Nr. 149 Drittes Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 29. Juni 1931
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SJi.-'fport
Leichtathletische Zugendwettkämpfe.
QIm gestrigen Sonntag sanden auf dcvr Wald» fportplah die diesjährigen leichtathletischen Gau» jugend-Wettkärnpse des Gaues Gießen-Wehlar statt, zu denen die Vereine des Gaues allerdings nicht das an Wettkämpfern stellten, was füglich erwartet werden sollte. Don den zum Teil doch sehr großen Vereinen unserer näheren ländlichen Vereine waren keine Teilnehmer erschienen und neben dem starken Ausgebot der beiden hiesigen Vereine nahmen lediglich einige Aßlarer und einige Wetzlarer jugendliche teil. Zwar ist zu berücksichtigen, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse es den Vereinen schwer machen, ihre Mannschaften auf Reisen zu schicken, da es sich aber doch um keine weiten Entfernungen handelte, hätte es sich wohl ermöglichen lassen müssen, wenigstens die Vesten zu entsenden.
Sv wurden die leichtathletischen jugendwett- kämpfe des Gaues Gießen-Wehlar eine Angelegenheit der beiden Gießener Vereine, In der A-Älaffe (jahrg. 1913,14) stellte die Spielvereini- gun 1900 einige vorzügliche Könner, die dem Gegner mir einen einzigen ersten Sieg in dieser Klasse überließen, jn der V-Klasse (jahrg. 1915/16) stellte dagegen der DfV. die Desseren und vermochte hier den Hauptteil der ersten Siege an sich zu reißen. 3n der OKlasse und in der Klasse der jüngsten wurde mit viel Aufopferung und mit beachtenswertem Eifer gekämpf. Die Spielvereinigung 1900 stellte hier in ihren Schüler-Fußballmannschaften ein starkes Feld und belegte auch in den beiden unteren Klassen die Mehrzahl der ersten Plätze. Die Deranstaltung, deren Durchführung keinen Wunsch offen ließ, litt etwas unter der allzugroßen Hitze, die Leistungen, die gezeigt wurden, dürfen trotzdettn noch als sehr gut bezeichnet werden. Auf die Ergebnisse der einzelnen Wettkämpfe kommen wir noch zurück.
frankfurter Ruder-Regatta.
Der erste Tag.
Obwohl die international ausgeschriebene Frankfurter Ragatta nicht von ausländischen Mannschaften beschickt worden war, wurde es durch sein ausgezeichnetes Meldeergebnis zu einem sportlichen Ereignis ersten Ranges. Das drückte sich auch in dem ungewöhnlich starken Massenbesuch am ersten Tage aus. An den beiden Mainufern, auf den einzelnen Drücken hatten sich Tausende von Zuschauern eingefunden, die mit großem Interesse den Rennverlauf vorfolgten. Fast jedes einzelne Rennen war heiß umstritten, besonders die Begegnung zwischen der Frankfurter Germania und Amicitia Mannheim im Ruderverbandsvierer, bei dem die Frankfurter Mannheim mit einer halben Länge hinter sich lieh. Dafür holte sich Amicitia den Gastvierer klar vor dem Offenbacher RD. und verwies auch im Jubiläums-Achter nach scharfem Endspurt die Mainz-Kasteler RG. auf den zweiten Platz. Die einzelnen
