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Nr. 109 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesseil) Mittwoch, *1. Mai (952

Lugend und Hochschule.

Jugendpflege und deutsche Zukunst.

Von £)r Hertha (riemerinq, Äerlin

Wer mit offenen Sinnen die ungeheure Spannung unterer Gegenwart miterlebt, der suhlt mit jeher Zaser, daß die Atmosphäre über dem deutschen Da terland wieder ebenso schicksalsgeloden ist wie beim Ausbruch des Weltkrieges, wie beim Nahen des Zu sammenbruchs oder unter den Schrecken der Ruhr befefoung. Bleischwere. Lust lastet aus ollem Bolt Aber nur die Schwachen und Mutlosen meinen, dost man sich untätig und ohne Widerstand zur ffrbr ducken müsse, um den Sturm über sich dahinbrousen zu lassen Ander» die Tatmenschen, die aller Un- sicherheit des Daseins ihr tapferesDennoch" ent gegen,eRen. Auf diese zähen Leute und ihre Leistung kommt es auch heute wieder an, wenn es gilt, mft der Gesundheit und Tüchtigkeit unserer Jugend 'in letzter Linie das Leben der Ranon zu retten

Um nichts Geringeres nämlich geht es bei dem Kamps für die Jugcndn^ohlfohrtspflcgc, vornehmlich die Jugendpflege, der heute im Zeichen der Sparmaßnahmen, Etatsabstrichen und katastrophaler Finanznot in Ministerien und Magistraten, in den Parlamenten aller Dimensionen, in Staat und Ge­meinde mit scharfen und wohl auch mit stumpfen Waffen, mit reiflicher Ueberlegung und Sachkunde, bisweilen leider auch in Zaghaftigkeit und Gedon kenlosigkeil ausgesochien wird

Gewiss, beim Ausstellen und Beraten der Haus hollsplane kommt keine Stelle heute um die ernste Pflicht herum, mit scharfem Rcchenstift empfindliche Abstriche oarzunehmen. Aber die Jugendwohlsahrts- pflege beklagt sich mit Recht, daß ihr gegenüber vor­nehmlich die formelle Frage entscheidend fei: ob ihre Leistungen durch Gesetze vorgeschrieben oder dem freien Ermessen der öffentlichen Hand onheimge- geben seien Darüber werde das Wesentliche ihres Wirkens übersehen. Weil die Pflege der in körper­licher, geistiger und seelischer Beziehung normalen Jugend im Belieben von Ländern und Gemeinden steht, so ist man zwar noch allenfalls bereit, das ge­setzlich Angeordnete für die krankhafte und verwahr­loste Jugend zu tun, wahrend man glaubt, die brei­ten Schichten der Jugend vernachlässigen zu dür­fen, die zwar einstweilen noch gesund an Leib und Seele sind, die aber aufs ollerschwerste in ihrer Entwicklung bedroht werden durch die Schädigun­gen, denen sie die Erwerbslosigkeit ihrer Eltern, mehr noch die eigene Arbeitslosigkeit aus­fetzt. Wir wissen, wie im Zeichen mangelhafter Ernährung der Gesundheitszustand dieser Men­schenkinder schlechter und schlechter wird. Ihre B c M e i b u n g wird immer durstiger und schadhafter, denn die niedrigen Unterstützungssätze (und längst nicht alle erwerbslosen Jugendlichen hoben einen Unterstützungsanspruch!) gestatten keine Neuanschaf- hingen. Von ärztlicher Seite wird berichtet, wie der Mangel an Wäsche und Seife die Schmutzkrankheiten befördert. 21 m schlimmsten aber lostet auf der deut­schen Jugend die Untätigkeit, den Fluch des Ausgeschlossenseins aus der Zahl der werktätigen Menschen. So steht es um Schoren innerhalb einer jungen Generation, die nach wenigen Jahren zu Vatern und Müttern ihrer Nachkommenschaft, zu Ernährern und Hausfrauen im Bereich der Volks­wirtschaft, zu Burgern und Bürgerinnen unseres Staatswesens herangereift fein sollen! Gelingt es nicht, diesen Neisungsprozest wieder in gesunde Le­benslust zweckmäßiger Tätigkeit einzuordnen, so ist unser Dasein als Nation aufs schwerste gefährdet. Denn nue vermag ein Volk zu leben in dem Fami­liengefühl, Arbeitskraft und gesunder Bürgersinn nicht entwickelt sind!

