Einzelbild herunterladen

Nr. 153 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 3. Juli 1926

Europas Wiederaufbau Amerikas wirtfchastsinlereffe.

Don Andrew W. M e l l o n, Staatssekretär des Schatzamts der Bereinigten Staaten, Washington.

Moderne Jndustriewirtschast strebt nach einer immer weitergehenden Spezialisierung der Produktion, durchgeführt unter dem Gesichts­winkel der Massenerzeugung und des Massenver­brauchs. In Amerika ist diese Spezialisierung wohl am weitesten durchgeführt. Indem wir unsere Fabri­ken an die Stellen verlegen, wo Rohstoffe am vor­teilhaftesten zu haben sind und Arbeitskräfte am schnellsten herangeführt werden können, und indem wir ausgedehnten Gebrauch von arbeitssparenden Maschinen machen, sind wir in der Lage, billig zu fabrizieren und vielfach selbst die Konkurrenz der Länder mit minder hohem Lebensstandard aus dem Felde zu schlagen. Natürlich besitzen wir in unserem außerordentlich großen Inlandmarkte und in einer kauflustigen Bevölkerung von etwa 110 Millionen eine starke einheitliche Konsumkraft. Unsere Indu­strieproduktion in Landwirtschaft und Industrie ist indessen so groß, daß wir nicht in der Lage sind, unsere gesamte Produktion im Jnlande zu ver­brauchen. Wir müssen daher bestrebt sein, den Pro­duktionsüberschuß im Auslande unterzubringen.

Diese Gedankengänae sind ja auch in Europa hinlänglich bekannt. Die Blüte der amerikanischen Wirtschaft setzt also voraus, daß das Ausland in der Lage sein muß, unseren Ueberschuß aufzu- nehmen. Wir sind somit an einem kaufkräftigen Weltmarkt außerordentlich interessiert. Es ist für mich klar, daß Europa, unser bester Kunde, der im vergangenen Jahre für 2,5 Mil­liarden an Waren aller Art aufnahm, nicht fort- sahren Fann, Erzeugnisse in dem bisherigen oder gar in einem noch Höheren Umfange zu kaufen, wenn es nicht in feiner finanziellen Kaufkraft gestärkt und gehoben wird. Wir müssen also danach streben, durch eine Reorganfta- lion der europäischen Finanzen und durch eine Sa­nierung der europäischen Wirtschaft die Kaufkraft Europas zu heben und die alte Welt in den Stand zu setzen, weiter von uns zu kaufen. Das sind die logischen Schlußfolgerungen unserer neuen Stellung in der Weltwirtschaft. Wir geben uns lebhaft der Entwicklung der südamerikanischen Märkte hin. Australien und der ferne Osten sollen erschlossen werden. Europa ist aber bei weitem unser b e st e r Kunde; wenn die alte Welt nicht in der Lage ist, unfere Ueberschüsse an Baumwolle, Weizen, Tabak und Schweinefleisch-Produkten aufzunehmen, so werden wir die Folgen sehr bald in unserer Wirt­schaft spüren.

Der wirtschaftliche Wiederaufbau Europas gleicht der Reorganisation eines bedeutenden Industrie­unternehmens, das sich nach einer schweren Krise mf dem Wege der Sanierung befindet. Wie bei .'inem solchen Industrieunternehmen ist es auch bei Europa notwendig, Ausgaben und Einnahmen in Einklang zu bringen, d. h. die Budgets zu b a = 1 analeren und neues Kapital zu finden nicht nur zur Regelung der unfundierten Verpflich- nrngen, sondern auch zur Erhöhung der Produk- iionskapazität.

Europa braucht also auswärtiges Kapital, um feine Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Die Union verfügt über derartiges Kapital, aber ihre 'Regierung muß doch darauf bestehen, daß An­leihen nur an solche Länder gegeben werden, die ihren Schuldverpflichtungen uns gegenüber nach- Lommen oder di wenigstens ernstlich in Verhand­lungen eingetreten sind, um eine Fundierung ihrer Schulden an uns vorzunehmen.

