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Nr. 77 Drittes Blatt

Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 2. April 1952

Theater in Not!

Die Gießener Stadtverwaltung hat sich vor einigen Tagen mit einer dringlichen Bitte um chilselei- |*,u n 9 I ü r das Stadttheater an den Hessi­schen Landtag gewandt. In der Eingabe wird als einmalige Notmaßnahme des hessischen Staates eine Beihilfe von 20 000 Mart für die Theaterspiel­zeit 1932/33, an Stelle der bisherigen Etaatsbeihilfe von jährlich 4500 Mark erbeten. Weiter wird für die Bespielung von Bad-Nauheim durch das Gießener Stadttheater-Ensemble, zu der sich unsere Stadtver­waltung trotz erheblicher Belastung des neuen Etats in der Eingabe an den Landtag wiederum bereit- erklärt. die Garantie eines Zuschusses von 20 000 Mark durch den Staat gewünscht, womit ober die Unkosten der Gießener Ensembletättgkeit während der Kurzeit durch ein oder mehrere Gastspiele in jeder Woche noch nicht gedeckt sind. Dieser Hilferuf unserer Stadtverwaltung an den Landtag hat seinen Grund einerseits in der Unmöglichkeit, den Zuschuß zu Pern ohnehin schon stark gedrosselten Betrieb unseres Stadttheaters fernerhin allein aus der Gie­ßener Finanzkraft zu decken, anderseits in dem ver­antwortungsbewußten Bemühen das Theater der Stadt Gießen und der Provinz Oberhessen als kost­bares Kulturgut durch die Hilfeleistung des Staates über die gefährlichste Klippe dieser Krisenzeit hin­wegzubringen. In der Eingabe der Stadtverwaltung wird eindringlich und überzeugend dargelegt, -daß die Stadt Gießen aus eigenem Entschluß und das Personal des Theaters durch weitestgehende Be­schränkung bei den Gagen von sich aus alles getan haben, um das Theater zu erhalten. Wenn auch die Stadtverwaltung unter dem Drucke der steigenden Finanznot gezwungen war, vom Jahre 1928 ab den städtischen Zuschuß zum Theaterbetrieb wesentlich einzuschränken, so hat sie dennoch, in Uebereinftim« mung mit dem Stadtrat, nach Maßgabe aller Mög­lichkeiten in großzügiger Weise durch Geldopfer zu dem bisherigen Bestand dieses Kulturinstituts bei­getragen. Jedoch sind unter der Einwirkung der ver­schärften Wirtschaftskrise die Einnahmen aus dem Theoterbetrieb stark zurückgegangen: allein für das verflossene Rechnungsjahr 1931/32 belief sich die Mindereinnahme gegenüber dem Voranschlag auf nahezu 70 000 Mark. Selbstverständlich ist durch sehr weitgehende Sparmaßnahmen, von deren Wirkung namentlich das Theaterpersonal ein betrübliches Lied Sagen kann, besonders auch durch erhebliche sachliche

bstriche eine bedeutende Herabsetzung der Ausgaben erreicht roofben. Dennoch ist mit einem Fehl­betrag von rund 70000 Mark aus dem Etatsjahr 1 9 31/32 zu rechnen, den die Stadt Gießen aus eigenen Mitteln decken muß. Wie in der Eingabe ausführlich unter Beweis gestellt wird, sind die Voraussetzungen für den Theaterbetrieb im Etatsjahr 1932/33 in keiner Weife geändert, d. h. also, daß für das neue Haushaltsjahr wiederum mit einem Zuschuß von etwa 70 000 Mark gerechnet werden muß, wobei als wesentlich in Betracht zu ziehen ist, daß das Theater, wie im Vorjahre, vom 1. Juni bis 30. September geschlossen wird. Ange­sichts der Finanzlage der Stadt wird eine der - artige Zuschußleistuny nicht mehr auf- zubringen sein, so daß die große Gefahr be­steht, unter dem Drucke der Finanznot unser Theater im 25. Jahre seines Bestehens schließen zu müssen und dadurch dem Sitz der hessischen Landesuniversität und dem geistigen Mittelpunkt der Provinz Ober­hessen eine Kultureinrichtung zu nehmen, von der vielfältige geistige Befruchtung ausgegangen ist. Da­durch würde aber auch das als Fremdenverkehrsplatz für unser Hessenland außerordentlich wichtige hessische Staatsbad Nauheim eine Einbuße erleiden, die zu einer schwerwiegenden Minderung der Anziehungs­kraft Nauheims auf den Fremdenzuspruch führen muß. Um diese außerordentlich schädliche Entwicklung zu verhindern, hat sich die Gießener Stadtverwaltung

