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Montag, 28. September 1931

181. Jahrgang

Hl 226 (Erftes Blatt

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vnitk und Verlag: vrühl'fche Unlverfltütr-Vllch' und Steinöniderei R. Lange in Stehen. Zchristleitung und Geschäftsstelle: Zchlllttrahe 7.

Annahme non Anzeigen für die Tageanummer bi» zum Nachmittag vorher.

Preis für l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Neichapfennig; für Ne« Klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Nerchspsennig, playvorschrift 20* , mehr.

Chefredakteur

Dr. Friedr. Will). Lange. Derantwonlich sürDoßttl» Dr Fr. Will). Lange: für Feuilleton Dr H.IHnrlot. für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in (Bieben.

Eriche,n, läglid),anfee, Sonntag» und Feiertag».

Bella aea:

Die Illustrierte (Siebener Familienblätter

Heimat >m Bild Die Scholle.

Monat» Bezugspreis: 220 Reichsmark und 30 Neichspfennig für Träger­lohn, auch bei Nichter­scheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt.

Zerniorechanichlüfle anterSammelnummer2Bl. Anfchrift für Vrahtnach- richten Anzeigerl<be*-

Pokicheckronto:

Fran ff ort am Main 11686.

Der französische Ministerbesuch in Berlin.

Glatter Verlauf der JUife. Herzliche Begrüßung in der Reichshauptssadt. Zufriedenstellendes Ergebnis der ersten Besprechungen.

Die Abreise.

herzliche Ovationen beionderS für Briand Pari«, 26. Sept (WTD.) Hm 16.25 Uhr sind mit dem fahrplanmäßigen Rordeffpreß Minister» Präsident Laval und Außenminister Briand mit der französischen Delegation nach Berlin abac- reist. Schon eine halbe Stunde vor der Abfahrt erschien Ministerpräsident Laval, begleitet vom LandwirtschastSminister Tardieu, aus dem Bahnsteig, der nur in geringem Umsange abge­sperrt mar. Der Ministerpräsident und der einige Minuten später eintressende Auhenminister D r i a n d wurden vom deutschen Geschäftsträger, Botschaftsrat Dr. F o r st e r, begrüßt.

Aus dem polizeilich abgeriegelten Dahnhos hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt, die jedoch bei der Ankunst der Minister und beim Durchschreiten der Bahnhofs- halle nur in vereinzelte Hochrufe auSbrach. Da­gegen wurden sodann dem Ministerpräsidenten und dem Außenminister auf dem Bahnsteig herzliche Ovationen bereitet, die ihren Höhepunkt erreichten, als Laval und Briand nebeneinander am Abteilfenster erschienen und große Blumensträuße entgegennahmen. Improvisierte Sprechchöre wiederholten immer wieder die Ausruse:Es lebe Laval, es lebe Briand, es lebe der Frieden". Man hatte den Eindruck, daß ganz besonders Briand Gegen­stand lebhastcr Huldigungen war.

Aus deutschem Boden.

Ministerpräsident Laval und Außenminister Briand haben mit dem fahrplanmäßigen Nachtzug um 23 Uhr in Aachen deutschen Boden errei ch L Bei einem kurzen Aufenthalt aus dem Bahnhof in Aachen kam Laval auf den Bahnsteig. Er wurde dort vom französischen und vom velgifchcn Konsul in Aachen und Mitgliedern der französischen und belgischen Kolonie begrüßt. Eine Tochter des Ge­neraldirektors der ZecheCarolus-Magnus" dam- bar) aus Palenberg bei Aachen überreichte ihm einen Blumenstrauß. Sodann begrüßte der Vertreter des Auswärtigen Amtes, Legationssekretär v. Mumm, die französischen Gäste. Erst kurz vor Abgang des Zuges erschien Briand am Fenster des Abteils. Nach einigen Worten für die deutsche Presse befragt, erklärte Briand, er habe die Hoffnung, die beiden Länder zu einer Zusammenarbeit zu bringen. Planmäßig um 23.10 Uhr setzten die Herren die Reise fort.

Die Ankunst in Berlin.

Herzliche Begrützunst auf dem Bahnhof Friedrichstrahe.

D e r I i n , 27. Sept. (WTD.) Ministerpräsident Laval und Außenminister Briand trafen heute um 8.40 ilfcr mit den Herren ihrer Be­gleitung auf dem Bahnhof Friedrich­straße ein. Zur Begrüßung hatten sich auf dem Bahnsteig Reichskanzler Dr. Brüning, Reichsauhenminister Dr. 6 u r t i u 6 und die Staatssekretäre Dr. Pünder und von Bü­low. ferner der Chef des Protokolls Graf T a 11 e n b a ch und die Herren der französischen Botschaft sowie der französische Generalkonsul in Berlin eingefunden. Auch eine Abordnung der hiesigen französischen Kolonie hatte sich zur Be­willkommnung auf dem Bahnsteige eingestellt. Durch daS Empfangszimmer wurden die Gäste nach dem Borplatz des BahnhofS geleitet, wo sich eine große Menschenmenge zusammengesunden hatte, die beim Erscheinen von Laval und Dri- and in lebhafte Hochrufe auSbrach. Wenige Mi­nuten später trafen die französischen Staats­männer im Hotel Adlon ein.

