ßr.SCO Zweiter Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Mittwoch, ?f. Dezember (Y32
Bücher unter dem Weihnachtsbaum.
Deutsche Erzähler.
— Regina HIImann: Dom Drot der Stillen. Erzählungen. Zwei Bände in Leinen je 4 Ml., 5 Fr. Eugen Rentsch Derlag, Erlenbach. Zürich. München und Leipzig. — (501) — -Regina Ulhnann hat die Gabe, scheinbar ganz einfache Dinge in s^e<nbar ganz einfachen Worten zu sagen und doch zugleich etwas Llnfahbares dar. aus 'zu machen! Die Sprache still und ohne Pathos hat diese seltsame Poesie, bei aller Klarheit dem Verstand verschlossen zu bleiben und mit einer kaum merklichen Wendung ihren realen Gehalt zu verlassen. Dieselbe Eigenart Haven ihre ^rzäyrungeu als Ganzes, feine Schil- derungen von beinahe unmerklrchen Begebenheiten in Kindern oder einfachen Leuten, die. obgleich sie scheinbar am Alltäglichen stehenbleiben, doch etwas viel gröberes mitteilen.
— Ludwig Finckh: Der göttliche Ruf. Leben und Werk des Physikers Robert Mayer. Roman. 256 Seiten. Leinen 4,50 Mark. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und Berlin. — (446) — Robert Mayer ist der geniale Entdecker des Gesetzes von der Erhaltung der Energie. Mayers Unglück war das Los des Propheten, ber_ nichts gilt in seinem Vaterlande. Man hielt ihr für verrückt, man sperrte ihn ins Irrenhaus, seine Leistung wurde übersehen oder totgeschwiegen; und als endlich sein Name und sein Werk ins Licht des Weltruhms traten, da war Robert Mayer fälschlicherweise totgesagt, er hat seinen eigenen Nachruhm überlebt. Als Arzt wie Robert Mayer, und zugleich als Apothekersohn und Schwabe wie er, brachte Ludwig Finckh eine dreifache besondere Eignung mit, das Wirken und das Geschick dieses verkannten Genies zu gestalten. Das schwäbische Biedermeier und die weite Welt geben die Hellen und dunklen Farben zum Bilde eines außerordentlichen Menschenschicksals.
— Diedrich Speckmann: Scholle der Väter. Erzählung. Martin Warneck, Derlag, Berlin W9. Leinen 4,50 Mk. — (433) — Speckmann schildert in seinem neuen Band die Rückwanderung eines in Rutscher Auswandererkolonie geborenen Paares in die Heimat der Väter, die Lüneburger Heide. Der Heidebauer Jürgen In- temann. der seine drei Söhne im Felde verlor, beruft seinen Reffen aus Ratal, um ihm den alten Familienhof zu übergeben, damit er nicht in fremde Hände kommt. Auch hier gibt es Schwierigkeiten, aber der gesunde Instinkt, die in der Fremde gepflegte und aus den Sohn vererbte Kraft der Erinnerung des Blutes gewissermaßen überwinden unter dem Beistand treuer Freunde die Röte der Eingewöhnung und stellen den Fremdling wie in ein altes Zuhause, so daß er bald «ein rechter Bauer wird, bodenständig und wurzelecht, wie die Hofbesitzer seit Iahrhunderten.
- Curt Thomalla. Der Zweibände r m a n n. Roman. In Leinenband 3,80 Mk. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. — (481) — Ein Roman aus dem Studentenleben der Rach- kriegszeit. Ein Stück Alt-Heidelberg, übertragen in unsere weniger romantische Gegenwart. Das ungebändigte Temperament, das nie verzagende Draufgängertum und der fröhliche Ernst der jungen Generation nimmt uns sofort gefangen. Das seltsame Geschick des Zeitgenossen Richard Scholz fesselt durch die unbeirrbare Zielstrebigkeit, mit der dieser Außenseiter sich überall im Leben zurechtfindet. Was er sich als Gymnasiast erträumte, das ist ihm durch einen glücklichen Zufall gelungen. Als echter Lebenskünstler weiß er im Corps ebenso sicher aufzutreben, wie beim Militär und in der Gesellschaft. Dabei ist dieser phantastische Streber immer auf der Flucht vor dem eigenen Ich und kommt nie zu einem ungetrübten Lebensgenuß. So gehört ihm unsere Sympathie, als ihn schließlich sein Schicksal ereilt. Thomalla kennt als alter Corpsier Leben und Treiben der Rachkriegsstudenten. Seine Bilder von Mensuren, Conventen und Kneipen sind aus dem Leben gegriffen; man glaubt, daß sich das Ganze wirklich so abgespielt hat. Das Buch ist packende Zeitgeschichte und ein spannender Roman.
