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Nr. 180 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger iGeneral-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 4« August 1926

Aus dem Reiche der Frau.

1 zu erhalten, und es den Wechselwirkungen dec

Don der Ehrfurcht.

' Don Clara Prich.

.Wohlgeborene. gesunde Kinder bringen viel mit; die Ratur hat jedein alles gegeben, was er für Zeit und Dauer nötig hatte; dieses zu ent­wickeln, ist unsere Pflicht, öfter entwickelt'^ sich besser von selbst. Aber eins bringt niemand mit auf die Welt, und doch ist es do. worauf alles ankommt, daniit dec Mensch nach allen Setten zu ein Mensch sei. Könnt ihr es selbst finden, so sprecht es aus."

So wird Wilhelm Meister in GoethesWil­helm Meisters Wanderjahren" angeredet, als er seinen Sohn zur Erziehung in diepädagogische Provinz" bringt.

ilnb die Antwort, dre er selbst nicht srndet. f)cif>t:Ehrfurcht".

lind dann die Erklärung. Eine dreifache Ehrfurcht wird hier gelehrt und verlangt:Ehr­furcht vor dem, was über uns ist, daß ein Gott da droben sei. der sich in Eltern, Lehrern. Dor­gesetzten abbildet und offenbart.

Zum Zweiten: Die Ehrfurcht vor der Erde, vor qllem. was sie und gibt und erschlicht, vor ihren Leiden, ihren Freuden.

Und zum Dritten soll das Kind Ehrfurcht vor feinen Mitmenschen lernen, vor allem Göttlichen und Menschlichen, das sich ihm in ihnen zeigt und offenbart."

Wenn wir im Lichte dieses Goethe-Worts heute um uns schauen, so wissen wir, was unserer ganzen Zeit, vor ollem aber unserer Jugend fehlt: Ehrfurcht. - Ehrfurcht vor Gott und den Eltern, den Lehrern und Dorgesehten. den Alten. Kran­fen. Müden. Es mangelt auch an der Ehrfurcht vor der Erde, am Verständnis für die Werte, die sie in treuer täglicher Arbeit gibt und er- sc^ießt. am rechten Einwerten und Achten der Freuden unb Leiden, die sie ihren Kindern schenkt. Und es fehlt den jungen Menschen die Ehrfurcht voreinander, die sich in Höflichkeit und Freund­lichkeit. in strenger Redlichkeit und Hilfsbereit­schaft. in Achtung vor des andern Art und Per­

sönlichkeit äußert.

Immer wieder fragen wir Eltern und Päda­gogen ..Woher dieser Mangel und die Der- wilderung, die er mit sich bringt? Woher dies Dersagen unserer Erziehung?" Als Antwort lassen sich eine Reihe von Gründen nennen, die zum Schluß alle wieder auf einen Untergrund zurückzuführen sind. Gewiß liegt viel am bösen Beispiel, auch den Erwachsenen ist der Begriff und die Hebung der Ehrfurcht sehr abhanden gekommen. Wer auch in früheren Zeiten sind die Eltern und Lehrer keine Heiligen gewesen und haben doch bei ihren Kindern und Schülern mehr Ehrfurcht geweckt und gefunben. Sehr viel Schuld hat sicher die ganze Methode unserer Er­ziehung. die ein Rückschlag nach dem harten System der Prügelstrafen vor etwa zwei Gene­rationen einsetzte unb zu Anfang unseres Jahr­hunderts bas berühmte Wort Ellen Keys vom Jahrhundert des Kindes" zu ihrem Leitwort machte. Die Kinder haben dann rasch genug be­griffen, wie wichtig fie find, daß ihnen die beste Liebe unb bic Zukunft gehört. Sie schieben olles beiseite, was unbequem und hinderlich für die eigene freie Entwicklung scheint, sie kennen keine 'Furcht vor ihren Eltern und Dorgesetzten, aber auch keine Ehrfurcht. Dazu kommt, daß die langen Kriegsjahre mit ihren Erregungen unb Unregel­mäßigkeiten der ruhigen Entwicklung unserer Kin­der schädlich gewesen sind.

Mit Ermahnungen und Strafen, mit einem rückläufigen Kurs ist da sicher nicht zu Helsen unb zu bessern.

