Nr. 129 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)5amstag, 5. Juni 1926
Wandern und Reifen Bäder und Sommerfrischen
Schwarzwaldspuk.
' -3 Don F. Mvrsich.
Schon hatte ich fast die Höhe erreicht, als es mich zu verweilen lodte . . .
Unten hinter den schwarzen Tannen lag irgendwo das pompöse Baden-Baden; da strömte jetzt wieder der Fremdenstrom über die Terrassen des Kurhauses und der Hotels, durch die blühenden Parts und die lange Lichtentaler Allee, bunte Farbenwellen von Frühlingskleidern leuchteten auf, und ein unaufhörliches Murmeln von Stimmen lag in der Lust, die alle davon zu erzählen schienen, wie es gestern abend war, und was man an diesem herrlichen Morgen noch au tun gedächte. Während ich meine Micke tief in die liebliche Lairdschast zu versenken luchte, trug mir der Sang einer gedengelten Sense wieder das Klingen ins Ohr, vor dem ich in die Berge geflohen war, hörte ich hinter mir wieder das quäkende Dudeln deS Saxophons, kamen mit dem Winde, wie lebendig geworden, Folge auf Folge von Synkopen den Berg heraus- gekrochem.. Es half nichts, daß ich mich an das Bächlein"setzte und dem Spiel der geschmeidigen Forellen zusah, welche springend nach Käfern schnappten, die tief über den Wassern kreisten: denn aus dein Sprudeln der Wellen formte sich ein dudelnder Rhythmus, und die Forellen begannen vor meinen Augen den Tanz eines kunstgerechten Blutes. Sie schien dasselbe Tanz- fieber erfaßt zu haben, das mich gestern über das spiegelnde Parkett gejagt hatte. Alm mich schwoll ein Geräusch wie von einer unsichtbar stampfenden Maschine, und, wenn ich die Ohren mit dem Finger zustopfte, sah mir das Spiel der Fische genau so irrsinnig aus, als wenn man von außen durch ein erlcuchteies Fenster schaut, hinter dem getanzt wird, ohne daß man die Musik hört. Oesfnete ich aber wieder die Ohren, so erhob sich mir ein unheimliches Brausen, als spielten unzählbare Sonnenstrahlen auf den feingeschliffenen Gläsern den neuesten Kinder- kieberfoxtrott „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum..." und wie in einem Kanon siel das Wasser ein: „Kluck, kluck, kluck". Ich schloß fest Augen und Ohren, bis das Unbehagen immer mehr verebbte...
Geblendet vom Licht gewahrte ich dann durch die Spalte der Lider seltsame Dinge. Drüben von der anderen Seite des Baches schob sich eine Halbinsel der Sonnensriedlichkeit ins Wasser vor und wuchs und wurde groß und breit, riesenhafte bunte Fliegen und phantastische Zitronenfalter kamen zu ihr eilends herangeflogen, machten der ausgedehnten Kolonie von buttrigen Himmelsschlüsseln ihren Frühstücksbesuch. Da rückten lange Züge heran: Tausende von farbenglühenden Käfern, wie eine prächtige Friedensarmee xur Parade und über ihnen kreisten mit tönendem Propellersurren, ein wohlgeordnetes Geschwader Mücken, deren Flügel silbern in der Sonne glänzten. Dazwischen tönte vlohlich eine Hummel mit tiefem Geläut. Alnd dies muhte wohl irgendein Signal bedeuten, die Ankündigung des Erscheinens eines besonders ausgezeichneten Wesens, Wirklich, die Parade der Käfer bildete eine breite Gasse: von ferne glänzte es, eilig sprengte eine Schar Riesenameisen heran, drehten sich ein paarmal im Kreise, als suchten sie den Standort des Befehlshabers und verschwanden hinter dem von einem Wald von Blütenfahnen bekränzten Hügel. Immer näher dröhnten murmelnde Geräusche, die Überschwollen, wieder hinsanken, um sich aufs neue zu erheben, wie man es überall hören kann, wenn eine große Persönlichkeit als Oberster Aller von ferne anrückt und das Jubeln der Menge und die begeisterten Zurufe wellenhaft heranwogen. Rur der Einzug eines Maharadschas hoch im prächtigen Thronsitz auf festlich geschmücktem Elefan'en mag sich dem Eindruck nähern. den der jetzt sich nahende Auszug erweckte. Rauschende Buntheit wirbelte auf; diese Viesenheere von Käfern. Fliegen, Mücken und
Schmetterlingen zur Luft und zur Erde gerieten in große Bewegung. Blütenfahnen neigten sich und heran rollte in langsamem Zug eine Riesenschnecke mit einem herrlich bekränzten Bau auf dem Rücken, so riesenhaft erschien mir das Gebäude. daß ich selbst hätte einsteigen mögen, um den Triumphzug mitzumachen. Don den zierlichen Hörnern zogen sich breite kostbare Bänder zu dem Bau auf dem Rücken und lagen als Zügel in den Fäusten eines giftgrün livrierten Kutschers. Leicht schaukelte das Gebäude und glitzerte von all dem reichen Schmuck in der heitern Frühlingssonne.
