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Nr. 95 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 21. April 1952

Aus der Provinzialhauptffodt.

(Sieben, den 21. April 1932.

Kommerzienrat Schaffstädt t-

Destern frich ist nach langem schwerem Leiden der Seniorchef der Firma Sj. Schaffstaedt G.m.b.H.. Kommerzienrat Heinrich Schafs st ä d t. kurz vor Dollendung seines 82. Lebensjahres verstor­ben. Mit ihm ist ein hervorragender Dertreter der Giehener Industrie und ein langjähriger Mit­arbeiter an den kommunalen Aufgaben unserer Stadt zur letzten Ruhe dahingegangen.

Heinrich Schafsstädt war ein Sproß einer alteingesessenen Giehener Familie, deren Stamm- bäum bis zum Dreißigjährigen Kriege zuräck- reicht. Dach dem Besuche der Äahnfchen Dorschule und Realschule machte der nun Verewigte in dem väterlichen Geschäft seine Lehrzeit durch, nach deren Ablauf er in zahlreichen auswärtigen Be­trieben zur Erweiterung seiner theoretischen und Praktischen Kenntnisse tätig war Den Feldzug von 1870 71 machte er als Einjährig-Freiwilliger mit. Dach dem Friedensschluh kehrte er in seine Vaterstadt zurück, wo er sich neben seiner ge­schäftlichen Tätigkeit auch als eifriges Mitglied- und warmherziger Förderer der Turnerei, des Duder- und des Eissports betätigte, ferner der Feuerwehr und zahlreichen anderen Vereinen ein geschätzter Mitarbeiter und Helfer war Im Jahre 1881 übernahm er nach dem Tode seines Vaters die Leitung deS im Sabre 1841 gegrün­deten Geschäfts, das unter feiner Führung und durch seinen unermüdlichen Fleiß immer mehr emporwuchs und im Laufe der Jahrzehnte zu einem in Deutschland und im Auslände weithin geachteten Unternehmen in der Branche der ge- sundheitStechnifchcn Anlagen wurde. Durch feinen praktischen Blick für alles Technische, durch seine Geistesgaben und durch die Großzügigkeit seines enttchlußfreudigen Handelns gelang eS ihm in eifrigem Streben, einige Erfindungen zu machen, durch deren Verwertung die. Firma Schaffstaedt mit ihren Erzeugnissen in allen Erdteilen einen hervorragenden Dus gewann. 11. a. haben die sanitären Apparate und Einrichtungen der Firma Eingang in die deutsche und die ausländische Handels- und Kriegsschiffahrt gefunden und da­mit den Damen der Firma und der Stadt Gießen in ckllen Teilen der Welt bekannt gemacht.

Obwohl ihn seine Firma stark in Anspruch nahm, versagte der Heimgegangene seine Mit­arbeit zum Besten der Gießener Bürgerschaft nicht, als der Dus zur Wahl in die Stadtver­ordnetenversammlung an ihn erging, durch den er im Dovember 1901 mit einem Stadtverord­netenmandat betraut wurde. Sm Dovember 1907 berief ihn das Vertrauen der Mitbürger auf weitere neun Sabre in die .Stadtverordneten­versammlung. der er da während der Kriegs- jahre eine Stadtverordnetenwahl nicht vorge­nommen wurde - bis zur Deuwahl des Stadt­parlaments im Jahre 1919 angehörte. Als Stadt­verordneter war er. neben der Arbeit int Plenum, in der Finanzkommission, in der Schuldeputation, in der Theaterkommission. in der sozialpolitischen Kommission und in der Kommission zur Be­schaffung von Brennmaterialien, außerdem als Vertreter der Stadt in der Verwaltung der AG. Gießener Volksbad eifrig zum Wohle der Stadt tätig. Bei der Errichtung unseres Stadt­theaters gehörte er mit zu den ersten Stiftern für dieses ..Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns". Er wurde in den Vorstand des Theaterbauvereins entsandt, wo er als ehrenamtlicher Geschäfts­führer des Vereins» segensreich wirkte, bis Ende September 1925 das Theater in den Besitz der Stadt überging. Weiter gehörte er zu den Stiftern bei der Gründung des Dolksbades, ferner

Roman von 3- Schneider-Foerstl.

