Ausgabe 
31.12.1932 Frühausgabe
 
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Nr. 308KrühauSsaVe

182. Zahrgang

Samstag, 31. Dezember 1932

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Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. I.. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den An­zeigenteil i. V. TH.Kümmel sämtlich m Eie ie i

Kräfte der Wellpolitik 1932.

Don Dr. Paul Rohrbach.

Alles Große ist einfach. Gilt das auch für unsere heutige Weltlage? Man könnte darauf antworten: Alles Kleinliche ist ver­zwickt und gibt es denn überhaupt in unserer Zeit Politische Ideen von sortreihender Kraft? Offenkundig leben wir in einer Periode ohne große Persönlichkeiten. Die gro­ßen Ideen und die großen Manner bedingen einander, und nirgends s.eht inan Staatsmänner von hochüberragendem Format. Trotzdem und trotz der Verzettelung der kerpolitik in hun­dert Kleinigkeiten, lassen sich die Grund­züge der Weltlage, sobald man nur die kreuz und quer laufenden, verwirrenden Details beiseite läßt, in Gestalt weniger großer Komplexe darlegen. Dabei lassen wir Wirtschaftsfragen, sogar die Krise der Weltwirtschaft, für heute aus dem Spiel.

Wir wollen mit Deutschland beginnen. Deut­sche innere Politik gehört nicht zur Aufgabe dieser Zeilen. Eins aber muß gesagt werden: Das innere deutsche Problem ist, um einen Ausdruck des frühe­ren Reichswehrministers Dr. Gehler zu gebrauchen, die gesamtdeutsche Schau. Was ist das? Es ist diejenige Art von elementarem rationalem Empfinden, die bei uns mit dem Untergang der Hohenstaufen schwankend wurde, und mit dem Drei­ßigjährigen Kriege so gut wie erlosch das den anderen Nationen selbstverständliche Gefühl, daß Staat und Volk eins sind, und daß es gegenüber dem Ausland innerhalb eines Volkstums keine trennenden, sondern nur ver­bindende Kräfte geben darf. Daß wir ange­fangen haben, in dieser Richtung wieder einige Fortschritte zu machen, ist zu sehen aber darüber, daß wir geschlossener außenpolitischer Willensbil­dung noch ein großes Stück Wegs vor uns haben, dürfen wir uns nicht täuschen. Völlige Gesun­dung des deutschen Diationalgefühls wäre zugleich ein Mittel zur Gesundung Europas, denn die europäische Krankheit rührt nicht zum kleinsten Teil daher, daß die Gegner Deutschlands bisher stets mit der Uneinheitlichkeit der deutschen Willensbildung gerechnet haben und auch noch hum die Lehre empfangen haben, daß sie es nicht mehr tun dürfen.

Gehen wir einen Schritt weiter, von der deut­schen zur europäischen Lage, so ist diese durchaus von zwei zentralen Komplexen aus zu be­greifen Der erste und wichtigste ist Frankreichs Bemühen, die ihm durch die Friedensdiktate zuge­fallene militärisch-politische Vormacht- stellung in Europa zu behaupten. Dies Ziel ist ungefähr identisch mit dem anderen, Deutschland daran zu hindern, daß es seine Lebenskräfte ent­faltet. Gegen die französische Tendenz erheben sich verschiedene Widerstände. Die Zielstrebigkeit des nationalen Willens in Deutsch­land formt sich zwar langsam, aber sie beginnt, sich zu formen. Durch den Wegfall der deutschen Tribute und durch die Wirkungen der Weltkrise, die endlich auch Frankreich ergriffen hat, fängt es an, den Franzosen am (Selbe zu fehlen, um die von ihnen gegen Deutschland geschaffenen osteuropäischen Zweckstaaten militärisch-finanziell zu subventionie­ren. Gegen die nur nach antideutschen politischen Gesichtspunkten vorgenommene staatliche Umbil­dung Ost-Mitteleuropas hauptsächlich des Do- nanraums revoltieren nicht nur die natürlichen, wirtschaftsgeographischen und produktionstechnischen Bindungen, sondern auch die vergebens ignorierten kulturellen Scheidelinien. Richt umsonst hat man so­eben von England aus den Serben zugerusen, sie sollten, wenn sie den jugoslawischen Staat nicht zer­brechen wollten, die serbische Diktatur über bie alten österreich-ungarischen Reichsteile durch eine Föde­ration-Verfassung ersetzen.

