Samstag, 3t. Dezember (932
langt, so lange noch sehr schmackhafte Vorrat« deutscher Erzeugnisse des Absatzes harren. Möge es doch von allen Kreisen der Tevölkerung verstanden werden, dah der jetzt geforderte Schutz der landwirtschaftlichen Erzeugung nicht der Erhaltung eines einzelnen Berufsstandes als solchem, sondern dah unsere Sorge der Landwirtschaft als der Grundlage von Staat und Volk gilt. Dies ist unser Wunsch für die Landwirtschaft zur Jahreswende!
Nr. 308 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Die deiissche Landwirtschaft an der Jahreswende.
Don Or. George Eessous, o. ö. Professor an der Landesuniversität Gießen, Direktor des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung.
Ter im Vorjahr an dieser Stelle ausgesprochene Gedanke, dah Vauernnot zugleich auch Volksnot bedeutet, scheint allmählich Gemeingut weiterer Kreise unserer Bevölkerung zu werden. Jedoch gilt es. bei gewissen Stellen immer noch Widerstände zu überwinden, die bisher verhinderten, dah die entsprechenden Folgerungen aus dieser Erkenntnis in notwendiger und umfassender Weise gezogen werden. Man scheut sich, den Erzeugnissen der hei- mischen Scholle den Schutz angedeihen zu lassen, den industrielle Produkte längst g e n i e h e n, d. h. dem Bauern den Preis und Lohn für seine Arbeit zukommen zu lassen, der ihm Verbleiben auf Grund und Boden ermöglicht. Roch befindet er sich zwischen der klaffenden Preisschere, noch immer muh er für Betriebsmittel, die er von den übrigen Berufsständen braucht, mehr bezahlen, als diese ihm für seine Erzeugnisse geben.
Es würde den Untergang des deutschen Bauerntums und damit auch Teutschlands bedeuten, wollte man der in der Vorkriegszeit vielfach geltenden Anschauung Folge geben und die für unser Volk notwendigen Vahrungsmittel von dorther beziehen, wo sie am billigsten erzeugt werden können. Tas würde nicht nur zum Verlust des landwirtschaftlichen Berufs st andes als Urquelle deutscher Volksgesundheit und Kultur führen, sondern auch erneute Abhängigkeit vom Ausland bedeuten, deren furchtbare Folgen wir aus der Kriegszeit immer noch in Erinnerung haben. Es muh doch wohl als unabänderlich betrachtet werden, dah wir in absehbarer Zeit nicht wieder einen Jndustrieexport in dem Umfang betreiben können wie in der Vorkriegszeit.
Wenn wir auf das abgelaufene Jahr zurückblicken, so müssen wir feststellen, dah die deutsche Landwirtschaft trotz gröhter Schwierigkeiten der an sie gerichteten Forderung, die Selbstversorgung Deutschlands mit den unter unseren klimatischen Verhältnissen erzeugbaren Rah- rungsmitteln zu betreiben, in hervorragender Weise nachgekommen ist. Sie hat sich den Bedürfnissen und Wünschen des deutschen Konsumenten bereits in einer Weise angepaht, wie man es kaum erwarten durfte. So hat die Umstellung vom Roggen- auf Weizenbau zusammen mit Mahn ahmen der Reichsregierung den erfreulichen Erfolg gehabt, dah wir zum erstenmal auch hinsichtlich des Weizens unabhängig vom Ausland geworden sind. Die deutsche Landwirtschaft, insbesondere auch die hessische, welche de e Umste lung cu'die m hr geforderten Erzeugnisse besonders betrieben hat. verdient daher alle Anerkennung. Auch auf dem Gebiet der Milchwirtschaft sind weitere bedeutende Fortschritte zu verzeichnen, sowohl hinsichtlich der Menge als auch der Güte. Während noch vor wenigen Jahren der durchschnittliche Milchertrag je Kuh und Jahr mit etwa 180u Liter angegeben wurde, beträgt et heute 2374 Liter. Die Zahl der Milchkühe hat seit 1929 den Stand der Vorkriegszeit überschritten.
