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Nr. (50 viertes Blatt

Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffeiy

viensiag, * 0. Juni (93|

Oberheffen

Gtadtrais-Sihung in Butzbach.

pb. Butzbach, 27. Juni. Dor Eintritt in die Tagesordnung teilte Bürgermeister Dr. Jansen mit, daß der Stadtrat zur Teilnahme an der G e - denk st ein . Einweihuna des Jungheut, schen Ordens zum Gedächtnis des Freiherrn vom Stein eingeladen worden sei. Anknüpfend hieran gedachte er der großen Berdienste, die sich Freiherr oom Stein um unser Vaterland nach den Freiheitskriegen erworben habe.

Sodann wurde in die Tagesordnung eingetreten. Wie früher berichtet, soll laut Beschluß des hessischen Ministeriums die gesamte Schutzpolizei Oberhessens ihren Standort in Butz­bach erhalten. Es muß daher die bis jetzt zum Teil noch in Friedberg liegende Hundertschaft nach hier verlegt und für diese Beamten eine größere An- zahlWohnungen er st eilt werden. Die Woh- nungen sollen im Lustgarten, in der Verlängerung her Vismarckstraße gebaut werden. Da das Lust- gartenaelände dem hessischen Staat gehört, mußte zunächst ein Geländeaustausch oorgenommen werden. Dieser soll in der Weise geschehen, daß die Stadt die ihr gehörigen Parzellen Flur II Nr. 295 u-nd 296, an der Griedeler Straße gelegen, mit zu- lammen 4786 Quadratmeter an den Staat abtritt, und dafür im Lustgarten nach dem noch aufzustellen­den Meßbrief etwa 5500 Quadratmeter Gelände er­hält. Das 5200 Quadratmeter übersteigende Gelände ist an den Staat mit 1 Mark pro Quadratmeter zu vergüten. Ferner wird das außerdem noch auszu­scheidende Straßengelände mit etwa 1300 Quadrat­meter zum Preise von 0,50 Mark pro Quadratmeter erworben. Der Stadtrat genehmigte einstimmig den Erwerb und übernahm sämtliche Kosten. Für Schutzpolizeibeamte sollen in her Bismarckstraße und in einer noch unbenannten, abzweigenden Straße drei Dreizimmer - und oierZwei- zimmer - Doppelhäuser mit insgesamt 12 Drei- und 16 Zweizimmerwohnungen erbaut wer- den. Die Baukosten betragen etwa 165 000 Mark. Zur Finanzierung des Bauvorhabens stehen zur Verfügung: 22 000 Mark verbilligtes Staatsbaudar­lehen zu 2 Prozent Zinsen und 1 Prozent Tilgung, 50 000 Mark Arbeitgeberdarlehen des hessischen Staats zu 3 Prozent Zinsen und j Prozent Til­gung. Vom Mathildenstift Butzbach wird ein Schuldscheindarlehen von 90 000 Mk. zu 8 Proz. Zin­sen und 1 Proz. Tilgung gewährt. Für den Rest wird noch Deckung beschafft. Mit dem Bau der Woh­nungen wird sofort begonnen, damit sie noch im Herbst bezogen werden. Die Mieten werden so fest­gesetzt, daß die Stadt keine Zubuße erleidet. Aus­schreibung der Rohbauarbeiten ist bereits erfolgt und die Vergebung der Arbeiten vom Bauausschuß beschlossen. Bemerkt sei noch, daß die beiden anderen hiesigen Banken, die Gewerbe- und Landwirtschafts­bank und die Dereinsbank, sich erforderlichenfalls.zu Zwischenkrediten bis zu 10 000 Mark, die Vereins­bank darüber hinaus noch um weitere 20 000 Mk. bereit erklärt haben. Der Stadtrat genehmigte auch hier einstimmig den Vorschlag der Stadtverwaltung.

Am 22. d. M. fand im Anschluß an die General­versammlung der Butzbach-Licher Eisen­bahn A G. eine Besprechung der Obligations- Gläubigerinnen - Gemeinden mit Ver­tretern der Regierung und der Kreisämter Fried­berg und Gießen statt. Es dabei wurde festgestellt, daß nach den Abrechnungen und der Bilanz die Auf­rechterhaltung des Betriebes der Butz- bach-Licher Bahn nur möglich ist, wenn die Gemeinden auf die Obligationszinsen verzichten und steuerliche Erleichterungen eintreten lassen. Die Ge­meinden haben daraufhin beschlossen, ihren Ge­meinderäten vorzuschlagen, auf die Obligationszinsen bis 31. Dezember 1932 zu verzichten, den Zeitpunkt für die Rückzahlung der Obligationen bis zum

Der holländische Pavillon in Paris.

