Nr. 2§8 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefftn)
Freitag, 2|. Oktober M2
Auswandem oder Giebeln?
Kritische Gedanken zu einem phantastischen Auswanderungsprojekt.
Deutschland ist «in Volk ohne Raum. In der Enge unserer Grenzen, ohne ein« Aufstiegsmöglichkeit vor Augen, von Arbeitslosigkeit bedroht, so wurde aus der hoffnungsfrohen Entwicklung eines freien und stolzen Dolles ein Vegetieren von der Hand in den Mund für mindestens ein Drittel der deutschen Gesamt- bevölkerung. Alle ernsthaften Wirtschaftssachverständigen sind sich darüber einig, das) die Arbeitslosigkeit nie wieder durch eine reine „Wirt- schastsankurbelung" behoben werden kann. Dazu ist die Herrschaft der Maschine zu weit vorgeschritten und hat den Menschen überflüssig ge- macht. WaS liegt also näher, als nach Auswegen zu suchen, wo der deutsche Menschen- Überschuh untergebracht werden kann?
Auf einen ebenso phantastischen wie bevölkerungspolitisch verhängnisvollen Ausweg ist der deutsche General Kundt, der ehemalige Ober» kommandierend« der bolivianischen Armee, verfallen. Von seiner südamerikanischen Tätigkeit her kennt General Kundt das Quellgebiet des Amazonen st romes. Hier will er rund 250 000 Deutsche auf genossenschaftlicher Grundlage ansiedeln. Als Mitglieder der einzelnen Genossenschaften sollen nur Verheiratete mit Familie, vor allem ältere und kinderreiche, ausgenommen werden. In erster Linie sollen kinder- -reiche Arbeitslosenfamilien berücksichtigt werden, die zu alt zur Llmschulung sind, denen durch den Triumphzug der Maschine Arbeitsstätte und Heimat genommen wurde und die selbst bei einer Wiederkehr der Konjunktur infolge ihrer hohen tariflichen Forderungen für eine Wiedereinstellung nicht in Frage kommen.
Soweit der im ersten Augenblick bestehende Plan des Generals Kundt, 250 000 Deutsche in klimatisch einwandfreien Gegenden Südamerikas anzusiedeln. Noch erscheint der Plan in Deutschland als phantastische Konstruktion. Schon aber ist, veranlaßt durch die amerikanischen Zeitungskorrespondenz „Associated Preß", in den Vereinigten Staaten seit einigen Wochen eine heftige Diskussion im Gange, die auch auf die bolivianischen Zeitungen übergegangen ist. Ans ihnen entnehmen wir die Behauptung, daß General Kundt und seine Mittelsleute bereits m i t a m e r i ka n i s ch e n Bankhäusern Fühlung ausgenommen haben, und daß schon in allerkürzester Zeit der deutschen und der bolivianischen Regierung, evtl, auch der brasilianischen und Paraguaynischen, genaue Vorschläge unterbreitet werden sollen.
Aber noch ehe der Plan des Generals Kundt in Deutschland Fuß fassen und trügerische Hoffnungen erwecken soll, sei ihm mit all jenen Einwenden begegnet, die grundsätzlich gegen jede Auswanderung sprechen. Im vergangenen Jahr- hundert, als die erste deutsche Auswan'derungswelle über die Welt ging, sind viele Millionen bester deutscher Bevölkerung zum Kulturdünger für fremde Nationen geworden. Der Westen Amerikas wurde großenteils von Deutschen erschlossen. Deutsche Reisläufer besiedelten Südsibirien. In Südamerika, Südafrika und Niederländisch Indien überall waren es Deutsche, die als Pioniere der Zivilisation ungeheure Opfer brachten. Wie immer war es selbstverständlich der wagemutig st e
Teil der deutschen Bevölkerung, der nach Uebersee zog, um sich eine neue Heimat zu gründen. Praktisch sind die 15 bis 20 Millionen Deutsche, die im Laufe der letzten 150 Jahre ausgewandert sind, für die Politik des Reiches, aber auch durchweg für die deutsche Kultur verlorengegangen.
