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Samstag, Z. April 1926

|76. Jahrgang

Nr. 78 Erstes Blatt <u

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Die Zukunft der deutschen

Wirtschaft.

Eine Unterredung mit dem Reickzssinanzminister über die Folgen der Steuermiiderungsatrtion.

Deutsche Ostern.

Von Reichskanzler Dr. Luther.

Fast ist es schwer, zu den in der Ordnung des Jahres stets wiederkehrenden Festen ge­eignete Worte für das deutsche Staatsvolk zu finden. Denn unser Wiederaufstieg vollzieht sich viel langsamer als unser Wünschen es ersehnt. Die daraus für unser Volk entstehende seelische Bedrückung wird noch dadurch gesteigert, daß ein nicht geringer Teil des deutschen Volkes immer wieder dazu neigt, die F o r t s ch r i t t e, die auf so manchen Gebieten gemacht sind und werden, Überhauptnichtzusehen oder doch für belanglos zu erachten angesichts des vielen, das noch immer unerfüllt ist.

Gerade das Osterfest lädt hier immer wie­der zu ruhiger Besinnung. Als Wahr­zeichen für den Anfang des Frühlings zeigt es uns, daß das organische Geschehen der Welt nach dem scheinbaren Tode des Winters sich immer wieder zu Blüte und Frucht ent­faltet. Auch das Menschen- und Völkerleben ist ein Teil solches organischen Wachstums; nur daß in ihm der bewußte Wille der han­delnden Menschen einen großen Teil an der Kraftentfaltung hat.

Dieser Wille kann nun freilich keine Wun­der wirken nach der Art des Gauklers, der in wenigen Minuten eine Blume emporwachsen läßt. Er kann nur dann Ersprießliches er­reichen, wenn er die Alltagsarbeit nicht verschmäht und bei rüstigem Voranschreiten den Boden der Wirklichkeit nicht ver­läßt. Bei solch mühseligem Wege, auf dem immer wieder Hindernisse und Untiefen liegen, kann die Kraft nur erhalten bleiben durch festen Glauben an die innere Be­rufung des deutschen Volkes.

Der Glaube allein tuts nicht im politischen Leben, aber auch das Arbeiten allein nicht. Drum fei uns das Osterfest eine Mahnung da­für, durch tapfere nimmermüde­werdende Tat das deutsche Leben zu be­jahen.

Wer so handelt und denkt dies ist meine feste Ueberzeugung darf trotz allem, das uns drückt und bedrängt, klaren Auges in die Zu­kunft schauen. Wer so das Leid der Vergangen­heit und Gegenwart trägt, der hilft die Grund­lagen schaffen für b i'e deutsche Aufer­st e h u n g in der Zukunft.

Oftergedanken.

Von Reichsminister des Innern Dr. K ü l z.

Der Auferstehungsglaube leuchtet in den Ostertagen durch das Leben der Welt. Kein Mensch kann sich seiner belebenden Kraft ent­ziehen.Niemand ist so sehr Atheist, daß er nicht die christlichen Festtage mitfeiern hülfe." Dieses Wort Hebbels gilt auch zu Ostern. Dür­fen wir auch für unser Volk von einem solchen Auferstehungsglauben erfüllt fein, darf uns der ewige Werdegang der Natur ein Spiegelbild des polnischen Geschehens sein?

Der deutsche Auferstehungsglaube ist aus harte Proben gestellt. Kalte, eiskalte Gewalt von außen her schien lange Zeit alles Leben zu vernichten und die Keime neuen Werdens zu ertöten. Der deutsche Winter nach 1918 war hart und dunkel, aber stärker war und ist die Hoffnung auf deutsche Wieder­geburt. Auf einen politischen Messias zu hoffen, der von heute zu morgen alles Unheil bannt und alles Gute bringt, das ist nicht der Glaube, der Berge versetzen kann. Tiefer als der Glaube stürmischer Erfüllung und der Glaube an das Geschehen eines Wunders ist der auch durch Entsagungen und Enttäuschun­gen nicht beirrte, mit Geduld gepaarte Glaube, der die Kräfte der Erfüllung zu­nächst im eigenen Ich sucht. Sich selbst helfen heißt nicht, den Winter mit Gewalt in einen Frühling verwandeln zu wollen, sondern es heißt, im Winter still und stark die Kräfte zu neuem Leben zu sammeln und zu stählen.