Normale Arbeitsgelegenheiten in zureichender Zahl werden wir sobald in unserer Wirtschaft für die Jugendlichen nicht bereit haben. Die Berufsschulen, die in mehr als einem Sinn eine gewisse Ersatzbe- |d)äftigung für die jungen Erwerbslosen bedeuten, werden von den Kommunen in erschreckendem Um sänge eingeschränkt und abgebaut. Damit vergrößert sich die Last an Verantwortung und Aufgaben, die der anpassungsfähigeren Jugendpflege heute ganz ielbftDerftänblid) zufällt. Deshalb darf es nicht ge­schehen, dost diese letzte und wichtigste pädagogische Stütze der deutschen Jugend so sehr geschwächt wird, daß sie zuletzt ihren Dienst versagen muh.

stud. med. in Wien.

fhie der (Glanzzeit der Wiener medizinischen Lchulc.

Von Karl Zedern.

Als ich in den Jahren 1885 bi# 1891 in Wien studierte erst ein Semester an der mebizinifchen Fakultät, um dann zur juristischen überzutreten, waren noch viele Geschichten aus der Glanzzeit der Wiener medizinischen Schule im Umlauf. Lebhaft war die Erinnerung an den alten 2i o kitanskh, bei dem mein Vater Hausarzt ge­wesen war. Wie durch feine epochemachenden Forschungen, war er durch seine lapidare Grob­heit berühmt. Wenn er in derGesellschaft der Aerzte" den Vorsitz führte, muhte jeder Dor­trag vor 10 Uhr beendet sein, damit er recht­zeitig nach Hause kam. Ein junger außerordent- jicher Professor, der zum erstenmal sprach und davon nichts ahnte, redete fort; um dreiviertelzehn wurde Rokitansky unruhig und Iah wiederholt auf die Uhr; die Zuhörer lächelten gespannt, fünf Minuten vor Zehn rief der Vorsitzende durch den Saal:Eie. Herr Professor, dauert der Unsinn noch lang?"

Der Chirurg Hofrat Zuckerkandl. war einige Zeit bet ihm Prosektor gewesen. Ein jun­ger Arzt, der im Seziersaal hospitierte, sagte ein­mal prahlend, Zuckerkandl lerne doch erst von ihm pathologische Anatomie. Dies kam Zuckerkandl zu Ohren; er war bei der Markomannia aktiv ge­wesen und heftig von Hatur: als der andere den Seziersaal betrat, entfernte er ihn mit Brachial­gewalt. Empört stürzte der ins Zimmer Roki­tanskys. der am Schreibtisch sah. und beklagte sich über die ihm widerfahrene Behandlung. Ro­kitansky schrieb weiter, nachdem er alles ange­hört. wendete er sich langsam um, sah den an­deren aufmerksam an und sagte:Ra. wann der Zuckerkandl Sie hinausg schmissen hat. wird er scho q muht haben, warumund die Sache war

Im Vergleich zu anderen Aufwendungen aus öffentlichen Geldern sind die für Zwecke der Jugend­pflege verwandten Mittel stets höchst betcheibcn bc- messen gewesen. Betrugen sic doch beispiclswetic im Jahre 1930 im preußischen Staatshaushalt 3,9 bzw 4,k Millionen Mark (3 Millionen für Jugendpflege zwecke, dazu ein Darlchensfonds von 900000 Mark und 900 000 Mark für Leibesübungen auch der er- wachsencn Staatsbürger) gegenüber einer Gesamt ousgabe der Staates von 4294,k Millionen Mark. In den Etats zahlreicher Gemeinden dürfte die Ju- gendpflege verhältnismäßig erheblich geringer be­dacht worden sein. Schon im Jahre 1931 sind die Aufwendungen überall wesentlich gekürzt worden. Jetzt aber werden an diesen Posten noch viel ticsergreisenbe Abstriche vorgenommen; bei man­chen kommunalen Haushalten besteht bic bringenbe Gefahr, baß sic gänzlich ausfallen. Einer so wesent­lichen ftulluraufgäbe mir der Jugendpflege gegen­über sollte nicht bonach entschieden werben, ob das Gesetz Staat unb Gemeinden ihre Losung zur Pflicht macht, sondern danach, was für die Existenz des Volkes notwendig ist. Hierüber aber kann kein Zweifel bestehen. Die Jugend vermag noch nicht bei den entscheidenden Stellen selbst für ihr Lebensrecht einzutrcten. Deshalb muß die breite Ocffentlichkeit der Erwachsenen endlich etnsehen und dafür lamp­