Das alles arbeitet gegen Frankreich. Auch die italienische Politik, ja sogar die englische, so­weit sie europäisch ist. finden ihre beherrschende Orientierung an der Ausgabe, sich der durch die Fciedensdiktate geschaffenen französischen lieber« macht zu erwehren. England wie Italien sehen sich letzten Endes beide daraus hingedrängt, wie­der für bie Herstellung eines kontinental-europä­ischen Gleichgewichts zu arbeiten.

Wir erwähnen auch noch den zweiten großen Komplex in Europa: Rußland aber wir möchten es nur insoweit tun, als wir feststellen müssen, daß sich das rote Rußland von seinem eigentlichen Ziel, Herbeiführung der Weltrevo­lution, immer mehr abgedrängt sieht. Die näher­liegende Ausgabe, neben der Durchführung der großen Offenslvidee, des Fünfjahresplans, auch das Volk vor dem Verhungern zu bewahren, ab­sorbiert die Kräfte der Sotojetregierung heute schon so stark, daß die russische Außenpolitik zur Zeit nur noch als eine Frage von mehr oder weniger geschickten Gesten zu bewerten ist.

Und endlich die Welt. Alles, was sich an über­seeischen, weltpolitischen Vorgängen vollzieht, was dort auseinander und zurück auf Europa wirkt, läßt sich auf drei dynamische Wurzeln zurücksühren. Die erste liegt darin begriffen, daß Englands Suprematie zur See der Vergangen­heit angehört. Die Vereinigten Staa- t e n stehen als gleichstarke Seemacht neben Eng­land, und erst das gibt ihnen die Stärke, auf Grund ihrer wirtschaftlichen Bedürfnisse und ^iele große internationale Politik, Weltpolitik zu treiben.'Von Zeit zu Zeit behaupten sie, sie täten es nicht, aber ste tun es, müssen es tun, schon weil sie der große Weltgläubiger sind.

Die zweite Wurzel liegt in EnglandsRin- gen um den Zusammenhalt seines Imperiums. Dieser ist von zwei Seiten her gefährdet: dadurch, daß die englischen Tochtcr- völker jenseits des Meeres sich weigern, ihre

Premiere desFliegenden Hamburgers".

Oer neue Verlm-Hamburoer Gchnelliriebwagen der Veichsbahn wird der Presse vorgeführt.

Hamburg, 30. Dez. (TU.) Nach den bisherigen bekannten Probefahrten des BerlinHamburger Schnelltriebwagens und nachdem am gestrigen Donnerstag Generaldirektor Dorpmüller einige führende Persönlichkeiten aus der Politik und Wirtschaft zu einer Besichtigungsfahrt eingeladen hatte, fand am heutigen Freitag gewissermaßen d i e Uraufführung für bie Presse statt Der Wagen verließ wie am Vortage um 10.32 Uhr den Lehrter Bahnhof. Außer zahlreichen geladenen Vertretern der Presse nahmen Verwaltungsbeamte der Reichsbahn an der Fahrt teil. Bis Spandau darf eine gewisse Höchstgeschwindigkeit nicht über­schritten werden, bann aber mürben 150 Stun - benfilometer bis Wittenberge durch gehalten. Hier mußte bie Fahrt wegen einer starken Kurve vorübergehend auf 60 Kilometer herabgesetzt werben. Die Geschwindigkeit bis Friedrichsruh betrug bann töieber 150 Kilometer, während der Rest ber Strecke mit etwa 100 Stun- benfilometer zurückgelegt mürbe. Eine kleine Unter­brechung bilbete ein Halt auf freier Strecke, ber burch bas Inkrafttreten ber Sicher­heitsvorrichtungen infolge einer Undichtig- keit in ber Bremsvorrichtung hervorgerufen mürbe. Der Schaben mürbe schnell behoben Der Vorfall zeigte, baß die Sicherheitsvorrichtungen des Wa­gens gut funktionieren Dabei rnirkte die Bremse so sanft mie beim normalen Halten des Zuges. Es fährt sich auch bei Höchstgeschwindigkeit bes Triebmagens nicht anbers als im r D = Zug. Nur die kaum hörbaren Schläge roenn bie Schienennähte überfahren merben, folgen schneller. Bei runb 40 Meter Sekundengeschminbigkeit kom­men fast brei solcher Schläge auf bie Sekunde, und man gemöhnt sich so schnell daran, daß man ein vorübergehendes Herabgleiten ber Geschwinbigkeit sofort bemerkt.

