Ausgabe 
22.9.1932 Erstes Blatt
 
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Nr. 225 Erst« Blatt

182. Jahrgang

Donnerstag, 22. September 1952

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Gandhi hungert.

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verbotenl)

London. September 1932.

Ter Führer der indischen Freiheitsbewegung, Mahatma Gandhi, hat an M a c d o n a l d ein Telegramm geschickt, in dem er droht, er werde solange Hunger streiken, bis er st erbe, wenn Die englische Regierung nicht umgehend die Zuerteilung eines Sonderwahl­rechts an dieLI nberührbaren" wie­der aushebe, und zwar vom 2).September ab. Falls die Regierung ihn aus dem Gefäng­nis in Puna entlasse, wo sich Gandhi augenblick­lich befindet, so werde er diesen Streik auch ausserhalb sortsetzen. Macdonald hat daraufhin seinen Telegrammwechsel mit dem Hinduführer reröfsentlicht, aus dem hervorgcht, daß Gandhi, was man bisher nicht wusste, bereits im April die Drohung des Hungerstreiks bis zum Tode aus­gesprochen hat. als zum erstenmal das neue Wahl- recht drohte, und dah Macdonald in mehreren längeren Telegrammen ihn beschwor, von seinem Vorhaben abzustehen. Insofern ist dieser Schrift­wechsel nicht ohne eine gewisse Tragikomik, da in ihm immer wieder Redewendungen, wieflehe ich Sie an, ton Ihrem Dorhaben abzustehen" und bitte ich Euer Exzellenz mitteilen zu dürfen, dah ich meine Absicht auf Hungern bis zum Tode ver- wirklichen werde", Vorkommen, so dah man mei­nen könnte, es handele sich hier um den Schrift­wechsel zweier leicht verdrehter Individuen, wenn nicht hinter dem ganzen der ganze tragische Ernst Der Auseinandersetzung zwischen Ost und West stünde, und es dabei nicht um die Freiheit eines Millionenvolkes ginge.

Wohl noch keines der zahlreichen Ereignisse der letzten Jahre in dem Ringen um die neue indische Verfassung verdeutlicht Rudyard Kiplings Ost und West werden sich niemals verstehen" so deutlich wie dieser Vorgang, der zweifellos sehr bald eine tragische Zuspitzung erfahren wird. Denn es ist selbstverständlich, dah Macdonald seine Ent­scheidung über die Zuteilung der Sitze unter die verschiedenen religiösen Gruppen im künftigen in­dischen Parlament, die er auf die Bitten und unter Berücksichtigung der ihm vorgetragenen Wünsche vorgenommen hat nicht wieder zu­rücknehmen kann, ohne das ganze Werk zu gefährden, und dah er Gandhis Wunsch nicht erfüllen kann, ohne alle anderen Gruppen gegen sich zu wenden. Das englische Ansehen würde je­denfalls einen solchen Schlag erleiden, dah Mac­donald das kaum kann, während andererseits nicht daran zu zweifeln ist, dah Gandhi es ernst meint. Er muh es ja, wenn er nicht sein po­litisches Ansehen verlieren will. Was aber fein Tod für die indische Freiheitsbewegung bedeuten würde, das braucht wohl kaum besonders her- vorgehoben zu werden.

Lim zu verstehen, worum der Streit eigentlich geht, muh man wissen, wer denn die Lin be­rührbaren sind, denen Gandhi kein Sonder­wahlrecht zugestehen lassen möchte. Das sind an sechzig Millionen Menschen in Indien, die zu den Hindus rechnen, sich also zur Religion der Hindus bekennen, aber zu den untersten Kasten gehören, die dieser Glaube kennt. Sie sind aus der Ge­meinschaft der Hindus reiner Kasse so gut wie aus- ge st oh en. da ihre Berührung Speise und Trank verunreinigt". Auch das Betreten des Tempel- inneren ist ihnen untersagt, ja sie dürfen nicht einmal aus denselben Quellen ihr Wasser schöpfen wie ein Hindu reiner Kaste. Sie sind die niedrigste Klasse der Bevölkerung, leben in den Quartieren der grohen Städte gesondert für sich, kurz sind also trotz ihrer Zugehörigkeit zum Hinduismus ausgestoßen aus der Gemeinschaft und wur­den daher in früheren Jahrzehnten nicht nur nach allen Regeln der Kunst von den höheren Kasten unterdrückt, sondern auch verfolgt und ausgeplun- dert. Linker der englischen Herrschaft hat sich ihre Lage allerdings gebessert, zahlreicheLinbe- rührbare" sind zu Wohlstand und Ansehen gekom­men, haben studiert, werden aber trotzdem von per Masse der Hindus oberer Kaste wie der Aussatz gemieden. Ein Verhalten, das in diesem Zeitalter der Politisierung und Demokratisierung Indiens natürlich dazu beigetragen hat, die Gegensätze zu verschärfen, und schließlich den Linberührbaren Anlaß zu der Forderung zu geben, sie muhten ihre eigene politische Vertretung haben.