Auch in den Ländern und Völkern um uns wird die Macht des Winters nicht von heute zu morgen gebrochen sein. Ernste Männer haben sich angeschickt, die Bahn für neues Leben frei zu machen; bei uns und bei den anderen. Dieses Leben wird nicht eitel Sonnen­schein sein. I n h a r t e r A r b e i t und oft noch unter Kälteschauern werden wir das Feld be­stellen müssen, damit es Frucht und Leben spendet. Von Locarno her wehte ein war­mer Hauch, der uns auf das Sprießen neuer Saaten hoffen ließ. In Genf stellte sich ein starker N a ch t f r o st ein. Sollen wir uns dadurch die Hoffnung rauben lassen, daß dem Winter doch noch ein Ostern folgen wird? Nacht und Finsternis des Winters werden nicht mit einem Schlage durch neues Leben über­wunden, sondern durch Sturm und Wetter hindurch. Aber wie in der Natur, so gibt es auch im Leben unseres Volkes k e i n e N a ch t, d i e ewig dauert.

Reichsfinanzminister Dr. Reinhold hat dein Chefredakteur des WTB. eine Unterredung gewährt, die den ganzen, durch die Steuermilde­rungs-Aktion der Reichsregierung aufgeworfenen Fragenkomplex in einer Anzahl von Fragen und Antworten behandelt.

Wie war c5 möglich, trotz der entgegen# stehenden Schwierigkeiten, das Steuer- milderungsgefeh noch vor dem 1.

April zu verabschieden?

Antwort: Der Zweck, den die Reichsregie­rung mit dem Steuermilderungsgeseh verfolgt, war, unserer schwer kämpsenden Wirtschaft eine sofortige Erleichterung zu gewähren, um dadurch mitzuhelfen, die Krisis, die ihren äußeren Ausdruck ja in der Zahl von zwei Mil­lionen Arbeitslosen sindet, so schnell wie mög­lich zu überwinden. Der angestrebte Erfolg wäre verhindert worden, wenn aus den Vor­schlägen der Regierung nur der ein« oder an­dere etwa die Fusionssteuer voraus- genommen und die Erledigung des ganzen Gesetzes bis zum Sommer verschoben worden wäre. Die Regierung mußte deshalb darauf bestehen, daß das Gesetz als ganzes be­handelt wurde und sie ist dem Reichstag wie dem Reichsrat zu großem Dank verpflichtet, daß er durch beschleunigte Behand­lung der schwierige Materie die rechtzeitige Verabschiedung ermöglicht hat.

Halten Sie die Abweichung von dem in Ihrer Etatsrebe angekündigten Programm für wesentlich?

Antwort: Rein! Wenigstens nicht in dem Sinne, daß dadurch die Grundidee des Gesetzes, wirtschaftliche Erleichterungen zu schaffen, irgend­wie verändert worden ist. Wäre das geschehen, so hätte die Reichsregieruug. die ja lediglich aus wirtschaftlichen Gründen die Steuersenkungen vorgeschlagen hatte, eine solche Aenderung des ursprünglichen Vorschlags, der den an gestrebten Erfolg in Frage gestellt hätte, unter keinen Tlmftänden annehmen können. Die Veränderungen waren lediglich die Konsequenz der von der Mehrheit des Reichstags zur Be­hebung der Rotlage des deutschen Weinbaus beschlossenen Aufhebung der Weinsteuer und der notwendigen Mehrausgaben auf dem Gebiet der ausgesteuerten Erwerbslosen. Das bedingte, daß die Senkung der Amsahfteuer nicht um 0,4 Pro­zent, sondern nur um 0,25 Prozent vorgenommen werden konnte, da das Maß der Steuersenkung selbstverständlich dadurch bestimmt war, daß das Gleichgewicht des Staatshaushalts keinesfalls in Gefahr kommen darf. Ich persönlich halte für die Wirtschaft wie für die breite Masse der kon­sumierenden Bevölkerung eine weitere Sen­kung der Umsatzsteuer für außerordentlich er­wünscht. aber solange ich nicht mit voller Sicher­heit übersehen kann, ob die infolge der Wirt­schaftskrise stark zurückgegangenen Steuereinnahmen sich wieder in dem Maße heben, daß sie zur Deckung der notwendigen Aus­gaben - - insbesondere für das schwere Jahr 1927 unbedingt ausreichen, muß das Ziel weiterer Steuersenkungen zurückgestellt werden.

Wie ist es möglich, trotz des Ausfalls von zirka 500 Millionen Mark den Llai für 1926 zu balancieren?

