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Nr. M Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

Zreitag, 13. Mai 1932

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Oie Berufsnot des akademischen Nachwuchses

Auf dem Eisenacher Bundestag des BeichsbundcS der höheren Beamten behandelte der auf der Tagung neugcwähltc erste Vorsitzende deS Reichsbundes. Oberstudicndircktor Sr. Bolle. Berlin, in einem Referat die Bor des Iungakademikertuins. Die Botlage deS aka­demischen Bachwuchses ist eine Quelle staatSpoliti- schcr Gefahren Die Botlage hat ein so großes Ausmaß angenommen, weil man an amtlichen Stellen jahrelang des verhängnisvollen Glaubens war. der Zudrang zu den akademischen Berufen sei ein Bildungsproblem. daS man durch bildunge- politische Mahnahmen meistern könne. Zu spät sah man an leitender Stelle ein. dah eS sich um ein wirtschaftspolitisches Problem handelt, dah der Zustrom in vielen Fällen d i e Fluchtvor dem Gespenst derArbeitS- l o s i g k e i t bedeutet. Dah die Lage auch heute noch nicht von den Begierungen und der Oeffent- lichkeit in ihrer ganzen Schwere erkannt wird, zeigt der Wahn, der Bot könne durch Selbsthilfe und Opfer der akademischen Berufsorganisationen gesteuert werden

In der letzten Zeit sind eine Beihe von Plänen zur Linderung der Bot des akademischen Bach­wuchses erörtert worden, 'bic aber nur nega­tive Mahnahmen inS Auge,fallen und so nur zu unzulänglichen Scheinlösungen führen können. Der Vorschlag der Arbeit- st r eckung verkennt, dah man die geistige Arbeit nicht wie die mechanische beliebig austeilen kann. Die Arbeit verlangt einen ganzen Mann und dieser wieder eine ganze Arbeit AuS ähnlichen Gründen ist die Einführung eines Freijahrs bedenklich weil sie die notwendige Beziehung der Persönlichkeit zum Amt lodert- Ebenso ist die rein negative Maßnahme der Herabsetzung der Altersgrenze abzulehnen. Ihre Durch- süh ung würde in einer Zeit, wo sich das Arbeits­alter der übrigen Stände erhöht hat. das An­sehen des BeaintenstandeS schädigen. Dazu zeigt das preußische Beispiel der Herabsetzung der Altersgrenze für die Philologen, dah der Bach­wuchs keinen Gewinn von vieler Maßnahme hat, während sie den von ihr Betroffenen schweren wirtschaftliche^ Schaden zufügt. Da der höhere Beamte erst verhältnismäßig spät zu der Grün­dung einer Familie schreiten kann, würde die Einkommenseinbuhe infolge vorzeitiger Pensionie­rung den höheren Beamten in einem Lebensalter treffen, in dem er noch für Ausbildung feiner Kinder große Aufwendungen machen hat Allen diesen negativen Maßnahmen haftet noch der gemeinsame Bachteil an. daß sie in kurzen Zeitabständen immer wieder erneuert werden müßten.

Die Bot des Bachwuchfes ist wirkungsvoll nur durch positive Maßnahmen zu begegnen. In Abkehr von der bisher geübten Methode der fortschreitenden Einschränkung der Arbeitsmöglich­keit. sind alle Arbeitsmöglichkeiten auszuschöpfen. Alle Stellen und Funktio­nen. die akademische Dorbildung erfordern, müssen dein akademischen Bachwuchs Vorbehalten bleiben. Ferner ist es unerläßlich, eine strenge Aus­lese durch schärfsten geistigen Wett­bewerb einzuführen, die Auslese nach dem Bedarf zu regeln und die durch dielen Wett­bewerb gesichteten Iungakademiker bei Zeiten, nicht erst im Alter von 40 Jahren, wirtschaft­lich sicherzustellen

Daneben muß versucht werden, der Jugend einen neuen Lebensraum zu erschließen Line entschiedene Siedlungspolitik muß alle Kräfte für die Beseitigung des Mißstandes

Oie Platzordnung im Flughafen.