Diesen menschlich verständlichen und poutrsch zweifellos gerechtfertigten Wunsch hat aber Gan­dhi von jelfer bekämpft, und zwar aus zwei ganz verschiedenen Gründen. Einmal verbietet es ihm ja seine Religion, anzuerkennen, dah dieLinbe­rührbaren" etwa keine Hindus seien. Denn sie gehören ja nach den religiösen Anschauungen selbstverständlich zum Kastensystem, wenn fie auch zehnmal auf der untersten Stufe stehen. Sre herausnehmen toollen, heißt, dann hat Gandhi recht, das Kastensystem und damit einen der Hauptglaubenssätze der Hindureligwn leug­nen, beißt also auch, sich in die Angelegenheit des Glaubens mischen, worauf der Hindu am aller- empfindlichsten reagiert Gandhi muh also allem schon aus diesem Grunde befürchten, dah irgend­eine Anerkennung der Sonderbehandlung der Linberührbaren zu einer Revol t e unter den Hindus seiner Anfängerschaft fuhrt

Dann aber h<it Gandhi noch einen anöeren, er­staunlichen Grund für die Ablehnung der Sonder­behandlung der unteren Hinduklassen: Er gehört zu der Richtung der aufgeklärten, modernen Hin­dus, die eingesehen haben, dah der Gegen­satz zwischen den Kasten der Hauptgrund für den Mangel an For schritten auf dem Politi- schen Gebiete ist. und dah die alten religiösen

Oie Ingangsetzung des Wirischastsprogramms.

Hausbesitzer gebt Arbeit! Ein Aufruf des Zentralverbandes des Haus- und Grundbesitzes zur Durchführung der Instandsetzungsarbeiten.

Berlin, 21.Sept. (WTB.) In einer Presse- besprechung machte der Präsident des Zentralver­bandes, Stadtrat H u m a r, Ausführungen über die Stellungnahme, die der organisierte Haus- und Grundbesitz und das Handwerk zu dem neuen Wirtschaftspro­gramm der Reichsregierung einnimmt Das jetzt vorliegende Wirtschastsprogramm werde zwar den Forderungen des Hausbesitzes nicht in vollem Um­fange gerecht, lege dem Hausbesih jedoch die Pflicht auf, von den gebotenen Mög­lichkeiten nunmehr nach Kräften Gebrauch zu machen, um an der Lieber» Windung der allgemeinen Krise zu seinem Teil mitzuarbeiten und zu beweisen, dah tatsächlich im Haus- und Grundbesitz für die Arbeitsbe­schaffung ei n Gebiet erschlossen werden kann, in einer Gröhe, wie es kaum in einem an­deren Wirtschaftszweig vorhanden ist. Das Ver­trauen der Reichsregierung zur freien Wirtschaft und insbesondere die Bestrebungen zur Stützung und Kräftigung des deutschen Mittelstandes legen dem erwerbstätigen Bürgertum auch die Pflicht auf, den Kampf gegen die ungeheure Arbeitslosigkeit aufzunehmen. Daher habe der Zentralverband in einem allgemeinen Aufruf mit der ParoleHausbesitzer gebt Arbeit" seine etwa 800 000 Mitglieder aufgefordert, im Rahmen der vom Gesetzgeber gebotenen Möglich­keiten mit der Wiederinstandsetzung und Moder­nisierung seines Eigentums zu beginnen.

Die Reichsregierung hat ferner Schritte ange­kündigt, das Zinsniveau zu senken. Trotzdem sich der Zentralverband einmütig darüber klar ist, Dah die Höhe der gegenwärtigen Zinslast be­sonders auch für den Hausbesitz unerträglich sei, so könne man sich doch mit den von verschiedenen Seiten gestellten Forderungen nach einer zwangs­weisen Zinssenkung nicht befreunden, sondern sei zu dem Ergebnis gekommen, dah die hohen Zin- sen nur auf organischem Wege auf ein erträgliches Mah gesenkt werden formen.

Zusätzliches ArbeitsbeschaffungS- programm der Reichsbahn.