als letzte Zuflucht mit ihrem 808-Rus an den I Hessischen Landtag gewandt.

Nicht nur Dom Gießener Standpunkt aus. son­dern auch im Hinblick auf die allgemeinen hessi­schen Interessen muß man dringend wünschen, daß der Landtag der Eingabe unserer Stadtverwaltung Gehör schenkt und die erbetene Beihilfe bewilligt, zu­mal die Stadtverwaltung in ihrer Eingabe aus­drücklich betont, die Stadt Gießen werde die Er­höhung der Staatsbeihilfe durchaus nicht als Dauerzustand, sondern als eine N o t m a ß - nähme für d i e nächste Zeit betrachten. Wir wollen heute nicht auf frühere Bemühungen im Landtage, wie auch von hier aus zur Erlangung einer größeren Unterstützung unseres Theaters durch den Staat eingehen, aber wir möchten doch hervorheben, daß unser Theater dem Staatshaus­halt bisher noch «niemals eine besondere Be­lastung gewesen ist. Dabei konnte unser Theater­betrieb, ebenso wie die Theater in den anderen größeren Städten Hessens, stets für sich in -An­spruch nehmen, daß sein Wirkungs- und Gel­tungsbereich zu keiner Zeit nur auf Gie­ßen beschränkt blieb, sondern über den Rah­men unserer Stadt hinaus zum Ruhen der Bevöl­kerung in Erscheinung trat. Die Tätigkeit un­seres Ensembles in Bad-Rauheim ist zur Genüge bekannt. Ferner sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß unser Theater auch für die Bevölkerung zahlreicher Orte im Kreise Gießen und für die Einwohner der Stadt Alsfeld als Kunstinstitut steigende Bedeutung erlangt hat. Der Wirkungskreis unseres Ensembles hätte dahin­zielende Bemühungen sind von hier aus unter maßgeblicher Beteiligung der Stadtverwaltung und der Intendanz wiederholt unternommen wor­den schon seit einigen Jahren noch umfassender sein können, wenn nicht in einigen anderen Städten Oberhessens Abmachungen mit einer Wanderbühne aus dem Maingebiet getroffen worden wären, von denen man sich in jenen Städten damals nicht mehr lösen konnte. Aber durch die Einrichtung der Fremdenvorstellungen ist trotzdem weiten Krei­sen der oberhessischen Bevöjkerung die Möglichkeit geboten worden, im Gießener Stadttheater die Schauspielkunst in vielerlei Art und Gestalt ge­nießen zu können. Man kann also, ohne begrün­deten Widerspruch befürchten zu müssen, die Be­hauptung aufstellen, daß das Gießener Stadt­theater nicht nur die Bühne der Provinzialhaupt­stadt, sondern die Provinzbühne Ober­hessens schlechthin ist. Diese Tatsache ha­ben die Derwaltungen der Provinz Ober Hessen und des Kreises Gießen dadurch anerkannt, daß sie seit einigen Jahren dem Gießener Stadttheater mit Zustimmung des Provinzialtages bzw. des Kreistages jährliche Beihilfen bewilligten, um durch diese Zuschußleistung nicht nur die Arbeit des Theaters zu fördern, sondern auch ihrer An­erkennung für diese geistige Befruchtung der Be­völkerung weithin sichtbar Ausdruck zu geben.

