Ur. 285 Zweites Blatt
Donnerstag, 1. Dezember 1952
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Debitoren
in 67 949 Vorjahre),
Herren Prof. Dr. Ebel ((Sieben), LandgertchtS- präsident i.R. Reuenhagen (®icßen), Kaufmann Karl Röhr scn. (Bietzen), und Bürgermeister i. R. Leun (Grohen-Linden), von der Aufsichtsbehörde als Mitglieder des Aufsichts- rates der Sparkasse berufen worden sind, und zwar für die gleiche Zeit, für welche die übrigen acht Mitglieder gewählt worden find, nämlich bis Ende 1934.
Der Vorsitzende des Hessischen Sparkassen- und Giroverbandes, Iustizrat Dr. Reh, ero> ;‘c in längeren Ausführungen die durch die Krise für die öffentlichen Sparkassen geschaffene Lage. Dies- war durch die außerordentliche Hereinnahme von Auslandkrediten, an welcher aber die öffentlichen Sparkassen in keiner Weise beteiligt waren, und durch den Schalterschluß einer Großbank veranlaßt. Wenn auch für die Sparkassen- und Girv- verbände Kredite erforderlich waren, so haben die deutschen Sparkassen doch ohne Sanierung irgendwelcher Art bis heute die Krise überstanden.
Weiter ging er auf die durch die Rotverordnung vom 6. Oktober 1931 erforderlich gewordenen Sat
tragen 2 165 520,70 Mark, die
2 566 542,33 Mark.
Der Umsatz im Sparverkehr betrug posten (gegen 66 578 posten im
Bezirkssparkaffe Gießen
Oie diesjährige Mitgliederversammlung.
Kungsänderungen näher ein. Er hob am Schlüsse seiner Ausführungen hervor, daß die Krisenzeit an die Verantwortung der Organe der Sparkasse, sowie an die Arbeitskraft der Sparkassenbeamten und -angestellten außerordentliche Anforderungen gestellt habe.
Der Vertreter der Aufsichtsbehörde, Regie- rungsrat Grein, sprach alsdann den Organen der Sparkasse Anerkennung und Dank der Aufsichtsbehörde für die Geschäftsführung aus.
Rach kurzen Schlußworten des Vorsitzenden wurde die Versammlung geschlossen.
Ein Aufruhr-Prozeß vor der Straslammer.
Am nächsten Dienstag findet vor der Großen Strafkammer in Gießen ein umfangreicher Prozeß wegen Aufruhrs und anderer strafbarer Handlungen statt. Angeklagt sind 37 Leute, meist aus Reichelsheim i. d. W, der großen Rkhrzahl nach in verhältnismäßig jugendlichem Alter, darunter auch einige unter 18 Jahre. Der Anklage liegen Vorgänge zugrunde, die sich im Anschluß an die später rückgängig gemachte Auflösung der nationalsozialistischen SA. und SS. abgespielt haben. Als die Polizeibeamten nach der Auflösung das Land durchfuhren, um die Abzeichen und Geräte der Verbotenen Verbände zu beschlagnahmen. fanden sie dank ihrem taktvollen Vorgehen und Disziplin der Bevölkerung kaum Widerstand. In Reichelsheim kam es jedoch zu Ausschreitungen. Dort beschlgnahmten die Beamten einen zur Beförderung von SA.-Leuten dienenden Personenwagen und ließen ihn nach der Wohnung des Bürgermeisters fahren. Dabei sammelte sich eine größere Menschenmenge an, die sich drohend gebärdete und aus der heraus Schimpfworte fielen. Die Beamten, die den Wagen abholen wollten, wurden von der Menge mit Heil- und Schimpfworten empfangen, und es wurde gedroht, man solle es ja nicht wagen, das Auto wegzufahren. 2lls einer der Beamten dies dennoch versuchte, wurde die Straße mit Wagen und anderen Gegenständen versperrt und das Vorhaben dadurch vereitelt. Die Personen, die an dieser Zusammenrottung zum Zweck des Widerstands gegen die Staatsgewalt teilgenommen haben, haben sich nunmehr wegen Aufruhrs zu verantworten Zwei Angeklagten wird weiter zur Last gelegt. den Bürgermeister von Reichelsheim durch Schimpfworte beleidigt und gleichzeitig öffentlich zu einer Gewalttat gegen ihn aufgefordert zu haben. Einem weiteren Angeklagten wird Hausfriedensbruch zur Last gelegt. Zur Verhandlung sind über zwanzig Zeugen, zum Teil Polizeibeamte, geladen.
