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Nr. 63 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesien)

Dienstag, 15. IHärj 1952

Die Abniflungssrage

Don unserem Dr. P.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Stockholm, im März.

Die Gewalttat des litauischen Gou­verneurs in Memel hat im ganzen ger­manischen Norden Entrüstung hervotgeruscn. füh­rende ^-Zeitungen stellen test, daß der letzte Nest vom Ansehen des Völkerbundes auf dem Spiel steht, weni^ cs ihm nicht gelingen sollte, in dem Zwergstaat Litauen den Rechtsstandpunkt durch­zusehen. .Svenska Dagbladet" macht in diesem Zusammenhang daraus aufmerksam, wie ge­fährlich die isolierte Abrüstung ein­zelner Länder sür den Weltfrieden werden kann. Das wasscnstarrcnde Litauen würde sich den frechen Hcbcrgnff in Memel niemals erlaubt ha­ben. wenn nicht das 20mal gröbere Deutsch­land durch die Zriedensvertrage wehrloSge- m a ch t worden wäre. Die Erkenntnis, dab in Wirklichkeit nicht ein Maeimum oder Minimum an Rüstungen den Frieden bedroht, sondern d i e Ungleichheit, kam auch in den Reden der nordischen Delegierten bei der Abrüstungskonfe­renz zum Ausdruck.

Ucber die Wehrfrage selbst sind naturgemäh auch in den Nordländern abhängig von der politischen Einstellung die Meinungen geteilt. UeberaU ist man jedoch davon überzeugt, dah der jetzige Zustand in Deutschland un­haltbar ist. Seit Jahren fordern probe skan­dinavische Blätter, dab nun endlich die Voraus­setzung der deutschen Abrüstung'erfüllt wird und die früheren Feindländer, im besonderen Frank­reich. ebenso weit abrüsten, wie Deutschland es getan hat Oder aber, dah Deutschland daS Recht erhält, über die Höhe seiner Rüstungen selbst zu beftimmen.

Der entscheidende Punkt für die Wehrfrage in den Nordländern ist offensichtlich d a i Pro­blem Sowjetruhland. Trotz deS soeben ab- Geschloffenen Nichtangriffverlrags mit Moskau bc- indct fich Finnland noch immer in einer Son­derstellung. Aus die Bevölkerung berechnet, wer­den sich nur wenige Lander der Welt militärisch mit Finnland messen können. Kaum ein andere- Land steht jedoch auch in so gefährdeter Lage wie daS frühere russische Grobfürstentum, da« die lange gemeinsame Grenze mit den Sow­jet« hat und nicht weib. ob es ein rote« oder Weihes Rußland mehr fürchten foll. DaS finnische Heer ist in drei Divisionep einqeteilt. von denen jede drei Infanterieregimenter, ein Feldartillerie- reglrnent und ein Trainbataillon umfaht. Hierzu kommen die Iägerbrigade. die Kavalleriebrigade, die Lustwehr und die Marine. Gröhte Bedeutung hat jedoch das finnische Schuhkorps. daS jetzt weil über 100 000 Angehörige ^ählt und dem ferner 40 000 Frauen der .Lotta-Soard-Organi­sation" angeschlossen sind, die für Krankenpflege sowie Beschaffung für Ausrüstung und Geldmittel Sorge tragen. Fast alle Generale und Stabs­offiziere haben sowohl in der finnischen Armee wie im Schuhkorps ihre Sporen im deut­schen Heere verdient, wo bekanntlich im Kriege das preußische Iägerbataillon 27 aus finnländi­schen Freiwilligen zusamrnengcstellt wurde.

Finnland ist das einzige Nordland. daS im jetzi­gen Jahrhundert Krieg geführt hat. In S ch w e - den und Norwegen haben die Waffen über 100 Jahre lang geruht, in Dänemark feit 1864. Kein Wunder also, dah an manchen Stellen die Waffen zu verrosten anfangen. Selbst in Schweden sind viele der ruhmreichen Regimen­ter aufgelöst worden, die unter Gustav Adolf und Start XII. in ganz Europa kämpften und Schwe­den zur Grohmaä)tstellung vcrholfen hatten. Seit langem führen die nationalen Kreise Schwedens einen schweren Kampf, um weitere Abrüstung zu verhindern. Nach der jetzt durchgeführten Heeres- reform ist die Anzahl der Divisionen von 6 auf 4 herabgesetzt, wozu noch eine selbständige Brigade kommt. Obwohl da« groß angelegte Darrpro­gramm der ix r i c g i m a 1i n c nicht durchgeführt wurde, ist diese doch weniger beschnitten worden

in den Mdlimdeni.