Goethe sagt weiter:Der Itatur ist wohl Furcht gemäß, aber keine Ehrfurcht. Der natür­liche Mensch strebt aus der Furcht zur Freiheit, aus der Freiheit wirb er zurück in die Furcht getrieben und kommt um nichts weiter. Sich zu fürchten ist leicht. Ehrfurcht zu hegen, ist schwer. Ungern entschließt sich der Mensch zur Ehrfurcht, ober vielmehr, er entschließt sich nie bazu; es ist ein höherer Sinn, welcher feiner Rotur ge­geben werden muh. unb der sich nur bei besonders Begünstigten aus sich selbst entwickelt, die man auch deswegen von jeher für Heilige gehalten hat."

Was ist nach diesen Goetheworten für unsere Zeit, unsere Kinder zu erhoffen? Daß wieder Menschen geboren werden, Persönlichkeiten, die zu jenenBegünstigten" gehören, dieden höhe­ren Sinn der Ehrfurcht aus sich selbst entwickeln", die Ehrfurcht haben unb Ehrfurcht wecken, bie auch unserer Jugend aus der geistigen und see­lischen Verarmung heraushelfen, welche durch diesen Mangel an Ehrfurcht bedingt wird.

Wir hoffen und vertrauen, daß zur rechten Stunde solche Führer und Propheten gegeben werden unb mit ihnen, durch sie ein neuer Tag unb Aufstieg kommt. Freilich das Wann, Wie unb Wo ist dunkel, wie jedes Wehen von Gottes Deist.

Dann wird sich auch bas schöne Schlußwort jenes Goethegesprächs erfüllen:Aus diesen drei Ehrfurchten eittspringt die oberste Ehrfurcht, die Ehrfurcht vor sich selbst, und jene entwickeln sich abermals aus dieser, so daß der Mensch zum Höchsten gelangt, was er zu erreichen fähig ist, ja. daß er selbst auf dieser Höhe verweilen bars, ohne durch Dünkel und Selbstheit wieder ins Gemeine gezogen zu werden.

Elterliche Bequemlichkeit, ein Hemmnis der gesundheitlichen

Erziehung.

Don Stadtmedizinalrat Dr. F i s ch c r - D e f v h, Frankfurt a. M.

Daß in der Jetztzeit die Gesundheitspflege in den Schulen eine Heimstätte gefunden, darf sich nicht der Schularzt als Verdienst anrechnen; er ist selbst eine Erscheinung, die ihren ©ninb in dem allgemeinen Bestreben hat, die Erziehung des Kindes nicht, wie früher, einseitig zu gestalten. Man will nicht nur den Geist auf Kosten des Körpers pflegen, sondern bie Erziehung nach allen Richtungen hin ausdehnen unb dem alt­griechischen Vorbild der körperlichen und geistigen Vollkommenheit näher kommen. Dieses Ideal kann nur dann erreicht werden, wenn Schule unb Elternhaus zusammen arbeiten. Eine Einigkeit zwischen beiden wird aber besonders dann ver- priht, wenn es gilt, die Gesundheit des Kindes

Schule auf eine möglichst wenig eingreifende Weise anzupassen. Die Einwirkungen der Schule ind. zumal was den Zwang des von Ratur aus auf körperliche Bewegung angewiesenen Kindes <ur Umstellung auf eine vorwiegend sitzende Le­bensweise betrifft, nicht zu unterschätzen Der chlimmste Feind der gesundheitlichen Drstrevun- gen bet Schule ist die Bequemlichkeit der Eltern, die weniger auf einem völligen Mangel an Ver- tändnis beruht, als vielmehr auf einer gewissen Schwerfälligkeit, die Ruhanwendung im eigenen Hause zur Durchführung zu bringen.

