Nr. 50 Drittes Blatt
Samstag, 28. Februar (931
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)
Kaust! - Schaff« Arbeit!
Dos furchtbare Schicksal der Arbeitslosigkeit ergreift immer noch in steigendem Maße breite Schichten unseres Volkes. Nach dem neuesten Zählungsergebnis der Arbeitslosenversicherung sind im Deutschen Reiche gegenwärtig rund 5 Millionen Arbeitslose vorhanden. Eine furchtbare Zahl! Furcht- bar sowohl hinsichtlich der wirtschaftlichen Auswirkung für den einzelnen wie für die Gesamtheit, furchtbar aber auch im Hinblick auf die ethischen Schäden, die mit diesem Massenelend verbunden sind, und von denen die mit lebensfroher Schaffenskraft und großer Hoffnungsfreudigkeit erfüllte Jugend am stärksten bedrückt wird. Zwar werden vom Reich, von den Ländern und den Gemeinden beachtenswerte Anstrengungen gemacht, der steigenden El.endsflut weitmöglichst entgegenzuwirken. Soziale Hilfsmaßnahmen der verschiedensten Art, unterstützt und aus- gedehnt von privaten Helfern, sind seit langem am Werk. So anerkennenswert diese Hilfsmaßnahmen sind, darf aber doch nicht übersehen werden, daß sie nur die ärgsten Auswirkungen des beklagenswerten Schicksals der 5 Millionen Arbeitslosen und ihrer Angehörigen etwas lindern können, das Uebel s e 1 b st jedoch nicht an der Wurzel treffen
Wenn man eine in die Tiefe gehende Hilfe ins Werk setzen will, muß man bestrebt sein, Arbeits- und Verdien st Möglichkeiten zu schaffen, die fid) auch nach der Breite hin auswirken, d. h. Aroeitsgelegcnheit in immer weiterer Folge erstehen lassen, lieber das ganze Reichsgebiet hin ist ein derartiger Plan wegen der starken finanziellen Auswirkung natürlich viel schwie. riger in die Tat umzusetzen, als auf kleinerem und lokal begrenztem Raume, auf dem unter Bereitstel- lung von relativ kleinen Mitteln schon eher allerlei Arbeitsmöglichkeiten erschlossen werden können. Im Rahmen eines Stadt, oder Kreisgebietes wird zunächst schon mancher schöne Erfolg bei der Erschlie- ßung neuer Arbeitsquellen dadurch zu erreichen sein^daß
alle noch leistungsfähigen Personen und Firmen Arbeltsaufkräge erteilen und Dareneinkäufe vornehmen,
von denen sie sich bisher zurückgehalten hatten. Es mag an sich ja begreiflich sein, daß viele Bürger in Stadt und Land in den letzten Wochen der allgemeinen Preissenkungsaktion mit Käufen und Vergebungen von Arbeiten möglichst zurückhielten in der Hoffnung, einige Zeit später mit weniger Geld dasselbe Kauf, oder Auftragsergebnis erzielen zu können. Bedauerlich war bei dieser Erscheinung besonders die Tatsache, daß sich geradezu eine Enthaltsam- keitspsnchose geltend machte, die nicht mit Unrecht als Käuferstreik bezeichnet wurde, und die für die Geschäftswelt, wie auch für die übrigen Wirtschafts- kreise schwerwiegende Nachteile zur Folge hatte. Nunmehr ist die Preissenkungsaktion der Reichsregierung als abgeschlossen anzusehen. Auf der anderen Seite sind bei den Beamten, Angestellten und Arbeitern Einkommenssenkungen durchaeführt worden, oder zum Teil noch in der Durchführung begriffen Man kann hiernach wohl behaupten, daß jetzt wieder eine Stabilität der Preisner- haltnisse Platz gegriffen hat, die eine weitere E" thaltsamkeit von Käufen oder Arbeitsaus- trägen als völlig zwecklos erscheinen läßt. Hieraus gilt es nun die eigentlichen Schlußfolgerungen der Preis- und Einkommenssenkung zu ziehen: nämlich die allgemeine Verpflichtung zur Neubelebung der Wirtschaft! Nach dieser Richtung hin muß jeder Mitbürger in Stadt und Land, der noch über einiges wirtschaftliches Leistungsvermögen verfügt, tatkräftig mit- helfen. An Anregung hierzu fehlt es nicht. Von unserer Geschäftswelt werden preiswerte Angebote auf allen Gebieten des Lebensbedarfs gemacht. Eine Prüfung der Zeitungsanzeigen liefert den Beweis; sie offenbaren, daß der Verbraucher sich auf den verschiedensten Gebieten der Lebenshaltung jetzt erheblich billiger als noch vor einigen Monaten bei gleichguter Qualität der Waren wie damals versorgen kann. Diese Möglichkeiten gilt es nun zu nutzen.
