Ausgabe 
29.11.1932 Frühausgabe
 
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Aus -er Provinzialhaupista-t.

Weihnachtsbitte.

Der Direktar der Nieder-Rom st ädt er An> statten für Epileptische, Schwachsin­nige und Krüppel, Pfarrer Schneider, bittet uns um die Aufnahme folgender feilen:

Im vergangenen Jahre haben uns so viele freund­liche, opferwillige Hände geholfen, unseren Kranken eine Weihnachtsfreude zu bereiten, daß unsere vor­zeitige Sorge recht beschämt worden ist. Es drängt uns, auch auf diesem Wege dafür noch einmal recht herzlich zu danken. Inzwischen sind die wirtschaft- Uchen Nöte gewachsen, dazu ist unser« Aufgabe großer geworden, weil 60 Pflegebefohlene mehr an unserem Weihnachtstisch sitzen werden. Unsere Er­fahrung aber gibt uns die Freudigkeit von neuem zu bitten:

helfen Sie uns wieder den Weihnachtstisch decken für die hessischen Fallsüchtigen und fuüp- pel und alle anderen Pfleglinge der Nieder-

Ramstädter Anstalten!

Helfen Sie mit trotz aller eigenen Sorgen daß die helle Sonne der Weihnachtsbotschaft, der Weih­nachtsfreude und der Weihnachtsliebe hell hinein­scheine in das Leben von 400 Menschen, das von schwerem ßeib verdunkelt und oft so einsam ist. Der- gessrn wir nicht über den gewaltigen Notständen, die auf uns und unserer Zeit lasten, den Jammer, der in der Stille hinter Anstaltsmauern sein Dasein fristet, und nicht über den neuen Nöten unserer mo­dernen Zeit das alte Krankheitselend, das immer da war und immer auf die brüderliche Liebe ange­wiesen bleibt.

Für jede, auch die kleinste Gabe, sind wir dank­bar und bitten, sie auf unser Postscheckkonto (Frank­furt a. M., Nr. 4992, Nieoer-Ramstädter Anstalten) einzuzahlen oder zu Überweisen.

Sängerführer-Tagung in Gießen.

" 21m Samstagnachmittag waren die Gau vor» iitzenden der Sängerbünde Oberhes- e n s in Gießen zusammengekommen, wie auf dem Sängertag des Hessischen Sängerbundes in Bad- Nauheim beschlossen, um über eine Neueintei - lung der Gruppe Oberhessen irn Hes­sischen Sängerbund, sowie zu dem Antrag des BezirksSängerbund Hüttenberg-Schiffenberg auf Erhebung zum selbständigen Gau Stellung zu neymen. Die Tagung wurde von dem Provinzial­vorsitzenden Wendler (Bad-Nauheim) geleitet. Der Borsitzende des Hessischen Sängerbundes, Mi­nisterialrat Dr. S i e g e r t - Darmstadt, war an­wesend. Man beschloß, den Antrag des Bundes Hüttenberg-Schiffenberg beim Bundesvorstand zu befürworten. Jedoch wird dem Bunde zur Auslage gemacht, die zur Selbständigkeitserkläruna notwen­dige Zahl von Vereinen nachzuweisen. Zur' Gau­einteilung wurde beschlossen, die Gebiete der ein- zelnen Gaue genau zu begrenzen, doch soll ein ge­

wisser Spielraum in den Grenzgebieten gelassen uno Wünsche neu ^tretender Vereine, soweit dies sich mit den beschlossenen Richtlinien verein- baren läßt, berücksichtigt werden. Der Lahntal- Sängerbund, der gana besondere Verhältnisse auf- weist, soll als historisch gewordenes Ganges in sei­nem Bestände nicht angegriffen werdtn. Uebertritte von Vereinen in andere Gaue können nur mit Zu-

Haussammlung für die Winternothilfe!