Antwort: Zunächst ist zur Deckung einmaliger Ausgaben es sei hier nur an die Restabwick- lung der Kriegs- und Liquidationsgeschädigten erinnert der in dem ursprünglichen Etatentwurf nicht eingesetzte Münz gewinn von ca. 133 Millionen als Einnahme eingesetzt worden. Wei­terhin ist durch Ersparnismaßnahmen eine Verbesserung von ca. 100 Millionen einge­treten; schließlich sind die Ausgaben des Extraordinär iums, soweit sie für werbende Zwecke bestimmt sind, auf Anleihe genommen worden. Dieser meiner Ansicht nach gesunde,und von der ganzen Oeffentlichkeit .sowie allen Reichs- tagsparteien anerkannte finanzpolitische Grund­satz, einmalige Investitionen nicht aus laufen­den' Steuern und Abgaben, sondern aus An­leihen zu decken, soll auch in Zukunft durch­geführt werden. Voraussetzung dafür ist selbst­verständlich, daß der Markt für Auflegung von

Die Saat reift dem nicht, der nicht den Acker beftelfi Wer im Frühling verzweifeln und den Ack . brach liegen lassen wollte, weil ein Nachtfrost kam, wäre ein Narr. Im Leben der Völker gilt es nicht anders. Nur harte, unbeirrte, nüchterne Arbeit ver­dient Ernte. Nicht durch Lebensoerneinung und durch negative Kritik, sondern nur durch starke Lebensbejahung vollzieht sich die Wiedergeburt unseres Volkes im Schoße der Welt.

Italienische Aoloniaiplane.

Berlin, 1. April. (IM.) Wie der Asien-Ost- europa-Dienff aus bestinformierler englischer Quelle erfährt, führt die italienische Regierung gegenwar- tiq in London Verhandlungen mit dem fiolonial- amt über die italienische Besiedelung Deutsch-O st asrikas. Italien schlägt eine groß­zügige Ansiedlung italienischer Kolonisten unter italienischer Kontrolle und Finan-

Reichsanleihen oder Schatzwechsel ausnahmefähig ist. Es wird infolgedessen, da das Sparlapital in Deutschland, das für solche Zwecke zur Ver­fügung steht, sich nur allmählich wieder bildet, auch bei den außerordentlichen Ausgaben, die durch Anleihen zu decken sind, in den nächsten Jahren die größte Zurückhaltung geübt werden müssen.

Welche Erzeugnisse der deutschen Wirtschaft werden durch Ihre Aktion unmittelbar ver- billigi?

Antwort: Bei der durch den Kamps um den Absatz und die scharfe Konkurrenz erzwungenen genauen Kalkulation muß auf die Dauer jede Lmsahstcuerermähigung auf alle Waren vreis- billigend wirken, wenn auch selbstverständlich diese Auswirkung er st allmählich eintreten wird. Sofort billiger werden alle bisher von der sogenannten Luxus st euer betroffenen Gegen­stände. wobei aber ausdrücklich bemerkt sei. daß von der bisherigen 7'/chrozentigen Luxussteuer auch sehr viele Artikel des täglichen Bedarfs, die mit Luxus nichts zu tun haben, wie um nur einige zu nennen keramisch« Artikel Beleuchtungskörper, manche Möbel usw. betroffen waren. Gerade diese Aufhebung der Luxussteu«r wird unserer deutschen Quali­tätsarbeit einen besonderen Impuls geben und hier hat die Steuermilderung bereits es sei nur an die Auto-Industrie erin­nert einen unleugbaren Erfolg in einer er­heblichen Geschäftsbelebung gezeitigt. Weiterhin werden durch die Aufhebung der Kon­sumsteuern das Salz etwa um ein Drittel, der Wein um etwa ein Sechstel billiger.

Wie beurteilen Sie die Wirkung der Herab­setzung der Vermögenssteuer?

Antwort: Der Ausfall des Zah­lungstermins vom 15. M a i für alle Vermögen wird eine fühlbare Erleichterung schaffen, da durch diese Maßregel vermieden wird, daß die Zahlungstermine für die Vermögens- steuer ftch in diesem Jahre besonders häufen. Dazu kommt als besonders erfreulich« Maßregel, daß für alle kleinen Vermögen insbesondere für unsere so schwergeprüften Kleinrentner, für den gewerblichen Mittelstand und bi« deutsche Bauernschaft eine dauernde Herabsetzung der Vermögenssteuer, zum Teil b i s auf die Hälfte des bisherigen Betrages, stattsindet, eine Maßregel, die mir sowohl aus sozialen, wie aus wirtschaftlichen Gründen sehr berechtigt erscheint.