Keine Abschwächung der Konjunktur
Gewerkschastskreise zum Ansteigen der Arbeitslosenziffer.
stellen sind, lassen sich auch in anderen Wirtschafts- bezirken Nachweisen; so meldet z. B. das Landesarbeitsamt München, daß Einstellungen in nennenswertem Umfange nur der Bergbau und die Chemische Industrie vorgenommen haben. In diesen Gewerbezweigen wurden die Einstellungen sogar erst durch eine Verkürzung der Arbeitszeit erm-jg- licht. Diese Industrien haben also von den Möglichkeiten der Notverordnung über die Mehreinstel- luna Gebrauch gemacht. In anderen Industriezweigen im gleichen Arbeitsamt gebiet wurden dagegen die bereits oorgenommenen Arbeitszeitoer- kürzungen wieder aufgehoben. .
Es zeigt sich also aus diesem Teil der Berichte der einzelnen Landesarbeitsämter, daß die K o n j u n k - tur nicht schwächer ge w orden ist und die Beschäftigung sich weiter erhöht hat. Die Erhöhung der Beschäftigung hat den im allgemeinen in der Krise üblichen Weg genommen. Durch eine 93er- kürzung der Arbeitszeit hatten zahlreiche Betriebe den Versuch unternommen, sich den tüchtigsten Teil ihrer Belegschaft zu erhalten und den Stoß der Krise dadurch abzusangen. Zu Beginn einer etwas günstigeren Entwicklung nahmen diese Betriebe nicht sofort Neueinstellungen vor, sondern sie verlängern erst einmal die Arbeitszeiten ihrer alten Belegschaft. Die Betriebe wünschen nicht neue Ar-
12 545 122,61 Mark gegen 11900 000 Mark im Vorjahre. Der Gesomtu rnsah beträgt 141 877 616,27 Mark. Die Bilanzsumme beträgt 16 385 156,62 Mark, gegen 17 278 412 Mark im Vorjahre. 3m Verhältnis zu den sonstigen wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise ist die Differenz als niedrig zu bezeichnen. Die Rechnung schließt mit einem Rechnung »- r e ft von 166 440,15 Mark.
Mit der Abnahme der Einlagen war naturgemäß auch eine Abnahme der Geldanlagen, der Ausleihungen, verbunden. Diese sind von insgesamt 16 743 774,20 Mark auf 15 968 716,47 Mark Ende 1931 zurückgegangen. Aus dem Bruttogewinn mürben starke Abschreibungen vorgenommen.
Der Reingewinn beträgt nach allen Abschreibungen 59 310,41 Mark. Entsprechend dem Anträge des Vorstandes und Aufsichtsrates wurde dieser wie folgt verteilt: Zuweisung zur Rücklage 49 310,41 Mark und Zuweisung zur Risikorücklage 10 000 Mark.
Genehmigt wurde ferner der Voranschlag über die Derwaltungskosten für 1933.
Weiter nahm die Mitgliederversammlung davon Kenntnis, daß nach den auf Grund der Hessischen Verordnung vom 21. Dezember 1931 zur Durchführung des 5. Teiles, Kapitel I, 3. < Verordnung des Reichspräsidenten vom 6. OIL | 1931 und der Verfügung des Hessischen Mini- » sters des Innern vom 12. Mai 1932 erforderlich gewordenen Satzungsä nderungen, diel
Dm Dienstag fand in Anwesenheit des Vertreters der Aufsichtsbehörde, Regierungsrat Grein, und des Vorsitzenden des Hess. Sparkassen- und Giroverbandes, Iustizrat Dr. Reh, die diesjährige ordentliche Mitgliederversammlung der Bez irkssparkasseGi e- ß e n statt. Fast sämtliche Vertreter der Dezirks- gemeinden waren erschienen.