Ergebnisse
der über 2000 Meter führenden Rennen waren: Junior-Einer: 1. Sauer-Frankfurter RV. ohne Zeit: 2. Steinlei, Donauclub Ulm. De u t- scher Ruderverbands - Vierer: 1. Frankfurter Germania 6:18,4; 2. Amicitia Mannheim 6:18,4. Zweiter Vierer ohne St.: 1. Offenbacher RV. 6:27; 2. Kölner RG. 1891 6:39,4; 3. Giehener RG. 6:32,4. 1. Iung- mann-Vierer: 1. Mannheimer RV. Amicitia 6:34,4; 2. Offenbacher RV. 6:38,2. 2. Jung- mann-Vierer: 1. Frankfurter RG. Oberrad
6:46,2; 2. RD. Fechenheim 6:52,4. 2. Einer: 1. Sauer, Frankfurter RV. 7:07,8; 2. Fleischhauer, Offenbacher RG. Undine, 7:16. ^Vierer: 1. Rafsovia Höchst 6:32; 2. RG. Worms 6:35,6. G ast-Vierer: 1. Amicitia Mannheim 6:26,2; 2. Offenbacher RV. 6:29,8. Anfänger- Gigviererfür Damen: 1. Offenbacher RV.; 2. Giehener RG. I un i o r - A ch t e r: 1. Frankfurter RG. Germania 6: 11,2; 2. Offenbacher RV. 6:19,2. Doppel-Zweier: 1. G. u. L. Arenz, WSV. Godesberg, 6:33.2; 2. Schäfer und Steinte, Ulmer RK. Donau, 6: 42. 1. A ch t e r: 1. Amicitia Mannheim 5:48; 2. Mainz-Kasteler RG. 5:51.
Der zweite Tag.
Auch der zweite Tag der Frankfurter Regatta nahm bei prächtigem Wetter einen ausgezeichneten sportlichen Verlauf. Dazu kam noch als besonders erfreuliches Moment, dah sich über 30 000 Zuschauer eingefunden hatten. Wiederum war Amicitia Mannheim in ausgezeichneter Fahrt und konnte drei Siege erringen. Mit sieben Erfolgen an den beiden Renntagen stellten die Mannheimer den erfolgreichsten Verein. Die 25 Preise der Regatta verteilen sich auf 12 Vereine, zehn erste Plätze wurden von Vertretern Frankfurts belegt. Die Ergebnisse waren:
Zweiter Achter: 1. Würzburger RV. 6:0,2; 2. Frankfurter RV. 1865 6: 05.
Lohrberg-Vierer: 1. Saarbrücker RG. Undine 6:44,6; 2. Würzburger RG. 6:55,8; 3. Kreuznacher RV. 6:59.
Jungmann- Einer: 1. Sauer, Frankfurter RV., 7:10,4: 2. Ioedt, Giehener RG., 7:19.
Junior-Vierer: 1. Saar Saarbrücken 6:42,4; 2. Frankfurter RG. Germania 6:51.
Zweiter Vierer: 1. Offenbacher RV. 6:34,6; 2. Kölner RG. 1891 6:37,8; 3. Germania Frankfurt 6:47; Gießen 77 aufgegeben.
Dritter Vierer: 1. RC. Rafsovia Höchst 6:50,4; 2. Frankfurter RG. Sachsenhausen 6:57.
Jungmann-Achter: 1. Amicitia Mannheim 6: 13; 2. Frankfurter RV. 6:18.
Vierer im Renngigboot für Damen: 1. Offenbacher RV.; 2. Würzburger RE. Bayern.
Erster Einer: 1. von Düsterloh, Amicitia Mannheim, 7:00,2; 2. Paul, Frankfurter RG. Oberrad, 7:04,6.
Zweier ohne Steuermann: Happ und Stange, Bayer Leverkusen, T:03,4; 2. Lints und Pfeffer, Hellas Offenbach 7:11,8.
Dritter Achter: 1. RG. Worms ohne Zeit; 2. Offenbacher RD.
Ermunterungs-Dier er: 1. Frankfurter RD. ohne Zeit; 2. Universität Frankfurt.
Erster Achter: 1. Mannheimer RD. Amicitia 5:49,2; 2. Mainz-Kasteler RG. 5:51,9.
Einweihung des Ruderhauses der Universität.