Urheber-Rechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau. 33. Fortsetzung. Dachdruck verboten!

Die Mädchenaugen wandten sich von ihr ob unb blickten geradeaus. ..Gott! Eigentlich gar nichts!" sagte sie geringschätzig. »Sch habe eine Woche lang geglaubt, ich könnte nicht ohne ihn leben. Damals habe ich Margret gebeten, daß sie ihn mir läßt. Aber sie hat ältere Rechte geltend gemacht. Die Sache ist ja nun in Ord­nung! Morgen wird sie seine Frau, und die Geschichte ist erledigt."

Suse? Liebling!" Frau von Decklinhausen unterdrückte mit aller Gewalt das Weinen, wel­ches ihr in der Kehle sah. Was war aus ihrer Süngften geworden Wie sollte sie ihre Worte stellen, um ihr ^Kind zu überzeugen, daß es keinen zweiten Menschen auf Erden gab, der so wie sie alles, selbst das Leben für ihr Glück zu opfern bereit war. Eine ungeheure Angst preßte ihr das Blut nach dem Herzen, so daß es aus­zusehen drohte. .Wie soll ich morgen von dir gehen können, Suse, wenn ich dich in solcher Stimmung zurücklasse."

Dann wird es erst gut sein, Mama, wenn ihr alle gegangen seid."

Kind!" Die Hände vor das Gesicht drückend, glitt Frau von Decklinhausens Kopf auf die Decke, welche den Körper ihrer Süngften wärmte. Shre Schultern zuckten in wildem, fassungslosem Weinen und über ihr war das schwere Atmen der Tochter hörbar, die lieber ihr Herz verschloß, als daß sie der Mutter Einblick in ihre Dot gab und dieser ihr altes Vertrauen schenkte.

Kein Wort fiel. Dur Suses Atemholen und das stiller werdende Schluchzen der geängstigten Frau drangen durch das Zimmer.

Die Sommernacht war erfüllt vom Duft der Linden, welche die Chaussee umsäumten. Sn köst­licher Süße verströmte der Holder seine Blüten­seele. Schwer und berauschend zog das Duft- gemenge durch die offenen Fenster, an welchen die Gardinen weit zurückgezogen waren.

Seht, durch die lautlose Stille der Dacht, hörte man sogar die Wellen des Flusses heraufschlagen und einen schwachen Hall, der von dem Tosen kam, das das Wehr, das eine halbe Stunde unterhalb des Gutes lag, verursachte.

'Frau von Decklinhausen hob den Kopf und sah die Tochter aus vorwurfsvoll verweinten Augen an: »Suse! Kannst du wirklich so von deiner Slutter Abschied nehmen?"

«Ach. Mama--wenn-du Wert darauf legst

ich war in der letzten Zeit wirklich nicht mmer liebenswürdig und bitte dich, zu ver-

> er feine Arbeitskraft im Vorstand der Alice- Schule zum Dützen dieser Einrichtung wirksam werden, und ebenso konnten sich die Wohlfahrts­bestrebungen in unserer Stadt seiner eifrigen Mitarbeit erfreuen. Als warmherziger Freund des Mittelstandes betätigte er sich auch lange Sabre im Aufsichtsrat der Handels- und Gc- werbebank. Don dem Gesangverein..Sängerkranz" und von dem Turnverein 1846. die in ihm ein verdienstvolles Mitglied besaßen, wurde er in Anerkennung seiner Förderung der Vercinsinter» esscn zum Ehrenmitglied ernannt. Seine hervor­ragende industrielle und kaufmännische Arbeit, von der weite Kreise der Bürgerschaft gedeihlich beeinflußt wurden, und feine verdienstvolle Tätig- feit zum Besten der Allgemeinheit wurden im Sahre 1906 von dem früheren Großherzog Ernst Ludwig durch die Verleihung des Titels Kom- merzienrat anerkannt.