Eine neue polizeiverordnung.

Das Polizeiamt Gießen veröffentlicht im gestrigen Amtsverkündigungsblau eine neue Polizei- Verordnung für den Flughafen der Prooinzialhauptstadt Gießen. Die An- ordnung. die mit der gestrigen Veröffentlichung in Straft getreten ist. bestimmt folgendes:

8 1. Die Grenzen des in der Gemarkung Gießen auf demVordersten stolzen Morgen" liegenden Flughafens find durch weiß gestrichene, an den End­punkten niedergelegte Bretter kenntlich zu machen.

§ 2. Das Betreten und Befahren des Flughafens sowie das Reiten auf demselben ist Unbefugten oer boten. Der Flughafen bleibt ausschließlich dem Luft­verkehr vorbehalten.

§3. Die bevorstehende Landung eines Flugzeuges wird durch Sirenensignal erkennbar gemacht. Beim Ertönen der Sirene. ift das Betreten desAlten Rodger Weges" in der Lände des Rollfeldes ver­boten und von sämtlichen Wegebenutzern zu räumen.

Zuschauer dürsen sich nur auf den zugewiesenen Aufstellungsolatzen aufhalten. *

§ 4. Das Aufstellen von Straftfahyeugcn und an­deren Fahrzeugen darf nur auf den zugewiesenen Platzen erfolgen. Ausgenommen hiervon sind Fahr­zeuge. die der Start- und Flugleitung zur Verfügung flehen und die als solche kenntlich gemacht sind

§ 5. Hunde müssen an einer kurzen Leine geführt

werden. Die allgemeinen Bestimmungen über das Führen von Hunden (Maulkorbzwang u. dgl > wer­den durch diese Verordnung nicht berührt

§ 6. Das 'Betreten der Raume der Flugleitung, der Werkstätten und anderer der Bodenorganisation des Luftverkehrs dienenden Räumlichkeiten ist ohne be sondere Genehmigung der Flugleitung im Benehmen mit der LuftsahrtüberwachungsfteUe unterlagt.

§ 1. Es ist verboten, in der Rahe der Flugzeuge und der Tankanlagen zu rauchen, unoerwahrtes Feuer und andere Leuchtmitkel außer elektrischen Glühlampen^ mit lleberalocfen zu benutzen, sowie brennende Streichhölzer sortzuwerfen.

§ b. In den Werkstätten müssen Handseuerloscher betriebsfertig bereit stehen. Die Inhaber der betref­fenden Räume sind hierfür verantwortlich. Sie sind verpflichtet, allen behördlichen Weisungen bezüglich Beschaffung und Erhaltung von Feuerlöschgeräten Folge zu leisten.

§ 9. Den Anordnungen der Beamten der Lustüber­wachungsstellen ist Folge zu leisten.

8 10. Sofern nicht nach allgemeinen Strafgesetzen höhere Strafen verwirkt sind, werden llebertretun- gen dieser Verordnungen mit Geldstrafe bis zu 150 Mark, im Falle des Unvermögens mit ent­sprechender Haft bestraft.

einschen. daß zur selben Zeit, in der Millionen untätig in den Städten sitzen, deutsches Kultur­land sich entvölkert Das Arbeitsjahr ift in den Dienst des Siedlungsgedankens zu stellen. Die Vermehrung des Beichsheercs muß von den zuständigen Stellen mit Bachdrud betrieben werden, nicht von dem Gesichtspunkt des Wettrüstens aus. sondern unter dem Gesichts­punkt ihrer wirtschaftlichen Botwendigkeit zur Entlastung unseres Arbcitsmarktcs von dem ileberangebot jugendlicher Arbeitskräfte. An den Kosten darf das große Werk nicht scheitern: der Staat, der Hunderte von Millionen Mark für die Sanierung von Privatbanken zur Beifügung stellen mußte, muh auch die Mittel zur Finan­zierung des nationalen Werkes der Schaffung eines neuen Lebensraumes für seine Jugend auftreiben können.