— Wilhelm Stolzenbach: Zwischen Gestern und Morgen. Ein Roman vier junger Werkstudenten. Geh. 3Mk.. Ganzleinen 4,80 Mk. Derlag Philipp Reclam jun., Leipzig. — (489) — Vier junge Werkstudenten sind die Helden dieses Romans, der in der Inflationszeit spielt. Alle vier Kriegsteilnehmer, alle vier vor die schwere Aufgabe gestellt, sich in die Rachkriegswelt einzufügen, sich durchzuschlagen und doch sich und dem großen Kameradschaftserlebnis des Krieges treu zu bleiben. Richt alle bestehen diese Aufgabe — der eine ist zu schwer von dem Kriege gezeichnet und fällt ihm nach letzten krampfhaften Rettungsversuchen als ein spätes Opfer anheim. Die Schilderung führt in alle Schichten des neuen Deutschland — in die Fabrik mit ihren Maschinensälen und Kontoren, in die Kleinstadt mit ihren Bürgerstuben, auf das bäuerliche Gut und auf die endlosen Landstraßen. Ein einfacherer Stil würde dem Roman sehr zustatten gekommen fein.
— Hans Künkel: Anna Leun. Die Geschichte einer langen Liebe. Roman. Geh. 3 Mk., Ganzleinen 4,80 Mk. Derlag Philipp Reclam jun. Leipzig. (488) Eine groß angelegte Frauengestalt, blutvvll, leidenschaftlich, von düsterer, herber Größe: das Laglöhnermädchen Anna Leun und ihre wilde, feltfame, ergreifende Lebensgcschichte bilden den Dorwurf. Als armselige Waise im Lumpengewand muh sie sich mühsam und hart bei tyrannischen Brotherren durchschlagen. Durch Verstrickungen und Wirren, durch Elend und Schuld trägt das Schicksal sie plötzlich hoch empor an die Seite des alternden Schlohherrn. Aber dieser Aufstieg kostet sie den einzigen Iugend» geliebten, er bringt Tod und Zerstörung ins freiherrliche Schloß. Uni) nun folgt die lange Buhe: als sie endlich durch merkwürdige Wechselfälle doch noch die Frau des Geliebten wird, steht das Gewesene zwischen ihnen, daß sie sich nicht angehören können und in bitterster Einsamkeit nebeneinander leben. Erst der Tod bringt die beiden Menschen zueinander, die nicht aufgehört haben sich zu lieben.
— Otto Ehrhart - Dachau. Das grüne I a hr. Eine Landschaftsdichtung. Erlebnisse eines Fischers und Iägers. Gebd. 4,80 Mark. Carl Schünemann, Verlag, Bremen. — (507.) — Hier wird nicht die Äatur von außen
In schönen und empfindsamen Bildern geschildert, nein, hier spricht einer, der täglich im Kampf mit den Elementen steht, der mit Wind, Pflanze und Getier als Raturgeschöpf verbunden ist. Dieser ganze Kerl, der Rächte hinter einem Dock gejagt, der Fuchs und Wiesel belauscht hat, der den Wald kennt wie seinen Rock, kann dem Menschen der Zivilisation die Sinne öffnen, lann ihn wieder zu der Einfachheit und Schlichtheit zurückführen, mit der man allein der Ratur nahekommt. Wie der Wald selbst, ist diese Dichtung reich an Stimmungen. Ein gesunder, herz- bezwingender Humor wirft seine Glanzlichter, aber über manchen Ereignissen liegen auch Schwermut und der Schatten des Todes.