Der Triebwagen velteht aus zwei Ein­heiten, die vorn und hinten auf je einem zweiachsgen Enddrehgestell ruhen und die in der Mitte in sinnreicher Weise auf einem gemeinschaftlichen Mittelgestell zusammengefaßt und gelagert sind. Die Enddrehqestelle tragen außerdem die zwei lausenden Dieselmotoren H2 Zylinder Maybach mit je 410 PS) und die Generatoren, in denen die erzeugte Kraft in elektr sche umgewandelt wird. Der Antrieb fitzt in den Achsen des mittleren Drehgestells in Ge­stalt von Elektromotoren. Irgendeiner Wartung bedürfen die Motoren während der Fahrt nicht. Durch Regelung der Umdrehung der Dieselmotoren durch einfache Hebel im Führer st and wird die Leistung der Elektromotoren und damit die Geschwindigkeit des Wagens geregelt. Ein selbsttätiges Bremsen des Zuges setzt ein, wenn der Wagenführer plötzlich aus irgendeinem Grunde ausfällt, sowie beim Tleberfahren eines Halte­signals.

Der Schnelltriebwagen lief mit einigen Minu­ten Verspätung um 12.53 Uhr im Hamburger Hauptbahnhof ein. Nachdem die Pressevertreter den Wagen wieder verlassen hatten, setzte dieser seine Fahrt nach Altona fort, von wo um 14.35 Ähr die Rückfahrt nach Berlin an­getreten wurde.

Worum 150 Kilometer?

Dorpmüller erläutert die technischen Zweck­mäßigkeiten des Wagens.

Im Vortragssaal des Lehrter Hauptbahnhoses begrüßte der Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn, Dr. Dorpmüller, die Teilneh­mer an dem Hamburger Ausflug und ging auf

einige Fragen ein, die man an ihn gerichtet hatte. Man hat mich gefragt, warum man nur mit einer Geschwindigkeit von 150 Kilo­metern zu fahren gedenke, da man doch schon zu Anfang des Jahrhunderts 203 Kilometer er­reicht und erst vor wenigen Monaten mit dem Propellerwagen 230 Kilometer erzielt habe. Wenn wir den Schnelltriebwagen mit 150 Kilometer fah­ren lassen, so gefchieht es deshalb, weil wir ihn so noch einfügen können in die be­stehende gewöhnliche Zugfolge. Dann hat man gefragt, warum man nicht d i e b e r e i t s vorhandenenerprobt en Wagen benutzt, sondern neue von der Wumag (Waggon- und Ma­schinenbau AG.) hat bauen lassen. Bekanntlich muß die Hauptkraft der Maybach-Diesel-Motoren

dazu verwendet werden, um den ungeheuren Luftwiderstand zu überwinden. Man hat deshalb alles, was diesen Widerstand noch er­höhen könnte, an dem Aeußeren des Wa - gens weggelassen. So hat man z. B. glatte Dächer geschaffen, alle Kanten und Vorsprünge vermieden Vielleicht wird die Reiselust gesteigert, wenn wir nur je einen Wagen, der übri­gens 102 Sitzplätze hat, und in kurzen Ab­ständen, also öfters, fahren lassen. Die An­sicht, daß die Tage der Dampflokomo­tive gezählt seien, dürfte sehr irrig fein. Als die Elektrizität kam, glaubte man auch, daß das Ende des Gases gekommen sei. Aber heute noch erstrahlen die Hauptstraßen Berlins im Scheine des Gasglühlichts.

3 Brennstoff-

Schürze

Kupplungen

, Fahrmotor Zahnrad- Übersetzung

Auspuff- Führerstand

Triebdrehgestell

Starkstromleitung f.d. Fahrmotor

Schematischer Querschnitt durch den Führerstand und die Maschinenanlage des Schnelltriebwagens, der künftig auf der Strecke BerlinHamburg den PD-Zug ersetzen soll. Der Antrieb erfolgt durch zwei 410-P8-Dieselmotoren

Erste Innenaufnahme des 42 Meter langen Schnelltriebwagens, der 102 Passagiere befördern kann.

kräftige wirtschaftliche Eigenentwicklung den Be­dürfnissen des Mutterlandes anzupassen, und dadurch, daß von den überseeischen Untertanen- ländern das größte und wichtigste, Indien, sich mit wachsenden Kräften um feine Befreiung von englischer Herrschaft und englischer Ausbeutung müht.

