Nr. 2<9 Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Samstag, 24. Oktober 1931
Notruf aus dem
Der Präsident des Deutschen
Auf Einladung der Gießener Ortsgruppe des Deutschen Ostbundes, des VDA. und des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins sprach am Donnerstagabend in einer sehr gut besuchten Versammlung im „Hindenburg" der Präsident des Deutschen Ostbundes, Dr. Franz Lüdtke- Berlin, über
die Not des deutschen Ostens und deren Bedeutung für die deutsche Zukunft.
Der Vortragende betonte zu ‘Beginn seiner Ausführungen nachdrücklich die innige Verbumdenheil aller Deutschen im Westen und im Osten. Hier wie dort sei es deutscher Boden, auf dem um unser gesamtdeutsches Schicksal gerungen werde. Eine starke Einbuhe habe das Deutschtum durch den Verlust der deutschen Ostprovinzen an Polen und durch die Abschnürung O^preußens vom Reiche erlitten. Als Dewr4s für die Gröhe des Schadens gab der Vortragende in grohen Hinrissen einen Einblick in die ostdeutschen Wirtschaftsverhältnisse, die dahin zu charakterisieren sind, dah
die Landwirtschaft und der gesamte handwerkliche und gewerbliche Mittelstand Ostdeutschlands immer mehr in Verfall geraten.
Der Redner gab sodann einen Ueberblick über die Leiden unserer deutschen Stammes- genossen in den früheren deutschen O st Provinzen, die jetzt unter polnischer Herrschaft stehen. Der deutschen Regierung der Vorkriegszeit konnte der Redner den Vorwurf nicht ersparen, daß unter ihren Augen das Polentum sich in starker Weise organisierte. Er erinnerte dabei u. a. an die Mängel der preußischen Ansiedlungspolitik, an die deutschen Entlassungsünden auf dem Gebiete des Schulwesens und der Kulturpolitik, durch die der Pole mit seiner Kenntnis der deutschen und der polnischen Sprache in starke Ueberlegenheit gegenüber den Deutschen tzekommen sei, der nur die deutsche Sprache beherrschte und infolgedessen nicht in der Lage gewesen sei, sich in wirtschaftlicher Und kultureller Hinsicht, namentlich aber auch in der Schaffung eines kräftigen Mittelstandes die Vorhand zu sichern. Unter diesen ungünstigen Verhältnissen sei dann das Deutschtum durch das Diktat von Versailles der Gewalt der Polen ausgeliefert worden, die im Verlaufe der letzten Jahre durch eine
rücksichtslose Liquidationspolitik gegenüber dem deutschen Grundbesitz
eine Entdeutschung unserer früheren Ostmark in großem Ausmaße durchgeführt hätten. Hinter dieser auf einen polnischen Nationalstaat abzielenden Politik stehe das gesamte polnische Volk, In diesem Zusammenhang gab dann der Redner einen anschaulichen Ueberblick über die Organisation des polnischen Militarismus, die sich sogar bis auf die Frauen und die S ch u l- kinder erstreckt und erst bei den jüngsten polnischen Manövern durch die Teilnahme von S ch ü l e r v e r b ä n d e n an den militärischen Hebungen sichtbar wurde.
Weiter wies Dr. Lüdtke auf die Knebelung der deutschen Presse in Polen hin, er erinnerte in eindrucksvollen Worten an die V e r - gewaktigung der M i n d e r h e i t e n r e ch t e in Polen, namentlich auf dem Gebiete des Schulwesens, wo die polnische Politik unter Anwendung aller Schikanen ganz offenkundig darauf abziele, das deutsche Schulwesen zu zerschlagen und die deutschen Sinder auf dem Wege über die Schule
zu polonisieren.
deutschen Osten.
Ostbundes spricht in Gießen.
Leider sei die bedauerliche Tatsache zu verzeichnen, daß der polnische Nationalismus auf diesem Wege ständig Fortschritte mache und die Gefahr der Entdeutschung in der Heranwachsenden Generation immer größer werde.