Die gesamten Verpflichtungen der alliierten Mächte an die Union betrug am Schlüsse des Welt- "rieges etwa $ 10,34 Milliarden. Es handelt sich meist um kurzfristige Wechsel, die auf Sicht zahl­bar wurden und mit einem Zinsendienst von 5 Pro­zent im Jahre belastet waren. Es war zunächst not- -vendig, diese kurzfristigen Wechsel in langfristige Obligationen umzuwandeln, Obligationen, die zu gestimmt festgelegten Terminen fällig wurden. Der Kongreß hat zur Ueberwachung und Regelung dieser Frage die sogenannte Ausland-Schulden-Kommission

ins Leben gerufen (World-War-Foreign-Debt-Com- mission), die mit den verschiedensten Unterhandlun­gen über die Schuldenregelung betraut wurde und die Bedingungen festlegen sollte, wie diese Regelung am besten durchzuführen sei. Immer wurde die Zu­stimmung des Kongresses vorbehalten.

Die Kommission hat die prompte Rückzahlung der Schulden als obersten Grundsatz ausgesprochen, da sie auf dem Standpunkt steht, daß eine dauernde Gesundung der europäischen Wirtschaft unmöglich ist, ohne daß die im Weltkriege aufgenommenen Verpflichtungen im Laufe der Zeit nach einem vor­sichtig, aber gerecht festgelegten Tilgungsplane zu­rückgezahlt werden. Solange diese Schulden unbe­glichen bleiben, bilden sie die Ursache einer dauern­den Beunruhigung zwischen den einzelnen Regie­rungen. Sie bedeuten eine unbekannte Größe in den Etats der Großmächte und eine Gefahr für die dauernde Stabilisierung der Währungen; sie hindern den freien Lauf der Handelsbeziehungen zwischen den einzelnen Ländern.

Zu gleicher Zeit bedenken wir auch, daß keine Nation gezwungen werden kann, Summen zu zah­len, die seine Zahlungskraft übersteigen. A u f Grundlage der Zahlungsfähigkeit wurde daher das Schuldenregulierungsabkommen mit Großbritannien im Jahre 1923 eingeleitet und auch bei dem nachfolgenden Fundierungsabkommen wurden auf Grundlage der Zahlungsfähigkeit Amor­tisationsquote und Zinsendienst festgelegt. Man hat die Anpassungsfähigkeit des Schuldentilgungsplanes an die jeweilige Leistungsfähigkeit der Schuldner­länder durch eine dehnbare Skala der Zinsen­zahlung erreicht, im übrigen aber die Rück­zahlungen der Grundbeträge, d. h. die Tilgungs­quoten als wichtiges ethisches Moment für die Auf­rechterhaltung der Unantastbarkeit internationaler Verpflichtungen angesehen. Bei allen Verhandlungen hat die Kommission die durch den Krieg verursachte Zerstörung des wirtschaftlichen Gleichgewichtes in Europa voll in Rechnung gestellt. Man erkennt die Unmöglichkeit gewisser Schuldnerstaaten, bedeutende Zahlungen in nächster Zukunft zu machen, voll an, hält aber das Prinzip, die Verpflichtungen nach dem Stande des Wiederaufbaues zu regeln, für richtig.

Die meisten europäischen Nationen haben in den letzten Jahren ihre Budgets ausbalanziert. Viele Aiislandverpflichtungen an Amerika konnten fun­diert werden. Währungen wurden stabilisiert. Die Placierung von Auslandanleihen in Amerika wurde eine dauernde Erscheinung auf dem internationalen Geldmärkte. Der wirtschaftliche und finanzielle Wie­deraufbau Europas ist also in Sicht. Wir haben festgestellt, daß dieser Wiederaufbau für uns von höchstem Werte ist, und legen Wert daraus, daß dieser Wiederaufbau in der richtigen Weise geschieht. Europas Wiederaufbau ist Amerikas Wirtschafts­interesse. Unsere gesamten ausländischen Guthaben sind für uns in Dollars und Cents nicht soviel wert wie ein blühendes Europa.

