Ausgabe 
6.8.1932 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 185 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 6. August 1932

Die Knebelung Oesterreichs.

Außenpolitische Umschau.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Berlin.

Sehr merkwürdig sind der Tod des frü­heren Bundeskanzlers Seipel und die Entscheidung über das neue Lausan aer Ge­schäft mit Oesterreich zusammengesallen. Seipel war so schwer krank, daß er sicherlich einen großen Einfluß in der letzten Zeit nicht mehr ausgeübt hat. Aber das war auch nicht nötig. Denn die Politik des Kanzlers Dollfuß ging in seinen Bahnen und die Ausführungen des christlich­sozialen Abgeordneten K u n s ch a k, die Seipel auf dem Sterbebett, noch gebilligt haben soll, haben ebenso wie die. Sähe der christlich-sozialen Reichspost" gezeigt, welche Gedanken und welche Zusammenhänge immer dahinter gestanden haben und stehen.

wäre zu scharf, zu sagen, daß Seipel ein unbedingter Feind des Anschlußgedankens oder gar ein unbedingter Anhänger der Pläne einer sogenannten Donauföderation gewesen wäre. Da­zu war er zu realpolitisch. Er war in erster Linie katholischer Geistlicher in einer politischen Auf­fassung, die sich doch sehr stark unterscheidet von entsprechenden Figuren im reichsdeutschen Leben, weil sie zugleich auch ganz entschieden habsburgisch war. 3m Hintergrund seiner Schritte stand sicher das wiederhergestellte, vom Klerikalismus maßgeblich beherrschte Habsbur­ger Reich. Aber er war zu klug, um nicht zu erkennen, daß das eine Utopie war und ist. Und wäre der Anschluß anderswoher gekom­men. so hätte er sich ihm nicht entgegengestellt. Dann hätte er auf alle Weise sich bemüht, seine Auffassung, die des österreichischen Katholizis­mus in seiner besonderen Färbung von Wien gegen Berlin zur Geltung zu bringen. Ob er sah, daß, während Oesterreich in seiner schrecklichen Wirtschaftsnot aufs tiefste erschüttert wurde, sich zugleich auch die Verhältnisse gegenüber seinen Konzeptionen ganz verlagerten, das wissen wir nicht. Schon zu Lebzeiten war er stark zurück- getreten, ein unstreitig sehr bedeutender Mann, ein geistiger Staatsmann, für den man nur in der vatikanischen Diplomatie die Parallelen suchen kann, und der darum in das heutige Leben und Kämpfen Oesterreichs schon nicht mehr recht paßte. Was er zu Parlamentarismus oder sozialer Frage sagte und dachte, war doch nicht recht durchsichtig, konnte vielleicht nicht gan- klar sein. Ein wirklicher Führer seines Staates ist er nur die ersten Jahre gewesen. Danach hat er großen Einfluß noch gehabt und hat in manch­mal nicht recht klarer Weise diesen betätigt, auch die ruhige Entwicklung gestört. Man hat das Gefühl, daß die christlich-soziale Partei Oesterreichs heute seiner Führung schon sehr weitgehend entwachsen war, weil die Aufgaben an dere wurden, ohne daß sie freilich Führer hätte, die auch nur annähernd es an Stärke des Geistes und diplomatischer Geschicklichkeit mit Seipel ausnehmen könnten.

Sein Verdienst, oder wenn wir es vorsichtiger Ausdrucken, feine Bedeutung lag darin, daß er 1922 das Problem Oesterreich der anderen Seite rücksichtslos stellte, mit seiner bekannten Fahrt, aus der er aber auch in Berlin war. mit der Deutlichkeit in der Schilderung der Situation: daß nämlich Oesterreich vor dem Ausein­ander f a l l stehe, wenn ihm nicht geholfen werde. Er stellte das Problem Oesterreich als eines Staates, der einfach nicht leben kann und erreichte damit, daß die Bahn eröffnet wurde, auf der in diesen Tagen ein weiterer Schritt gemacht werden soll, ohne daß damit eine wirk- lichr Hilfe erreicht wixd.

