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Nr. 25 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger sGeneral-Anzeiger für Gberheffen)8reitag,3v. Zanuar
Der polmsch-runiänilOe Militärpakt.
Oer Korridor und das beffarabische Problem. — Oie Basis für eine Offensive gegen die Sowjets.
Von unserem tt. B.-Berichterstatter.
Vachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten I Dukarest, 3anuar 1931.
3n Genf haben soeben Herr M i r o n e s k a und Herr Zaleski das rumänisch-polnische Militärbündnis um weitere süns Jahre verlängert und damit einen Vertrag unterzeichnet, dem — wie die rumänische Presse mit einem hörbaren 2Iufatmeji der Erleichterung feststellt „eine ganz besondere Bedeutung zukommt". Daß dieser Vertrag gerade in dem Äugenblick unterschrieben wurde, als die in Genf versammelten politischen Musikanten ihre Schalmeien. Cymbeln und Geigen auszupacken begannen, um dem immer unruhiger werdenden Auditorium der alten und der neuen Welt zum 67. Male das gleiche Flötenkonzert vorzuspielen, dessen bis zum Ucb rdruh gehörten Disharmonien allmählich auch den unmusikalischsten Zuhörern aus die Verven gehen, zeigt am besten, welches „unbegrenzte Vertrauen" Die einzelnen Staaten in die Friedensarbeit des Völkerbundes setzen. Die rumänische Presse ^spricht dies auch in ihren Kommentaren ganz offen aus: „Vicht der naive Kel- loggpakt, nicht der Geist von Locarno, der mit Stresemann begraben worden ist. vermögen in Europa Kriege zu verhindern, sondern ausschlieh» sich und allein jene „autonomen“ Militärbündnisse, wie sie die Staaten der Kleinen Entente im engsten Einvernehmen mit Frankreich abgeschlossen haben und auch weiterhin abschliehen müssen."
3n diese Rubrik der „privaten" Friedenssicherungsverträge gehört nun also auch dieser neue oder erneuerte rumänisch-polnische Militärpakt, und um ihn in seiner ganzen Tragweite richtig beurteilen zu können, muß man sich zunächst die militärpolitische Lage der beiden Staaten vor Augen halten. Der Vertrag richtet sich wie die rumänische Presse immer wieder geflissentlich betont — ausschließlich gegen Rußland, eine Behauptung, die rumänische-seits durchaus ehrlich gemeint ist. Denn die 3nt ressen Polens und Rumäniens decken sich in aufiallender W beiden Staaten gemeinsam ist eine fast abe gläu bische Furcht vor der östlichen Sphinx Ruh u .o. Beide Länder haben im Rücken und in der Flanke Gegner, die eine Reihe von Rechnungen zu präsentieren haben, die über kurz oder lang dock) einmal beglichen werden müssen: Polen zittert im Grunde seines Herzens um den Korridor, und Rumänien um seine ungarischen und bulgarischen Eroberungen. Außerdem sind beide Länder im wesentlichen auf sich allein angewiesen: eine jugoslawische Hilfsstellung kommt für.Rumänien nicht in Frage, weil Belgrad dringendere Sorgen hat und durch die italienische Einkreisungspolitik so z emlich matt gesetzt ist: Polen sieht sich eingekeilt zwischen Deutschland und Rußland, und Frankreich - die geistige Mutter des polnisch-rumänischen Paktes - ist „weit" ... jenes Frankreich, das im entscheidenden Augenblick gegen gutes Geld wohl Waffen und Munition im Heberfluh liefern, aber nicht einen einzigen Poilu marschieren lassen wird, falls einmal an dec bessarabischen oder russisch polnischen Grenze die Büch en losgehen sollten.
Kein Wunder also, trenn sich unter diesen Umständen die beiden auf sich selbst gestellten Staaten gefunden und einen Vertrag abgeschlo'sen haben, der auf dem Papier Hand und Fuß hat, der, rein äußerlich gesehen, in keiner Weise den Charakter einer „unnatürlichen Bindung" trägt, der sich aber im Ernstalle - und das ist der springende Punkt - ganz anders auswirken wird als es sich die hohen vertragschließen
den Parteien vorgestellt und beabsichtigt haben.