ten, daß die Jugendpflege I iftungsfohig zu erhalten ist. Es geht hier um sehr viel mehr als um wirt- schaftliche Dinge'

Seit 1911 ist in Preußen eine Jugendpflegearbeit aufgebaut worben, der nur wenige andere deutsche Lander etwas Aehnliches an die Seste zu stellen verwogen. Im einzelnen hat sich diese Arbeit im Laufe der Jahre den besonderen Bedürfnissen an ge­paßt, die sich im Wandel der Zeiten in der Fuh- rung der Heranwachsenden Jugend herausstellten. Dabei wird das Ziel verfolgt, eine an Leib und Seele gesunde, schaffensfreudige und wirtschaftlich tüchtige Jugend heranzubilden. Die zahlreichen gro­ßen und kleinen Verbände, in denen sich Burschen und Mädchen aus freien Stücken zusammenschließen, und ihr von sehr unterschiedlichen Zielsetzungen be­stimmtes Leben in vielerlei Formen betätigen, sind durch Staatsbeihilfen in ihrer selbständigen Er­ziehungsarbeit höchst wirksam geforbert worben Don Staats wegen finb sie in Stählen unb Streifen zu Ausschüssen der Jugendpflege zusammengeschlof. Jen, deren Glieder an einer großzügigen Haftpflicht- und Unfallversicherung sowie an der Fahrpreiser­mäßigung teilhaben, die die Reichsbahn im Interesse der Jugendpflege gewährt. Mit Staatsbeihilfen find rings im Lande zahlreiche Jugendheime und Jugendherbergen geschaffen, Turnhallen er-

Dem Gedächtnis der Straßburger deutschen Llniversität.

Von einem Elsässer.

Die Geschichte des ..Reichslandes Elsaß-Lothrin- gen" umschließt ein Kapitel deutscher wissenschaft­licher Arbeit, dem man französifcherseitS 1918 mit roher Gewalt äußerlich ein Ende bereiten konnte, dessen Rachwirtungen aber nicht so bald ausgelöscht sein Werden. Wir sprechen von der weithin berühmten deutschen Straßburger Hoch­schule. der nach ihrem Stifter genannten Kaiser- Wilhelm-Universtiät.

Am 1. Mai 1872 war sie eingewciht worden. Die Feier der Gründung sand statt im Angesicht des Münsters, im Hos des Rohan-Schlosses. Unb mit besonderer (Ergriffenheit vernahmen die Fest- gäste die mittäglichen Glocken, deren Klang in die feierlichen Worte Anton Springers, des Kunfthistorikers hineintönte. 3m Gegensatz zu den anderen deutschen Hochschulen war die Straß­burger Alma mater als umfassende Gründung des jungen Reiches unb der gesamten deutschen Ra­tion gedacht, und fast alle Universitäten des deut­schen Sprachgebiets von der Schweiz bis hinaus nach Dorpat waren bei dem Festakt vertreten

Bewußt knüpfte man an die ileberlieferung der vor rund 100 Jahren in den Stürmen der französischen Revolution vernichteten deutsch- elsässischen Universität (von 1621) an, deren be­rühmtester Stubent kurz vor ihrem Ende Goethe gewesen ist. 3m 19. 3ahrhundert hatte im Elsaß eineUniversität" un umfassenden Sinne nicht mehr bestanden, nur eine Reihe selbständiger, an Bedeutung kehr ungleicher Spezialschulen. Run aber verkündete die kaiserliche Slistungsurkunde vom 28. April 1872,daß die durch eine glän­zende Vergangenheit ausgezeichnete hohe Schule zu Straßburg in ihrer früheren einheitlichen Ge­staltung als Universität wieder ins Leben trete".