Aus der provmzialhauptstadt.

Gießen, den 13. Mai 1932.

Ein Knigge für Waldbesucher.

Die Wälder der engeren und weiteren Umgebung sind an Sonn- und Feiertagen das Ziel vieler Aus­flügler, die durch einige Stunden des Naturgenusses und der Erholung in der ozonreichen Waldluit neue Kräfte für die Alltagsarbeit sammeln wollen. Lei­der wird von vielen Ausslüglern aber noch immer nicht die gebührende Rücksichtnahme auf die von der Forstverwaltung mit größter Sorgfalt ausgeübte Pflege des Waldes bekundet. Zerstörungen des Forstbeftandes und der Wege dzw. der Ruhe­bänke, Verunreinigung der Reviere durch Fort- werfen von Papier, Speiseresten usw. sind vielfach zu beobachtende Erscheinungen. Gerade im Hinblick auf die bevorstehenden Feiertage sollten cs sich alle Ausflügler angelegen sein lassen, die Schönhei­ten des Waldes zu schützen und die Be­strebungen zur Erhaltung und Förderung ge­pflegter Forsten zu unterstützen. Dies kann schon dadurch geschehen, daß beim Besuch des Waldes folgende Regeln beachtet werden:

1. Laß den Waldgewächse nihre Zweige, Blätter und Bluten; sie sind der Schmuck des Waldes und berufen, hier noch viele dauernd zu erfreuen und neues Leben zu bilden Abgerissen welken sie rasch, dienen niemand mehr zur Freude und werden meist bald weggeworfen, das befchadigte Gewächs aber verkümmert.

2. Betritt keine jungen Anpf 1 anzun - g e n, locken dich auch die schönsten Beeren und Blumen; denn du siehst die jungen Pflanzen nicht, die zu Bäumen heranwachien sollen. Die Zerstö­rung, die dem Fuß dort anrichtet, ist noch nach zehn Jahren kenntlich.

3. Springe nicht an Waldböschungen hinaus oder hinunter und kürze keine Fußwege ab. Den Weg machen andere nach und schließlich findet ihn das Wasser. Bei Gewittern entsteht ein Wildbach, der Baume entwurzelt und mit sich reißt und Wege und Psade zerstört.

4. Laß Zeitungen, Frühstückspapier und sonstige Abfälle nicht aus Wegen und Ruheplätzen Herumliegen; balle sie vielmehr zusammen und wirf sie in Dickungen ober vergrabe sie in Moos ober Laub, am besten aber nimm bas Papier mit nach Hause. Zerschlage auch keine ausgetrunkenen Flaschen, fonbern lege sie bei- feite in ben Walb. Denn was ist häßlicher, als wenn einzelne Stellen im Walde aussehen wie Sammel platze für Abfälle?

5. Gehe mit Feuer, Zigaretten und Zigarren recht vorsichtig um. Bei trocke­nem Wetter kann jede brennend weggeworfene Zi­garette und jedes glimmende Streichholz einen Waldbrand verursachen.

6. Störe bic Tiere des Waldes nicht; alle fürchten den Menschen als ihren größten Feind. Die Berührung durch Menschenhand kann die Mut­ter veranlassen, ihr Junges oder ihre Eier zu ver­lassen und so dem Verderben zu weihen. Nimm deshalb auch deinen Hund stets an die Leine.

Bornotizcn.

Tageskalender für Freitag: Stadl fbeater, 20 bis 22.30 Uhr,Die Entscheidung der Lissa Hart". vberhefs. Äunftöcrein, Turmhaus

Roman von (5ed Rothberg.

Copyright by Martin Feuchtwanger. Hall«

14. Fortsetzung. Bachdrud verboten!

Lisa zudte verächtlich mit den Schultern: Was denn noch ändern? Du lebst hier ja schon wie eine Bonne. Ernst müßte sich auch überlegen, daß du noch jung bist und Anspruch auf ein bißchen Zerstreuung hast."

