Donnerstag, L April 1926
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 77 Zweites Blatt
einanderfehen. Die Hofsprache selbst sei umständlich, er könne .richt einfach sagen: Majestät sind auf dem Holzwege, oder: Cs ist einfach Blech, was Euer Majestät sagen, oder: Euer Majestät haben von der Politik Ansichten eines Quartaners, sondern das muffe alles in gut gesetzten Redensarten angedeutet werden. Das koste aber sehr viel Zeit. Die Leute, die immer von Kanzlerkrisis sprechen und spotten, wissen nicht, was dazu gehört, mit einem alten Olympier wie dem Kaiser 18 Jahre lang auszukommen. Seit Schleswig- Holstein habe er ihm alles schrittweise abringen müssen, und meist gelinge es nur, wenn man immer den Kabinettrevoloer zur Hand habe." — Interessant sind die Mitteilungen über Bismarcks literarischen Geschmack. Cohen sagte er, daß er Goethe nicht gut leiden könne. „Hält ihn für einen echten Dureaukraten, der stolzer auf seine Ministerwürde als auf sein Dichtertalent war. Er liebt Schiller viel mehr, namentlich als Charakter." Ein archerrnal betont er seine Dorliebe für Heine. Frau von Spitzemberg erzählt: Rach Tische sah ich mit dem Kanzler an seiner „Ecke", und er blätterte in Chamissos Gedichten, die er sich neben Llhland. Heine, Rückert immer wieder schenken labt, um sie in jeder seiner Residenzen zu haben. „Wenn ich dann so recht verärgert und abgemattet bin, lese ich am liebsten diese deutschen Lyriker, das erquickt mich." Lieber das Duell äuberte sich Frau von Spitzemberg: Wir kamen auf das Duell zu reden und ich erzählte, daß mein Sohn mir seine Skrupel über diese Sache in diesem Frühjahr, ehe wir zum Abendmahl gingen, mitgeteilt habe, und dah ich. einen anderen Rat nicht wußte, als mit allen Mitteln der Selbstverleugnung ein Duell zu meiden, wenn es jedoch mutwillig einen: aufgcnötigt werde, sich nicht mit Grübeleien zu quälen. Darauf sagte der Fürst: „Sie haben ihm ganz recht geraten, ich habe es auch so gemacht. Als ich das Duell mit Dincke haben sollte, ging ich Abends zu meinem Beichtvater Büchsel, damit er mir das Abendmahl gebe. Das wollte er nur tun, wenn ich das Duell nicht annehme; lange
gänzlichen Derfahrenheit habe ihn in Wut gesetzt. Da habe er sich mit Leidenschaft auf die Politik geworfen. Er betonte sein Glück, das er gehabt, heiht es in einer anderen Aufzeichnung Cohens. Rur durch Zufall wäre er in die politische Karriere gekommen. 1847 war er als Stellvertreter des erkrankten Brauchitsch in den Bereinigten Landtag gekommen. Dort sei der König auf ihn aufmerksam geworden. Als er ihm den Frankfurter Posten. angeboten, habe Bismarck sofort angenommen, worüber der König sehr verwundert war und ihm sagte: „Ich bewundere Ihren Mut, einen so schwierigen Posten so ohne Lieberlegung anzunehmen." Bismarck antwortete: „Ich bewundere den Mut Eurer Majestät noch viel mehr, einem unerfahrenen Reu- ling, so wie mir, einen solchen Posten zu übertragen." Aber sie könnten es ja miteinander versuchen. Darauf der König: „Wenn Sie die Sache so auffassen, so reisen Sie nur getrost." Ein andermal sagte Bismarck, es sei nicht wunderbar, daß sein Rervensystem ruiniert sei: „3m 16. Jahre schon Student gespielt, im 17. zur Universität, sehr liederlich gelebt, viel getrunken, dann so fortgelebt bis zur Derheiratung. Seit 18 Jahren in der Politik, die er mit der ganzen Leidenschaftlichkeit fernes Wesens erfaßte. In Petersburg alS Gesandter empört über die preußische Politik, schrieb oft bis 4 Uhr morgens Briefe nach Berlin, ärgerte sich oft dabei bis zum Wernen. Später beständige Friktionen mit dem König, mit den Hofleuten und den Freimaurern. Dor 66 enorme Anstrengungen, um den König zu bestimmen. Bei Rikolsburg furchtbare Kampfe mit den Generalen, die nicht genug bekommen konnten. In Paris ebenso." . , . .