Bom elsässischen Standpunkt aus kommt es uns heute weniger darauf an, der großen Ge­lehrten zu gedenken, die den Rainen Straßburgs in der internationalen Wissenschaft fast aller Fachgebiete bald wieder zu hohem Ansehen ge­bracht hatten, als den grundlegenden Unterschied der Einstellung aufzuweisen, bet nach 1871 unb hinwiederum nach 1918 die Gründer der deutschen bzw. der heutigen französischen Universität be­seelte 1919 wollte man eine betontnationale" Hochschule ins Leben rufen. Richt zufällig war es Poincare, der bi.e Rede hielt, als man am 22. Rovember 1919 die neue Universität für ge­gründet erklärte. Und es ist bezeichnend für die heutige Straßburger Universität, daß an ihr bic Muttersprache der Elsässer, das Deutsche, völlig ausgeschaltet ist.

erledigt. -- Ein Jahr später war derselbe Arzt Dozent geworden unb hatte seinen ersten Ver­trag in derGesellschaft der Aerzte" angcmcl- det. Rokitansky führte den Borsiy. Er blätterte in seinen Papieren und sagte mechanisch:3eht wird ein jüngerer Herr Kollege uns einen sehr interessanten Dortraq Hal! Herr Dr. R...". damit sah er von seinen Papieren aus, erblickte den andern und rief überrascht:Ah. Sie sein ja derjenige, den der Zuckerkandl damals..." da unterbrach er sich; aber für die Eingeweihten und für die Stimmung des jüngeren Herrn Kollegen genügte es.

Einmal saß er beim Rigorosum und fragte den Kandidaten, wie groß ein Kcphalomatom werden könne? Der Kandidat schwieg. Ein gutmütiger Herr aus dem Unterrichtsministerium, der Mit­glied der Prüsungskornrnission war, half, indem er mit dem Finger cir.cn Kreis aus feiner Hand­fläche zog.Schaun s nöt hin. was der zeigt", sagte Rokitansky", sonst fallen s g'toifo!

Den großen Anatomen Hyrtl hab' ich selbst noch oft gesehen. Er las zwar nicht mehr, aber er wohnte in Perchtoldsdors bei Wien auf dem Marktplatz hinter dem alten Echwedcnturm er wohnte dort mit seiner Frau, der das Haus gleichfalls gehörte, und mit der et sich nicht ver­trug. Darum hatte er quer durch das Haus und durch den Torweg bis zur Straße eine Mauer aufführen lassen, so daß sie wohnen und aus- und cingcpen konnten, ohne sich je zu begegnen. Er selbst ging täglich in einer merkwürdigen 2c.- nentracht, ohne Hut, einen grünen Schirm für die Augen um den Kops gebunden, spazieren und schob mit seinem Stock Papiere, Blechdosen und waS sonst alles auf dem Markt he rumlag. mit der Zeit zu einem mächtigen Hausen hinter dem Turm zusammen. Die Leute nannten es den Misthau­fen des Herrn Hofrat. Des Abends aber begab er sich gerne in den eine halbe Stunde entfern­ten Felsenkeller; und wenn er manchmal er war weit über siebzig - nicht ganz kicheren

Wie anders trat 1872 die deutsche Uni­versität ins Leben! Ohne Scheu und mit offenen Armen trat sie den Dozenten der alten fran­zösischen Akademie entgegen; wer weiter an ihr lehren wollte, war willkommen. Die theologische Fakultät bestand so ansangs überhaupt nur aus Elsässern, unb ihr Dekan war der erste Rektor der neuen Hochschule. Auch hatte man nicht Angst vor der Sprache der Besiegten; die übergetre­tenen Professoren durften, wenn sie es für nötig hielten, in französischer Sprache lehren. Und in den wissenschaftlichen Arbeitsräumen der medi­zinischen Fakultät durften auch solche Männer weiter tätig sein, die sich nicht hatten entschließen können, den Uebertritt auszusprechen.