Am Dienstag findet die Einweihung des Bootshauses der Landesunioersität mit anschließender Bootstaufe statt. Gelegentlich dieser Feier veranstalten die Gießener Rudervereine eine Bootsauffahrt, die vom Haus des Bereins Rudersport bis zum neuen Bootshaus der Universität und wieder zurück zum Haus des Vereins Rudersport führt. Ein Rennen im Gigvierer zwischen der Universität Marburg und einem Gießener akademischen Vierer beschließt die Feier.
Deutsche Handballmeisterschast.
In Leipzig wurde am Sonntag vor 12 000 Zuschauern die zum ersten Male von Turnern und
Sportlern gemeinsam durchgeführte Deutsche Handballmeisterschaft ausgetragen. Im Männerspiel siegte der Polizeisportverein Berlin mit 12:5 Toren über den Turnverein Krefeld - Oppum, während das Frauenspiel den Vertreter der Turnerschaft, den Turnverein „Vorwärts" Breslau mit 4:3 Toren gegen den SC. Charlottenburg als Sieger sah.
Main-Hessens Leichtathletikmeisterschaften.
Mehner läuft 400 m in 48,8 Sekunden.
Im Frankfurter Stadion wurden am Samstag und Sonntag die leichtathletischen Meisterschaften des Bezirks Main-Hessen ausgetragen, die in jeglicher Hinsicht einen befriedigenden Verlauf nahmen. Die gebotenen Leistungen standen durchweg auf sehr hoher Stufe, obwohl die große Hitze den Aktiven sehr stark zusetzte. Die beste Leistung des Tages vollbrachte der Eintrachtler Metzner, der die 400 m ohne ernsthafte Konkurrenz auf der Außenbahn in 48,8 Sekunden lief und damit die beste diesjährige Zeit herausholte. Auch in allen anderen Konkurrenzen, Hochsprung und Diskuswerfen ausgenommen, standen die Leistungen auf guter Stufe. Bedauerlich war an beiden Tagen der schwache Besuch. — Bei den Damen fehlten die beim Länderkampf in Paris tätigen Frankfurterinnen Frl. Fleischer, Lorenz und Haux, wodurch hier nicht die gewohnten Leistungen erreicht werden konnten.
ZliegergruppepolytechnikumKriedberg
Eine zweite Flugmaschine für die Fliegergruppe am Friedberger Polytechnikum ist eingetroffen. Es handelt sich um einen Sportdoppeldecker, der bisher im Flughafen Mainz-Wiesbaden ftand. Die noch sehr gut erhaltene Maschine erhält im Neubau des Polytechnikums einen Motor von 125 PS, der bereits im Besitz der Fliegergruppe war. Man hofft, die Maschine für Lehrzwecke schon in Kürze in Betrieb nehmen zu hönnen.
Rund um Schotten.
Das deutsche Motorradmeisterschaftsrennen am 19. Juli 1931.
Als dritter Lauf um die deutsche Meisterschaft für Motorradfahrer findet das Motorradrennen „Rund um Schotten" zum 7. Male am 19.Iuli 1931 statt. Seit 1925 wird das Rennen alljährlich auf der 17,6 Kilometer langen, bekannt schwierigen Rundstrecke im Vogelsberg mit ihren zahlreichen Kurven und einem Höhenunterschied von 330 Meter ausgetragen. Aus kleinen Anfängen hat es sich zu der weitaus führenden motorsportlichen Veranstaltung im Ge- biet des rheinmainischcn Städtekranzes und seiner weiteren Umgebung entwickelt.
Den kürzlich erschienenen Ausschreibungen entnehmen wir folgendes: Das Meisterschaftsrennen wird in allen Klassen von 250 bis 1000 ccm ausgefahren, in jeder Klasse stehen Barpreise in Höhe bis zu 300 Mark zur Verfügung. Zugelassen sind nur Fahrer mit internationaler Lizenz. Neben den Bar- preisen, deren Höhe von der OMB. festgesetzt ist, sicht noch der Wanderpreis der Stadt Schatten zur Verfügung. Die Prämie, die mit dem Wanderpreis verbunden ist, wurde von 100 auf 300 Mark erhöht. Das Rennen geht über 12 Runden (211,2 Kilometer). Das Seitenwagenrennen ist ebenfalls nur für Lizenzfahrer ausgeschrieben, es geht über drei Runden (52,8 Kilometer). Auch hier stehen hohe Geldpreise zur Verfügung.