G -Berichterstatter

als daS Landheer, wo die kurze Dienstzeit auch qualitativ die Schlagkraft beeinträchtigt.

Norwegen liegt noch etwas weiter von den Sowjets entfernt als Schweden' dicS kommt auch im Ltadrum der Abrüstung zum Ausdruck. Aus Sparsamkeitsgründen wurde die Friedens­stärke von 6 auf 5 Heereseinheiten herabgesetzt, von denen die Oftlarck»Sdivision auS 2 Brigaden besteht und bie übrigen Einheiten durch Spezial - truppen verstärkte Brigaden darstellen. Drei In­fanterieregimenter sind cingezogen und die übri­gen Formationen entsprechend verkleinert toorben; die Dienstpflicht beträgt nur n och 84 Tage. Durch besondere organisatorische Maß- nahmen soll eS angeblich dem Kriegsministerium geglückt fein, trotz deS AbbauS den Kampfwert des Heeres und im besonderen der Flotte auf­rechtzuerhalten.

In der letzten Zeit ist in den Nordländern wie­der viel vorn .SkandinaviSrnus" ge­sprochen worden. Nicht nur auf kulturellem und wirtschaftlichem, sondern auch auf militärischem Gebiet hat man in Festreden und Zeitungsarti­keln nordische Zusammenarbeit gefor­dert. Doch allzu viele innere Gegensätze stehen hier im Wege. In erster Linie zwischen Dä­nemark und Norwegen, wo die Grön­land f r a g e immer wieder die Gemüter erregt. Tiber auch im schwedisch-sinnischenDer- hältniS bildet die Frage der schwedischen Minderheit FinnnlandS und der Sprach- kämpf trotz aller gemeinschaftlichen Interessen einen Unruheherd, auf den gerade in diesen Tagen das Buch des schwedischen Majors Thorsten Weir- nerström. .Die Schweden in Finnland und Est­land". interessante Schlaglichter wirst. Gin mili­tärisches Bündnis zwischen Dänemark und den übrigen Nordländern kommt schon aus dem Grunde kaum in Frage, weil Dänemark in Zukunft keine eigentliche Wehrmacht mehr haben wird. Wenn die von der linksstehen­den Regierung vorgeschlagene Heeresresorm durchgeführt wird, behält Dänemark nur noch eine Art 'Bürgerrecht und einige InspektionSschisfe.

Trotz alledem kann man jedoch nicht sagen, dah sich daS Abrüstungsfieber in den Nordländern all- zufehr verbreitet hat. In Wirklichkeit ist nicht nur in den nationalen Kreisen, sondern biS nxit in die Arbeiterbevölkerung hinein die Erkenntnis durchgedrungen, daß das Beispiel einiger kleiner Staaten in der Abrüstungsfrage auf die Groß­mächte keinerlei Eindruck gemacht hat und daß an eine wirkliche Abrüstung bei den Ländern, auf die es anlommt, in absehbarer Zeit gar nicht zu denken ist. Die Genfer Konferenz und die De- glcitmufit vom Kriegstheater im Fernen Osten haben naturgemäß auch nicht dazu beigetragen, diese Ansicht zu verändern. Umgekehrt sprechen gerade in der letzten Zeit viele Anzeichen dafür, daß sich vielerorts im Norden der germa­nische Wehrwille regt. Mehrfach sind freiwillige Schutzkorps gebildet worden: beson­dere Bedeutung kommt der nationalen Bauern­bewegung zu, die den Kampf gegen den Kommu­nismus ausgenommen hat. Es ift bezeichnend, dah die größte liberale Zeitung Schwedens und ganz SkandinaviensStockholms-Tibningen" sich auf das entschiedenste für die Erhaltung der Wehr­kraft und die Schühenbewegung einseht.

