Nr. 201 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (G?neral-Anzejger für Gberhefsen)
Samstag, 29. August (951
Wandern und Reisen • Bäder und Sommerfrischen.
Westerwaldfahrt.
Don Peter Bauer.
Dir Landschaft.
Die Bergrücken sind weit geschwungen. Wie breit entsallete Riesenfacher bilden sie rings den bald nahen, bald fernen Hintergrund der jchieserbedach- ten Fachwerkhäuser, deren weißer und gelblicher Anstrich durch alljährliche Auffrischung seine freundliche Helle berSahrt und die schmucke Sauberkeit der bescheidenen Dörfer liebevoll betont. Ein oder zwei Kirchtürme überragen die lockergcsügten Häuser- gruppen wie stämmige Hirteroestoltcn die um sie gesammelte Herde. Manchmal scharen sich auch die Häuser, an den Hängen hinausklimmend, um ein gipselbeherrschendes alles Schloß.
Die große Stille tut dem Ohr des lärmbestürmten Städters wohl. Cs ist immer so, al» hätte jemand für sich Ruhe und Aufmerksamkeit gefordert. Jeder Ton, jedes Geräusch sind weithin hörbar. In der Frühe die langgezogcnen Signale de» Schäferhorns, dos die Kühe aus den Stallen ruft. Ihr breites Gcmuhe,'wenn sie gemächlich trottend einander begruben, und das melodische Geläut der ruhlosen Glocken an ihren Hälsen. Später singt mit heiserer Stimme eine Sägemaschine Man kann an der Länge oder Kürze der räsch aufeinanderfolgenden melancholischen Tone auf die Dicke der Stämme schließen, die die malmende Schneide zerstückt. Die kurzen Donner, die xuroeilen über die Berge rollen, sind die Sprengschüsse in den Basaltbrüchen.
Haubergseuer.
Charakteristischer als die schwarzgrünen Tannen- forste und helleren gemischten Laubwaldungen, die Die Höhen krönen, ist für die Westerwaldlandschaft das vieloerbrcitete, die Hänge überziehende Gebüsch der Eichen-, Buchen- und Hasclhccken. Diese Laub- Holzanlagen, die Haubcrge heißen, leben ein eigenartiges Dasein. Sie bringen es nie zur Hochstamm- form, sondern alle achtzehn Jahre werden sie bis auf winzige Stümpfe nicdergehauen und fo gezwungen, sich zu verjüngen, neu zu sprießen und wieder Busch zu werden. Vorher müssen die stämmigsten und schlanksten Triebe, nachdem alle Seiten- zweige abgehauen sind, sich ihrer Rinde berauben lassen. Man schlitzt sie ihnen mit einem Hackbeil- artigen Instrument, das vom einen scharfen schna- belkrummen Zacken hat, von unten nach oben auf und löst sie rings von dem weißen Holz los bis fast in die Spitze. Dort bleibt der braunen Schale ein letzter Halt, an dem sie baumelt wie ein Mantel an einem Kleiderständer. Sie rollt sofort ihre Schnittstellen ein- und übereinander, als rünbe sie sich noch immer, noch inniger um den leuchtenden Holzleib, den man ihr entrissen. Die getrocknete Rinde wird gebündelt und zu Gerberei zwecken verschickt. Nachdem das kahle, nackte Gestänge gefällt ift, wird die begraste Oberschicht zwischen den Stümpfen abgehoben, über Schanzen, so nennt man dürre Reisigbündel, zu Hügeln gehäuft, angezündet und langsam verschmoren und veraschen lassen. Biele Wochen lang brennen die Haubergfeuer mit dichtem Qualm ober, wenn ber Wind sie aufschürt, mit roter Glut und züngelnden flammen, die in den Nächten wie Freudenbrände in« Tal leuchten. Jrn Herbst sät man Korn in die so gewonnene fruchtbare Haubergerde, das mit den frilch ausschlagenden Stümpfen im Frühjahr um die Wette wächst. Nach der Ernte überlaßt man den Hauberg sich selber und es müssen noch siebzehn lange Jahre verstreichen, ehe wieder die Feuer lodern.
3m Oefdjroämm.
Den schönsten Fernblick bietet vor allen Westerwaldgipfeln der Stegskopf bei Emmertshausen. Man hat ihn deshalb vor einigen Jahren mit einem Aussichtsturm gekrönt, der in Form einer eifernen Stiege im Viereck zu einer Plattform emporführt, die alle Höhen in der Nähe und Ferne überragt, vor der sich bei klarer Sicht der Horizont weitet bis zu den Vorbergen des Hunsrücks, den Gipfeln des Taunus, des Siebengebirges und den Höhen des Bergischen und Sauerlandes. Steigt man auf feine Nordseite zu talauf, überrascht einen kurz hinter den Dörfern und ihrem schräg emporklimmenden Ackergelände ein weitausgedehntes grünes Hochplateau, das zum größten Teil versumpft ist und zumal in seinen vielen Mulden große Moräste bildet, da» sog. Geschwämm.