Die günstigen Folgen der Schuldenregelungen mögen an einigen Beispielen gezeigt werden. Groß­britannien bezog von uns im Jahre 1925 Waren im Werte von über 1,03 Milliarden Dollar, der Im­port der Vereinigten Staaten aus England betrug in der gleichen Zeit nur etwa 412 Millionen Dol­lar Waren, während wir ihm im gleichen Zeitraum für etwa 205,2 Millionen Dollar sandten. Deutsch­land kaufte von uns im Jahre 1923 noch für nur etwa 150 Millionen Dollar an Baumwolle; mit der Einführung des Dawes-Planes, der Stabilisierung der deutschen Währung und der Durchführung einer gesunden Finanzwirtschaft stieg dieser Bedarf im Jahre 1924 auf 223 Millionen Dollar und im Jahre 1925 auf 240 Millionen Dollar. Es ist also klar, daß sowohl Amerikas Industrie wie seine Landwirtschaft größtes Interesse an einer Stabili­sierung Europas haben.

Die europäischen Länder müssen heute noch große Anstrengungen machen, um ihre Finanzen in Ordnung zu halten. Hohe Steuern belasten die Bevölkerung, die allgemeinen Unkosten der Industrie sind bedeutend gestiegen. Diese Härten sind unver­meidlich, bedeuten sie doch den Preis, den die gegenwärtige und wahrscheinlich auch die kommende Generation für den Weltkrieg zu zahlen hat. Wie­deraufbau ist immer eine mühsame und langwierige Sache. Auf jedem Wiederaufbau liegt aber auch

Finale furioso.

Zum 250. Geburtstag des alten Dessauers am 3. Juli.

Von Dr. F. E r n st.

Bisher hatte &ürft Leopold von Dessau, tat alte Dessauer, ruhmgekrönter Feldherr und Sieger in berühmten Schlachten, den ein genauer Rennet den größten Soldatenführer und größten Hofintriganten seiner Zeit nannte,ein Mann Mn fürchterlichem ilngeftüm, eine wahre Winds­braut von einem Menschen", in den beiden ersten . schlesischen Kriegen seines Königs, der aUein seine Kriegstaten überstrahlt, keine Gelegenheit gehabt, sich seines alten Rufes würdig zu zeigen. Als Friebrich Wilhelm I. gestorben und der junge Friedrich den ersten Tag König war, soll Leo- Mld von Dessau weinend bei ihm eingetreten, 'ein Beileid ausgedrückt und gebeten haben, daß 'ein neuer Herr ihm seinen bisherigen Einfluß mb sein bisheriges Ansehen lassen möge. Fried­rich soll verbindlich geantwortet haben, daß von tun an niemand Ansehen und niemand Ein­satz haben werde als er selber; möglich, daß dies Wort nachwirkte, obwohl der Fürst von Dessau in allen seinen Aemtern blieb. Möglich euch, daß Leopolds bekannte österreichische E^- (iimung dem König eine gewisse Zurückhaltung cuferlegte.

Da kam das Schlußspiel des zweiten Schlesien­krieges. Der alte Dessauer stand mit seinem Korps bei Halle und sollte gegen Sachsen, wurde ober mit feinen Vorbereitungen nicht fertig. Er zögerte offensichtlich; manchmal sollen alte Kriegs­helden um ihren wohlverdienten Lorbeer besorgt lein, vielleicht aber wollte auch der Intrigant dem Heerführer einen Streich spielen. Endlich am 29. November 1745 rückte er vor und besetzte Leipzig. Der König drängte heftiger, er befand lich in einer Art Zwickmühle zwischen dem Loth- tiirger und dem Grafen Rutowski, deren Der- pinbung er verhindern wollte. Der alte Dessauer 15er, statt dessen, wich nach Torgau aus. strengster Befehl seiner Majestät. Da endlich ? ernannte sich der alte Löwe, runzelte die wulsti­gen Lippen mit dem borstigen Schnurrbart bar- &5er und schob sich bis zum 12. Dezember nach Meißen vor und gewann Verbindung mit dem König, der bei Großenhain stand. Auf Dresden Drzugehen, war der Plan. Aus dem linkem Ufer hielt in unangreifbarer Bergstellung bei

Kesselsdorf Graf Rutowski mit seinen Sachsen und Oesterreichern, nur der linke Flügel, an das Dorf selbst angelehnt, schien angreifbar, aber durch eine starke Batterie gedeckt, der rechte Flügel sah von einer scharfen Talkante in einen tiefen Grund.

Der alte Dessauer setzte feinem Herrgott zu und sprach zu ihm, ehe er an greifen lieh:Lieber Gott, stehe mir heute gnädig bei! Oder, wenn bu es nicht willst, so hilf wenigstens ben Hunbs- föttem, ben Feinben, nicht, sondern sieh zu, wie es kommt!"