Warum? Polen und Rumänien stehen heute zwar, der Vot gehorchend, „Schulter an Schulter", aber mit dem einen kleinen Hnterschieb, daß der eine dabei die Front nach Westen und der andere nach Osten ei nge n om men hat. An Hand dieses „3anus-Dildes" wird der problematische Wert dieses Vertrages sofort klar: das Bestreben Polens läuft daraus hi iaus, Rumänien in irgendeiner Form zu zwingen, bei einer polnisch-deutschen Auseinandersetzung militärisch aktiv an die Seite Warschaus zu treten, ein Verlangen, dem Rumänien im Ernstfälle aus Gründen, über die weiter unten zu sprechen sein wird, nie und nimmer nachkom- men wird. Rumänien wiederum rechnet auf die aktive militärische Hilfe Palens, falls einmal die Sowjets in Bessarabien einmarschieren sollten, eine Möglichkeit, die jederzeit eintreten kann, die aber für Polen niemals einen ausreichenden Grund bilden wird, um durch einen Krieg gegen die Sowjets feine staatliche Existenz aufs Spiel zu sehen. Mit anderen Worten im entscheidenden Augenblick — und darunter sind zu verstehen eine Aktion P-lens gegen Deutschland, bzw. eine Aktion Rußlands gegen Rumänien - werden die beiden hohen vertragschließenden Parteien einanderdieGefolg- schäft verweigern und jeder für sich einwandfrei nachweilen, daß der casus foederis nicht gegeben sei.
Warum? Rumänien ist em territorial über- saturiertes Land, das nur eins will: Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe - und dem die Sorge und die Angst um Bessarabien tote ein Alb auf der Brust lastet. Rußland hat niemals auf diese Provinz Verzicht geleistet, und wenn die Sowiets wollen, können sie sich diese Provinz, zu deren Verteidigung Rumänien in den letzten zehn 3ahren nicht das geringste verbreitet hat, innerhalb 24 Stunden wieder nehmen Zwei, drei Kavalleriedirisionen mit zugeteilten beweglichen Formationen genügen, und die Sowjets stehen am Pruth, noch bevor die Vachricht vom DnjefterÜbergang in Bukarest oder Warschau eingetroffen ist Mit dem rascheii Verlust Bessarabiens rechnen die Rumänen im Stillen bereits heute, sie werden die Hauptverteidigung an der natürlichen russisch-rumänischen, alten Grenze, dem Pruth. organisieren, ohne aber — und das ist das Groteske! - befürchten zu brauchen, daß die Russen darüber hinaus weiter angreifen werden. Denn das russische Kriegsziel, soweit Rumänien in Frage kommt, ist damit erreicht und der Krieg zu Ende! Lind um diese Provinz jetzt wiederzuerobern — daraus läuft nämlich die Sache hinaus —. soll Polen jetzt mobilisieren und sich in Abenteuer stürzen, die mit einer Katastrophe enden müssen? Kaum anzunehmen! Denn Polen weiß ganz genau, daß Rumänien heute nicht in der Lage und auch nicht gewillt ist, einen Angriffskrieg gegen Rußland zu führen, weil aus Mangel an Mitteln und infolge ihrer gänzlich unzulänglichen Bewaffnung, Ausrüstung und Zusammensetzung die rumänische Armee heute sich mit irgendwelcher Aussicht auf Erfolg keinen Waffengang gestatten kann
Bleibt der umgekehrte Fall. Polen und Deutschland geraten aus irgendwelchen Gründen aneinander, so daß Polen gezwungen ist. den bekannten „Derteidigungslrieg" zu führen, der möglicherweise Rumänien verpflichtet, an die Seite Polens gegen Deutschland zu treten. Ohne Prophet zu sein, kann man auch für diesen Fall
Das Dorf Sammle in der Nähe von Swinemünde ist von riefioen Eismasten, die durch die südlichen Winde vom Haff gegen das Ufer getrieben wurden, schwer bedroht. Die dem Ufer nahegelegenen Gehöfte wurden vom Eise direkt überschwemmt, entwurzelte Bäume sind bis auf die Hausdächer hinaufgeschoben.
bereits heute voraussagen, daß Rumänien — genau wie im Weltkriege — schon Mittel und Wege, Ausreden und Ausflüchte finden wird, u in s i cy feinen Verpflichtungen z u entziehen. Denn was hat Rumänien zu gewinnen, wenn es sich an die Seite Polens schlägt?