Tosender Lärm von Musik. Gewühl. Geschrei mischte sich in das Rauschen des Wassers, ganze Ströme festlich geputzter Ameisen drängten sich wimmelnd auf dem blühenden Hügel zusammen und winkten mit blendend weißen Wedeln. Aus dem Gehäuse auf dem Rücken der prachtvoll aufgeräumten Schnecke glitzerte märchenhaft ein zierliches Krönlein. Alnd meine Ahnung wurde bestätigt, daß es sich um den Einzug dec jungen Königin dieses seltsamen bunt gewürfelten Inselreiches handelte. Mir schien es. als ob mich die melancholisch lächelnden Aeuglein einer verzauberten Prinzessin anschau- tcn. O traumhafte Schönheit, v süße Anmut. Sie deuchte sich mir zu nähern, und ich versuchte mich aufzurichten, doch eine unheimliche Gewalt hielt mich am Boden gefesselt. Lieblich nickte sie mir zu. berauschender Dust umgab mich. Sie schien gerade eine Abteilung bunt beflügelter Schmetterlinge abzusenden, um mich in ihr Märchenreich einzuholen, als plötzlich aus der Ferne unheimliche Laute in die festliche Freude brachen. Rahte sich ein Alngetoitter? Der Himmel verdunkelte sich, surrend flüchteten die Flieger der Sonne yach. Die festlich versammelte Menge stürzte kugelnd und wimmelnd durcheinander. Ieder griff nach feiner nächsten Habe. Die Königin stürzte ihre schlanken Glieder in einem Riesensah ins Wasser, wurde eine Kröte, und die Schnecke verkroch sich resigniert in ihr Gehäuse. In Massen drängte nun alles ans Alfer, denn der Boden dröhnte feindlich unter schweren Tritten, als ob ein fremdes Riefenwesen sich dem Schauplatz näherte. Dom Alfer rollten nun ganze Lawinen. Gestein und Erde in die Fluten und rissen ganze Schoren von Ameisen. Käfern und sonstigem feiergekleideten Getier mit dem Strom. Krachend zerbrachen Sträucher und Aeste. Dann war es einen Augenblick unheimlich still, wieder bröckelte Erdreich vom Alfer hinab. Alm mich war tiefes Dunkel: ich vermochte nichts mehr zu erkennen. Ietzt planschte das Wasser stärker, als ob es von einer fremden Kraft durchschritten würde. Ich hielt den Atem an; ich empfand wohl, wie sich mir irgend etwas näherte, aber ich vermochte mich, noch immer gebannt, nicht zu regen....
Plötzlich durchzuckte mich ein Kitzeln der Olafe; ich schreckte auf. aber die Sonne traf meine Augen so grell, daß sich zunächst nur rote Kreise vor mir drehten. Dorsichtig blinzelte ich durch die Lider und da entdeckte ich sie, o Entzücken, zierlich das Röckchen geschürzt, — entzauberte Krötenprinzessin —, mit entblößten Deinen im Wasser stehend; lachte sie da. meine Prinzessin; sie lachte — du Döse —, weil sie mich just mit einem Grashalm kitzelnd aus dem Märchenreich in die. zugegeben, nicht minder schöne Gegenwart erweckt hatte...
Kopenhagen - die Stabt der Radfahrer.
Ieder Ausländer, der Kopenhagen besucht, wird erstaunt sein über die große Anzahl Radfahrer. die die Straßen der Hauptstadt beleben. In anderen Ländern ist das Radfahren meist nur ein Sport, in Dänemark ist das Fahrrad in des Wortes reinster Bedeutung ein Beförderungsmittel für jedermann geworden. Don den etwa 700 000 Bewohnern der Stadt sind sicher über 200 000 Radfahrer.