Zweimal prallten die Preußen vor den ver­nichtenden Ungeteiltem der Kesselsdorfer Batte­rien zurück, die Granaten rissen Gassen in die Reihen, die wie auf dem Exerzierplatz vorstürm­ten. Auf die Zurückweichenden machten die Sachsen einen Gegenangriff, da warf der alte Dessauer seine Lieblingswaffe, ein Dragoner­regiment, auf sie, zerschmetterte sie, nahm beim dritten Sturm Batterie und Dorf und trieb auch die feindlichen Reitereien in die Flucht; unter­dessen hatte sein Sohn Prinz Moritz, vom linken preußischen Flügel her, ein unerreichtes Wunder der Tapferkeit geleistet. Um 4 Uhr, schon in der Dämmerung, kam er am Fuß der Felskante an, wo sich eine morastige Schlucht, der Tschamer- grund, hinzog.Moritz sprang zuerst hinab in die Schlucht und zeigte dadurch den ©einigen die Möglichkeit des Durchkommens. Zwei Musketiere trugen ihn auf ihren Schultern durch den Mo­rast", schreibt Adolf Menzel, der die Szene denkwürdig darstellt. So ging es eisglatte, schnee­bedeckte Felsen hinauf gegen einen gut einge­grabenen Feind, der nicht standhielt, so sank auch der rechte sächsische Flügel, und wilde Flucht hob an.

Am 16. Dezember dankte Friedrich der Große dem alten Dessauer für seine Siegesmeldung, die er in Meißen empfing, in einem fast feierlichen, von überströmendem Gefühl getragenen Schreiben und schloß:Morgen umb neun Uhr hoffe ich Ihr Liebden bei Kesselsdorf zu embraffieren und Ahnen zu danken, daß Sie dem Staat und mir bei dieser Gelegenheit so ausnehmende Proben von bero Treu, Bravoure unb Conbuite gegeben haben; ich habe meiner Seite große Ursache ge­habt, Sie zu pressieren, um bie Funktion des, Prinzen Karl zu prävenieren und ist es Gott Lob gelungen!" Friedrich wußte, daß dieser mit gro­ßen Opfern erkaufte Sieg den Frieden bringen würbe, als er am anderen Tage ben alten ®efa

Segen, selbst wenn er unter größten Mühen vor sich geht. Wir nehmen die moralischen Verpflichtungen, die der Wiederaufbau Europas uns auferlegt, gerne auf uns, wissen wir doch, daß dieser Wiederaufbau Europas zum Segen der Weltwirtschaft und daher zu unserem eigenen Vorteil auslaufen wird.

Außenpolitische Umschau.

Don Prof. Dr. Otto Hoetzsch, M. d. R.

Geht man in Frankreich nun wirklich mit Ernst daran, die Finanzen zu sanieren? Das neue Kabinett ist gebildet, Brianb wie C a i l- laux sind in ihm die beiden Hauptfiguren. Vielmehr, wenn wirklich mit Ernst und Ent­schluß an die Finanzreform gegangen wird, tritt Driand naturgemäß in bie zweite Reihe, unb olles dreht sich um Caillaux, um seinen Plan unb seine Energie. Brianb hat in bezug auf dieses Kabinett unb bie beiden maßgebenden Männer darin von den beibenKonsuln" ge­sprochen. Das ist eigentlich ein sehr guter Ver­gleich, sowohl der Sache nach wie der Person nach. Man kann auch dabei an die berühmte Formel denken, mit der im alten Rom die Kon­suln zu außerordentlichen Maßnahmen aufgeru­fen und bevollmächtigt wurden: Die Konsuln mögen sehen, daß der Staat keinen Schaben leide! Höchste Zeit dazu ist es ja allmählich in Frankreich geworden.