Rach Begrüßungsworten des Vorsitzenden, Di- rektor Zacheis, trug dieser den Ges chäf ts- bericht für 1931 mit dem Rechnungsabschluß, der Bilanz, Gewinn- und Derlustrechnung, sowie die Aufwertungsbilanz und den Aufwertungsrechnungsabschluß für 1931 vor. Diese, sowie die Rechnung, Bilanz, die Gewinn- und Derlustrechnung wurden von der Versammlung genehmigt.
Aus dem Geschäftsbericht ergibt sich, daß durch die im Juli 1931 einsetzende allgemeine Geldkrise, die sämtliche öffentlichen Sparkassen Deutschlands in starke Mitleidenschaft gezogen hat, auch die Spareinlagen der hiesigen Sparkasse zurückgegangen sind, und zwar um 6 0 8 6 5 5,39 Mark, also von 14240094,05 Mark im Vorjahre auf 1 3 631 438,66 Mark. Hierzu ist zu bemerken, daß sich die Rückzahlungen fast ausschließlich auf das zweite Halbjahr 1931, also die Zeit nach dem Eintritt der Krise, verteilen.
Die Sparkasse war aber in der Lage, ohne Inanspruchnahme eines Kredites bei der Akzeptbank den Rückforderungen zu genügen.
Im Kontokorrent-(Giro-)Derkehr wirkte sich der Einlagenrückgang nicht so sehr aus, wie im Spareinlagengeschäft. Hier betrug der Umfaö in 178 235 Posten (gegen 164 000 Posten im Vorjahre) 51 545 679,29 Mark. Die Kreditoren be- |
beiter in ihre Betriebe aufzunehmen, bevor nicht weitere Anzeichen für einen tatsächlichen Anlauf der Konjunktur oorliiegen.
Für die langsam günstige Entwicklung der Be- schäftming gibt es auch noch andere Belege. Man kann Dafür u. a. auch die Beitragseinnahmen in der Sozialversicherung heran- ziehen, und diese zeigen nun, für die Invaliden- Versicherung, daß sich Die Beitragssinnahmen in der Zeit von Juli bis Oktober um nahezu fünf Millionen erhöht haben, Denn im Juli wurden 51,3 Millionen aus Den Beiträgen Der Versicherten und ihrer Arbeitgeber eingenommen, im Oktober ungefähr 56,2 Millionen. Die gleiche Entwicklung ist auch für Die Angestelltenver- sicherung festzustellen Hier liegen erst Die Zahlen für September vor, doch auch sie zeigen von Juli an mit 22,1 Millionen zum September mit 23,3 Millionen eine gute und stetige Steigerung.
Darum soll man Den Gegenstoß aus Der Saison, Der sich Diesmal voll und ganz ausgewirkt hat, nicht überschätzen. Für Die nächste Zeit werden wohl noch weitere Arbeiterentlassungen hinzukommen, und der höchste Stand der Arbeits- losigksit wird für diesen Winter wohl, wie auch in früheren Jahren, e r ft) im nächsten I ah r e eintreten. Für den Winter 1931'32 war Die höchste Arbeitslosigkeit im Februar mit 6 200 000 verfügbaren Arbeitssuchenden festgestellt. Don dieser Zahl sind wir auch heute noch ziemlich weit entfernt, und es wird im wesentlichen von Der konjunkturellen Entwicklung in Den nächsten Monaten abhängen, ob diese Zahl im kommenden Winter niedriger bleibt.
Von feiten Der Christlichen Gewerkschaften erhallen wir Die nach- folgenden Aeußerungen zum letzten Ar- beitsmarktbe richt.