Deden deckt erfolgreichen Wirken auf seinem großen beruflichen und ehrenamtlichen ArbeitS- fclde waren es aber auch die Schlichtheit und Vornehmheit seines Menschentums, die ihm die Stzmpathie vieler Mitbürger und die Verehrung seiner Mitarbeiter eintrugen. Die hohe Wert­schätzung blieb dem charaktervollen Manne auch in vollem Umfange erhalten, seit er sich in den wohlverdienten Ruhestand zurückgezogen hatte. Dem Verewigten wird in nnferer Stadt ein dauerndes ehrendes Gedenken sicher sein.

Aepscl 10 bis 15. Dörrobst 25 bis 30. Düsse 35 bis 40. Honig 40 bis 45. lungc Hähne 80 bis 90. Suppenhühner 70 bis 80 Pfennig pro Pfund: Tauben bO dis 70. Eter 6 und 7. Salat 20 bis' 25, Blumenkohl 30 bis 70. Salatgurken 50 bis 70. Sellerie 10 bis 40. Lauch 5biS10. Käle 5 bi» 10 Pfennig pro Stück: Rettich (neue) 25 bis 30, Radieschen 10 bis 15 Pfennig pro Bund.

Schwerer Unglücksfall. Heute gegen 10.05 Uhr ereignete sich auf dem Bahnsteig 3 des hiesigen Bahnhols ein schwerer Unglücksfall. Der Rangierer Karl Winter von Launsbach, ein verheirateter Mann mit sechs Kindern, geriet auf bisher noch nicht völlig geklärte Weife unter einen rangierenden Wagen, wurde überfahren und er­litt schwere Verletzungen an beiden Seinen. Zwei zufällig anwesende Sanitäter leisteten ihm sofort erste Hilfe. Die Sanitätskolonne brachte den be­dauernswerten Mann nach der Klinik.

"DieGiehener Freiwillige Feuer­wehr hielt am Samstag ihre diesjährige ordent­liche Hauptversammlung im .Frankfurter Hof" ab.

Jfire Jßnzeigen

Vornotizcn.

Tageskalender für Donnerstag. Mittelstandvereinigung: 20.15 Uhr, Cafe Leib. Vortrag von Prof. Horneffer über ..Europa und Deutschland". ..Einhorn'-Saol: 11 bis 19 Uhr. Hessische Hygiene-Ausstellung. Allee-Schule: 16 Uhr. Steinstraße 10. Lehr- und Unterhaltungs- nachmittag. Lichtspielhaus Bahnhofstraße: Die Frau von der man spricht". Astoria-Licht- spiele: ..Mann über Bord"

'21 u 6 dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Morgen, Freitag, 22. April, 20 Uhr, Wiederholung des OperettenfchlagcrsMorgen gehts uns aut!" Den luftigen Text schrieb Hans Müller nach Motiven einer alten Wiener Posse, Ralph Be­natzky erfand dazu die richtige Musik. Heinrich Hub, der auch die Hauptrolle spielt und singt, führte Re- gie. Seine Partnerin: Eva Herms als Gast. Musi­kalische Leitung Walter Moehl. Die.Tänze der Girls und die Soll studierte Ewald Bäulke ein. 27. Bor- ffellung im Freitag Abonnement zu Operettenprei­sen. Ende nach 23 Uhr. Der größte Lustspiel- erfolg der Spielzeit war, wie auch an anderen Theatern, die englische KomödieVater sein da- gegen sehr!" Um den vielen Anfragen aus dem Publikum entgegenzukommen, hat sich die Inten­danz enkschlossen, das Stück noch einmal als Volks- DorfteUiing zu kleinsten Preisen zu geben. Näheres wird noch bekanntgegeben.

Die Lehr, und Unterhaltungs- Vorführungen in der Alice- Sch ule fin­den nicht, wie gestern berichtet, beide heute, Don- nerstog, 16 und 20 Uhr, sondern heute nur um 16 U b r und morgen, Freitag, nur um 20 Uhr statt.

Gießener DZochcnmarktprcise.