Caillaux hat verhindert, daß in das neue Kabinett Poincare hereinkäme. Man be­greift auch nicht recht, was sich Driand davon versprach. Im Augenblick war für das Kabinett ein Minister, der sich im besonderen mit der elsaß-lothringischen Frage beschäftigen will, nicht notig, und welche Garantie bot Poincare für eine wirkliche Lösung des Fmanzproblems? Dazu genügt es nicht, daß man, wie Poinacre es tut, gegen die Ratifikation des Schulden- abkommens mit Amerika sich ausgesprochen hat, eine Ansicht, die gut klingt, aber so unreal­politisch wie irgend möglich ist. Warum man aber einen Minister, der den Ruhreinfall nach Deutschland gemacht hat unb eine ungeheure Schuld an der heutigen Frankenzerrüttung trägt, ausgerechnet jetzt im Kabinett haben wollte, bloß damit dann der alte nationale Block für die Regierung stimme, das war wirklich nicht recht einzusehen. Jedenfalls hat Caillaux das ver­hindert. Kein Vertreter des nationalen Blockes ist in das neue Kabinett eingetreten. Caillaux hat sich noch anderer finanzverständiger Männer versichert und außerdem in das Kriegsministe­rium, das Painlevs deshalb aufgeben mußte, einen General hereingenommen, von dem er Unterstützung in der Sparsamkeitspolitik auch an der Armee erwartet und (nicht zu vergessen!) furchtloses Eingreifen, wenn die Finanzküktatur zu Erschütterungen führen sollte.

Die Regierungserklärung des neuen Kabi­netts war nicht sehr inhaltsreich. Sie läßt auch noch nicht das wirkliche Programm erkennen. Aber wie Caillaux sich die Sache vorstellt, ist wohl im ganzen flar. Zunächst Sparsamkeit, was sehr schön ist, aber das Hebel nicht an der Wurzel saßt und außerdem erst allmählich Früchte bringt. Dazu Gleichgewicht im Budget. Dazu sind nötig Steuern. Woher soll das Geld dafür kom­men und woher das andere, das der Staat braucht, um bie Verbindlichkeiten der schweben­den Schuld einzulosen? Hier liegt der erste Ent­schluß, der gef^rlich werben kann. Caillaux will zu diesem Zwecke zunächst die Inflation be­wußt vermehren, die Ausgabe von Roten er­höhen, freilich in fortgesetzter Höhe. Damit wird das Budget ins Gleichgewicht gebracht, und dann wird an die Stabilisierung der Währung gegan­gen. Er sieht mithin eine weitere Entwertung des Franken voraus und muß dann für die allernächste Zeit mit den gefährlichen Folgen rechnen. Er will dem Volke die Illusionen von den Augen reißen, den bestehenden Zweifel an der Währung absichtlich in die Verzweifelung umwandeln und dann aus dieser Lage mit einem Ruck den Ausweg finden.

Das ist ein Programm, das im einzelnen noch nicht völlig klar ist und genug Risikos in

sauer mit entblößtem Haupte begrüßte, verstand er seine besten Worte zu finden, unb ein Zu­schauer schreibt,bah bes alten Fürsten Leopolb verklärte Physiognomie hinreichenb zeigte, wie wohltuenb biete Auszeichnungen feinem Herzen unb seinem Ehrgeize waren." Zwei Stunden be­sichtigte er bas Schlachtfeld unb hatte nur Lob unb Dank für ben Heerführer, bie Offiziere unb bie tapferen Solbaten. Für ben alten Dessauer! entfielen aus ben feinen Händen bes alten- nigs lauter Weihrauchkörner, ba würbe der großen Jugendzeiten mit bem Prinzen Eugen unb Marl­borough gedacht, wie bes ruhmreichen Anteils an ber Schlacht bei Höchstett, Ramen wie Cassano, Turin, Douai, Aire, Mörs, Stralsunb flössen von ben Lippen bes bankbaren Friebrich und erfüllten ben fast Siebzigjährigen mit einem fast jünglingshaften Glücksrausch.

Als zehn Tage später zu Weihnachten 1745 ber Frieben unterschrieben war, zog sich ber alte Kämpfer nach Dessau in seine Resibenz zurück. Der gewitterhafte Mann, bie Winbsbraut von einem Menschen war still geworben, noch anbert- halb Jahre wirkte er tatkräftig unb weitsehend für bas Wohl seines Lanbes, schuf Deiche, wehrte ber Bauernbebrückung, sann auf Gerechtigkeit. Als er sich am 9. April 1747 zum Tobe nieber- legte, konnte er mit ber Spur seiner Erbentage zufrieden sein, am meisten sein letztes Jahr be­gnadet hatte aber sein Feldherrnfinale bei Kesselsdorf.