Das wundervolle Herbstwetter hatte tausend« von Menschen auf die Straße gelockt, die Unter b«\ Linden die Anfahrt der französischen Gäste erleben wollten. Briand zeigte sich unmittel­bar, nachdem er seine Räume betreten hatte, an einem geöffneten Fenster. 3n diesem Augenblick durchbrachen hunderte von Menschen die Polizeikette und liefen auf den Bürgersteig vor dem Hotel, wo sie unter Hochrufen und Händeklatschen Briand zuriefen:Geben Sie der Welt den Frieden!" Briand war durch diese spontane Huldigung sichtlich bewegt. Die Ova­tionen wiederholten sich, als dann auch Laval am Fenster erschien.

Laval empfängt die presse.

Tcr Vorschlag

wirtschaftlicher Zusammenarbeit.

Welch große Bedeutung man in Frankreich selbst der Anwesenheit der französischen Staatsmänner in Berlin beilegt, geht aus der großen Zahl von fran- zösischen Journalisten hervor, die nach Berlin ge­kommen sind. Eine halbe Stunde nach seiner An­kunft empfing Laval in Anwesenheit Briands die Mitglieder der hiesigen französischen Kolo­nie, sowie die Vertreter der deutschen und aus­ländischen Presse, denen er u. a erklärte:

Unser Besuch in Berlin soll ein wichtige» Datum bedeuten in der Geschichte der deutsch-ftanzösischen Beziehungen. Um das vertrauen wieder­

zubeleben, um den Glauben wicderherzustcllen. Ist eine aufrichtige Zusammenarbeit unentbehrlich. Wenn wir noch nicht den Ehrgeiz haben können, alle Mißverständnisse zu beseitigen, die uns noch trennen, wenn wir uns heute die Zurückhaltung auferlegen müssen, gewisse schwierige Probleme nicht zu berühren, so haben wir doch den Willen, alle möglichen Lösungen in» Auge zu fassen, um eine bessere Zukunft für unsere gegenseitigen Be­ziehungen möglichst bald oorzubereiten. Aus roirt- chaf11ichem Gebiete können wir sofort zur Tal schreiten. Wir werden handeln! Ich habe der deutschen Regierung eine Methode vor-

Brianb am Grabe Sttesemanns.

Während Laval im Palais der französischen Botschaft die Pressevertreter empfing, begab sich Außenminister Briand im Automobil nach dem L o u i f e n st ä d t i s ch e n Fried­hof in der Dergmannstrahe, um. dem Grabe Stresemanns einen Besuch abzustatten. 3n seiner Begleitung befanden sich der französische Bot­schafter Francois Poncet und der Chef des Protokolls Gras Tattenbach. Nachdem der fran­zösische Botschafter einen Kranz aus weihen Chrysanthemen mit einer blauweihroten Schleife und einem Strauß roter Rellcn auf dem Sand­steinsarkophag niedergelegt hatte, schritt Briand allein die wenigen Stusen zu dem Grabmal empor, um hier wenige Minuten zu verweilen. 2m Anschluß hieran stattete Ministerpräsident

geschlagen. Wir wollen zusammen do» Werkzeug schmieden in der Gestalt eine» deutsch­französischen Ausschüsse», der die Prü­fung aller wirtschosllichen Fragen, für die unsere beiden Länder Interesse haben, ermöglichen soll. Unsere heutige Ausgabe mag bescheiden aussehen: aber wenn wir sie lösen, werden wir der Sache der Annäherung am besten gedient haben. Die Welt ist unruhig: eine noch nie dagewesene wirtschaftliche Krise ist über sie hereingebrochen. Alle Blicke sindoufunsgerichtet. Unsere Verständigung muß doch endlich kommen: denn sie zu allererst soll uns da» heil bringen.

Laval dem Reichskanzler Dr. Brüning einen Besuch ab, während zu gleicher Zeit Reichs- auhenminister Dr. C u r t i u s den französischen Auhenminister empfing.

Die ersten Besprechungen.

Ter deutsch-sranzöiische Wirtschaftsausschuß.

Berlin, 27 SepL (ERB.) Um 1630 Uhr be­gannen heute nachmittag in der Reichskanzlei d i e Verhandlungen zwischen den deutschen Re­gierungsvertretern und dem französischen Minister­präsidenten Laval und Außenminister Briand. Die Verhandlungen dauerten bis 18.45 Uhr. Wie die Telegraphen-llnion" erfährt, sind in den Bespre­chungen insbesondere wirtschaftliche Fragen