Dernachlässigl unb rückständig wie saft der gesamte wissenschaftliche Betrieb an der fran­zösischen StraßburgerAkademie" war auch die bauliche Unterbringung. So muhte man sich in den ersten 3ahren mit dem Alten einrichten. Aber sofort begann der Ausbau einer neuen, modernen, planmäßig angelegten Stadt der Wissenschaft und Forschung. Sie hatte zwei Mittelpunkte: um das Bürgersvital" bic mebizinischen 3nftitute, im neuen Straßburg, vor den niedergelegten alten Festungsmauern die Zahl der übrigen 3nftitutc rund um das prächtige Hauplkollegiengebäude, das im 3ahre 1884 eingeweiht werden konnte. Es war nicht nur in der räumlichen Einteilung und Ausstattung zu feiner Zeit vorbildlich, son­dern auch architektonisch eine prächtige Leistung. Dom Giebel des schönen Hauses grüßt uns noch heute die Losung: bitter i s c t patriae! Den Wissenschaften und dem Batcrlande! Deutsch­land hat nicht nur diese Bauten errichtet, die ins-gesamt 18 Millionen Mark gekostet haben, sondern auch bis zuletzt einen jährlichen Zuschuß von 400 000 Mark geleistet.

Die Kaifer-Wilhelm-Universität war wohl als eine Schöpfung von außen her ins Leben getre­ten, aber durch Anpassung an die natürlichen Be­dingungen ihrer Umwelt immer mehr zu einer elsaß-lothringischen Landesuniver- sität geworden Sie war die Krönung des vor­bildlichen rcichsländischcn Unterrichtswesens und wie die'es ein Segen für Land unb Volk Sie hat erreicht, was sie in so kurzer Zeit erreichen konnte: sie begründete durch ihre Tätigkeit die Ach­tung vor vorurteilsfreier deutscher Forscherarbeit und hat ohne plumpeGermanifations"-Absichten der Selbstbesinnung der Elsässer und Lothringer auf ihr deutsches Volkstum unb den Stolz auf die eigene Art toieöcr^ebcn helfen.

Schritts heimkehrte, dann bot ihm wohl ein des Weges kommender Einwohner, der ihn kannte, hilfreich den Arm.Wie schön", sagte er ein­mal. da es dunkle Rächt war.daß ich nicht sehe, vor wem ich erröten muß!"

3hm wurde im großen Hos der Universität noch bei Lebzeiten ein Denkmal gesetzt; er selbst war bei der Enthüllung anwesend. Der Chirurg Hof- rat Eduard Albert, den ich als Freund meines Vaters gut kannte unb der zugleich ein vortreff­licher Schriftsteller war. h'clt. eine lateinische Ansprache an ihn. Die Kollegen hatten sie erst schriftlich eingefordert und heimlich einem Philo­logen gezeigt, weil sie dem Latein des Chirurgen nicht trauten, aber der hatte sie beruhigt Albert hielt die Rede mit der ganzen männlichen Würde und in der eindrucksvollen Art, die ihm eigen war aber der fast Achtzigjährige erwiderte aus dem Stegreif in tadellosem Latein mit einer geistvollen Rede.

Als Hyrtl noch aktiver Professor war. hatte er manchmal keine Lust, eine Vorlesung zu halten unb suchte dann nach einem Vorwand. Eines Tags, da er sehr übellaunig im Hörsaal erschie­nen war. Iah er unter den Zuhörern einen Zög­ling des Francisco-Joseph' nums. des militäri­schen 3nftitut0, in feiner blauen Uniform in der vordersten Reihe am Tisch mit den Prä­paraten stehen.

..Mann des Kriegs, umgürtet mit dem bruöer- mörderifchcn Schwerte", redete er ben Verblüfften an. ..was fuchst du in meiner Vorlesung? Willst du hier Anatomie hören? Das kannst du in eurem 3nftilut cben'ogut oder belfer! Kommst du aber, damit ich dir einen Wurfchtl abgebe dazu bin ich mir zu gut!!" sprach s ober schrie's, schritt vorn Vortragstisch und schlug die Türe des Hörfaals hinter sich zu.