DerKIaffiter derchinesischen Koch­kunst.

Dse chinesische Küche gilt zwar bei uns als der Inbegriff des Exotischen, unb bem Europäer gruselt schon bei bem bloßen Ramen ber selt­samen Leckerbissen, die hier beliebt sind. Aber solche Abneigung, bie übrigens beim Genuß ber Speisen im ßanbe selbst meistens verschwindet, beruht auf einer sehr einseitigen Auffassung ber kulinarischen Künste, unb bie Chinesen selbst hallen mit einem gewissen Recht ihre Kochkunst für eine Blüte ihrer Kultur, bie sich in langer Zeit ber Vervollkommnung entfaltete. Ratür- lich besitzt das Lanb ber Mitte auch eine aus- gebreitete gastronomische Literatur, unb als ber Klassiker ber chinesischen Kochkunst gilt allgemein Man Mei, ein Beamter, ber sich zugleich als

sich trägt. Caillaux weiß genau, daß es nicht durchzuführen ist ohne Hilfe von außen. Er muß sich mit den Vereinigten Staaten einigem, Denn wo sonst sollen die Kredite Herkommen, mit denen er die Währung allein stabilisieren kann? Gewiß ist der Atem der Bant von Frank­reich, wenn er diese zwingt, ihr Gold zur Stützung des Franken herzugeben, heute noch sehr viel länger, als er seinerzeit bei uns mit unserer Reichsbank war. Caillaux will sich dieses In­stituts dienstbar machen und hat den ersten Schritt schon getan, indem er den Gouverneur ber Dank beseitigte. Aber das ist keine wirkliche Lösung.

Die Reform im Innern ist unmöglich, wenn nicht Klarheit über bie Verpflichtungen nach außen, und zwar an England und Amerika, be­steht. Gegen das Abkommen, wie es der französische Botschafter'in Washington, Beranger, geschlossen hat, ist auch Caillaux. Er »erlangt eine Sicherungsklausel, er verlangt die Verbin­dung ber französischen Schulben an Amerika mit ben Einnahmen aus Deutschland. Schwerlich wird er sich darüber täuschen, daß er damit nicht durch- kommt. Rorbamerika lehnt diese Bedingungen! aus wohl erwogenen Gründen ab. Ebenso weiß er, baß bie jetzt vielfach besprochene Idee, zur Rettung ber französischen Währung bie deutschen Eisenbahnobligationen (bekanntlich 11 Milliarben Golbmark) mobil zu machen und so Frankreich mit einer großen Summe zu versehen, auch nicht entfernt spruchreif ist. Das hat der Treuhänder für diese Obligationen selbst erflärt Das ist auch selbstverständlich, denn daran hängt viel in bezug auf die Revision des Dawesplanes selbst.

Es wird also nicht anders gehen: Auch Caillaux wird scheitern, wenn er sich nicht ent­schließt, durch das Kaudinische Joch hindurch- zugehen und Frankreich auch einem D a w es - Plan zu unterwerfen. Dieser unter­scheidet sich natürlich grundlegend unb in vielen Einzelheiten von bem Dawes-Plan in Deutsch­lanb, aber er kommt im wesentlichen auch barauf hinaus, baß er bie französischen Finanzen an bag norbamerikanische Golb unb bessen Herren binbet

Caillaux war schon einmal an dieser Stelle unb hat enttäuscht. Man bringt ihm immer noch Vertrauen entgegen, er gilt als einer ber besten Köpfe unb allerstärksten Willen Frankreichs. Ob ct3 ihm gelingen wirb, Frankreich finanziell auf bie Füße zu stellen, steht bahin. Deutschland jebenfalls hat burchaus fein Interesse baran. wie immer wieder betont sei, daß bie französische Währungszerrüttung weiter fortschreite. Wir kommen in Europa überhaupr nicht in Orbnung. wenn nicht bie Währungen überall gefertigt werben. Es läßt, sich ber Wirtfchaftsaustausch, bie Hanbels- unb Zollpolitik, bie Europa braucht, schlechterdings nicht machen, wenn ihre Grunb- lagen fortwährenb schwanken unb mit Erschütte­rungen bebro&t sinb.