Zur Versorgung der hilfsbedürftigen Familien unserer Stadt mit Lebensrnitteln und Bekleidungs­stücken aller Art braucht die Winternothilfe fort­laufend Geld. Die bisherigen dankenswerten Spenden haben schon manche Not lindern helfen, aber trotzdem bleibt noch sehr viel zu tun. Um wenigstens den dringendsten Erfordernissen ent­sprechen zu können, wird jetzt die

Geldsammlung bei allen Mitbürgern durchgeführt. Gebe jeder nach besten Kräften! Jede Spende wird mit Dank ange­nommen. Das Bewußtsein, dem hilfsbedürftigen Nächsten auch mit dieser Spende bcigeffantcn zu haben, wird allen freundlichen Gebern zur inneren Befriedigung werden.

Helstalle durch die Geldspende!

ftimmung des Bundesvorstandes nach Anhörung und Genehmigung der in Frage kommenden Gau- Vorstände erfolgen.

Zwei Gießener Neichswehrsoldaten schwer verunglückt.

3n der Nacht zum Montag ereignete sich auf der Straße H e r b o r n W e tz l a r in einer berüchtigten Kurve nahe dem Kreisorte Werdorf ein schweres Verkehrsunglück (bereits das dritte in diesem Jahre). Ein Motorradfahrer, der dort die Straße passierte, horte plötzlich ein Röcheln, dem er sofort nachging. Er fand im Graben zwei Reichswehrsoldaten bewußtlos in ihrem (Blute liegend auf. Daneben lag das zer­trümmerte Motorrad. (Bei den beiden Verun­glückten handelt es sich um Angehörige des hie-

Sängertagung im Lahntalsängerbund.

I Wetzlar, 27. Nov. Heute fand hier im Gast- HausZur Post" ein ordentlicher Sänger- tag des Lahntal-Sängerbundes (Gau im Hessischen und Deutschen Sängerbund) statt. Zu Beginn gedachte der 1. Vorsitzende Berufsschullehrer Gengnagel (Grünberg) des Altmeisters Goe­the, der in unserer Stadt einen Abschnitt seines Lebens verbrachte. Eine Ehrung der im letzten Jahr verstorbenen Sanger des Bundes schloß sich an; hier­mit verband man bös Gedenken an zwei Männer, die berufen waren, an hervorragender Stelle im Dienste des deutschen Liedes zu wirken: des Führers des Deutschen Sängerbundes, Geheimrat H ammer- schm i dl, und des ersten Bundescyormelsters des Hessischen Sängerbundes, Dito Naumann. Im Rahmen dieser Ehrung sang der Männergesangver- ein Wetzlar unter Leitung seines Dirigenten, Kapell- meisters Cuj6 (Wetzlar) die ChöreSanctus aus der Deutschen Messe" von Schubert undlieber allen Wipfeln ist Ruh" von Kuhlan auf einen Goe- theschen Tert.

Nachdem ber Vorsitzende des Männergesangvereins Wetzlar, Herr Rüdiger, die Sänger willkommen geheißen hatte, eröffnete der Bundesvorsitzenbe die Tagung. Er begrüßte vor allem die Gäste und drückte sein Bedauern darüber aus, daß der frühere Bundesoorsitzende Stroh krankheitshalber nicht anwesend sein kann. Herzlich begrüßte der Redner auch die Vertreter des Gesangvereins Frohsinn Bad-Nauheim, der Aufnahme in den Lahntalbund sucht, ferner die Veteranen, die Chormeister, die Vertreter der Presse. Seine Ausführungen gipfelten in dem Wunsche, in Einheit und Brüderlichkeit treue Arbeit zu leisten die Volk und Vaterland zugute kommt. Herr F u'n k (Wetzlar) begrüßte nach einem schwungvollen Rheinlied des MGV. in Versen die Sänger. Hierbei erfuhr man, daß der Bund nach einem jetzt aufgefundenen Dokument bereits 1845 bestand und hier sein erstes Bundesfest feierte.

Es folgte der Vortrag des neuen Sängerspruches Es ist das Lied ein Kamerad auf deutscher Männer Lebensfahrt", gedichtet von dem verstorbenen Vor­sitzenden Storch und komponiert vom früheren Bundesvorsitzenden Stroh. Folgende

Ehrungen

wurden alsdann vorgenommen: Für 40jährige Sängertätigkeit erhielten die Ehrennadel die Sänger Adolf Hofmann (Eintracht Hungen), Wilhelm Z ö r b (Frohsinn, Lang-Göns), Wilhelm Gadebusch (MGV. Braunfels).