Einbrecher im Rathaus und Landratsamt.

WSN. Biedenkopf, 13. März. In der Nacht zum Freitag wurde im hiesigen Rat­haus und im Landratsamt eingebro­chen. Während den Spitzbuben im Rathaus 30 Mark in die Hände fielen, erbeuteten sin im Landratsamt 34 Mark. Die Einbrecher haben mit Nachschlüsseln die Türen und Schränke geöffnet und. wo daS nicht gelang, die Behältnisse mit Gewalt erbrochen. Die Polizei ist eifrig tätig, die Fälle aufzuklären und die Einbrecher, denen man bereits auf der Spur ift, festzunehmen.

Aus Der pnwinzialhsuptstaDt.

Gießen, den 15.Marz 1932.

Oberhessische Gesellschaft für Jiofun und Heilkunde.

AIS Austatt zu der Gründung ber .6 n t o m o - logenDereinigung Gießen - Wetzlar fand im Hörsaal des ForstinstitutcS eine gemein­same Sitzung mit der .Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde" statt.

Profesfor Henneberg, der Vorsitzende der nun bald 100jährigen Oberhessischen Gesellschaft, hieß die Mitglieder der jungen Schwestervereini­gung und die deSHubertuS. Verein weidgerechter Jäger, willkommen

Dr. F. Klein referierte sodann über Ergeb­nisse seiner Zucht der Staubwanze. Dieser Name bezieht sich auf die Gewohnheit der Larven, sich tn allen Stadien ihrer Entwicklung in Schmutz zu hüllen, der an den Börstchen der Körperober- fläche hangen bleibt. Die Iunglarve trägt auch häufig ihr Sideckclchen auf dem Rücken, daS erst bei ber ersten Häutung abgcworfen wird. Die Larven leben wie der Dvllkerf räuberifch. Es zeigte fich auch, daß die Iunglarven dem Kanni­balismus huldigen und mit ihrem mächtigen Rüffel ihre eigenen Artgenosfen aussaugcn. Die Eiablage geschieht ohne jede Sorgfalt. An den Embryonal­hüllen entdeckte der Referent einen Eisprenger, wie er in anderen Familien der Dchnabelkerfe be­reits bekannt ist. mit dessen Hilfe bis Larve das Eideckelchen absprengt, um ausschlüpfen zu können.

Hierauf hielt Prof. Dr. M. D i n g l e r (Gießen) einen Dortrag überBrutpflege bei Insekten". Einleitend betonte er, dah die Insekten im allge­meinen keine "Brutpflege treiben, vielmehr stirbt -das mütterliche Insekt meist alSbald nach der Ei­ablage ab. Wie und wo es die Eier unterbringt, ist freilich für die Nachkommenschaft von ent­scheidender Beben hing. Die Schmetterlinge, Rin­denläuse, Gallwespen. Schlupfwespen usw. zeigen darin hoch entwickelte Instinkte. Ein weiterer Schritt ist die Nahrungs- und WohnungSzuberei- tung für die "Brut durch die Elterntiere, wofür die Blatttoller. Dock- und Dorkenkäser, die Mist­käfer, die Grabwespen und die einzeln lebenden Dienen geradezu wunderbare Deispiele liefern. Einer fokbenDorforgenben Brutpflege steht bic direkte gegenüber, die sich auf einem Zusammen­bleiben des Muttertieres mit den jungen Larven aufbaut (Beispiele: Ohrwurm, Blattkäfer, und ge­wisse tropische Insekten). Die höchste Form ber Gemeinschaft zum Zwecke ber Nachkommenfürsorge hübet ber Insektenstaat. Mit feiner Herausbil­dung bei den ftachettragenden Hautflüglern ist die Umbildung einer weiblichen Legeröhre (niedere Wespen) über den Lähmungsstachel (Grabwespen) zum Wehrstachel verknüpft.

Die zahlreichen Zuhörer spendeten den mit Lichtbildern begleiteten Darlegungen der beiden Redner lebhaften Beifall. Eine angeregte Aus­sprache schloß sich dem Vortrag an.

Konzert des Bauerschen Gesangvereins.