Es ist die Dahn der sogenannten Dölker- bundshilfe und der damit verbundenen po­

litischen Fesselung Oesterreichs. 3n Öen ersten Phasen konnte es bei dieser Politik aussehen, als würde damit etwas erreicht. Das Protokoll des Dölkerbundsrats vom 15. 3uli bringt, wie man in Wien mit Recht sagt,eine Anleihe, aber kein Gel d", sichert die aus­ländischen Gläubiger, fesselt Oesterreich mit Kon­trolle und abermaliger Verpslichtung auf jenes Genfer Protokoll von 1922 und hilft i h m doch nicht. Mit den hundert Millionen Schil­ling. die schließlich kommen werden, ist nichts zu machen. Oesterreich hat ja trotz dieser sogenannten Hilse auch danach das Transfer-Moratorium aufrecht erhalten müssen, und dos wird auch bleiben, wenn schließlich mit knappster Mehrheit das Lausanner Protokoll vom Rationalrat rati­fiziert werden sollte. Es bleibt also dabei, daß Oesterreich den ausländischen Schuldendienst in fremder Währung cinstellt und diese Der- pflichtunaen in Schilling bei seiner Rationalbank für die Gläubiger einzahlt.

Die Anleihe läuft auf zwanzig 3ahre. So lange begibt sich Oesterreich jeder selbständigen Außen­politik. Eine Reuerung aber bringt der Artikel 9 des neuen Protokolls, das alle Entscheidungen, die für den Völkerbundsrat danach in Frage kommen sollten, mit S t i mmenmehrheit beschlossen werden sollen, auch jeder Streit in bezug auf die Interpretation. Damit ist die frühere Einstimmigkeit beseitigt und das Recht ausgeschlossen, den Haager Gerichtshof anzuru- fen Lind damit ist ja auch die Rolle

Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Danzig, August 1932.

Dor kurzem fand in Danzig eine Ma ssen- kundgebung des Rotbundes der Er­werbsstände gegen die polnischeEr- drosselungspolitik statt. Zu dem Bund gehören alle Berufsgruppen vom Handwerker bis zum 3ndustriellen, vom kleinsten Dauern bis zum Großgrundbesitzer, vom kleinen Schiffahrtstrei­benden bis zum Reeder. Eigentlich muh man die Geduld der Danziger bewundern, daß es erst jetzt zu dieser, in den Formen immerhin noch sehr gemäßigten Masfenäußerung gegen die pol­nischen ungehemmten Llnterdrückungsmahnahmen gekommen ist. Das Verhalten Polens, das in sei­ner Presse, in feinen Demonstrationen gegen alles Deutsche und damit auch gegen Danzig keine Gren« zen des politischen Anstandes kennt, hätte eigent­lich eine andere Sprache verdient,' doch der Schwache muß sich in der Politik meist Zurück­haltung auferlegen. Danzig muß, ob es will oder nicht seinem alten WahlspruchNec temere, nec timiae" treu bleiben.

Die Lage Danzigs ist durch die polnischen Ma­chenschaften auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet verzweifelt geworden. Von der durch das Diktat von Versailles festgelegten Gewalt- regelung im wirtschaftlichen Verhältnis Danzigs zu Polen ist allein durch die Schuld Polens fast nichts mehr übrig geblieben. Polnische Presse­meldungen, die die Schuld daran Danzig zn- schieben, lügen. Will man etwa noch von einer Zollunion oder einem gemeinsamen Wirtschafts­gebiet Danzig-Polen sprechen, wenn in Polen ein Boykott gegen Danziger Waren unter Billigung amtlicher Stellen offen durch Plakate usw. betrieben wird, oder, wenn Polen selbst für die wenigen Waren, die, in Danzig veredelt, noch nach Polen zugelassen werden, einen polni- schenEinfuhrstempelundlv. H. Werk­st e u e r verlangt? 3st es bei dieser Sachlage ohne wirtschaftlichen Zusammenbruch Danzigs möglich, daß Polen demgegenüber Danzig mit seinen Wa-