Recht offenherzig sind auch viele feiner Aeuberungen über den alten Kaiser. Er hebt lein außerordentliches Pflichtgefühl hervor. Der Kaiser habe ihm letzthin einen Brief von 12 Bogen selbst geschrieben. Das sei allerdings rührend, aber die Antwort koste entsetzlich Zeit. Er könne ihm nicht für alles und jedes seine Gründe aus-
Es war ein Abkommen, das nach seinen konkreten Bestimmungen durchaus annehmbar für Deutschland war, abet doa) fast allgemein als deutsche diplomatische Riederlage angesehen wurde. Die deutsche öffentliche Meinung hatte zum allergrößten Teile irrtümlich aus dem Anlaufen des „Panther" in Agidir geschlossen, daß Deutschland ein Stück Marokko an sich bringen wolle; allerlei Hoffnungen, gewaltige wirtschaftliche Unternehmungen und Siedlungskolonien zu begründen, wurde verbreitet, in lebendigen Agitationen wurde die Regierung bestürmt, sich nicht aus Marokko verdrängen zu lassen. Als dann bekannt wurde, daß Deutschland auf Marokko verzichte, sah man das nicht als die natürliche Fortsetzung der längst ergriffenen Politik, sondern als Wirkung der englischen Kriegsdrohung an und überschüttete die Regierung mit Dorwürfen, dah sie sich für das zukunftsreiche Marokko mit einigen dürftigen mittel- afrikanischen Brocken abspeisen lasse. Ein solches Ergebnis habe man auch ohne die Entsendung des „Panther" und ohne Kriegsgefahr erlangen können. Mochten die Vorwürfe zutreffen oder nicht, der Derlauf der Dinge war der deutschen Regierung schädlich, denn er hat das Dertrauen weiter Kreise in die auswärtige Leitung schwer erschüttert und die öffentliche Meinung in große Erregung verseht. Freilich war die Regierung in übler Lage, da sie nicht mehr an die Loyalität der französischen Regierung glauben konnte, aber bei jeder Opposition gegen Frankreich sogleich mit Englands Gegnerschaft zu rechnen hatte. Man kann daher zweifeln, ob ein anderer Schritt als die Entsendung des „Panther" nicht dieselbe Verwicklung hervorgerufen hätte. Die heikle Lage war aber nicht erst in der letzten Zeit geschaffen worden, sie ging vielmehr zurück auf das Jahr 1905, in dem Fürst Bülow ein Sonderabkommen mit Frankreich über Marokko abgelehnt und die Algeciraskonferenz erzwungen hatte, um Frankreich durch internationale Abmachungen, die sich dann sogar nicht bewährten, einzuschränken. Run sah man sich doch auf den Weg des Sonder-Abkommens gedrängt, nur daß jetzt die Lage weit ungünstiger war als vor sechs Jahren, als Rußland am Boden lag. Frankreichs Stellung in Marokko weit schwächer und die englisch-französische Entente noch un- erprobt war. Man hatte endlich in Berlin ge-
Bismarck über sich selbst.
Zur Wiederkehr seines Geburtstages am 1. April.