Die deutsche Landwirtschaft hat nichts unversucht gelassen, um die gesamte Produktion zu steigern, damit die Volksernährung aus eigener Scholle sichergestellt werde. Indem sie auch dem allgemeinen Verlangen auf dem Gebiet derVerede - lungswirtschaft Höchstes zu leisten, bereit» willigst nachgekommen ist, muhte sie zur Erreichung dieses Zieles erhebliche Kredite auf- nehmen. Sie tat dies in der Voraussetzung, dah die vermehrten Aufwendungen zu entsprechenden Preisen und bei gesteigertem Absatz zur Au s w i r ku n g k o m m e n würden. Inwieweit haben sich nun diese Erwartungen erfüllt?
Anfänglich konnten zu befriedigenden Preisen die Erzeugnisse wie Milch, Butter, Eier, Schlachtvieh aller Art u. a. einen störungslosen Absatz finden. Heute aber ist der Markt dafür so gut wie nicht aufnahmefähig, und wenn dies der Fall ist, dann zu Preisen, die *■—^—^■^———^11
Der Waldbauernbub feiert Silvester.
Don Peter Rosegger.
Am Silvestertag, nachdem der Waldbauernbub das Vieh gefüttert und zum Brunnen geführt hatte, stand er grn auf der Anhöhe, die hinter dem Hause ist, und schaute das sterbende Jahr an.
Spät und mühsam war die Sonne aufgestiegen hinter dem Wechselgebirge, mit blassem Gesicht und tief herabhängendem Kopf kroch sie am Himmel dahin. Um zehn Uhr vormittags, als die Mutter das zweitemal Herdfeuer anblies, kam die Sonne an der kahlen, reifgrauen Esche vorbei, um Mittag war sie erst bei den Fichtenwipfeln, höher ging's nicht mehr, erschöpft sank sie dem Waldschachen zu und hinter diesem nieder. Der Schein auf den schneebedeckten Dachgiebeln verblaßte, die Wipfel der Fichtengruppe, die erst wie Rosen geglüht hatten, wurden schwarz und standen als finstere Zacken in den dämmernden Himmel hinein. Ueber die fernen Almen lagen die blassen Leichentücher und hinter ihnen dunkelte immer mehr die Nacht herauf, bis darin Sternlein zu glimmen begannen wie Ampeln an einer Bahre. Tagsüber waren von den Dachrändern Tropfen gefallen, zu hören wie das Ticken von Uhren: das war nun still geworden, und statt der Tropfen hingen Eiszapfen nieder, erdwärts wachsend. Auch der Hausbrunnen überzog sich mit einem Eismantel, so daß sein Plätschern verstummte.
Die Hühner hatten ihre Stangen gesucht und gackerten nicht mehr, die Rinder im Stall lagen auf ihrer frischen Streu und scharrten im Wider- fauen ihre Zähne. Der Vater aber ging leisen Schrittes mit einem Weihgefäß im Hofe herum, be- raucherte sein Hab und Gut: das Gebäude, den Brunnen, den Dunghaufen, die Vorräte und Werkzeuge, die Tiere und endlich auch die Menschen. Das war sein Segen, nun am Ende einer Zeit. Denn die Sonne eines Jahres war gestorben und versunken.
Trotz der feierlichen Stimmung, die über uns gekommen, wollte doch einer öfter der andere witzig sein. „Jetzt wird's lang finster bleiben, die Sonn' geht erst im nächsten Jahr wieder auf!" Und beim -nachtmahl Hieben wir mit den breiten Hornlöffeln üef in die Schüssel: „Brav Sterz essen heut; wir "'Egen erst im nächsten Jahr was zu essen!" ___
man Derlu st preise nennen muß. Man soll sich nur einmal in die Seele des Bauern hineinversetzen, wenn man ihm für ein gut gemästetes Rind von 600 Kilogramm 280 Mark bietet. Betrachten wir die Verhältnisse auf dem Milchmarkt, Schweinemarkt, in der Geflügelhaltung, auf dem Gemüsemarkt, wo wir auch Hinblicken, überall sehen wir d i e gleiche trostlose Lage, und die zutage tretende Mutlosigkeit der Landbevölkerung ist durchaus zu verstehen. Muß doch der Bauer täglich feststellen, daß trotz aller Hinweise noch immer entbehrliche Aus - l a nderzeugnisse über unsere Grenzen hereinströmen. Es ist deshalb unverständlich, daß gerade von denjenigen Interessengruppen, die vor ein paar Jahren der Landwirtschaft den Rat gegeben haben, dieVeredelungswirt- schäft mit allen Mitteln auszubauen, heute, wo es sich darum handelt, die selbstverständliche Folgerung hieraus zu ziehen, ein heftiger Kampf gegen alle geplanten Schutzmaßnahmen geführt wird.