(Eine üppige Sumpfflora wuchert jedes Stückchen Erde zu, fo daß man ständig zwischen Halmen und Stengeln watet wie ein einherstelzender Storch. Man geht wie auf dicken vollgesogenen Schwämmen, die bei federn Schritt sich auspressen und einen bis auf die Knöchel im Wasser tappen lassen. Zu- weilen bricht man sogar ahnungslos bis zu den Knien ein, der Spazierstock, auf den man sich stützt, wirb einem fast aus den Fingern hlnabgerissen. Am besten schreitet man barbeinig unb mit kurzen Hosen. Für Botaniker ift bas ganze Gebiet eine
wahre Funbgrube von Seltenheiten. Ader der kleine Jnsektensresier Sonnentau, den hier jedermann kennt, ließ sich nicht entdecken. Dagegen standen auf den angrenzenden Berghalden außer der Marge- ritenähnlichen, aber leuchtend gelben Arnika das kleine erifafarbene Läusekraut, eine stengellose Distel unb das Katzenpfötchen in Rot unb Weiß. Manchmal kommt man unerwartet auf Trockenlanb, wo die Heide sich zu prächtigen weinroten Jnfeln gefeilt und vereinzelte Wacholberstümpfe grünen. Dazwischen liegen wuchtige Basaltblöcke mit verwitterten Oberflächen umher wie pergeffene Riesen- fpielzeuge.
Schäferlatein.
Was in der Umgebung an spärlichem Graswuchs vegetiert, wird von Kühen und Ziegen abgeweidet. Eine junge Ringelnatter, die ich gefangen hatte unb vor mir her schlangeln lieh, brachte mich mit zwei Schäfern ins Gespräch. Der ältere von ihnen holte nämlich, als er bie kleine Natter sah, mit seinem derben Stock zum Schlage aus. Nur mein Zuruf rettete dem Tier das Leben.
„Es ist ein Onk" sagte er verbissen, „unb den muß man tothauen.' Meine Gefährten unb ich bemühten sich vergeben», ihn zu überzeugen, daß eine Ringelnatter harmlos fei, unb doch nur Frösche, Salamander unb allenfalls auch kleine Fifche fresse. „Mag sein", mischte sich ber jüngere ein, „aber hier oben sink» die Unken ebenso unsere Feinde wie im Dorf, denn sie saugen dem Weidevieh die Milch au» den Eutern" Unb zum Beweis seiner von uns lächelnd aufgenommenen Behauptung erzählte er uns eine Reihe von „Tatsachen", die uns belehren sollten. Eine seiner Kühe habe eines Tages keine Milch gegeben und auch die folgenden Tage nicht. Da habe er entdeckt daß sie sich immer in ber Nähe eines Eteinhügels herumtreibe unb schließlich auch einen Onk überrascht, ber sich gerabe zwischen den Füßen ber Kuh habe durchschlängeln wollen. Er r, bie Kuh vom Gestein ferngcholtcn unb von dem Tage an wäre sie reicher wie früher gut bei Milch gewesen. Der Alte wußte ähnliche Erlebnisse in Stallungen. (Einmal hätten sie einen Onk totgeschlagen, ber sei so dick wie sein Arm und so lang wie eine Kuh gewesen.
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Mit der MrahM't durch die Bayerischen Alpen.
Die Reichspost hat versuchsweise eine Ferien- Krastpostlinie quer durch die Bayerischen Alpen von Lindau am Bodensee nach Berchtesgaden eingerichtet. Alle wichtigen und sehenswerten Alpenorte werden von der Linie berührt. An landschaftlich besonders schotten Stellen hält der Führer auf Wunsch eine fur*e Zeit. Da die Fahrkarten 14 Tage gültig sind, kann man die Fahrt auch an irgendeinem Ort unterbrechen und später weiterfahren. Was unter- Wegs zu sehen ist und wieviel die Reise kostet, sagt ein hübscher Prospekt mit prächtigen Bildern, den die Oberpostdirektion München herausgegeben hat. Die Abfahrt erfolgt täglich von Berchtesgaden und Lindau um 7.30 Uhr. 3n Garmisch-Partenkirchen treffen die Wagen aus beiden Richtungen abends ein und setzen am nächsten Morgen um 7.35 Uhr ihre Fahrt fort. Der DesamtpreiS der Fahrt beträgt 36 Mark, eS werden aber auch für Teilstrecken Karten zu entsprechenden Preisen auSzegeben.