Die Eltern wollen ihren Kindern eine glück­liche Jugendzeit verschaffen. Wenn auch dieser Gedanke bei vielen ihrer Maßnahmen ben Arrs- schlag gibt. Io spielt doch oft genug der elterliche Standpunkt und nicht die Rücksicht auf das Kind, wie sie sich auf einem restlosen Einfühlen begründet, bie Hauptrolle. Bequemlichkeit bet Ellern ist nicht selten bie Ursache dafür, daß das Kind unausgeschlafen in die Schule kommt, sich nicht wohl fühlt und nicht nur mit seinen Ge­danken abschweift, sondern auch körperlich leidet. Daß es nicht rechtzeitig ins Bett gekommen ist, liegt vielleicht daran, daß der Vater erst spät von seiner Tätigkeit heimgekommen ist und dem Betteln der Kinder um das längere Ausbleiben, das sie ja den Erwachsenen gleichstellt und des­halb selbst der größten Müdigkeit zum Trotz er­beten wird, nachgibt; auch eine lino- und kaffee­besuchende Mutter kann naturgemäß die Ursache einer späten, die Kinder über Gebühr wach*- haltenden Abendmahlzeit sein. Ober ber Grund des Richtausschlafens liegt darin, daß bic Eltern abends ausgehen und ihr Kind in Vergnügungs­stätten mitnehmen, nicht selten wohl in dem Ge­danken, ihm eine Freude zu bereiten, oft aber auch aus Gedankenlosigkeit, ohne in Betracht zu ziehen, daß sie ihnen den Schlaf rauben und da- mit auch die Frische. Immer wieder, zeigt die Beobachtung, daß Montags früh ein beson­ders großer Teil der Schüler übernächtigt aus- fieht und im körperlichen Wohlbefinden beein­trächtigt ist. Ein Kind von 10 bis 12 Jahren muß mindestens 10. ein solches von 13 bis 14 Jahren 9>, Stunden schlafen. Ganz dringend muß davor gewarnt werden. Kinder in solche Schaustellungen wie Ringkämpfe zu fuhren, wo außer dem Ausbleiben der Sensationskihel höchst ungünstig wirkt, oder in Operetten oder seichte Schauspiele, wo außer dem körperlichen Schaden auch eine verhängnisvolle Störung des seelischen Gleichgewichts erfolgen kann, die dann wieder in körperlicher Beziehung Unheil stiftet. Wäh­rend die abendlichen Kinovorstellungen den Kin­dern und Jugendlichen durch Gesetz verschlossen sind, steht der Besuch eines jedenSittenstückes" und jeder Revue ihnen wegen des vorliegenden höheren Kunstinteresses" frei!

Das Hand in Hand mit dem späten Schlasen- Sehen und dem ungenügenden Schlafen des im Innern aufgepeitschten Kindes enchergehende mühselige Aufstehen am Morgen erlaubt meistens nicht, daß in Ruhe gefrühstückt wird, zumal wenn es die Eltern vorziehen, liegen zu bleiben, und es dem Kind selbst überlassen, sich mit Frühstück zu versorgen; es nimmt naturgemäß nur selten diejenige Rahrungsgrundlage zu sich, die der Körper nötig hat. um den Anstrengungen des Tages gewachsen zu fein. Durch Rachfragen in den Schulen wird immer wieder feftgeftelft, bah ein Teil ber Kinder Morgen für Morgen, ohne ?enügend gefrühstückt zu haben, in die Schule ommt. Richt lange bauert es. dann macht sich das in einer Beeinträchtigung des Allgemeinbe­findens geltend. Der Lehrer unb bie Lehrerin find unparteiische Beobachter, unb ihr Blick ist unbefangen unb nicht getrübt von elterlicher Vor­eingenommenheit; sie sehen, weil sie stets Der- gleichsobjekte in großer Anzahl vor sich haben, oft eher als bie ihr Kinb durch eine rosafarbene Brille ansehenben Eltern, daß bem Kinbe irgenb etwas fehlt. Sie ergründen wohl auch die Ur­sache; aber nicht selten wird die warnende Stimme des Lehrers von den Eltern mißachtet, toeniger aus bösem Willen, als vielmehr aus einer Be­quemlichkeit heraus, wie sie stets bei der Hand ist, wenn es sich um die eigne Familie handelt, und wie sie von einem unverbesserlichen Optimis­mus diktiert wird.