Wir verkennen nicht, daß der Landtag große Sorgen mit dem Staatshaushalt hat und daß er für die vielfältigsten dringenden Bedürfnisse des hessischen Volkes Mittel zur Hilfeleistung be­schaffen muh. Trotzdem sind wir aber der Mei­nung, daß ein Kultursaktor von dem Range und der Bedeutung des Theaters der Stadt Gießen und der Provinz Oberhessen, das neben der Lan­desuniversität Mittelpunkt der Kulturarbeit in un­serer Provinz ist, nicht mit dem Maßstab der Steuernöte allein gemessen werden darf. Es wäre traurig um das Hessenland bestellt, wenn ein In­stitut wie das Gießener Stadttheater einzig und allein deswegen zu Grunde gehen müßte, weil vom Staate ein als Rotmaßnahme erbetener vor­übergehender Zuschuß nicht bewilligt würde. Mit der Stadtverwaltung möchten auch wir den drin­genden Appell an den Landtag richten, den Bei­

spielen der Provinz Oberhessen und des Kreises Gießen wenigstens insoweit zu folgen, daß jetzt die erbetene Rotbeihilfe gewährt wird. Bis zum Beweise des Gegenteils hegen wir die Ueberzeu- gung, daß der Landtag in seiner Ge­samtheit sich der Berechtigung der Bitte unsererStadtverwaltung nicht verschließen wird. Insbesondere sehen wir unsere Hoffnung auf die Landtagsabgeordneten aller Parteien aus Oberhessen, daß sie der Bitte der Stadt Gießen warme Fürsprecher sein werden. Dem Landtag dürste die Bewilligung der Rot­beihilfe um deswillen leichter werden, weil es sich bei der Erhaltung des Gießener Stadttheaters ja nicht allein um künstlerische Inter­

essen, sondern auch um bedeutsame soziale Erfordernisse handelt, die darin bestehen, einem ansehnlichen Kreise von Künstlern und Ar­beitskräften in dieser schweren Zeit die Stätte ihres Wirkens zu erhalten. Möchte das Gieße­ner Stadttheater, das bei seiner Gründung vor 25 Jahren aus opferfreudigen Spenden unserer Bürgerschaft entstand und im Hinblick daraus als Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns" bezeichnet wurde, auch vom Landtag im erweiterten Sinne als eine Angelegenheit des Gemeinsinns und des Gemeinwohls betrachtet und als solche bei der Entscheidung über die Eingabe un­serer Stadtverwaltung behandelt werden!

'Die deutsche Provinz der Kulturträger des Deutschtums."

Bon Walter von Molo.

(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Walter von Molo, der ehemalige Präsi­dent der D i ch t e r - A k a d e m i e. hat eine Vortrags-Tournee durch ganz Deutschland unternommen anläßlich des Goethejahres. Molo hat kleine und große Städte besucht, er hat mit Menschen aller Bevölkerungsschichten gesprochen. Beglückt teilt er in diesem Aufsatz zusammenfassend das Ergebnis seiner Reise mit: N i cht Berlin bi c beutfdje Provinz ist der Kulturträger des Deutsch- tums!

Von einer Goethereise kehre ich soeben zurück, die mich durch Deutschland, durch mannigfache deutsche Städte führte. Das Erlebnis dieser Goethereise war vor allem deshalb von so besonderer Art, weil ich es in dieser auf bas Negative eingestellten Zeit a l s etwas ungeheuer Positives empfun­den habe. Dieses Erlebnis ist begründet durch das Fluidum, bas mich auf biefer Reise am Vortrags- pult mit bem Zuhörerraum, mit ben Menschen der deutschen Provinz, verbanb.

Man spricht von einer G e i st e s - unbKultur­krise des deutschen Bürgertums. Man (egt bei einer solchen Betrachtung allzuoft, ja fast ausschließlich ben Maßstab an jene Stabt, in ber von ber Wilhelmstraße bis zur Dichter-Akademie alles versammelt ist: Berlin. Man benkt an jene Stabt, in ber erst vor kurzem, als einer ber ersten beutschen Dichter bei einer repräsentativen Feier über Goethe sprach, ber 250 Personen fassenbe Saal nicht gefüllt werben konnte.