Der völlig niedergebrannte Holländische Pavillon, in dem unersetzliche Kunstwerke von den Sunda- Inseln untergebracht waren.

Ein neuer Pavillon.

Pari-, 29. 3unL (WTB.) Holland will den gestern niedergebrannten Pavillon aus der Kownialausstellung durch einen neuen klei­

neren Pavillon ersetzen. Der durch den Brand angc richtete Schaden wird aus etwa 1 QH i - Ito n Gulden für bi« Kunstgegen- stände und 800 000 Gulden f ür die Ge­bäude geschätzt.

31. Dezember 1934 zu verlängern und für die Ge- meindesteuern in gleichem Umfang Erlaß und Stun­dung zu gewähren, wie bei den hessischen Staats- steuern. Der Stadtrat beschloß: Unter der Be­dingung, daß der Betrieb der Butzbach-Licher Eisen- bahn im bisherigen Umfang entsprechend den mit der hessischen Regierung getroffenen Vereinbarungen aufrechterhalten bleibt, ist die Stadt Butzbach damit einverstanden, daß auf Obligationszinsen bis 31. De- zember 1932 verzichtet, der Zeitpunkt der Rück­zahlung der Obligationen bis 31. Dezember 1934 verlängert wird, vorausgesetzt, daß keine Dividenden während dieser Zeit verteilt werden können. Bezüg­lich der Gemeindesteuern soll Erlaß bzw. Stundung im gleichen Ausmaße, wie bei den hessischen Staats­steuern erfolgen. Rückzahlung bereits gezahlter Steuern findet nicht statt.

Landkreis Gießen.

' Hattenrod, 29.Juni. Für die gestern vor- zunehmende Beigeordnetenwahl wurde nur e i n Wahlvorschlag, der auf den Landwirt Heinrich A l b o h n I. lautete, eingereicht. Somit erübrigte sich eine Wahl. Heinrich Albohn I., der seitherige Bei­geordnete, ist auf neun Jahre wiedergewählt.

A Lich, 29. Juni. Die Stadtverwaltung hatte die Vertreter der hiesigen Behörden und die Vorsitzenden aller Ortsvereine zu einer Besprechung über die Feier des diesjährigen Jugend- festes und des Derfassungstages in das HotelZum Löwen" eingeladen. Es wurde beschlos­sen, das Jugendfest als Volks- und Kinderfest am Sonntag, 12. Juli, auf dem Hardtberge zu

feiern. Um 10.45 Uhr soll eine Feier in der Klein­kinderschule und um 13 Uhr ein Festgottesdienst in der Stiftskirche stattsinden. Alsdann soll sich um 14.30 Uhr am Rathause unter Beteiligung der Schuljugend und aller hiesigen Vereine ein Festzug aufstellen, der unter Dorantritt der Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr Lich nach dem Festplatze marschiert. Hier werden Ansprachen, Gesangsoor- träge der drei Gesangvereine, turnerische Vorführun­gen des Turnvereins Lich und Konzertvorträge der Kapelle für genußreiche Abwechslung sorgen. Der Bürgermeister konnte noch mitteilen, daß Stifts- dechant Kahn hier die Festansprache halten wird. Sodann beschäftigte sich die Versammlung mit der Feier des Derfassungstages. Der Bürger­meister aab hierzu bekannt, daß der Verfassungstag am 11. August auch weiterhin gesetzlicher Feiertag bleiben wird. Unter allseitiger Zustimmung wurde beschlossen, die Feier im Rahmen der Vorjahre unter Mitwirkung der hiesigen Gesangvereine und der Fcuerwehrkapelle abzuhalten. Danach treten am Verfassungstage um 21 Uhr sämtliche Ortsvereine am Postbrunnen zu einem Fackelzug durch die Ortsstrahen nach dem Rathause zusammen. Hier umrahmen Gesangs- und Musikvorträge eine im Mittelpunkt der Veranstaltung stehende Ansprache, die Pfarrer Crönlein übernommen hat. Die Reihenfolge der Vereine im Zuge wurde durch das Los bestimmt.