— Die Moosschweige. Don C. O. und Elly Petersen. 200 Seiten mit 63 Zeichnungen und 4 Phototafeln. Verlag Knorr & Hirlh, München. Geheftet 4,50 Mk., Leinen 5,20 Mk. —
(510.) — Der schwedische Maler Carl Olof Petersen, Tierzeichner und Schöpfer entzückender Kinderbücher, und seine Frau Elly Petersen, Verfasserin der „Gelben Bücher" und des Hunde- und Katzenkalenders, haben gemeinsam ein Buch geschrieben das davon handelt, wie zwei Menschen aus einem Stück Moorland und einem uralten Haille einen der schönsten Gärten schaffen und ein Heim voll echter Kultur, wie sie die Landschaft, die Tiere, die Jahreszeiten erleben und das bodenständige Doll, wie sie an vielen Mißerfolg:n immer wieder lernen, wie sie die deutsche Rotzeit überstehen und immer wieder anderen Freude und Sonne spenden können. 66 entzückende Zeichnungen hat Carl Olof Petersen eingestreut. Dazu 4 prächtige Phototafeln, die das hübsche und heitere Buch erfreulich bereichern.
Reisen und Abenteuer.
— Sten Bergman : Die tausend I n - fein im Femen Osten. Reisen und Erlebnisse auf den Kurilen. 181 Seiten mit 37 Abbildungen und einer Kartenskizze. Geh. 4,50, Leinen 5,80 Mark. Strecker & Schroder, Stuttgart. — (460) — Der schwedische Forschungsreisende Dr. Sten Bergman, der seit seiner dreijährigen Kamtschatka-Expedition mit diesem Gebiet wohlvertraut ist, entdeckte wiib- renb seiner anderthalbjährigen Reise große Reichtümer an Wild zu Land und zu Wasier und eine ganz eigenartige Pflanzenwelt. Er berichtet in seinem Buch von unübersehbaren Vogelschwärmen, von Kormoranen, Summen, Sturmvögeln, Möwen, Kleinalken und Riesenseeadlern, die diese Inseln bevölkern. Wir finden ihn bei der Kamera- und Filmjagd auf Blau-, Silber- und Rotfüchse, auf Bären und anderes Getier, das in großer Zahl hier oer» treten ist. Auch über das seltenste und wertvollste Pelztier, den Seeotter, der hier heimisch ist, sowie über die Jagd auf den Walfisch, dieses größte Tier der Schöpfung, weiß er anschaulich zu erzählen. Bergman ist kein einseitiger Wissenschaftler; hier interessiert ihn vor allem das Volk der Ainus, eines der eigentümlidjften Völker Asiens, die Männer mit riesigen Vollbärten, die Frauen mit tatauiertem Schnurrbart. Bergmans interessante Darstellung ist besonders zu begrüßen, weil es bisher in deutscher Sprache noch kein Buch gab über die vulkanische Inselkette der Kurilen, „die tausend Inseln des Fernen Ostens", die sich von Japan nach Kamtschatka hinausziehen.
— Dr. Ludwig Ferdinand Clauß: Als Beduine unter Beduinen. Mit 26 Bildern nach eigenen Aufnahmen des Verfassers und einem Titelbild. (Fremdland — Fremdvolk. Eigenartige Landschaften, Länder und Völker der Erde.) VIII u. 114 S.; 15 Tafeln. Freiburg im Dreisgau 1933, Herder. Kart. 3,80 Mk.; Leinwand 4,60 Mk. — (512 )— Der Geograph und Völkerkundler Clauß zog mit einem mächtigen De- duinenstamm Rordarabiens vom Iordan bis zum
Wahhabitenreich, ritt mit den Kamelen von Weide zu Weide, und teilte alle Geschicke der Wüstensöhne. Aus einer Fülle dort selbst aufgenomme- ner Dilderreihen, dort erlebter Begebnisse berichtet er in diesem Buch über Sitte und Brauch, tagtägliche Geschehnisse im Frauen- und Männerzelt, beim Beladen und Aufbruch der Kamele, auf der Iagd mit dem Falken usw. In alledem bewährt er seinen Ruf als Photograph und Physiognomi- ker. Seine Antli^aufnahmen dienen einer neuen Scelenkunde der Dö ter und Rassen. Die Beduinenforschung verlockte den Forscher, über die wissenschaftliche Arbeit hinaus von seinen menschlichen Erlebnissen zu berichten: wie er im Romaden- ftamm mehr und mehr als ein Mitglied lebte und erlebte, bis er reif war, unterzutauchen, anerkannt als Beduine zu leben — als Beduine zu leben, um als Europäer scharf zu beobachten, festzuhalten, zu vergleichen.