Stäbte wie Ologau ober Marienwerder, die ganze deutsche Provinz hat, nach meinen persönlichen Erfahrungen, was die Ehrung des Geistigen im Goeihejahr betrifft, Berlin um ein Vielfaches übertroffen.

Ich habe es dort und überall erlebt, wie eine ganze Stadt in der Goetheseier förmlich mit­te b t e, wie Tage vorher und nachher eine fieber­hafte Spannung die ganze Stadt durchzog, die größer, echter, intensiver war, als das Interesse für eine europäische Konferenz oder einen Box­kampf. Man spürte dieses Goetheerlebnis auf der Straße, ja sogar am Stammtisch.Wir zitie­ren nicht nur, w i r denken auch darüber nach", sagte mir ein biederer Handwerksmeister. Und noch mehr: Als ich in diesen Städten Vor­träge hielt, kamen zu mir die Bürgermeister klei­ner umliegender Gemeinden und baten mich, doch auch an ihrer Goetheseier mitzuwirken. In ein­zelnen Fällen könnte ich diese Ditte erfüllen und war erstaunt, mit welch lebhaftem ein­

dringlichen Verständnis diese kleinsten Gemeinden, wo der Raumenge wegen die Feiern zuweilen im Wirtshaussaal stattfanden, die zur Feier beinahe vollständig versammelt waren, ge­rade auf die schwierigsten Stellen meiner Ausfüh­rungen, auf die tiefsten Probleme eingingen.

Eine Reise durch Deutschland ist eine Ent­deckung Dcutschlan d s. Plötzlich bricht das rasende, hirnbetäubende Tempo der großen Me­tropolen, in denen sich in der ganzen Welt die Geschicke der Völker entscheiden, ab. Was tritt an seine Stelle? Der Snob denkt: Provinz be­deutet Oedc. Wie ist dtes in Wahrheit?

Im Gedächtnis sehe ich vor mir eine große Reihe von Auditorien: ich sehe Gesichter, jung und alt, voller Formung, voller Spannung, voller Rachdenklichkeit.

Es sind die Gesichter bester deutscher Bürger­lichkeit. in denen Eigenwilligkeit und Gemein- schastsgefühl sich auf einer Grundlage ruhigen Denkens aufbauen. Es find Gesichter, die ein großer Begriff einigt. Nation! Das sind die Gesichter, die auf einer Reise durch die deutsche Provinz, in den deutschen Städten, im Jahre der

Not 1932 unvergeßlicher Eindruck bleiben.

Im Gymnasium einer deutschen Mittelstadt treffe ich Primaner, die sich gerade Kulissen für eine literarische Festaufführung zusammen­bauen.Was möchtest du werden?" frage ich den einen.Ein Segelflieger oder ein Dichter, viel­leicht auch beides." Und der zweite:Ein Geist­licher in einer kleinen, aber treuen Gemeinde." Der dritte will ein Revolutionär werden, und der vierte die Tradition halten. Jeder will etwas anderes. Eines aber ist bei allen gleich: Die Aufbaukräfte sind ungeheuer stark. Zersetzungskräfte findet man kaum, Ueberall traf ich solche jungen Menschen, die mir die Heber» zeugung einhämmerten: das lebt und ringt sich durch!

Man ist als Dichter vor allem überrascht und erfreut, daß an uns hier draußen die bange Frage gestellt wird: Ist das deutsche Schrifttum noch existenzfähig oder geht es unter? Nament­lich für dl e jungen deutschen Dichter, die sich so verlassen und ausgeschlossen Vorkom­men, mag es ein großer Trost fein, daß man sie in der deutschen Provinz kennt, ihr Werden miterlebt und ihr Schicksal miterleidet. Was macht der junge Dramatiker T. oder der Lyriker P?" Antwortet man. daß dieser mit Frau und Kindern in einer Laube wohne und jener, aller Mittel bar, vor Entkräftung im

Vornan von 3- Schneider-Foersil.

Urheber-Rechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau.

