(Stellung wirtschaftlich hineinpassen. Mit Sicherheit vermag heute niemand die Zukunft deutscher Menschen vorauszusagen. Viel wesentlicher ist im Augenblick, daß hier mit Aufwendungen, die selbst in >der bitteren Gegenwart tragbar sind, neue Lebens Möglichkeiten, wenn auch zunächst nur für einen beschränkten Kreis von Familien geschaffen worden sind.
Für di« nächste Reihe von Siedlungslustigen, für die Männer mit ihren Frauen, die sich im kommenden Sommer ihre Stellen aufbauen wollen, findet im Laufe dieses Winters ein Lehrgang statt. Da werden sie u. a. im Gartenbau und in der Kleintierzucht eingeführt. Das Modell eines Hauses wird im Rahmen des Unterrichts in „Einzelheiten des Hausbaues und der Bauausführung" hergestellt. Das Wichtigste aber an dem Brandenburger Versuch uni) an allen ähnlichen, die sonstwo gemacht werden, ist die psychologische Seite der Sache. Man muß gesehen haben, mit welcher Freude und Liebe die seit langer Zeit unbeschäftigten Männer an ihren Häusern und Gärten arbeiten. Man muß mit den Frauen gesprochen haben, die dem Besucher bereitwillig die Türen zu ihren neuen Küchen und Stuben öffnen und ihm ihre ganze Herrlichkeit voll Stolz vorführen. Jeder Arbeitslose, dem die Möglichkeit gegeben wird, Zeit und Kraft wieder an eine sinnv olle Tätigkeit zu setzen, dem das entsetzliche Gefühl abgenommen wird, daß er überflüssig ist und ausgeschlossen aus dem Kreise nützlicher Staatsbürger, ist eine Eroberung für das Vaterland.
Unberechtigte Einkommensteuer- Vorauszahlungen.
Die letzte Rotverordnung hat durch die Vorverlegung der Einkommen st euer- vorauszahlungen um einen Monat im Jahre 1932 praktisch ein fünftes Steuer- q u a r t a I geschaffen. Ist damit schon eine erhebliche neue Steuerbelastung für alle diejenigen, die Steuervorauszahlungen zu leisten haben, eingetreten, so wird sie wesentlich dadurch verschärft, daß die fälligen Einkommensteuervorauszahlungen läng st nicht mehr dem tatsächlichen Einkommen entsprechen.
Rach den Bestimmungen des Reichseinkommen- steuergesehes hat jeder Veranlagte bis zum Empfang eines neuen Steuerbescheides vier, im Jahre 1932 nach der letzten Rotverordnung fünfmal im Jahr jeweils ein Viertel des veranlagten Steuerbetrages zu entrichten. Rach § 100 des Einkommensteuergesetzes dürfen diese Vorauszahlungen nur dann ermäßigt werden, wenn sich d a s Einkommen des Steuerpflichtigen um mehr als ein Fünftel ermäßigt. Bekanntlich sind im Jahre 1931 die Einkommen aller Veranlagten stark zurückgegangen. Man sollte also annehmen, daß dieser Tatsache auch steuertechnisch Rechnung getragen würde, um so mehr, als ja überhöhte Steuerabzüge später wieder zurückgezahlt werden müssen. Das ist jedoch bei den eben angeführten Bestimmungen des Einkommensteuergesetzes nicht möglich. Vielmehr tragt diese Regelung, die für die Vergangenheit ausreichend sein mochte, den Verhältnissen der Gegenwart und den Verschiebungen der Einkommensverhältnisse, wie sie im Lause des letzten Jahres eingetreten sind, keine Rechnung.
Der Einkommensrückgang im letzten Jahr ist nicht auf einmal, sondern allmählich eingetreten. Selbst wenn er aber Ende 1931 20 Prozent, wahrscheinlich noch mehr, beträgt, so ist damit ein Fünftel des im ganzen Jahre bezogenen Einkommens noch nicht erreicht. Infolgedessen sind die Steuervorauszahlungen am 10. Januar, im Rlärz und für den Fall, daß die Veranlagung später folgt, vielleicht sogar noch Zch hab dir verzieh»! Vornan von Elotilde von Slegmann« Stein. Copyright by Marfin Feuchtwange r, Halle.