Die Ehrennadel für 2 5 j ä h r i g e Vorstands- tätig keit des Hessischen Sängerbundes mit der InschriftFür Verl enfr erhielten: Wilhelm Zörb (Frohsinn, Lang Gons), Ludwig Schneider (Ein­tracht, Hungen), .August Hofmann (Eintracht, Hungen), Josef S t a u b a ch (Frohsinn, Gießen).

Die Ehrennadel des Lahntalsängerbundes für 2 5» jährige Sängertätig teit im Bunde wurden verliehen: Wilhelm Neuweiler (Harmo- nie-Gemütlichkeit, Gießen), Karl Kambei^, Fritz K ä ch 1 e r, Johann Dietrich (Rothscher Männer- chor Lich), Ludwig Schöne (Cäcilia Lich), Fried­rich Thomas (Orpheus, Butzbach), Emil Wolff (Cäcilia, Lich), Ernst Naumann (Liederkranz Dillenburg), Wilhelm N a p p (MGV. Wetzlar).

Der Jahresbericht

teilt u. a. mit, daß der Bund 22 Vereine mit über tausend Sänger zählt. Das 72. Vereinsjahr stand im Zeichen des Niedergangs der deutschen Wirtschaft, und demgemäß war auch das Vereinswesen erschüt­tert und bedroht. Nahezu 400 Sänger des Bundes find erwerbslos. Eine Bundesveranftaltung hat im abgelaufenen Jahr nicht ftattgefunben, die musika­lische Tätigkeit erstreckte sich auf die Arbeit inner-

Sialb der Vereine. Diele Sänger mußten es sich ver- agen, am Deutschen Sängerfest teilzunehmen. Trotz­dem waren sämtliche Bundesvereine, bis auf zwei oder drei, wenigstens mit einer Fahnenabordnung, oder mit einer Abordnung vertreten. Der Lahntal- [ängerbunb war der einzige Bund oder Gau von Oberhessen, der sich so geschlossen am Fest aber am Festzug beteiligt hat.

Am 17. April fand in Lollar ein außeror­dentlicher Bunbessänaertag statt, bei bem dieSängervereinigung Lollar" den musika­lischen Teil bestritt. Sitzungen des Vorstandes san­den statt; am 28. Februar in Gießen und am 13. No­vember in Braunfels. Vom Hessischen Sängerbund wurden im abgelaufeneW Jahre zwei Freichüre ge­liefert. Der Bundesoorsitzende legte im September o. I. sein Amt als Provinzialvorsitzender nieder. Die Zertrümmerungsoersuche, so führte er zum Schluffe des Berichtes aus, feien als zwecklos eingestellt. Der Lahntalfängerbund werde als trotzige Eiche, die schon sieden Jahrzehnte überdauert hat, bestehen bleiben.

Zu dem Gesuch des GV. Frohsinn Dab-Nauheim um Ausnahme in den Bund erklärte der Vorsitzende, daß die Schwierigkeiten, die bem entgegenftanben, nunmehr beseitigt seien unb bie Wiederaufnahme in ben Hessischen Sängerbunb balbigt zu erwarten sei.

Ein Antrag auf Aenberung des § 13 der Bunbes- fatzung wurde angenommen. Hiernach können von jetzt an Bundessänger nach 25- oder 50jähriger akti­ver Sängertätigtett, auch wenn sie früher Gesang­vereinen angehörten, die nicht im Bunde sind, mit der Bundesnadel ausgezeichnet werben.

Rechner Becker erstattete ben Kassenbe­richt, aus bem hervorging, baß ber Bunb über ein Vermögen von etwa 700 Mark verfügt. Nach der Prüfung der Rechnung wurde ihm und dem Vorstand Entlastung erteilt. Der Vorsitzende dankte dem Rechner für feine treue Arbeit.