Völlig versagen manche Eltern, wenn es gilt, ihre Kinder vor denjenigen Gefahren, körper­lichen und sittlichen, zu bewahren, die auf ge­schlechtlichem Gebiete drohen. Eine Einigung zwi­schen Schule und Elternhaus über die Frage der Belehrung der Kinder in dieser Hinsicht ist >wch nicht erzielt. Zweifellos aber darf man nicht mit einem festen Plan vorgehen, besonders nicht bestimmte Stunden etwa ansehen, und, wie das ernsthaft vorgeschlagen worden ist. eine Weihe- stunde mit Kerzenbeleuchtung aus einer Beleh­rung herleiten wollen, die sich eigentlich von selbst ergeben soll. Einmal muß das Kind über das Geheimnis aufgeklärt werden, das seine Ent­stehung verhüllt. Das ist aber noch keine sexuelle Belehrung. Diese kann leicht an irgendeine Ge­legenheit anknüpfen, wie sie das tägliche Leben bietet, an Vorgänge in Tier- und Pflanzenwelt, und sollte von dem Erzieher stets dann erfolgen, wenn sich diese Gelegenheit bietet. Hierin ver­sagen aber viele Eltern; sie schieben ihre Worte nur zu gern auf, weil sie sich sagen, bah es vielleicht noch zu früh fei, daß sich ähnliche Ge­legenheiten noch weiterhin böten. Durch das Hin- ausschieben unb Warten verpassen sie aber den Anschluß, mit dem Erfolg, daß nun bas Kind von seinesgleichen belehrt wird ustd dabei Dinge lernt, die ihm sehr schaden können.

Die Eltern verkennen auch häufig den ge­schlechtlichen Unterton, der sich bei dem reifenden Kind stets findet, und bie Erklärung für manche Uebertreibung in dieser von demHimmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt" beherrschten Zeit abgibt; bic Geschlechtlichkeit des reifenden Kindes bewegt sich nie in normalen Dahnen, unb daher bedürfen auch alle Wsbrüche der Triebe, alle Uebergriffe einer besonderen Beurteilung, für bie oft nicht ber Erzieher, sondern der Arzt maß­gebend ist. Es drohen auch gesundheitliche Ge­fahren in jener Zeit, unb zu mancher, bas spätere Leben zu einer Quelle des Ueberdrusses unb ber Bitterkeit machenben Hysterie wird jetzt der Grund gelegt. Verständiges Eingehen, nicht aber aus Bequemlichkeit schroffes Vonberhandweifen unangenehmer Folgen muh für die Eltern maß­gebend fein.

Schließlich sei auch noch auf bic Haltung mancher Eltern hinsichtlich der 'Berufswahl ihrer Kinder eingegangen. Wie wenig wird oft die körperliche ober seelische Eignung des Kindes beachtet! Weil es ein bequemer Gedanke für den Vater ist. daß der Sohn in seine Fuhstapfen tritt, weil die Mutter eine nach ihrer Meinung gute Stelle für das Mädchen ausgemacht hat. um das sich von nun an eine andere kümmern soll, wird der eigne Wille des Kiirbes. seine Befähigung gänzlich außer Acht gelassen, ganz ungeachtet der Folgen, die nun cintretcn können, bic vielleicht die Gesundheit untergraben unb Siechtum verursachen. Es könnten noch viele Dei- piele dafür angeführt werden, wie die elterliche Bequemlichkeit, der Mangel an Verständnis, der ihr entspringt, bem Gedeihen des Kindes hinder­lich ist; es wäre zu wünschen, daß die Eltern mehr als bisher sich auf den Standpunkt des Kindes stellten, denn sie kommen ihm nicht nur näher dadurch, sondern fie werden auch in ben Stand gesetzt, seine Weiterentwicklung zu fördern und es in gesundheitlichem Sinne Heranwachfen zu taffen.

Unb nun die Kinder, bic unseresgleichen sinb. die wir als untere Muster ansehen sollten, be­handeln wir als Untertanen. Sie sollen keinen Willen haben! Haben wir denn keinen? Unb wo liegt das Vorrecht? Weil wir älter sind und gescheiter? Guter Gott von deinem Himmel! Alte Kinder siehst du und junge Kinder unb nichts weiter, und an welchen du mehr Freude hast, das hat dein Sohn schon fange verkündigt. Aber sie glauben an ihn unb hören ihn nicht das ist auch was Altes - und bilden ihre Kinder nach sich. Goethe.

Der Haushaltslehrling.