.Ja, natürlich. Ich traue mich aber nicht, ihm zu" sagen, daß ich gern ein Fest in Polzenhagcn abhalten möchte. Unb dann du hast wohl ganz tergeffen, daß cs eine Zusammenkunft ohne Musik und Danz sein mußte. Schließlich dürfen wir doch nicht vergessen, daß Papa erst wenige Wochen tot ist."

Ja du hast recht. Es wird nur nach und nach sehr langweilig in eurer kalten, verschneiten Ecke hier. Aber du hast recht, ohne Danz und Musik ist es nichts. Also langweilen wir uns weiter."

Traute schwieg. Aber in ihren dunklen, schönen Augen war etwas, was kein Wohlwollen für die Schwester verriet. Sie hatte deren Oberfläch­lichkeit jetzt voll erkannt und wunderte sich nicht mehr, daß Budolf Ansbrüd aus dieser Ehe fort- verlangte.

Aenne Ohlen stand mitten zwischen einem Berg von Kleidern und Mänteln.

Sie seufzte ein bißchen. Eine verwöhnte Kundin war über drei Stunden hier gewesen und hatte alle Kleider und Mäntel probiert.Madame Sndiee halte es nur eine Stunde ausgehalteir, dann war sie geflohen. Die Börgeleien der verwöhnten, anspruchsvollen Dame gingen ihr auf die Berven. Sie begab sich in die vorderen Bäume und in die Bähsalons, selbst auf die Gefahr hin, die gute Kundin zu verlieren.

Aber sie verlor sie nicht einmal. Die probierte weiter und hatte dann für einige tausend Mark gekauft, als Aenne endlich ganz erschöpft die Dame zur Dür begleitete. Es wurde wie gewöhn­lich zugcschidt, und es hatte Zeit bis morgen. Sic meldete Madame Endiee das Ergebnis der langen Bedienung und machte sich nun daran, bic Mäntel und Kleider wieder in die dafür be­stimmten Glasschränke zu räumen.

Ein silbern schimmerndes Kleid!

Aenne schloß cr'cbaucmb die Augen. Sin 2raum! Bichts als ein sch.ner, unwirklicher Traum!

Kam denn das törichte Herz nicht zur Buhe? Schlug es noch immer in wilder Sehnsucht nach dem Manne, der einer andern gehörte? War nicht alles nur eine große Siinde gewesen?

.Ich hole dich, Aenne!"

Ganz deutlich hörte sie wieder diese Worte. Aber sie wehrte sich gegen die Versuchung, die ihr einflüstern wollte: .Wenn er es ehrlich ge­meint hätte?"

Dann aber mahnte die Vernunft: .Einmal im Leben hast du vergessen, daß du nur eine kleine Modistin bist. Vergiß es nie wieder, Aenne Ohlen! Ausgerechnet dieser Mann wird kommen und dich heiraten. Es wäre ein Märchen. Und Märchen gibt es heute kaum noch. Es gibt nur kalte, grausame Vernunft und bitteren Lebens­kampf. Zudem seine Frau! Schäm dich, Aenne!"

Mechanisch räumte sie die Kleider ein. Lieb­kosend strich ihre Hand über das si Iber durchwirkte, das einem anderen so ähnlich war!

Von ihrem Ausflug in die Sonne war ihr nichts verblieben als eine große, sehnsüchtige Liebe! Eine Liebe, die immer und immer wieder nur Sehnsucht bleiben und doch nie Erfüllung werden würde Diese Liebe würde immer da sein, würde nie erlöschen.

Endlich war Aenne fertig. Sorgsam schloß sic die Schränke, die die teuren Wiener und Pariser Modelle bargen. Sie setzte sich still in eine Ede drüben im Atelier und nähte an dem Kleid der Prinzessin Adelheid einige von dieser gewünschte Aenderungen.

Sie hörte nur halb zu, als Hilde John ein lustiges Erlebnis zum besten gab. Alle jungen Mädchen lachten herzlich, während die ältliche Direktrice mit grämlichem Gesicht aus einem großen Karton köstliche Bosen nahm künstliche Blumen, die wie frische, natürliche ausfahcn und von denen man meinte, ein süßer, betäubender Dust müsse von ihnen ausströmcn.