In der gleichen Zeit wurde aus dem reindeutschen Böhmen zuerst ein tschechisches Jrredenta- gebiet und später ein tschechischer Staat, unterwanderte das slawisch-polnische Element die deutsche Ostmark und bereitete die politischen Entscheidungen vor, an deren Folgen wir heute kranken, blieben die deutschen Volksinseln in den Karpathen, in Ungarn, in Serbien, in Siebenbürgen und Rumänien, in den Ostseerandstaaten ohne die verbindende Brücke. Wäre der Bismarckstaat hundert Jahre früher gegründet worden, und wäre es möglich gewesen, eine planvolle Koloniasationspolitik statt einer ungehemmten und planlosen Auswanderung durchzuführen, so bestünde heute für Deutschland weder ein Arbeitslosenproblem, noch gäbe es eine mitteleuropäische Frage.
Berlin gut gehalten.
Berlin, 21. Okt. (WTB. Funkspruch.) Auch heute vermochte sich die an sich unverkennbar vorhandene freundlichere und zuversichtlichere Grund st immung an der Börse kursmäßig kaum auszuwirken, da das anhaltend außerordentlich geringe Geschäft die Bewegungen bei den einzelnen Papieren in starkem Maße vom Zufall abhängig machte. Dem nach der freundlicheren Haltung der letzten Tage etwas überraschenden neuen Schwächeanfall in Neuyork standen verschiedene .günstige Momente aus der deutschen Wirtschaft gegenüber. So. verwies man vor allem auf die gestrige Rede des Reichsbankpräsidenten Dr. L u - ther, die einen sehr guten Eindruck hinterließ. Erwähnenswert find ferner die Zunahme der Beschäftigung der Walzwerke, der gesteigerte Absatz des Ruhrkohlensyndikats im Monat September und die Abnahme der Feierschichten, die Vergebung der Reichspostaufträge nach dem Arbeitsbeschaffungsprogramm, Arbeitereinstellungen in verschiedenen Industriezweigen usw. Der Jahresbericht der Betula, der Gewinne von 65 Mill, ausweist, machte gleichfalls einen guten Eindruck, ebenso wie der Verlauf der gestrigen Lahmeyer-GV., in dem von einer Absatzbesserung in der Elektrowirtschaft gesprochen wurde, und die deutsch-dänifch-finnische Perständi- gung über die Buttereinfuhr.
Größere Veränderungen waren kaum zu verzeichnen, Chade gingen um über 3 RM. zurück, dagegen zogen Bubiag um 1 v. H. an. Lahmeyer lagen trotz der eben erwähnten günstigen Momente 1 v. H. schwächer, und auch Contigummi und Berlin-Karlsruher büßten 1,39 v. H. ein. Deutsche Anleihen waren gut behauptet und eher sogar etwas fester, Schutzgebiete lagen aber 0,30 v. H. schwächer. Die Tendenz für die niedrigen festverzinslichen Werte war geteilt, Jndustrieobligationen lagen eher fester,
Äit dieser Feststellung aber ist allen Auswanderungsplänen nach llebersee vom staats- und raumpolitischen Standpunkt aus das Todesurteil gesprochen. Für die deutschen Lande östlich der Oder heißt für die nächsten Iahrzehnte die Kernfrage: „Polonisierung oderKolo- n i s i e r u n g ?" Es ist durchaus nicht notwen» dig, daß hierzu die teilweise für die Lebens, mittelverforgung Deutschlands notwendigen Großgüter zerschlagen werden. Deutschland hat genug Raum für eine große Kolonisationsbewegung im Osten. In Verbindung mit dem Arbeitsdienst sind z. B. in der Ostmark von den großen Wehrverbänden vom Stahlhelm über den jungdeutschen Orden bis zum Reichsbarmer g e s ch l o s - sene Kolonisationsdörfer geschaffen worden. Hier liegt die Zukunftsaufgabe für rede Regierung, aber auch für die großen hündischen Organisationen des Reiches. Immer war der Deutsche im Osten dem Slawen überlegen, wenn seine Siedlung einen wehrhaften Charakter trug. Keine uferlosen Pläne, das Blut des deutschen Volkes im südamerikanifchen Arwald versickern zu lassen, sichern die Zukunft Deutschlands, sondern ein baldiges Zusammenwirken aller deutschen Stellen, die als eine deutsche „Landnehmerbewegung" den Osten diesseits, und der einst auch einmal jenseits der jetzigen Zwangsgrenzen mit Pflug und Schwert dem Reiche sichern.
während Goldpfandbriefe kaum behauptet schienen. Reichsschuldbuchforderungen konnten sich bei etwas lebhafteren Umsätzen um zirka 0,25 v. H. befestigen.