Berlin. 21. S«rt. (WTB.) Der Derwal- tunsrat der Deutschen Reichsbahngrsellschaft, der sich am 19. und 20. September in der Hauptsache mit der Beteiligung der Reichsbahn am Pro- gramm der Reichsregierung beschäftigte, be- schloß, über die bisher vorgesehenen Mittel hin­aus etwa 1 80 Millionen Mark für wei­tere Beschaffungen und Arbeiten zu verwenden, die der Reichsbahn auf den Gutscheinen für d i e Deförderungssteuer zufließen. Darüber hinaus beauftragte der Berwaltungsrat den Generaldirektor, die Verhandlungen über die Beschaffung weiterer Mittel inHöhe von 100 Millionen M k. zur Erhöhung des außerordentlichen Beschaffungsprogramms auf 280 Millionen Mk. beschleunigt fortzusehen.

Das zusätzliche Arbeitsbeschaffungsprogramm gibt neben der Mehrarbeit bei den Lieferanten allein bei der Reichsbahn selbst

24 000 Mann Arbeit. Außerdem können durch Einlegen von Feierschichten bei der Bahn­unterhaltung mindestens weitere 6000 Ar­beiter in Beschäftigung bleiben.

Oer Hessische Volksbund zur Reichsreform.

Der Arbeitsausschuß Nassau-Unter- main des Hessischen Dolksbundes hat in Frankfurt am Main zur Reichsreformfragc eine Entschließung gefaßt, in der es u. a. heißt: Der Hessische Volksbund betont, daß er nach wie vor jeder Eifersüchtelei der Großstädte für unvereinbar mit den Interessen des Landes hält. Innerhalb des zu schaffenden Reichs­landes Hessen-Nassau lassen sich die Interessen der Städte Frankfurt, Mainz, Kassel, Darmstadt und Wiesbaden durchaus wahren. Jeder der genannten Städte fallen im Rahmen eines gemeinsamen Landes ihre besonderen Funktionen zu, die nur sie erfüllen kann. Der Hessische Bolksbund erachtet die Ansprüche Kassels auf den Sitz von Reichszentralbehordcn durchaus für begründet. So würde es der zentralen Lage Kassels entsprechen, wenn das Reichsverwal­tungsgericht seinen Sitz in Kassel erhielte. Auch der Plan, die Sommerresidenz des Reichspräsidenten in

Wilhclmshohe zu schaffen, wird von dem Hessischen Volksbund begrüßt. Die Tatsache, daß cs sich bei der Schaffung des Landes Hessen-Nassau um einen Plan handelt, der in gleicher Weise preußisches und hessi­sches Staatsgebiet umfaßt, macht cs erforderlich, die hessische Frage von Reichs wegen zu lösen. Hierlei sollen kleinliche Bedenken in der Zuständig- keitsfraae Reich Länder nicht hindernd im Wege stehen. Unverzichtbare Bedingung einer Beteiligung des Volksstaates Hessen ist allerdings, daß das künf­tige Reichsland Hessen-Nassau ein Land und keine Provinz ist. Der Hessische Volksbund ist der Ansicht, daß es das Reich heute in der Hand hat, dem Zusammenschlußstreben in Hessen und Hessen- Nassau zum Siege zu verhelfen, ohne dabei Hessen zur Provinz zu degradieren. Die Beseitigung des Dualismus Reich Preußen durch Uebernahme der preußischen Zentralgewalt auf das Reich und die Emporentwicklung der preußischen Provinzen zu Ländern eröffnen den Weg dazu. Durch die Schaf­fung eines Oberhauses neben dem Reichstage, in dem die deutschen Länder gleichberechtigt vertreten sind, gibt es die Möglichkeit, auch in Süddeutschland der Reichsreform Freunde zu gewinnen, die eine zeitgemäße Zuständigkeitsoerteilung zwischen Reich und Ländern unterstützen.

Die deutsche Haltung in Genf.

warten, wie Die Gegenseite sich verhalten wirb, um danach die deutsche Leistung einzurichten.

Berlin. 22. Sept. (ERB. Funkspruch.) Amt­lich wird zu den Meldungen über eine beab­sichtigte Antwort an Henderson erklärt, dah die Reichsregierung das Schreiben des Prä­sidenten der Abrüstungskonferenz n i ch t f d) _r i f t - l ich beantworten wird. Selbstverständlich wird Reichsauhenminister Freiherr von Reurath nach feinem Eintreffen in Genf den Präsidenten Henderson aufsuchen und ihm noch einmal mündlich im einzelnen die Gründe dar­legen. die Deutschland veranlaßt haben, sich an den weiteren Verhandlungen der Abrüstungskon­ferenz mit zu beteiligen.