Der zweite Band der „Gespräche" Bismarcks, der vom Frankfurter Frieden bis zur Entlassung reicht, erscheint soeben, von Prof. Dr. Willy Andreas herausgegeben, im Rahmen der großen Friedrichsruher Bismarck-Ausgabe im Derlag für Politik und Wirtschaft. Dieser neueste Band des Monumentalwerks bringt uns wieder eine ganze Reihe bisher unbekannter Aeußerun- gen des großen Mannes, und zwar sind es in erster Linie die bisher ungedruckten Tagebuch- Aufzeichnungen des Friedrichsruher Hausarztes Dr. Eduard Cohen und die ebenfalls unver- öffentlichen Tagebücher der Freifrau von wpihem- berg, die beide dem Fürsten nahestanden und über ihre Llnterhaltungen mit ihm sofortige eingehende Riederschriften gemacht haben. In diesen unbekannten Gesprächen enthüllt Bismarck mit der Offenheit und Leidenschaftlichkeit des Genies gar Vieles aus seinem Leben. So sagte er zu Cohen, als ein Band mit den Reden des Abgeordneten Bismarck erschien, er habe diese alten Reden mit Vergnügen wieder gelesen. Damals — 1848 — sei er ein Llltraroyalist gewesen, aber erfüllt von liberalen Reformideen, die er indes nur aus dcrHand desKön gs haben wollte. Ais Cohen bemerkte, daß er wohl auch nicht alles wiederholen möchte, was er damals gesagt, meinte er: Te leibe nich: tempora mutantur — es wächst
der Mensch mit seinen Zielen. Dis 1844 fei er einfacher Landedelmann gewesen, der seinen Kohl gebaut hätte und dessen höchstes Ziel gewesen sei, im Laufe der Jahre seine Besitzungen zu verbessern und zu vergrößern, hier und da eine Parzelle z-zukaufen. An praktische Polttik habe er nie gedacht. Da ihm die preußische Dureaukratte immer zuwider gewesen sei, so hakten ihn feine Freunde für einen vorgeschrittenen Liberalen gehalten. Aber das Jahr 1848 mit seinen erbärmlichen Phrasen, mit der Feigheit von oben, der
stritten wir hin und her, endlich ging ich. Rach einigen Stunden kam Büchsel zu mir und wollte mir nun das Abendmahl doch geben. Rein, sagte ich, nun habe ich mich allein mit meinem ^®ott abgefunden und gehe nun ruhig auch dem Tode entgegen." Auch aus den neuen Gesprächen tritt wieder die Liebe des Kanzlers zu den Tieren und zur Ratur ergreifend hervor. „2m seine Hunde anknüpfend," schreibt Frau von Spitzemberg, „sprach er davon, wie bescheiden und demütig es einen stimme, wenn man sehe, wieviel Zehn- und Hunderttauscnde von künstlich bereiteten Leben die Ratur täglich hervorbringe, um sie täglich wieder zu vernichten, wenn es ihr beliebe. Richt bitter darf uns das stimmen, nur bescheiden; „Ich bin der Zeit ohmnächtger Sohn," sagt Chamifto, „nicht wir inachen, was wir machen, wir werden geschoben, sind Werkzeuge." Als vor Jahren Flora krepierte, die graue Hündin, war die Fürstin untröstlich und sagte, sie hoffte, dem treuen Tier im Himmel zu begegnen, sie könne sich nicht denken, daß für die stumme Kreatur mit dem Tode alles aus sei. „Warum soll das nicht sein können?" erwiderte der 'Fürst, „ich hoffe zuversichtlich. im Himmel Hunden und Pferden zu begegnen." In Friedrichsruh plaudert der Fürst gern mit Frau von Spitzemberg von seinen geliebten Bäumen, ihrer Eigenart, ihrem Wohl und Wehe. Erst berichtete er über seinen geliebten Wald, erzählt ihr von einer gemeinsamen Ausfahrt, den verschiedenen Schonungen, die er angelegt, von üppig gedeihenden Fichten, dort von edlen amerikanischen Radelhölzern, hier von angesäten Föhren, Lärchen und Eichen; als wir durch einen dichten „Dusch" fuhren, sagte er, diese Hügel habe er „als Luxus" mit Riederholz bepflanzt, um ihn an Pommern zu erinnern nach den endlosen Strecken steifen, geradlinigen Hochwaldes, und in jener „Klinge" habe er als alter Mann im Sommer oft lang ausgestreckt im Heidekraut gelegen und gen Himmel geguckt, .sich und die Welt zu vergessen.
hofft, durch eine Verständigung über Marokko die Beziehungen zu Frankreich dauernd zu verbessern und io die allgemeine Lage zu ent* spannen. Dies Ziel wurde nicht erreicht, vielmehr hatte sich Frankreich nur widerwillig auf das Kompromiß eingelassen, die Revanchestimmung hatte daher einen neuen Antrieb erhalten und das gestärkte Vertrauen in die englische Dundesgenossenschaft war geeignet, sie weiter zu steigern. Ein Jahr später schon zeigte Frankreich, wie wenig es versöhnlichen Gedanken Raum gab. Als aus Anlaß der Dalkanwirren ein allgemeiner Zusammenstoß drohte, war nach dem Urteil des trefflich unterrichteten russischen Botschafters in London Frankreich diejenige Macht, die dem Kriege mit größter Gelassenheit entgegensah und am wenigsten für die Erhaltung des Friedens leistete.