Vichts! 3m Gegenteil .. es seht lediglich in leichtfertigster Weise alle seine Eroberungen aus dem großen Kriege wieder aufs Spiel. Mehr als das es wird tie Kosten dieses Abenteuers aus eigener Tasche zu tragen haben, vor allem wird kein Rumäne Sinn und Zweck eines derartigen unpopulären Krieges, dem ja jedes „Ziel" fehlt, begreifen. Der Krieg wäre - immer unter Berücksichtigung des derzeitigen Wertes der rumänischen Armee verloren, bevor er begonnen hat Gewiß, übergroße Sympathien besitzt der Deutsche in Rumänien nicht, aber die rumänische Außenpolitik wird heute ausschließlich mit dem Verstand und nicht mit dem Herzen gemacht: Rumänien ist heute mehr denn je auf Deutschland angewiesen und kann sich schon aus Selbsterhaltungstrieb den Luxus eines antideutschen Kriegsabenteuers nicht leisten 3n dieser Hinsicht sind also die Besorgnisse, die man vielerorts an etwaige Geheimklauseln des polnisch-rumänischen Pattes geknüpft hat, unbegründet Sie mögen existieren, aber sie werden im Ernstfall nicht mehr teert sein als das Papier, auf dem sie verzeichnet stehen.
Etwas anderes ist es natürlich, was die eigentlichen Drahtzieher dieses Paktes, also Frankreich und die übrigen Antisowjet-..Mächte" ober „-Kräfte", aus diesem Vertrage im gegebenen Augenblick zu machen gedenken. Polen und Rumänien glauben heute noch zu „schieben", übersehen aber doch Wohl, daß sie im Ernstfälle die „Geschobenen" sein werden: letzten Endes wird dieser Pakt eben doch die Basis, den Ausgangspunkt für ein Offensivunternehmen gegen Rußland, bilden, falls einmal dort Ereignisse eintreten sollten, die eine Aktion gegen die Sowjets dem internationalen mobilen Kapital nützlich und vorteilhaft erscheinen lassen Gerade in dieser Hinsicht hat es in der letzten Zeit in der rumä-'* Vn Kammer nicht an beachtlichen Stimmen gefehlt: die wirtschaftliche Lage des Landes ist o.^uatlich außerordentlich ernst und Frankreich zeigt allen rumänischen Anleihewünschen gegenüber eine Zu
rückhaltung, die fast etwa- Beleidigendes an sich hat. Schuld daran soll der Ministerpräsident Mi- roncflu tragen, dem ein Redner vorwarf, er „bagatellisiere die russische Gefahr". 3nfolgehelfen zeige sich Frankreich nicht geneigt, Rumänien finanziell ausreichend zu stützen, „obgleich Rumänien und Polen heute den einzigsten wahrhaften und wehrhaften Wall gegen die bolschewistische Welt-Gefahr bildeten" Vur wenn man diese Gefahr als möglichst groß und drohend hinstellte, „würde sich Westeuropa erweichen lassen und Rumänien die erforderlichen Kredite für seine Wirtschaft und seine Armee zur Verfügung stellen
Ein gefährliches Spiel, das hier getrieben toirbl Hm augenblicklicher Vorteile willen soll eine Gefahr an die Wand gemalt werden, die bereit» an sich schon groß genug ist, wird eine Stimmungsmache getrieben, die unbewußt den Boden bereitet für Ereignisse, die sich im entscheidendem Augenblick nicht mehr meistern lassen, auch wenn zu diesem Zweck heute militärische „FriebenS- Sicherungs-Verträge" geschlossen werden, die doch nur neue Beunruhigungsmomente in eine Atmosphäre hineintragen, die weitere Spannungen nicht mehr verträgt...
Taqung des Musikausschuffes und der Gauchormeister des Heff. Sängerbun dS
Darmstadt. 27. 3an. Zum ersten Male leit Bestehen des He,s. Sängerbundes waren am Sonntag Musikausichuß und Gauchormeister im Fürstensaal zu Darmstadt versammelt, um die gesanglichen Aufgaben des Bundes zu erörtern und Dichtlin en festzulegrn. Den Dor.rtz führte Ministerialrat Dr. S i c g e 11.