Es ist dem Bauetschen Gesangverein zu banken, daß er in seinem biesjährigen Konzert zur Feier von Goethes 100. Todestag einige Vertonungen Goethescher Texte brachte, aber auch den 200. Ge­burtstag I. Haydns nicht vergaß- Daß dadurch bic Einheit bes Programms leiben mußte, ist zwar zu bebauern, anbernteilS wohl in diesem Fall kaum zu umgehen.

I. Fr. Reichhardt, ber Berliner Hofkapell- meiste^ war lange Zeit Goethes Freunb Er war einer ber ersten, bie solch gewaltige Dichtun­gen von so ungeheurer Gebankentiese. ber Musik anscheinenb durchaus nicht zugänglich, wie das Lieb der Parzen" aus Goethes ..Iphigenie auf Tauris", in Musik setzten Schwer und wuchtig, das überaus kraftvolle Stimmalerial zur höchsten Entfaltung steigernd, ließ Universitäts-Musik- bireftor Dr. Temesvarn dasLied ber Par­zen" erstehen, babei ben Gebanken ber Dichtung sehr fein nachgehend Sanft unb lieblich bis ins leiseste Pianissimo sich verlicrenb erklang Goethes GedichtAn den Mond" in einer Vertonung von Alfred Schubert. MendelssohnsTürkisches

Schenkcnlied" wurde in ben äußeren Teilen scharf rhnthinilch herausgearbeitet. im mittleren mit melodisch schmiegsamer Kantilene gelungen, da» ganze einem Scherzo ähnelnd.

Zwischendurch fang der Lhor einige alte Volks­liedern ..Tageweise". ..In stiller Nacht". .Ab­schied". Da» sind Lieder aus ber Blütezeit des deutschen Volksliedes, denen man wünschte, mehr Gemeingut der deutschen Sänger zu werben, auch ber Männergesangvereine Leider ist aber gerade bei vielen Männergesangvereinen die Ver­bindung mit diesem alten wertvollen Liedgut fast völlig nerlorcngcgangcn. Echte Volkslieder wol­len herb klingen. Jede sentimentale Ueberseine- rung. Bertünftelung des LatzeS «Tageweise). alS auch der gesanglichen Wiedergabe (Bll mein Ge­danken) ist dem Vvllsliedcharakter entgegen.

Die Rhapsodie für eine Tlltstimme. Männerchor und Orchester (auS GoetheS Harzreise im Winter), eine Komposition von IohS. Brahms, bildete den Abschluß des Abends. Der- Orchestervere,n batte den Orchesterpart übernommen. DrahmS schrieb diese Kompositton, ermuntert durch den Befolg seines »Deutschen ReguicmS", Anfang der 70er Jahre Dem Orchester liegt zu Anfang die Schil­derung deS Hauptgedankens ob. Düstere Daß- linicn zeichnen in wechselvollen Farben ben Hel- ben der Rhapsodie, einen in Verzweiflung irren­den Jüngling Die Singstimme gibt nur zu dem Orchestergemälde die Erklärung. Erst bei den WortenAch wer heilet die Schmerzen" über­nimmt sie bc Führung und bricht in Klagen auS Im letzten Teil finden wir bann bic Singstimme im «Gebet. Das Feierliche unb Weihevolle wird durch Hinzuttttt des MännerchoreS gesteigert. Den Solotcil fang Frau Lena Stülpnagel. Mit ihrer weichen Stimme verstand sie eS. sich dem Grundgedanken ber Komposition anzupassen. Sie wurde sehr gut burch ben Orchesterverein unb ben Männerchor unterstützt, bem hier die gute Schulung seiner Stimmen in stimmlicher, als auch in musikalischer Hinsicht besonberS zustatten kam.

Frau Lena Stülpnagel fang auherbem noch fünf Schubcrtlieder:Du bist die Ruh". Frühlingstraum".Der Fischer",Die Liebe hat gelogen",Mut", bic UniversitätSmufikdirct- tor Dr. TemeSvary in sehr vornehmer Art begleitete.

DaS Konzert für Diolincello unb Orchester in V-Dur von 3. Haydn war dem Andenken dieses Komponisten gewidmet. Herr Ernst Schneider spielte ben Lellopart mit sicherer Technik unb feinem musikalischen Empsinben. vom Orchesterverein unter Leitung von Universitäts- musikbirektor Dr.TcmeSvary stilvoll begleitet.