G i e stc n. 21. April. Es, kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Süßrahmbutter 130 Pf. Landbutter 120. Kochbutter 100. Matte 25 bis 30 Wirsing (gelb) 15 bis 20 (pro Ztr. 12 bis 15 Mk.), Wirsing (grün) 25 (pro Zentner 20 bis 22 Mk.) Rotkraut 12 bis 15 (pro Zentner 8 bis 9 Mk.) Weißkraut 10 (pro Zentner 6 bis 6,50 Mk.) Kartoffeln 4.5 (pro Zentner 3.80 bis 4 Mk.) gelbe Düben 10 bis 12. rote Rüben 10 bis 12 6pmat 10 bis 15. Unterkohlrabi 5 bis 8 Grünkohl 10 bis 15. Feldsalat 80 bis 100 Tomaten 50 bis 60. Zwiebeln 18 bis 20* Meerrettich 30 bis 60. Schwarzwurzeln 25 bis 35,

werden durch sorgfältige, wirksame Satzausstattung

ircr bm

wenn Sie sie frühzeitig genug aufgeben

die von 96 Mitgliedern besucht war. Dachdem die neugegründete Musikkapelle zwei flotte Märsche zu Gehör gebracht hatte, eröffnete Drandinspektor Wendel die Generalversammlung. Der von Drandinspektor Wenzel vorgetragene Sahres- bericht zeigte, daß die Geschäfte der Wehr in einer Hauptversammlung, einer außerordentlichen Hauptversammlung, sechs Vorstandssitzungen, zwei Ehrengerichtssihungen, sowie verschiedenen Kom- missionssihungen wahrgenommen wurden. Sm Sommerhalbjahr 1931 sanden sechs Hauptübun­gen statt, die durchweg gut besucht waren. Ferner wurden für die Sungmannschast mehrere Lehr­übungen abgehalten, 'wofür deren Leiter, Brand­meister Betz, besonderer Dank ausgesprochen wurde. Die Mitgliederzahl im Sahre 1931 ergab 4 Ehren-, 78 unterstützende und 128 ordentliche Mitglieder. Fünf Mitglieder wurden ausgeschlos- fen. Cs traten 25 Mitglieder der Wehr bei. Aus­zeichnungen erhielten für 30 Sahre ein Kamerad, 25 Sahre 3, 20 Sahre 6. 15 Sahre 5, 10 Sahre 4 Kameraden. Als besondere Auszeichnung für Verdienste im Feuerlöschwesen wurde Dranddirek- ttor Braubach das Verdienst kreuz I. Klasse des Deichsfcuerwehr-Derbandes verliehen. Die Wehr war beim Derbandskag der Freiwilligen Feuer­wehren der Provinz Oberhesfen in Lauterbach, so- wie beim Herbstverbandstag der Freiwilligen Feuerwehren des Kreises Gießen in Lang-Göns und beim FrühfahrSverbandstag in Gießen ver­treten. Ter Herbstverbandstag der Freiwilligen Feuerwehren des Kreises Gießen findet am 10. Suli 1932 in Großen-Buseck statt. Dachdem Brandmeister R ö d i g e r nach mühevoller Arbeit die Kasse in Ordnung gebracht-hat, erstattete er Dericht über den jetzigen Kassenstand. Leider muhte bei völligem Abschluß der alten Rechnung festgestellt werden, daß sich der Fehlbetrag auf über 1700 Mk. erhöht. Kamerad Rödiger

wurde auf Antrag der Rechnungsprüfer unter Dank für i>ie geleistete Arbeit Entlastung erteilt. Aus der Ersanuahl eines Rechners ging Kamerad Sofcph H e i ß l e r als gewählt beriwr. Durch Tod verlor die Wehr den Kameraden Christoph Hcidelb_ach, bellen Andenken durch Erheben von den cipen geehrt wurde. Die Klänge der Kapelle hielten bie Kameraden nach Schluß der Versammlung noch einige Zeit in bester kamerad­schaftlicher Stimmung zusammen.