Beim 11. Deutschen Sängerbundes- fest in Frankfurt a. M. 19X2 beteiligt sich der Hess. Sängerbund an dem Gesamtchor bec zweiten Hauptaufführung, der unter der Cd: ng des Festdirigenten Muickdicektor Rudolf Hofmann (Bochumj steht. Dabei gelangen sieben Chöre zum Vortrag. Außerdem veranstaltet der Bund einen Fackelzug mit Kundgebung auf dem Ramerberg. Zur Ehrung des Darmstädter Komponisten Arnold Mendelssohn, der vor kurzem seinen 75. Geburtstag feiern durfte, gelangt
Ein Franzose als demscherDichler
$u Chamijsos 150 Geburtstag am 30. Januar
Daß der Sohn eines anderen Landes zu einem Lieblingsdichter seiner Wahl cimat wird, ist gewiß ein seltenes Vorkommnis: niemals aber hat sich wohl diese Erscheinung in reinerer Form vollzogen. als bei Adelbert von Chamisso. der am 30 3anuar 1781 auf dem Schloß Doncourt in der Champagne als Sproß eines französischen Adelsgeschlechts geboren wurde und am 21. Aug. 1838 zu Berlin starb „als preußischer Bürger im edelsten Sinne des Wortes, als Katholik von echt protestantischer Gesinnung, als der trepeste, gemütlichste und beste Deutsche von der W'lt". Wie war cs möglich, daß dieser Sohn der Fremde so ganz zu unferm Mitbürger, zu einem unserer volkstümlichsten Poeten wurde? Man hat darauf hingewiesen, daß die Chami sos ein lothringisches Geschlecht waren und daß in der Champagne eine eigentümliche Mischung germanischer und romanischer Züge in der Bevölkerung zum Ausdruck kommt. So mochte es wohl letzten Endes die dunkle Stimme des Blutes sein, die nach langem Schweigen den nach Deutschland Verschlagenen dort so fest und tief Wurzeln fassen ließ, daß er sich ganz für das neue Vaterland entschied. Chamisso kam mit neun 3ahren nach Deutschland, als seine Familie dec französischen Revolution entfloh: eine Schule hatte er noch kaum besucht, so war er den fremden Bildungseimküssen besonders z igänglich, und m rührender, unermüdlicher Weise hat der Edelknabe und preußische Offizier um diese Bildung gerungen. Alle möglichen Sprachen lernte er, aber vor allem vertiefte er sich in das geliebte Deutsch, in dem er es dann zu einer so wundervollen Meisterschaft bringen sollte. So unendlich? Mühe er sich gab, so schlichen sich ihm doch immer noch französische Wendungen ein: als Erwachsener sprach er noch nicht ohne Anstoß deutsch, und erst während einer Weltreise errang er sich den klassischen deutsche Prosastil, in dem seine Reiseschilde- rung geschrieben ist. So ich es auch erklärlich, daß er erst spät zum eigenrlichen Dichten kam, denn, seine jugendlichen Versübungen konnten nur dem Schmieden der Waffen dienen. Sie er Dann so wundervoll gehandhabt. „Gezählt und gerechnet hat er immer in französischer Sprache, aber in Der deutschen hat er geliebt“, sagt Frey tag von ihm, „unD als die Fieberträume des Todes ihn umfingen, da sprach er französisch, wenn er bewußtlos war, aber deutsch, so oft er zur Besin- ttuna kam."
