Ausgabe 
1.8.1932 Frühausgabe
 
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182. Jahrgang

Montag, 1. August 1952

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GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilst. Lange. Derantworilich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Or H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.

Keine Rechismehcheii im neuen Reichstag.

Starke Wahlbeteiligung. Verdoppelung der nationalsozialistischen Stimmen gegenüber dem September 1930. Schlüsselstellung des Zentrums. Anwachsen der Kommunisten.

Keine Entscheidung.

Von unserer Berliner Redaktion.

Das Ergebnis der Reichstagswahl ist, um das Wichtigste erst einmal voranzustellen, daß eine klare Entscheidung nach der einen oder nach der anderen Seite nicht gefallen ist. Die Hoffnung der Nationalsozialisten, daß ihre Stimmenzahl wieder um einige Millionen anschwel- len würde, hat sich nicht voll erfüllt, sie haben zwar gegenüber der Präsidentenwahl noch einen Stimmen­gewinn, der aber nicht die Ausmaße der übrigen Wahlen hat. Sie find also, prozentual an der Ge­samtstimmenzahl gemessen, nicht vorangegangen, sondern sogar etwas zurückgeworfen. Aber auch wenn die Deutschnationalen und die gerin­gen Splitter der übrigen Rechten, die überhaupt noch im neuen Reichstag in Erscheinung treten wer­den, hinzugezählt werden, ist an eine Mehrheit der Rechten nicht zu denken, die Abwehrstellung aus Zentrum, Sozialdemokraten und Kommunisten be­herrscht nach der negativen Seite hin die Lage und wird, wenn sie Zusammenhalten, dem Kabinett Pa- pen das Leben sauer machen können. Ein einheit­liches Bild von der Stimmung der Wähler läßt sich diesmal überhaupt nicht zeichnen. Der Ausschlag des Pendels nach der einen oder nach der anderen Seite ist regulationsmäßig ganz verschieden, die Zahl der Stimmscheine, die in die 10OOOde geht, hat niemals einen so großen Umfang gehabt und der Typ desWählers im Umherziehen" der damit ge­schaffen worden ist, hat den Parteien in den einzel­nen Wahlkreisen unkontrollierbare Verluste zuge­fügt, denen an anderen Stellen freilich entsprechende Gewinne gegenüberstehen, aber der Vergleich der Zahlen wird dadurch wesentlich erschwert.

Durchweg ist nur, was eine äleberraschung be­deutet, daß fast überall die Kommu­nisten erheblich gewonnen haben, zumal im Westen, wo sie in einzelnen Wahlkreisen je ein volles Mandat mehr erobern konnten. Dem entspricht, daß die Nationalsozialisten im Westen verloren haben, sonst aber überall noch zunehmen konnten. Auch die Sozialdemo­kraten haben in den Jndustriebezirken zum Teil recht erheblich zugenommen. Dem stehen aber überraschende Verluste in anderen Wahl­kreisen gegenüber; auch das Zentrum hat sich gut geschlagen, nur in Schlesien sind ihm die Wähler zum Teil abgesprungen, sowie auch in Westfalen, wo offenbar die bäuerlichen Schich­ten dem Reichskanzler von Papen die Treue ge­halten haben. Die Deutschnationalen sind im wesentlichen auf der Höhe der Landtags­wahlen stehen geblieben. Sn den Städten haben sie sogar zugenommen, auf dem flachen Lande dagegen haben sie offenbar Einbuße erlitten. Heber die kleineren Parteien ist wenig zu sagen. Die Deutsche Volkspartei rettete einen kleinen Mandatsbestand durch ihre Listenverbin­dung mit den Deutschnationalen. Auch die Christ­lich-Sozialen können gerade noch ihre Visiten­karte im Reichstag abgeben. Bei den Demo­kraten hängt die Entscheidung vorläusig noch an wenigen Stimmen. Der Prozeß der Zerbröcke­lung der bürgerlichen Mitte ist jedenfalls ziem­lich restlos zum Abschluß gekommen. Wir stehen heute vor der Tatsache, daß auf der Rechten die Einsätze stärker sind, als auf der Linken bei Sozialdemokraten und Kommunisten zusam­men, während in der Mitte sich das Zentrum mit der Bayerischen Volkspartei unerschüttert be­hauptete.