Man begründet diese Einstellung damit, der deutsche Export würde geschädigt, und das Ausland drohe mit dem Boykott deutscher Waren. Wir sollten uns an unseren Rachbarn ein Beispiel nehmen, sie treffen ohne uns vorher zu fragen, jeweils die zum Schutze ihrer Wirtschaft erforderlichen Maßnahmen. Wir haben es nicht nötig, die Boykottdrohungen des Auslandes zu überschätzen. Die nordischen Staaten beispielsweise, sind durch die neueste Handelspolitik Englands ganz besonders auf Deutschland angewiesen. Holland hat an dem deutschen Durchfuhrhandel das allergrößte Interesse, füllen doch deutsche Waren den größten Teil des holländischen Schiffsraums aus. Einen Wirtschaftskampf mit diesen Landern brauchen wir nicht zu befürchten, denn sie werden sich kaum die Möglichkeit entgehen lassen, wenigstens noch in gewissem Umfang zu besseren Preisen als anderswohin auszu'ühren.
Die deutsche Landwirtschaft hat in sachlicher Weise versucht, die Berechtigung des Verlangens nach Einfuhrbeschränkung nachzuweisen. Man hat gegen diese Forderung Stellung genommen und einseitig die Belange von Industrie und Exporthandel in den Vordergrund gestellt, Binnenmarkt und Landwirtschaft dagegen zurückgesetzt. Zieht man die Gesamtzahl der mittelbar und unmittelbar für d i e deutsche Ausfuhr Tätigen in Betracht, so sind dies nur 13 v. H. der insgesamt beschäftigten Arbeitskräfte. Das Institut für Konjunkturforschung hat diesen Zahlen selbst die Bemerkung beigefügt, daß „die Bedeutung der Ausfuhr also vielfach überschätzt wird, weil man meistens nur die Ausfuhrquoten einzelner Industrien vor Augen sieht und dabei vergißt, daß große Teile der Wirtschaft überhaupt nicht exportieren". Nach diesen Feststellungen darf man wohl mit Recht darauf schließen, daß weniger der geschwundene Export als das Nachlassen der Kaufkraft auf dem Binnenmarkt die Zahl der Arbeitslosen so hat anschwellen lassen.
Es ist bedauerlich, daß es immer wieder zu scharfen Gegensätzen zwischen Industrie und Landwirtschaft kommt. Man vergißt dabei völlig, daß beide eng aufeinander angewies en sind und kein Zweig der Volkswirtschaft ohne den anderen auszukommen vermag. Die Landwirtschaft denkt gar nicht an eine völlige Löslösung vom Welthandel, sie will keine völlige Autarkie, sie weih, daß wir Rohstoffe vom Auslande notwendig haben. Sie verlangt nur, daß das, was unter unserer Sonne und auf unserem Boden zu wachsen vermag, i n e r ft e r Linie verbraucht wird und eine Einfuhr solcher Erzeugnisse nur in Frage kommen darf, wenn wir ihrer bedürfen, d. h. wenn wir selber nicht genug erzeugen. Man sollte sich endlich zu der amerikanischen Auffassung bekennen, dah es in der Volkswirtschaft nur eine Industrie gibt und- öeren wichtigster Teil die Landwirtschaft ist. In industriellen Kreisen sollte man doch endlich der Landwirtschaft den Schutz angedeihen lassen, den die Industrie schon seit langem genießt.
Und bann legten wir uns zu Bette. Die Neu- jahrsstunbe erwarten, bas war bei uns im Waldtaube nicht ber Brauch. Still und dunkel lag die Nacht über dem Gehöfte: der Schlaf der Gesunden, ber Schmerz ber Kranken, bie Träume und die Sorgen, das alles war wie in jeder Nacht.