KFP. Die Frage der hauswirtschaftlichen Berufsausbildung ist in den letzten Monaten so eingehend auf Tagungen und in Zeitschriften besprochen worben, daß man in kürzester Zeit zu ziemlich sicheren Entschlüssen auf biefem Ge­biete kommen wird. Man darf diese Ziele aber nicht fest setzen, ohne andere Lehrverhältnisse dabei zu berücksichtigen, danrit man zu ziemlich gleich­mäßiger Regelung auf dem Gebiete des Lehr- lingswesens kommt.

Für jede Lehrlingsausbildung ist eine be­stimmte Ausbildungszeit, in der Regel 3 Jahre, festgesetzt; diese müßte ebenfalls für ben Haus­haltslehrling angenommen werden. Wenn man allgemein nur 2 Jahre fordert, so kann man das tun, sobald man mit einer vorhergehenden haus- wirtschaftlichen Allgemeinbildung rechnen darf, bic an die allgemeinbildenden Schulen jeglicher Art anzuschliehen wären. Sowohl die Land- wie die Stadthausfrauen fordern die zweijährige Lehrzeit, unb cs wird sich im Laufe der Zeit zeigen, ob man einen Gehilfen in dieser Frist auf allen Gebieten ausbilden kann.

Im Handwerk sowohl wie im kaufmännischen Beruf kann ein Teil dieser Lehrzeit durch den Besuch einer Fachschule erseht werden; das mühte man um so mehr für ben Haushaltslehrling zu- (affen, als die theoretische Ausbildung des Lehr­lings an ben meisten Orten, vor allem aber auf bem Lande auf die größten Schwierigkeiten stößt. Solange wir keine hauswirtschaftlichen Berufs­schulen bqj>en, wirb die Ausbildung der Haus- haltslehrlinge das geben die Hausfrauen ohne weiteres zu in den allerwenigsten Haushal­tungen eine alle Gebiete umfassende fein können. In dem einen Haushalt fehlt neben mancher theoretischen Ausoildung Kinderpflege, in einem anderen Säuglingspflege ober die Behandlung der Wäsche usw.. so baß ein ergänzender Unter­richt in einer Berufs- ober Fachschule auch auf diesem praktischen Gebiete hinzukommen muß. Au diese Weise wirb auch den Hausfrauen ein Teil ber Verantwortung, die ihnen auf einem ihnen völlig neuen Gebiete auferlegt wird, abgenom­men unb auf andere Schultern gelegt. Auf dem Lande versucht man diese Ergänzung durch Kurse, wie sie die Wander-Haushaltungslehrerinnen ab» halten ober durch Parallelklassen an den land­wirtschaftlichen Schulen zu schaffen; wenn man nicht auch für diese Mädchen den Besuch einer landwirtschaftlichen Vollschule ermöglichen kann.

In Zukunft wird cs wohl so werden, daß bie Mädchen der gehobenen hauswirtschaftlichen Berufe bie Fachschulen besuchen, während bie Hausangestellten mehr auf die ergänzende Be­rufsschule in den verschiedensten Orten ange­wiesen sind.

Auch für bie Vergütung scheinen sich, gemäß ber übrigen Lehrlingsausbildung, festere Formen zu bilden. Während bie angehende Haushalts­pflegerin damit rechnet, außer Kost und Wohnung keine weitere Entlohnung zu erhalten die in ben ministeriellen Bestimmungen vorgesehenen 3 praktischen Jahre, in benen fie gegen Entgelt beschäftigt fein muß. sollten billigerweise erst nach ben beiden Lehrjahren beginnen wünscht die angehende Hausangestellte wenigstens em kleines Entgelt. Die letzte vergleicht ihre Lage mit ber des kaufmännischen Lehrlings, ber wäh- renb der brei Jahre 10, 20 unb 30 Reichsmark erhält, ohne babei zu bebenEcn, daß freie Woh­nung unb Beköstigung weit größeren Wert hoben. Man könnte vielleicht beide Seiten dadurch be­friedigen. daß die Arbeitslleidung geliefert würbe, wovon beibe Teile gleich großen Borten hätten.