Der Abend war für Dirigent unb Sänger Er­folg unb Lohn zugleich für mühevolle ernste Arbeit. g.

nächtliche plakatanlleber vor dem Schnellrichter.

Zwei noch im jugcnblid)en Alter stehende An­geklagte hatten in der Nacht vom 11. auf 12. Marz an Häusern, also an Stellen, die zum Ankleben von Plakaten polizeilich nicht zugelassen sind, Wahl- Plakate zu Propagandazwccken angeklebt, ohne daß diese der zuständigen Behörde zur Genehmigung vorgelegt worden waren. Als sie sich von zwei Po lizeibeamten beobachtet sahen, flüchteten sie, der Polizei gelang es aber, beide, die im Besitze eines Lcimtopfs und Pinsels waren, zu stellen und vor­läufig sestzunehmen. Am Samstag hatten sie sich vor dem Schnellrichter zu verantworten. Beide waren geständig und erhielten, da noch nicht vor bestraft, Geld st rasen von je 25 Mark, die im Falle der Uneinbringlichkeit mit 8 Tagen Ge­fängnis zu verbüßen sind Ein dritter Angeklagter konnte der gleichen Tat nicht überführt und mußte freigefprochen werden.

Gießener Goethe-Gedenkseier.

Der Goethe-Bund v^anstaltet anläßlich des 100. Todestages Goethes am Montag, 21. März 20 Uhr in der Neuen Aula der Universität eine Goethe-Gedenkstunde. Um dieser Feier eine beson­dere Weihe zu geben, hat der Goethe-Bund den größten lebenden deutschen Goethe-Sprecher Dr. Ludwig Wüllner zu sich eingeladen. Das für

Beeihoven-Gonaie.

Eine wahre Geschichte von p. Bergen.

Man muß da sehr vorsichtig sein!", sagt die Dame zu ihrem Besuch unb dabei erzählt sie von einem Bettler, ber sie an der Tür um tewaS Essen ansprach: er wolle es sich verdienen, um ibn nicht abzuweisen, habe sie gefragt, was er könne, unb er habe gesagt:Klavierspielen!": so flehentlich, bebrüdl und verschämt, baß sie ihn gegen alle Gewohnheit in die Wohnung gelassen habe. Mit Heißhunger fei er über die Suppe her, habe bann am Flügel gesessen, nun ein ganz Anbrer, habe gespielt:Beethovens Sonate 110 As, bas Adagio baraus!". habe er gesagt. Nachher habe er ihr, man stelle sich so was nur vor, bie Hanb geküßt unb sei gegangen. Aber gleich darauf habe sic auch den Verlust ihres Pelzmantels be­merkt. sei ans "Telephon, habe der Polizei Tat­bestand unb Signalement gegeben unb nun lese sie. bah ber Dieb bereits gefaßt sei. Ob sie te* mal» den Mantel wiedertehe, sei fraglich: .Die Polizei hat nichts gefunden, unb er leugnet hart­näckig." Soweit die Vorgeschichte dessen, waS nun vor dem Strafrichter erledigt wird...

Der Angeklagte steht in der Anklagebank: es fehlen nicht die Neugierigen, darunter Freun­dinnen der Hauptzeugin: bic Gcrichtsreportersind da: auch Kriminalftudenten^ die hier eigene Fälle präparieren. Die üblichen Formalitäten erledigen sich rafch: Danach ift der Beklagte 25 Jahre alt, elternlos, lebig. Maturand eines Konservato­riums: er spielt in Großstadtetablissements in einem Orchester, wird stellenlos, verfällt öffent­licher Fürsorge, verliert sie mangels Ortszustän- bigteit unb bettelt nun, lucht tausendmal Stel­lung, sindct nichts, bettelt weiter, hungert unb darbt. Elend tut sich auf. Trotz allem Elend ober schreit ber Beklagte sein Nein an bic Richter: Ich war's nicht! Ich habe den Mantel nicht ge­stohlen! Wohl machte Not mich zum "Bettler; aber ich bettelte um meiner Kunst willen; denn ich bin Künstler! Jawohl!", ruft er heftig, als man hä­misch lacht. Er solle gestehen, mahnt man: der Verdacht falle einzig auf ihn. "Aber bann ist auf einmal im Saale ein Schluchzen:Er kann es nicht gewesen fein!" Und ein junges Ding drängt

in eine Gasse gaffender Menschen, die sensattonS- gicrig äugen...