17. Fortsetzung. Nachdruck verbotenI

Ist es etwa nicht so?" ereiferte sich der Doktor weiter.Die Mühe scheut ihr und um das Geld, das es euch einmal kostet, ist es euch leid. Und daß es eurer Bequemlichkeit einen Stoß verseht, das ist natürlich ein Grund mehr, ach und weh zu schreien, iroch ehe es überhaupt da ist. Schäm dich doch! Hast einen Besitz wie ein Herzog unt> das Einkommen von fünf Generaldirektoren und neidest dem Wesen, das dein eigen Fleisch und Blut ist, das bißchen Dasein!"

Ich neide es ihm ja nicht, Hans, ich--

Na also!--Ich habe jetzt keine Zeit mehr!

Auf Wiedersehen, mein Lieber, und grüße mir deine Frau! Und seid gut miteinander", mahnte er, drückte Swensen die Hand und lief den Weg wieder zurück, den er gekommen war.

Als Swensen fein Heim betrat, meldete ihm das Zimmermädchen, daß die gnädige Frau ihn bitte, allein zu speisen, da sie unpäßlich sei. Er übergab dem jungen Ding Hut und Mantel, gedachte der Mahnung Wanders und stieg zu Inegard in die erste Etage hinauf.

Die Diva lag in einem halbdämmrigen Zimmer, dessen Wände ein sanftes Blau ausströmten und sah ihm mit einem nervösen Zucken der Wimpern entgegen.Hat man dir nicht gesagt, daß ich heute nicht zum Abendtisch hinunterkommen kann? Ja? Hast du Gäste mitgebracht?"

Nein!" Er rollte sich einen Stuhl herbei und setzte sich neben ihr Ruhebett. Mit leichten Rin­gern streichelte er über ihren Arm, der aus der lachsfarbenen Seide des losen Gewandes leuchtete. Ich möchte dich bitten, daß du dich jetzt wenigstens vorläufig von der ganzen Fil- merci zurückziehst", sagte er abwägend und merkte, wie sie dabei in seinem Gesicht forschte und die Gewißheit bekam, daß er von allem unterrichtet war. _ =

Blödsinnig ist das!" schalt sie verärgertEs macht mir einen Strich durch alle meine Pläne. Aber nach Amerika muß ich noch mit. So weit reicht die Zeit noch!"

Ich möchte dir taten, zu bleiben", warf er ein. Du sollst dich schonen. Es genügt doch, was ich verdiene."

Ach", unterbrach sie ihn gequält.Ich^wurde ja verkommen vor Langeweile, wenn ich Tag für Tag so tatenlos herumliegen müßte. HebrigenS dein Freund Wander ist auch nicht so harmlos, wie er immer tut! Er läuft mit deiner früheren Siebe!

Mt Lenore?"

Ich weih nicht, wie sie heißt!"

Du lügst!"

Warum soll ich lügen? Es ist zu bedauern, daß du immer gleich so unhöflich wirst, wenn man von deiner gewesenen Braut spricht." Sie drehte sich nach der Wand und würdigte ihn keines Blickes mehr.

Als das beiderseitige Schweigen drückend zu werden begann, erhob sich Swensen und ging nach dem Speisezimmer hinab. Wander und Le­nore! Er lachte ungläubig auf. Wander und Lenore! hämmerte sein Gehirn unentwegt, als gäbe es nur mehr diese beiden Namen auf der großen, weiten Erde. Er sah den Freund mit seiner trotzig kräftigen Gestalt neben dem schlan­ken zarten Mädchen seiner Liebe stehen, Hand in Hand mit ihr, sah, wie ihre Lippen sich trafen. Er sah sie als sein Weib durch die Räume des Doktorhauses gehen, wie sie die Arme um Wan­der schloß und ihm die Welt zum Paradiese

machte.