In diesem Zusammenhang müssen die Gerüchte zurückgewiesen werden, die von einem Kompro» m i h in der Abrüstungsfrage sprechen und an­beuten, daß im Verlaufe von persönlichen Unter­redungen zwischen den deutschen Delegierten bei der Ratstagung und der Dölkerbundsversamm- lung und Den Staatsmännern der anderen Länder Versuche einer baldmöglichsten Einigung gemacht werden würden. Deutschland hat sich mit seinem Schritt in der Frage der Gleichberechtigung keineswegs in einen politischen Schmollwinkel zurückziehen wollen, weil es sich irgendwie verletzt fühlte, sondern hat sich aus schwerwiegenden sachlichen Gründen von den weiteren Verhandlungen der Abrüstungsfrage zurückgezogen. Man hat in deutschen Regierungskreisen durchaus nicht die Absicht, die weitere Entwicklung zu über­stürzen, sondern ist gewillt, in Ruhe abzu-

Wenn jetzt in der französischen Presse immer wieder von angeblichen Geheimdokumen­ten die Rede ist, so kann auch Demgegenüber immer wieder nur betont werden, dah wir die Veröffentlichung solcher Geheimnisse nicht zu fürchten haben, ganz abgesehen davon, daß es sich bisher immer nur um unklare An­deutungen gehandelt hat.

Rationalsozialistische Kritik am außenpolitischen Kurs.

München, 21. Sept. (TU.) In der National« sozialististhen Parteikorrespondenz nimmt Oberst a. D. Haselinayr Stellung zur London-Note über die deutsche Gleichberechtigungsforderung und kommt dabei zu folgendem Schluß: Die englische amtliche Stellungnahme ist in dem Bestreben, zu einem Kompromiß zu gelangen, das Deutschland die Gleichberechtigung gibt, zugleich aber der all­gemeinen Abrüstung und damit der Hoffnung auf eine Minderung der englischen Rüstungsausgaben den Weg nicht versperrt, .ju Darlegungen über die rechtliche Lage gekommen, die mir nie und nimmer anzuerkennen vermögen. Wir ver­stehen die englische Absicht an sich. Sie scheint uns mitoen deutschen Zielen nicht unvereinbar; offenbar hat es aber die P a - penregierung nicht verstanden, jene

Gegensätze beseitigt werden müssen, wenn die Hindus je nach den Grundsätzen der modernen De­mokratie zur Herrschaft gelangen sollen. Das hin­dert natürlich andererseits nicht, daß er für seine Person die Vorschriften der Hindurelegion streng befolgt aber er weiß eben auch, daß die Zu­teilung politischer Sonderrechte den Gegensatz zwischen Hindus höherer und nie­derer Kaste verewigen muh. und daß mit dem Augenblick, wo die -ilnberüßrbaren eine eigene pv- litische Gruppe bilden, die Hindus der anderen Kasten fast überall in ganz Indien sich in einer hoffnungslosen Minderheit befinden. Denn die Linberührbaren werden immer gegen die Hindus höherer Kaste stimmen' Erhält Indien unter einem System Demokratische Selbstverwal­tung, bei dem nicht nur die Mohamedaner und Sikhs, was unvermeidlich ist, sondern auch die Linberührbaren, Selbstbestimmung erhalten, bann war der Freiheitskampf der Hindus zum großen Teil vergeblich sie können bann fast nir­gends Mehrheiten in den Provinzparlamenten erhalten.

Dah die Bewilligung eines Sonderwahlrechts die'e Folge hat, weih Macdonald zweifellos auch. Er hat Daher, um die religiösen Gefühle der Hindus nicht zu verletzen, einen etwas merk­würdigen Ausweg gewählt: er hat die Lin- berührbaren einmal den Hindus zugeteilt, hat ihnen aber auch in einer Reihe von Wahlgebieten ein zweites Wahlrecht zugebilligt, wo­nach sie die Möglichkeiten haben, außer in ihrem Hindubezirk sozusagen in einem Bezirk der Linberührbaren abstimmen dürfen, so dah sie trotzdem ihre eigenen AbgeorDne- ten wählen können, wenn auch nur in einem sehr begrenzten Umfange. Er hat also, wie wei­land Salomo es tun wollte, das umstrittene Kind sozusagen geteilt, wenn auch nur mit dem Erfolg, dah nun beide Teile gleich un­zufrieden sind, die Hindus höherer Kaste allerdings erheblich mehr, als die Unberührbaren. Qlber was sollte er schliehlich anderes tun, er muhte eine Entscheidung in diesem Sinne fällen, wenn er nicht riskieren wollte, dah das ge­