Deutschlands in Genf in österreichischen Fragen ungemein erschwert. Auch das ift_ ein Erfolg Herriots in einer französischen Südostpolitit. die dem Donauraum wirtschaftlich gar nicht hilft und die für Frankreich im Grund auch nichts wert ist. weil sie mit überlebten Vor­stellungen und Ansprüchen rechnet. Damit kann man, wie cs der Fall ist, einen Zusammenschluß Oesterreichs mit Deutschland hindern, aber man hält die Kugel nicht auf, die in Süd Ost­europa im Rollen ist und durch dies Lau­sanner Geschäft einen neuen Stoß vor­wärts bekommen hat.

Denn die Erschütterung Oesterreichs dadurch ist angesichts seiner ganzen inneren Lage und Spannungen außerordentlich. Run soll es auch noch an Maßnahmen in bezug auf feine Wäh­rung gehen. Kurz: wenn Seipel in den letzten Stunden seines Lebens diese Lage noch über­sehen hat, so mußte er sich eingestehen, daß feine Politik für feinen Staat im Grunde nichts er­reicht hat. Ob es möglich gewesen wäre, dieser Politik Oesterreichs eine ganzandereWen- dung zu geben, stehe dahin. Seipel jedenfalls hat dazu nichts getan. 3n seinem Geist hat Dollfuß verhandelt, sucht die christlich-soziale Partei ihren Einfluß zu wahren, aber weder Partei noch Führung hatten den Geist dieses Staatsmannes. Sie werden der Schwierigkeiten I nicht Herr werden und so rollt die Kugel eben I weiter!

ren und landwirtschaftlichen Erzeugnissen bedin­gungslos überschwemmen darf, wenn Polen z. B. selbst die Einfuhr des in Danzig aus Danzigev landwirtschaftlichen Produkten hergestellten Käses verbietet? Kann man Danzig noch alsFreien Zugang Polens zum Meere" bezeichnen, toerm Polen sich andauernd weigert, Danzigs Hafen voll auszunutzen, wie es meh­rere Entscheidungen der 3nstanzen des Völkerbun­des und sogar ein Gutachten des internationalen Gerichtshofes im Haag verlangen? iln&efümmert selbst um die vor kurzem erfolgte Anwesenheit einer technischen Kommission des Völkerbundes, die das Verfahren der vollen Ausnutzung des Dan­ziger Hafens bestimmen sollte, lenkte Polen den Verkehr und Llmschlag weiter von Danzig nach Gdingen. Möglicherweise hat Polen versucht, durch die plötzliche Anwesenheit seines Handels- ministers in Danzig die technische Kommission zu beeinflussen.

Der Völkerbund und die gesamte Weltöffent­lichkeit müssen wissen, daß es so nicht wei. t e r g e h e n kann. Wenn Polen glauben sollte, daß es Danzig durch wirtschaftliches Abwürgen politischen Forderungen gefügig machen könnte, fo wird es sich täuschen. Augenscheinlich setzt Polen in dieser Hinsicht gewisse Hoffnungen auf den russisch - polnischen Richt­angriffspakt: auch mit dieser Annahme toirb es fehlgehen. Wir wissen, daß es in einem der Artikel dieses Paktes heißt: das ganze Liebereinkommen würde ungültig, wenn eine der beiden den Pakt schließenden Parteien einen dritten Staat angreift. Diesen Artikel bezieht dieFreie Stadt" selbstverständlich auch aus sich, denn gerade Rußland hat die Selbst­ständigkeit Danzigs wiederholt zu allen Zeiten nach dem Weltkriege durch Wort und Schrift sowie in Kundgebungen vor aller Oeffent- lichkeit anerkannt. Der böse Traum, den nur wenige Danziger einige 3ahre hatten, daß Polen Danzig einem neuen politischen und wirtschaft­lichen Glück entgegenführen könnte, ist nunmehr nach der kurzen Zeit einer wirtschaftlichen Schein.

blüte mit einem rauhen Erwachen zu Ende ge­gangen.