Im Verlause wurde das Geschäft am Farben- und Elektromarkt etwas lebhafter, und die Kurse konnten sich meist etwas befestigen; so zogen Schuckert um 1,25 v. H. an, nur Kalipapiere lagen etwas schwächer.
Am Geldmarkt machte sich nach Ueberwindung des gestrigen Steuertermins schon wieder eine Erleichterung bemerkbar, doch fangen jetzt schon wieder die Vorbereitungen zum Ultimo an, was man aus dem anhaltenden Angebot am Privatdiskontmarkt
feststellen kann. Tagesgeld ging auf 4,25 v. H. bzw. 4,13 v. H. an der unteren Grenze zurück, Monatsgeld blieb 5 bis 7 v. H. In Reichswechseln und Schatzanwevsungen war das Geschäft nach wie vor fast umsatzlos.
Sranffurf freundlich.
Frankfurt a. M., 21. Okt. (WTD. Drahtmeldung.) Die heutige Börse eröffnete in Fortsetzung der gestrigen Abendbörse eher etwas freundlicher, was Wohl damit zusammenhängen dürfte, daß Glattstellungen aus alten Lombards unterblieben sind und die Kulisse deshalb kleinere Deckungen vornahm. Der matte Schluß der gestrigen Reuhorker Börse blieb ohne Einfluß, dagegen trugen die Meldungen aus dem rheinisch-westfälischen Kohlenrevier zu der freundlichen Stimmung bei. Das Geschäft zeigte jedoch keine größeren Ausmaße, da die innerpolitische Unsicherheit weiter zur Zurückhaltung veranlaßte.
Im allgemeinen lagen Kursbesserungen von 0,25 bis 0,50 Prozent vor. Bon Montanwrrten ge- Wannen Phönix 0,50 Prozent. Am Clektromarkt eröffneten Schuckert 1,25 und Gesfürel 0,25 Proz. höher, Lahmeyer blieben 0,50 Proz. unter dem Abendbörfenniveau. IG. konnten sich gut behaupten. Von Bauwerten gaben Philipp Holzmann 0,13 Proz. nach. Schiffahrtsaktien setzten unverändert ein. Von Rebenwerten verloren Contilinoleum 0,50 Prozent, anderseits konnten sich Vereinigte Zellstoff Dresden im gleichen Ausmaß erhöhen. An den übrigen Marktgebieten herrschte Geschäftslosigkeit.
Am Rentenmarkt zeigte sich Interesse für Altbesihanleihen, die 0,25 Prozent gewannen; späte Reichsschuldbuchforderungen lagen mit 66,50 bis 66,63 Proz. unnverändert. Die Schutzgebietsanleihe lag mit Rücksicht auf die gestrige Kammergerichtsverhandlung um 0,38 Prozent niedriger. Der Pfandbriefmarkt hatte sehr kleines Geschäft bei uneinheitlicher Kursgestaltung.
Im Verlaufe blieb der Montanmarkt weiter im Vordergrund des Interesses, und auch an den übrigen Gebieten ergaben sich bei kleinem Geschäft keine Veränderungen. Tagesgeld war zu 3,5 Proz. unverändert.
Reue deutsche Wohlfahrtsmarken.
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Am 1. November bringt die Reichspost eine neue Markenserie in den Verkehr, die mit einem kleinen Aufschlag für die Wohlfahrtspflege verkauft werden. Die Darstellungen zeigen, wie schon auf den früheren Serien, Meisterwerke der alten deutschen Architektur. — Unser Bild zeigt einige der schönsten Marken der neuen Serie: die Burg Stolzenfels a. Rh. (links), das alte Landgrafenschloß in Marburg (Mitte) und die Wartburg (rechts).