Roch Ablauf ber Lehrzeit erfolgt die Prü­fung vor der Landwirtschaftskammer. bie die Vorarbeiten hierfür bereits abgeschlossen hat und in der Lage ist. zu jeder gewünschten Zeit eine Prüfung abhalten zu können. Als feste Fristen müßten Ende April oder Ende Oktober angeleht werden, damit der Antritt der Lehrlinge tote auch ber Gehilfen zum 1. Mai ober 1. Rovembcr erfolgen kann. Auch bie Fachschulen mühten diesen Zeitpunkt für den Beginn festsehen. Für die Haushaltslehrlinge in der Stadt wird man im Zusammenhang mit den Berufs- und Fachschulen derartige Prüfungen einrichten können.

Rach dieser zweijährigen Lehrzeit beginnt die Arbeit als Gehilfin. Die Hausangestellte wird in der Regel einige Jahre als Alleinmädchen dienen, um sich dann zu spezialisieren und ent­weder Hausmädchen. Jungfer. Köchin. Mamsell oder Wirtschattcrin zu werden. Alle können, wenn sic ben Haushaltspflegerinnenkursus nicht durch­laufen wollen, nach zwei vraktifchen Jahren ihre Wirtschafterinprüfung bei der Landwirtschafts­kammer ablegen.

Die ländliche Haushaltspflegerin besucht nach der Gchilfenprüfung eine der anerkannten irirt- schaftlichen Frauenschulen auf dem Lande und legt nach einem Jahre das staatliche Examen ab. Die städtische Haushattspflegerin dagegen macht einen ähnlichen Kursus an einer städtisch, n Haushaltungsfchule durch, um dieselbe 'Berechn- gung für städtische Haushaltungen durch eine staatliche Prüfung zu erlangen. Sowohl die gc- prüfte Wirtschafterin als auch die ländliche nnc bic städtische Haushaltspflegerin tverden besrie- bigende und angesehene Stellungen finden können, da nach gut ausgebildeten, umsichtigen Krästem die mit Verständnis arbeiten, auf diesen Ge­bieten trotz des reichlichen Angebots an Kräften überhaupt, eine große Rachsragc besteht. Deshalb sollten Mädchen wie Eltern bei jeder Berufswahl sich gerade auch über diese Ausbildungs- und Arbeitsmoglichkeiten eingehend unterrichten, und wenn Reigung und Eignung dafür vorltegen, nicht aus äußerlichen Gründen von der Wahl eines derartigen Berufes abfehen.

Dora Brede. Kiel.

Der Krankenpflegeberuf.

Von Generaloberin Agnes Karll.

Aus dem letzten Kongreß des Weltbundes in Köln konnten alle Berichte über die deutsche Krankenpflege von Hoffnungen für die Zukunft sprechen. In ben nächsten Jahren begannen sich manche von ihnen ihrer Erfüllung zu nähern. . Die Besoldung und Arbeitsregelung machte be­friedigende Fortschritte. Für die Fortbildung er­öffneten sich manche Aussichten. Jetzt aber muß gesagt werden, daß sich bislang für Deutschland weder bic allgemeine Anschauung bestätigte, Kriege bebeuteten eine Förderung der Kranken­pflege, noch bie politische Stellung der Frau fei bestimmend für die Lage des Pflegeberufes. Der Krieg hat sich mit feinen Folgen bisher nur als Zerstörer ber deutschen Krankenpflege er­wiesen. Durch das 1918 erlangte Stimmrecht der Frauen wurde nur erreicht, daß ber Kampf zwischen Mann unb Frau um bic Existenz im Beruf auch in ber Krankenpflege peinlichere For­men angenommen hat als je, unb ben Frauen durchaus nicht die Stellung in den Behörden unb Verwaltungen gefichert ist, deren sie bedürften, um Krankenpflege unb Fürsorge in der Weife zu fördern, wie mir es verlangen müssen. Man müßte annchmen, daß ein Entwicklungsstabium ber staatlichen Prüfung als Fortschritt zu be­zeichnen sei, aber die allgemeine Lage hat auch diesen in sein Gegenteil verkehrt. Preußen hat als führender und größter Bundesstaat seit 1921 statt ber bisherigen einjährigen theoretischen Vor­bereitung für die staatliche Prüfung eine zwei­jährige Dauer derselben festgesetzt. Bis dahin bestand mit ganz wenigen Ausnahmen allgemein für die Schülerin eine mindestens dreijährige Arbeitsverpflichtung, so daß bei einjähriger theo­retischer Ausbildung doch eine praktische von drei Jahren gesichert war. Jetzt wird aber in vielen städtischen Krankenhäusern von den Der Wallungen verboten, bie Schülerinnen länger als die für die Prüfung vorgeschriebenen zwei Jahre zu binden, was vom Standpunkt ber nötigen Berufserfahrung unb Charakterprüfung als sehr unbefriebigenb bezeichnet werden muß.