0 Holzheim, £9.Juni. Wie fleißig die erst vor kurzer Zeit ins Leben gerufene Schüler- riege des hiesigen Turnvereins (DI.) geübt hat, zeigte sich bei ihrem ersten öffentlichen

Auftreten am Freitagabend. Für ihre Vorführungen, besonders die prachtvollen Pyramiden, zu Ehren ihres geistigen Gründers, des Lehrers Reck der schon bald 17 Jahre hier tätig ist erntete sie unter Leitung des Vorturners Pfannkuchen lebhaften Beifall. Der Geehrte dankte in einer kernigen An­sprache Es ist beabsichtigt, auch eine Mädchenriege zu gründen.

s. Aus der nördlichen Wetterau, 29. Juni. Girre tief einschneidende Maßnahme be­deutet für unsere Landwirte, die größtenteils Zuckerrübenpflanzer sind. die An baube - schränkung durch die Aktien - Zucker­fabrik .Wette rau" in Friedberg. Während in den letzten Jahren vermehrter Anbau der einzelnen Pflanzer belohnt wurde, dürfen in diesem Jahre nur 76 Prozent des Durchschnitts der Jahre 1927 biS 1929 angebaut werden. Zu dieser Maßnahme ist die Fabrik durch die kürz­lich auch in der .Scholle" erörterten Kontingen- tierungsbesti mm ungen der gesamten deutschen Zuckererzeugung gezwungen. Mehr Rüben wer­den laut Vertrag nicht abgenommen. Für den­noch mehr angclielertc Zuckerrüben erfolgt keine Bezahlung, jedoch können diese, nach Wahl der Fabrik, gegen Erstattung der Trocken kosten als getrocknete Rüben, oder der daraus hergestellte vergällte Futterzucker an den Pfanzer zurück- geliefert werden gegen Erstattung der Derar- beitungSkvsten, die pro Zentner Rüben 80 Pf. betragen. Durch die schlechte Preisentwicklung bei Getreide und Kartoffeln hatte sich in stei­gendem Maße unsere Wetterauer Landwirtschaft auf den Zuckerrübenbau verlegt, da hier wenig­stens die Abnahme garantiert und zu einem be­stimmten Termin mit Dareinnahmen zu rechnen war. Um so fühlbarer wirkt sich nun die neuer­liche Entwicklung aus. Zwischen Kaufrüben- üeferanten und den an der Fabrik beteiligten Rübenpflanzern, den Aktionären, wird hierbei kein Unterschied gemacht.

S. T r a i s - H o r l o f f. 29. Juni. Dieser Tage feierte der älteste Einwohner unserer Ge­meinde, der Landwirt Heinrich Karl H u b I i tz. seinen 8 8. Geburtstag. Bon 1873 bis 1919 war er Gemeinderechner, ein Amt. das schon fein Vater seit 1854 innehatte, und daS auch jetzt in den Händen seines Sohnes sich befindet 46 Jahre lang war er Kirchenrechner deS Kirch­spiels Trais-Horlvfs. Die 1900 hier errich ete Untererhebstelle übernahm er ebenfalls. 3m Jahre 1905 erhielt er das .Ehrenzeichen für lang­jährige treue Dienste" und 1916 das Kriegsehren- -eichen. Bevor er Gemeinderechner wurde, war er während einer Wahlperiode Mitglied des Ge­meinderats. Er ist noch einer der wenigen, die die drei großen Kriege miterlebt haben. Der Greis erfreut sich einer ganz ungewöhnlichen geistigen und körperlichen Rüstigkeit.