12. Fortsetzung. Nachdruck verdaten.
Sie goß ihm Tee ein und strich ihm forgfättig die goldgelb gerösteten, knusperigen Weißbrot- schnittchen, die sie mit Mamsell Stülpnagels köstlichem Quittengelee belegte.
Der Konsul sah mit liebevollen Blicken den fürsorglichen Hantierungen seiner Tochter zu. Als aber Birgit aufstand, um noch ein Rückenkissen für den Vater zu holen, wehrte er ab, drückte fein Kind sanft in den Korbsessel neben sich und sagte, sie bedeutungsvoll ansehend:
„Rein, meine Birgit, es ist jetzt an uns, dich zu bedienen."
Birgit errötete und drückte In scheuem Glück die Hand des Vaters.
„Du weiht es also, Väterchen? Hat Siewert doch geplaudert?"
„Rur weil er meine Besorgnis verscheuchen wollte, als ich ihn wegen deines veränderten Aussehens befragte. Es geht dir doch sonst gut, mein Liebling — du hast doch keinen Kummer?"
Birgit fand nicht sogleich eine Antwort.
„Da kommt der Postbote", rief sie erleichtert: konnte sie doch auf diese Weise dem forschenden Blick des Vaterauges entgehen.
Sie wandte sich nach dem Eingang, von wo der Diener auf einer Schale die eingelaufenen Briefschaften herbeibrachte.
Birgit sah die Post flüchttg durch, indes der Konsul behaglich seinen Tee trank und in den frühlingsgrünen Tag hinausblickte, der Park und Himmel in sanftem ©[am der Sonne erstrahlen ließ. So merkte er nicht, daß Birgit mit befremdetem Ausdruck einen Brief hin- und herwandt«, um ihn schließlich zu öffnen.
Kaum hatte sie die ersten Zeilen gelesen, als tödliche Blässe über ihr Gesicht zog.
„Was ist dir?" rief der Vater erschreckt. Birgit winkte mühsam ab, stand wankend auf, den Brief in der Hand haltend, machte einige Schritte zur Tür und sank mit einem leisen Wehlaut ohnmächtig auf die buntgeflochtene Matte der Veranda nieder.
„Kind", schrie der Konsul auf und sprang hinzu. Mit bebender Hand griff er nach der Klingel und läutete. Aber noch ehe jemand kam, nahm er rasch das Papier aus der schlaffen Hand seiner Tochter und überflog es.
Sein Gesicht verzerrte sich. Er stöhnte auf, als er den auf schlechtes Papier geschriebenen Brief gelesen hatte.
Als das erschreckte Mädchen herbeigestürzt kam, hatte er das Blatt bereits in seiner Tasche ver-
im Juni, nachwievorinderaltenHöhe zu zahlen. Daß dieser Zustand für den Steuerzahler unerträglich ist, braucht nicht besonders betont zu werden. Es wäre deshalb richtiger gewesen, man hätte rechtzeitig dieser Entwicklung in der letzten Rotverordnung Rechnung getragen und durch Aenderungen des Reichs- einkommensteuergesehes den heutigen Zeitverhältnissen angepahte Vorschriften geschaffen. Das hätte auch im Interesse des Reiches gelegen, das doch verhindern muh, daß der Steuereingang in den nächsten Monaten ein völlig falsches Bild über die zukünftigen Reichseinnahmen herbeiführt.
Diese Aenderung wäre um so notwendiger, als auch die Bürger st euer infolge der durch die Staffelung vorgenommenen Verfälschung des ursprünglichen Gedankens praktisch zu einer neuenEinkommensteuergewordenist. Wenn in den meisten Städten jetzt die dreifache Bürgersteuer erhoben wird, wobei nebenbei bemerkt, der Verheiratete, der auch für die Frau die Staffelbeträge mit zu entrichten hat, steuerlich ungünstiger dasteht als der Ledige, so entspricht das schon den Sätzen der Kirchensteuer. Dabei wird die Bürgersteuer sogar noch nach dem Einkommen des Jahres 1 930 berechnet. Das hat eine weitere überhöhte Steuerleistung zur Folge. Während aber bei zuviel gezahlten Vorauszahlungen zur Einkommensteuer noch eine Anrechnung erfolgt, handelt es sich bei der Dürger- fteuer um endgültige Zahlungen.
schwinden lassen. Auch die gleichfalls herbeigeeilte Mamsell bemühte sich jetzt um die bewußtlose Birgit.