Hyrtl haßte die Physiologen im allgemeinen und konzentrierte fc;nc Abneigung persönlich auf

baut, Spiel- unb Sportplätze, Schwimm unb Bade- anftalicn eingerichtet morden Damit finb ber Ju- genb bic Stätten bereitet, auf denen sich das ihr ge

Leben abfpielen kann Ein ciab von Führern steht ihr zur Seite, für besten Weiterbst düng der Staat Gelber. Uebungsstotten, Lehrkräfte und manche sonstige Hilfe zur Verfügung gestellt hat. Selbstverständlich wird kein Einsichtiger daran denken, diese Einrichtungen vorläufig noch weiter auszubauen. Indessen lallte der Bestand überall er­halten bleiben. Es geht j. B. nicht an, daß öffent­liche Jugendheime ihre Pforten schließen, weil die Poften für Heizung die ja jetzt in Wegfall kommt unb Beleuchtung gespart werben sollen. Denn bic arbeitslose Jugend braucht für Lehrkurse aller Art wie für müßige Stunden diese Unterkunft»- gclcgcnhciten notwendiger denn je.

Die lebendige Jugendpflege, für die diese Einrich­tungen den Rahmen ahgeben, muß unter allen Um standen sortbeslehen Um diese flarbinalforbcrung zu erfüllen, finb Menschen, Jugcnbpfleger und Jugenbpslegerinnen ersorberlich, bic bic praktische Arbeit tragen. In Preußen hat ber Staat in ben Regierungsbezirken wie in den Stabt- unb flanb- kreisen solche Persönlichkeiten bestellt. Dieser Per- scnenkreis muß bedauerlicherweise einstweilen auch erheblich eingeschränkt, ben Verbleibenben noch mehr Arbeit als bisher zugemulet werben. Mit Rat unb Tat stehen sie ben Jugenbvereincn zur Seite, soweit biefe das wünschen. Ihre Tätigkeit gilt heute aber hauptsächlich ben erwerbslosen jungen Leuten unb Mädchen, beren Mehrzahl nicht in einem Ju- genbbunb organisiert ist Die vom Staat bestellten tiugenbpfleger werden in Konferenzen unb Lehr- gangen durch Runberlasfe in Fachzeitschriften lau­fend mit den besonderen Aufgaben vertraut gemacht, vor bic bic Not ber Gegenwart sie stellt. Folglich sind auf Anregung bes etaates bereits im Herbst 19.30 an vielen Orten Arbeitsgemeinschaf- t c n von Jugendpflege, Arbeitsamt, Berufsschule unb allen sonst beteiligten Stellen aufgebaut wor­ben, bie bic mancherlei Hilfs-, Erziehung». unb Schulungsmaßnahmen für die erwerbslose Jugend einheitlich durchfuhren. Zahlreiche Beschästigungs- Möglichkeiten, llnterrichtskurse, Arbeitslager usw.. sind überall mit erprobten unb neiigcmi nnenen Hilfskräften eingerichtet worden. Aber nicht jeder bereitwillige Helfer vermag ohne weiteres im Dienste an der erwerbslosen Jugend Ersprießliches zu leisten Deshalb haben die Jugendpslegcorganc des Staa­tes feit einigen Monaten begonnen, solche Hilfs­kräfte, z. T. stellenlose Lehrer und Lehrerinnen, Handwerker, Wohlfahrtspflegerinnen usw., in die sen eigenartigen Zweig ber Jugendpflegearbeit ein­zuführen. Mit ber Erwerbslosenpadagogik entwickelt sich in unserer Notlage ein Sonbergebiet ber Er- ziehungswissenschaft.