Der Vogelsberglauf für Ausweisfahrer, der all- jährlich gute Beteiligung bei dem motorsportlichen Nachwuchs zu verzeichnen hat und bei dem wieder alle Klassen vertreten sind, geht über zwei Runden (35,2 Kilometer). Das Rennen wird veranstaltet von der Landesgruppe Hessen und Hessen-Nassau des DMV., mit der Ausrichtung wurde wieder der Vogelsberger Automobil- und Motorradclub in Schotten beauftragt.
Eilly Äußern bei den flehten Acht".
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Cilln Äußern, die hervorragende deutsche Tennis» pielerin hat sich bei dem Internationalen Turnier n Wimbledon bereits unter die letzten Acht gespielt, o daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach sich für die Entscheidung der Damen-Einzel-Meisterschast qualifizieren wird.
lennismeisterfchafien in „Wimbledon".
Bei den englischen Tennismeisterschaften in Wimbledon stehen in den Einzelspielen der Damen und Herren die „letzten Acht" fest. Deutschland ist nur noch im Dameneinzel durch die Damen Äußern und Krahwinkel vertreten. Im Herreneinzel sind die Ausländer unter sich und auch im Herren- und Damen-Doppel ist Deutschland ausgeschieden.
„Dionys^ gewinnt das Derby.
Bei Massenbesuch wurde am Sonntag in Hamburg-Horn zum 63. Male das Deutsche" Derby gelaufen. 17 Pferde erschienen am Start. Sieger wurde der in den letzten Tagen zum Favoriten erhobene Hengst „Dionys" des preußischen Staats- gcstütes Grabitz mit dem Iokey Böhlke vor v. Oppenheimers „Adrienne" und Dillmanns „Missouri" und „Grandville". Der Toto zahlt 28 Sieg, 14, 37 21, 21 Platz.
Kurze Sportnotizen.
Wegner-Halle verbesserte bei einem internationalen Sportfest in Amsterdam feinen eigenen deutschen Rekord im Stabhochsprung auf 4.12 m. Bei der gleichen Veranstaltung konnte Ionath- Bochum den holländischen Sprinterstar Berger über 100 und 200 m schlagen.
Der Deutsche Fußballmeister Hertha BSC. wurde im Frankfurter Stadion vor 12 000 Zuschauern von Rotweiß Frankfurt mit 5:4 (Halbzeit 3:2) Treffern geschlafen.
Die hundert sie Begegnung zwischen den beiden alten Hochburgrivalen SpVg.. Fürth und 1. FC. Nürnberg brachte dem Club vor 7000 Zuschauern einen 2:1(1:1)-Sieg ein.
Gustave Roth-Belgien verteidigte seine Europameisterschaft im Weltergewichtsboxen durch einen Punktsieg über den Italiener Venturi.
Brandung deöLebenö
Roman von Käte Lindner.
(Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthvld in Braunschweig.)
24. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Das war sehr nach Lady Balymores Wunsch, der steile Weg machte ihr zu schassen. Blau dehnte sich der herrliche See weit hinaus, heiter belebt von weißen Dampfern und den kleinen, mit malerisch bunten Segeln versehenen Fischerbooten. Hier traten die Berge enger zusammen, hoch ragten die schneebedeckten Gipfel in die azurne Bläue des südlichen Himmels hinein.