Es bedeutete eine allgemeine Ueberraschung, als Der Arbeitsmarktbericht Der Reichsanftalt für Mitte November eine Erhöhung Der Arbeitslosenzahlen um 156000 meldete. Wenige Tage vorher hatte Die zurückgetretene Reichsregie- rung in einer von ihr verbreiteten Melduna sich selbst Den Erfolg durch Die Ankurbelungsmaßnah- men bescheinigt und erreicht, daß allgemein ein weiterer Rückgang Der Arbeitslosigkeit erwartet wurde. Der Stand Der Deutschen Arbeitslosigkeit erhält erst Dadurch seine Bedeutung, wenn man im Vergleich mit dem Stand am 15. November 1931 feststellt, daß in diesem Jahre rund 400 000 Arbeitssuchende mehr a u f Dem Arbeitsmarkt anzutreffen sind als im vergangenen Jahre. Diese Zahl hat ihr eigentliches Gewicht und tonn nicht in ihrer Wirkung beeinträchtigt werden.
Ader trotzdem zeigen die Berichte der einzelnen Landesämter, daß sich diesmal tatsächlich nur Der Gegen st oß der Saison voll und ganz ausgewirkt hat und Die geringe konjunkturelle Besserung auch im Monat Novern- her trotz aller Experimente sich weiter durch- gesetzt hat Nun zeigt sich diese langsam anhal- lende Konjunkturentwicklung nicht so deutlich in einem Rückgang der Zahlen für Die Arbeitssuchen- den, sondern in einem Rückgang der Feierschichten für den Bergbau und in einer Verlängerung der Arbeitszeit in zahlreichen anderen konjunkturbestmnnten Wirtschafts, zweigen.
Sehr Deutlich acht Dieses aus Den DoiDen Arbeits- marktberichten für das industrielle Gebiet des Rheinlandes und Westfalens hervor. In den Monaten Juni, Juli und August wurden im Bereich Der Industrie des Landesarbeitsamtes Westfalen noch 400 000 unterstützte Kurzarbeiter gezählt, Kurzarbeller, die Unterstützung erhalten wollen, müssen mindestens Drei Ausfalltage in der Woche Nachweisen. Ihre Zahl ging nun im September um rund 28 000 und im Oktober um rund 20 400 zurück. Der Beschäftigungsgrad in der rheinisch-westfälischen Walzwerksindustrre beträgt, gemessen an Dem Stand Der Belegschaft von Mitte 1929, zur Zeit noch etwa 50 Prozent. Seit Februar d. I. ist er ziemlich unverändert geblieben. Auch im Sieger land, wo durchweg Spezialfabrikate hergestellt werden, beläuft sich auch heute noch Die Erzeugung auf durchschnittlich 50 Prozent gegenüber Mitte 1929. Recht interessant und be- ze.chnend für Die augenblickliche Lage ist, daß vor allem in Der weiterverarbeitenden Metallindu - strie neben einigen Neueinstellungen sich der Rückgang der Kurzarbeit am stärksten bemerkbar macht. Die Arbeitszeit beträgt in Diesen Industrien in vielen Fällen schon wieder 48 Stunden, und sie hat sich gar bei einzelnen Betrieben auf 60 Stunden in der Woche erhöht; das gleiche trifft für zahlreiche größere Werke in Der iej- tilinDuftrie zu, so hat die münsterländische Baumwollindustrie die Kurzarbeit fast vollkommen eingestellt und in anderen Zweigen Der Textil- industne wird zum Teil 50 und 54 Stunden in der Woche gearbeitet.
Die Erscheinungen. Die also für den Arbeitsmarkt Der rheinisch-westfälischen Industrie festzu-
Deiner Hände Werk
Vornan von Klothilde von Ste-mam^Sloia.
Copyright by Martin Jeuchtwangrr. Halle (Saale)
29 Fortiestung Nachdruck verboten
„Ich habe dich bitten lassen", erwiderte Kurt stockend. „Cs ist doch allerlei zu besprechen^)« bei wir dich dabei haben müssen, da deine Mutter ja nicht beunruhigt werden darf. Aber bitte, nimm doch Platz!"