Der Konsul rief den Grafen Friedrich in der Mühle an und bat ihn, so schnell wie möglich herüberzukommen. Dann jagte er feinen Chauffeur in die Stadt zurück, um den alten Sanitätsrat herbeizurufen.
In furchtbarer Erregung hatte Graf Friedrich durch den Konsul von Birgits Unfall erfahren. Cr war sofort herbeigeeilt. Run warteten die beiden Männer in dem heiteren Raum ängstlich auf die Ankunft des Arztes.
Rach den Berichten oer Mamsell Stülpnagel lag Birgit immer noch in dieser tiefen Ohnmacht befangen. Fast schien es der erfahrenen Frau, als wollte die junge Gräfin nicht wach werden — als wäre diese Ohnmacht eine wohltätige Flucht vor irgend etwas Schrecklichem. Aber was es war, konnte sie nicht ahnen. Der Konsul hingegen wußte es — und streckte mit einem Gesicht, in dem Zorn und Verzweiflung sich mischten, dem Grafen Friedrich jenen Brief entgegen, den er aus Birgits Hand genommen hatte.
„Lesen Sie", sagte er rauh. „Es ist zwar Ihr Bruder, um den es sich handelt, aber ich kann es Ihnen nicht ersparen, seine verdammenswerte Handlung kennenzulernen."
Mit bebenden Händen nahm Gras Friedrich das Schreiben, dessen unsichere, schlechte Handschrift schon die Niedrigkeit seines Absenders verriet. Er las, und sein Gesicht wurde fahl wie das des Konsuls, folgende Worte:
„Frau Gräfin sollten sich einmal darum kümmern, was Ihr sauberer Herr Gemahl, der Graf Rauenstein, alle Tage in der Stadt zu tun hat. Es ist eine Schande, wie er Sie betrügt. Wissen Sie auch, mit wem? Mit der gemeinen Person, der spanischen Tänzerin Dolores. Das Geld von Frau Gräfin war ihm gut genug, nun vertut er es mit diesem Frauenzimmer. Frau Gräfin tun mir leid, sonst würde ich schweigen. Aber Vergeltung muß sein. Eine, die der feine Herr auch schon ins Hnglüd gebracht hat."
Die beiden Männer sahen sich stumm an.
»2ch schäme mich", sagte in die Stille hinein Graf Friedrich tonlos, „ich schäme mich, daß ein Träger des Ramens Rauenstein sich so weit vergessen kann. Denn, leider, Herr Konsul, ich muß Ihnen gestehen, ich fürchte nur zu sehr, daß diese Denunzianttn die Wahrheit spricht."
2lechzend sank der Konsul in einen Sessel und schlug die Hände vor das Gesicht.
„Mein armes, armes Kind! Wäre ich doch meinem ersten Gefühl gefolgt und hätte mein And wegaeführt, weit fort von diesem Manne.