Aennes feine Finger arbeiteten fleißig, doch die Gedanken waren weit, weit fort. Sie suchten Budolf Ansbrüd!

Um sie klang frohes Gelächter, das jedoch plötz­lich verstummte, weil Madame Endiee das Atelier betrat. Die Dame hatte etwas in ihrer ganzen Erscheinung, was sogleich Bcspckt um sich ver­breitete. Ihre Augen blitzten über die Mädels hin Da hatten sie Aenne erspäht.

Madame Endiee lächelte liebenswürdig und ging auf Aenne zu.

. Fräulein Ohlen, es tut mir sehr leib, dah Sie heute nicht viel Buhe haben werden. Soeben hat sich eine Amerikanerin angelegt, eine ältere Dame, die einige passende Gesellschaftskleider haben möchte. Ich muh mich da wieder einmal auf Ihren guten Geschmad verlassen und auf die seltene ®abe, jeder Kundin das Passendste zu empfehlen."

Aenne nidte.

Ich freue mich, wenn Sie zufrieden mit mir sind."

.Das bin ich. Und ich habe..."

Madame Endiee schwieg. Weshalb sollte fie

denn freiwillig das Gehalt des jungen Mädchens erhöhen? Fräulein Ohlen schien doch ganz zu­frieden zu fein? Zu dumm, daß sie. Madame Endiee, zuweilen so eine weiche Anwandlung hatte! Die heutige Zeit verlangte Härte und Eigennutz, sonst kam man zu nichts.

Aenne, hatte sich längst erhoben, um die wei­teren Befehle entgegeckzunehmen.

Die Dame hat telephonisch angerufen. Wenn sie kommt, werde ich Sie rufen lassen", sagte Madame Endiee freundlich. Dann ging sie wieder hinaus, denn die Buchhalterin wartete auf sie. Es war Lohnabrechnung, und da gab es stets sehr viel zu tun.

Kaum hatte Madame Endiee das Zimmer ver­lassen, ging das lustige Gelächter von neuem los. Die Direktrice richtete einige verwarnende Worte an die jungen Mädchen, worauf es ein Weilchen still blieb. Es dauerte aber keine Viertelstunde, da lachten sie wieder. Die Hilde John war aber auch heute ganz aus dem Häuschen!

Aenne Ohlen aber dachte Wie doch eine Bacht. eine Stunde im Leben eines Menschen zum Schidsal werden kann! Denn auch ich habe doch vor noch nicht allzulanger Zeit fröhlich mitge­lacht. Und nun kann ich mich nicht einmal mehr über Hilde Johns drollige Erzählungen freuen!

Aenne war mit ihrer Arbeit gerade fertig, als das Laufmädchen kam.

Fräulein Ohlen möchte nach vom kommen. Eine Kundin ist da", meldete sie mit piepsender Stimme.

Aenne erhob sich Die strich nur schnell ohne Spiegel über das lockige Blondhaar, bann fuhr sie glättend an ihrem dunkelblauen Samtkleid herunter und ging rasch den Gang entlang.

Madame Endiee begleitete die Dame gerade zu den hohen weißen Glasschränken. Das Emp> fangdfräulcm schob einen bequemen Sessel zu­recht. und dann erstrahlte alles ringsum in hellstem Lichte.

Die hohen, geschliffenen Spiegel warfen strah- lende Helle zurück. Madame Endiee sagte gerade:

Mistreß Harrison können versichert sein, daß ich die beste Bedienung zur Verfügung stelle. Da ist Fräulein Ohlen schon."

Die Dame wandte sich um. Ein kurzes, be­stürztes Erkennen auf Aennes Seite. Sie wankte dann aber hatte sie sich wieder in der Gewalt.

Ruhig wandte sie sich den Schränken zu, nach­dem sie höflich den Kopf neigte.

