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Nr. 280 Erstes Blatt

M. Jahrgang

Montag, 30. November (931

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerfitütt-Vuch- und Sleindnickerel tL Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyrio!, für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.

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Beilagen:

Die Illustrierte Gießener Familien blätter Heimat im Bild

Die Scholle.

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Die Bedeutung des Znlandmarlts für die deutsche Industrie.

Dr. Bögler fordert in einer bc deutsamen Bede vor den deutschen Eisenhüttenleuten Gemein- schastsarbeit zwischen Industrie und Landwirtschaft. - Verbesserung der Handelsbilanz durch verringerte Einfuhr statt durch verstärkte Ausfuhr.

Düsseldorf, 28. Aov. (LLl.) Die Hauptver­sammlung des Vereins deutscher Eisen­hüttenleute schloß Generaldirektor Dr. Vogler von den Vereinigten Stahlwerken, mit einigen Bemerkungen. Man müsse immer wieder überrascht sein über die gewaltige Kraft, die heute rein zahlenmäßig im Bauerntum ruhe. Wenn man sich vergegenwärtige, welche hohen Anteile die insgesamt 20 Millionen Kleinbauern einschließlich der Angehörigen an der Gesamt­bevölkerung darstellen, dann werde klar, daß sich hier neue Möglichkeiten für die Wiederher st ellung der Wirtschaft- lichkeitdes Landes auftun. Dr.Bögler ver­wies auf frühere Ausführungen, die er im Ro- vember 1924 in der FrageIndustrie und Land­wirtschaft" gemacht hatte. Damals hatte er u. a. gesagt:Es wird viel zu wenig beachtet, wie sehr der deutsche Inlandmarkt von einer kaufkräftigen Landwirtschaft abhängig ist. Es ist von größter Bedeutung für die Lage der Industrie, wieviel die 25 Mil­lionen betragenden deutschen Landbewohner kau­fen können. Es ist dies eine wichtigere Frage als die Entwicklung der Lage auf dem Ausfuhrmarkt. Der AufDeutschland muh ausführen", fängt an, ganz falsche Vor- Teilungen in den Köpfen hervorzurufen. Ich stimme denen zu, die nicht in einer Verschärfung der Ausfuhr, sondern in einer Erstarkung des Inlandmarktes das wünschenswerte Ziel sehen. Es ist viel leichter, wirtschaftlich und politisch gedacht, die Handelsbilanz durch ver­ringerte Einfuhr statt durch verstärkte Aus­fuhr zu verbessern. Gerade vom industriellen Standpunkt aus ist für uns die st a r k e Durch­bildung der landwirtschaftlichen Technik von größter Bedeutung." Dögler fuhr fort, er habe keine Veranlassung, irgendein Wort von diesen Ausführungen zurückzunehmen. Seine besondere Befriedigung drückte er über die Fort­schritte in der Mechanisierung der Landwirtschaft aus, besonders über die Tatsache, daß heute d i e deutsche Landmaschinen-Industrie in jeder Weise den Wettbewerb mit dem Ausland aufnehmen könne. 3n dieser auf richtigen Vor­aussetzungen aufgebauten Gemeinschafts­arbeit zwischen Industrie und Land­wirtschaft müsse fortgefahren werden. Die Arbeitslosenfrage werde sich ganz von s e l b st regeln. Es würden Jahrzehnte vergehen, bis das angestrebte Ziel der Mechanisierung des bäuerlichen Betriebes erreicht sei.

Der Einzelhandel zum Preisniveau.

Eine Denkschrift an den Reichskanzler.

Berlin, 28. Nov. (CNB.) Die Hauptge­ineinschaft des Deutschen Einzelhan­dels hat anläßlich des Abschlusses der Beratungen des Wirtschaftsbeirates die Preis- und K o -

st e n e n t w i ck e l u n g für Waren verschiedenster Art einer Nachprüfung unterzogen und eine Denkschrift über diese Frage an den Reichs­kanzler und andere Reichs- und Staatsbehörden gesandt. Diese Denkschrift kommt zu dem Ergebnis, daß bestimmte Ausgabengruppen des Lebenshaltungsindex dem bisherigen Preisrückgang des freien Marktes nicht ausreichend ge­folgt seien. Das treffe für die Kosten für Ver­kehr, Heizung und Beleuchtung und itor allem für Mieten zu. Während die Bekleidungskosten feit Juli 1929 um 22 v. H. und die Ernährungskosten um 20,7 v. H. gesunken seien, wiesen die Mieten eine Steigerung um 4,4 v. H. auf. Der Sturz der Weltmarktpreise für Weizen und Roggen sei wegen der hohen Agrarzölle im inländischen Preisniveau nicht an­nähernd zum Ausdruck gekommen. Die Welt­marktpreise für Weizen seien seit 1929 um 60 o. H. gesunken, während die Weizenpreise in Deutschland