— Hannah Asch: Birmanische Tage u n d N ä ch t e. Mit 49 Tafelbildern nach Aufnah. men der Verfasserin und einer Karte. Ganzleinen 4,50 Mark. Verlag Scherl, Berlin SW 68. — (484) — Hannah Asch legt in diesem Buch die Ergebnisie ihrer letzten Reise vor. Sie hat sich einen entlegenen Winkel unserer Erde ausgesucht, um ihn besonders eingehend zu erkunden. Das wenig Mannte Birma bietet durch seine alte Kultur und sein interessantes Völkergemisch die beste Möglichkeit dazu. Die Der- fasserin hat sich ohne Dienerschaft ober andere Be- gleitung viele hundert Kilometer weit mitten in Gegenden gewagt, deren Bevölkerung zum Teil noch keine Weißen zu sehen bekommen hat. Die Ausbeute lohnte sich auch. Hannah Asch sieht mit unbefangenen Augen so seltsame Völkertypen, Lebensformen und Kunstwerke, sie weiß so kurz- weilig und anschaulich zu schildern und belegt ihre Beobachtungen mit so aufschlußreichen Photos, daß ihr Buch unser Weltbild in der angenehmsten Weise bereichert.
Politik und Geschichte
lung Zweigs aus dem tändelnd Leichten der kleinen Habsburger Prinzessin, die trotz aller Mahnungen ihrer kaiserlichen Mutter jedem Ernst des Lebens passive Resistenz entgegensetzt, empor zu^ wahrhaft heroischen Größe in einer Umgebung, die nur Mittelmaß, Entschlußlosigkeit, Kompromiß kennt. Freilich die Wandlung kommt zu spät, der Habsburgerstolz, Mut und Entschlossenheit, Erbteile der großen Maria Theresia, erwachen in die- sem echtesten Kinde des Rokoko erst, als die neue Zeit mit revolutionärer Gewalt schon von allen wesentlichen Positionen Besitz ergriffen hat und die Welt des Absolutismus bereits polternd zusammenkracht, eine Wolke von StaUb und Schmutz im Niederbrechen aufschleudernd. Hierher gehört der berüchtigte Halsbandprozeß, dessen Schilderung eine der Glanzstücke in dem Buch Stefan Zweigs ist. Als alles vorüber ist, Marie Antoinette unrettbar verstrickt in den Netzen eigenen schuldhaften Unterlassens, verbrecherischer Jntriguen ihrer Schwäger und Vettern (der skrupellose Zynismus eines Louis XVIII. und eines Philippe QigalitS wird schonungslos bloßgestellt) findet diese Königin, die oft kokettiert, niemals geliebt hat, die erste und einzige große Liebe ihres verspielten Lebens. Der rührende Schimmer eines lichten Hoffnungsstrahls fällt auf die letzten Tage Marie Antoinettes, aber nach dem Scheitern des Fluchtversuchs gibt es kein Hindernis auf dem Marterweg zum Schaj- fott. Ganz gefaßt, stolz bis zum Hochmut, wie sie Davids Meisterhand auf ihrer letzten Fahrt gezeichnet hat, jeder Zoll eine Tochter Maria Theresias, tritt Marie Antoinette über die Schwelle des Todes. Stefan Zweigs Darstellung, die den psychologischen Untergründen dieses Schicksals nachspürt, ist von hinreißender Kraft. Gepackt und erschüttert legt man dies Buch aus der Hand, das sobald nicht vergessen werden wird.