Zyermalbrunncn für alle!
Bad Aachen und Baden-Baden sind so reich an heilkräftigen Thermalquellen, daß sie sich schon se t al.en Zeiten den Luxus der öffentlichen Trinkbrunnen und Thermal- b r u n n e n leisten können. Hier darf sich jeder
Einwohner, jeder Vorübergehende so viel von dem kostbaren Rah einverleiben, wie er mag! 3n Aachen gibt es nicht weniger alS vier berartige öffentliche Thermal-Trinlbrunnen. 3n Burtscheid befindet sich ein Thermalsprudel mitten auf der Straße, aus dem sich die Bewohner der Umgegend ständig kochend heiheS Wasser auch für den Hausgebrauch boten. DaS Wa'ser ist so heiß, daß man bequem Eier darin kochen farm. Trinkbar ist es erst, wenn man es ein wenig abkühlen läßt. — Auch in dem berühmten Schwarzwälder Heilbad Baden-Baden sprudelt Thermalwasser aus Straßenbrunnem Einer dieser Brunnen ist von Äünftlerbanb. gestaltet und mit einigen bronzenen Wasservögeln geschmückt, deren einer das Thcrmalwalscr auS dem Schnabel speit. Wie in Aachen, versorgen sich hier die Hausfrauen mit Warmwasser und sparen so Brennstoff und Warten...
Ccffnct sehenswerte evangelische Kirchen auch wochcnt" S!
Der im vergangenen 3a!> am .Mitteldeutschen VerkehrSverband" gern., -t Vorschlag, die intereffanten evangelischen Kirchen öfter und länger als bisher im 3nteresse des Fremdenverkehrs offenzuhalten, hat dazu geführt, daß jetzt der Deutsche Evangelische Kir- chenausschuh den obersten evangelischen Kirchenbehörden in Deutschland anheimgestellt hat, die protestantischen Gotteshäuser auch an Wochentagen zu öffnen. Eine ganze Reihe von kleineren intereifanten Kirchen wird für 'Besichtigung und stille Andacht während besttmmter Stunden nunmehr bereits geöffnet. 3n Berlin kann man verschiedene wichtige und interessante Kirchen stundenweise am Tage besichtigen. 3n der Rikolaikirche findet außerdem an jedem Dienstag und Freitag mittag- ein Orgelkonzert bei freiem Eintritt statt. Gerade im 3nteresse des reisenden Publikum- ist dringend zu wünschen, daß auch in anderen deutschen Städten und namentlich in den Erholungsorten die evangelischen Kirchen nach dem Muster der katholischen Gotteshäuser auch wochentags zugänglich gemacht werden, ganz besonders dann, wenn sie künstlerisch oder kulturgeschichtlich wertvolles Inventar besitzen.
Wanderfahrten.
Ranstadt — Lckarlsborn — Hirzenhain — Wenings — Bübingen.
Von unserem Ausgangspunkt Ranstadt gehen wir ein großes Stück auf breiter Straße dem Bahnkörper nach, den wir beim Tunnel überschreiten, um bald darauf auf rote Dreiecke zu stoßen, benen'toir in nord-östlicher Richtung folgen. Durch Wald und Feld geht unser Weg über da- hochgelegene Eckartsborn mit hübschen Blicken in das Riddertal, später durch das anmutige Hillers- bachtal an einem Teil der Etauseeanlage vorüber nach Hirzenhain, wo wir das Zeichen verlassen. Rach einer Erholungspause in dem schön gelegenen Luftkurort wandern wir zunächst ohne Zeichen nach Wenings, wo wir das rot-weiße Band treffen, dem wir in südlicher Richtung nachgehen. Vorerst durch freie Gegend, später durch Wald leitet uns das Zeichen über Michelau und den Psassenwald mit überraschenden Fernblicken nach unserem Endziel, der freundlichen, altertümlichen
Kreisstadt Büdingen. Dauer der Wanderung 61/* Stunden.
(jungen — villingen — Ronncnroth — Hungener Teiche — Cid).
Wir fahren mit dem Zrühzuge nach Hungen und gehen auf guter Straße, vorerst ohne Wegezeichen, über Villingen nach Ronnenroth, wo wir rasten können. Hier treffen wir die blaue Ring» 'Markierung, die, von Bad-Rauheim kommend, ganz Obcrbeffen durchzieht und in Schlitz erst zu Ende ist. Diefem Zeichen nachgehend, kommen wir nach einiger Zeit an die Hungener Teiche, einige große, von Wald umsäumte Weiher in idyllischer Lage. 3mmer dem Zeichen nachgehend, gelangen wir durch Wald und Feld über den Rohkops nach insgesamt 3'/,stündiger Wanderung zu unserem Endziel Lich.