Er stürzte zwei Gläser Portwein hinunter. Das also war ihre Treue! So hielt sie ihr Ver­sprechen, ihn zu lieben bis zur letzten Stunde ihres Lebens, wenn er die Bürde seiner Che weiter zu tragen gewillt war. Und Wander! Von Jugend auf hatte er sein Herz an diesen Menschen, den er seinen einzigen Freund nannte, gehängt, und nun wurde ihm das von ihm! Dieb!" schrie er unbeherrscht in den Raum! Jawohl! Dieb! Er hatte ihm das Mädchen seiner Liebe gestohlen.

Wenn sie auch nicht seine, Swensens »rau, werden konnte, weil er an Inegard gebunden war, so betrachtete er sie doch als sein Eigentum, als etwas, das ihm ganz allein gehörte, ein Bollwerk gegen alles Böse, ein Licht, das ihm durch alle Finsternisse des Lebens immer wieder den Weg nach den Höhen des Daseins zeigte.

Wander und Lenore!"

Seine Hand riß an der Kurbel des Tischtele­phons. das auf der Mahagoniplatte des Schreib­tisches funkelte.Hier Doktor Wander", meldete sich gleich darauf eine Stimme am Apparat.

SwensensGuten Abend" klang rauh vor Heisersein.Triffst du Fräulein Recklinhausen heute noch?" , _ .,

Möglich.---Sie hat Nachtdienst. Soll rch

etwas von dir bestellen?"

Einen ergebenen Gruß von mir!"

Danke! Ich bezweifle, daß sie darüber sehr erfreut sein wird."

Erlaube!" ,

Sei nicht böse, Fred! Ich bestelle ihn natür­lich! Sonst noch etwas?"

Swensen hörte den lachend gutmütigen Spott in Wanders Stimme und schrie in den Apparat, daß das Zimmermädchen eilig gelaufen kam, weil es sich gerufen glaubte.Wenn das deine ganze Freundschaft ist. dann pfeif ich drauf Dann

Oho. mein Lieber!" rief Wander lachend da- zwischen.

Jawohl, bann pfeif ich daraus", schrie Swen­sen.Schluß! Fertig! Fer--tig!

Der Hörer schlug mit hellem Klingen auf die Schreibtischplatte nieder. Swensen fiel erschöpft in den Lederstuhl, den er sich herbeigezogen hatte. Also war es richtig, was ihm Inegard gesagt hatte. Wander und Lenore!--Wander

und Lenore!

Er biß die Zähne in den Rücken der Hand und sah noch reglos, als die Türme der Stadt längst die Mitternacht gekündet hatten.

Ein Kinderweinen klang durch den Saal der Klinik, in welchem sich die kleinen und kleinsten Patienten befanden.Cs tut so weh, Schwester Lenore! Ich kann keine Suft mehr kriegen!" keuchte ein Achtjähriger und streckte hilfesuchend die Arme nach ihr aus.

Ich hol den Onkel Doktor, Walterchen! 3a? Nur noch fünf Minuten mußt du gut fein, mein Junge, dann kommt er", tröstete sie gütig.

Der blonde Kopf glitt gehorsam zurück. Sie glaubte, ein Röcheln zu hören, und rannte die Bettreihen entlang.Margret! Um Gottes willen, Margret!"

Was ist?" fragte die junge Aerztin, die im weißen Kittel und mit durchwachtem Gesicht soeben den Saal betrat.Wie oft habe ich dich schon gebeten, nicht so überängstlich zu sein."

Das kleine Walterchen stirbt!" hastete Lenore, vor ihr herlaufend.

Mit raschen Schritten kam Margret an sein Lager und blickte forschend in das verzerrte Gesichtchen. Sie hatte die Gefahr sofort erkannt. Telephoniere sogleich an Chefarzt Wander. Wir müssen einen Kehlkopsschnitt machen. Jede Minute kann den Tod bedeuten. Ich bereite inzwischen alles vor. Sage ihm, daß Gefahr im Verzug ist, und daß es keinen Aufschub gibt."

Fünf Minuten später raste ein Kraftwagen die breite Straße, welche vom Westwind ins Zentrum führte, mit toller Geschwindigkeit entlang. Mit einem Ruck hielt er vor dem mächtigen Gebäude- komplex der Klinik. Wander, der sich nicht einmal Zeit genommen hatte, in einen Mantel zu schlüp­fen, sprang heraus und lief die Stufen zum Ein­gang hinauf.