Ebenso wie auf wirtschaftlichem Gebiet verfolgt Polen das deutsche Danzig auch aus poli­tischem mit seinem offenbaren Haß. obwohl es in Genf bei der possenhaften Abrüstungskonferenz einen Antrag gestellt hat.die moralische Ab­rüstung in der Weltpresse" zu erörtern. Weswe­gen vergeht, wenn Polen endlich wirklich mora­lisch abrüsten will, kein Tag. an dem nicht wenig­stens eine polnische Zeitung eine lügnerische'Ten­denznachricht über Angrisssabsichlen Danzigs oder anderen politischen Llnsinn über die Danziger po­litischen Verhältnisse enthält? Warum läßt Polen noch immer, fast jede Woche einmal, seine Kriegsmaterialtransporte über das polnische Munitionsdecken im Danziger Hafen gehen und zeigt dabei seine dort stehende mili­tärische Wache mit Stahlhelm und aufgepflaiiztem Seitengewehr, obwohl diese Transporte ebenso gut über Gdingen gehen könnten. Damit unterstützt Polen auf keinen Fall die moralische Abrüstung. Wir haben das heuchlerische Gerede von Ab­rüstung und das durchaus gegenteilige Handeln nun wirklich satt.

Wenn Polen auf den durchaus friedlichen Be­such des deutschen Krieg sschisfes Schlesien" und der zwei deutschen Torpedo­boote, der nur aus Anlaß des 500jäf)rigen Jubi­läums des Seemannshospitals von St. 3acob Ende 3uni in Danzig erfolgt ist, mit einem unter großem Gepränge sowie mit entsprechendem Haß- gesang gegen Danzig und Deutschland aufgezo­genenFest des Meeres" in Gdingen am 31.3uli die völlig unverständliche Antwort gibt, so dient Polen damit wirklich nicht dem friedlichen Ausgleich. Was sollte die Pomereller Kavalleriebrigade in Thorn bei einemFest des Meeres" ? Hat doch schon General Haller im 3ahre 1920 durch Hineinreiten mit einer Schwa­dron Lllanen in die Ostsee und Hineinwersen eines Ringes die Vermählung Polens mit dem so be­scheiden genanntenPolnischen Meere" gefeiert? 3edenfalls macht auf uns das Anhäufen von pol­nischem Militär in dem als Handelshafen ge­bauten Gdingen einen ganz anderen Eindruck als den der Abrüstung.

Alles, was Polen uns jetzt an Haß und Ver­folgung in Danzig antut, wird dasGegenteil von dem bewirken, was Polen will. Cs ist das Werk jenes Geistes, der stets das Dose will und doch das Gute schafft. Wie eng verbunden wir uns in Danzig mit unserem deutschen Vater­land fühlen, das bewies wieder einmal das Ver­halten der Danziger, als die erschütternde Kunde von dem Untergänge derR i obe" ein­traf! Aus allen Kreisen der Bevölkerung hörte man tiefempfundene Worte des Mitgefühls. Eben­so groß, wie der 3ubel Ende 3uni war, als die deutschen Kriegsschiffe in Danzig weilten, war jetzt die Trauer. 3m Geben der Volker gibt es ebenso wie in dem des einzelnen Menschen etwas, was unzerreiß- und unzerstörbar ist. Es sind nicht die materiellen, sondern d ie ideellen Werte. Dieser Glaube läßt uns trotz allem Haßgesang und aller Bedrückungen durch die Po­len auf die Zukunft hoffen!