Besonders in den Morgen- und Abendstunden ist das Bild lebhaft. Morgens um 9 Alfjr gleitet ein dichter Strom von Radfahrern hinein zur Stadt; sowohl Herren als Damen umkreisen auf ihren Rädern — oft in lebhafter Alntcr- Haltung — behende die Automobile. Straßenbahnwagen und Fußgänger. Abends gleitet derselbe Strom wieder zurück, fort aus der inneren Stadt heraus nach den Dorstädten. Alnd mancher macht auf seinem Rade im Sommer nach beendeter Arbeit einen Abstecher auf den Strandweg hinaus, um im Meere ein kühlendes Bad zu nehmen. Wenn die Wachtparade zur Mittagszeit durch die Stadt zieht, wird man mit Erstaunen wahrnehmen, wie viele Eilboten der Geschäfte gerade in den Straßen zu tun haben, durch die die Gardisten marschieren, denn vor der Musik bewegt sich mit gleicher Geschwindigkeit wie die Soldaten eine geschlossene Masse radelnder Knaben.
An Sonn- und Feiertagen wiederum ergießt sich der ganze Radfahrerstrom in den Morgenstunden durch die Stadt, durch die Tore hinaus zum Strand und in den Wald, um dann am Abend mit brennenden Laternen und unter munterem Glockengeklingel wie ein riesiges Lichtband zur Stadt zurückzukehren, die jungen Paare oft Arm in Arn:.
Dor allem die Kopenhagenerin ist mit ihrem Fahrrad zu einer Einheit verwachsen, in der sich Sicherheit, Frische und Ratürlichkeit paaren. Kopenhagen ohne die radelnde Kopenhagenerin ist undenkbar. Sie ist eine Zierde und zugleich — eine Sehenswürdigkeit der Stadt ....
Ruine Greifenstein.
In der schönen Frühlingszeit lohnt sich vor allem ein Ausflug nach dem Greifenstein, der gewaltigsten Ruine unserer Gegend und seiner altehrwürdigen Kirche. Die um das Jahr 1100 ursprünglich erbaute Burg wurde schon wieder ums Jahr 1298 durch die Grafen von Nassau im Verein mit dem Wettcrauer Städtebund zerstört. Graf Johann II. von Solms baute mit dem Grafen Ruprecht von Nassau um 1400 die Burg Greifenstein wieder auf und befestigte zugleich das Dörfchen am Fuße des Berges mit starken Mauern. Schloß Greifenstein war im Laufe der Zeit eine uneinnehmbare Feste, die die Stürme des 30jährigen Krieges überstand. Graf Wilhelm gab dem Städtchen unterm 7. März 1643 einen Frei- hcitsbrief. Bekannt ist die Sage von der Belagerung Greifensteins ourch den französischen Marschall Turenne vom Jahr 1673. Graf Wilhelm II. lud den Marschall, der Greifenstein belagerte, zum Imbiß und ging mit ihm die Wette ein, er wolle ihm die Feste ausliefern, wenn er vor jedem Burgtor einen Pokal Wein leere, ohne betrunken zu werden. Der Franzose — beide waren Vettern, und das Schloß soll 20 Tore gehabt haben — verlor die Wette und zog mit seinem Heere ab. An dem Tore aber, an dem lurenne nicht mekw weiter konnte, ließ der Schloßherr die Worte anschlagen:
Greifenstein, du edles Haus, Nüchtern hinein und trunken heraus.
Wanderfahrten.
Buhbach—Cleeberg—Hausberg—Buhbach.
