Ur. 165 Zweites Blatt
Samstag, 16. Juli 1952
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Zeitschriften.
(Verlag
daß er ist, ein darüber
nicht nur ein .Mann aus Eis" getoefen Sportsmann ersten Ranges — sondern hinaus auch ein großer Charakter.
Oben: die Führer des britischen Weltreiches, die sich auf der Konferenz versammeln werden-, von links nach rechts: Premierminister M a c d o n a 1 d , der englische Lordkanzler Baldwin, der englische Do- minionminister Thomas, der kanadische Ministerpräsident B e n n e t, der der Gastgeber der Konferenz ist, und General Hertzog, Präsident der Südafrikanischen Union. — Unten: das Parlament in der kanadischen Regierungs-Hauptstadt Ottawa.
an der Reige feines Lebens, durch einen Akt selbstloser Kameradschaftlichkeit bewiesen.
ist Genüge getan, außerdem hat man die nach Selbständigkeit drängenden Söhne und Vettern der all- englischen Familie dadurch günstiger gestimmt, indem man ihnen den seit einem halben Fahr einge- führten englischen Wertzoll von 10 Prozent nicht abnimmt. Und darüber hinaus ist man besonders Südafrika und Australien entgeacngekom- men, indem man ihnen zusagte, vor Abschluß der Weltkonferenz mit anderen Ländern keine neuen Handelsverträge abzuschließen. Auf dem europäischen Festland unterschätzt man leicht die politische und wirtschaftliche Bedeutung der Entwicklung, die sich in England angebahnt hat und die in Ottawa zu festen und bindenden Entschlüssen führen soll. Lediglich Argentinien und Dänemark werden Beobachter nach Ottawa entsenden. Beide Länder sind besonders abhängig von der englischen Wirtschaftspolitik, in beiden Staaten wird man noch stärker als anderswo die in Ottawa gefällten Entscheidungen zu spüren bekommen.
Ottawa bezweckt nicht mehr und nichts weniger, als den britischen Markt auf Ko st en des nichtbritischen Auslandes zu erweitern. London wünscht die Schaffung eines einheitlichen britischen Zollgebietes, es möchte also die Entwicklung zu den G r o ß w i r t s ch a f t s - räumen, wie sie in Rußland und Amerika zu beobachten ist, mitmachen. Aber während die Vereinigten Staaten und Rußland geschlossene Räume bilden, während auch Frankreich noch mit seinem nordafrikanischen Kolonialreich in innigster Verbindung steht, sind die englischen Dominions über die ganze Erde hin verteilt. Die Handelsbeziehungen der Dominions würden unter einer britischen Zollunion zuerst einmal zerrissen werden, und profitieren würde allein das englische Mutterland. Und
Märkte, die Absatzgebiete bis an die Grenze des Möglichen zu erweitern. Technischer Fortschritt. Wissenschaft und Sportgeist zeigten sich hier als gelehrige Schüler der Wirtschaft, die an der Spitze der ungeheuren Umwälzung jenes Jahrhunderts marschierte.