Die folgenden Aeußerungcn polnischer Politiker und Militärs beleuchten kraß die Absichten, die Polen mit seiner Haßpolitik gegen Danzig ver­folgt. So erklärte der Prediger bei der Messe in der polnischen Stanislaus-Kirche in Langfuhr: 3ch hoffe, daß in Kürze das Ziel der akademischen polnischen 3ugend in Danzig erreicht fein wird, daß auf dieser polnischen Erde pol- nischesMilitärstehtunddiealtepol- nische Tradition im alten polnischen Danzig fortgesetzt wird. Angesichts des Mters leiste jeder in seinem Herzen den Lreue- schwur, nicht eher zu ruhen, bis der letzte Deut­sche von hier gegangen ist und an seine Stelle gute polnische Katholiken getreten sind.

3m Christlichen HospizDanziger Hof" bei der

Polnische Haßpolitik gegen Danzig

Von Kapitän z. S. a. O. Martini.

Von Kitchener bis Edison.

Anekdoten aus aller Welt.

Der bekannte englische General Kitchener war ein eingefleischter Junggeselle. Während des Mahdi- Aufstandes in Aegypten ersuchte ihn einer seiner Offiziere um Heimaturlaub, weil er sich verheiraten wolle.

Kitchener hörte ihn an und sagte:Der Dienst erfordert Ihre Anwesenheit hier noch für ein wei­teres Jahr. Wenn Sie dann noch den Wunsch haben, sich zu verheiraten, werde ich Ihnen den Urlaub bewilligen."

Das Jahr verging, und der Offizier reichte neuer­dings fein Gesuch ein.Wie?", sagte Kitchener,nach­dem Sie ein Jahr lang den Gedanken an die Heirat erwogen haben, haben Sie noch immer den Wunsch zu heiraten?"

Jawohl, Herr General."

Schön, Sie werden Ihren Urlaub bekommen. In der Tat, Sie geben da ein schönes Beispiel männlicher Beständigkeit."

Der Offizier wandte sich zur Tür, öffnete sie und drehte sich dann noch einmal herum:

Danke, Herr General, aber ich heirate eine andre ..."

*

Ein reicher englischer Bankier ist in seinem Bureau eifrig mit dem Prüfen seiner Bücher beschäftigt. Un­versehens tritt ein Bettler ein und sagt ihm:

Dürfte ich Sie um eine kleine Unterstützung bitten?"

- ^.er JPan£cr hebt den Kopf und sagt:Warten Sie . Worauf er sich wieder in feine Arbeit vertieft.

Der Bettler wartet eine Viertelstunde dann wie- derholt er seine Bitte.

Warten Sie", antwortet ihm der Bankier

Eine weitere Viertelstunde vergeht.Aber mein werter Herr", ruft entrüstet der Bettlerich verliere jetzt eine halbe Stunde bei Ihnen. In dieser Zeit hatte ich mindestens sechs mildtätige Häuser ablaufen können, wo man mir ein Almosen gegeben hätte."

Der Bankier betrachtet den in Lumpen gekleideten Bittsteller, richtet fein Augenglas und sagt': Warten Sie noch einen Augenblick, nicht länger, lieber Freund, dann können wir uns zusammen auf den Weg machen."

Bei einem Berliner Skandalprozeß hatten sich im Zuschauerraum fast ausschließlich Damen der Gesell­schaft eingefunden. Als im Laufe der Verhandlung anstößige Details zur Sprache kommen sollten, wandte sich der Vorsitzende an das weibliche Publi­kum mit den Worten:Ich ersuche die Damen sich zu entfernen."

Niemand rührte sich.

Nun, da die D a m e n hinausgegangen sind", fuhr der Vorsitzende nach einem Augenblick des Schwei­gens fort:Gerichtsdiener, entfernen Sie die an» b e r e n."

*

Der erste Direktor eines großen Hotels in Neuyork besichtigt feinen ganzen Betrieb vorn Keller bis zum Boden. Da fällt ihm ein Stiefelputzer auf, der un­gemein mißmutig ausfieht. Er gibt ihm einen freund­schaftlichen Klaps auf die Schulter:

Kopf hoch, alter Freund, immer vergnügt! Ich habe auch als Stiefelputzer angefangen, und jetzt bin ich Hoteldirektor. Das ist Amerika!"