samte Reformwerk abgelehnt wurde. Er muhte den Forderungen der Unberührbaren entspre­chen, um zu verhindern, dah alle Gruppen es ab lehnten. So wie jetzt stehen immerhin nur die Anhänger Gandhis gegen ihn, die nur eine Min­derheit, wenn auch eine starke, dar stellen. Mac­donald hatte überdies die Hoffnung, dah er sie dadurch gewinnen könnte, dah er die Sonder­rechte für die Unberührbaren auf bie Zeit von 20 Jahren begrenzte, nach welcher sie erlöschen sollten aber auch bas hat nichts genutzt. Ganbhi also hat jeben Kompromih abgelebt unb sich auf ein hunbertprozen- tiges Programm versteift, bah er nun burch seinen freiwilligen Hungertod erzwingen will.

Damit ist ein Konflikt entstanden, wie er größer und schwieriger zu lösen nicht denkbar ist unb aus bem vorläufig kein Ausweg sichtbar wirb. Werben wir es erleben, bah Gandhi 'ein Wort wahr macht? Oder wird Mac­donald doch noch einen Ausweg finden? Der indische Freiheitskampf hat jedenfalls feinen tra­gischen Höhepunkt erreicht. Denn tragisch mühte man es wohl nennen, wenn Gandhi in die'ern Augenblicke, in dem er so gut wie alles erreicht hätte, seinem Leben ein Ende setzen würde.

Oie Verhandlungen mit den Unberührbaren".

Aussicht auf eine Einigung.

Bombay, 21. Sept. (TU.) Das Beravda-Ge- fängnis, in dem Gandhi feinen Hungerstreik be­gonnen hat, wurde während des ganzen Dienstag von Hunderten von Hindus belagert, die für ihren Führer beteten. In Bombay. Puna und anderen Großstädten wurden Trauerst reiks veran­staltet. Die meisten Geschälte unb Schulen, sowie bie Börse unb Daumwollwebereien waren ge­schlossen. In Simla fand eine Massen- vers ammlung von Parias statt, die ein getrenntes Wahlrecht für die unterdrückten Klas­sen verlangten. Zwei der Führer der Parias ver­kündeten, daß sie am Mittwoch ebenfalls

einen Hungerstreik beginnen würden, bis die Forderung nach getrenntem Wahlsystem erfüllt werde.

Die in Bombay tagende Ko nferenz von Kastenhindus unb Parias kam in der Frage der parlamentarischen Vertretung der unter­drückten Klassen zu einer Einigung, die Gandhis Forderungen weitgehend entspricht. Der Plan stützt sich auf den Grundsatz der bereinigten Wählerschaft zwischen Kastenhindus und Parias mit angemesse­nen Sicherungen für die letzteren. Zwei Hinduführer besuchten am Mittwoch Gandhi im Gefängnis und legten ihm den Plan vor. Gandhi hat nunmehr den Paria-Führer D r. Ambedkar zu einer Unterredung eingeladen, der im Gegen­satz zu Gandhi bisher die getrennte Wählerschaft forderte, sich aber neuerdings zu einem Nachgeben bereit erklärte, falls den unterdrückten Klassen g e - wisse Zugeständnisse gemacht werden, (soll­ten sowohl Gandhi als Dr. Ambedkar den Plan als annehmbar betrachten, so wäre die Ursache für Gandhis Hunger st reik behoben. Die eng­lische Regierung hat sich bekanntlich bereiterklärt, einen von den Kastenhindus unb Parias überein- ftimmenb aufgestellten Plan über die parlamenta­rische Vertretung anstelle ihrer eigenen Vorschläge zu setzen.

Zwei Mitglieder der Hindu-Delegation erklärten nach einem Besuch bei Gandhi, Ganbhi sei viel schwächer geworben unb seine Stimme nicht mehr so stark. Die Delegierten betonten bie Notwenbigkeit der Beschleunigung der Verhandlung g e n, denn Ganbhi würbe nach etwa zehn lagen Fastens so erschöpft fein, daß er an den Besprechun­gen nicht mehr würde teilnehmen können. Er würbe sich bann nicht mehr erholen können, obwohl es möglich sei, baß er noch vierzehn Tage lebe. Seit mehr als 30 Stunden hat Ganbhi keine Nahrung zu sich genommen. Er hat aber viel Wasser ge­trunken. Er fährt fort zu spinnen unb zu beten. (?r ist in eine Zelle in ber Nähe des Eingangs des Ge­fängnisses gebracht morden, um bie Besuche zu er­leichtern.