Kreis Alsfeld.

l. Rieder-Ohmen, 29. 3 uni An dem Wege nach Burg-Gemünden im Distrikt Mühlberg wird seit einigen Wochen ein neuer Dasaltstein - bruch aufgeschlossen. Eine Klopfmaschine und ein 100 ?8-Dieselmvtor sind schon aufgestellt. Die Abraumarbeiten sind beendet, so daß in der nächsten Woche mit dem Drechen der Steine be­gonnen werden tarnt Zur Zeit werden 15 Mann beschäftigt, deren Zahl sich auf 40 erhöhen soll. Wie man hort, ist das Unternehmen für längere Zeit mit größeren Aufträgen versehen. An der hiesigen vierklassigen Schule kann in diesem Jahre Lehrer Schäfer sein 40jähriges und Leh­rer Wolff fein 25jähriges Dienstjubiläum feiern. Herr Schäfer ist schon 28 und Herr W o l f f 20 Jahre hier tätig. Der Turnver- ein hat eine Samenriege gebildet, deren Leistungen gute Fortschritte machen. Die Leitung hat der Turner Otto Klug übernommen.

ZrandungdesLebens

Vornan von Kate Lindner.

(Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthold in Braunschweig.)

25 Fortsetzung Nachdruck verboten

Degeistert erhob der Junge fein Glas. .Die Stadt der Liebe, ja, der Liebe", sagte er, und seine schonen, mandelförmigen Augen unter den schweren Lidern brannten in einem zärtlichen Feuer.Hicht lange, und ich werde Aim^e Wieder­sehen. die süße Frau, die schönste Frau, die ich kenne. O, auch sie wird jetzt die Stunden zählen bis zu meiner Wiederkehr, sie liebt mich mit der gleichen Innigkeit, wie ich sie liebe von bet ersten Stunde an. Sie ist mir treu, obwohl sie doch genau weih, daß mir die Vorschriften meiner Kaste es verbieten, eine Europäerin zu meiner rechtmäßigen Gemahlin zu machen. Um dieser Treue willen schätze ich Aimse über alle anderen Frauen."

S^vigns stand auf und gähnte ganz unver­hohlen. Dieser gute Junge fing wirklich an, lang­weilig au werden mit seinem ewigen Liebes­gewinsel. Er selbst setzte starke Zweifel in diese gerühmte Treue seiner Landsmänninnen. 3a, da er so jung gewesen war tote dieser da, da hatte er ebenfalls unentwegt an Treue geglaubt. Aber jetzt...

3d> mochte 3hnen den Glauben an Ihre Freundin nicht rauben, sagte er lächelnd. .Der Himmel behüte Sie vor Enttäuschungen, Mon­sieur Magore. Aber ich als der Äeltere warne Sie, Ihre Ideale konnten eines Tages jäh zer­brechen. Die Frauen meiner Vaterstadt sind un­berechenbar und gerade ihnen wird häufig nach­gesagt, daß sie zwar lieben, aber Treue nicht halten können. Lassen Sie sich warnen.. ."

"Dies alles gilt nicht für Aimee", sagte der anbctc unersckütterlich an dem Thema festhal­tend, das Sevigne gern abzubrechen wünschte. Aber auch er erhob sich artig, da der andere sich anschickte, wegzugehen.

Wohin gehen Sie, Marquis", sagte er. »Wenn Sie auch sehr über Müdigkeit klagen, so ist es noch kein Grund, schlafen zu gehen. Kommen Sie, wir machen einen Rachtbummel durch Kairo. Jetzt, wo die Sonne nicht mehr am Himmel steht, wird auch der Sirokko Ihnen nicht so sehr drau­ßen zu schassen machen. Ich bin gestern abend, äls Sie so früh schon zur Ruhe gegangen waren, noch ein wenig auf Entdeckungsreisen ausge­gangen. Ich kann also Ihren Führer bereits machen. Kommen Sie."

Sevigne überlegte. Wahrhaftig, er war doch nicht in diese Stadt gekommen, um zu schlafen.

Man muhte sich zusammenreihen, dieses Unlust­gefühl bekämpfen

Wäre ich nicht so schwerfällig heute, ich würde den Hachtexpreh nach Luxor genommen haben, um morgen früh die Tempel von Luxor und Kar­nak zu besichtigen. Aber ich habe ja noch Zeit genug dafür. Also kommen Sie, machen Sie den Führer, da Sie ja schon einige Male hier waren, werden Sie bereits orientiert fein.

Sie gingen.