„Sehen Sie, Milady, hier mutet uns der Gardasee fjordartig an", sagte Renate und deutete hinunter auf <*m tiefblauen Spiegel zu ihren Füßen, „sehr reizvoll ist die Landschaft hier an der Spitze des Sees, der Monte Valdo hat seine Schneekappe tiefer gezogen, drunten in Gardone schmilzt sie ihm rascher ab."
Aber die Lady hatte wenig Sinn für Ratur- schönhciten, ihr war die Kappe des Monte Daldo ziemlich gleichgültig. Sie bereute heimlich, heute mit so viel guten Vorsätzen ihre Entfettungskur begonnen zu haben.
„Kommen Sie, gnädige Frau", sagte sie plötzlich und setzte sich energisch wieder in Bewegung. „Der Weg bis zu dem Ponalefall ist weiter als ich mir vorgestellt hatte, rückwärts fahren wir dann doch? Oder hatten Sie etwa vor, auch den Rückweg zu Fuß zu machen? Dann streike ich mit aller Energie."
„Ganz wie Sie befehlen." Renate streifte mit einem Seitenblick das erhitzte Gesicht. „Es ist durchaus nicht mehr weit", sagte sie dann tröstend. „Wie war das eigentlich mit Miß Galvestones Perlen? Richt wahr, sie ist wieder im Besitz derselben?"
Das so oft angeschlagene Thema Galvestvne belebte die erschlafften Lebensgeister der Engländerin wieder.
„Ja, Miß Galvestvne hatte Glück", sagte sie eifrig, „Lord Dalymore war nicht so glücklich, wieder in den Besitz der ziemlich hohen Geldsumme zu kommen, die uns gestohlen wurde. Das Hotel weigert sich entschieden, uns auch nur einen Teil der verlorenen Summe zu vergüten, da mein Mann sein Geld in seinem Zimmer verwahrte und nicht im Safe des Hotels, ist die Direktion auch nicht verpflichtet dazu, und wir sind die Leidtragenden. Durch Schaden wird man klug. llebrigen£ hat sich dieser falsche Conte, der uns hier dermaßen hereinlegte, im Untersuchungsgefängnis ums Leben gebracht. Man hatte ihm alles abgenommen, aber irgendwo ht
feiner Kleidung hat er doch eine Dosis Gift verborgen gehabt, die den scharfen Augen seiner Wächter entgangen ist. Mgn sand ihn gestern früh tot in seiner Zelle."
„So hat er sich selbst gerichtet. Aber weih man denn Rühe res über seine Vergangenheit? Seine Frau ober wer es sonst sein mochte, mißfiel mir sofort sehr, der vornehme Rame, dem sich das Paar zugelegt hatte, paßte zu ihr wie die Faust aufs Auge. Eine obskure Person."
Die Engländerin nickte. „Ja, durchaus gewöhnlich, aber man kann ja nicht immer vom Aeuheren auf die Herkunft schließen. Aebrigens hat der Betrüger auf die geschickten Operationen dieses Detektivs hin ein umfassendes Geständnis abgelegt, wodurch Gras Semjonow, alias Kyrill Petrowitsch, glänzend rehabilitiert wurde. Der Direktor war kurzsichtig genug, ihn bis zum letzten Augenblick lieber für einen Geisteskranken und einen Dieb, als für den echten Grasen Semjonow zu halten. Mir hätte dies nicht passieren können, gnädige Frau. Sie wissen, wie richtig ich gleich am ersten Tag seines Eintreffens diesen Russen eingeschäht hatte. Hätte ich nur eine Ahnung von all diesen Konflikten und Verdächtigungen gehabt, ich hätte..
„Sicherlich diesem Signore Boni Konkurrenz gemacht", vollendete Renate lachend den angefangenen Sah. „Ihr Scharfblick war wirklich bewundernswert, Milady, und für einen Dieb hätte ich Kyrill Petrowitsch niemals halten können. Aber jetzt sind wir bereits ziemlich nahe unserem Ziel. Wie rasch ist doch die Zeit vergangen, bereits sechszehn Ahr."