" Zehn Sabre Mädchenbund der Lukasgemeindc. Am vorigen Sonntag feierte der Mädchenbund der Lukasgemeinde' das Fest seines 10jährigen Bestehens Der Bund ift auS einer Vereinigung hervorgcgangen. die früher schon jahrzehntelang bestanden hat. nämlich auS der Vereinigung der fonhnnierten weiblichen Sa­gend der Lukasgcmeinde. Um 8 Uhr sand in der Sohanneskirche ein Festgottesdienst statt, bei dem der Mädchenbund zwei Chöre vortrug und bei dem der neue Wimpel, den die Lukasgemeinde dem Bund ge'chcnkt hat, seiner Bestimmung über­geben wurde. Um 15 Uhr sand in den dichtbefetz- ten Räumen der Liebigshöhe eine Dachfeier statt. Der erste Teil dieser Veranstaltung trug religiösen Charakter. Die Leiterin des Bundes, Frau Anna Heß, sprach in ernsten Worten davon, daß der Bund nur dann Aussicht auf Gedeihen habe, wenn seine Mitglieder sich aus eine religiöse Grundlage stellen. Es machte auf die Versamm­lung einen tiefen Eindruck, als eine Frau in vieler zu Herzen gehenden Weise Worte der Er­mahnung sprach Ein Sprechchor betonte daß der Bund nut ganzer Seele dem deutschen Vater- lande und dem deutschen Volkstum ergeben ist. Der Vorsitzende des Gemeindevereins. Suwelier Doll, beglückwünschte den Bund zu seinem Feste und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Wirk­samkeit dieser Vereinigung für die gesamte Ge­meinde Segen haben möge. Das Mitglied Frl. Else Wagenbach gab einen Uebervlick über die Geschichte des Bundes. Der zweite Teil diente mehr der Unterhaltung. Mehrere Volkstänze fan­den reichen Beifall. Zum Schluß gelangte ein Spiel des im Sahre 1917 an der Ostfront ge­fallenen Dichters Walter Fles zur Aufführung. Auch dieser Darbietung folgte die Versammlung mit gespanntem Sntereffc.

"Dentschnatiobaler Handlungs- aehilfen-Verband. Sn einer gut besuchten Mitgliederversammlung der Ortsgruppe Gießen des DHV. sprach Gauvorsteher Auerbach (^ranf- furt a. M.) über die wirtschastllchs und politische Lage. Der Redner führte u. a. aus, daß mir es gegenwärtig nicht mit einer Krise, sondern mit einer allgemeinen Strukturmandlung in unserer Wirt schäft zu tun hätten. Diese sei hervorgerufen durch die rasche Entwicklung Deutschlands vom Agrar zum Industriestaat. Die Absatzmöglichkeiten für die Industrie seien vor dem Kriege andere gewesen als heute. Jeder Staat lei zur Zeit bemüht, seine Be- dürfnisse aus eigenes Wirtschaft zu befriedigen. Den deutschen Produkten stehe deshalb nicht mehr die ganze Welt offen. Die Rationalisierung der Betriebe habe ein übriges getan. Der Krieg und die Tribute hatten Deutschland außerdem zu einem armen Land gemacht, man habe Kredite aufnehmen müssen, die im vergangenen Sommer überraschend zuriickgezo- gen worden seien und eine Vertrauens' und Kre> ditkrise auslösten. In feinen weiteren Ausführungen sprach der Redner vom Sinn der Wirtschaft, er be- |d)äfhgte sich mit der Gehalts- und Lohnpolitik und der Sozialversicherung, forderte Beseitigung der durch die Notverordnungen hervorgerufencn Hörten, besonders in der Angestelltenoersicherung, befaßte sich kurz mit dem Eiedlungsproblem und umriß die Stellungnahme des DHV. zu allen politischen und wirtschaftlichen Fragen, die sich unter völliger Aus schaltung parteipolllischer Gesichtspunkte auf völ­kisch-nationaler Grundlage aufbaue.

**»>v im# uticm, ui«ui jviiiul Freust du dich, daß wir zusammenbleiben?"

Suses Kopf glitt ruckhaft in den Racken zurück. Das darfst du mir nicht antun, Mama! Man würde sagen, ich hatte dir dein Glück nicht ge­gönnt! Und Gradnitz würde mich hassen. Er ist immer so gut gegen mich gewesen. Es muh alles bleiben, wie es arrangiert war "

»Sch lasse dich unter keinen Umständen allein!" Frau von Recklinhausens Stimme klang jetzt fest und bestimmt.CßSie soll ich glücklich sein, wenn ich dich einsam weiß!"

. zeihen!" Cs klang frostig und wie etwas aus­wendig Gelerntes, einem Zwange gehorchend, ber nicht aus kindlicher Liebe und Reue ge­boten war.