Nach dieser Beleuchtung der deutschen Not in Polen gab Dr. Lüdtke einen Einblick in die außerordentlich große Not in Ostpreu- ß e n und in der deutschen Grenzmark.
Die Abschnürung Ostpreußens vom Reiche wirke sich für das Wirtschaftsleben der Provinz Ostpreußen in verhängnisvoller Weise aus. Große Teile der oftpreußischen Betriebe, namentlich die Landwirtschaft, befänden sich in der schlimmsten wirtschaftlichen Notlage, vielfach sei bereits der Ruin dieser Betriebe zu verzeichnen.
Zu begrüßen sei es, daß das Reich sich endlich zu der vom Deutschen Ostbund schon lange geforderten O st h i l f e entschlossen habe. Weiter besprach Redner die Bestrebungen der Polen, indendeut- schen Grenzbezirken Grundbesitz anzukaufen und polnische Minderheitenschulen einzurichten. Mit Bedauern stellte er dabei fest,
daß in den letzten zwei Jahren allein 6 0 polnische Minderheitenschulen in den deutschen Grenzgebieten entstanden sind, während gleichzeitig in Polen die deutschen Schulen unterdrückt und aufgelöst würden. Für diese 60 polnischen Minderheitenschulen seien 57' Lehrer aus Polen herangeholt worden, die sich in ihrer Tätigkeit als Vorposten des polnischen Nationalismus fühlen. Demgegenüber sei das Zusammenwirken aller Deutschen zu fordern.
Jeder Deutsche im Reiche müsse die Fragen des deutschen Ostens als seine eigensten Angelegenheiten ansehen, denn nur auf diesem Wege sei es möglich, das Deutschtum im Osten unseres Vaterlandes zu schützen und gegen das polnische Machtstreben zu verteidigen.
Dazu gehöre auch unablässiger und entschiedener Kampf gegen das Diktat von Versailles, dessen Beseitigung angestrebt werden müsse, und die entschiedene Ablehnung eines sog. Ost-Locarno. Dringend erforderlich sei schließlich auch die menschliche Anteilnahme aller Deutschen an dem Geschick ihrer Brüder im Osten.
Im Anschluß an den mit starkem Beifall aufgenommenen Vortrag empfahl der Versammlungsleiter den Zusammenschluß aller deutschen Volksgenossen im Deutschen O st - bund, der seine ganze Tätigkeit auf die Erhaltung des Deutschtums in der Ostmark richte.
gewiesen haben. Zu dieser Summe jedoch kommen noch eine Unmenge anderer Ausgaben. So hat der König zwei Monate lang mit einem (Befolge von 160 Personen in einem gemieteten Palast gewohnt, wofür man getrost mindestens eine Viertel Million Dollar in Rechnung stellen kann. Fügt man die Kosten des Unterhalts für diese zwei Monate und die der Reise hinzu, so gelangt man annähernd zu einer Endsumme von drei Millionen Dollar — immerhin ein schönes Stück Geld für ein Auge, auch wenn es einem orientalischen Herrscher gehört.
Shakespeare auf Chinesisch.
(5) P e t i n g.
