssteuer, in Verbindung damit erhöhte Rentabilität der Altwoh­nungen und bessere Instandhaltung der Altwohnun­gen, allmähliche Entfaltung der privaten Bautätig­keit und Gesundung der vom Zwange freien Volks­wirtschaft: also diese Vorteile ohne Inanspruch­nahme ausländischer Erzeugnisse, da die gesamten Rohstoffe füt den Neubau von Wohnungen im Lande vorhanden sind. 10. Die Vorteile einer er­höhten Bautätigkeit sind also so groß, daß sie von keinem, dem bas Dolkswohl am Herzen liegt, ge­leugnet werben können. Im übrigen hat fein Menfch von dem erhöhten Bauprogramm einen Nachteil; denn bas Mehr an Miete kommt doch. Das zeigen die Erfahrungen in allen anderen Kulturländern. Jetzt kann das Mehr noch für die Allgemeinheit nutzbar gemacht werden, später nicht mehr. Deshalb wende ick mich an jeden Deutfcken, und jeden Preu- ßen, insbesondere an die Parlamentarier des Rei­ches und Preußens, namentlich auch an jeden Volks­wirt mit der Bitte, an der Erfüllung dieses Pro­gramms mitzuwirken.

Rundfunk-Programm

des Frankfurter Senders.

(Aus der.Radio-Umschau".)

Mittwoch, 6. Oktober.

3 .30 bis 4: Die Stunde der Jugend. 4.30 bis 5.45: Konzert des Hausorchesters: Aus alten Operetten. 5.45 bis 6.05: Die Dücherstunde. 6.45 bis 7.15:Die künstlerischen Probleme des Thea­ters: Der Regisseur", Vortrag von Dr. Ludwig Marcuse. 7.15 bis 7.45: Josefa Metz: Vortrag aus eigenen Dichtungen. 7.45 bis 8.15: Die Schachstunde. 8.15: Vortragsabend Ludwig Hardt, Berlin.

Sprechstunden der Redaktion.

12 bis 1 Uhr mittags, 5 bis 7 Uhr nachmittags. Samstag nachmittag geschlossen.

Für unverlangt eingesandte Manuskripte ohne beigefügtes Rückporto wird keine Gewähr übernommen.

Anzeigenausträge sind lediglich an die Geschäfts st eile zu richten.

Frieda Vückmg.

Ein Buch liegt da, grün, in feines Seinen oder gar Rohseide gebunden, mit einem Namens­zug in goldener Prägung. Kein umfangreiches Buch, es faßt nicht sehr diel mehr als hundert Seiten, und doch ein Buch, von dem mit mehr als ein paar Worten zu reden ist. Denn es ent­hält so etwas wie die Ernte eines Lebens, eines tief durchgeistigten Lebens, verlautbart inAuf­sätzen und Briefen", eingeleitet von einem nam­haften Vertreter des deutschen, insonderheit des hessischen Schrifttums, Alfred Bock, herausge­geben im Auftrag von Verwandten und Freun­den als Privatdruck von Richard Uhde in Mün­chen.') Schon diese Art der Veröffentlichung gibt dem Buch einen eigenen Reiz, der in unge­wöhnlicher Weise zur Lektüre verlockt und durch die Lektüre den belohnt, reichlich belohnt, der sich von ihm hinreißen lieb, nicht nur zu blättern, sondern sich ganz dem eigenartigen Zauber hin- zugeben, der ihn aus diesen Aufzeichnungen an- weht, aus denAufsätzen und Briefen" von Frieda Bücking...