Chamisso ist dem deutschen Wesen durch den schwärmerischen Freundschaftsbund gewonnen worden, den er als junger Offizier in Berlin mit einigen Gleichstrebenden schloß und mit denen zusammen er den Musenalmanach fürs 3ahr 1804 herausgab. Aus den ästhetischen „Tees des grünen Buches", zu Denen man sich vereinigte, wurde Dpr sog. „Vordstern-Bund". und der Franz re, der ein Genie der Freundschaft war, versammelte häufig auf der Wache die Freunde um sich. Am Kampf gegen fein wirkliches Vaterland hat er nicht teilgenommen, nachdem er b i de schimpf! chen Hefer gäbe von Hameln in Gefahr gekommen war, als Deserteur erschossen zu werden. Es folgte eine traurige Zeit des Hin- und Herschwankens, des Aufenthaltes in Frankreich und bei Frau von Stael, und aus dieser Tragik des Menschen. Der kein Vaterland hat, das er doch so notwendig braucht wie seinen Schatten, ist das prächtige Märchen vom „Peter Schlemihl entstanden, das zu den Meisterwerken romantischer Erzäh- lungskunst gehört Aber in der Heimat, dje ihm zur Fremde geworden war, wurde die Sehnsucht nach Berlin, nach Deutschland, nach den Freunden übermächtig, und wie sein Held suchte auch er eine Heberwindung des tragischen Zwiespaltes durch Reisen in ferne Länder. Chamisso. der so gar nichts von der eleganten französischen Salonkultur hatte, war ein Vaturbursche, und im Studium der Vatur fand er Befreiung von allen Zweifeln. So ist er zunächst ein bedeutender Naturforscher geworden, bevor er den Dichterlorbecr errang Du- Tois-Reymond hat in seiner Würdigung Cha- missos als Vaturforscher seine große Reise auf dem russischen Schiff „Rurit" mit Der großen Forschungsreise Darwins auf dem .Beagle" verglichen und ihn als einen Vaturforscher im besten Sinne des Wortes gefeiert, der Die ganze Erscheinungswelt mit gleicher Liebe unD Frische, mit gleicher Kraft Der Beobachtung umfaß e So ist Denn auch seine Reisebeschreibung neben den Werken von Alexander von Humboldt die erste klassische Leistung dieser Art in deutscher Sprache. Doch auch bei den Südsee°3nsulanern und in den sibirischen Eiswüsten zog es Chami so nach der neugewonnenen Heimat, und als er zurückgekehrt war, erhielt er eine Anstellung am Botanischen Garten, wurde Bürger Berlins und allmählich eine ehrwürdige Dichtergestalt. Der hochgewachsene Mann mit den edlen strengen Zügen und den langen Silberlocken hatte nichts vom Seher, sondern zeigte sich gern im Schlafrock mit der Tabakpfeife und lief wohl auch in solchem Veglige, ohne Hut und in Pantoffeln, durch die Straßen. Er war eigentlich ungesellig, taute nur auf im Kreise der Familie und der nächsten Freunde. 3n seiner Dich
tung schweifte er gern in die weiten Fernen und hatte eine Vorliebe für krasse und grausige Stoffe, während er anderseits wieder als großer Verehrer der Frauen die lieblichsten Bilder vo n deutschen Weibe schuf und in s.inem Zyklus „Fr a u en- lieb e und -leben“ ein heute freilich ganz altmodisch gewordenes 3Deal des biedermeierischen Ehe 3dylls aufstellte. Besonders aber wurden dir sozialen Töne in seiner Lyrik bemerkt, sein warmes Eintreten für die Armen und Hnterdrückten, mochte er nun das Bild der „Alten Waschfrau'? zeichnen oder im „Riesenspielzeug“ gegen Ädels- übermut ankämpfen. So führt sein Dichten, sowohl in dieser politischen wie in der exotischen Färbung bereits aus der Ronantik zum „3ungen Deutschland" hin, und die Dichter dieses Kreises, ein Freiligrath, Herwegh oder Laube, haben in ihm das 3Deal des deutschen Poeten verehrt. Das aber, was so manchen feiner for nschönen S'rophen die Dauer bewahrt hat, war das schier unbegreifliche Deutschtum dieses Fra zoten, durch das es ihm gelang, wie Frey tag sagt, „einer vo i den auserteähllen Di t rn un crc Dol e^ z we den, denn auch da, wo er gegen die hohen Gesetze der Schönheit verstoßen hat, wo fallche Wirkungen und eine gewisse Sentimentalität zu bemerken sind, ist die Hrsache eine Eigentümlichkeit der Seele, welche der Deutsche am meisten liebt, weil sie seinem eigenen Wesen angehör', jenes warme, weiche, leicht erschütterte und über seinen Empfindungen träumerisch brütende Gemüt".