ßiebe zu Birgit habe ich diesem ersten Gefühl nicht nachgeben wollen; ich törichter
Rotwendig wäre auch eine Aenderung der Bestimmungen bei der Krisen st euer der Veranlagten. Rach den Vorschriften der Rotverordnung ist für die Bemessung der Steuer das endgültige Einkommen 1930 bzw. 1931 zu Grunde zu legen. Auch hier erfolgt, da die Vorauszahlungen am 10. März und 10. Oktober 1932 fällig find, die erste Vorauszahlung nach dem Einkommen 19 30, die zweite nach dem Einkommen 1931. Auch hier gilt das oben Angeführte. Bei der Krisensteuer ist im allgemeinen eine Stundung ebenfalls nur dann möglich, wenn wie bei der Einkommensteuer, das Einkommen im ganzen Jahre um mehr als 20 Prozent gesunken ist. Rur »bei den Arbeitnehmern, deren Einkommen 16 000 Mk. übersteigt, ist auf Grund des § 14 der Durchführungsverordnung zur Krisensteuer eine Ausnahme möglich. Diese De- ftimmung gestattet dem Steuerpflichtigen, bei dem feststeht, daß sein Bruttogehalt im laufenden Steuerabschnitt den Betrag von 16 000 Mk. nicht übersteigen wird, Stundung für die Krisensteuer- vorauszahlung zu verlangen. In diesen Fällen wird sich jedesmal ein Antrag auf Stundung empfehlen. Für alle übrigen selbständigen oder im Arbeitsverhältnis stehenden Steuerpflichtigen, soweit sie für die Krifensteuer Vorauszahlung zu leisten haben, ist aber die Stundungsmöglichkeit an die bereits mehrfach angeführte Bestimmung gebunden. Auch hier gilt deshalb das bereits bei der Einkommensteuer angeführte. 2n beiden Fällen ist deshalb im Interesse der Steuerzahler baldige Abhilfe erforderlich.
alter Mann habe geglaubt, daß die Kraft eines so reinen Herzens imstande ist, aus einem leichtsinnigen Knaben einen ernsten Mann zu machen. Was gäbe ich darum, dieses letzte halbe Jahr aus dem Leben meiner Birgit streichen zu können!"
„Und was gäbe ich darum", dachte auch Graf Friedrich voll Schmerz: aber er sprach feine Gedanken nicht aus, mußte er doch fürchten, allzuviel zu betraten von seinen verborgenen Gefühlen. Lind verborgen mußten sie bleiben, wollte er nicht auch ehrlos werden wie fein Bruder.
So senkte er nur stumm das Haupt, gebeugt von der Schuld eines anderen, der feinen 21 amen in den Schmutz zog.
Da — der Konsul stand hastig auf — ertönte wie ein erlösendes Signal die Hupe des Autos und zeigte das Gintressen des Arztes an.
Eine bange Stunde verging, in der die beiden Männer, in stummem Schmerz versunken, sich gegenübersaßen. Endlich öffnete sich die Tür. Mit ernstem Gesicht erschien der alte Sanitätsrat.
„Es ist mir gelungen, die Ohnmacht zu beheben. Ein körperlicher Schaden scheint, soweit ich bis jetzt sagen kann, nicht eingetreten zu sein. Es scheint vielmehr eine seelische Verletzung vorzu- liegen, deren Ursache zu ergründen ich noch nicht imstande war. Vorderhand sind äußerste Ruhe und Fernhaltung jeglicher Aufregung geboten. Eines nur scheint mir bisher festzustehen: es muh sich um irgendeinen ehelichen Konflikt handeln, der die Gräfin in ihrem augenblicklichen empfindlichen Seelenzustand äußerst schwer getroffen hat. Als ich den Ramen des Grafen Hans Egon erwähnte, ging ein solches Entsetzen über ihre Züge, daß ich es für richtig halte, ihn vorläufig vom Krankenlager fernzuhalten."
Die beiden Männer sahen sich an. Ihre Seelen waren bewegt von dem gleichen Gedanken. Plötzlich streckte der Konsul dem Grafen Friedrich die Hand entgegen. Cs war wie eine geheime Abmachung. Auch wortlos verstanden sie sich, und in dem Herzen des Grasen Friedrich wuchs das Gelöbnis empor, Birgit zu schützen, mochte es dabei auch gegen den eigenen Bruder gehen.
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Es war einige Stunden später. Der Frühlingsabend legte seine lila Schatten über Park und Schloß. Die Vogelstimmen tönten leise vom Fluß her, der unter den ersten Frühlingsnebeln dahin- floß. Ein letzter Lichtstrahl streifte Birgits blasses Gesicht, das im leichten Schlummer lag und den Ausdruck eines tiefen Wehs trug. Die Pflegerin, die der alte Sanitätsrat sofort aus dem Johan- nisstift herbeigerufen hatte, saß still und aufmerksam am Bett. Hin und wieder beugte sie sich über die Schlafende und prüfte aufmerksam Atem und Puls.