Auch in biesem Sinne ist sich Caillaux ganz llar. Er teilt ohne Zweifel aus voller Über­zeugung bie AußenpolitikDrianbs. Aber es scheint, als wenn er biese noch eine Stufe höher heben wollte in einer wirklich europäi­schen Politik. Mehrfach schon hat er sich ganz offen dahin ausgesprochen, baß Europa nur zu retten ist, wenn bie einzelnen Teile sich zueinanber finden, bie notwenbigen wirtschaftlichen Abreden miteinanber treffen, unb er hat das mit aller Bestimmtheit ausgesprochen, viel positiver als Driand. Ob er auf diesem Gebiete zu Erfolgen kommt, steht auch noch dahin. Auch das ist vom deutschen Standpunkt aus lebhaft zu wünschen. Wir teilen ganz bie Auffassung, daß der euro­päische Kontinent nicht in Ordnung und Ruhe kommen wirb, wenn nicht ein europäisches Ge­meinsamkeitsgefühl sich auch wirklich umsetzt in eine europäische Politik, die auf die gemein­samen Interessen gegründet ist und die diese auf einen gemeinsamen Renner zu bringen in bet Lage ist.

Dabei wird Caillaux, ber ja nicht nur Wirt­schaf tspolitiker ist, fonbern überhaupt außenpoli­tischen Blick besitzt, naturgemäß, wenn er über­haupt an ber Macht bleibt unb Erfolge hat. weitergeführt werben. Es ist ein merkwürdiges

Kochkünstler und Schriftsteller hervortat. Schon zu Anfang ber 40er Jahre seines Lebens zog er sich von ben Geschäften zurück und führte nun ein glückliches Dasein in seinem schönen Garten zu Ranking, in bem er seinen Schülern Weisheiten über das beste Leben und bas beste Essen vovtrug. Die chinesische Küche ist ja be­kanntlich sehr reichhaltig, unb bie Speisekarte eines Restauraifts führt mehrere 100 Gerichte auf. Vüan Mei vergleicht das Kochen mit ber Ehe. Auch in ber Ehe müssen zwei Dinge, bie in benselben Tops getan werben, miteinanber harmonieren, um gut unb glücklich zu wirken. Das Klare soll mit bem Klaren oerbunben wer­den," schreibt er,bas Dicke mit bem Dicken, das Harte mit bem Harten, bas Weiche mit bem Weichen. Ich habe Menschen gekannt, bie Hum­mern mit Vogelnestern vermischten unb Pfeffer­minz mit Hühnern. Das kann keine gute Ehe geben! Die Köche von heute denken sich nichts dabei, wenn sie in einer Suppe bas Fleisch von Hühnern, Enten, Schweinen und Gänsen ver­mischen. Aber diese Hühner, Schweine, Enten und Gänse haben zweifellos Seelen, unb biese Seelen werden in ber anberen Welt sicherlich bittere Klage erheben, weil man sie so be­handelt hat." Als bie vier wichtigsten Fleisch­spender ber Tafel führt Man Mei bas Huhn, bas Schwein, bie Ente unb ben Fisch auf. Als ein wahrer Philosoph des Essens haßt er nichts mehr als älmnätzigkeit unb Unnatur. Er erzählt, baß er einst bei einem Freunde speiste, ber seinen Gästen Vogelnestersuppe in Gefäßen vor­setzte, bie so groß waren wie kleine Fässer. Die anberen Gäste waren entzückt, Man aber lächelte und sagte:Ich kam hierher, um Vvgel- neftersuppe zu essen, nicht, um mich in ihr zu haben. nicht mit den Augen", ist eine feiner Regeln, unb er will damit sagen, baß bie Tafel nicht mit unnötigen Schüsseln und mit einer zu groben Speisenfolge überladen sein soll. nicht mit den Ohren", lautet eine andere Regel, und sie will besagen, daß man nicht durch merf-. würdige unb fonberbare Gerichte mit ungewöhn­lichem Ramen ben Beifall ber Rarren gewinnen soll. Rach einem Diner bei einem Freunde, ber nicht weniger als brei Speisenfolgen, jebe aus acht verschiebenen Gerichten bestehend, und sechzehn verschiedene Arten bes Rachtischs auf­tragen ließ, atz Man zu Hause noch einen Teller? Reisgrütze, so hungrig war er!