Büchertisch.
— Horst Wolfram Geißler: Sankt Rimmerleins 3 n f c L Roman Geh. 2,70, Ganzleinen 4,50. Verlag Scherl, Berlin SW 68. (221) — Johann Peter Rimmerlein, Sohn eines Bahnwärters, wächst mit einem Erbgroßhcrzog im fürstlichen Schloß auf; er erlebt Krieg, Revolution und Inflation, ohne daß sie in seiner der Kunst zugewandten Statur nennenswerte Spuren hinterlassen. Er wird Maler, gelangt schnell zur Berühmtheit, versteht aber nicht, sie geschäftlich auszunützen; schließlich findet er zu seinem Glück doch die Frau, die für ihn paßt und die ihn auch heiratet. Retter UnterhaltungSroman: auch als Ferienlektüre nicht ungeeignet.
— Der Fall der 3K a r g*a r c t O b e IL Kriminalroman von G. S van Dine. Ullstein- Verlag. Berlin. Geb. 1,85 Mk. (233) — Van Dine gilt als der beste Kriminalschriftsteller Amerikas. Er arbeitet nicht mit abgedroschenen Mitteln. Das Buch bringt keine Sensationen und mystischen Geheimnisse, wie sie sonst in Kriminal- Romanen gang und gäbe sind, aber Aufregung genug und ein stahlharteS Reh, geschmiedet aus Logik und realistiicher Dercchnungskunstt
— Dr. jur. Seger und Dr. 3ng. L. Kuhberg- .Was muh der Siedler vor dem Siedeln wisse n?“ Praktischer Ratgeber für Siedler. (3n der .Bücherei des Prakttschen Wegweiser-".) Verlag Scherl, Berlin. Preis 1,50 Mk. (198) — Die Broschüre bringt eine sorgfältige Zusammenstellung aller Fragen, die beim Kauf einer Parzelle und beim Bau eines EigenhäuS- chens zu berüeffiebtigen sind. Die gesetzlichen Bestimmungen sind so dargestellt und erklärt, daß fie auch der Laie versteht. Einiges aus dem Inhalt: Wie muh die Parzelle beschaffen sein? (Straßenlage, Eckparzellen, Himmelsrichtung, Wafserverhältnisse), Verwaltungstechnische und Rechtsfragen, Einrichtung und Ruhung, der Hausbau (Wohnlaube, DauerhauS, Bauschein, Bauverträge), die Finanzierung, rechtliche Desttm- mungen und vieles andere.
— Armin Grote: 3UusionS-Poll- t i k. Der Zusammenbruch der internattonal-marxistisch - demokratisch - zentrumlich - pazifistischen Außenpolitik. 1. Aufl. Faust-Verlag in Dessau. Preis 2 Mk. (204)
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— Ehescheidung. Eine kurze, jedem verständliche Darstellung deS Ehescheidungs-Verfahren-, der Unterhalts- und der Äoftenfragen. Don Rechtsanwälten Fließ und Dr. F r i e d e b e r g. Preis 0,90 Mk. 15 Seiten. Verlag Wilhelm Rahn, Stettin. (263)
— D i e Schokoladenlndustrie. Schoko- ladenfabrik Mauxion, Saalfeld a. d Saale, von Walter Schwädke. Band 19 der Schriftenreihe »Musterbetriebe deuttcher Wirtschaft" — Organisation Derlag-gesellschaft mbH. (S. Hirzel), Ber-
Daten für Samstag, 29 August.
Sonnenaufgang 5.22 Uhr; Sonnenuntergang 19.19 Uhr. Mondaufgang 19.57 Uhr; Mond- untergang 6.33 Uhr.
1632: der englische Philosoph 3ohn Locke in Wrington geboren; — 1779: der 6bereiter Der- zeliuS in Väsversunda geboren; — 1808: der Begründer der Genossenschaften Hermann Schulze- Delitzsch in Delitzsch geboren; — 1866: der Dichter Hermann Lons in Xulrn geboren; — 1916: Hindenburg wird Ehes des bcutfdxm Generalstaoes; Ludendorff erster Generalquartterreeister.
Taten für Sonntag, 30. August.
526: der Ostgotenkönig Theoderich der Große In Ravenna gestorben; — 1928: der Maler und Bildhauer Franz von Stuck in München gestorben.
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