behandelt worden. Auch der Layton-Bericht wurde in den Bereich der Erörterungen gezogen. Die Atmosphäre, in der die Verhandlungen ftatt- sonden, wird an unterrichteter Stelle al» hoff­nungsvoll und befriedigend bezeichnet. Beiderseits wird betont, daß durch die angcftrcblcn Vereinbarungen keine Front gegen irgendein dritte» Land gebildet werden soll, vor allem wurden Pro­bleme der deutschen und der ftanzösischen Wirtschasl»- beziehungen erörtert, insbesondere der chemischen und E I e k t r o i n d u st r i e. Die Besprechungen dürften auf eine stärkere Verflechtung der französischen unddeutschen Wirtschaft abzieleu. Das (Ergebnis der heutigen Konferenz ist eine grundsätzliche Einigung über d i e Bildung eines unpolitischen beraten­den deutsch - französischen Ausschus­ses aus Regierungsvertretern und Vertretern der Industrie, sowohl Arbeit­gebern wie Arbeitnehmern, der Mittel und Wege suchen soll, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern zu verbessern. Die Verhandlungen, die einen sehr zufriedenstellenden Verlauf nehmen, werden Montag vormittag fortgefeht.

Trinlsprüche derÄegierunMesS Auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit der beiden Böller.

Reichskanzler Dr. Brüning gab am Sonntag zu Ehren der französischen Gäste ein Abendessen, an das sich ein Ernpsang schloß. Zu dem Abend­essen waren neben der Begleitung der franzö­sischen Gäste die Mitglieder des ReichskabinettS. das Präsidium des Reichstages, Dertreter des Reichsrates, sowie einige Mitglieder des Reichs­tages und der 'höheren Beamtenschaft geladen. Während deS GssenS wurden zwischen deS Reichs­kanzler und dem französischen Ministerpräsidenten Trinksprüche gewechselt.

Der Reichskanzler:

Gw. Exzellenzen I Meine Herren I 3m Romen der Reichsregierung heiße ich Sie herzlich will­kommen und sage Ihnen meinen aufrichttgen Dank dafür, daß Sie unserer Einladung gefolgt sind. 3n Ihnen, Herr Ministerpräsident, begrüße ich den Ches der französischen Regierung, der, in besonders schwerer und ernster Zeit be­rufen, die Geschicke des französischen DolkeS zu leiten, es in kurzer Zeit verstanden hat, sich größ­tes Ansehen und hc^ste Achtung unter den Böl­lern Europas und der Welt zu erwerben. 3n Ihnen, Herr Minister Briand, sehen wir den erfahrenen Staatsmann, der an der Spitze zahl­reicher französischer Kabinette gestanden hat und seit nunmehr fast sieben Jahren ununterbrochen die Außenpolitik der französischen Republik leitet. Für uns wird Ihr Rame stets verbunden bleiben mit der Erinnerung an den leider so früh dahin- gerafsten Minister Stresemann, dessen ich auch in dieser Stunde gedenken darf.

Seit unserem Besuch in Paris Hot sich d i e L a g e Europas st ändigverschlechtert. Die wirt­schaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten einzel­ner Länder haben sich zu einer Weltkrise verdichtet, zu deren Ucberwindung außerordentliche Anstren­gungen geboten erscheinen. Zn dieser sorgenvollen Zeit ist längst die Erkenntnis Allgemeingut gewor­den, daß Europa nur durch zielbewußte und ver­ständnisvolle Zusammenarbeit aller Natio­nen, nur durch schnelle und gegenseitige ) i l f e vor dem schlimmsten Elend und dauernden Zusammenbruch gerettet werden kann.

(Eine wirklich ausgeglichene und fruchtbare Zu- fammenarbeit unter den Völkern (Europas und die für den lebendigen Wirlfdjaflsaustaufd) mit der neuen Welt notwendige Stabilisierung des europäischen Friedens erscheint erst an dem läge gesichert, wo bei den beiden großen Rach- barvölkeru DeutschlandundFraukreich das vergangene seelisch überwunden ist und der Blick sich gemeinsam der Zukunft und ihrer gei­stigen, wirtschaftlichen und politischen Gestaltung zuwendet. Wir wissen, daß die (Erinnerung an die Vergangenheit zwischen Deutschland und Frankreich unendlich viel Trennendes enthält. Aber diese (Erinnerungen dürfen kein Hindernis sein, aus der Erkennt­nis die notwendigen Folgerungen zu ziehen, daß eine deutsch-französische Zusammenarbeit unentbehrlich ist, wenn die Wirtschafts­ordnung (Europas und der Welt vor dem sie bedrohenden Zusammenbruch gerettet werden soll.

Wir werden uns beiderseits von dem Willen leiten lassen, Trennendes beiseitezulassen und dos Gebiet zu suchen und auszubauen, auf dem eine G e - meinsamkeit der Interessen besteht, und eine Uebereinstimmung gefunden werden kann. An­gesichts des Ernstes und der Bedeutung der gemein­schaftlich in Angriff genommenen Aufgaben dürfen wir uns aber nicht verhehlen, daß bis zur Errei­chung des beiderseits erstrebten Zieles noch e i n

Die Ankunft der Minister am Bahnhof Friedrichstraße. Don links nach rechts: Reichsaußenminister Dr. Curtius, der französische Außenminister Briand, der französische Ministerpräsident Laval und Reichs- kanzler Dr. Brüning.

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