Der Stiefelputzer antwortet mürrisch:

Ja, aber ich habe als Hoteldirektor angefangen, und jetzt bin ich Stiefelputzer. Das ist Amerika!"

Der verstorbene große Erfinder Thomas 21. Edi - f o n hatte in Florida, in Fort Myers, eine Be­sitzung, wo alle modernen elektrischen und hydrau­lischen Anlagen angebracht sind, die zur Bequemlich­keit des Lebens dienen. Als er sein Haus von einer Anzahl von Freunden und Anhängern besichtigen ließ, waren sie des Staunens voll über die auf Schritt und Tritt vorhandenen Annehmlichkeiten.

Ein Drehgatter jedoch, das einen Weg im Garten versperrte und sehr schwer zu bewegen war, erregte die Verwunderung der Besucher: sie mußten sich aufs äußerste anstrengen, um, einer nach dem anderen, hindurch gelangen zu können. Keiner indes wagte eine Frage zu stellen, noch eine Bemerkung zu machen, mit Ausnahme eines jungen Mädchens.

Bei Ihnen, Herr Edison, ist alles vollkommen", wandte sie sich an ihn,bis auf dieses abscheuliche Drehgatter. Ließe es sich nicht ändern oder, besser noch, ganz beseitigen?"

Nicht doch", entgegnete herzlich lachend der be­rühmte Erfinder.Ich selbst habe es absichtlich so angelegt; jeder, der es bewegt, füllt das Reservoir meines Gartens mit fünfzehn Liter Wasser. Das habe ich mir doch fein ausgedacht, nicht wahr?"

Aerziliche Visite.

Von Wilhelm von Hebra.

Um dreizehneinhalb Uhr erscheint Sepp Hilzen- fauer in großer Hast bei Doktor Brasch, dem Frauen- arzt des Stoißenwalder Bezirksstädtchens, und bittet ihn, er möge sofort zu seiner Frau kommen.

Kaum daß die Fahrt im Auto begonnen hat, ver­langt Hilzensauer größtmögliche Befchleunigung des Tempos.

Der Arzt schaltet die höchste Geschwindigkeit ein und fragt:

Ist der Zustand Ihrer Frau so ernst?"

Na, soll net", erwidert Hilzensauer,aber um vierzehn Uhr, da kimmt a Viehhändler zu mir, der Ferdinger Thomas, der wäll an Ochsen bei mir faufa, und drei Küh, und an jungen Stier a no dazua, und a paar Säu will i eam a noch aufhänga. Der Ferdinger Thomas, der hat vüll Geld, mords- vüll Geld, und blöd es er a, mordsblöd. An solchenen derf ma net versäuma."

211s das Auto beim Hilzensauerischen Hof vorfährt, kommt ihnen Sepps Frau entgegen, heiter und frisch.

Ihre Frau scheint aber nicht sehr krank zu fein." Dera fehlt nix."

Nichts?"

»Nix, pfeilgrab nix."

Warum haben Sie mich dann geholt?"

Dös war a so: Am Vormittag, da hab i beim Gricht ztuan ghabt. Dös hat länger dauert, als a roia i glaubt ghabd hab, daß dauern wird. Zweng dem hab i den Zug versäumt, der wo um droazehn nach Hintstoißenwald geht. Da hab i walln widm Mietauto fahrn. 21ber als a roia der Schofför, der Sauhund, der öllendige, gsehn had, daß mirs gar a so dringend is, widm Nachhausfahrn, da had er zwölf Markt ver­lang!) fier d' Fuhr. Da hab i eam gfagt, er ko mir den Buckl runterrutschn mit die zwölf Mark. Bal er so leier is, der Schofför, hab i gsagt, nacha geh i halt Zum Herrn Dokter, der verlangt nur zehn Markl fier an Bsuch. Und so is kernrna, daß mir jötzt da san."

Oie Katze im VolkSabeeglauben.