Man kann es auch nicht als forderlich für den Pflegeberuf ansehen, daß 1917 eine besondere staatliche Prüfung für Säuglingspflege zuerst mit einjähriger, jetzt mit zweijähriger Aus­bildung eingerichtet ist. statt daß jede Kranken­pflegerin Säuglingspflege erlernt, und sich die besonders geeigneten für die dauernde Arbeit in Säuglingsheimen spezialisieren. Ebensowenig ist cs erfreulich, daß das Eintrittsalter für bie Säuglingspflege übettoiegenb auf 18 Jahre fest­gesetzt wurde. Auch das am 18 September 1918 eingeführtc Staatsexamen für Wohlfahrts­pflege hat seine sehr bedenklichen Seiten, weil bei zweijähriger theoretischer Ausbildung für Gesundheitspflege, nicht einmal mehr als zu Anfang die staatliche Kranken- oder Säuglings­pflegeprüfung gefordert wird, feit diese eine zwei­jährige Ausbildung voraussehen, sondern man sich als Grundlage für dieses allerwichtigste Ge­biet mit nur einjähriger Ausbildung in einem Krankenhause ober Säuglingsheim ohne jeden Abschluß begnügt.

Heber die deutsche Krankenpflege ist im all­gemeinen folgendes festzustellen: Lille Kranken­pflege-Institutionen, gleichviel ob es sich um die ber religiösen ober weltlichen Schwesternschaften ober die des Staates oder der Städte handelt, haben auf das schwerste gelitten. Das Inventar, besonders die so äußerst wichtigen Wäschebeständc. waren bis auf das äußerste herabgewirtschaftet, und ein Ausgleich kann nur nach und nach erreicht werden bei der großen Geldknappheit, die allgemein herrscht. Wie den Anstalten geht es auch den Krankenpflegerinnen persönlich. Zweimal zwei Hungerjahrc haben die Gesundheit der meisten auf das schwerste er­schüttert. was für viele nicht mehr gutzumachen sein wird. Die städtischen Angestellten sind ziem­lich gut bezahlt, die in staatlichen ober in pri­vaten Anstalten meistens ungenügend, ebenso in Gemeindepflege. In Privatpflege ist die Bezah­lung wohl wie vor dem Kriege, aber die Aus­sichten, genügend beschäftigt zu sein, sind für den größten Teil des Jahres sehr gering, außerdem ist der Unterhalt mindestens um das Doppelte teurer. Die natürliche Folge aller Dieter Um« stände ist, daß sich die Frauenwelt, besonders die zielbewußten, hochwertigen Elemente, stark von einem Beruf abwendet, der an llch schon so große Anforderungen an die körperlichen und seelischen Kräfte stellt. Ein außerordentlich großer Mangel an Krankenpflegerinnen herrscht allgemein. Statt, daß sich unter Be­streben, das Eintrittsalter wenigstens auf das Mündigkeitsjahr heraufzusehen, erfüllte, wird durch die zweijährige Ausbildung bei der Be­stimmung. daß die Prüfung nicht vor dem 21. Jahr abgelegt werden kann, das Einlritts-- alter auf 19 herabgesetzt, und wegen Mangels an Bewerberinnen oft genug noch weiter auf 18. In ben großen Berliner Krankenhäusern wurde der ganze Ausbildungsplan für mehrere Jahre völlig in Anordnung gebracht. Die Zahl der Schülerinnenplähe wurde stark verringert zu einer Zeit, wo Schulerinnenandrang herrschte, unb diese Hunderte fehlen dauernd für den normalen Rach­wuchs. Daß von 348 deutschen Krankenpflege-