5rau von Reckllnhausen verlor jegliche Fassung. Sch bitte dich, Kind, sage mir nur das eine, womit ich es verdient habe, daß du dich so bis zum Letzten vor mir verschließest! Habe ich nicht immer meine Pflicht getan und die Hände über meine Töchter gehalten, bis zu dem Augenblick, wo ich hoffen durfte, erwachsene Menschen und Gründer ihres eigenen Glückes in ihnen zu sehen?"

Suses Schultern «zuckten verräterischSeit Gradnitz um dich ist, hast du dich eigentlich nur mehr um ihn und wenig mehr um mich geküm­mert, Mama!"

Kind!"

.Tu hast nur mehr Augen für den Mann ge­habt und nicht mehr für die Tochter!"

»Suse!''

Cs ist ja richtig", unterbrach diese die Mutter. ..Ich bin alt genug, daß ich selber für mich sorgen lärm! Warum sollst du's nicht auch machen, wie die andern alle und zuerst an dich selber denken? Dieses Recht hat jeder!"

Und das---so etwas--sagst du mir,

deiner Mutter ins Gesicht!" Ein heiseres Schluch- zen erfüllte den Raum und drang durch das offene Fenster in den schweigenden Frieden der Dacht.

Gradnitz, der das große Zimmer unter der Giebelstube bewohnte und sich noch nicht zur Ruhe begeben hatte, horchte auf. War das nicht?

Gleich darauf ein hastiges Klopfen an seiner iTür. Er schlüpfte rasch in seinen Rock und knüpfte die Krawatte wieder fest. Als er öffnete, prallte er im ersten Verwundern zurück.Du, Elisabeth?"

Er wollte die Taumelnde zu sich hereinziehen, aber sie widerstrebte, suchte nach Worten und brachte kein einziges aus der Kehle. Sie erstarben in dem haltlos erschütternden Weinen, das ihr die Tränen ununterbrochen auf das Kleid her­niederperlen ließ. Endlich vermochte sie sich so weit zu fassen, daß sie ihm sagte, sie habe ihm wichtiges mitzuteilen.

Shm voran, ging sie nach dem Erdgeschoß und öffnete ^hr Arbeitszimmer. Was mochte sie ihm zu berichten haben? Ein unangenehm be­klemmendes Gefühl der Ungewißheit erfaßte ihn. ®rft nach Minuten vermochte sie zu sprechen

Sch muß dir ein großes Leid bereiten Särgen! 2lber ich kann nicht anders! Mein Kind geht vor!"

Sch verstehe nicht. Ellsabeth!" Er hielt die Finger um die Lehne eines Stuhles gekrampft und sah sie verstört an.

-Sch kann deine Frau nicht werden! Dicht morgen, nicht übermorgen oder ein andermal! Zuerst kommt meine Pflicht als Mutter"'

Sie nickte und hielt die Finger übereinander­gedrückt. daß ihre Knöchel weih und hart hervor- traten.Suse ist sehr, sehr unglücklich, Särgen! Sch kann sie unmöglich allein in dieser Skim- wung zurücklassen! Sch hätte keine ruhige Minute an deiner Seite! Smmer würden meine Gedanken von dir weg. zu meinem Kinde eilen! Unser Glück wäre nur scheinbar! Vielleicht kannst du warten! Vielleicht gibt es überhaupt fein Zu­sammenkommen mehr! Sch weiß es nicht! Weih nur das eine: Daß mein Platz bei meinem Kinde ist. daß ich es als meine heiligste Pflicht be­trachte. bei ihm zu bleiben, solange es mich braucht--und daß ich deshalb auch morgen

nicht mit dir zum Altar treten und deine Frau werden kann."

Doch während sie sprach, tauchte unter der Tür, die nur angelehnt gewesen war, Suses schneebleiches Gesicht auf. Sie hatte nichts als ihr Dachtkleid übergeworfen, das blonde Haar rollte in schweren Locken über ihre Schultern und fiel in seidigen Strähnen in ihre Wangen. Mama!"

Frau von Decklinhausen fiel in den Stuhl hinter sich, so wild hatte sich das Mädchen an ihre Brust geworfen.

Mama!"