An Karl Wolfskehl.
Anläßlich seines ÄucheS: „Äild und Gesetz"'.
3on Albert S. Rausch, Paris.
„Aber die Fülle Strebt zu der Fülle Lind mehrt sich an ihr.. Geber und Gabe 3n steter Befruchtung Werden ein Eines: Hinfluß und Rückfluß: Das Meer - v das Meer!"
Llnendlich verehrter Karl Wolfskehl:
Erlauben Sie mir, diese Strophen aus einem werdenden Versbuch — Sie kennen einige Gedichte daraus, die ich Ihnen in unvergeßlichen Stunden vorlesen durfte — den Worten voranzustellen, die sich mir heute für Sie aufdrangen. Den Worten, die ich Ihnen in heimlicher, innerer Zwiesprache hundertmal gesagt, die ich jedoch bis zu diesev befehlenden Stunde niemals in allen sichtbare Zeichen gebannt habe. Warum nicht? Wenn wir dieses Dunkel der Verzögerungen deuten könnten! Ein Glück, daß wir cs nicht deuten können. Denn unser Leben hätte vielleicht keinen Sinn mehr, wenn cs des raunenden Geheimnisses der Tatvorbereitung, der geistigen und der stofflichen, entblößt würde. Was uns ergreift, beseelt, tn Schwingung verseht, verlangt oft nach langem, ungebundenem Hinschweben in dem Luftkreis, der unser Dasein umlagert: bis dann, von Gott gegeben, der entzündete Augenblick erscheint, der es gebieterisch in die Rotwendigkeit seiner einmaligen, wahrhaften Gestalt stößt: und trage diese Gestalt auch alle Züge der Llnzulänglichkeit, so wie dieses Bekenntnis zu Ihnen, welches sich formte, als ich das unerhörte Buch las, das Sie uns jüngst unter dem Ramen „Bild und ® e- s c h" geschenkt haben. Wann — ja wann denn ist es uns feil vielen Iahren einmal geschehen, daß uns das Wehen eines außerordentlichen Geistes, daß uns das umflammende Feuer einer außergewöhnlichen Erscheinung mit dem heiligen Schreck unbeschatteter Freude angefallen hätte?
* Karl Wolfskehl: „Bild und Gesetz." Gesammelte Abhandlungen. Deutsch-Schweizerische Ver- lagsanstalt, Berlin-Zürich. 231 S.
Sind Einkäufe erforderlich, von denen man bisher aus den vorerwähnten Gründen abgesehen hat, schiebe man sie nicht weiter hinaus! wer Arbeiten auszusühren hat, zögere nicht länger, sie in Auftrag zu geben! .