„Gerade Zeit, eine gemütliche Kafseepause noch einzuschieben, wenn wir den Wasserfall besichtigt haben, liebe gnädige Frau. Ich verdurste. Und wann geht das Dampfboot nach Gardone zurück?"
„O, wir können uns Zeit nehmen. Sehen Sie, wie herrlich ist es hier...“
Als sie am Abend das Dampfboot bestiegen, war es bereits beseht von Ausslüglem. Einheimische und Fremde saßen durcheinander, lustig spielte die Musik, ein Zitronenverkäufer war in Riva an Bord gekommen und unterhielt die Fahrgäste mit einem luftigen Kauderwelsch, in dem er feine Früchte anpries. Lady Balymores Lebensgeister waren durch den Kaffee wieder angeregt worden, sie beobachtete mit großem Interesse durch ihre Lorgnette das lebhafte Treiben auf dem kleinen Dampfer.
Da kam plötzlich eine rundliche, bunt gekleidete Frau mit einem reizenden Gesicht unter kohlschwarzen Scheiteln auf Renate zugestürzt und schüttelte ihr mit einem Hellen Lachen beide Hände.
„Oh, Signora Liskow, welche Aeberraschung. Ich komme soeben mit meiner Tochter Julietta von Riva herunter. Rusio hatte uns für heute nachmittag eingeladen. Sie wissen, Russo, der
Erzschelm. Er hat ein hübsches Haus am Fuße der Roguetta. lind er saß jeden Abend unentwegt am Stammtisch meiner Osteria, er wich nie, wenn ich ihn auch immer einen Rachtvogel nannte und einen Rarren Er blieb und kam wieder jeden Tag... Und das Mädchen, meine Etta, bekam bleiche Wangen und Augenringe, sah droben in ihrer Kammer und härmte sich und trotzte. Ah nicht,unb trank nicht und widersetzte sich der guten Base Gelsomina so sehr, daß mir diese auf und davonlief und ich schwergeprüfte Frau nicht mehr wußte, was ich anfangen sollte.
Und dazu die Stammgäste, die mir das Lob des Russo Domenico fangen bei Tag und Rächt. Geradewegs bestochen mußte er sie haben.. . Russo... hieß es. Russo, hat er nicht Geld und Acker, hat er nicht ein festes Haus und Hände, die dein Mädchen tragen werden durch ein Leben des Glückes und der Freude? Russo und immer wieder Russo... Kam ich nach oben, da ging das Lied weiter. Da heulte die Etta mir ins Ohr: Russo, ihn liebe ich, ihn will ich haben Du bist eine hartherzige Mutter, daß du es nicht zageben willst.
Oh, Signora Liskow... wer tonnte das ertragen? Ja habe ich zuletzt gesagt zu allem, was sie von mir wollten. Rur daß ich diesen Ramen nicht allerwegs mehr hören sollte. Mag er sie nehmen in Gottes Ramen Was könnte eine arme alleinstehende Witfrau tun, wenn sich alles verschworen hat gegen sie...? Mag er sie nehmen And es ist wirklich ein recht hübsches Haus, Signora. Ein Haus mit einem Garten und Rosen darin unb Mandelbäume. Ganz neu hat er das Haus anstreichen lassen, der Schelm, und ein Bildnis der Heiligen Katharina steht über der Haustür, weil sie die Schutzheilige der Etta ist. Daß sie unter ihrem Schuhe eingehe in sein Haus, die Braut, hat er gesagt...
Oh, Signora, beinah die Tränen sind mir gekommen, als er dies sagte. Das hätte ich ihm niemals zugetraut, so viel Feinheit. Mein Philippe war gewiß ein sehr guter Mann und schön, als er jung war. Aber er hat mir meinen Schutzheiligen nicht malen lassen, als ich einzog, und er war gewiß ein weitgereister Marrn, der wußte, was sich gehörte und wie es die grauen gern haben.. .