Durch die Straßen Kairos flutete das Geben. Schon viel europäische Kultur war eingedrungen, hatte aber doch nicht vermocht, der Stadt das orientalische Gesicht zu nehmen. Der Schleier war gefallen. Europäische Gewandung zeigte sich da und dort bei ägyptischen Frauen, die vereinzelt an den Fremden vorüberhasteten. Aber doch waren einige Gestalten darunter, die der ein­dringenden abendländischen Kultur nicht Rech­nung getragen hatten. Zwei bis an die Augen den Schleier tragende Frauen streiften soeben mit scheuem Dlick die beiden Wanderer, die gemächlich durch die Strahen schlenderten.

Das ist der Fluch der einöringenben Zivili­sation, dah sie diesen Städten immer mehr von ihrer Eigenart nimmt", sagte der Inder.Man mochte es beklagen, aber die Entwicklung ist eben nicht aufzuhalten. Auch in meinem Daterlande beginnt man, an uralten Überlieferungen zu rütteln. Sehen Sie da diesen prachtvollen Kerl." Er deutete auf einen Rubier, der vor einem Tisch mit Tongefäßen stand und auf Käufer wartete. ^Dieser Wuchs und die herrliche Haltung des Kopfes. Beinahe königlich."

Die Basare waren noch offen. Schreiend drängten sich Händler in ihren Weg, der große Fremdenstrom Der letzten Wochen hatte viel Leben gebracht.

"Ich habe gestern abend eine Entdeckung hier gemacht", sagte der Inder.3n einer Seiten­straße, nicht weit von der Universität El Azar ist ein Kabarett3um blauen Vogel", wo es ganz amüsant zugeht. Erstklassig ist es keinesfalls, Monsieur Sevignö, dritten Ranges, möchte ich fast sagen, der Aufmachung nach. Aber es sind einige besonders gute Hummern Vertretern 3ch möchte Sie gern hinführen, Lachen vertreibt die Müdigkeit, und der Komiker ist gut. Es sind Russen, und die meisten sprechen ein gutes Fran­zösisch. Ich läge Ihnen, eine Rezitatorin ist da­bei ..." er küßte entzückt seine Fingerspitzen,fie ist entzückend. Rezitiert, singt zur Balalaika, tanzt... Aber dies alles mit einer Charme, mit einer Grazie ... Mademoiselle Estrella Mosjou- kin wird Sie. ich gehe jede Wette ein, ebenfalls begeistern. Wie sie in ein solches Unternehmen kommt, dah sie eine bessere Anstellung in einem erstklassigen Unternehmen nicht finden sollte, ist mir ein Rätsel. "Der blaue Vogel" ist nicht der Rahmen für diese Künstlerin."

Der Marquis lächelte nachsichtig und sagte: "Führen Sie mich also. Auch wenn ich meiner geteilteren Jahre halber nicht mehr so begeiste­rungsfähig bin wie Sie, Monsieur, verzeihen Sie, immer kann ich mir noch nicht Ihren so schwer aussprechenden Hamen merken, so wird also um dieser gerühmten Vortragskünstlerin hal­ber "Der blaue Vogel" für uns Anziehungskraft genug haben, selbst wenn er so zweitklassig sein sollte, wie Sie sagen. Vom Straßenbummel habe ich übrigens genug, meine Kehle ist ausgedörrt, so kommen Sie."

Hinter El Azar lag das kleine, primitive Lokal, in dem "Der blaue Vogel" gastierte. Ein niederer (Singang öffnete sich, ein Lokal tat sich auf, wie es in den Straßen Kairos überall zu finden ist. Aicht sehr vielversprechend für Öre Darbietungen sah das Lokal aus, wie Sevigne feststellte, als sie durch die Reihen der bereits anwesenden Gäste, die zumeist aus Europäern be­standen, hindurchschritten, um sich einen Platz zu suchen. Richt weit von der kleinen Bühne entfernt fanden sie einen freien Tisch, auf den der Inder zusteuerte. "Kommen Sie, Marquis, von hier aus können wir gut sehen und uns jederzeit ent­fernen, ohne wieder das ganje Lokal durchqueren zu müssen. Da drüben ist der Dühnenausgang."

Sevigne amüsierte s ich im stillen über den Eifer des anderen. Wer doch auch noch einmal so unbe­kümmert und begeisterungsfähig jung sein konnte", dachte er. "Dieser junge Mensch, der so weit über die Mauern Indiens hinausschaut, wird es schwer haben im Bereich seiner Kaste, toerm er seine An­sichten laut werden Iqjfen sollte daheim. Zum Glück scheint er unabhängig und ziemlich wohl­habend zu fern, farm also weiter über die Mauer schauen. Dieses Abenteuer mit Aimee, wenn es Bestand haben sollte, wird ihm immer mehr auch von seiner Eigenart nehmen. Hier bedauert er das und merkt nicht, daß er selber auf dem besten Wege dazu ist, sich durch europäische Kultur an­kränkeln zu lassen."