Köln, 29. Aov. (CAB.) Die Deutsche Ko- lonial-Gesellfchaft veranstaltete im Gürzenich einen Kolonialabend, bei dem Oberbürgermeister Dr. Adenauer als das Ziel der deutschen Kolo- nialbewegung die Wiedererlangung der uns durch den Friedensvertrag entrissenen großen, afrikanischen Kolonien, gegebenenfalls auch nur als Mandate des Völkerbundes bezeich­nete. Aach einem Aeferat des stellvertretenden Vorsitzenden des Aeichswirtschaftsrates Cohen- A e u h über deutsche und europäische Kolonial­probleme erklärte der frühere Aeichsbankpräsi- dent Dr. Schacht, er halte den jetzigen Augen­blick für durchaus geeignet zur Anschneidung der Kolonialfrage nicht trotz, sondern gerade we­gen der gegenwärtigen Krise. In Deutschland habe nie Uneinigkeit darüber bestan­den. daß wir die Reparationen nicht zahlen könnten und sie zu zahlen auch nicht moralisch verpflichtet feien; aber es sei eine Lüge, wenn beute im Aus­land behauptet werde, wir wollten die p r i - vatenSchulden nicht zurückzahlen. Schuld an der heutigen Krise seien alle, die den wirtschaft­lichen Unsinn des Versailler Diktates aufrecht zu erhalten bemüht gewesen seien. Der Boungplan habe das Reparationsproblem ausdrücklich von der internationalenZusammenarbeitzur Erweiterung der Weltmärkte und zur Belebung des internationalen Handels abhängig gemacht.

nur um 12 bis 13 v. H. zurückgegangen seien. Die Preise in Deutschland betrügen mehr als das 2 $ f a d) e der Weltmarktpreise. Die Welt­marktpreise für Roggen seien um etwa 50 v. H. ge­sunken, während die Inlandspreise dank der Zoll­politik um 6 bis 8 v. H. anziehen konnten. Eine Lockerung des Preisschutzes für Markenartikel habe nur geringe Bedeutung, da von den Ausgaben^ für Ernährung und Körperpflege insgesamt nur 5,3 v.H. auf preisgebundene Markenarti- k e l entfielen. Eine Senkung der gebundenen Preise für Düngemittel, der Eisen- und Koh­le n p r e i s e, der Preise auf dem B a u m a r f t im Rahmen der kartellmäßigen Bindungen sei brin­gend erforderlich, da hier die Preisbildung der all­gemeinen Preissenkung nicht gefolgt sei. Daneben müßten die Preise für Geschäftsräume, Wohnungen, Heizung, Beleuchtung und Verkehr gesenkt werden, wenn eine fühlbare Hebung der Kaufkraft herbei- geführt werden solle.

Man habe aber aus diesem Wege fei neFort­schritte zu verzeichnen gehabt. Die BIZ. habe nicht eine einzige der Aufgaben angepackt, für die sie berufen worden sei. Rur eine vollkommene Abkehr von dem Versuch, Reparationen und Schulden mit Gewalt eintreiben zu wollen, könne Besserung bringen. Die Ausdehnung des Welthandels könne Abhilfe schaffen. Das wich­tigste aller Mittel in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht, mit dem man zuerst anfangen müsse, fei die Zuweisung kolonialer Gebiete an das erstickende und verkümmernde Deutschland. Sie würde Deutschland in Stand sehen, einen Teil der benötigten Rohstoffe aus eigener Kraft und ohne Inanspruchnahme fremder Hilfe zu erzeugen und der deutschen Ju­gend neue Lebens- und Betätigungs­möglichkeit zu geben.

Deutschland und der britische Schutzzoll.

Berlin regt Verhandlungen an.

Berlin, 28. Aov. (WTD.) Die Reichs­regierung hat der britischen Regierung durch die deutsche Botschaft in London vorgeschlagen, sofort in freundschaftliche Verhandlungen über die Lage einzutreten, die durch die

Kolonien als Mittel deutschen Wiederaufbaus.

Eine Rede Dr. Schachts über die Unmöglichkeit der Reparationszahlung. Die 3333- hat ihre Aufgabe der Förderung internationaler Zusammenarbeit für Erweiterung der Weltmärkte nicht erfüllt.