Ood)fd)ulnocbrid)ten
— Am 22.3anuar verschied Der außerordentliche Professor für Augenheilkunde und Oberarzt an Der Augenklinik an der Hniver itat Köln, Dr. Richard Cords im Alter von 49 3ahren Prof. Cords war Assistent an Der Leipz ger Augenklinik bei Sattler, seit 1910 in Bo.m b.. Pro». Kuhnt. 1911 Privatdozent, 1916 außerordentlicher Professor. Später trat Prof. Cords in Die Kölner Medizinische Fakultät über. — Der PrivatDozent für bürgerliches, Handels- unD internationales Privatrecht an Der Frankfurter Hniversitäi, Ge- richtsassessor Dr. Ernst H i r s ch, ist für Das Wintersemester 1930 31 mit Der Vertretung des ordentlichen Professors Dr. Herbert Meier an Der Hni- versität Göttingen beauftrag* worden.
Der Lehrstuhl Der llaisischen Archäologie an der Hniversität Halle (an Stelle von Prof. G. Karo) ist Prosesior Dr. Herbert K och in Leipzig angeboten worden. Professor Koch, geborener Schlesier, promovierte mit einer Arbeit „Heber das Verhältnis von Drama und Geschichte bei
Friedrich Hebbel". 1909'10 war Koch wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Archäologischen 3nftitut in Rom, später am gleichen 3nftitut in Athen, und habilitierte sich 1913 in Bonn für Archäologie. 1918 wurde Koch Extraordinarius in 3en« und hier auch Ordinarius. 1929 übernahm Koch als Vachfolger Studniczkas Den Leipziger archäologischen Lehrstuhl. Kochs Spezialgebiet ist griechische Baukunst, besonders der Rassischen Zeit. — Der Ordinarius der Geologie und Paläontologie an Der Hniversität Halle, Dr. 3ohanneS W e i g e l t, hat einen Ruf an Die Hamburgische Hniverstät erhalten. Weigelt war langjähriger Assistent bei Walther am Halleschen Geologischen 3nstitut. Dort habilitierte er sich 1918, würbe 1928 Ordinarius in Greisswald. 1929 Vachfolger seines Lehrers Walther in Halte. — Zur Wiederbesetzung des durch den Weggang des Professors A. Grisebach an der Hniversität. Breslau erledigten Lehrstuhls Der Kunstgeschichte ist ein Ruf an Professor Dr. phil, Dr. techn. Dagobert Frey in Wien ergangen. Frey begann seine akademische Laufbahn 1913 als Privatdozent für Architekturgeschichte an Dec Wiener Technischen Hochschule. Seit acht 3ahren leitet Professor Frey das Kunsthistorische 3n- ftitut des Bundesdenkmals. — Für das Fach der Röntgenkunde habilitierte sich als erster an der Würzburger Hniversität Dr. Otto Dyes, Assistent und leitender Arzt des Röntgen-3n- stituts an der dortigen Chirurgischen Klimk. Dyes bekleidete Afsistentenstellen bei Brauer in Hamburg-Eppendorf, bei Wenckebach in Wien, bei v. Romberg in München, bei Lichtwih in Altona, bei Käppis in Hannover, bei Holfelder in Frankfurt unb bei Jüngling in Stuttgart. Seine Habilitationsschrift trägt ben Titel „Das Röntgenrelief bet Magenschleimhaut". — Der durch das Ableben bes Geheimrats M. Matthes an der Hniversität Königsberg etlebigte Lehrstuhl ber inneren Mebizin ist Dem Ordinarius Dec Leipziger Hniversität Prof. Dr. Herbert A fern a n n angeboten worden. Prof. Aßmann, Dec aus Danzig gebürtige 3ntcmift, war Assistent bei Askanasy am Pathologischen Institut in Genf, bei Lichtheim an ber Medizinischen Klinik in Königsberg unb bei Strümpell an der Leipziger Mebizinischen Klinik. 3m Sommer 1913 habilitierte sich Aßmann in Leipzig, wurde 1922 a. o. Professor unb 1927 ordentlicher Professor der speziellen Pathologie unb Therapie und Direktor der Medizinischen Poliklinik in Leipzig als Vachfolger von Prof. Rolly. Professor Afemann ist Mitbegründer ber „Ergebnisse der gesamten Tuberkulöses orschung".