Hiltrud holle tief Atem, als wollte fte eine schwere Last von der Seele fortatmen. »Ich danke dir, lieber Kurt", sagte sie leise, »aber was ich zu sagen habe, ist schnell gesagt: Ich möchte dich und deine Mitarbeiter bitten, Mutter auch Wei- terhin so wenig wie möglich zu beschweren; sie leidet ohnehin schon sehr unter all Wesen Dmgen. und ihre Gesundheit ist, wie mir der Arzt sagte, auch nicht gerade sehr fest. Was dir von uns Schlimmes geschehen ist, ist ja nicht ungeschehen zu machen. Ich möchte dir nur sagen — ihre bis dahin gewaltsam feste Stimme schwankte —, „daß ich viel, sehr viel darum gäbe, wenn ich manches ungeschehen machen könnte." Sie sprach nicht weiter uni) wandte sich um, damit man die Tränen nicht sehen konnte, die ihre Augen trübten.
Kurt Bremer hatte auch das mit feinem Vater gemeinsam, daß er keine Frau weinen sehen konnte. Der letzte Groll in ihm schwand. Das, was aus Hlltruds Worten zu ihm sprach, war ungekünstelt, war Trauer, Reue.
Hier sprach ein Herz, das durch Leiden gereift schien. Bewegt ergriff er die Hand feiner Stiefschwester.
»Liebe Hiltrud", sagte er herzlich, „wir wollen in dieser ernsten Stunde das Vergangene begraben sein lassen, die Gegenwarr bietet Schwierigkeiten genug — und wir wollen versuchen, sie zusammen zu meistern. Dich trifft das Geschick ja harter als mich. Ich kämpfe ja nur, um die Verluste des Werkes wieder auszugleichen; du aber hast mehr verloren, nämlich einen Menschen, an den du geglaubt hast und den Du liebtest."
Hiltrud sah den Bruder ernst an.
„Glaube nicht, Kurt, daß ich Axel Ivarsen beweine. Ich habe ihn nie so geliebt, wie eine Braut ihren Verlobten lieben muh. Was mich zu ihm führte, war nicht Herzensneigung, sondern Trotz gegen einen anderen, den ich liebte."
Sie wurde tiefrot und unterbrach sich.
„Erlaß es mir, darüber zu sprechen. Ich habe auch hier eine Schuld begangen, da ich ohne wahrhafte Steigung mein Leben mit dem Ivar- sens verbinden wollte. Daß mein Rame nun in diese schmutzige Geschichte gezogen wird, ist nur eine gerechte Strafe. Aber was mich am meisten
drückt, ist das Unrecht, das meine Mutter und ich an Dir getan haben, ilnb so bitte ich dich Dann, bei all euren geschäftlichen Maßnahmen höchstens auf meine Mutter Rücksicht zu nehmen. Sie ist nicht mehr jung genug, um umzulernen. Aber ich kann es; ich weiß, daß nun auf Dremer- schloh alles anders werden muß und daß du vermutlich sehr sparsam wirst sein müssen, um Dremerweri wieder hochyubrinarn"
„2a, das werde ich, Hiltrud, und das war auch mit der Hauptgrund, aus Dem ich dich hierher bat. Ich wollte mit dir zusammen beraten, wie es möglich ist, die Lebenshaltung hier auf Bremerschloß einzuschränken Ohne Opfer wird es dabei nicht abgehen; du wirst mir das hoffentlich nicht als Uebelwollen auslegen"
Hiltrud sah den Bruder mit einem warmen Blick an: „Wenn ich das täte, Kurt, wäre ich immer noch die Hiltrud von früher. Aber glaube mir, auch mich haben die Erfahrungen der letzten Zeit gewandelt."
Fünfundzwanzig st es Kapitel.