Dadurch erfahren Handwerk und Gewerbe eine Neubelebung, auf die sie und alle damit zusammenhängenden Bürgerschichten schon seit langer Zeit sehn, süchtig warten. Von dieser Stärkung der Wirtschast in kleinerem Kreise wird unzweifelhaft eine Auf- wärtsbewegung in größerem Rahmen zu erhoffen sein, denn wenn Handwerk und Gewerbe durch Zuführung neuer Arbeits- und Verdienstmöglichleiten ergiebigere Einnahmequellen als bisher an die Hand bekommen, werden sie ihrerseits auch wieder verstärkte Bedarfsdeckung haben und dadurch ihren Liefe- ranten und somit größeren Wirtschaftskreisen neue Einkommensquellen erschließen. Hieran sind natürlich alle Teile der Bürgerschaft interessiert, denn wenn es der Wirtschaft wieder besser geht, wird es ihr — beispielsweise — auch wieder leichter sein, ihren Anteil an den öffentlichen Lasten zu tragen. Dadurch werden sich dann auch am ehesten die wirtschaftlichen Grundlagen der Beamten, Angestellten und Arbeiter festigen. Wer also seine Auftrags- und Kaufscheu nun endlich aufgibt, kann nach seinen Kräften von untennachobenmitwirkenanderNeu- belebung der Wirtschaft, an der Wieder- beschäftigung von Arbeitskräften und damit an der Besserung der Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt. Man sage nicht, daß nur mit großen Aufträgen bzw. Käufen heutzutage für die Wirtschaft und die Be- kämpfung der Arbeitslosigkeit etwas Beachtenswertes getan werden könne Wie überall, so gilt auch hier das Sprichwort, daß viele Wenig doch ein Viel zeitigen. Und darauf kommt es ja auch an, daß der einzelne nicht nur über die schlechten Wirtschaftsverhältnisse schimpft, sondern sich nach Maß- gäbe seiner Kräfte bemüht, zur Behebung der Schwie. rigfeiten beizutragen.
Kann auf diese Weise schon mancherlei Gutes ge- schehen, so nicht minder einflußreich, ja, in noch stärkerer Auswirkung durch wirtschaftsaufbauende Maßnahmen der Bürger- gesamtheit in Stadt und Land. Was es bedeutet, wenn ein Gemeinwesen als Auftraggeber ausfällt,' haben wir in Gießen erlebt durch Stilllegung der städtischen Bautätigkeit im Herbst 1929. Seit dem damaligen Erliegen des Baugewerbes ging es auch mit den anderen Wirtschaftszweigen unserer Stadt allmählich rückwärts, da eben der Ausfall von Arbeit und Verdienst im Baugewerbe seine natur- notwendigen Rückwirkungen auch auf alle anhängen- den Handwerks, und Gewerbezweige ausübte. Auch aus dieser Sachlage gilt es jetzt die richtigen Lehren zu ziehen, die dahin gehen, durch Wieder- belebungdesBaugewerbesalsSchlüs. f elflerocrbe einen Wiederan st ieg für alleübrigenWirtschaftszweigezuer- möglichen. Das wird natürlich nicht ohne sinan- zielle Anstrenaunqen der Bürgergesamtheit in gewissem Ausmaße möglich fein, aber weit stärker als diese Seite der Angelegenheit dürfte doch wohl die Tatsache ins Gewicht fallen, daß auch auf diesem Wege
wieder Arbeit und verstärkte Kaufkraft
in weitere Bevölkerungkreise hineingetragen wird, van der natürlich die Wirtschaft in allen ihren Gliedern Vorteil erwarten darf.
Wenn die einzelnen Bürger und die Stadt oder der Kreis als Vertreter der Bürgergesamtheit auf den hier bezeichneten Wegen verständnisvoll marschieren, fest in dem Entschluß, jedermann an seiner Stelle und nach seinen wirtschaftlichen Möglichkeiten beizutragen zur Besserung unserer wirtschaftlichen Ver- hältniüe, dann werden mit Sicherheit in unserer engeren Heimat zahlreiche Arbeits- und Verdienst- mögkichkeiten erschlossen werden können und damit auch ein verheißungsvoller Weg zur wirtschaftlichen und moralischen Wiedergesundung unseres Volkskörpers eröffnet.
Wann ist es uns geschehen, daß uns das „Wort" traf und nicht eine Folge von Wörtern „reizte" oder „fesselte"? Wann haben wir vergessen dürfen, daß mit Worten etwas über etwas ausgesagt wurde? Wann haben wir dankbar fühlen dürfen, daß ein kaum zu fassender Einklang von Wort und offenbartem Gegenstand sich als der Sinn des Lebens selbst erwies?