Randnoten.

Nun ist auch der italienische Außenminister Grandi aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Dos Ergebnis feiner Reise ist praktisch genommen sehr mager, ist eigentlich nur die Feststellung, daß Amerika und Italien in der Abrüstungsfrage parallel gehen, was übrigens in bqm Schlußkommunique auch nur sehr allgemein ausgedrückt ist. In Reparations- und Schulden­fragen konnte ja nach der Einigung zwischen Hoo­ver und Laval nichts Neues gesagt werden. Daß vollends Grandi die Revisionsfrage in bezug auf die Friedensverträge in seinen Gesprächen in Amerika hätte vorwärts bringen können, war ganz ausgeschlossen. So bleibt wie üblich der Meinungs­austausch, die Aussprache, dos gegenseitige Kennen­lernen der Staatsmänner und die gegenseitige In­formation über die Lage des eigenen Landes bei den anderen. Alles das ist ganz schön, aber in einer Zeit wie ber heutigen zu wenig. Mit Gran- bis Besuch ist bie Reihe ber Ministeraus- sprachen, bie unsere Aufmerksamkeit seit dem Frühjahr in Anspruch genommen haben, zunächst wohl beschlossen. Man hat biefe Ministerbe­suche mit Recht als ein wichtiges Kapitel ber Nach­kriegsgeschichte nicht nur bezeichnet, sonbern auch als ein vorletztes Kapitel. Aber in biefem vor­letzten Kapitel steht eben recht wenig! Was ist her- ausgekommen in bezug auf bie Kriegsfchulben- frnge unb in bezug auf bie Abrüftungsfrage? Ist, abgesehen von ber allgemeinen Uederzeugung, baß etwas zur Rettung ber Welt geschehen müsse, kon­kreter Wille im einzelnen für eine gemeinsame in­ternationale Zusammenarbeit zutage getreten? Amerika trat beiseite. England muß beiseite stehen. Italien kann bann gar nicht anders. So bleibt es also wie zuvor: baß zunächst einmal Frankreich unb Deutschland» miteinanber allein reben müssen. Das haben wir aber schließlich auch schon langer gewußt.

Wir sahen eine Reihe von wdhlmeinenben, fähigen, zum Teil ausgezeichneten Staatsmännern in biefen Ministerbesuchen miteinanber in Berüh­rung kommen. Ist irgenbmo ber Wille z ii r Führung hervorgetreten, vor allem bei benen, die burch ihre Machtposition zu führen in ber Lage sinb, also bei Frankreich.ober bei Amerika? Es ist doch nun glücklich wieder so, daß diese Staats­männer auf die n ä ch st em Wahlen blicken. Der Franzose auf seine Kammerwahl im Mai 1932, ber Amerikaner auf bie Präsidentenwahl im Dezember nächsten Jahres. Unb mit bem Hinweis barauf wirb bann bie Entschlußunfähigkeit unb bie Lethargie ber Führung in ber kapitalistischen Welt angeblich staatsmännisch entschuldigt.

Hat denn die Welt wirklich noch Zeit, um bis zum nächsten Mai oder gar zum nächsten Dezember an Wahlen zu denken und deren mög­liche Rückwirkungen auf die Weltpolitik? Werden denn nicht allmählich die Spannungen und die Sturmzeichen stärker und stärker? Gewiß ist alles in England heute außerordentlich ruhig, zeigt alles die bekannte englische Selbstbeherrschung. Aber schon wer eine der großen Geschäftsstraßen Londons entlang gebt, der lieft gleich aus den merkwürdigen anlockenden Anschlägen an den Läden ab, wie das Pfund, wie die Währung zittert und damit das wirtschaftliche Leben über­haupt. Und damit natürlich auch das Verhältnis der Klassen zueinander. Wenn es so weiter geht, muß das zu großen Kämpfen um Lohn und Lebensstandard führen.

Von Deutschland brauchen wir dabei gar nicht zu reden. Wie groß die Spannungen bei uns geworden sind, weiß jedermann. Was viel­leicht in diesem vorletzten Kapitel der Entwick­lung noch hätte getan werden können, wäre eine Amerkareife des Reichskanzlers ge­wesen, weil nur er der amerikanischen Oesfentlich- leit und dem amerikanischen Präsidenten den Ernst der Lcge so vorstellen könnte, wie es nötig ist, und baimt einen vielleicht letzten Versuch machen könnte, Amerika an seine Verantwortung, zugleich auch an fein Interesse zu mahnen. Aatürlich ist es jetzt in den großen inneren Auseinandersetzungen nicht mehr möglich, daß Brüning nach Amerika fährt. Das gehört auch zu den Gelegenheiten der letzten zehn Monate, die verpaßt worden find und die nicht wieder kommen. Man möchte sich gegen den Pessimismus, der sich so aufdrängt, wehren, aber der objektive Beschauer des Welt­laufs kann sich gar nicht darüber täuschen, daß die Anzeichen für einen in unserem Sinne un­günstigen Ausgang der ganzen Krise stär­ker sind als für das Gegenteil!