„Gens" und die Weltwirtschaft.
Don Professor Dr. Hermann Levy.
Nur im mittelbaren Sinne erscheint das, was die Welk jetzt in Genf erleben mußte, als von weltwirtschaftlicher Tragweite. In Gens hat sich lediglich Politisches begeben. Aber schon in der Tatsache, bah die Weltwirtschaft seit Jahren auf fein Ereignis sehnlicher wartet und keines für ihre Fortentwicklung stärker herbeisehnt als die politische Pazifie- rung, liegt das wirtschaftlichBedau erliche der G e n f e r- Z w i e s p ä l t e. Wenn es heute unter dem Druck der stärksten Weltwirtschaftskrisis.
mitgeteilt wurde, erklärte sie für unannehmbar und ließ den Schatzminister Lloyd George eine drohende Rede halten (21. Juli), um Deutschland einzuschüchtern und womöglich Englands Beteiligung an den Verhandlungen zu erzwingen. In seinen soeben erschienenen Denkwürdigkeiten sucht zwar Lord Grey jede Verantwortung für die friedensgefährliche Rede abzulehnen und seinem Kollegen sowohl die Initiative wie das geistige Eigentum zuzuschreiben, indessen nach guten gleichzeitigen Zeugnissen ist kein Zweifel, daß sie eine vom Kabinett auf Betreiben Greys beschlossene Aktion darstellt. Allerdings erreichte England weder eine Teilnahme an den Verhandlungen noch die Einschüchterung Deutschlands, aber es ist begreiflich, daß Frankreich hartnäckiger wurde. England ging noch weiter: Im 2luguft traf es militärische Dorbereitungen, wöbet einstweilen noch dahingestellt bleiben mutz, ob sie einer offen)inen Neigung oder der Be- forgnÄ entsprangen, daß ein deutsch-französischer Krieg ausbrechen könne, der England zum Eingreifen zwinge. Dies Vorgehen ermutigte auch Frankreich zu kriegerischen Tönen; es drohte mit der Entsendung von Schiffen nach Agidir, die den „Panther" in ihre Mitte nehmen sollten, worauf Deutschland mit der Erklärung, dann die Verhandlungen sofort abbrechen zu wollen, erwiderte. 2lber wenn die deutsche Regierung von vornherein der Lkeberzeuguitq gewesen war, daß Marokko einen Krieg nicht wert sei, so scheute man auch in Frankreich trotz der englischen Bundesgenossenschast die Kriegsgefahr, weil Rußland sich unzweideutig gegen einen Weltkrieg aus solchen, ihm femliegenben Ur- fachen, erklärt hatte. So kam man denn schließlich nach langen Erörterungen in Paris und Berlin zu dem Dertrage vom 3. Rovember, wonach Deutschland den Franzosen tatsächlich das Protektorat über Marokko zugestand und dafür außer dem Dersprechen der französischen Regierung, die wirtschaftliche Gleichberechtigung in Marokko wahren zu wollen, eine Vergrößerung seiner Kamerunkolonie erhielt.
sagte, nach allen kolonialen Erfahrungen die Preisgabe einer solchen einmal eingenommenen Stellung nur schwer ausführbar sei. Die deutsche Annahme, daß die Cxpeditton überflüssig sei und nur der Vorbereitting des Protektorats dieite, wurde durch die Tatsachen bestätigt, denn ernste Unruhen hatte sie gar nicht zu unterdrücken. Zu ihrem rechtswidrigen Vorgehen war die französische Regierung weniger aus eigener Initiative als unter dem Druck der chauvinistischen öffentlichen Meinung, die namentlich von dem Marineminister Delcasse bearbeitet wurde, geschritten; der Ministerpräsident, der vorsichtige Caillaux. wie der Minister des Auswärtigen, Cruppi. hatten sich beugen müssen. Wegen dieses Bewußtseins der Rechtswidrigkeit war die Regierung auch bereit. Deutschland entgegenzukommen; schon vor der Besetzung von Fez sprach Caillaux dem deutschen Botschafter von 2£blretungen im französischen Kongogebiet, wenn Deutschland dafür den Franzosen Marotto endgültig überlasse, aber bindende Angebote machte er nicht.