Mit diesem Parlament der 600 praktische Arbeit zu leisten, ist auf den ersten Blick ein Ding der Unmöglichkeit. Die einzige Lö­sung wäre die Verständigung zwischen Rationalsozialisten und Zentrum, das Problem, an dem wir uns ja nun schon seit Monaten die Zähne ausbrechen, ohne damit weiter zu kommen. Gelingt das, dann wäre eine arbeitsfähige Mehrheit vorhanden, aber die Aussichten dazu find vorläufig noch nicht allzu­groß. Sedenfalls würde aber auch, wenn eine solche Verständigung gelingt, nur an eine ilm- gestaltung des Kabinetts Papen ge­dacht werden können, weil der Reichspräsident sich sicherlich nicht durch diesen Reichstag sein Konzept verderben lassen will. Aber das sind Fragen, die wohl erst in einigen Wochen spruch­reif werden, dann freilich sehr rasch. Denn wenn die Annäherung zwischen dem Zentrum und den Rationalsozialisten nicht erfolgt, dann muß die erste politische Aussprache des Reichs­tages nicht nur mit einem Mißtrauensvotum gegen das augenblickliche Kabinett, sondern auch mit der Annahme eines Antrags auf Aufhebung des Reichskommissariats in Preußen enden. And das wäre der Konfliktssall, der eine sofortige Auflösung des Reichstags Aur Folge haben müßte. Der Reichspräsident wird vielleicht bereits in der Zusammensetzung des Kabinetts einige Aenderungen vornehmen, wird aber ganz gewiß nicht bereit sein, das Kabinett seines Ver­trauens zu opfern. Die Wahrscheinlichkeit also, daß wir durch diese Wahl schon wieder in den Hasen einer parlamentarischen Mehrheit ein- gelaufen sind, ist denkbar gering.

Reichskanzler von Papen (X) in seinem Abstimmungslokal.

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Leu! lch!

-

Reichswehrminister von Schleicher verläßt mit seiner Gattin das Wahllokal im Regierungsviertel.

Ruhiger Verlauf des Wahltages.

Zn der Rächt zum Sonntag überall politische Reibereien.

Der Wahltag in Berlin.

Berlin. 31. Suli. (WTB.) Die Reichshaupt­stadt bot am heutigen Wahltag sowie auch schon in den letzten Tagen durch die fast überall in den Wohngegenden durchgesührte Beflaggung in den verschiedenen Partcifarben ein bunt belebtes Bild. Abgesehen von den Geschäftsgegenden, in denen außer den Werbeplakaten an den Litsas- sänken kaum etwas vom Wahlkampf zu bemerken war, zeigten die meisten Straßen ungewöhnlich starken Flaggenschmucl. Offensichtlich die stärkste Flaggenpropaganda hatten die Rationalso- z i a l i st e n mit ihren Hakenkreuzfahnen gemacht. Daneben war aber auch die rote Fahne mit den drei Pfeilen und die der Kommunisten zu sehen. Vielfach sah man auch die Reichsfarben und gegen­über den früheren Wahlen auch eine st ar ke Be­flaggung in den alten Reichsfarbcn schwarzweihrot. Eine neuartige Wahlpro­paganda im Straßenbild boten die S t r e u z e t - t e l der einzelnen Parteien aus gestanzten Haken­kreuzen, rotem Sowjetstern und die drei Pfeile der Eisernen Front. Sic lagen in vielen Tausenden auf den Straßen. Auch die Deutschnationalen hat­ten sich an dieser Art der Propaganda beteiligt und kleine schwarzweißrote Blättchen verstreut. Lieberhaupt war diesmal die Zettel- und Flug­

blattpropaganda viel stärker, so daß in den frühen Morgenstunden ganze Straßenzüge, in denen sic noch gestern abend verteilt worden sind, mit Papier besät waren.

Die Wahlbeteiligung

war in den Vormittagsstunden erheblich höher als an den früheren Wahltagen; offenbar hat das schöne Wetter viele Tausende veranlaßt, sofort nach Be­ginn der Wahlhandlung zu wählen, um den herr­lichen Sommertag dann noch in der Umgegend der Stadt genießen zu können. Besonderen Zuspruch fanden dabei dieWahllokalean den Bahn­höfen. In den einzelnen Gegenden, so besonders im Osten und im Norden, hatten bis 12 Uhr schon rund 40 Prozent der Wähler ihrer Wahlpflicht ge­nügt. Wie üblich hatten die M i n i st e r w a hl- lok a l e aus diesmal wieder viele Schaulustige an- gelockt. Reichskanzler o. Papen, der gegen 10? Uhr im Wahllokal am Kronprinzenufer erschien, wurde von Photographen und Tonfilmoperateuren umlagert. Polizeistreifen unter Führung höherer Offiziere hatten die Lokale besonders gesichert. Der bevollmächtigte Reichskommissar in Preußen, Dr. Bracht, wählte bereits um 9 Uhr in der Ka­nonierstraße, Polizeipräsident Melcher in Zeh­lendorf. Fast in der ganzen Sldt waren die Wahl­lokale in der üblichen Weise mit den Plakatstehern der Parteien besetzt. Die Polizei, die bereits seit

Vorläufiges Gesamtergebnis.