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Da liegt Ihr Buch vor mir — seit Wochen. Wieviele Male gelesen? Ich weiß es nicht.. Ich weiß nur: niemals ausgeschöpft, niemals bis in das Letzte ausgefühlt. Erwittert, ja: in feinem Grundton, in seinem Endzusammenhang, in seiner Weltenweite, die nie ein Geist noch einmal nachfagen oder gar erklären wird. Mitten in der Arbeit, die der Tag aufzwingt, greise ich plötzlich zu diesem Buche. Schlage irgendeine Seite auf, lese weiter: nein, atme weiter in dieser Luft, trinke weiter von diesem Wein — hole Kraft, Bestätigung, Ansporn aus solcher Weihe — und schreite schöner durch den mühsamen Tag, erleuchteter, veredelter. Ich weiß: viele Abende lang wird mir eine solche Zufalls- Seite das Unzufälligste, das Wichtigste meines eignen Lebens vor den Spalt der sinkenden Wimper stellen, viele Abende lang wird dies „Andere" — Ihr Werk — mich mir selbst am tiefsten schenken, indem es mich ganz der eignen Erscheinungsform enthebt. Dies aber ist ein Letztes, das Sterblichen vergönnt wird: Erfüllung durch Versenkung.
Es ist nichts zu berichten über Ihr Buch. Richt einmal aufzuzählen ist, was darin steht. Alles steht darin. Da schon die Worte, in denen Sie Sinn und Willen Ihres Werkes zusammengeschmiedet haben, die ehernen Spangen des Lebens selbst sind: „Bild und Gesetz" /Gestalt und was Gestalt verleiht) — wer sollte sich auslassen eben über das, was durch Gesetzes Zwang zum Bilde dieses Werkes geworden ist? Wer sollte sich unterfangen, Ihre eignen Rotwendigkeiten zu deuten, da Sie selbst ihnen die überpersönliche (und doch nur Ihnen mögliche, nur Ihnen ang-hörende) Form (— Sichtbarwerdung) verliehen? Rur der künstlerische Geist konnte uns dieses Werk schenken, nur der unentwegt von Dionysos geregte, an- und umgetriebene Geist, der noch um schon Geschaffenes schafft (das Bild", die „Bilder") — und schafft im Urgrund
Oberbeffen.
Büdinger Hexenprozeffe.
Vortragsabend im Bübinger Geschichtsocrein.
! I Tübingen, 26. Febr. Lehrer Kar» Heu - f o h n . Lorbach sprach im Rahmen der Vorträge des Bübinger Gcjchichlsvereins über „Bübinger Hexenprozefje — ein Kulturbild aus dem 16. und 17. Iahrhunder t". Der Bor» sitzenbe bes Geschichtsvereins Geheimrat Dr. Mohr begrüßte bie zahlreich erschienenen Zuhörer.
Der Rebner bes Abenbs machte zunächst mit ben verschiedenen Stätten ber entsetzlichen Volkstragödie befannt. In guten Lichtbildern würben die Leibens- ftationen jener armen Menschen, nämlich ber Hexenturm, wo sie gefangen gehalten, der Folterturm, wo sie peinlich befragt wurden, ferner Hexenfriedhof und Hexenweg, die in der Regel das traurige Ende deuteten, außerdem das Rathaus und ber Iunkern- hof, als Tagungsort ber amtlichen Gerichtspersonen, gezeigt. Der fRetmer kannte bunt) Vergleiche mit anberen Stabten nachweisen, baß bie Stabt Bübingen biesem furchtbaren Aberglauben die m c i ft e n Opfer bargebracht hat. Selbst L i n b h e i m , bas in diesem Punkte, dank der Tätigkeit des Amtmannes Geis, einen traurigen Rubm erlangt hat, weist nicht so viele Hexenprozesse auf wie die Stadt Büdingen.
Im Jahre 1562 wurden in Bübingen bereits sechs Personen wegen Hexerei angeklagt, zum Teil aber gegen Bürgschaft roieber frcigelaffcn. 1564 würbe eine ältere Frau, bie allgemein als Hexe bekannt war, zum Feuertode verurteilt. Sie konnte nicht bestreiten, baß sie gelegentlich einen Segen gesprochen, oder Wahrsagerei gepflegt habe. Daß es sich hier meistens um harmlose Sprüche handelte, bewies der Redner an einigen Beispielen. Mit besonderer Heftigkeit traten die Hexenverfolgungen im 3 0jährigen Kriege auf. In ben Jahren 1631 unb 1632 würben in Bübingen 11 Frauen wegen Hexerei angetlagt, verurteilt und hingerichtet.