Schon in seiner Knabenzeit fand Amundsen die Taten der ersten Polarforscher vor. Als junger Mann verfolgte er mit glühendem Interesse die Expedition seines Landsmannes Fritjof Ran- sen, der auf feinem Schiss „Fram" den Aordpol beinahe erreichen konnte. Bald hatte ihn die Welle jene| großen Ehrgeizes gepackt. Schon damals galt er in seiner Heimat als vorzüglicher Sportsmann, als einer der besten Skiläufer seines Landes, als vorzüglicher Wanderer. Diese seine sportliche Betätigung machte ihn schnell mit den klimatischen Gesetzen seiner nördlichen Zone bekannt, seine Raturbeobachtungen rundeten sich in wenigen Jahren zu sicherem Wissen — aus dem Sportsmann ging organisch der Polarforscher hervor. Kein Wunder also, daß eine belgische Gesellschaft von Wissenschaftlern ihn kurz vor der Jahrhundertwende zur Teilnahme an einer -Südpolexpedition berief, wobei es freilich nicht Amundsens Schuld war, daß diese Expedition ihr eigentliches Ziel verfehlte. Aber der Anfang war gemacht. Gerade aus den Fehlern seiner Mitarbeiter zog der junge Norweger wichtige Schlüsse, seine ersten Erfahrungen waren gesammelt, er konnte, ohne sich und anderen als Scharlatan vorzukommen. im Jahre 1903 seine erste selbstständige Polarfahrt beginnen. Sein Ziel war der Rordpol. Zwei Jahre, bis 1905, tauchte er in der Polarnacht und dem endlosen Polarsommer unter. Mit wenigen Mitarbeitern leistete er auf seinem kleinen Kutter ..Gjöa" Wissenschaft- liche Wusterarbeit. Als er schließlich heimkehrte, konnte er über die Entdeckung der Rord- we st Passage berichten, die heute noch als Schlüssel zum Wasserweg in jene Zonen angesehen werden kann. r . ...
Dreißigjährig, auf der Hohe seiner körperlichen Leistungsfähigkeit, war er also schon ein Forscher, von Weltgrößen anerkannt, von Ruhm und Reid umbrandet. Er gönnte sich wenig Ruhe. Schon waren alle Vorbereitungen zu seiner zweiten Rordpolfahrt getroffen, die auf Ransens alter Fram" endgültig das ersehnte Ziel erreichen sollte - da traf die Rachricht von P e a r y s angeblicher Entdeckung des Rordpols ein. Wenn sich diese Tat" auch in späteren Zeiten als aufgelegter Schwindel zeigte, genügte sie doch dem jungen norwegischen Forscher eine entscheidend^.
als die Vorgänge auf dem europäischen Festland.
„Los von England!", das darf im nationalstaatlich aufgelösten Binneneuropa um Himmelswillen nicht so aufgesaßt werden, als wollten sich die englischen Kronländer selbständig machen und vom In- lelreiche lösen. Noch fühlt sich der Engländer in Australien, Indien, Südafrika und Kanada als Untertan seiner britischen Majestät, des Königs Georg V. Das Zugehörigkeitsgefühl zum englischen Weltoolk und zur seelischen Verfassung des Eng- ländertums wird es noch auf sehr lange Zeit hinaus verhindern, daß sich die Kronländer verselbständigen oder gar Anlehnung an andere Weltmächte suchen. Wohl aber fühlen' sich die Mitglieder des englischen Weltreiches allmählich als erwachsene Söhne einer großen Familie, die frei fein wollen von der wirtschaftlichen Bevormundung des etwas überalterten Familienoberhauptes in London. Dieses Familienoberhaupt aber ist klug, es tut das, was sich immer als tunlich erweist, wenn innerhalb einer Familie wirtschaftliche Auseinandersetzungen gefährliche Spannungen erzeugt haben, es ruft einen Familientag zusammen. Am 21. Juli wird dieser Familientag, wird die „Empire Conference" in Ottawa zusammentreten.
Die Wahl des Ortes ist geschickt auf die wirtschaftlich wichtigste Stadt im mächtigsten und zukunftsreichsten Dominion gefallen. Dem kanadischen Ehrgeiz
andere Richtung zu geben. Alle seine Energien waren künftig nur noch auf den Südpol gerichtet, auf den anderen jungfräulichen Pol, dessen Entdeckung ihm Vorbehalten zu sein schien. Und er hat es geschafft — knapp fünf Jahre später. Am 14. Dezember 1911 konnte Amundsen, der das Wettrennen mit seinen angelsächsischen Konkurrenten Scott und S h a k l e t o n gewonnen hatte, die Fahne auf dem südlichsten Punkt des Erdballes aufpflanzen. Scott kam auf eine tragische Weise in der Arktis um, Shakleton kam wesentlich zu spät — die norwegische Ration erlebte dank oem Mut ihres Sohnes einen der größten Augenblicke, den sie in ihrer Geschichte aufzuweisen hat.