Die deutsche Regierung stand damit vor einer schweren Entscheidung. Sie sah, daß Frankreich tatsächlich die Macht in Marokko an sich gebracht hatte und demnächst die „offene Tür" schließen werde, weil, wie Unterstaatssekretär Zimmerinanp ausführte, bei wirklicher Gleichberechtigung der Rationen die französischen Unternehmer ihre Konkurrenzfähigkeit nicht behaupten könnten. Unmöglich konnte Deutschland ruhig zusehen: es hätte damit große wirtschaftliche Rachteile und eine schwere politische Riederlage auf sich genommen. Man war daher bereit, auf ein solches Handelsgeschäft, wie es Caillaux andeutete, einzugehen, aber man glaubte nicht, daß Frankreich von sich aus ein wirklich angemessenes Angebot machen werde, und man war zugleich überzeugt, daß England, sobald Deutschland eine ungenügende Kompensation abweise. und es darüber zu diplomatischen Schwierigkeiten komme, entsprechend dem Vertrage von 1904 zur Seite stehen werde. Infolge dieser englisch-französischen Opposition, die sogleich, wie man nicht zweifelte, die öffentliche Meinung der ganzen Welt bearbeiten werde, könne Deutschland sehr leicht um jede Entschädigung überhaupt gebracht werden, da an einen Krieg Marokkos wegen nicht zu denken sei. Man kam hiernach zu dem Schluß, die Franzosen zu einem Anerbieten zu zwingen, und das schien am besten dadurch zu erreichen, daß man einen Landstrich in Südmarokko besetze: hier waren deutsche Firmen angesessen, denen man so yut wie Frankreich den französischen durch militärische Machtmittel gegen die von Frankreich selbst behaupteten Unruhen Schutz gewähren konnte. Dann werde Frankreich, meinte man, zu annehmbaren Gegenleistungen "bereit fein, um Deutschland wieder herauszubringen. Ein Aufschäumen des französischen Chauvinismus erwartete man nicht, da Deutschlands Verfahren nicht weniger berechtigt war als das französische, und man überdies gleichzeitig auch die Bereitwilligkeit zu einer Verständigung erklären wollte. So rechnete man mit der Möglichkeit, die leidige Marokkofrage überhaupt aus der Welt zu schaffen und ein besseres Verhältnis herbeizuführen.
Diesen Erwägungen ist die bekannte Entsendung des Kanonenbootes „Panther" nach Agadir (1. Juli 1911) entsprungen. Sie war nicht, wie der englische Botschafter in Berlin nach Hause berichtete, eine Idee des Kaisers, sondern ging auf den Staatssekretär Kiderlen- Wächter und Zimmermann zurück; der Kaiser hatte sich sogar vor einigen Wochen noch gegen eine Landung in Marokko ausgesprochen. Man muhte bald erfahren, daß man die Situation falsch beurteilt hatte. In Frankreich erhob sich heftiger Protest, und in England gab sich die Regierung der Besorgnis hin, daß Deutschland einen festen Stützpunkt an der Atlantischen Küste Marokkos suche, wovon es nicht nur eine Ausdehnung dec deutschen wirtschaftlichen Tätigkeit, sondern auch eine Gefährdung des englischen Handels im Kriegsfälle befürchtete. England ließ daher keinen Zweifel, daß es Frankreich in allen Verwicklungen, die aus dieser Angelegenheit folgen könnten, zur Seite stehen werde, gleichviel, ob Frankreichs Verfahren sich rechtlich begründen ließ oder nicht. Allerdings ließ fich jetzt Frankreich zu Kompensations- Verhandlungen herbei, aber als Deutschland den französischen Kongo forderte, fand Frankreich den Preis zu hoch und hatte sofort Englands