Die Amerikanerin aber sah starr in das rei­zende Gesicht. Bein, da war kein Irrtum möglich. Sie war es! Sie. die man ihr im Haufe Doktor Ansbrücks als dessen Gemahlin vorgestellt hatte!

Das war ein Affront! War ein unverzeihlicher Verstoß gegen die Gesetze des guten Tones!

Miß Harrison wollte aufbraufen. Aber sie konnte es nicht. Fühlte ein weiches Gefühl in sich gegen dieses schöne, junge Mädel

am Brandplatz. 15 bi» 17 Uhr. Inbiläums-Ausstcl lung. L'iditipielbaus, Bahnhofstraße: ..Seiten fprange". Astoria-tsichtspicle, Sdtcr»mcg: .Aline Woche unter Apachen" und ..Die kokette Frau". Wiefecker Lichtspiele,Im Westen nicht» Neue»!".

Aus dem Stadttheaterbureau wird unS geschrieben Heute. 20 Uhr. als 30 Vorstellung im Freitagabonnement zu gewöhn­lichen Preisen Wiederholung des nachgelassenen WerkesDie Entscheidung der Lissa Hart" von Hermann Sudermann. Der außerordentliche Bei­fall. den das Publikum diesem Bachkriegsstück entgegenbrachte, beweist von neuem die brama- tische Meisterschaft bes verstorbenen 'Autors. Wir weisen darauf hin, daß daS Werk, eine südwest- deutsche Erstaufführung, außer am heutigen Abend nur noch einmal auf dem Spielplan steht Wer es noch sehen will, wird daher gebeten, sich rechtzeitig Karlen zu besorgen. Spielleitung hat Peter Fassott. Die Titelrolle spielt Edith Berger. -- Sonntag, 15. Mai. 16.45 Uhr. als Fremdenvorstellung zu kleinen Preisen bic große Goethe-Inszenierung des Intendanten . Faust I Mit dem frühen Vorstellungsbcginn ist den aus­wärtigen Dheaterbefuchcm die Rückfahrt gesichert Wer erst etwas später alS 16.45 Uhr im Theater fein kann, versäumt nur den .Prolog im Himmel".

flenne es, wie Ou willst . ..

Sic schmiegen sich, biegen sich, trippeln und hupfen, sie laufen und krummen sich, stapfen und schubsen, sie ichlcnkern und schlottern, sie wackeln und gehen, fie hupfen und schleichen in Winden und Drehen, sie watscheln und wackeln in taumelndem Kranz ... Sie hoppeln und humpeln, sie drucken und puffen, fie fliegen und traben, man sieht, wie sie knuffen. Man sicht, wie sie wanken und stelzen und schreiten, stolzieren und schieben und feierlich gleiten, und all diese Tätigkeit nennt sich dann Tanz.

Puck.

Oevisenerleichterungen für Reifen nach Oesterreich.

Wie halbamtlich mitgeteilt wird, ist jetzt zur teil­weisen Fliissigmachung der in Oesterreich fcftlicgcn den deutschen Schillingguthabcn eine Vereinbarung zwischen der deutschen und der österreichischen Re gierung getroffen worden, nach der deutsche Bei sende nach Oesterreich außer dem Betrag von 200 Mark noch den Gegenwert von 500 Mark in einem Kalendermonat mitnehmen dürfen. Dieser Mehrbe trag kann aber nur durch die deutschen Postanstalten und Rcisebureaus erworben werden. Daneben wer den auch die deutschen Kreditinstitute ihren Kunden bis zu dieser Höhe ohne besondere Genehmigung 'Akkreditive ausstellen. Reisende erhalten nähere Auskunft bei allen deutschen Postanstalten, den Bor tretungen des Mitteleuropäischen Reiseburcaus und bei inländischen Kreditinstituten. Die Eigentümer von gesperrten Schillingguthaben können diese für den Reiseverkehr bis zum Höchstbetrag von 5000 österreichischen Schillings zur Verfügung stellen. Die hierzu nach den deutschen Devisenbestimmungen er- forderliche Genehmigung der Devisenbcwirtschas kungsstelle wird auf Antrag erteilt werden lieber die Einzelheiten des Verfahrens werden die In- dustrie- und Handelskammern Auskunft erteilen.