In seinen weiteren Ausführungen ging der Redner auf die Form der Gerichtsbarkeit selbst näher ein und legte ben Gang ber Verhandlung bar. Als Grundlage galt die von Kaiser Karl V. (dem Spanier) gegebene „Peinlich Gerichts-Ord- n u n g", die meistens nicht gehalten, sondern überschritten wurde. An entlegenen Orten, häufig in unterirdischen Gelassen, wurden die Marterkammern errichtet und mit schrecklichen Werkzeugen ausgestattet. Der Turm im Hirschgraben, mit der deutlichen Inschrift „Gott gnad ber Seel" sei zweifellos hierfür zuständig gewesen. Die Leiben, bie jene unglücklichen Menschen aushalten mußten, waren erschütternb. Ganze Familien wurden ausgerottet; dem Vater wurden Frau und Töchter entrissen, vor seinen Augen aufs schrecklichste gemartert unb hingerichtet. 1633 würben abermals vier Hausfrauen in Eisen gelegt. Nur eine davon, bes Schwanenwirts Ehefrau, hielt alle bie entsetzlichen Dualen aus, ohne ein Geständnis abzulegen. Die drei anderen gaben weitere 105 Personen a 1 s H e x e n an, die ebenfalls gefangen unb größtenteils hingerichtet würben. Da wurde denn der Hexenturm zu klein, man mußte ins Rathaus ziehen, um diesem Massenandrang beim peinlichen Gerichte gerecht werden zu können. Durch die Ereignisse des 30jährigen Krieges fei im Jahre 1634 eine Unterbrechung eingetreten, bie bis zum Jahre 1651 an- gehalten habe. Graf Wilhelm Otto zu Pfenburg unb Bübingen habe sich anfangs allen Anträgen auf neue Herenverfolgungen energisch wibersetzt, aber der Stadtrat, der Bürgermeister, ja die ganze Bürgerschaft habe mit allen Mitteln unb zähester Beharrlichkeit das Hexenbrennen erneut gefordert. Nach einem regelrechten Kampf um diese Schauspiele hat man 1652 abermals begonnen, Hexen zu vernichten. Abermals sind 54 Personen — meistens Frauen — dabei ums Leben gekommen.
Der Redner gab schließlich einen kurzen Einblick in die seelische Beschaffenheit der damaligen Stabt- bewohner. Der Mangel an Zucht und Ordnung, hochgradige Unwissenheit, die in dem Mangel an Schulbildung begründet lag, ferner seelisches Leid und zum großen Teile das von jeglicher religiösen um das wirtliche „Gesetz", aus dem das Bild erwächst.
Wie zwingend - wunderbar taucht aus dem Wogengang der Sprache Ihr leibhaftiges Bild empor: der große Mensch, dem jemals nahe gewesen zu sein, fortzeugendes Glück bedeutet.
Da macht sich breit und bläht sich auf das unerträgliche Geschmeiß der Wortubnutzer, Silbenfüger. Zeilenschmierer: schnüffelt den billigen Weihrauch morgen verwesten Lobes, stellt sich zur Schau an jedem Ort, wo irgendeine Masse hin- treibt, zimmert sich selbst zurecht die Brettersessel der Eitelkeit, erweist sich gefällig dem Klüngel der ..Gleichgesinnten", damit solches „Dienen" ihm dienlich sei, flüstert gewolltes Urteil (aus dem die Münze springt) den Kumpanen ein und füllt — um jeden Preis — den eklen Vordergrund. — —
Doch ferne alle dem (und doch nicht als Der- bammer ferne, ja noch im Rein, im Zweifel noch voll Güte) steht, ganz von Leben trächtig, Ihre einsame Gestalt, wirkend aus Wirkenstrieb, dämonisch-dunkel, Iahrzehnte lang von Kurz- und Liebersichtigen kaum wahrgenommen, erfaßbar nur bisher, erreichbar nur dem Blick der Llnumnebel- ten, die da bewundern, wo sie wahrhaft lieben müssen.