welche die Geschichte der Neuzeit kennt (und die höchstens den verheerenden Folgen des Dreißigjährigen Krieges gleichzusetzen ist), schon an sich imin- chenswert wäre, daß endlich eiiunal Rücksicht aus das Wirtschaftliche bei allen Völkern die Rücksicht auf das Politische beherrschte und sich den Vorrang sicherte, so ist es, wenn an dieses Ziel heute noch überhaupt nicht zu denken ist, besonders bctriiblirtj, daß die neu aufiauchenden Schwierigkeiten am politischen Horizont die Beachtung und das Interesse für die Lage der Weltwirtschaft und auch für die weltwirtschaftspolitischen Pröble m e geradezu von neuem zurückdrängen. Es ist anscheinend für die heutige große Poliuk der Staaten noch nicht gut möglich, internationale „Politik" und „Wirtschaftspolitik" gleichzeitig mit demselben Eifer zu betreiben. Gerade weil dies so ist, wünschte man ja eine Besänftigung der politischen Gegensätze, um endlich einmal zu der intensiveren Behandlung der weltwirtschaftlichen Probleme zu kommen. Genf hat diese Hoffnung leider von neuem auf — wie lange? — zurückgedrängt. Man wird gerade angesichts der jetzt schwebenden und auszuarbeitenden organisatorischen Fragen der Völkerbundspolitik die wirtschast- lichen Probleme, wenn sie auch als dringlich überall anerkannt werden, als „erst^später zu behandeln" ansehen. Das ist ein b ö f e s Fazit der Genfer Vorgänge.
Ein Fazit aber auch, das die Kurzsichtigkeit der heutigen internationalen Großmachtpolitik kennzeichnet. Denn man sollte sich endlich darüber klar werden, daß es ja zu einem guten Teile gerade die internationalen Wirtschaftsverhältnisse sind, welche zu den nicht enden wollenden Konflikten im „Konzert" der Staaten führen, und welche gerade die kleineren und unwichtigeren „Instrumente" so unangenehme „ Verstimmungen" hervorbringen lassen. Zunächst ganz allgemein: gerade die schlechte Wirtschaftslage — besonders auch vieler neugebil-- deter oder kleinerer Staaten — läßt immer wieder die Begierde wach werden, durch angebliche „politische" Vorteile ober durch Verhinderung politischer Vorteile für andere (die größeren Nachbarn z.B.) das wirtschaftliche Defizit auszti gleichen. Das trifft aber auch für ein Land wie Frankreich zu, in welchem charakteriftischerweife das „Politische" als Macht- oder auch als Prestigefrage immer dazu dienen soll, die ökonomischen Nöte zu verschleiern, zu bemänteln oder das Interesse des Volkes von ihnen abzulenken. England hingegen — in erster Linie heute wieder „Wirtschaftsmacht" — zeigt ein bedeutend lebhafteres Interesse, die ökonomischen Verhältnisse durch eine Besänftigung in der Politik zu bessern und zu glätten. Aber der Vertrag von Versailles und andere Verträge, die man Friedensverträge zu nennen beliebt hat, haben durch politische Grenzen neue Wirtschaftsgebilde geschaffen, die sich heute vor allem autonom gebärden wollen und auch die wirtschaftliche „Unabhängigkeit" durch eine Absperrungspolitik suchen und daher politische Machtstellung aus — nicht zuletzt — ökonomischen Gründen erstreben.
Ist es überhaupt denkbar, daß eine wirkliche politische Entspannung der Weltlage aus Grund „friedlicher" Gesinnungen der Länder zueinander einttitt.
Deutschland zwischen Zrankreich und England im Jahre chsi.
Von Dr. Gustav Roloff, vrd. Professor der Geschichte an der Universität Gieren.