Ein schönes Stück Taunus kann man auf dieser vorzugsweise durch Wald gehenden Wanderung kennen lernen. Man fahre mit einem Morgenzug nach Butzbach. Dom Bahnhof daselbst gehe man gleich links über die Bahngeleise und durch das schone Dillenviertel in einigen Minuten zum Walde. Man benutze die schwarze Punktmarkierung als Wegweiser. Bald erreicht man das schön gelegene Forsthaus, von wo aus in einer Stunde das herrlich im Eleebachtal gelegene Cleeberg erreicht wird. Von einer Burgruine überragt, bietet das Dorf einen freundlichen Anblick. Die erste Rast, die man in Cleeberg einlegt, bietet Gelegenheit, sich an der alten
hessischen Landestracht zu erfreuen, die vor allem die Frauen noch Sonntags zum Kirchgang anlegen. Auf dem Weiterwege benutzt man zunächst die große Hauptmarkierung Wetzlar-Hofheim (Strich mit Gabel), die zunächst hinauf zur aussichtsreichen Höhe des Schornfelbes (447 Meter) — besonders schöner Blick auf Braunfels und den Westerwald — und von da weiter zum preußischen Orte Weiperfelden führt. Grüne Striche weisen von da den Weg das SolmSbachtal auswärts nach Dodenrod, dem höchstgelegenen Orte im hessischen Taunus (470 Meter). Schwarze Rechtecke führen von hier dem 507 Meter hohen Hesselberg entlang ins romantische Isseltal. das man, blauen Strichen folgend, aufwärts wandere, u'n bald den 486 Meter hohen Hausberg zu erreichen. Don hier aus wandere man abwärts über Hoch-Weisel nach Station Ostheim (gelbe Striche), oder der neuen T-QHarfierung folgend über Hausen nach Butzbach. Gesamtmarschzeit 5 bis 6 Stunden.
Grünberg—Laubach—Schotten.
Diese Wanderung führt durch den lieblichsten Teil unseres heimatlichen Gebirges, des Dogels- berges. Don Grünberg gehen wir durch das schöne Drunnental, das namentlich zur Zeit der Blüte einen ungemein reizvollen Anblick gewährt, gelangen dann in sanfter Steigung auf eine Landstraße mit prächtigen Ausblicken, wo wir auf blaue Kreuze stoßen. Aleber Lauter erreichen wir in V/2 Stunden das freundliche Städtchen Laubach, das mit Schloß und Park eine Besichtigung lohnt. Durch das anmutige Wettertal führen uns nunmehr blaue Ringe zum Jägerhaus, einer Försterei mit guter Verpflegung. Direkt neben dem Försthaus die wohlerhaltenen Trümmer der Kirche eines vor Jahrhunderten untergegangenen Dorfes Ruthard- l) auf en. Auf landschaftlich reizvollen Wegen mit hübschen Ausblicken auf den hohen Dogeisberg erfolgt der Weitermarsch, nunmehr weihe Ringe, an der Kiliansherberge vorbei zum Endziel, dem schönen Kreisstädtchen Schotten, das von Laubach aus in 3 Stunden erreicht ist. Auch Schotten birgt interessante Sehenswürdigkeiten, wie Schloß. Kirche und Rathaus.
Neiseliteratur.
Gasthöfe in Württemberg. Diese soeben erschienene prattische Schrift enthält eine große Anzahl guter Gasthöfe und Fremdenheime im württcmbergischen Schwarzwald, Reckarland, Schwäbischen Wald, in Hohenlohe Franken, Oberschwaben bis zum Bodensee und Allgäu und in der Schwäbischen Alb.
— Bad Kissingen und seine Heilanzeichen bei inneren Krankheiten. Don Dr. med. Valentin Behr, Spezialarzt für innere Medizin. Würzbura, Gebrüder Memminger, Verlagsbuchhandlung. Preis 1 Mark.
— Reue Rhön- und TaunuSkarte. Bei Ludwig Ravenstein, Frankfurt a. M. erschienen eine neue Rhön- und eine neue Taunus- Markierungskarte, die den Wanderern empfohlen werden können. Die Rhön-Markierungskarte tm Maßstab 1:120 000 in Zehnfarbendruck wurde völlig neu gezeichnet und bearbeitet; sie umfaßt das Gebiet zwischen Schlüchtern und Meiningen in der West-Ostrichtung und zwischen Dacha und Gemünden in der Rvrd-Südrichtung. Der Wanderer findet auf dieser Spezialkarte alles touristisch Interessante in klarer Darstellung, insbesondere sind die Wegezeichen unter Hervorhebung der Hauptwanderwege in den Originalzeichen und -Farben ausgenommen. — Die Taunus-Markierungskarte im Maßstab 1:170 000 in Achtfarbendruck umfaßt den Gesamt-Taunus, das Lahn- tal und den südlichen Westerwald und reicht von Koblenz im Westen nach Rauheim-Friedberg im Osten, von Westerburg—Gießen im Rorden bis Bingen—Mainz—Langen im Süden. Sämtliche vom Taunus-Klub neumarkierten Wege sind auf der Karte enthalten.
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