Schwester Lenore stand vor dem Operations- zimmer und bot ihm leite einenGuten Abend". Guten Abend", sagte Doktor Wander freundlich. Sie haben sich nickt geirrt, Fräulein Kollegin?" wandte er sich an Margret, die auf dem weißen Marmortisch Instrumente und Verbandzeug zu­rechtlegte.

Nein! Aber ich hatte nicht damit gerechnet. Die Dösarti^eit, welche die Entzündung inner­halb zwei Stunden angenommen hat, kommt mir selbst überraschend."

Er nickte nur. Wenige Minuten später lag der kleine Körper bereits in Narkose. Eine halbe Stunde nachher ruhte das Walterchen in einem

Separatzimmer, und Schwester Lenore hielt die kalten Händchen in ihren warmen, lebenskräftigen geborgen.

Margret stand noch mit Wander im Ope­rationszimmer und legte die gesäuberten In­strumente wieder an ihren Platz zurück. Wander warf einen raschen Blick zu ihr hinüber und stellte fest, daß sie reichlich nervös war. Der Sache konnte man ja gleich auf den Grund gehen. Er trat, ehe er das Zimmer verließ, zu ihr hin und sagte möglichst unbefangen:Mein Freund Swensen hat mich beauftragt, Ihnen ergebenste Grüße zu bestellen, Fräulein von Recklinhausen."

Wer?" Margrets Kopf fuhr hoch, daß das dunkle, kurzgeschnittene Haar scharf nach hin­ten fiel.

Swensen!" wiederholte er kaltblütig, sah das zornige Rot, welches in ihre Wangen flieg und den Ausdruck der Verachtung, der sich um ihren Mund legte.Sagen Sie Ihrem Freunde, er solle sich seine Grüße sparen. Benötigen Sie mich noch?"

Nein, Fräulein Kollegin!"

DannGute Nacht"!" Lauter, als es sonst ihre Art war, klappte sie die Türe hinter sich ins Schloß.

Er sah ihr nach und stand eine Weile reglos. Wenn man nur wüßte, wo bei ihr anzusehen war. Dreivierteljahr arbeiteten sie nun schon zusam­men. Erst glaubte er, es mit einem Eisblock zu tun zu haben. Aber bann kam ab und zu eine Minute, wo diese unnatürliche Starre schmolz. Bald hier, bald dort kam fraulich-weiches Gefühl zum Durchbruch, das ihre ganze äußere Kälte Lügen strafte.

Er hörte ihre gedämpfte Stimme auf dem Korridor und trat in das matte Dämmer, das denselben erhellte, sie sprach auf eine junge Frau ein. die leise in ihre Hände weinte:Es ist ja alles gut vorüber", tröstete Margret.Man hat Sie nur gerufen, damit Sie Kenntnis haben, wie es um Ihr Kind steht. Nun ist es glücklich vorbei! Das Walterchen wird nicht sterben. Gewiß nicht? In vierzehn Tagen, vielleicht auch schon ein bißchen früher, dürfen Sie's wieder haben. Fahren Sie jetzt ganz beruhigt nach Hause, liebe Frau TMoem. Der Junge ist in besten Händen. Sie könnten nicht mehr für ihn tun als wir."

An der Seite der weinenden Mutter schritt sie der Treppe zu. er sah sie die Stufen hinab- gehen und dann ihren weißen Kittel in einem der Gänge verschwinden.

Was tue ich. daß ich nicht lächerlich vor ihr erscheine?" erwog Wander. Vielleicht vertraue ich mich Schwester Lenore an, sie hatte sicher Verständnis und war bereit, ihm zu helfen, wenn er ihr sagte, daß er ihre Schwester liebe. Schließlich hatte es ja noch Zeit. Vielleicht kam doch einmal eine günstige Stunde, in der er die entscheidende Frage an sie richten konnte.

(Fortsetzung |olgt.)