— Friedrich Schönemann: Die Ver - einigten Staaten von Amerika. Zwei Bände. In Seinen geb. 21,60 Mk. Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart. — (392) — In die Reihe bedeutender kulturpolitischer Sändermonographien des Verlags, von denen das Englandbuch von Dibelius und Curtius-Bergsträßers Werk über Frankreich die bekanntesten geworden sind, ordnet sich nun eine umfangreiche und lückenlose Arbeit über Amerika, für die der Derlag einen der besten Kenner des Sandes den Seiler des Amerika-Jasti- luls an der Universität Berlin, gewonnen hat. Der Verfasser hat viele Jahre lang in den Vereinigten Staaten gelebt, hat dort auch die schweren, aber für die Erkenntnis von Dolkspsyche und Politik der Amerikaner besonders aufschlußreichen Kriegsfahre im Lande zugebracht. Diese innige Vertrautheit mit amerikanischen Verhältnissen bringt in das Buch eine persönliche Note, ohne jedoch jemals den streng wissenschaftlichen Charakter der Arbeit zu mindern, die auf einer ganz anderen Ebene liegt, als die vielen Reisebücher über Amerika, meist Produkte einer kurzen und entsprechend oberflächlichen Stipvisite jenseits des großen Teiches.
— Theodor Mommsen: Römische Geschichte. Mit einem Geleitwort von Pros. Eduard Norden, Berlin. 1000 Seiten Text, 150 Bilder nach antiken Vorlagen. Ganzleinen. Preis 4,80 Mk. im Phaidon-Verlag Wien und Leipzig. — (421) — Ein dreiviertel Jahrhundert sind vergangen, seit die gebildete Welt einem Zufall, der Anregung zweier weitschauender Leipziger Verleger, eines der großartigsten Geschichtswerke aller Zeiten verdankt, und noch heute liegt, wie Eduard Norden in seiner ausgezeichneten Einleitung zu dieser populären Ausgabe mit Recht betont, auf Mommsens Römischer Geschichte kein Körnchen Staub, jugendfrisch ist sie von Lebensatem durchweht, jeder Generation Neues sagend, zeitgeschichtlich ist sie zugleich überzeitlich, weil sie im Erdreich des Menschen- tums wurzell und aus seiner ewigen Problematik, den Gesetzen der Bindung und Freiheit, emporwächst. Seit einem dreiviertel Jahrhundert haben wir uns gewöhnt, bewußt oder unbewußt, die Geschichte des republikanischen Roms mit Mommsens Augen zu sehen. Seine Charakterbilder römischer Menschen haben längst Allgemeingülligkeit gewonnen. Aber außerhalb der Zunft haben nur wenige bislang die Römische Geschichte in Händen gehabt, noch seltener ist sie in dem vierbändigen Original von Laien gelesen worden. Hier Abhii-fe geschaffen zu haben und dies mit dem Nobelpreis belohnte Monumentalwerk deutscher Geschichtsschreibung auch der intersssierten Laienwelt erschlossen zu haben, ist das Verdienst des Phaidon-Derlags. Das Werk hat sich gewisse Kürzungen gefallen lassen müssen, aber sicher nicht zum Schaden des mit der Neuausgabe verbundenen besonderen Zwecks. In der geistvoll pointierten Sprache Mommsens, gleich groß als Historiker wie als Jurist und Philologe, tritt uns die Geschichte Roms von den ersten Anfängen bis zur Koloffalfigur Caesars (wohl der berühmtesten Charakterschilderung Mommsens) in spannendem Ablauf plastisch und lebenswahr entgegen. Das sorgfältig ausgesuchte und gut reproduzierte Abbildungsmaterial in der außerordentlichen Fülle von 150 ganzseitigen Bildern nach zeitgenössllchen Vorlagen ift eine wertvolle Ergänzung zum Text.