Jetzt wandte fie sich an den Konsul, der leise eingetreten war und mit sorgenvollem Antlitz das Gesicht seiner Tochter betrachtete.
Berufswahl nur die Aussichten entscheidend sein zu lassen.
Von der vielgerühmten Berufsneigung wird immer noch geglaubt, sie spiele bei der Berufswahl die erheblichste Rolle. Die Praxis der öffentlichen Berufsberatung bestätigt das nicht. Gut 20 Prozent aller Ratsuchenden, auch höhere Schüler, wissen überhaupt nicht, was sie werden sollen, und noch viel mehr haben einen so labilen Derusswunsch, daß von einer echten Berufsnei-- gung kaum gesprochen werden kann. Wieder andere haben zwar einen festen Derusswunsch, aber ganz falsche Berufsvorstellungen, so daß sie nicht selten nach Aufklärung von ihrer ursprünglichen De- russneiaung gar nichts mehr wissen wollen. Die mangelhaften Berufswünsche sind nichts weiter als ein getreues Spiegelbild unserer unübersichtlichen, trostlosen Wirtschaftsverhältnisse und zugleich der Ausdruck fehlender Beruf sauf klärung; denn zu ungenügend bekannten Berufen kann kaum eine rechte Berufsneigung entstehen. V elleicht ist der Zeitpunkt nicht mehr fern, wo eine systematische Derufsaufklärung schon in der Schule allgemein als notwendig erachtet wird. Cs wäre zu wünschen, daß jeder Schulabgänger eine echte, ernstzunehmende Derufsneigung hätte und den Beruf ergreifen könnte, für den cr am weiften Lust und Liebe empfindet. Aber zur Reigung muh sich natürlich auch die Eignung gefeiten? wenn sie nicht wieder verloren gehen soll. Der intensivste Derusswunsch zerschellt sehr häufig an der Berufseignung. Man wird bald feinen mit größter Lust und Liebe ergriffenen Beruf verwünschen, wenn man infolge schlechter Leistungen immer nur Tadel erntet, wenig verdient und allzuleicht arbeitslos wird. Die oft gemachte Erfahrung, daß mit der besonderen Eignung für einen anfangs nichtgewünschten Beruf sich später auch die Neigung dafür einstellen kann, läßt es nicht so schlimm erscheinen, auf einen vielleicht nur angeflogenen Derusswunsch verzichten zu müssen.
Resümieren wir kurz: Neigung und Aussichten sollen und dürfen bei der Berufswahl nicht vernachlässig t werden, aber die Eignung hat in erster Linie ausschlaggebend zu sein. Die chronische Massenarbeitslosigkeit hat das Leistungsprinzip überspitzt: es gibt schon Arbeitgeber, auch behördliche, die nicht mehr mit Durchschn ttskräfien zufrieden sind, sondern durchweg Spitzenarbeiter verlangen. Man hat ja die Auswahl auch unter den Akademikern. Je größer die Konkurrenz in allen Berufen, um so wichtiger wird es, den Beruf zu ergreifen, für den man voraussichtlich am geeignetsten ist.
Eine andere wichtige Frage; Soll der Abiturient auf die Hoch sckule gehen? Diese Frage ist sehr aktuell geworden, da die Zahl der Hochschulstudierenden seit 1913 von rund 72 000 auf 138 000 gestiegen ist und sehr viele Akademiker bekanntlich überhaupt keine, bzw. keine ihrer Vorbildung entsprechende Anstellung finden. Pessimisten prophezeien, daß, wenn sich die Wirt- schaftsverhältmsse nicht wesentlich bessern sollten, wir in einigen Jahren mehr als 100 000 arbeitslose, prcletarisierte Akademiker haben werden. Aber lassen wir die Richtigkeit solcher Schätzung ganz dahingestellt sein, es genügt schon zu wissen, daß heute die Lage sehr vieler Akademiker trostlos ist und auf den Hochschulen Lieberfüllung herrscht. Diese Lieberfüllung hat verschiedene Ursachen: Zunahme des Frauenstu- diums, Erhöhung der Semesterzahl bei vielen Studiengebieten, Erschwerung der Examina, was ebenfalls gewöhnlich das Studium verlängert. Eine der Hauptursachen aber dürfte die starke Zunahme der Schülerzahl an den höheren Lehranstalten fein. Während diese feit einer langen Reihe von Jahren an den Volksschulen relativ und absolut sich verminderten, haben sie an den höheren Lehranstalten (erst 1931 trat eine gewisse Wendung ein) ständig zugenommen. 1913 gab es in Deutschland rund 14 000 männliche Abiturienten, 1931 dagegen über 32 000; in ähnlichem Verhältnis stieg auch die Zahl der weiblichen Abiturienten. Die wachsende Zahl dieser
„Sie können unbesorgt zurückfahren, Herr Konsul", flüsterte Schwester Helene, „ich kenne Frau Gräfin und ihre Natur ja genau von der Zeit her, in der ich sie als Kind am Scharlach pflegte; es liegt wirklich keine Gefahr mehr vor. Die Anordnungen des Herrn Sanitätsrats gingen nur auf völlige Ruhe, und für die werde ich sorgen. Ich gebe Ihnen abends genauen Bescheid."