Der Weltkrieg zerstörte alle Zukunftspläne Amundsens. Es kam auch jener Augenblick, in dem Amundsen, durch sein eigenes Temperament und die weltpolitischen Verwicklungen verwirrt, Deutschland dadurch schwer brüskierte, daß er seine sämtlichen deutschen Orden zurückschickte. In einem späteren Augenblick hat er Deutschland deswegen Abbitte geleistet. Und da wir in Deutschland auch aus der Rachkriegszeit eine Reihe von Beweisen haben, daß dieser Mann im Grunde seines Herzens doch auf Deutschlands Seite gestanden hat. haben wir heute keine Ursache, ihm eine momentane Entgleisung lahge nachzutragen.
Die Umstände, unter denen er. fast schon ein verbitterter alter Mann, im Juli 1928 sein Leben verlor, sind noch in allgemeiner Erinnerung. Wir wissen, daß er damals alles, auch sein Leben, für einen Mann eingesetzt hat, mit dem er früher einmal, im Jahre 1926, mit der Ueberflie - gung des Rordpols, eine seiner letzten großen Taten vollbracht hat, — für den unseligen General R o b i l e. So hat Roald Amundsen, noch
— Das Juli-Heft des „K u n ft w a r f
G. D. W. Callwey, München) ist u. a. durch einen warmherzigen politischen Aufsatz Hermann Ullmanns über „Das deutsche Ringen im Gestalt" ausgezeichnet, der die „Ueberroinbung von Reaktion und Radikalismus im Politischen" als wichtigste Forderung, die „Gestaltwerdung des deutschen Volkes' zur Ausgabe aller deutschen Aufgaben erhebt. Im Sinne solcher positiven politischen Bildungsarbeit ist auch ein zuverlässiger „Wegweiser durch die moderne
6od>fd)u(nad)ricf)fen.
In Marburg beging Geheimrat Professor Dr. Eugen Korsch eit dieser Tage sein 50- jähriges Doktorjubiläum. Seit 1893 Professor der Zoologie an der Universität Mar- bürg, hat Korschelt seine Wissenschaft nach den verschiedensten Richtungen hin bahnbrechend bereichert: er zählt heute au den führenden Biologen der Welt. Korschelt ist Mitglied zahlreicher Akademien und gelehrter Körperschaften des In- und Auslandes. Der 74jährige Forscher hat eine Anzahl den verschiedensten Problemen gewidmete Arbeiten veröffentlicht und erst unlängst ein großes Werk „Regeneration und Transplantation" vollendet, das auch für die Medizin von Bedeutung ist.
Der „Mann aus Eis".
Zu JRoatfr Amundsens 60. Geburtstage.
Von Peter Ring.
Am 16. Juli d. I. wäre der Polarforscher Roald Amundsen 60 Jahre alt getoor- den; am gleichen Tage ist er — wie man vermutet — vor vier Jahren gestorben.
Rorwegen, Rorge ... Einzelne Panoramen tauchen hinter diesem Begriff überwältigend auf. Wasserfälle, die sich aus schwindelnder Höhe vom Hochgebirge in die Duchten des Meeres, in die Fjorde ergießen. Grünliche, leuchtende Gletscher, die ihre gewaltigen Eismassen langsam hinablenken in die Gewässer. Wildestes Hochgebirge, toll- bestes Meer, fast ohne Uebergang aufeinan- derstohend. Lange, strenge Winter, Helle Sommernächte, gewaltige Strecken von Oedland zwischen den menschlichen Siedlungen, die der Wanderer in diesem Lande auf Schneeschuhen oder in nagelbeschlagenen Wanderstiefeln zu durchqueren hat. HeroischeLandschaft. Heimat eines heroischen Geschlechtes unbeugsamer Männer, die das Unerreichbare wollen, denen das Unerreichbare oftmals fast geglückt ist... . ,
Es ist eine Ser ältesten Beobachtungen, daß große Landschaften große Charaktere erzeugten. Aus einem Volk, vesseii Leben noch völlig in der Ratur wurzelt, schälen sich leichter und häufiger Männer heraus, deren Abenteurersinn wirkliches Heldentum ist. So entstehe dort oben im Rorden seit Jahrhunderten eine Tradition großer Sportsleute, ein spartanisches Geschlecht wächst heran, dessen einzelne Glieder in der Welt oft zu meteorenhastem Ruhm emporsteigen, zu einem Ruhm, wie Rorwegens großer Sohn Amundsen ihn fast vierzig Jahre lang genießen konnte.