Damit berühren wir auch die dritte Hauptwur­zel weltpolitischen Geschehens in der Ferne: die immer schärfer hervortretenden Folgen der Durch­dringung der großen asiatischen Völker mit den Einwirkungen des geistigen, politischen und wirtschaftlichen Verkehrs mit dem Abendlande. Ein Beispiel dafür war uns schon Indien: ein weiteres ist Japan, das sich ausdehnen will wie die wachsende Wurzel im Fels; ein wei­teres ist China, das die Waffe des Wirtschafts­boykotts in großem Stile wirksam gemacht hat; ein weiteres endlich ist die Türkei, die durch den Rückzug nach Angora unangreifbar geworden ist. Don diesen asiatischen Rationen, die man noch vor gar nicht langer Zeit als krank, als verzopft, als anbetend vor der Ueberlegenheit des weißen Mannes charakterisierte, werden in Zukunft immer stärkere weltpolitische Wirkungen ausgehen.

Die Ausweisung des Kaplans Gutes. Treukundgebungen in Eupen.

Aachen, 30. Dez. (TU.) Kaplan Gilles hat in Aachen bereits den deutschen Behörden berichtet. Immer mehr wird klar, daß der reichsdeutjche Kaplan ausgewiesen wurde, da er be­

stimmten belgischen Kreisen als Vorsitzender des Jünglingsvereins, als Lehrer an der Landwirt- schoftsschule und an der Oberklasse der Volksschule höchst unbequem war, obwohl sich Gilles jeder politischen Betätigung enthal­ten hat. Gilles hat auch niemals an einer politischen Veranstaltung teilgenom - men oder beim Unterricht irgendwie das politische Gebiet gestreift. Vor einiger Zeit schon ist, wie jetzt bekannt wird, dem Bischof von Lüttich von der Surete ein Schreiben zugegangen, das sich mit der Tätigkeit des Kaplans befaßt. Unter anderem soll in dem Schreiben schon angedeutet gewesen sein, daß Gilles, der 1925 aus seine Stelle berufen wurde, genügend Gelegenheit gehabt habe, um die Verleihung der belgischen Staatsange­hörigkeit einzukommen.

Obwohl sich die Kunde von der Ausweisung des Kaplans Gilles in Eupen wie ein Lauffeuer ver­breitet hatte, fanden sich doch noch am Donnerstag­abend zu der angekündigten Ehrung für den schei­denden Geistlichen mehrere Hundert Eupe­ner, die von den neuen Tatsachen anscheinend noch nichts erfahren hatten, vor dem Wohnhause des Kaplans ein. Die Kundgeber brachen in laute Hochrufe auf Kaplan Gilles aus, bis plötzlich eine Anzahl Gendarmen erschienen, die die Leute zum Auseinandergehen aufforderten. Als dies nicht geschah, machten die Beamten von ihren Gummiknüppeln Gebrauch, wo­bei es natürlich zu heftigen Gegenkundgebungen kam. Verletzte hat es nicht gegeben. In Eupen herrscht angesichts des ganzen Vorfalles unter der Heimattreuen Bevölkerung eine Erregung, mie sie bisher noch nicht beobachtet wurde. Namentlich die noch vor Ablauf des Ausweisungsbefehls voll­

zogene Abschiebung des Kaplans hat große Empörung ausgelöst.

Handelskrieg mit Argentinien Bon der deutschen Meistbegünstigungsliste gestrichen.

Berlin, 30. Dez. (TU.) lieber Wirtschaftsver­handlungen mit Argentinien wird von unterrichte­ter Seite mitgeteUt, daß Argentinien seit einiger Zeit den Versuch gemacht habe, unter Heranziehung einer anderen Bestimmung des Handelsvertrages die Verpflichtung zur Meistbegünsti- gung gegenüber Deutschland zu be- streiten. Es könne jedoch angesichts des klaren Worllautes des Handelsvertrages kein rechtlicher Zweifel bestehen, daß der betreffende Artikel- s i ch nicht a u f 3 ö 11 e und Abgaben, sondern auf die Rechtsverhältnisse, insbesondere die staatlichen Rechte der beiderseitigen Staatsangehöri­gen im Handelsverkehr bezieht. Der beste Beweis dafür sei, daß Argentinien 70 Jahre lang den Handelsvertrag in d e m g l e i ch e n Sinne aus­gelegt und angewandt habe, wie er von Deutschland auch jetzt noch ausgelegt werde.

Seit dem 15. Rovember 1932 hat Argentinien aber in einem Handelsvertrag mit Chile diesem Lande eine Reihe von Zollermähigungen zugestanden und diese nicht nur sofort in Kraft gefetzt, sondern sie auch gleichzeitig auf Eng­land, Frankreich und Italien auf Grund der Meistbegünstigung übertragen, dagegen fic Deutschland, das sie gleichfalls auf Grund der Meistbegünstigung für sich in Anspruch nimmt, verweigert. Wahrscheinlich steht diese