Gradnitz ging unbeachtet zur Tür und drückte sie geräuschlos hinter sich zu. Er hatte fein Recht, zu hören, was Mutter und Kind sich zu sagen haben mochten.

Suse hatte in ihrer Giebelstube keine Ruhe gefunden und war Frau von Reckllnhausen nach­geeilt. Sedes Wort, das diese mit Gradnitz ge­wechselt hatte, war für ihr Ohr vernehmbar gewesen.

Vergzb mir, Mama!" Sie umschlang deren Hütten und drückte den Kopf in ihren Schoß.

Du frierst, Kind?" war das erste, was die erschrockene Mutter zu sagen vermochte. Sie nahm ihr großes, gesticktes Tuch von den Schultern, und hüllte die Tochter darin ein.Suse. Kleines! Du mußt nicht mehr weinen! Wir bleiben zu­sammen! Sch gehe nicht fort von djr! Das erste Recht an mich hast du, mein Kind!"

Die fühlte, wie die Tochter' sie immer fester umklammerte und strich tröstend über deren ver­wirrtes Haar.Sch habe schon mit Gradnitz gesprochen? Unsere Hochzeit findet morgen nicht statt... Diemand wird sich deshalb den Kops zerbrechen. Es wäre ohnedies alles in vollkom­mener Stille vor sich gegangen. Wenn Mar­gret mit ihrem Mann weggefahren ist, sind nur

Er stand noch immer, ohne sich zu regen. Dur mehr du und ich allein, mein Kind! feine Wangen hatten alle Farbe verloren.Sch * ' ' ' muß dich um eine nähere Erklärung bitten. Elisabeth! Du wirst begreifen, daß ich keine Zusammenhänge finde, so sehr ich mich auch be­mühte. dieselben zu ergründen."

Warna, gönn mir's doch!" flehte SuseGe­rade das Einsamsein, das brauche ich jetzt! Sch muh mich wieder zuräckfinden zu mir selbst! Sch muh. Mama!" beharrte sie. aks ein schmerz­liches Lächeln in bereit Augen trat.Wenn nie­mand mehr um mich ist, werde ich am ersten wieder zur Ruhe kommen. Vielleicht bringe ich es dann so weit, daß ich ihn vergesse! Wenigstens in meinen Dächten, Mama!"

Doktor Wander?"

Suse schüttelte geringschätzig den Kopf. ,.Mal- now. Mama! Du weißt ja nicht, wie ich ihn ge­liebt habe!"

Mein armes Kind! Und ich hatte keine Ahnung davon!" Ununterbrochen strichen die Weißen Frauenhände über das Haar der Tochter, deren Haupt jetzt wieder in ihren Schoß gebettet lag.Warum hast du mir nie davon gesprochen, Suse? Sch begreife jetzt so vieles! Auch das. warum er ging! Und weshalb er so abzumagern begann. Sch habe es immer für beginnende Schwindsucht gehalten und ihm sogar angeboten, für ihn einen Platz in einem Sanatorium au belegen. Hast fru ihn nicht für wert befunden, mein Kind?"

Es dauerte Minuten, bis sich der blonde Kopf von ihren Knien hob. ,Sch wollte allein geliebt sein, Mama! ' Und er verlangte nein, er verlangte nicht! Er bat, ich möchte auch fein Kind an mein Herz nehmen. Und als er mich ent- rüstet sah, nahm er auch diese Bitte zurück. Aber ich, Mama--ich wollte nicht die Zweite fein."

»Lebt die Mutter feines Kindes noch?"

Sie ist tot!"

Frau von Recklinhausens Herz zog sich in un­endlichem Mitleid für die Tochter zusammen. Tausende Male kam das vor im Leben!

Sie selbst konnte Walnow nicht fo ohne wei­teres verdammen. Unddoch! Daß ihr Kind darum litt, das machte sie ihm zum Vorwurf. Dur das allein.

Sein Bild verschob sich etwas. Ware eS nicht ehrenhafter gewesen, ihrem Kind unter diesen Umständen fernzubleiben, oder wenigsten« *uocr ihr, der Mutter. Einsicht in feine Vergangenheit

gewähren, als Suses neunzehn Sahre nht diesen Dingen zu belasten?

!Fortsetzung folgt.)