Als mit ber Dauer ber Arbeitslosigkeit die Frage immer brennender wurde, was man denn auf die Länge ber Zeit mit biefen jungen Menschen be­ginnen solle, ba ja keiner der ihnen geläufigen Be rufe irgcnbroeldjc Aussicht auf Bcschäftiaung bietet, erschloß sich für bie überschüssige junge Arbeitskraft ein einziges Ventil, burd) bas sie mit Hoffnung auf einige Enbgültigkeit ausftrömen kann, bic Sieb- l u n g. Mit Umschulungskurscn zu Gartenbau unb lanbwirtschaftlichcr Arbeit, mit Unterricht in länd­licher Haushaltungskunbe für bie Mäbchen, sucht man ber ber Scholle entwöhnten Jugcnbbicfe Ce­man ber ber Scholle entwöhnten Jugenb biefe fie­lt g e Arbeitsdienst bietet den Arbcitshungri- gen willkommene Gelegenheit, Arbeitsfähigkeit und Arbeitsdisziplin zu üben. Die von den Arbeits­ämtern genehmigten Unternehmungen reichen im­mer wieder nicht zu, um alle Dienstwilligen auszu­nehmen. Bei diesen vielgestaltigen Maßnahmen sind Jugendpfleger unb Jugenbpslgerinnen bald als Führer, halb in bescheibencr Helferrolle mit am Werke. Die notmenbige Umschichtung unseres Volkes aus ber engen Stabt an ben Slabtronb mit Gemüse- und Obstgärten, aus der Gcbunbcnheit bes In- buftricarbciters, bes Hanbelsangestellten ober sog. Intellektuellen in bie freiere Lebenszone bes Land bebautes kann nicht gedeihen, wenn sie nicht durch eine weitblickende unb großzügige Erziehungsarbeit an ber Jugenb vorbereitet wirb. Diese Arbeit hat bie Jugenbpslcge zu leisten unb sic hat fic schon tatkräftig angepackt. Damit wächst bie Jugenbpflegc über sich selbst hinaus zur Wegbereiterin deutscher Zukunft. 'Wahrhaftig, dieses Stück Volkserziehung muß auch über bie Notzeit hinburchgehalten werben!

seinen berümten Kollegen Ernst von Brücke. Dieser, um ihn zu ärgern, kündigte in einem Wintersemester ein Kolleg überPhysiologie und höhere Anatomie" an.Meine Herren", sagte Hyrtl in ber ersten Vorlesung, .auf dem schwarzen Brett ist eine Vorlesung über höhere Anatomie angezeigt: ber betreffende Herr meint damit nur, bah wir hier im Parterre sind, er aber im ersten Stock lieft!"

Brücke verlangte, baß man sein Lehrbuch bet Physiologie fast wörtlich auswenbig lernte Ein Kanbibat. der dies zu wörtlich nahm, zitiert« in seiner Antwort auf eine FrageMein Freund Dubvis-Reymond hat nachgewiesen ." Da tippte der kleine alte Herr ihm lcile auf die Schulter und bemerkte Er war auch mein Freund!"

350 3obre Llniversität Würzburg.

Die Universität Würzburg kann im Mai b. 3 auf 3 5 0 3 a f) r c ihres Bestehens zu- rüdblidcn. 1582 würbe sie von Fürstbischof 3u- lius Echter von Melpclbrunn gegründet. 5 as ehrwürdige Baudenkmal mit seinen wer Flü­geln unb dem überragenden Turm vom 17. 3ahr- hundert enthält heute die Universitätsbibliothek mit 600 000 Bänden, 1750 Handschriften und 2000 Inkunabeln, einen Ausstellungssaal mit wert­vollen Handschriften unb literarischen Selten­heiten. kunstgeschichtliches Museum mit prächtigen Gemälben. Skulpturen, Münzen, Vasen unb son­stigen antiken Gegenständen, kunstwissenschaftliche 3nftitute und bic Un versilätskirche mit einer Fülle hervorragender Kunst schätze Das neue Kollegienhaus der Universität ein ausgedehn­ter Prachtbau in Spätrenaissance erstand 1392 b,s 1896 am Sanderring. Berühmte Ramen wie Roentgen.V irchow und Hermann Schell gehörten dem Lehrkörper an. 3n den Tagen vom 11. bis 13. Mai wird eine schlichte Gedächtnisfeier in der schönen Stadt am Main die Erinnemnk» beleben.