DaS Mädchen und der Beklagte wohnen in einer ©innigen Mansarde, unweit der Tatwohnung: in fünf Minuten ist man von dort in der »armen Hausung: in fünf Minuten!... Wenn die Zeu­gin nun sagt, ber Beklagte habe um Glock 12 bie Wohnung verlassen, und das Mädchen beeidet, daß er schon um 5 nach 12 bei ihr gewesen sei, ohne Mantel, unb es gebe in ber kurzen Zeit­spanne keine Gelegenheit, sich des Mantels zu entledigen, bann könne er boch wohl nicht ber Dieb gewesen sein! Zudem hätte die Dame den Mantel unbedingt sehen müssen, als der Mann ihr bie Hand küßte; ein Mantel sei ja kein Pa- pierfeychen. das ber Winb verwehe! Schluch- zenb sagt cs bas Mäbchen; bic Dame wirb schwan­kend. Ob nicht vorher schon Bettler da wa­ren?... Ja. aber gegen 9!... Ob denn nicht der Mantel schon früher verfchwunden. der Ver­lust aber erst später bemerkt worden sein könne?;.. Das ist der Dame nicht wahrscheinlich; abermög­lich ist'S!... Und so wird denn der Dellagte man­gels Beweises sreigesprochen. Eng drängt sich das Mädchen an ihn...

Das Gericht hat einen gütigen Richter, unb wenn ber bem Zreigesprochenen nun wegen Bet­telns auch einen Tag Haft auf brummen muß, Io sinnt er boch darauf, ihm zu helfen; unb er fragt, ob er bereit fei, feine Künstlerschaff hier unter Beweis zu stellen?... 2a!... Unb so bezahlt der Richter aus eigener Tasche den Transport eines Flügels vom nächsten Pianolager zum Gericht: unb der bleiche Musiker sitzt bavor, spielt seinen "Beethoven, bas Adagio aus 110 mit dem schmerz­lichen Rezitativ, bem tröstlicheren zweiten Thema, der leibvoll fragenben Wendung, dem klagenden As-Moll-Gesang. der kurzen Les-Dur- Freude, dem Zurücksinktti ins tiefe Leib!... Ach. so was hörte man hier noch nie!... Atemlose Stille weht in stiller Ergriffenheit; eS ift, als höre man die Herzen schlagen; unb bann bricht ein Bei­fall auf, ber wie ein brandender Sturm braust und tost. Lange, lange...

Das alleS ist so absonderlich, daß die ganze Stadt davon spricht; bic Presfe nimmt sich beS I Falles an: Mitleid toirb wach: der Richter,

ebenso gütig wie begeisterter Musikfreund, seht sich für den bleichen, hungernden Menschen ein, und etliche Tage nur später steht fein Harne auf dem Programm einet sehr angesehenen Konzert - vereinigung; und da erlebt er als Solist den juf- bclnben Triumph menschlicher unb künstlerischer Rechtfertigung!... Neue Hoffnungen werben rege, neue Möglichkeiten tun sich auf, neue Brücken bauen sich eine neue Zukunft!... O Wunber über QSunbcr!... Und bas alles ist nur ein mober- neS Märchen?... Nein, cs ist bie Wahrheit, in Mär unb Mehr gctleibct, unb sie trug sich zu vor einem Hamburger Strafrichter, den Paragraphen nicht erftidlcn, sondern der ein warmes Men­schenherz behielt!... So merkwürdig sind die Menschenwege, bic auch immer Schicksalswege sind...

Oer llrwaldkanips derKönigsberg".