Wie beurteilen Sie die zukünftige Entwick­lung der deutschen Wirtschaft?

Antwort: Ich bin mir bewußt, daß die schwere Krisis, die wir durchgemacht haben, erst langsam schwinden wird und daß wir genau wie England noch auf längere Zeit hinaus mit einer leider sehr hohen Ziffer von Erwerbslosen zu rechnen haben werden. Trotzdem ich also durchaus ernst in die Zukunft sehe, glaube ich doch, daß wir den Tief­punkt bereits überschritten haben und daß die bedenklichste Erscheinung, das allge­meine Mißtrauen, das durch die Zahlungs­stockungen bedingt war, zu schwinden beginnt, zumal der meiner Ansicht nach notwendige Rei­nigungsprozeh im großen und ganzen b e - endet zu sein scheint. Dazu kommt, daß das reichlichere und billigere Geld das Geschäfts­leben in demselben Maße anregt, wie das kaum erhältliche und außerordentlich teure Geld im Herbst und Winter das Geschäftsleben beengt hat.

Wenn auch viele Industriezweige noch schwer darniederliegen, zeigt sich in anderen doch eine unverkennbare Belebung und ich glaube, daß das wiedererwachte Vertrauen, zu dem nach allgemeiner Ueberzeugung ja auch die von der Reichsregierung vorgenommenen Steuererleichte­rungen beigetragen haben, den deutschen Ar­beitswillen, der auch in der schwersten Zeit ungebrochen geblieben ist, neu gestärkt hat. Zu- sarnrnenfassend möchte ich meiner Tieberzeugung dahin Ausdruck geben, daß wir, wenn kein« uner­warteten inner- oder außenpolitischen Störun­gen dazwischen kommen, der Entwicklung der nächsten Monate mit Zuversicht entgegensehen können.

3 i e r u n g in Deutsch'Ostafraka vor. Mussolini hat ferner den Wunsch nach einer Verwaltung- und Kultur-Autonomie für die italienischen Ko­lonisten geäußert. Der von Mussolini entworfene italienische Siebtungsplan für Deuisch-Ostasrika wird im englifdjen Kolonialamt mit Wohlwollen behandelt.

Diese Meldung klingt etwas geheimnisvoll, wird aber glaubwürdiger, wenn man bedenkt, daß Eng­land seit geraumer Zeit um Italien gegen Frank­reich wirbt. Mussolini ist nun der Mann, der das Zünglein an der Wage spielt und sich jede Unter­stützung Frankreichs bzw. Englands im Mittelmeer teuer bezahlen läßt. Die Kolonisierung ostafrika­nischer Landstriche dürfte nur ein Teil der ange­borenen englischen Kaufsumme, und zwar ein sehr geringer fein. Näher liegt dagegen der Gedanke, daß sich Mussolini die französische Kolonie Tunis, die fast rein italienisch ist, versprechen lassen dürfte, ist doch sie eine militärische Unter st ützung Englands gegen Frankreich wert.

Di« Möglichkeit eines Ausstieges.

Von Geh. Rat v. vr. R u d 0 l f E u ck c n orb. Professor an der Universität Jena.