Wirtschaft.
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Vornan von Gert Nothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)
18 Fortsetzung. Rachdruck verbotenI
Altendorf nahm die Hände des Mädchens fest in die. seinen, trotzdem Traute sich sträubte.
„Kleines Mädelchen, du, ich liebe dichl Ist es nichts wert, wenn man weih, man hat einen Menschen in ein neues, schöneres Leben hinübergerettet?"
Traute sah ihn an; dann sagte sie:
„Ich werde niemals einem Manne ohne Liebe angehören."
„Wenn Sie keinen Mann lieben, Traute, dann werden Sie es lernen, mich zu lieben", sagte er eindringlich, und seine Stimme klang bestrickend weich und dunkel.
Traute zuckte zurück; dann sagt«.sie fest:.
„Ich liebe einen anderen Mann, Herr Altendorf, und nun werden Sie Wohl endlich einsehen, daß jedes weitere Wort vergebens ist/'
Sie huschte zur Seite und lies davon.
Er aber sah ihr nach. Was kümmert« ihn blasse, verblüht« grau, die daheim aus ihn toaf» . tete? Was kümmerte ihn die elegante Kitje Blo- melen, di« in der Hauptstadt ihr Engagement absolviert« und ihn nftt den zärtlichsten Ramen rief?
Richts!
Er wollte Traut« Bolsch«r!
Im Geist sah er ein braunes, ernstes Gesicht, in dem zwei helle, blaue Augen drohend und verächtlich aufflammten.
Fritz Lohgarten!
Dieser Mann, der unbarmherzig mit ihm ins Gericht gegangen wäre, wenn nicht Hilma dazwischen stände!
And der auch allen Grund dazu hatte, mit ihm ins Gericht zu gehen. Oder doch nicht?
Altendorfs schönes Gesicht wirkte jetzt höhnisch, brutal, und dennoch lag ein tiefer, schmerzlicher Zug um den Mund.
„Sie liebt Lohgarten? Dann wehe ihm!"
Langsam ging er der breiten Straße zu, die rechts drüben nach den Stadtanlagen führte.
Aber er sah es nicht, daß ihm noch immer der kleine Mann folgte, der ihm schon den ganzen Tag über auf Schritt und Tritt gefolgt war.
Hilma saß am nächsten Abend mit ihrer Mutter im Wohnzimmer. Si« fühlte sich sehr elend, und ihr Blick ruhte immer wieder auf der Tür. Doch Heinz kam nicht. Die Mutter sah dieses qualvolle Warten. Sie hatte es schon die ganzen Tage worher gesehen, und sie wußte auch, daß jetzt das Drama dieser Ehe zum Abschluß kommen mußte.
Ieht würde sich Heinz Altcndorf von Hilma lösen!
Ieht, wo er noch einmal berühmt geworden toar!
Lind — Hilma würde vor ihrem vielleicht schon baldigen Tode nun doch noch dieses Schwerste, Allerschwerste auskosten müssen.
Hilma erhob sich.
Das resendenfarbige Hauskleid fiel glatt an ihrer entsetzlich mageren Figur herunter.-Mit ihrem schleppenden Schritt ging sie zur Tur. Sie sagte nichts zur Mutter, ließ sie einfach allein und ging hinaus.
Und die Mutter fühlte sich willenlos, ohne die Macht, etwas Furchtbares aufzuhalten, dessen Kommen sie seit Wochen ahnte. Mit gefalteten Händen sah sie da, und ihre Lippen bewegten sich.
Drüben stand H'lma vor der Tür des Zimmers, hinter der iLe ihren Mann wußte. Einige Minuten lang stand sie regungslos da; dann aber drückte sie entschlossen den Drücker nieder.
Langsam zog sie die Tür hinter sich zu, sah auf den Mann, der dort im Sessel saß.
Wer war denn der Mann? Das war Heinz Altendorf? Der Mann, den sie so liebte? Ihr — eigener Gatte, der sie verlacht, mit Füßen gestoßen, sie betrogen, vernachlässigt und der sie doch mit ein paar freundlichen Worten und — mit einigen erheuchelten Zärtlichkeiten an sich zog? Dem sie verfallen war mit Leib und Seele?