Ich aber hatte in meinem Dachkammerbette weder Schlaf noch Schmerzen, weder Träume noch Sorgen — ich wachte und hielt die Ohren und Augen groß auf und wartete auf das kommende Jahr. Es war die Ruhe und die Dunkelheit wie jede Nacht und doch ganz anders — alles so geheimnisvoll heilig. Wenn draußen der Wind ging, ächzte immer ein wenig die Holzwand, heute ächzte sie auch, aber wie jemand, der im Sterben lag. Durch das Fenster herein schimmerte bläulich der Himmel, sichtbar- lich bewegte sich nichts in ihm, und doch schien es, als gehe etwas vor da oben. Ich dachte an die Mähr ber Ahne; in der Neujahrsnacht täten bie lieben Engerl Sterne scheuern, baß sie schön blank würben für's nächste Jahr.
Unten in ber Hausstube schlug heiser röchelnd die Wanduhr. Elf Schläge. Nun ist die letzte Stunde da. Ich Hub an zu denken an die Ereignisse des vergangenen Jahres. Zu Maria Lichtmeß hatte die Katze den Finken im Bauer getötet. Zu Ostern hatte mir der Fleischer, der ein Kalb holte, zwei Groschen Futtergeld geschenkt. Eine Woche vor Pfingsten hatte ich mein Taschenmesser mit ber Schildkröten- schale verloren. Am Peter- und Paulitage, ba war bie Geschichte mit ber Tabakspfeife unb bem kalten Angstschweiß. Zu Jakobi einen Zahn reißen lassen, hat fünf Groschen gekostet. Zu Michaeli ein Schaf verloren, von einem Jagbhund totgebissen worden. Drei Tage vor Allerheiligen beim Forellenfangen in den Bach gefallen, vom Fischpächter herausgezogen und geschöpft worden. Derlei waren so meine Erlebnisse jener Jahre. Es werden wohl noch wichtigere vorgekommen sein in mir und um mich, aber man sieht nur die oberflächlichsten: die ewigen, geheimen Mächte der Entwicklung, wirkende Wünsche und Leidenschaften, innere Schuld ober Seligkeit — diese große Schicksalsgewalten, die uns ms Jahr über geändert haben, so daß wir am Ende desselben nicht mehr der sind, der wir am Anfang gewesen — selten gedenken wir ihrer bei der Silvesterrückschau.
Die kleinen Ereignisse scheinen zu versinken mit dem scheidenden Jahr. In den letzten Minuten wächst die Spannung. Es ist, als ob man einem
Die Landwirtschaft wendet sich aber auch an den größten Derbraucherkreis landwirtschaftlicher Erzeugnisse, und das ist die deutscheHaus- f r a u. Würde die deutsche Hausfrau n u r d e u t - sche Erzeugnisse verlangen, und auch zu einer Zeit, wenn unser Klima und Boden sie hervorbringen, dann brauchten wir keine Kontingentierung und sonstigen Schutzmaßnahmen. Ist es in der heutigen Zeit nicht unverantwortlichen: Luxus, wenn man ausländisches Frischgemüse ver-
Wissenschaft unb Forschung an der Ähreswende.
Ein Gespräch mit Geheimrat Or. Max Planck, Präsidenten der Kaiser-Wilhelm- Gesellschast zur Förderung der Wissenschaften.
Skeptizismus breit urob über der Erkenntnis
der
der un-
Wandlung vom normativen, auf Gesetzesprinzipien ruhenden, zum individualisierenden Denken zu vollziehen. In einem kühnen Bild spricht man von der Seele des Elektrons, und vor kurzem sagte der Astronom Erwin Freundlich in einem Vortrag, auch bas Universum habe eine Geschichte. Geheimrat Planck ist dessen ungeachtet überzeugt, baß die ewigen Wahrheiten auch in Zukunft das Ziel und die Aufgabe der Wissenschaft sein werden. Auch die Wissenschaft sei, wie es Schrödinger kürzlich formuliert habe, durch das Milieu, d. h. durch die Persönlichkeit des Forschers bedingt. Das lasse sich zweifellos geschichtlich nachweisen. Ebenso sicher sei es aber auch, daß es Bestandteil« der Forschung gibt, die nicht vom Milieu abhängen, und das Bestreuen der Forschung müsse sein, gerade diese unveränderlichen Bestandteile herauszuschälen. Daß das möglich ist, zeige wiederum die Geschichte, denn unvergängliche Wahrheiten wie das Prinzip von der Erhaltung der Energie ober der Kausal- gesetze haben sich ja durch alle Wandlungen der Einzelforschung hindurch erhalten, „ich bin über- Zeugt davon, daß sie sich weiter erhalten werden."