Aus dem Bremerwerk begann eine neue Zeit. In angestrengter Arbeit wurde der Status des Werkes ausgenommen Während der Prokurist die Leitung des Werkes übernahm, reifte Kurt Bremer mit einem Bevollmächtigten zu allen großen Geschäftsfreunden und Werken, um das durch die Vorgänge der letzten Zeit erschütterte Vertrauen wiederzugewinnen Cs wurde ihm gern gewährt. Der Rame des Bremerwerkes hatte noch einen guten Klang. Er konnte durch die Mißwirtschaft einer kurzen Epoche nicht vernichtet werden Der alte Kommerzienrat Bremer war bei seinen Freunden noch nicht vergessen. In Dem Sohn fanD man Den Vater wieder. Die technischen Erfindungen überdies, die er gemacht, zeigten seine Fähigkeiten und ließen viel für die Zukunft des Dremcrwerls erwarten
So verstanden sich die Gläubiger dazu, die Fälligkeitstermine für die Rohmaterialien zu verlängern, und die Danken gaben Kredit. Das Dre- merwerk begann sich zu erholen —
Kaum hatte Kurt Die dringenden Geschäftsreisen hinter sich, da trieb es ihn zu Erikn Ihre Erkrankung war doch länger und ernster gewesen, als Der Arzt angenommen Auch nach Der glücklich überftanDenen Krisis war sie so schwach, Daß jede Erregung vermieden werden mußte. So durste auch Kurt erst spät zu ihr. Man hatte Erika auf ihre bange Frage nur gesagt, daß Der Anschlag auf Kurts Patente Durch ihren Mut vereitelt worDen war. Mehr hatte sie offenbar nicht wissen wollen. Sie hatte nur zufrieden gelächelt und war in einen ruhigen Schlaf verfallen
Run hatte Der Arzt keine Bedenken mehr gegen ein kurzes Wiedersehen Schwester Raffaela bereitete Erika nach einer besonders guten Rächt auf Kurts Besuch vor. In dem zierlich aufgeräumten Zimmer lag die Aprilfonne in einem
Hellen, verheißungsvollen Licht. Auf (SrifaS Rachitisch stand ein großer Alpenveilchenbusch, und der Schein seiner zartrosa Blüten schien einen rosigen Schimmer auf Erikas schmal gewordenes Gesicht zu gießen
Erika saß aufrecht in Den weihen Kissen. Das weiche Haar, in der Krankheit lange nicht geschnitten, lag wie Das Haar eines kleinen Mädchens um den Hals, Der rührend schmal und zerbrechlich aus dem weihen Rachtkleide her- aussah.
„Werden Sie sich gewiß auch nicht erregen, liebe Erika?" mahnte Schwester Raffaela noch- mals. „Wenn wir heute abrnd Temperatur haben, ist's aus mit Der Besuchserlaubnis."
„Liebe, gute Schwester Raffaela" — 6rifa legte ihre Wange schmeicheln!) auf Rassaelas kühle Hand —, „kann Glück jemals schaden?"
Ein nachsichttgrs Lächeln stand auf Schwester Rassaelas entsagungsvollem Gesicht.
„Manchen Menschen schadet das Glück, aber in anderen Dingen, nämlich seelisch. Doch bei Ihnen braucht man das wohl nicht zu. fürchten Sie werden Ihr demütiges Hrrz auch im Glück nicht verlieren. Bei Ihnen fürchte ich nur die körperliche Schädigung!"
Sie strich noch einmal über das weiche Haar Erikas, dann ging sie leise xur Tür.
„Kommen Sie nun, Herr Bremer; hier wartet jemand sehnsüchtig."
Kurt trat in die Türöffnung; einen Augenblick verharrte er. Wie im älebermaße des Empfindens, mit einem unbeschreiblichen Blick sahen sich die beiden jungen Menschen an — dann streckte Erlla Die 2Irme aus.
Schwester Raffaela schloß leise die Tur Sie wollte Die Wiederbegegnung zweier Menschen-
herzen nicht stören r
Kurt war vor Sr.tas Bett in Die Kme g unten. Er fühlte, wie Erikas leichte Hand iym mll scheuer Zärtlichkeit über Das Haar strich. Endlich richtete er sich auf. .