Eine merkwürdige Frau, die Verfasserin dieser Berichte, die eher Dichtungen gleichen als dem bescheidenen Begriff des Aufsatzes oder Briefs einzuordnen sind. Sie, die vor Iahres- frist, im September 1925 in Kassel starb, zwei­undsiebzig Jahre alt, konnte von ihrem äuber- lich unauffälligen Leben sagen: Es fei wie es wolle, es war doch so schönl 3mLichtstrom einer wohltuenden Atmosphäre" ist sie, die am 21. 3uli 1853 in Alsfeld als Tochter des Theologen, Raturforschers und Schriftstellers Karl Müller geboren wurde, ausgewachsen, von der süßen Engigkeit des Heimatfriedens umhürdet. Dort, am Oberlauf der Schwalm, hat ihr Wesen Wurzeln geschlagen, die keine Schicksalsfügung auszurvden in der Lage war. Früh schon lernte zugleich ihr feiner Sinndie fiingenbe Sprache der Kunst" verstehen, dennin den geheimsten Kammern ihrer Seele war etwas lebendig, das sich mit dem Kosmischen berührte. Die Welt der

) Marsplatz 1.

Erscheinungen wuchs vor ihr zum Shmboc des Ewigen, des Göttlichen empor".

Diese ungewöhnliche Veranlagung gab ihrem Dasein den festen, unerschütterlichen Mittelpunkt, von dem aus ihr ermöglicht wurde, mutvoll jedem Sturm zu trotzen.Inmitten rastloser Tätigkeit, inmitten ihrer Wirtschaftlichkeit trat fte für eine ideale Gestaltung des Lebens ein, zugleich für die Freiheit, aber auch für die Selbstverantwor­tung der Persönlichkeit." Frieda Bücking war ein Dollmensch, der über dem Geistigen nicht die andere Seite des Menschseins, wie über dieser nicht das Geistige vergaß. Undso ward das Dasein der temperamentvollen Frau durch eine Fülle harmonisch ineinander wirkender Seelen­kräfte unendlich reich".

Dab dieser Reichtum nach Ausdruck ver­langte, kann nicht wundernehmen. Sobegann sich eines Tages das Schöpferische in ihr zu regen. Aus wogender Fülle künstlerischer Ein­gebungen gelangte sie bald zur Konzentration". Sie schrieb. Und sie hatte etwas zu sagen. Richt bloß aus dem Gedanklichen heraus. Denn wie für so viele Kinder des Hessenlandes, war auch für sie charakteristisch, dah der tiefen, leidenschaft­lichen Liebe zur Heimat eine lebendige Sehnsucht nach der Weite, nach der Welt im Groben entsprach. Sie reiste. Sie war in Frankreich, in Paris, und in England, in London, aber die Erfüllung ihrer schönsten Träume fand sie im Süden. Ihr angeborenes und wohlgepflegtes Verständnis für die Kunst, insonderheit für Malerei, Plastik und Architektur, fand in Italien und Griechenland, wo sie mit dem berühmten Archäologen Wilhelm Dorpfeld sreundschaft- lich verkehrte, reiche Rahrung, die nicht ohne Frucht bleiben konnte. Frieda Bücking zog die Schönheit dieser Welt nicht in sich hinein, um sie als persönlichen Besitz ängstlich zu hüten. Wie ihr schönes Heim in Alsfeld ein Tempel der Freundschaft genannt werden konnte, so war auch ihr Geist zu einer lebendigen Kommunikation mit seinesgleichen stets geneigt. Eben darum schrieb sie. Schrieb, um sich mitzuteilen, um durch Ge­staltung ihrer eigensten Eindrücke die Mitwelt teilnehmen zu lassen an dem Erlebnis, das solche Eindrücke hervorrief.

Aber es war nun nicht das Erlebnis des Südens allein, das sie zwang, zur Feder zu greifen. Seelische Bewegungen von gleicher Stärke, wie sie sie in Italien und Griechenland empfing, wurden ihr auch in der engeren Heimat zuteil. Und darauf beruht die Eigenart ihres literarischen Rachlasses, dessen Herausgabe als ein Verdienst vor allem um die hessische Volkskultur angesprochen werden muh. Denn neben einer überaus beherzigenswerten Erörte­rung des Problems, wie der Gebildete in Italien reifen soll, finden sich höchst amüsante Imprej- fionen aus dem Leben einer kleinen hessischen Stadt, neben den praktischen Hinweisen aus die Möglichkeiten, im Rahmen einer Italienfahrt dauerhafte Eindrücke zu gewinnen, kleine, spitz- wegartig erfaßte Beobachtungen aus dem Alltag eines Miniaturstädtchens aus dem tiefsten Deutschland. Unb neben den schonheittrunkenen Streifereien in der Umgebung von Florenz fin­den sich derbheitere Erinnerungen an ein Krieger- fest in Oberhessen, neben der pittoresken Sil­houette von San Gimigniano delle belle torri erhebt sich der flache Almrift des idyllischen Zie­genhain, neben dem Jahrmarkt von Impruneta jauchzt ein Probetanz in der Schwalm.