Da Milieu und Persönlichkeit den äußeren Einflüssen der wirtschaftlich sozialen Elemente in erster Linie unterließen, biegt gerade hier natürlich die Frage nahe, wie weit heute durch die Wirtschaftskrise diese ewigen Ziele der Wissenschaft bedroht sind. „Die Geldknappheit macht sich, wie überall, auch in den Forschungsinstituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft fühlbar, und besonders der Sachetat ist bei fast allen Instituten auf ein Minimum eingeschränkt. Die Forschungsaufgaben auf kurze Sicht treten immer mehr in den Vordergrund, da die Wirtschaft darauf drängt, daß die Forschungsarbeiten produktiv sind. Das hat es mit sich gebracht, daß manche Institute sich förmlich um gestellt haben und Forschungsarbeiten mit rein wissenschaftlichen Zielen, die ja meist auf lange Sicht eingerichtet fein müßen, zurück g e st e l l t werden zugunsten praktischer Gegenwartsprobleme. Andererseits sind unsere Institute gezwungen, sich durch besondere Sparmaßnahmen zu helfen. Sie verlängern bie Serien, um Heizung, Gas unb Beleuchtung zu sparen. Alle Institute arbeiten mit halber Kraft.
Es kann nicht geleugnet werden, daß diese Wirt- schaftsnot der Wissenschaft heute schon zu einer Gefahr geworden ist. Der Gefahr nämlich, daß uns die finanziell zum Teil weit besser gestellten Auslandinstitute überflügeln. Wenn auch natürlich heute das Ausland — selbst Amerika — ebenso wie wir unter ber Wirtschaftskrise leidet, so sind dort immerhin Privat st iftungen aus früherer Zeit vorhanden, von einer Höhe, wie wir sie nie gekannt haben. Bei uns hat von jeher der Staat die Funktion der Privatinitiative gegenüber ber wissenschaftlichen Forschung ausüben müssen, unb heute fehlt uns bie Hilfe ber Pri - vatwirtscha ft. Das Interesse und die Jnitia- tioe des (Einzelnen, bie sind es, deren wir in Zeiten ber Not bedürfen." So bemüht sich zwar die deutsche Forschung, den Faden zu den ewigen Dingen der reinen Erkenntnis nicht abreißen zu lassen, aber dieser Faden ist sehr, sehr dünn geworden, eine Folge der schwierigen Lage ber Wissenschaft in der Krise. Staat unb Wirtschaft müssen sich immer wieder die Folgen vor Augen halten, die ein weiteres Abschnüren ber finanziellen Grundlagen für die Forschung unb damit wieder für Wirtschaft und Kultur des deutschen Volkes fraben müßte.
eine große Kugel ist unb die Sonne nach ihrem Untergang allemal unten durchläuft, um vorne wie- der aufgehen zu können. Der alte Schulmeister sprach noch von viel ungeheuerlicheren Dingen — aber wer glaubt's!
Daß aber am Neujahrstag dieselbe Sonne Mieder aufging, die am Silvestertage untergegangen war, das wollte dem Buben nicht einleuchten, ober vielmehr, er mochte sich's nicht einleuchten lassen, weil er für’s nächste Jahr durchaus eine neue Sonne haben wollte. Er dachte sich die Welt überhaupt nie, wie sie war, sie war, wie e r sie dachte. Damit war er stets Herr der Situation unb ließ er denn am Neujahrsmorgen eine junge Sonne aufgehen, an die er alle Hoffnung unb Liebe hängte, wie man sie an ein gesundes Kind zu hängen pflegt.