— -Stefan Zweig: Marie Antoinette. Mit zehn Bildtafeln. Preis in Leinen 8.50 Mk., im Insel-Verlag zu Leipzig. — (325) — Stefan Zweig setzt seine historischen Portraits aus der großen Zeitenwende vom 18. zum 19. Jahrhundert, vom spielerig-absolutistischen Rokoko zum Zeita'ter des werdenden Selbstbewußtseins der Völker fort mit der Schilderung des erschütternden Schicksals einer Habsburgerin auf dem Thron der Bourbonen. Nach Fouchs, dem politischen Menschen, dem durchaus amoralischen Dämon, greift Stefan Zweig zur Gestalt Marie Antoinettes, deren Persönlichkeit und Stellung in dem gigantischen Ablauf der. geschichtlichen Zeit nicht minder umstritten und schil ernd ist als die des Polizeiministers Napoleons, „Bildnis eines mittleren Charakters" nennt Zweig seine psychologische Biographie, aber dieser mittlere Charakter wächst auch in der faszinierenden Darstek-
Schönemann gibt im ersten Bande seines Werkes einleitend eine kurze historische liebersicht über das Werden der Vereinigten Staaten und zeigt bann In dem für den politisch Interessierten vielleicht gewichtigsten Abschnitt „Die politische Entwicklung zur Weltmacht" die Einstellung Amerikas zu den verschiedenen großen Problemen der Weltpolitik, indem er nacheinander das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu den großen Mächten und Völkern Amerikas, Europas und Asiens durchgeht. Hier werden einzigartige Probleme von größter Bedeutung für die richtige Einschätzung der amerikanischen Politik oermittell. Zur Darftelluna der inneren Struktur des Landes leitet der Abschnitt über das Volkswerden der Amerikaner über, der die Eingewanderten und ihre Probleme und die Stellung von Indianern und Negern schildert. Der zweite Band gibt bann eine eingehende Darlegung der Verfassung, Derwaltu ig und Rechtspflege Amerikas. Besondere Liebe hat der Verfasser auf eine erschöpfende und vertiefte Deutung aller roe- entliehen Elemente der Bildung und Erziehung jelegt. So ist das Werk als ganzes ein wohlgc- ungenes Unternehmen, von den verschiedensten Seiten her Wege des Verständnisses für die amerikanische Volksseele zu erschließen.
— Adolf von Trotha: Großadmiral von Tirpitz. Flottenbau und Reichsgedanke. Ganzleinen 5,80 Mark, kartoniert 4,50 Mark. Verlag W. G. Korn, Breslau. — (425.) — Vizeadnn« ral a. D. von Trotha, Chef des Stabes der Hochseeflotte in der Schlacht vor dem Skagerrak und später Chef der Admiralität, hat an Leden und Leistung des Großadmirals von Tirpitz den tiefsten Antell. Trotha zeigt den Eintritt des Flotten- und Wellmachtgedankens in die geistige und politische Verfassung der Nation. Die tiefe Tragik in Tirpitz' Leben w.rd offenbar: die neue Waffe deutscher WeltgeTtung geschaffen zu haben, ohne je die letzte Verantwortung für die Entwicklung der politischen Verhältnisse, unter Jenen sie in die Welt treten mußte, tragen und ohne diese Waffe in dem Ent- schoidungskampf der Nation führen zu dürfen. Heber diese Tragik hinaus weist aber Trotha aus der Der- bundenheit mit Tirpitz' politischem Weltbild und Glauben an die deutsche Sendung die Losung aus dem Zwiespalt: Wellpolitik aber Kontinentalpolitik? Tirpitz schuf die deutsche Flotte, weil ein Deutsches Reich, das feine kontinentale Sendung, Herz Europas zu sein, erfüllte, in die Reihe der Weltmächte trat und sich dort um seiner Zukunft willen be- haupten mußte.
Betrachtungen.