Das Bunbessest soll 1933 in Marburg statlfinden (ba ber bortige Bunbesoerein im fommenben Jahre auf ein 70jähriges Bestehen zurückblicken kann), unb zwar in Form eines Ehrenfingens, an bem sich jeder Verein mit einem freigewählten Liede beteiligt, bas sich in ben von ber Dirigentenver- fammlung festgelegten RahmenDie Natur im deutschen Liede" einfügt. Als Zeitpunkt wurde An­fang Juni festgelegt. Die Teilnahme ist für alle Vereine verbindlich. Bundeschormeister K a st e n - Gießen bittet um gewissenhafte Einübung der Mas- senchöre. Vorproben unb Hauptprobe werben burch ihn ftattfinben.

Für bas Bunbessest 1 934 lag ein Antrag bes Bunbesvereins Grünberg vor, ber bas Fest wünscht, ba er in bem Jahre auf ein lOOjähriges Bestehen zurückblicken kann. Da in bemfelben Jahr auch das Bunbessest bes HSB. in Gießen geplant ist, soll burch ben Bunbesvertreter beim HSB. bar- auf hingewirkt werben, baß bieser fein Fest bis 1935 verschiebt, um bas Lahntalbunbesfest in Grün- berg nicht zu beeinträchtigen. Schon jetzt wirb ber erste ober zweite Sonntag im Juli für bas Fest in Grünberg vorgesehen.

Der Bundesvorsitzenbe machte noch einige Mittei­lungen über den Sängertag in Bad-Nauheim. In seinem Schlußwort dankte er allen Vertretern, be- sonders bem MGV. Wetzlar, ber anschließenb noch durch einige Liebervorträge erfreute.

Ein gemütliches Beisammensein, bei bem eine aus Sängern bestehenbe Kapelle konzertierte, be­schloß bie Tagung, bie ein schönes Bild von der inneren Geschlossenheit unb Verbundenheit bes Lahntalbunbes gab.

sigen Bataillons, unb zwar um zwei Schuhen der Malchinengeweh-kvm a üe. Der Lb:rschühe Puh- l e r, der bas Kraftrao führte, hatte einen O b c r- schenkel-, sowie einen Oberarmbruch unb eine Knieverletzung erlitten; der Beifahrer, Schütze Schultheiß erlitt dagegen einen Schädelbasisbruch und liegt noch zur Stunde bewußtlos. Das Befinden der bei­den Verunglückten ist sehr ernst. Wie das Un­glück zustande kam, konnte bisher nicht ermittelt werden, da die Soldaten noch nicht vernehmungs­fähig sind und (da sie transportunsäh.g find) noch in Ehringshausen liegen.

rvornoNzen.

Aus dem S t ad 11hea ter-Dureau wird uns geschrieben: Heute, 20 Llhr, 9. Diens­tags-Abonnementsvorstellung mit Djörnsons Schauspiel: .Lieber unsere Kraft" (Spielleitung

Wolfgang Kühne). Spieldauer von 20 bis 22 Llhr. Gewöhnliche Preise. Morgen in neuer Inszenierung zum erstenmal in dieser Spielzeit Franz Grillparzers Lustspiel: .Weh' dem, der lügt", 5 Aufzüge in 8 Bildern unter der Spiel­führung Karl H e y s e r s. 8. Vorstellung der Mittwoch»Abonnenten. Gewöhnliche Preise.

Der Straßenbahnverkehr Gießen Wieseck bis zur Gemarlungsgrenze wurde heute früh fahrplanmäßig ausgenommen. Gleichzeitig hat damit auch der Straßenbahnverkehr durch die Marktstraße und Bahnhofstraße zum Bahnhof wieder begonnen.

Aufgehobene Straßensperre, mit­geteilt vom Oberhessischen Automobil-Club E. V. (A. o. D.), Gießen: Die Sperre auf ber Provinzial- straße KaichenHelbenbergen sowie ber Strecke AlsfeldRomrob wirb ab 1. Dezember aufgehoben.

Oer Klassiker -er französischen Oper.

Zum 300. Geburtstage des Komponisten Jean Baptiste Lully.