Wo zitternde Liebe unb bange Hoffnung mit» spielt, da wird alles« deutsam. Der Mensch schaut aus, horcht aus nach Zeichen. Das Knistern der Kohlen im Ofen, das Miauen der Katze, die Formen des gegossenen Bleies, das erste Begegnen am Neujahrsmorgen, alles spricht von der Zukunft — wer's verstünde! Da ist der Mensch geneigt, das verhüllte Schicksal zu bestechen mit Wohltaten. An solchen Tagen steigt kein Armer vergeblich über die Schwelle. Also kommen die Neujahrswiinscher und Christkindlbeter, armer Leute Kinder, die vor den Haustüren ihre Sprüche aufsagen und dafür kleine
* Gaben einsacken.
Beim Festgottesdienst in der Kirche sieht man selten so andächtig beten als am Neujahrstage. Die armen Menschen, sie zittern vor der Zeit. Wenn heute ein Sarg oorübergetragen wird am Fenster, so wendet man sich rasch ab unb will nichts gesehen haben. Wenn uns ein munteres Knäblein begegnet, so nehmen wir's gar freundlich am Händchen. Das Schicksal wollen wir uns zum Freunde machen, denn wir bangen.
Aber bange fein sollten wir nicht, wir sollten freudig sein. Der Herr der Zeiten hebt die Sonne höher von Tag zu Tag und läßt sie hinfliegen über Winter und Sommer, über Wiege unb Sarg. Das irbische Jahr mit all feinem Wandel, nichts bedeutet es vor Gottes Ewigkeit, der nur eines gewachsen ist, nur eines standhält: die unsterbliche Seele des Menschen.
wandte sich mit scharfen Worten gegen den in unseren Tagen blühenden Erdstrahlenunfug. Es sei unerhört, daß mit diesem Schwindel die Unwissenheit unb oft sogar die wirtschaftliche Not des Volkes ausgenutzt werde:
Zu den Erscheinungen der angeblichen Wissenschaftskrise werden immer wieder bie neuen Theorien und Methoden ber naturwissenschaftlichen Forschung gerechnet. Das Kausalitäts- Prinzip gilt als erschüttert: aus den Erkenntnissen der Relativitätstheorie wird eine Relativität allen Wissens abgeleitet. Insbesondere scheint sich eine Sterbenden zusähe bei seinen letzten Atemzügen. Man wünscht, daß es zu Ende wäre und will ihn doch nicht scheiden lassen. Noch ein Atemzug unb noch einer. Nun schlägt die Uhr. Es ist aus —
Es geht an! Hat's nicht einen Schnalzer gemacht irgendwo im Himmel? Oder geht die Uhr vor oder nach, daß man den Sprung über den Abgrund nicht gewahr wurde?
Ich dachte: In Gottes Namen, jetzt ist das neue Jahr! Unb legte mich auf's andere Ohr. Nun schlafen! Die ersten Stunden des neuen Jahres gehören dem Traume. Vielleicht kann er weissagen. Verlangend unb bangenb starren wir vor uns hin in solchen Stunden, aber mächtig unb geheimnisvoll ist die neue Straße, auf die wir mit ober gegen unseren Willen geworfen wurden.
In einer Neujahrsnacht sah der Waldbauernbub ein Märchen. Es war ein seltsames, freudvolles, leidvolles, ehrenreiches, dornenreiches, köstliches Leben — es war meine Zukunft. Als ich mitten heraus erwachte, hatte ich die ruhige Ueberzeugung, daß es wirklich so kommen würde. Die Knabenseele war zu romantisch veranlagt, als daß sie sich darüber besonders aufgeregt hätte.
Nun, und wie war dann der Neujahrsmorgen? Die Fensterscheiben hatten geradeso ihre silbernen Gärten wie an anderen Wintertagen, die Sonne ging gerade so trübrot unb träge auf, sie kroch ge- rabefo kraftlos über die kahle Esche hin, kam geradeso spät zu den Fichtenwipfeln unb ging ebenso schläfrig unb zeitig zu Bette. Unb doch, dem einfältigen Knaben war es eine andere Sonne. Gestern konnte sie nicht empor, weil sie eine alte Frau war, heute kann sie nicht, weil sie noch ein schwaches Kind ist.