Die Vorführungen hatten begonnen. Der An­sager erschien, er sprach ein leidliches Französisch, war nicht sehr witzig, und man merkte ihm an, dah er seine abgedroschenen Witze nur der Hot gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, herunter­leierte. Der Beifall, den er fand, war denn auch gering genug, was er wohl auch nicht anders zu erto arten schien.

Das übliche Programm wickelte sich ab. Eine schon bejahrte Chansonettensängerin wurde vom Publikum mit ebenso stoischer Ruhe hingenommen, tote vo hin der Ansag r es folg'en einige gemimte Tanzszenen, Joungleurkunststücke.

Jetzt meldete der Ansager das Auftreten der berühmten Vortragskünstlerin und Sängerin Mademoiselle Estrella Mosjoukin.

Ein Paukenschlag. Der Vorhang im Hinter- grunb teilte sich und herein trat eine wunder­schöne 3frau. Hicht mehr in der ersten Jugend, aber so überraschend war ihre blendende Erschei­nung, daß sich sämtliche Blicke wie elektrisiert nach der Bühne richteten, wo Estrella Mosjoukin mit niedergeschlagenen Augen soeben die Balalaika hob, um ein kaukasisches Volkslied zu fingen.

Sevigne war mit weit auf gerissenen Augen von feinem Sih aufgesprungen. Sein Herzschlag stockte, seine Gedanken verwirrten sich... da vom auf der Bühne stand... Tatiana Iwanowna Semjenowl...

Aelter geworden, nicht mehr das strahlende Kind, das am Arm des Freundes gehangen bei den glänzenden Hoffesten am Zareichof. . .eine reife, wunderschöne Frau stand da vom auf der Dühne der ärmlichen Schenke. Jetzt hoben sich die schweren Augenlider, schwermütig streiften die groben, schwarzen Augen, die wundervoll zu den blonden Haarwellen standen, die ihr bleiches Ge­sicht einrahmten, die lauschende Menge drunten. Und sie begann zu fingen:

Es schaute aus üppigem Frauengemach Die schone Chanin den Hof entlang, Wo unter schattigem Blätter d<uh, 2Ius Marmor hoch eine Fontäne sprang. Es war unter allen Haremsfrauen, So schon wie Fatmtz keine zu schauen...

Ein sentimentales Lied war es. Die es fang, stand weltabgewandt droben, hatte kein Lächeln für ihre atemlosen Zuhörer, es war, als sänge sie für sich allein. Sie warf weder mit einem ange­lernten Dühnenlächeln Kußhände in das beifall­spendende Publikum hinein, tote es die Chanson­sängerin vorhin getan, noch verbeugte sie sich banfenb. Hichts. Ihre weihen Finger fuhren toieber prälubierenb über die Saiten des 3n- strumentes. Sie begann ein neues Lied.

Sevigne war auf seinen Sih zurückgetaumelt und bedeckte seine Augen mit der Hand.

»Was ist Ihnen?" fragte sein Begleiter flüsternd. »Hicht wahr, ich habe Ihnen nicht zu viel gesagt... ein königliches Weib. Aber Ste sehen ja aus wie ein Gespenst, Marquis... Was ist Ihnen?"

Hichts, nichts... Eine Aehnlichkeit mit jeman­dem, die mich narrt. Oder es ist dieses Uebel- befinben, bas mich schon feit Tagen quält. 3a, bas wirb es fein."

Die Vorstellung auf der Bühne nahm ihren Fortgang. Sevigns fieberte dem Ende entgegen, hinter die kleine Bühne zu gehen und Tatiana zu sprechen versuchen, schien ihm in dieser Umgebung nicht ratsam. Wußten die anderen, die jetzt ihre ©enoffen waren, um ihre Herkunft? Und wenn... so hatte sie wohl guten Grund dazu, unter einem anderen Hamen jetzt ihr Leben zu leben.

(Fortsetzung folgt.)