Das Glück wollte es. daß er — Amundsen ist am 16. Juli 1872 in Borje geboren — schon als Knabe in eine heroische Epoche hineingeriet. Es war nicht die Epoche der Wikinger, die mit ihren geschnäbelten Schiffen eine ganze Welt eroberten, und die dabei ihren Schiffsleuten Gelegenheit gaben. Heldentaten auf ihren Wegen zu vollbringen. Aber die Epoche wissenschaftlicher Entdeckungen war hereingebrochen, die Epoche der großen Expeditionen, während der in allen Ländern die Parole stand: die Welt bis an den Rordpol und den Südpol zu vergrößern. Der große wirtschaftliche Aufschwung des 19. Jahrhunderts brachte die Rotwendigkeit mit sich, die
— Tageskalender für Sonntag: Ober- hessischer Geschichtsverein, Sommerausflug. — Markus-Gemeinde, 14.30 Uhr, Hardt, Gemeindetag. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Liebeskommando".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Eine kleine Gruppe Werkstudenten, hervorgegangen aus dem Theaterwissenschaftlichen Institut der Universität München, hat sich zusammen- geschlossen zu dem Kollektiv des unter dem Namen „Die vier Nachrichter" morgen in unserem Theater gastierenden Ensembles. „Hier irrt Goethe" heißt ihr Stück, eine literarische Posse mit Gesang, Tanz und Musik. Ein Theaterabend, auf den man Hinweisen muß. Für dieses einmalige Gastspiel gelten Sommerpreise. Studenten und Schüler Ermäßigung. Kartenverkauf täglich von 10 bis 13 Uhr, morgen von 11 bis 12.30 und von 16 bis 17 Uhr. Beginn 20 Uhr.
— Konzert in der Wa 1 deslust. Man schreibt uns: Auf das heute abend in der Waldeslust stattsindende Unterhaltungskonzert der auf 20 Mann verstärkten Gießener Feuerwehrkapelle sei nochmals hingewiesen. Der Abend wird noch durch eine Illu- mination verschönt. Am Sonntag findet ab 16 Uhr Unterhaltungskonzert einer modernen Jazzkapelle mit anschließendem Tanz bei freiem Eintritt statt. (Siehe gestrige Anzeige.)
Das Britische Imperium vor -er Michskoufereuz in Ottawa
(Don unserem O.-Korrespondenten.)
London, Juli 1932.