Der Konsul verabschiedete sich mit einem dankbaren Händedruck; er wußte sein Kind in bester Hut.
Als er in den Korridor trat, stand vor ihm die treue Mamsell Stülpnagel mit einem Tablett, auf dem in einer Silberkasserolle ein zartes Geflügelragout dampfte.
„Es ist die Zeit, zu der Frau Gräfin jetzt immer etwas zu essen pflegen", sagte sie gedämpft. „Darf ich wohl zu ihr?"
Der Konsul sah mit freundlichem Lächeln auf die besorgte treue Wirtschafterin des Hauses:
„Meine Tochter schläft jetzt, Mamsell; aber Schwester Helene wird Ihnen Bescheid sagen, wann Sie wiederkommen können. Ich weih, wie gut Sie es mit meiner Tochter meinen.“
Mamsell Stülpnagel schluckte ein paar Tränen hinunter, wobei das Tablett in etwas schwankende Bewegung geriet.
„Wer sollte es wohl mit der gnädigen Frau Gräfin anders meinen, Herr Konsul? Herr Konsul glauben nicht, wie alle, vom Stallknecht bis zum Inspektor, an ihr hängen. Ich möchte meine Hand dafür ins Feuer legen, daß keiner auf dem Schlosse ist, der nicht alles für sie tun würde."
Der Konsul seufzte unwillkürlich auf.
Alle — bis auf einen, dachte er, und gerade auf diesen einen kommt es an.
Laut aber sagte er:
„Wir müssen den Kopf hochhalten, Mamsell Stülpnagel, und alles Gott anheim stellen."
Damit ging er den Korridor entlang, indem Mamsell Stülpnagel vorsichtig mit dem Geflügelragout in die Küche zurückwanderte.
Im Herrenzimmer wartete noch immer Graf Friedrich in schmerzlicher Linruhe auf die Rückkehr des Konsuls.
„Wie haben Sie Birgit gefunden?“ fragte er hastig. Der Konsul machte eine Handbewegung, die Ungewißheit, aber keine Verzweiflung ausdrückte.
„Sie schläft augenblicklich ganz friedlich! Schwester Helene, die seit Birgits Kindertagen bei allen Krankheitsfällen in unserem Hause aus- unb eingegangen war, hält Wache. Wenn nicht noch große Aufregungen kommen, wenn Birgits Seele die notwendige Ruhe zurückgewinnen kann, so dürfen wir hoffen, daß dieser Unfall ohne dauernden Schaden für ihre Gesundheit vorübergehen wird."
(Fortsetzung folgt.)
Vewsswchl uni> Zerussnol Der Abiturienten.
Don Dr. Bottenbacher, Äerufsberater beim Arbeitsamt Gießen.