Aber die Zeiten dieses Fernestehens und Llm- schwiegenseins sind vorüber! Ohne Absicht, ohne vorbedachten Feldzugsplan, haben Sie selbst den Dann gebrochen in einem neuen Gehorsam gegen Ihren Gott: Sie haben lange zerstreute Früchte, die dieser Gott Ihnen gab. gesammelt, ohne anpreisenden Aufruf, rührend bescheiden, wie nur wahre Größe sammelt--und eine ungeheure
Ernte wurde sichtbar: Ihres Seins. Ihres Wirkens, Ihres Lebens eng im Raum gedrängte Ernte. Lind damit auch Ihr wahres, niemals mehr zu übersehendes Maß.
Dieses Maß ist es. das' ich preise und vor dem ich mich neige: die beklemmende Spannweite und Schautiefe Ihres Wesens, die mehr als selten sind im Deutschtum dieser Zeit. Ein Standbild, sind Sie aufgewachsen hinter dem Dorder- grundgewühle der Belanglosen. Keines Deutschen. keines Europäers geistiger Weg mehr kann in Meilenferne an solchem Bild vorüberführen.- sofern er ein Weg ist.
Verantwortung befreite Gefühl ber Rache, sind in ben meisten Fällen bie Ursachen dieser furchtbaren Volksnot gewesen.
Mit einem treffenden Dichtcrwort ließ ber Redner seinen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag aus- klingen. Geheimrat Dr. Mohr dankte dem Redner für seine interessanten Ausführungen.
Stadtvorstand Alsfeld.
M Alsfeld. 27. Febr. In der letzten Stadtvorftandssitzung gelangte der Voranschlag des städtischen Schlachthof e s für das Rechnungsjahr 1931 zur Vorlage. Dieser bewegt sich in der Betriebsrechnung mit 28 555 Mark in Einnahme und Ausgabe. AuS den Erläuterungen des Vorsitzenden war zu entnehmen, daß die Schlachtungen an Großv.eh in dem letzten Iahre zurückgegangen sind, die Schweineschlachtungen Dagegen zugenommen haben. Infolge größerer Reparaturen in der Lchlachthalle können dem Reservefonds diesmal nur 500 Mark zugeführt werden. Der Voranschlag wurde durchberaten und unverändert angenommen.
Der Voranschlag sür den Prämienmarkt 19 31 sieht in Einnahme und Ausgabe 10 000 Mark vor. Infolge der immer mehr zurück- gehenden Einnahmen aus der Verlosung muh der städtische Zuschuß für die Markiveranstaltung auf 1420 Mark erhöht werden. Mit dem Markte soll diesmal wieder eine größere reitersportliche Veranstaltung durch den Reiterver- ein des Kreises Alsfeld unter Mitwirkung eine« Teiles des Fuldaer Artillerieregiments ftattfin- den. Gleichzeitig soll mit dem Markte eine Geflügelschau und Kaninchenausstellung verbunden werden. Der Voranschlag wurde nach den Vorschlägen der Marktkommission genehmigt.
Der Landwirtschastskammerausschuh für die Provinz Oberbeffen legt großes Gewicht darauf, daß die Prämienmärkte in Oberheffen möglichst einheitlich, insbesondere hinsichtlich der Verteilung der Geldpreise, gestaltet werden. Dr hat zu diesem Zwecke den oberhessischen Marktstädten. soweit sie Zuschüsse von dem Landwirtschaf tskammerausschuh erhalten, bestimmte Richtlinien über die Vertei lung der Prämien vorgeschlagen und ersuchte um Zustimmung hierzu. Die Richtlinien wurden angenommen.
Unter Mitteilungen gab der Vorsitzende bekannt. daß der Minister deS Innern die kürzlich beschlossene 50prozentige Erhöhung der Ka- nalbenuhungsgebühr mit Wirkung vom 1. April 1931 genehmigt, jedoch den in der seitherigen Gebührenordnung für besondere Falle vorgesehenen Zuschlag zu den Kanalbenutzungsgebühren beanstandet habe.