Die Sonne hatte dem Buben überhaupt schon Gedanken gemacht. „Vater, wie ift denn das, daß alle Tage eine Sonne aufgeht üoer dem Wechsel- gebirg?" Unb der Vater: „Das ist Allmacht Gottes." „Muß der liebe Gott aber viele Sonnen haben!" Denn es war nicht denkbar, daß dieselbe Sonne, die heute vorne auf- unb hinten hinabgeht, morgen roieber vorne ausgehen könne. Man sah sie ja nicht umkehren; unb selbst wenn sie währenb der Nacht hinter den Bergen zurückschlich bis zum Wechselgebirge, mußte sie der Schein verraten, wenn sie nicht etwa eine Lederkapuze aufhat wie der Nachtwächter. So schalkhaft hatte der Waldbauernbub gedacht, bis ec in Erfahrung brachte, daß die Erde
Bei einer Krankheit pflegt der Eintritt ber Krise meist der Uebergang zur Gesundung zu fein. Sie Krise, von ber unser wirtschaftliches und geistiges Leben gegenwärtig betroffen ift, scheint uns jedoch bie Kran >heit selbst zu sein. Ein gefährlicher Irrtum, ber dazu verführt, über ben Symptomen b i e Ursachen zu übersehen. Darum geht auch das meiste, was über die Krise ber Wirtschaft, die Krise der Wissenschaft oder die Krise der Kunst gesagt wird, an den eigentlichen Problemen vorbei. Wir wissen nicht einmal genau, was wir unter Krise verstehen wollen. Der eine erschrickt vor dem Sturz überkommener Weltanschauung, der andere sieht die Revolution im Zerbrechen von Kunstformen, der dritte empfindet- nur die wirtschaftliche Not, und alle sprechen von „d e r" Krise. Wohin man sich wendet, scheint Unsicherheit, Verwirrung, Richtungs- losigkeit zu herrschen. Selbst ber Wissenschaft, der Hüterin ewiger Gesetze unb ewiger Weisheiten, sagt man nach, sie sei ber Krise verfallen. Freilich benkt die Wissenschaft selbst darüber ein wenig anbers. Sie weiß, baß es der ewigen Weisheiten nur wenige gibt und wenn Wandlung der Forschungsmethoden unb Umsturz überholter Erkenntnisse Krise heißen soll, bann ist die Geschichte der Wissenschaften eine Geschichte ber Krise.
Es ist beruhigend unb befreiend, einen Mann der deutschen Forschung, ber länger als ein Menschenalter bie Entwicklung seiner Wissenschaft entscheidend mitbestimmt hat, über seine Auffassung ber heutigen Situation zu hören. Geheimrat Planck, ber berühmte Physiker, sieht Gefahren nur außerhalb der Forschung. Weg unb Ziel der Wissenschaft haben sich nicht geändert. — Das, was man so oft /rSrife der Wissenschaft" nennt, hält Planck für etwas anderes: „Man hat in ber nunmehr vergangenen Epoche zu viel von ber Wissenschaft verlangt. Man wollte sie — es sei nur an die Bestrebungen des Monismus erinnert — an die Stelle der Religion setzen. Man bemühte sich, alle seelischen Dinge aus körperlichen herzuleiten. Aber die Wissenschaft befriedigt nicht ben sittlichen Willen: sie allein kann nicht Weltanschauung fein. Mit dieser Erkenntnis hat die Wissenschaft viel von ihrem Nimbus verloren. Weil sie nicht alles geben konnte, was man von ihr erwartete, macht sich nun überall
Grenzen unseres Wissens vergißt man oft die geheuten Erfolge, die ber Forschung gerade in den letzten Jahrzehnten beschieden gewesen sind. Die großen Leistungen der chemischen Industrie, Technik, Rundfunk, Fernsehen, alles das sind ja sichtbare Leistungen der Wissenschaft."
Es liegt nabe, auch den Aberglauben unserer Zeit, ber bei Astrologen, Hellsehern, Handlesern und religiösen Seiten reichliche Nahrung findet, aus ähnlichen Ursachen abzuleiten: Aus einem Verzweifeln an der Wissenschaft. Planck sieht aber noch eine andere Ursache in mangelnder Gründlichkeit ber Bildung. Geheim rat Planck