England geht aufs Ganze: Kaum hat die Regierung Macdonal' das Gesetz über Dum­pingzölle in der Tasche, als sie auch schon die erste Liste der Waren veröffentlicht, die künftig mit einem Wertzoll von 50 Prozent belegt werden. Es sind in der Hauptsache Textil- und Lederwaren, aber auch Cisenkurzwaren, die zuerst herankommen, wobei aber gleichzeitig angekündigt wird, daß andere Warengruppen je nach Bedarf folgen. Deutschland hat in den ersten neun Monaten dieses Iahres nach England für 799 Millionen Mark Waren ausgeführt, unter denen Fertig­waren an erster Stelle stehen, insbesondere Textil­waren und Lederwaren aller Art. Wenn diese Ausfuhr nach England mit hohen Zöllen belegt wird, so ist der Rückschlag für die deutsche Industrie unausbleiblich. Es ist gar kein Trost, daß auch andere Länder, wie Frankreich und die Tschechoslowatei, be­troffen werden, denn für Deutschland liegen die Dinge eben so, daß jeder Rückgang der Ausfuhr die Wirtschaftskrise verschärfen muß. Wer die Liste nachprüft, deren Einfuhr die englische Re-

gierung zunächst drosseln teilt, stößt darauf, daß es sich durchweg um Waren handelt, die Eng­land selbst her st eilt und zum großen Teil ausführt. So bezieht Deutschland aus England auch große Mengen Textilerzeugnisse aller Art, die zwar mengen- und wertmäßig nicht an die Einfuhr aus Deutschland heranreichen, die aber im englischen Außenhandel immerhin auch eine Rolle spielen.

Es handelt sich aber bei Deutschland nicht um Erzeugnisse, auf die der D u m p i n g b e g r i f f Anwendung finden kann, denn die Gestehungs­kosten der deutschen Erzeugnisse dürfen nicht nur nach der Höhe des Arbeitslohnes bewertet wer­den, sondern müssen auch Steuern und soziale Lasten berücksichtigen. Mit Dumping hat das wirklich nichts zu tun, so daß nichts anderes übrig bleibt, als daß England unter einem un- zuläss.gcn Vorwand Hochschuhzollmauern errichtet. Unzulässig deshalb, weil schließlich zwi­schen Deutschland und England ein Handels- und Schiffahrtsvertrag besteht, der zwar kein Tarifvertrag ist, aber doch voraussetzt, daß der eine Vertragsteil den anderen während der Vertragsdauer nicht übers Ohr haut. Run kann Deutschland gleiches mit gleichem vergelten, es kann alle Waren aus England mit Zöllen in Höhe von 50 Prozent des Wertes belegen, aber es wird damit kaum etwas anderes erreichen, als daß die deutsche Ausfuhr nach den britischen Inseln völlig unterbunden wird.

Diese Gefahr droht aber auch, wenn Deutsch­land die Entwicklung ruhig abwartet, denn die britische Regierung hat schon angekündigt, daß Zollzuschläge auf fast alle Warengattungen er­folgen sollen. Ob England den Zweck erreicht, durch Abdrosselung der Einfuhr den inländischen Arbeitsmarkt zu beleben, bleibt abzuwarten. Daß die Einfuhr nach England in den letzten Monaten beträchtlich hoch gewesen ist, trifft zu, aber es ist zweifellos, daß es diese gewaltigen Waren­mengen nicht durchweg selbst verbraucht, sondern auch zum Teil wieder ausführt. England glaubt, sich zu dieser Schutzzollpolitik deshalb gezwungen zu sehen, weil seine Zahlungs­bilanz ebnen gräßen Fehlbetrag aufweist. Aber

dieser Fehlbetrag kommt in der Hauptsache von der Kapitalseite her, d. h. von dem Rück­gang der im Ausland angelegten Kapitalien oder deren Zinsausfall, sowie von der Ein­schrumpfung des internationalen Frachtgeschäfts. Was soll Deutschland tun? Zollmauern gegen England allein haben keinen Zweck, denn die Waren können ja über eine andere Grenze herein­kommen. Die größte Gefahr liegt aber darin, daß das Beispiel Englands überall Rachahmung findet, so daß für Deutschland die Möglichkeit. Ausfuhrüberschüsse zu erzielen, beträchtlich sin­ken muß.