England gehört zu Europa, aber England gehört auch zur Welt. Es ist-noch nicht lange her, da hätte man auch sagen können: die Welt gehört England. Denn was mar schon das spanische, was war schon das römische Weltreich gegen das „United King» dorn", das „Vereinigte Königreich", welch offiziellen Titel die britische Weltmacht führt? Aber mit der englischen Weltbeherrschung ist es seit dem Weltkrieg, dem Erwachen der farbigen Völker und der Loslösung Rußlands vom Weltmarkt vorbei. Das Zeitalter der englischen Machtausdehnung ist zu Ende gegangen. Für England gilt es, das in Jahrhunderten Erworbene z u ordnen und zu erhalten. Das „Vereinigte Königreich" weist mancherlei Risse in seinem inneren Gesüge aus. Gleich im Mutterlande, in unmittelbarster Nähe der „Hauptstadt der Welt", wie der Engländer London zu nennen pflegt, beginnt es. Der irische Konflikt ist noch nicht beigelegt. Aus Indien treffen tagtäglich die Meldungen von immer erneuten Aufsässigkeiten ein. In 21 u ft r a l i e n und Neuseeland, in Südafrika und Kanada läuft seit Jahren die Parole um und gewinnt an Boden: „L o s von England!" Und den echten Engländer interessiert auch heute, am Tage der Rückkehr Macdonalds aus Lausanne, der politische und wirtschaftliche Zustand der Dominions mehr,
** Lehrer zum Kreisturnfest beurlaubt. Der hessische Minister für Kultus und Bildungswesen hat die Direktoren der höheren und der gewerblichen Schulen, sowie die Kreis und Stadtschulämter ermächtigt, diejenigen Lehrer, die am Kreisturnfest in Trier teilnehmen, auf deren Nachsuchen für Montag, 8. August, zu beurlauben. Der Unterricht soll nad) Möglichkeit von anderen Lehrern mitversehen werden.
*• Der weitgereiste Star. Am vergangenen Sonntag schoß ein hiesiger Gartenbesitzer in seinem Garten an der Lahn vorn Kirschbaum einen Star, der den Fußring der Vogelwarte Helgoland mit der Rümmer 19 648a trug.
** Gartenbau-Ausstellung in Gießen. In einer gestern abend abgehaltenen Vor- standssitzung des hiesigen Obst- und Gartenbauvereins wurde die Veranstaltung einer Gartenbauausstellung am 11. September beschlossen. QIm Sonntag, 24. Juli, findet eine Besichtigung der Dereinsgärten statt.
Wirtschaftsliteratur von Briccius zu begrüßen, ferner ein Beitrag von Karl Megerle, „Flucht ins Empire?", der auf die Gefahren politischer und wirt- schastlicher Natur aufmerksam macht, die ein Sich- Zurückziehen Englands auf seine engeren britischen Empire-Interessen zur Folge hätte. Ein guter Teil des Hestes rückt Rußland in den Vordergrund unseres Interesses: lieber russische ältere Kunst berichtet an Hand zahlreicher Abbildungen I. I. Mor- per, über „Neurussische Dichtung" der Dichter Ernst Wiechert, während die Erzählung „Das Tier" von Nikolaj Ljeßkows eine Probe großer russischer epischer Kunst darbietet. Außerdem berichtet Peier Muthmann über Shaws Eindrücke in Sowjetruß- land, Wolfgang Petzet über „Die Wirtschaftskrise des Tonfilms".
— Mit Württemberg, dem an Raturschönheiten und Kulturdenkmälern so reichen Lande, will die neueste Rümmer der I l l u st r i r t e n Zeitung bekanntmachen. Dieses „Land der 'mannigfaltig* kett" schildert Wirtschaftsminister Dr. R. Maier in beredten Worten. Voll und Landschaft treten uns in einem reich bebilderten Aussatz von August Lämmle entgegen. In die württembergischen Städte, in denen sich alle Jahrhunderte, alle Stil- und Geistesrichtungen, Mittelalter und Reuzeit, Kunst und Arbeit widerspiegeln, führt Prof. Dr. Schwenkels illstrierter Artikel. Zwei weitere 'Beiträge behandeln Württembergs kulturelles Leben und seine neue Kunst. Eine große Zahl farbige und einfarbige Bilder — Aquarelle, Zeichnungen, Gemälde und photographische Aufnahm'-n — bringen dem Beschauer diese schone deutsche Landschaft nahe.
Aus der provinzialtzaupistadt.
Gießen, den 16. Juli 1932.
Trunkenheit in Prozenten.