Der heiße Sommer des Jahres 1911 brachte eine schleichende Krisis zur Entladung, die seit Jahren die Welt wiederholt beunruhigt hatte, jetzt aber Europa plötzlich an den Rand eines Krieges führte. Bekanntlich hatte die Konferenz von Algeciras i. I. 1906 einen Ausgleich zwischen den deutschen und französischen Ansprüchen in Marokko zu schaffen gesucht. Frankreich hatte ein Protektorat über das große nordwestafrikanische Sultanat erstrebt, jetzt wurden ihm und Spanien, als benachbarten und an den Zuständen in Marokko besonders interessierten Mächten, gewisse polittsche und finanzielle Privilegien unter internationaler Kontrolle zugebilligt, aber gleichzeitig die Llnabhängigkeit Marokkos ausdrücklich sestgestellt und die wirtschaftliche Gleichberechtigung aller Rationen anerkannt. Deutschland hätte gern stärkere Sicherheiten für die Llnabhängigkeit Marokkos ‘ und die wirtschaftliche Gleichberechtigung durchgeseht, konnte aber nicht durchdringen, weil es außer von Oesterreich keine Llnterstühung aus der Konferenz erhalten hatte. Cs zog daraus die Folgerung, ^daß es künftig nicht mehr wie bisher die Interessen aller Rationen wahrzunehmen und für die allgemeine Gleichberechttgung ein- Autrelen habe, sondern fich auf die Vertretung oes eigenen Vorteils beschränken müsse. Wenn also Frankreich trotz des Abkommens seine Protektoratspolitik fortsehte, so war Deutschland bereit, sich damit abzufinden, wenn Frankreich dafür genügende Kompensationen gewährte.
Ein Schritt auf diesem Wege war ein 216» kommen vom Februar 1909. worin Frankreich aufs neue die Llnabhängigkeit Marokkos zu wahren und die wirtschaftlichen Llnternehmun- gen von Deutschland nicht zu beeinträchtigen versprach, während Deutschland auf jedes politische Recht in Marokko verzichtete und Frankreichs Interesse, für 2lufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung im Scherifischen Reiche zu sorgen, anerkannte. Bei loyaler Durchführung des Vertrags hätte ein friedliches Rebeneinander der beiden Mächte wohl erreicht werden können, und in Deutschland war man ehrlich bemüht, sich daran zu halten. Der Konsul in Fe^ wurde instruiert, der Kaiser wünsche ein gutes Verhältnis zwischen Frankreich und dem Sultan: „Ein solches Verhältnis ist eine der wesentlichen Vorbedingungen für eine friedliche und gedeihliche Entwicklung Marokkos, die wir zur Förderung unserer wirtschaftlichen Interessen brauchen" (17. Mai 1909). Als der Sultan eine Annäherung an Deutschland versuchte und sogar eine Kohlenstation an der Atlantischen Küste anbei, ließ man sich nicht Beirren: Bülow lehnte das Angebot als den Verträgen von 1906 und 1909 widersprechend ab und setzte sogleich Frankreich vertraulich davon in Kenntnis, um jede Mißdeutung auszuschliehen. Wenn man bei Frankreich dieselbe Gesinnung voraussetzte, so schien sich diese Hoffnung zu erfüllen. Pichon, der Minister des Auswärtigen, gab wiederholt in lebendigen Worten seine Freude über die wiedergewonnenen guten Beziehungen kund und sparte nicht mit der Anerkennung der Loyalität der deutschen Politik.
Dis zu Beginn des Jahres 1911 blieben die Dinge in diesem Stadium, dann aber begann Frankreich eine Aktion, die Deutschland sogleich als Verletzung der Algeciras-Akte auffassen muhte. Linker dem Vorwande, die Autorität des Sultans und die Europäer in Fez gegen aufständische Stämme zu schützen, wurden Fez und einige andere wichtige Plätze im Innern besetzt. (Mai 1911.) Die deutsche Regierung hatte von Anfang an auf Grund von Konsulats- berichten aus Fez die Rotwendigkeit der Expedition bestritten, weil eine Gefahr für die Europäer nicht vorhanden fei, und in Paris keinen Zweifel gelassen, daß der Zug nach Fez im Widerspruch zu den Verträgen stehe, da der Sultan mit dem Verlust seiner Hauptstadt faktisch aufhöre, ein souveräner Fürst zu fein. Die französische Regierung suchte diese Bedenken zu beschwichtigen. Zunächst mit der Versicherung, man denke gar nicht an die Besetzung von Fez. Und als diese Behauptung keinen Glauben sand, mit der Erklärung, Fez solle nach kurzer Zeit, sobald Ordnung geschaffen fei, wieder geräumt
werden. 2lber auch dazu hatte man in Berkin I Beistand zur Verfügung. Der englische Minister kein Verttauen. weil, wie man den Franzosen | Grey, dem durch französische Indiskretton die ' * ‘ deutsche, zur Eröffnung der Verhandlungen be
stimmte. aber keineswegs endgiltige (Sortierung
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