Unter den Künstlererscheinungen, bie bas Zeit­alter besSonnenkönigs" Ludwig XIV. in Frank­reich aufzuweisen hat, steht neben ben großen Dich­tern, Architekten unb Malern ebenbürtig ein Mu­siker. Jean Bap11ste Lully, ber Schöpfer der französischen Oper. Dieser Klassiker ber franzö- fischen Musik, war ein geborener Italiener; er er­blickte am 29. November 1632 in Florenz das Licht ber Welt, unbber Florentiner" würbe ber merk­würdige Mann, der durch seine Brutalität, seinen Geiz unb sein lebhaftes Temperament am Hole so manchen Feinb fanb, auch später noch verächtlich genannt. Als er im Alter von 12 oder 13 Jahren von einem französischen Adligen mit nach Paris genommen wurde, da konnte er nur singen und etwas Gitarre spielen. In Paris wurde er bei Mademoiselle", der Tochter des Königs, Küchen­junge, unb hier entbeefte er ein neues Talent: er kratzte die Geige. Zufällig hörte ein Graf ben Küchenjungen spielen, wurde auf sein Talent auf­merksam unb ließ ihn studieren. Rasch schwang er sich zum ersten Geiger feiner Zeit auf, unb sein Spiel wurde geradezu sprichwörtlich, so daß Mme. be S 6 d i g n 6 in einem ihrer Briefe einen Vir­tuosen nicht mehr rühmen fanrr als daß sie von ihm sagt:Er spielt noch besser Geige als Baptiste".

Lully kam nun in bas königliche Orchester, erhielt bann die Oberaufsicht über bie Geigen des Herr- chers unb die Leitung einer neuen Kapelle. Aber ein Ehrgeiz ging weiter, unb durch die Macht seines Willens brachte er es schließlich zum Sekretär bes Königs^ zum Diktator in allen Fragen ber Musik unb zum schwerreichen Manne. Das Geheimnis, burch das ber kleine unb häßliche Mensch, ben man denKnicker", benVielfraß" unb einen öiberroäringen Burschen" nannte, soviel erreichte, lag in der Macht seiner Persönlichkeit. Er verband geniale Begabung mit ebenso großer Schlauheit und Rücksichtslosigkeit. Seine dämonische Leidenschaft wirkte sich ebenso aus in ber Fülle seiner musika­lischen Schöpfungen wie in ber Aufführung seiner Werke, in ber Behanblung des Künstlervolkes, bei ber er selbst vor gröbsten Tätlichkeiten nicht zurück- schreckte, wie in ber Zusammenraffung großer Reich­tümer. Als er starb, hinterließ er neben großen Golb- unb Süberschätzen ein Vermögen von etwa zwei Millionen Mark. Sein wildes Temperament verursachte auch seinen Tob. Beim Dirigieren eines Tedeum schlug er sich am Schluß mit dem Taktstock so heftig an ben Fuß, baß er ein Geschwür bekam, das brandig wurde. So starb er am 22. März 1687 im Alter von 54 Jahren.

Noch auf dem Totenbette soll er versucht hoben, zu mogeln. Denn es wirb erzählt, daß ber Beicht­vater ihm nur unter der Bedingung Absolution er­teilen wollte, daß er bie Hanbschrift seiner neuesten Oper ins Feuer werfe. Lully übergab bie Partitur gehorsam ben Flammen, als ihn dann aber einer ber Prinzen besuchte unb fragte, warum er seine herr­liche Musik vernichtet habe, da flüsterte ihm Lully

ins Ohr:Pst, gnädiger Herr! Ich wußte schon, was ich bat: ich habe noch eine Abschrift davon."

Die Oper, deren Schöpfung in Frankreich Lullys Großtat wurde, ist durch ihn zu einem Kunstwerk gestaltet worden, das sich von der von den Italienern begründeten Form durchaus unterschied. Wohl sehlte es ihm an der Fülle bes Wohllauts, mit der seine Landsleute das bunte Durcheinander ihrer Stoffe zu durchdringen wußten, aber er lieh dafür ber neuen Gattung bie Klarheit und Ordnung, die in bem Stile Lubwigs XIV. triumphierten. Er war so ganz zum Franzosen geworben, baß er zunächst bie von den Italienern erfundene Oper überhaupt ablehnte. Erst nachdem er in Qu i na ult einen kongenialen Textdichter gesunden hatte, wandte er sich der Opernkomposition zu und schrieb nun von 1672 bis zu seinem Tode jedes Jahr eine Oper. Dieser Arbeit widmete er drei Monate, wäh­rend er den übrigen Teil des Jahres auf das (Ein- studieren unb die szenische Ausgestaltung des Kunst- Werkes verwandte. Hatte er sich über das Textliche mit seinem Mitarbeiter geeinigt, bann setzte er sich ans Klavier unb sang Die Worte immer wieder, wobei er heftig schnupfte, so daß die Tasten ganz mit Tabak beschmutzt waren.