Ueberhaupt die Schwalm, die hatte es Frieda Bücking angetan. Wie farbig auch, wie glut- durchtaucht ihre Herbsttage in Florenz, ihre römischen Abende, ihre griechischen Bilder er­scheinen, und sie gehören zweifellos zu dem Lebendigsten, was in der neueren Zeit über den europäischen Süden geschrieben worden ist, die Schilderungen aus der Schwalm, die Kirmes- bilder zumal und die Skizzen aus Willingshausen stehen ihnen in keiner Weise nach. Frieda Bücking war ja aber auch in der Schwalm zuhause wie nur wenige vor und nach ihr. Wie sie es in Italien verstand, sich das Vertrauen des Volkes zu erwerben, so war es ihr auch in der Heimat gelungen, in die charakteristische Zurückhaltung des Schwälmers eine Dresche zu schlagen und unter der spröden Bevölkerung der Schwalm Zutrauen, ja Freundschaft zu gewinnen. Das will viel heiben und ist zugleich kennzeichnend für die Anziehungskraft des Vollmenschentums, das in Frieda Bücking verkörpert war.

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Dieses Vollmenschentum findet denn auch in den Aufsätzen über die Schwalm seine schönste, beweiskräftigste Bestätigung. Denn in ihnen spricht jemand, der nicht bloß mit den Augen gesehen hat, wie es da ausschaut, sondern mit lebendiger Seelenkraft eingedrungen ist in das Wesen der Volksart, von der er spricht. Es ist die Liebe, die Frieda Bücking den Zugang zur Schwalm geöffnet hat, jene Liebe, die jedes Hin­dernis, auch das der Sprödigkeit des Herzens, überwindet und dadurch zu einem Wissen kommt, das keine tote Tatsachenhäufung ist, sondern lebendige, mitfühlende Anschauung. Aus dieser Anschauung heraus wird ihr auch die Fähigkeit zuteil, in einer Weise zu schildern, deren Wirk- lichkeitstreue, Farbenglut und Herzhaftigkeit mit den Meisterwerken der bedeutendsten Maler aus der Schwalm wetteifert. Und in der Tat: es ist so mancherlei schon über die Schwalm geschrieben tooröen, und es ist viel Richtiges und Ge­scheites dabei, aber so treffend und packend, so mitten aus dem Leben heraus, wie in den Auf­sätzen von Frieda Bücking, ist es nirgendwo ge­schehen. Es heibt deshalb keineswegs den Dogen zu weit gespannt, wenn gesagt wird, dah dieses Rachlahwerk von Frieda Bücking in seinem hes­sischen Teil ein Heimatbuch ersten Ran­ges ist und zugleich die wertvollste literarische Darstellung der Schwalm, die bisher an den Tag gekommen hist: denn hier ist, wie Alfred Bock zutreffend bemerkt,von Meisterhand ein Stück deutschen Volkstums gezeichnet".

Es ist ein Gefühl tiefen Dankes, mit welchem der Leser dieses Buch aus der Hand legt. Denn er tut es in dem Bewußtsein, von einer wahr­haft schonen Seele geleitet, Blicke ins Leben dreier Volker getan zu haben, Blicke von einer Tiefe, die sich ihm sonst Wohl nicht so leicht geöffnet hätte, ilnb so mag dieses Buch eine doppelte Wirkung tun:auf verwandte Seelen als eine köstliche Gabe wirken" und den in ihm pulsierenden Herzschlag, die geistige Lebensglut der Dichterin Frieda Bücking, der Rachwelt zu erhalten. Um dieser doppelten Wirkung willen sei es begrübt. Will Scheller.