- Dieser Mann sah erschreckend aus. Alt, gelb, iMp.it zerfurchtem, müdem Gesicht und eingesunke- neflfr Augen.
OTÄt diesen eingesunkenen Augen sah er ihr jetzt €i^9€9en> und ein lautes Lachen scholl zu '^CSarurfii kommst du? Ich hasse dich! Unb ich ha'üe euch tolle! Damit du es endlich einmal weißt. Ich toftti. allein sein. Geh!"
Hilma stand Unbeweglich da. r. .
Er tat, als ft« nicht mehr da. Er stand mrf ninn »um «Schrank und entnahm ihm einen was -s tvar: Me W°r.
furr
du! Dein Anblick macht mich Mr.
Hand tastete rückwärts. Endlich hatte sie die Hasd am Griff der Tür. Langsam ging 'lConkn^Ün ihrem Schlafzimmer auf der Kante . f Ls kauerte, sah sie nur immer diesen Des -ö^“frmürbt€n Menschen vor sich, der sie mit Äüfd^en Augen anstarrte.
Dapglupe: &er grau wurde es ruhig!
uiuljig und friedlich!
Gan- Altendorf-Lerhosf wußte, was ihre Hilma'
Pflicht tit0?ar"
Pft'^chen würden es anders beurteilen; aber liebte diesen Mann mehr als sich selbst, sie, ft«r Mensch, der sich durch Gifte beleben Und -ker hatte nichts mehr zu verlieren!
muß, i Hjlmas gelbliche Hand, auf der die bl.iuen
Ank durchschimmerten, strich leise und lieb- Aederc.^c^x das Spitzenkissen des zweiten Bettes, kosend ;
Fritz Lohgarten befand sich in einer furchtbaren Aufregung.
Die Listen mit den genauen Dotizen über die neuen Farben waren abhanden gekommen, Und der Bureaudiener hatte gesagt, daß Fräulein Bolscher gestern abend, kurz ehe sie nach Hause ging, noch einmal ins Laboratorium gekommen fei mit der Bemerkung, sie vermisse eine goldene Radel, die wahrscheinlich noch in einem Behälter ihres Arbeitstisches liege. Er hatte das Fräulein hereingelassen. Sie hatte ja so lange beim Chef im Laboratorium gearbeitet — und da hatte er sich nichts dabei gedacht, wenn er im Vorzimmer wartete.
„Es ist gut!"
Mühsam verbarg Lohgarten die furchtbare Erregung, die in ihm tobte.
Also doch!
Sein schwarzer Verdacht bestätigte sich: Die schöne, kleine Traute macht mit seinem Todfeind gemeinsame Sache!
Sie war eine — Diebin!
Sie stahl, weil ihr Geliebter es verlangte?
Und dieses Geschöpf liebte er! Er, Fritz Lohgarten! Er, der immer jo kühl über die Frauen gedacht hatte!
Lohgarten wandte sich um.
„Fräulein Bolscher möchte einmal zu mir herüberkommen! Keine falschen Schlüsse, Alter! Vielleicht kann Fräulein Bolscher doch etwas helfen bei der Auffindung der Liste."
Es klang ganz ruhig, und der alte Diener ging schnell davon.
Wenige Minuten später stand Traute vor Fritz Lohgarten, ©eine Augen musterten sie kühl und verächtlich.
„Fräulein Bolscher, eine peinliche Sache. Die Liste fehlt, auf der die genaue Zusammenstellung der neuen Farben notiert ist. Sie haben lange genug bei mir gearbeitet, um zu wissen, was für mich jetzt auf dem Spiel steht."
Traute blickte ihn entsetzt an. Dann blitzte es empört auf in den dunkelblauen Augen.
„Die Liste? Ich habe sie Ihnen doch abgeliefert, als ich meinen Posten hier verlieh... Und ich bin doch nicht wieder —"
Sie sprach nicht weiter. Ein Taumel befiel sie. Mit beiden Händen griff sie nach dem Stuhl, der nicht weit von ihr stand. Die Gegenstände im Zimmer führten einen wilden Tanz auf, rasten um sie herum.