Stadtrat in Buhbach.
pb. Butzbach, 28. Februar. In der gestrigen Stadtratsitzung wurde folgendes beschlossen:
Die Verhandlungen mit der Reichspost wegen Uebernahme des Autoverkehrs Butzbach und Umgegend G. m. b.H. stehen nunmehr vor dem Abschluß. Danack müssen die Gemeinden, die seinerzeit für den Autoverkehr zur Anschaffung eines Wagens Bürgschaften in Höhe von 17 000 Mark übernommen haben, auf diesen Betrag verzichten bzw. ihn selbst aufbringen. Butzbach soll sich hierbei mit einem Betrag von 6000 Mark beteiligen. Die von der Stabt seinerzeit übernommene Aussall- bürgschast wird durch den von der Reichspost für die Wagen zu zahlenden Kaufpreis gedeckt, fo daß die Stadt Butzbach hieraus nicht in Anspruch genommen werden kann. Der Stadtrat beschloß, den Befrag von 6000 Mark zu bewilligen und ihn, soweit es angängig ist, aus lausenden Mitteln zu decken, andernfalls ein Darlehen beim Mathildenstift aufzunehmen.
Der Omnibusbetrieb des Autoverkehrs Butzbach wird nunmehr von der Reichs- p o ft übernommen werden. Diese verlangt, daß für [eben gefahrenen Kilometer ein Mindestpreis von 75 Pf. bis zu einem Höchstbetrag von 8000 Mark jährlich von den interessierten Gemeinden insgesamt garantiert wird. Die Bindung der Gemeinden soll
Ganz auf der Höhe Ihres Lebens wurde diese Sichtbarwerdung Ereignis: Sie sind von denen, welche langsam in ihr letztes Anillih wachsen. weil Sie sich unaussprechlich bemüht haben — Ihr ganzes Leben lang. Liebend bemüht, demütig bnnüht, dankbar bemüht um alles Große, das ergreift, um alles Süße, das bezaubert, um das Kleinste auch, sofern eS befruchtend war. Llnüberschaubar dehnen sich die Ebenen Ihres Wissens. Llnsaßlich ist die Kraft Ihres Gedächtnisses, unfaßlichcr noch die Gabe des Beziehen könnens. Ein Wunder aber dünkte uns, den Freunden langer Iahre, immer, wie Ihnen auch die kleinste je erworbene Kenntnis für den richtigen Augenblick greifbar blieb. Wirkt die Magie Ihres Geistes aus einer vierten Dimension?
Lind wie ist all dies ungeheure Wissen als Einheit gestaut, geschichtet, ein- und beigeordnet? Erkenntnis stets, und niemals Kenntnis nur?
Törichte Frage, da Sie selbst nicht Antwort wüßten! Sie sind! Lind dies ist alles! Anfang, Mitte, Ende.
Sie sind aus unabgrenzbar vielen Diel ein Eines — und mitten im Kairos Ihres Sternes. der den zeitlichen Horizonten zustrebt. Die jungen Deutschen werden zu Ihnen kommen, nicht mehr von uns geführt, den früh ergriffenen Bekennern: sie werden mit derselben Rotwendigkeit aus sich allein kommen, mit der Sie Ihnen plötzlich erschienen sind. Sie werden, wie wir, die Stirne senken vor der schöpferischen Kraft, deren Bote Sie find: und vor der wunderbaren Lauterkeit Ihres Wesens, das sich niemals auch nur den Schatten eines ungemäßen Wertes erschlich.
Sie sind einer der seltenen, ganz reinen Menschen dieser Zeit. Dies ist Ihre größte Größe. Der Aeberfchuß. Sie sind, wer Sie sind, aus Lieberfülle.
Sie sind immer mehr, als Ihre Werke lünben. Wer je mit Ihnen Rächte lang in glühenden Gesprächen sah, weih, was ich meine.
Lassen Sie Ihre Tür weit offen für die deutsche Jugend. Sie sind — in diesen qualvoll- bangen und verworrenen Zeiten — eine Rvt- toenbigfeit
Denn wer darf heute wagen, wo bt? Rot regiert, liebend Verschwender seiner selbst zu fein?