— Wilhelm Michel: Geliebte Welt. 100 Seiten, mit 16 Bildern, dabei 4 Kunstbeilagen noch Dürer, Cranach, Altdorfer u. a. Leicht gebunden 3,80 Mk., Geschenkband in Ganzleinen 4,80 Mk. Darmstädter Buch- und Kunstverlag Gotthard Psschko. — (546.) — Dieses „Buch von Kinbern, Tieren, Blumen und Frauen" ist von einer klingen- den Heiterkeit. Ein gutes Geschenk inmitten der armen Gegenwartl Wie lernt man hier vor einer Herbstbirke, einem lieblichen Kind, vor dem Weihnachtsbäumchen auf einem Kinbergrab stille fein, zu einer Andacht verzaubert, in der alles, was man sieht, einen Goldglanz gewinnt! Michel schreibt einen klaren Stil; voll Anschauung, herzhaft und durchsichtig. Dabei ist Michel, der als Hölderlin-Forscher und als tiesgründiaer Psnchologe großen Ruf hat, durchaus ein Mensch dieser Zeit: klarblickend, besonnen — aber zugleich ein Mensch, der sich von der Gegenwart nicht um sein Herz und seine Seele betrügen ließ. Strahlend wie ein Kind weiß dieser Vielerfahrene das „Lob der Bäume", den Ruf des Frühlings, das Aufwachen von „Fünf kleinen Amselkindern" zu verkünden. — Ein schönes Weihnachtsbuch von bleibendem Wert.
— Hebet die Liebe. Meditationen von, Iof 6 Ortega h Gaffet. Unter Mitwirkung von Fritz Ernst herausgegeben und übersetzt von Helene Weyll 240 Seiten. Leinen 5,25 Mk. Deutsche Berlagsanstalt Stuttgart. — (525) — Die Gemeinde des Spaniers Ortega h Gasset ist in Deutschland ständig im Wachsen. Dieser neue Essayband wird Ortega neue Freunde zuführen; vor allem die gebildete und geistig anspruchsvolle Frau wird nach ihm greifen. Der Leser wird darin die liebenswürdige Eleganz und die fast spielerische Leichtigkeit seiner Feder finden, aber auch den Reichtum seines anregenden und schöpferischen Denkens, von dem. wie alles, was er schreibt, auch diese Aufsätze erfüllt sllj-.
— G.K. Chesterton: Wie denken Sie darüber? Untersuchungen und Betrachtungen — Tages- und Ewigkeitsfragen. Ein Essaybuch aus dem Englischen. Deutsch von Curt Thesing. 256 Seiten. Geb 5,50 Mk. Carl Schünemann. Verlag, Bremen. — (505) — Es gibt kaum eine Frage von aktueller Bedeutung, über die Chesterton sich nicht ausgelassen hätte, lieber das neue Rußland, über den Faschismus, über Demokratie, über Besitz und Güterverteilung, über Klassen und Klassengegensätze. Chesterton hat eine elegante Art, sich zu bewegen, er liebt es. einen Gegner durch einen Witz und nicht immer durch schwerwiegende Argumente zu erledigen, er liebt daS Rasführen, das Spielen mit den Gedanken; er besitzt alle guten Eigenschaften des modernen Iourn allsten.
— Johan Hjort: Des Kaisers neue Kleider. Betrachtungen eines Biologen. In Seinen gebunden 8 Mark. Tran-rnare Verlag, Berlin und Stuttgart. — (529.) — Das Buch ist eine Kampffchrist, die ihren Titel nach dem bekannten Märchen von Andersen hat. „Des Kaisers neue Kleider", das sind die Ideen, die aus einem Europa und dem europäischen Menschen fremden Geiste entstanden sind und dessen Exponenten Hjort heute vor allem in Marx und der „neuen Wissenschaft" sicht. Durch feine Forschungen als Biologe erkennt der Verfasser das Leben in seiner unmittelbaren Wirklichkeit, in der sich ihm auch die Fragen und Probleme unserer Gegcnwart zogen. In den letzten Kapiteln erhebt Hjort mit aller Eindringlichkeit di« Forderung, alle Kräfte einzusetzen, um aus der heutigen Wirrnis einen Wcg des Aufstieges zu finden. Die Zukunst Europas wird davon abhängig sein, ob es den Mut hat, feiner eigenen Heber- zeugung, seinen Idealen und Erfahrungen treu zu bleiben.