Vorbei sind jetzt die trinkerfrohen Zeiten, in denen man, nach schwerer Kneiperei, noch immerhin vermochte zu bestreiten, daß man womöglich nicht ganz nüchtern sei. In München nimmt man von dem Delinquenten jetzt nur ein wenig Blut seit kurzer Zeit, und mißt dann polizeilich, nach Prozenten, genau den Grad der Trunkenboldigkeit.
Nach einer scharf umriffnen Stufenleiter von Polizeiarzt Dr. Engelbrecht kommt man im Urteil jetzt entschieden weiter, ob einer leichter ober schwer bezecht.
Ist eins vom Tausend Alkohol enthalten im Blut des Sünders, den man untersucht, so wird der Zustand in der Liste Spalten als „leichter Schwips" nach Ziffer 1 gebucht. Bei zwei vom Tausend wird die Diagnose als „Mittelrausch" jetzt amtlich ausgestellt. Bei drei vom Tausend guckt der Hoffnungslose bekanntlich stier und hilflos in die Welt. Die Beine wollen ihren Dienst versagen, was rechts und links, wird unbewußt vertauscht: er glaubt, er hat ein Stachelschwein im Magen ... Behördlich heißt der Zustand: „Schwer berauscht". Die Folgen bringen manchen in Erregung: Kommt jetzt der Mann spät abends mal nach Haus, und zieht er mit verdächtiger Bewegung, beseligt schwankend, Rock und Weste aus ... Die Frau enthält sich jeglichen Gezeters. Ein Tröpfchen Blut entscheidet jeden Streit, und nach dem Stand des Alkoholometers beweist sie ihm den Grad der Schlechtigkeit.
Bornotizen.
— Tageskalender für Samstag: NS.- Frauenschast, Ortsgruppe Gießen, 20.30 Uhr, Cas6 Leid, öffentliche Frauen-Versammlung. — GDA., 20.30 Uhr, „Hess. Hof", Monatsversammlung. — Kurzschristverein von 1861, Karlsruhe, Vereins- Abend. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Liebeskommando".
doch bleibt dem englischen Weltreich kaum ein an- derer Ausweg übrig, um sich von den Folgen der Wirtschaftskrise zu befreien. In Europa mit seinen hohen Zollschranken war für den Engländer schon seit langem kein Geschäft mehr zu machen. Amerika führt diese Zollschranken im 'Augenblick ein, und die russischen Ausbaupläne werden den russischen Markt nie wieder dem Welthandel öffnen. So ist das Ziel der britischen Weltkonferenz, zu beweisen, daß auch England mitsamt seinen Kronländern einen autarken Wirtschaftskörperbildet, der anderer Märkte nicht bedarf.
Das Mutterland England ist bereit, den Dominions besondere Vergünstigungen in Gestalt erheblicher ZoUermäßigungen zu gewähren für Rohstoffe und Mittel des täglichen Bedarfes, welche die Dominions liefern. Umgekehrt fordert England, daß feine Fertigwaren f a ft völlig zollfrei in die Dominions eingeführt werden. Die Rechnung lautet einfach: England liefert mehr oder minder auf dem Tauschwege Jndustrieprodukte gegen Agrarund Plantagenerzeugnisse. Ob sich diese Rechnung allerdings in Ottawa so glatt und einfach lösen läßt, wie sie aussieht, bleibt abzuwarten. Theoretisch läßt sich, völlig im Gegensatz xum Deutschland der Heu- tigen Grenzen, eine englische Autarkie durchsühren. Was jedoch mit den nach dem Kriege übereilt auf- gebauten Industrien der englischen Kr on- lönder geschehen soll, das wird das große Rätsel der britischen Reichskonferenz bleiben. In London jedenfalls ist man optimistisch, man wird wieder einmal an einem Tische sitzen und festellen, daß die Sonne im Britischen Weltreich nicht untergeht. 'Aber auch diese Gewißheit und dieser Stolz vermochten das Reich Karls V. nicht vor dem Zerfall zu bewahren, als fich das Schicksal erfüllt hatte.
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