Als echtem Musiker dienten ihm alle Klänge ber Umwelt für feine Zwecke; so soll ihm ber Schritt seines Pferdes einmal ben Gedanken zu einem Geigenstück gegeben haben. In feiner Opernkunst wußte er die gegensätzlichsten Dinge zur Einheit zusammenzufügen. Das Rezitativ formte er ganz nach ber Deklamation des klassischen Dramenoerses, wie ihn Racine ausgebildet hatte. Die Einleitung b-Ubete eine mächtige Ouvertüre von symphonischer Form, bann folgte ein Prolog, in bem alle Hilfs­mittel bes Orchesters, der Stimmen unb Tänze ver­einigt waren. Im Innern der Oper herrschte ein wohl abgewogenes Gleichgewicht, unb der Schluß gipfelte in einer Apotheose von Chören unb großem Ballett. Auch die Einstudierung ber Tänze leitete Lully selbst, unb obwohl er selbst nie tanzen gelernt hatte, zeigte er sich doch auch darin als Meister.

Lulln ist kein großer, kein ungewöhnlicher Mu­siker, aber dennoch ein gewaltiger Künstler", hat Kretzschmar von ihm gesagt.Die Gaben, die die Renaissancezeit auch für ben Musiker in ben Vorbergrunb stellte: scharfe Beobachtung, einfache sichere Wiebergabe menschlicher Zustänbe und Cha­raktere, besitzt er in tjeroorragenbem Maße. Wo ihn bie Ballettpflichten nicht hemmen, ba kommt in seinen Opern ein echter Dramatiker zum Vorschein. Seine Erfinbung ist vielseitig, Scherz unb Zärtlich­keit finb ihm ebenso geläufig wie Schreck unb Ver­zweiflung. Im Dämonischen hat er sich für alle Zeiten ausgezeichnet." Seine Arien brangen in alle Klassen ber Gesellschaft, würben selbst in ber be- scheibensten Hütte-Lesungen, unb sein Werk hinter­ließ fast ein Jahrhunbert lang tiefe Spuren in ber Opernkunst bis zu Gluck.

Buntes Allerlei.

Aeuer englischer Text von HaydnsSchöpfung^.

DieSchöpfung" Haybns ist jetzt im Jahre seines 200. Geburtstages von bem philharmonischen Chor in Lonbon ausgeführt worben unb babei würbe eine neue Fassung bes Textes verwenbet, bie von Fox-Strangwoys unb Stuart Wilson geschaffen ist. Die bisherige Uebersetzung ber beutschen Worte hatte viele Mängel, und manche Sätze waren büret« ter Unsinn, ber überhaupt nicht zu verstehen war. Die Kritik rühmt bie neue Uebertragung, bie in ben meisten Fällen eine Verbesserung gegenüber ber alten darstellt, unb bie Schönheiten bes Werkes erst ins rechte Licht stellt.

Zu viele Briefmarken.