Der moderne Mensch sucht in trüben Tagen meist einen Halt in der Ueberzeugung, die böse Zeit werde bald vorübergehen, und dem Un­wetter werde Sonnenschein folgen; eine solche Hoffnung dünkt unentbehrlich, um den Mut fcstzuhalten und die wankenden Strafte anzu- spornen. Kein geringerer als Kant hat dieser Ueberzeugung in folgenden Worten Ausdruck gegeben:Ohne-die Hoffnung besserer Zeiten hätte eine ernstliche Begier, etwas dem allge­meinen Wohl Ersprießliches zu tun, nie das menschliche Herz erwärmt." In Wahrheit durchdringt diese Ueberzeugung als eine leben­dige Macht die ganze Neuzeit, der Fortschritts- gedanke ist ein Hauptstück ihres geistigen Be­sitzes. Früheren Zeiten war dieser Gedanke keineswegs selbstverständlich, er hatte eine be­sondere Quelle, er stammte aus der mystisch­religiösen Denkweise des Mittelalters und der Renaissance. Diese verstand die Welt als die Ofsen- barung des unendlichen Lebens der Gottheit, das dem Menschen nur durch eine unablässige Steigerung zugeht. Die Welt galt als eine zeit­liche'Entwicklung" dessen, was bei Gottein­gewickelt" in ewige Wahrheit wirkt und uns Menschen in sicherem Zuge emporhebt. Die ältere Aufklärung hat sich dieser Denkweise an­geschlossen, ihr eine größere Klarheit gegeben, aus ihr eine freudige Zuversicht geschöpft.Der Kreaturen und auch unsere Vollkommenheit be­steht in einem ungehinderten starken Forttrieb zu neuen und neuen Vollkommenheiten" (Leib­niz). Aber im Verlauf des 18. Jahrhunderts verblich immer mehr diese Begründung des Fortschrittgedankens auf das göttliche Leben, und er fand nunmehr feine Hauptstütze in der politischen und wirtschaftlichen Arbeit, diese fühlte sich damals in einem sicheren Fortschritt begriffen. So der Optimismus der Lebensstim­mung, der sich vom 18. Jahrhundert bis in das 19. Jahrhundert erstreckt. Aber je mehr in fei­nem Verlauf die Verwicklungen wuchsen, desto größer wurden die Zweifel an einem allge­meinen Fortschritt, es erschienen immer mehr Hemmungen, auch die rapide Beschleunigung des Lebenstempos und die rasche Verschiebung der Lebensziele machten viel Mühe und Sorge. Gewiß tritt fortwährend Neues bei uns ein, und es find Fortschritte an den einzelnen Punkten mit Händen zu greifen, aber ist es ausgemacht, daß diese Fortschritte einen Ge­winn im Ganzen des Lebens bedeuten, daß der Verlauf der Zeit uns glücklicher, kräftiger, bes­ser macht? Erzeugt nicht der rasche Wechsel der Bestrebungen, b_er uns heute einnimmt, das Hängen am bloßen Augenblick schließlich eine starke Ermüdung und stumpfe Gleichgül­tigkeit, und verspüren wir' nicht schon jetzt manche Zeichen geistigen Sinkens?

So wäre wohl ein festerer Halt zu suchen, als ein freischwebender Fortschrittsgedanke ihn ausübt; um einen solchen Halt zu finden, müs­sen wir uns aber auf die tiefsten Fragen des Wertes des Lebens besinnen, wie die Erfah­rungen sie uns namentlich in den großen Welt­religionen vorhalten. Es bedarf hier insbeson­dere einer prinzipiellen Entscheidung; können wir das Leben, wie es uns unmittelbar um­gibt, unbedingt bejahen, ober tut eine gründ­liche Umwandlung not, und in welcher Rich­tung sollen wir eine solche suchen? Es scheiden sich dabei deutlich eine östliche und eine west­liche, die indische und die christliche Denkweise. Gemeinsam ist beiden ein tiefer Ernst und die unumwundene Anerkennung schwerer Verwick­lungen im Weltstände; aber verschieden ist die nähere Fassung des Problems, und verschieden sind auch die Hilfen, welche sie dem Menschen im Lebenskampf gewähren. Die indische Denk­weise findet den Ausgangspunkt ihrer lieber- zeugung in der Flüchtigkeit und Nichtigkeit des Daseins, sie sieht einen gewaltigen Irrtum darin, an diese Welt des Scheines das Stre­ben zu hängen; nur die Wendung zu der ewi- aen Einheit und Ruhe kann uns von dieser Scheinwelt befreien. Noch schärfer spitzt der Buddhismus das Lebensproblem zu, indem er die Wurzel der Irrung in dem unbegrenzten Lebensdrange entdeckt, in demverächtlichen Durst, der die Macht über die Welt hat". Nur eine radikale Brechung dieses niedrigen Le­bensdurstes verspricht eine Befreiung von den Nöten, sie erzeugt eine völlige Ruhe und Stille, eine Gleichgültigkeit gegen alles, was den Menschen in Leid und Liebe aufregt; alsdann fällt alles Leid vom Menschen ab, wie die Tau­tropfen von der Lotosblume, weltüberlcgene Gelassenheit, strenge Sammlung des Wesens, volle Gleichmut auch gegen die schwersten Er­lebnisse gewähren ein echtes Glück.

Der Westen stellt dieser Ueberzeugung ein anderes Lebensideal gegenüber, wie nament­lich das Christentum es verkörpert. Dieses fin-