Die Berufswahl, eine der wichtigsten LebenS- entscheidungen, ist heute auch für Abiturienten außerordentlich schwer. Es ist nicht mehr leicht, von der trostlosen Wirtschaft ganz abgesehen, sich in dem großen Irrgarten einer Unzahl, noch dazu meist unbekannter Berufe zurechtzufinden. Und die früher in der Familie übliche, mit der wirtschaftlichen Entwicklung fast völlig verloren gegangene Derufstradition hat die kaum mehr auf eigene Berufserfahrungen sich stützende Berufsentscheidung noch im besonderen Maße erschwert. Wie mangelhafte Derufsvorstellungen gerade auch bei Abiturienten vorherrschen, dürfte allein schon daraus hervorgehen, daß über 20 Prozent aller Studenten in den ersten drei Semestern die Fakultät wechseln und ungefähr ebensoviele (gewiß auch aus andern Gründen) die Hochschulen ohne Abschluhexamen verlassen. In diesem nutzlosen Herumlaborieren auf den Hochschulen, bis man seinen Beruf gefunden hat oder schließlich einsieht, daß man überhaupt nicht hätte studieren sollen, liegt eine Verschwendung von geistiger Arbeitskraft und Crziehungs- kapital. Es steht schon längst zur öffentlichen Diskussion, wie sich der Staat, dem jeder Student jährlich an 1700 Mk. kostet, und der verarmte Mittelstand, aus dem sich die meisten Studierenden rekrutieren, diesen enormen Luxus verkehrter Berufswahl überhaupt noch leisten können.
Drei verschiedene Beweggründe bestimmen gewöhnlich die Berufswahl, und zwar die Berufsaussichten, die Neigung und Eignung. Wir wollen einmal sehen, was es eigentlich damit auf sich hat.
Del unseren schlechten Wirtschaftsverhältnissen find natürlich die Aussichten als ausschlaggebender Gesichtspunkt bei der Berufswahl in den Vordergrund gerückt. Man will nicht sound- soviel« Jahre lang lernen ober studieren und nachher erwerbslos sein. Cs gibt auf der Welt weit über 20 Millionen Arbeitslose, darunter Zehntausend« von Akademikern, die meisten in
Deutschland. Und sehr viele Akademiker üben einen Beruf aus, wozu wirklich kein Hochschulstudium nötig gewesen wäre. So hat z. B. kürzlich eine Berliner Grohkraftverkehrsgesellschaft, die Hundert« von Taxifahrern beschäftigt, durch eine Personalaufnahme festgestellt, daß über 50 Prozent aller ihrer Chauffeure Akademiker und Adelige sind. Arbeitsfähig und arbeitswillig zu sein, viel Geld und Zeit für höhere Bildung auszugeben und doch nicht die passende, bzw. überhaupt keine Anstellung zu finden, das ist ein gar schlimmes Los. Und doch wäre es grundfalsch, die Aussichten bei der Berufswahl allzu sehr in den Vordergrund zu stellen. Denn wer kann heute im Zeitalter beschleunigter Rationalisierung noch wissen, wie in einigen Jahren die Wirtschaft aussieht, um bestimmte Berufe als völlig aussichtsreich empfehlen zu können. Und welche akademische Berufe gelten heute noch als aussichtsreich? Im Jahre 1934 sollen nach ziemlich vorsichtiger Schätzung in Deutschland über 6000 Studienassessoren, auch für neuere Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften, ohne ausreichende Beschäftigung oder stellenlos sein. Chemiker, Ingenieure, Juristen, Aerzte und Volkswirt« gibt es mehr als genug. Fortwährend wird die Oessentlich- keit von den zuständigen Berufsorganisationen mit Notrufen überschwemmt, damit ja keiner mehr einen ihrer Berufe ergreife. An Zahnärzten war bisher in kleineren und mittleren Städten noch ein gewisser Mangel. Der Andrang zum zahnärztlichen Studium ist aber so stark geworden, daß die zahnärztlichen Institute vom preußischen Minister zur Einführung des numerus clausus ermächtigt worden find. Auch die Zahl der Theologiestudenten nimmt in auffallender Weise zu. Theologieprofessoren behaupten, daß heute viel zu viele Unberufene Pfarrer werden wollen. Fast in allen akademischen Berufen ileberfüllung, oder drohende ileberfüllung. Man kann sich auch nicht gut durch die Flucht in nichtakademische Berufe retten, weil diese genau so überfüllt sind. Wie falsch wäre es also, bei der