Die Liste! Unb sie — sie war noch einmal hier gewesen, hatte sich eine kleine goldene Radel geholt. Hätte sie doch diese kleine Radel liegen» gelassen. Ietzt — stand - sie — vielleicht gar in dem Verdacht... Rein! Das wäre furchtbar, wäre nicht auszudenken.
„Herr Lohgarten — ich — war noch einmal hier, um eine Radel zu holen; aber ich habe mich um 'nichts hier gekümmert — ich habe nicht einmal gesehen, ob Papiere auf Ihrem Schreibtisch lagen ober nicht."
„Weshalb verteidigen Sie sich? Es hat Sie noch niemand angeklagt; aber da ich diese Angelegenheit dem Staatsanwalt übergeben werd«, das heißt, zunächst der Kriminalpolizei, so wer
den Sie sich auf einige Verhöre gefaßt machen müssen."
Mit finsteren Augen betrachtete er sie, die zart und schlank dort stand. Wie ein Riese kam er sich ihr gegenüber vor. Unb er wollte auch lieber in angemessener Entfernung bleiben, denn Wut, Schmerz und Liebe stritten in ihm, daß er die zarte Gestalt am liebsten hin und her geschüttelt hätte, weil sie sich an einen Heinz Altenbvrs hatte verlieren können.
„Herr Lohgarten, doch — ich weiß, ich komme in den Verdacht, die Papiere genommen zu haben. Ich schwöre Ihnen, baß dies nicht der Fall ist. Ich — hätte doch kein Interesse daran haben können, Ihnen Schaben zuzufügen?!"
„Sie nicht! Aber Herr Altenbors!"
Zwischen den Zähnen hatte er es gesagt.
Sie blickte ihn an, maßloses Entsetzen in den Augen.
„Herr Altenbors? Was geht mich Herr Altendorf an?“ fragte sie außer sich.
Unb da fiel ihr auch schon ein, daß alles gegen sie war. Man hatte sie mit Herrn Altenbors gesehen! Unb nun verdichtete sich der Verdacht immer mehr gegen sie, unb sie war doch unschuldig. Sie war vor dem Manne geflohen, vor dessen Leidenschaft ihr graute und der verheiratet war. Riemals wäre auch nur die kleinste Gemeinschaft mit ihm in Frage gekommen. Riemals!
Aber Fritz Lohgarten glaubte ihr nicht; sie sah es an seinen grausamen, Hellen Augen.
Unb da war es ihr plötzlich, als stürbe sie und fühlt« das ganz genau. Alles wurde kalt unb schwer; lautlos sank Traute zu Boben.
Unb der Mann starrte auf die zusammengesunkene Gestalt.
Dann aber hob er sie auf. Unb er toanbte den Kopf weg, als ihr Gesicht, weiß unb schmal, an seiner Schulter ruhte. Vorsichtig legte er sie bann auf die Chaiselongue.
Rach einigen Minuten erwachte Traute.
Er stand mit einem Glas voll Wasser vor ihr. Sein Herz schlug in rasenden Schlägen. Plötzlich wußte er: Traute war unschuldig! Sein Herz rief es laut unb immer lauter. Aber die Vernunft konnte es nicht glauben.
„Traute ging unter einem Vorwand ins Laboratorium, unb babei nahm sie bie Liste, weil OUtenborf es so wollte!"
Traute nahm bas Wasser unb trank. Danach fühlte sie sich etwas Wohler, unb nun stand sie auf. Die Füße waren ihr noch ganz schwach unb bie Knie zitterten. Dennoch schleppte Traute sich zur Tür.
„Ich kann Si« nicht zwingen, mir zu glauben; aber ich habe bie Liste nicht genommen. Ich bitte um meine Entlassung. Ich fühle mich viel zu elenb, um morgen hier wieder arbeiten zu können."
„Entlassung! Sie wird kommen; aber vorläufig bleiben Sie um Ihrer Pflegeeltern willen krank, damit sie sich nicht aufregen.“
Traute ging. Als sie draußen war, preßte sie beide Hände auf das wildschlagende Herz.
(Fortsetzung folgt)