Gültige Stimmen insgesamt 36 845 279

(34 956 471)

SPD. 7 959 245

(8 575 244)

NSDAP. 13 732 779

(6 379 672)

KPD. 5 278 094

(4 590 160)

Zentrum 4 586 501

(4 127 000)

DRVP. 2 172 941

Radikaler Mittelstand 8 733

(2 457 686)

DVP. 434 548

(1577 365)

Wirtschaftspaktes 146 061

(1 361 762)

Staatspactei 371 378

(1 322 034)

Bayrische Volkspartei 1190 453

(1 058 637)

Christlich-Sozialer Volksdienst 364 749

Volksrechtpartei 40 887

SAP. 72 569

Deutsches Landvolk 91 284

Deutsche Bauernpartei 137 087

Landbund 96859

Deutsch-Hannoveraner 46 872

Höchstgehalt der Beamten 1147

Deutsche Einheitspartei für

wahre Volkswirtschaft 1 842

Deutsche Sozialistische Kampf­bewegung 951

Rationale Minderheiten 34 967

Schicksalsgemeinschaft deutscher

Erwerbsloser 549

Kampfgemeinschaft deutscher

Arbeiter und Bauern 4 509

Freiwirtschaftliche Partei

Deutschlands 12 200

Gerechtigkeitsbewegung für

parteiverbote und Deutsche

Volksgemeinschaft 2 625

Alle übrigen Listen 63 341

(868 269)

Vorläufige Mndatsverteilung.

Die Gesamtzahl der Mandate beträgt nach dem jetzigen Stande 607.

Sozialdemokraten

133 (143)

Rationalsozialisten

230 (107)

Kommunisten (einschließlich SAP.)

89 (77)

Zentrum

76 (68)

Deutschnationale Volkspartei

37 (41)

Deutsche volkspartei

7 (30)

Landvolk

2 (19)

Radikaler Mittelstand

1 (0)

Staatspartei

4 (20)

Bayrische Volkspartei

20 (19)

Wirtschaftspartei

2 . (23)

Ehristlich-Sozialer Volksdienst

4 (14)

Deutsche Bauernpartei

2 (6)

Christl.-Soz. Volksdienst 1 o. H. (2,5 bzw. v. H.)

Der prozentuale Anteil der Parteien.

Bei einer Wahlbeteiligung von 83,2 v. H. (Reichs­tagswahl 14. Sept. 1930: 82 o. H.) betrug der prozentuale Anteil der einzelnen Parteien (die Zahlen in Klammern bedeuten die Prozentzahl bei der letzten Reichstags- bzw. der letzten Preußen­wahl):

SPD. 24,3 v. H. (24,5 bzw. 24 v. H.) NSDAP. 37,4 v. H. (18,3 bzw. 37 v. f).) KPD. 14,3 o. H. (13,1 bzw. 12 o. H.) Zentrum 12,2 v. H. (11,8 bzw. l.Hv. H.) DNBP. 6 v. H. (7 bzw. 6 v. H.) DBP. 1,1 v. $). (4,5 bzw. 1,5 v. H.) Wirtjchaftspartei 0,4 v. 5). (3,9 bzw. 1 v. H.) Staatspartei 1 v. 5). (3,8 bzw. 1 v. H.) Bayr. Dolkspartei 2,8 v. S). (3 bzw. v. H.).

gestern auf der größten Alarmstufe sich befindet, hat außer der Sicherung der Wahllokale durch Doppel­posten auch umfangreichen Streife n - dienst eingerichtet, bei dem insgesamt 29 000 Mann Schupo und Kriminalbeamte eingesetzt wur­den. Während der Vormittag ohne wesentliche Zwi- schensälle verlausen ist, hat die Nacht vor der Wahl verschiedentlich im Zeichen blutiger wahlpolitischer Auseinandersetzungen gestanden.

Die Wahlbeteiligung in Berlin, die in den Vormittagsstunden bis zu 50 v. H. betrug, ließ in den Nachmittagsstunden erheblich nach. Zn einzelnen Bezirken dürften nur etwa 70 v. S). Stimmen ab­gegeben worden sein. Die Arbeiterviertel roiefen durchweg eine Beteiligung von etwa 80 v j). und sogar darüber auf. Insgesamt dürfte die Wahlbeteili­gung in Groß-Berlin bei etwa 80 o. H. liegen.

£)cu Reichspräsident wählt in Heinrichsau.

Freystadt (Westpreußen), 31. Juli. (WTB.) Reichspräsident von Hindenburg, der zum erstenmal an einem Wahltag nicht in Berlin weilte, fuhr von Neudeck aus um 11 Uhr in Begleitung seines Sohnes und des Oberregierungs- rats von Riedel nach dem im Schulhause der kleinen Gemeinde Heinrichsau befindlichen Wahllokal, um dort feiner Wahlpflicht zu genügen. Die Be­völkerung begrüßte den Reichspräsidenten mit leb­haften Zurufen.