Markenhänbler unb Briefmarkensammler aus allen Teilen ber Welt haben bei ber Internationa­len Post-Union Einspruch erhoben gegen bie Aus­gabe zu vieler Erinnerungsbriefmarken, bie in ber letzten Zeit erfolgt ist. Da jede Sammlung von Wert eine gewisse Dollstänbigkeit haben muß, so wirb daburch ben Philatelisten für ihren Gelbbeutel zu viel zugemutet. Briefmarken finb für bie Re­gierungen eine wichtige Einnahme-Quelle, auch wenn man nicht ihren praktischen, fonbern ihren Sammelroert berücksichtigt. Es gibt Millionen von Briefmarkensammlern, deren Aufwendungen für europäische Marken allein auf eine Summe von 20 Millionen Mark jährlich geschätzt werden. Für bas nächste Jahr ist nun eine neue Ueberflutung mit Erinnerungsmarken zu erwarten. Die russische Regierung allein will neun solcher Serien aus- geben, barunter befinden sich Marken zum Anden­ken an die 15-Jahr-Feier ber Schöpfung ber Roten Armee, an ben 50. Tobestag von Karl Marx, an die Ermordung von 26 Kommunisten in Baku, an bie Gründung des Ordens der Roten Fahne usw. Italien ist ebenfalls fleißig in ber Ausgabe solcher Markenserien, so jetzt zur 10-Jahrfeier bes Mar- (dies nach Rom. ßettlanb beabsichtigt bie Ausgabe von Marken, bie bie Eroberung ber Luft oerherr- liehen. Die Vereinigten Staaten haben ebenfalls in letzter Zeit ben Gelbbeutel ber Sammler stark in Anspruch genommen.

Oer kühne Seefahrer.

Bei ber Ausbilbung junger Leute zu tüchtigen Seeoffizieren ereignen sich manche heiteren Zwi- fchenfälle. Auf einem beutschen Schulschiff, bas ge- rabe auf Auslanbsfahrt war unb sich im Pazifischen

Ozean befand, sollte ein Seekabett seine Navi­gationskenntnisse beweisen. Er würbe vor die Auf­gabe gestellt, den geographischen Standpunkt des Schiffes genau nach Längen- unb Breitengraben zu bestimmen. Der Kapitän ließ sich bie Berech­nungen bes jungen Mannes vorlegen unb rief ihn baraufhin zu sich.Junger Mann, nehmen Sie Ihre Mütze ab!", sagte er zu ihm mit feierlichem Ernst,wir befinben uns an heiliger Stätte ..." In ratloser Verwirrung tat ber Aspirant, was ihm geheißen war.Jawohl", sagte ber Kapitän,wenn Ihre Berechnungen genau stimmten, fahren wir jetzt gerabe burch ben Wiener Stephans- oom!"

Taucher-Kongreß.

Unter ben mertroürbigen Kongressen, bie alljähr­lich in Paris ftattfinben, befinbet sich auch bie Ver­sammlung ber Französischen Nationak-Liga zum Schutz ber Raucher, bie bieser Tage zum drittenmal tagte. Die Abgeordneten vertraten die 23 000 Mit­glieder dieses über das ganze Land verbreiteten Bundes. Natürlich wurde bei ben Verhandlungen tüchtig geraucht, und sogar derBeobachter", der von der Gesellschaft gegen ben Tabak-Mißbrauch gesandt worden war, rauchte. Das Programm wurde in wenigen Stunden erledigt, und unter den Resolutionen befand sich auch eine einstimmig an­genommene, bie bagegen Einspruch erhob, daß ber von ber französischen Regie verkaufte Pfeifentabak so trocken sei.

Ein tüchtiges Mädchen.

Die Bauern bes Dorfes Lisischitsch in Dalmatien haben eine beträchtliche Summe gesammelt, um damit bie 19iährige Anbia Surabi zu belohnen, weil sie den Ort von zwei gefährlichen Viehbieben befreit hat, bie bereits großen Schaden angerichtet hatten. Die Diebe brachen des Nachts in den Stall der Besitzung ein, die dem Vater des Mädchens gehörte, als bie Männer nicht zu Hause waren. Anbia aber, bie nicht nur sehr hübsch, fonbern auch sehr kräftig ist, griff bie Diebe energisch an. Wäh« renb einer durch ein Fenster enttarn, packte fie ben anbern uni hielt ihn To lange fest, bis ihre betagte Großmutter (!) zu Hilfe kam. Die beiden Frauen banden die Arme bes Mannes mit einem Strick fest auf ben Rücken unb Anbia stieß ihn bann vor sich her, bis zum Polizei-Revier. Der Dieb gestand ben Namen seines Helfers, ber kurz banach eben­falls verhaftet werben konnte. Die tüchtige Anbia ist feitbem bie Helbin bes Dorfes.