So wird es meine Etta gewiß gut haben bei Russo, und das ist ja die Hauptfach, meinen Sie nicht auch Signora? And ich werde nicht mehr so ganz der Garten fein, der keinen Zaun hat... Alle haben sie Respekt vor dem Russo, man muß sagen, was wahr ist, er stellt seinen Mann und wird mir ein Berater fein, wenn es not tut Also habe ich mich nun drein ergeben, daß das Kind aus dem Haufe geht am liebsten möchte der Russo schon morgen Hochzeit halten."
And die Signora Serra winkte mit den kleinen, rundlichen Händen ihre Tochter Julietta herbet
„Komm her, Etta, begrüße die gnädige Frau, die doch in langen Tagen unser lieber und hochgeehrter Gast gewesen ist. Madonna... ganz rot ist das Kind geworden vor Verlegenheit... sei nicht so linkisch, Etta."
Aber barm, als bie Tochter außer Hörweite war, flüsterte sie voll Mutterzärtlichkeit in Renates Ohr:
„Gelt, Signora, Etta ist eine schöne Braut? Dieses blonde Haar vererbte ihr meine Urmutter Rasfaela Pallabio, ich bin sehr stolz barauf. Sie war zu ihrer Zeit bie schönste Frau Eefalus, ber alten Sarazenen stabt. Sie können mir wohl glauben, Signora...“
Durch bie Straften Kairos hauchte der Sirokko seinen heißen, glühenden Atem.
Seoigne vermochte kaum Atem zu holen, er fühlte sich schlapp und müde, wenn dieser Hals und Lungen ausdörrende Wüstenwind lange an» hielt. Dor drei Tagen war er in Port Said angekommen, wollte längeren Aufenthalt nehmen. Aber jetzt fühlte er sich unlustig, abgespamtt, sehnte sich zurück nach den kühlen Weingärten der italienischen Küste und aller Zauber dieser interessanten Stadt, in der er seit drei Tagen weilte, vermochte diese Müdigkeit, die ihn überfallen hatte, nicht zu dämpfen.
Er saß im Hotel Continental einem jungen Inder gegenüber, den er an Bord seines Schiffes f ernten gelernt hatte. Einsilbig nur beteiligte er sich an ber Unterhaltung, bie ber anbere fast allein führte. Der Jnber sprach ein elegantes Französisch, war weitgereist unb weltgewanbt. jetzt eben schwärmte er wieber von Paris, dieser mondänen Stadt an der Seine, dieser Königin aller Städte. ScDiqne hörte ihm lächelnd zu. Dieser junge Mensch hatte eine Geliebte in Paris, wie er ihm schon auf dem Schiff anvertraut hatte. Deshalb Wohl konnte er sich in seiner Begeisterung nicht genug tun, kam immer wieder auf Paris zu sprechen. Er befand sich auch jetzt wieder auf dem Weg dahin, hatte nur vorher einen Abstecher nach Kairo unb Umgebung machen wollen
-Es ist sehr bebaaerlich, baß Sie nicht ftänbig ba leben können, wohin Sie Ihr Herz zieht. Monsieur" Jagte der Marquis jetzt unb bekämpfte feine Mübigkeit. „Paris ist wunbervoll, ich würbe bies auch immer wieber feststellen, wenn es nicht meine Vaterstabt wäre. Auf jeben Fremben übt sie benfelben Zauber aus, bem auch Sie verfallen sinb, Monsieur, unb mich leibst ergreift immer Heimweh, wenn ich der Lichtstabt lange fernbleiben muß. Paris ist bie Stabt ber Schönheit, ber Lebenslust, des Genusses und der Liebe. Kommen Sie, wir wollen auf alle diese herrlichen Eigenschaften meiner Vaterstadt anstoßen."
(Fortsetzung folgt.)