Wurde in alten Zeiten die Katze als Haus, und ßtcblingstier gehegt und gepflegt, ja sogar verehrt und vergattert, so wird sie heute vielfach verfolgt und ausgerottet. Der Aberglaube bringt die Katze fogar mit Hexen in Verbindung. Besonders die ich Warzen Katzen genießen einen schlechten Ruf. -Ler Teufel verwandelt sich mit Vorliebe in einen schwarzen Kater. Weit verbreitet ist der 2lberglaube, daß eine nächtliche Begegnung mit einer schwarzen Katze verhängnisvoll wird. Eine über den Weg laufende Katze bedeutet heute noch überall, wo es Abergläubische gibt, Unglück. In manchen Gegenden bringt eine weiße Katze Glück und eine schwarze Unglück. In der Schweiz beeilt man sich, wenn eine schwarze Katze über den Weg läuft noch vor ihr das Haus zu erreichen. In Sizilien bedeutet das Miauen der Katzen, wenn der Rosenkranz für die Seeleute gebetet wird, eine gefährliche Fahrt. In slawischen Ländern ist die Meinung verbreitet, daß Brautleuten beim Ausgang aus der Kirche keine Katze begegnen darf, sonst wird die Ehe zur Hölle. Bürsten sich zwei Saßen in einem Krankenzimmer,

fo sind des Kranken Stunden gezählt. In ganz Deutschland weiß man: Putzt sich die Katze in anf­älliger Weise, so hat man sicher auf baldigen Be- such fremder oder vornehmer Gäste zu rechnen. Wenn sich die Katze mit ihren nassen Pfoten hinter den Ohren putzt, kommt Regen, ebenso wenn sie Gras frißt. 2ßer ein Katzenhaar verschluckt, bekommt die Schwindsucht. Alle diese Dorstellungen, die sich noch bedeutend vermehren ließen, sind heute noch vielfach im Volke verbreitet.

Hochschulnachnchten.

Professor Dr. Wilhelm Horn in Breslau, dem, wie bereits gemeldet, die zweite angli- stische Professur (neben Prof. W. Schirmer» in Derlin ongeboten wurde, stammt aus Reh­bach in Starkenburg, studierte in Dießen bei Behaghel, Behrens und Wetz und promovierte hier mit einer DissertationBeiträge zur deut­schen Lautlehre". Von 1898 bis 1901 wirkte Dr. Hvrn als Oberlehrer in Darmstadt und Gießen, wo er sich 1901 mit einer SchriftBeiträge zur Geschichte der englischen Gutturallaute" habili­tierte, 1902 als Rachfolger von Prof. Wetz zum Extraordinarius und später zum Ordinarius be­fördert wurde. 1926 kam Prof. Horn als Rach­folger von L. L. Schücking nach Breslau. Prof. Horn ging von der deutschen Mundartenforschung aus, wandte sich dann dem Studium der eng­lischen Sprachgeschichte und schließlich Prinzipien­fragen der Sprachwissenschaft zu, so dem Ver­hältnis von Sprachkörper und Sprachfunktion und der Frage nach Zweck und Ausdruck in der Sprache. Daneben beschäftigte er sich mit eng­lischer Literaturgeschichte. Don 1923 bis 1930 war Horn Herausgeber derGießener Beiträge zur Erforschung der Sprache und Kultur Eng­lands und Amerikas".

Ende dieses Semesters konnte Ludwig Harms auf eine lOOfemeftrige Tätigkeit als Marbur­ger Llniversitäts-Fechtmeister zurückblicken. Seit über 110 3ahren wird dieses Amt von Mitglie­dern der Familie Harms ausgeübt. 1821 kam ein Fechtmeister Georg Harms von Göttingen nach Marburg. Sein Rachfolger war sein Sohn, und diesem folgte 1888 Ludwig Harms, der bereits seit 1872 als Assistent seines Vaters tätig war. Während dieser langen Tätigkeit hat Harms die Entwicklung der Marburger Llniversität, ihrer Korporationen und besonders des Fechtwesens miterlebt. Harms ist Mitverfasser von mehreren Werken über das Fechtwesen.