„Meine Erika", sagte er stockend und nahm die zerbrechliche Gestalt mit zarter.Behutsamkeit in seine Arme — fühlte das geliebte Wesen leicht und vertrauensvoll in seinen Arm geschmiegt, fühlte ihr Herz an Dem feinen schlagen UnD mehr als Worte auszudrücken vermochten, sagte Der Kuh, Den er sanft auf ihre blassen Lippen drückte. = ...
„Oh Kurt", flüsterte sie leise, „es ist mir immer' noch wie ein Traum, daß alles gut geworden ist. Rachts kommt so oft die Erinnerung an all das Schreckliche."
Lenk nicht mehr daran, meine liebe, geliebte @rtlal Das Böse ist ein Traum gewesen, der vor der Wirklichkeit vergehen muh. Vor uns liegt nur Sonne, nur Glück, älnd du bist es. Die Durch ihre Lat alles geschaffen hat. Bremerwerk ist gerettet."
Dann erzählte er Der Geliebten alles, was sich währenD ihrer Krankheit ereignet.
„Meine neue Erfindung ist bereits zum Patent angemelDet“, schloß er, „und wir werden aus ihr so viel herausholen, daß wir Damit ein gut Teil der DrüdenDen BankschulDen abstohen können Die Landschaftsbank will sich mit einem beträchtlichen Betrag an der neuen Fabrikation beteiligen. Wir kommen durch, Erie, wir kommen durch — und das danken wir dir! Hätten Die Schurken noch eine Weile weiterwirtschaften können, Dann wäre Bremerwerk verloren gewesen So hat sie die gerechte Strafe noch zur Zeit ereilt“
Das glückliche Lächeln wich aus Erikas Augen Ein banger Ausdruck schattete Darüber hin:
„Aber deine Stiefmutter und deine Stiefschwester, Kurt, — wie werden sie mir verzeihen, daß ich der Anlaß zu dem Sturze Ivarsens gewesen?" Ihre Stimme wurde unsicher, und Die ganze Erschütterung löste sich in einem heißen Tränenstrome.
„Erie, liebe, gute, kleine Erika!" Kurt küßte ihr die Tränen fort, die unter den gesenkten Wimpern immer wieder hervordrangen „Weine doch nicht Du Darfst Doch nicht mehr traurig fein! Hör mich doch an, Liebling, alles ist doch gut Meine ©tie'mutter ist durch Die trüben Erfahrungen, Die sie mit ihrem Schwiegersohn gemacht hat, sehr verändert Das ganze Leben ist ja für sie anders geworden; sie ist froh, daß sie auf Bremerschloß wohnen kann Ivarsen hat ja auch ihr eigenes Vermögen vertan Der Herr auf Bremerschloß bin jetzt ich — und ich werde das Mädchen, das ich mir erwählt habe, als meine Gattin dorthin führen"
Seine Stimme bekam einen so festen Klang, daß Erikas Tränen versiegten Sie öffnete die Augen und sah Kurt an, als sähe sie ihn zum ersten Male. Frohlockend ging es durch ihr Herz: Der Jüngling, Den sie geliebt, er war ein Mann geworden, Der seinen Willen Durchzusetzen ver- stand.
„Und HiltruD?" fragte sie noch leise.
Kurts Augen wurden weicher: „Ja, Hiltrud — das ist eine ganz wunderliche Geschichte. Ich fürchtete selbst, daß Hiltrud uns Die Entlarvung Ivarsens nicht verzeihen, daß sie unter Der Enttäuschung zusammenbrechen würde. Aber Hiltrud benimmt sich so, Daß ich zum ersten Male Achtung unD Respekt für sie fühle, ja, sogar brüderliche Zuneigung."
„Weißt du. was vorhin Schwester Raffaela zu mir sagte, Kurt? Sie sagte, daß manchen Menschen das Glück Schaden Der Seele brächte — bei Hiltrud scheint es so gewesen zu sein Aber Dennoch: ich wünschte, sie hätte diese Erfahrung nicht machen müssen."
(Fortsetzung folgt)