Die Aufsichtsräte der beiden größten deutschen Konzerne, der IG. - Farbenindustrie und der Vereinigten Stahlwerke, haben sich in diesen Tagen mit der geschäftlichen Entwicklung ihrer Gesellschaften befaßt. Wenn auch der Oes- fentlichkeit noch keine Bilanzzahlen vorgelegt werden können der Stahlverein hat erst am 30. September sein Geschäftsjahr beendet, und die IG.-Farbenindustrie schließt mit dem Kalender­jahr ab, so geht doch aus den Erklärungen hervor, daß der sich von Monat zu Monat ver­schärfende Druck der Weltwirtschaftskrise und die spezielle Rotlage der deutschen Volkswirtschaft auch diese Unternehmungen mehr und mehr be­einflußten. Bei der IG.-Farbenindustrie konnte sich zwar der Absatz auf dem Gebiete der Farb­stoffe, Pharmazeutik a, Photogra­ph i k a und Chemikalien noch einigermaßen gut behaupten. Dagegen haben für den Kon­zern außerordentlich wichtige Produktionszweige wie Stickstoff, Benzin und Kunstseide eine weniger erfreuliche Entwicklung genommen, sie dürften zum mindesten erträgnislos bleiben, wenn nicht sogar teilweise mit Verlust abschließen, da. wie betont wird, im lausenden Iahr mit verminderten Erträgnissen zu rechnen ist, muß natürlich auch die Dividende niedriger veranschlagt werden. Es wäre natürlich verfehlt, jetzt schon irgendwelche Schätzung abgeben zu wollen.

Bedauerlich ist jedenfalls, daß die Herstellung von Kunstbenzin und Stickstoff sich gegenwärtig

nicht rentabel gestaltet, da einmal deren Produk­tion vom Standpunkt der Rohstoffversorgung von größter volkswirtschaftlicher Bedeutung ist, zum anderen deren Entwicklung bis zur Großproduk­tion im Laufe der Iahre viele Millionen ver­schlungen hat. Wenn u. a. darauf hingewiesen wird, daß trotz Preisermäßigungen der I n - landabsah für Stickstoff stark zurück­gegangen ist, so zeigt uns diese Tatsache die ganze Hoffnungslosigkeit der deutschen Landwirt­schaft, die immer mehr zur extensiven Boden­bewirtschaftung gezwungen wird. Die Industrie sollte doch versuchen, die Kunstdüngerpreife durch Senkung der eigenen Unkosten noch mehr zu ver­billigen, da der Kunstdünger im bäuerlichen Be­trieb einen der wichtigsten Kostenfaktoren bor- stellt. aber auch ebenso lebensnotwendig ist. Sichert dem Bauer wenigstens eine bescheidene Rente und das alte Sprichwort:Hat der Bauer Geld, hat's die ganze Welt!" wird seine Richtig­keit erweisen.

Die Aufsichtsräte derVereinigtenStahl- werke haben zum Ausdruck gebracht, daß Pro­duktion und Umsatz, die vor allem im letzten Kalenderjahr stark rückläufig waren, ihren Tief­stand erreicht zu haben scheinen. Die Beschäfti­gung für das Inland hat sich sogar teilweise etwas gebessert, wogegen das Ausfuhrgeschäft durch die Währungswirren, Schutzzoll- und De­visenmaßnahmen mehr und mehr gehemmt wird. Was das finanzielle Ergebnis angeht, so sind durch Anwachsen der Vorräte und die Schluß- i Investitionen vermehrte Verpflichtungen entstan- den. Die Abschreibungen konnten nur teilweise verdient werden. Feststehen dürfte jedenfalls, daß der Stahlverein das letzte Iahr mit 03 er - I u ft abschlißen wird, über dessen Höhe heute natürlich noch nichts gesagt werden kann. Be­zeichnend ist, daß in den Erklärungen beider Kon­zerne auf die zunehmenden Schwierig­keiten mit dem Ausland verwiesen wird. Wird man aus der systematischen Abschnürung die Konsequenz ziehen und die Richtung der deutschen Wirtschaftspolitik wieder mehr auf eine Kräftigung des Inlandmarktes lenken?