Als das merkwürdigste unb aufregenbfte Aben­teuer bcS ganzen Weltkrieges wird in einem so­eben in London erschienenen BuchDas Königs- berg-'H ben teuer" von E. Keble Ehatterton der Kampf des deutschen keinen KreuzersKönigs­berg" bezeichnet. Bekanntlich wurde dieses un­ter dem Befehl bes Fregatten-Kapitäns Loo ff stehende Schiff von 3400 Tonnen in Deuttch-Ost- afrila vom Weltkrieg überrascht, und die Ge­schichte seiner Taten beginnt mit ber Versenkung des englischen KriegsschiffesPegasus", bei ber ber deutsche Kreuzer burcf) Eröffnung des Feuers aus einer Entfernung von mehr alS 10 000 Me­ter seinen Gegner rasch besiegte unb im Hafen von Sansibar oerfcnttc. Infolge einer draht­losen Meldung wurde der englische Kreuzer Chatham" aus dem Roten Meer obkomman­diert. um dieKönigsberg" zu vernichten, denn der Kreuzer verursachte wie so viele der kleinen deutschen Kreuzer eine Panik unter den Handels­schiffen. Aber bet englische Gegner war nicht allein imstande, den kleineren deutschen Feind zu übertoältigen. Es bedurfte eines schweren Kamp­fes, bei dem schließlich drei große englische Kreu­zer. Turmschiffe, alte Hafenschisse und Seeflug- zeuge eingesetzt werden mußten. DieKönigsberg" hatte sich im Delta des Rufidschi-FlusseS verbor­gen und zog sich von dort inS Innere zurück zwischen die von Krokodilen wimmelnden i SchlnmnissimVie des tropischen Urwaldes Drr I

Eingang des Flusses wurde durch daS englische SchissNewbribge" blockiert, unb so war bie Königsberg" in ber Falle. Aber sie ließ sich so leicht nicht kriegen. Eine ihrer erstaunlichsten Taten war bie Versenkung bes Blockadeschisses Newbribge", die an Kühnheit der Versenkung der Blockadeschiffe von Zeebrugge pleidfogeftcllt wird. Wie sollte man das Schiff vernichten, nach­dem man es im Urwald eingcschlossen hatte?Es war klar", schreibt der Verfasser,daß die gro­ßen modernen Kreuzer, wieChatham" und seine beiden Schwesterschifse ..Weymouth" undDart­mouth", nicht abgesandt werden konnten, um ben Spuren ber Königsberg zu folgen. Sic wären dabei sicherlich auf ben Grund gegangen. An leichten Kreuzern aber herrschte ein großer Man­gel. Man brauchte jie auf jedem Meer zum Schutz dco Handelslinien. War es boch die Zeit, in ber Abmiral von Spee immer mehr Schrecken her­vorrief. Der Bericht von der Beschießung ber Königsberg" unb von ben Angriffen der Flug­zeuge schildert einen einzigartigen Gesechlsvor- gang des Seekrieges Die deutschen Seeleute zeig­ten eine besondere Geschicklichkeit in der Verwen­dung ihrer Kanonen, wie Ehatterton hervorhebt. Sie führten auch einen heldenhaften Kampf gegen bie tauiendfachen Gefahren innerhalb der Sümpfe und deS Urwalds, in die sie sich selbst begeben hatten. Zwei englische Flieger, bie in ben Sumpf ab stürzten, entgingen nur mit knapper Not ben Krokobilen. Schließlich würbe eine ganz kleine Flotte aufgeboten, um ben kleinen deutschen Kreu­zer im Urwald zu fangen.Um es genau zu sa­gen", schreibt der Verfasser,so wurde dieKö­nigsberg" zuerst ausgehungert, bann in immer größere Schisfahrtsfchwierigkeiten gebracht und schließlich eher beschädigt als zerstört." Die Ver­senkung erfolgte durch die Bemannung: Aber selbst als bic Flagge der Königsberg herunter­geholt war, dröhnte ihre Stimme noch durch das wette Land von Oftasrika, denn ihre 10 Kano­nen. von denen jede durch ein Gespann von 403 kräftigen Eingeborenen gezogen wurde, nahmen wichtigen Anteil an den Verteidigungskämpfen bet deutschen Truppen in Oftafrika. unb auch die Besatzung stand ihren Mann. Kapitän Looff verdiente also in vollem Maße das Lob. bas ihm General Smuts für seine Taten zu Wasser und zu Lanbc aussprach.