" ©in Achtzigjähriger Am 15 Mai vollendet Herr Wilhelm Stumpf. Am Bah- rungsberg 37 wohnhaft, sein 80. Lebens;ahr.

' Maienblasen. Bei dem am morgigen Samstag. 19 Uhr, vom Turme der Johannes- kirche aus stattfindenden Maienblasen werden fol­gende Stücke zu Gehör gebracht: 1. O, heiliger Geist kehr' bei uns ein; 2. Preis und Anbetung (von Rink». 3. Don des Rheines Strand. Am 1. Pfingstfeiertage wird der Verein für christliche Musik an verschiedenen Krankenhäusern konzer-

Oder war sie es doch nicht? War es eine andere? Es konnte immerhin ein Wunder der Batur sein, zwei solche schöne, sich vollkommen ähnliche Geschöpfe zu schaffen.

Waren es Schwestern? Dje Frage mußte ge­klärt werden. Schließlich hatte sie, Miß Harrison, ein Becht dazu.

Madame Endiee wurde abgerufen

Aenne Ohlen breitete wundervolle Toiletten vor der Amerikanerin aus. Die sah aber kaum hin Sie sah nur immerfort in das schöne, blasse Gesicht des Mädchens.

Und Aenne wußte, daß auch die Dame sie erkannt hatte. Ihre kleinen weißen Hände zitter­ten leicht, sonst aber hätte niemand merken kön­nen. wie es in Aenne aussah. Wie die Erinne­rung an jene Bacht sie aufs neue durchwühlte!

Die Amerikanerin ftnnb plötzlich auf. Dicht trat sie zu dem jungen Mädchen hin.

Wir kennen uns. Fräulein. Darf ich um eine kurze Aufklärung bitten?"

Aenne sah sie groß an.

Verzeihung, Mistreß Harrison, ich kann Ihnen nichts sagen."

Also Sie sind es doch! Ich hatte Sie sofort erkannt, doch wäre es mir wahrhaftig lieber ge­wesen, Sie hätten eine Doppelgängerin Ich hatte Sic ehrlich liebgewonnen. Bun, ich werde mir die Aufklärung von Herrn Doktor Ansbrüd er­bitten. Er dürfte immerhin Ehrenmann genug sein, mir diese Aufklärung zu geben. Wenn ich auch sein sonstiges Verhalten unbegreiflich finde

Mit niedergeschlagenen Augen stand Aenne vor der reichen Frau Plötzlich sagte fie

Es waren d.e Umstände. Sie zwangen Herrn Doktor Ansbrüd Ich spiele ja gar keine Bolle in der ganzen Angelegenheit. Oder doch es war nur eine kleine Rolle, bic mir zudiktiert wurde. Es war aber doch nur. damit Sic, Mistreß Harri­son. in Doktor Ansbrucks Haus kommen konnten. Die Hausfrau war plötzlich abgereift. Ich weiß selbst nichts weiter. Bitte, fragen Sie nicht mehr! Irgendwelcher Betrug war bestimmt nicht gegen Sie geplant. Doktor Ansbrüd schätzt Sie und Ihren Herrn Gcmphl viel zu hoch dazu. Ich bin ich kann nichts weiter sagen. Ich habe im Leben Doktor Ansbrüds nichts zu suchen."

Die Miene der Amerikanerin hatte sich nach und nach immer mehr aufgehellt. Jetzt lächelte Miß Harrison, nahm die Hand des Mädchens in bic ihre

Ich glaube, jetzt verstehe ich alles. Ich labe Sic für heute abenb zu einer Taffe Tee zu mir. Wir wohnen im .Esplanade". Werben Sie kom­men?"

.Ja: »Denn Sie bic Güte haben, bann komme ich. Und ich danke Ihnen sehr, gnädige Frau, daß Sic mir verziehen haben.'

Die Same strich über den Blondkopf.

(Fortsetzung folgt.)