Allen Chinesen, die die Kunst des Lesens verstehen, soll nunmehr die westliche Literatur nahe, ganz nahe gebracht werden. Zu diesem Zweck geht man dazu über, Shakespeare aus dem Englischen ins Chinesische zu übersetzen. Zum ersten Mol in der Geschichte der englischen und der chinesischen Sprache. Mit modernsten Mitteln geht man zu Werk. Vielsprachige Könner und Kenner der chinesischen Dialekte und der westlichen Sprachen bemühen sich, die geistige Brücke zu bauen von London nach Peking. Man kennt heute nicht mehr jene Lehrer, die nur ein klassisches Chinesisch sprachen, das selbst dem Schüler kaum verständlich war. Seit einem Jahr wird hier in Peking dauernd übersetzt. Drei Direktoren leiten die Arbeit, die nicht leichter ist, als die Bibelübersetzung des Dr. Martin Luther. Drei Mann übersetzen erst einmal wortgetreu aus dem Englischen in ein erträgliches Chinesisch, drei weitere schleifen die Sprache, so daß sie literarisch wertvoll wird. Und dann kommt ein kleines Heer von Poeten und formt die chinesischen Sätze, die das, was Shakespeare einst sagte, in leuchtenden blumen- und bilderreichen chinesischen Versen wiedergeben. Auf diese Weise ist es möglich, daß Shakespeare viel umfangreicher wird, als er in irgendeiner Sprache der Welt ist. So modern der Chinese in Peking geworden sein mag, auf die Blumen in seiner seltsamen Sprache verzichtet er keineswegs. Das Geld für diese Übersetzung spendete ein Mandschure, der schon lange in Peking wohnt. Er hat ein Uebersetzungskomitee gegründet, das unter der Leitung des Philosophen Dr. Huh Shih steht. Uebrigens einen Trost können wir allen Uebersetzern Europas spenden: den mit der Shakespeare-Ueber- setzung beauftragten Leuten geht's nicht goldig, denn im Lande des Drachens gibt es nicht mehr als 25 Cents für 1000 Worte. Für diese Shakespeare- Uebersetzung hat man die Tarife ein wenig erhöht, so daß man wirklich gute Sprachkenner für bicre Arbeit bekommt. Interessant wäre nur wenn man nach der Fertigstellung dieses Shakespeare-Textes vielleicht einmal eine kleine Rückübersetzung veranstaltete. Fachleute behaupten, man würde dann die tollsten Ueberraschungen erleben. Einen chinesischen Shakespeare, nicht einen Shakespeare auf Chinesisch.
Chinesischer Heereebefehl.
(c) Tientsin.
Vor längerer Zeit häuften sich bei Marschall Tschiangkaischek die Beschwerden der Zivilbevölkerung über die Disziplinlosigkeit der Regierungstruv- pen und auch solche der Soldaten selbst gegen das Willkürregiment einiger Offiziere. Der Marschall prüfte die Beschwerden nach und mußte feststellen, daß sie berechtigt waren. Marschall Tschiangkaischek richtete daraufhin folgenden Heeresbefehl an seine Untergebenen:
„Du darfst nie so grob sein wie ein Sackträger. Deine Ahnen schauen auf Dich und Dein Benehmen herab. Vor dem Tode des Soldaten auf dem Kampfplatz sollst Du keine Furcht haben, wohl aber vor der Verachtung Deiner Mitmenschen. Zeige Dich nicht von Stolz und Eitelkeit besessen, denn das Leben ist nur ein Rauch. Hast Du keine Disziplin, so ist Dein Leben noch weniger wert. Nicht der Zufall regiert Dich, sondern Dein Marschall! Du sollst
Geschichten ans aller Welt.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Die Ueverkatze von Le Havre.
— Paris.
Die Ratten waren auf dem besten Wege, ganz Havre mit Haut und Haaren aufzufressen, mit Mann und Maus. Da ist ein Rattenfänger erstanden, der mit jenem von Hameln nichts anderes gemein hat als die Fähigkeit, diese Bestien wirklich zu vernichten. Es handelt sich nicht um einen chemischen Krieg, nicht um die Schalmeienklänge eines Zauberers, sondern um den Trick eines Tierzüchters, der angesichts der Not, die in Havre ausgebrochen war, nichts Besseres zu tun wußte, als eine Katze zu erfinden. Eine Ueberkatze, eine Kreuzung zwischen kleinem Raubtier und der Hauskatze. Es ist nicht irgendwer, der da diese Kreuzung entdeckte, sondern ein ganz bestimmter und nicht unbedeutender Mann, Dr. Loir, ein Neffe des großen Pasteur, der bekanntlich mit Mikroben und Impfungen dem Bösen zu Leibe ging. Dr. Loir hat sich aus der ganzen Welt alle kleineren, katzenartigen Raubtiersorten kommen lassen und nun mit ihnen experimentiert, da man langsam in Erfahrung gebracht hatte, daß die Hauskatze sich nicht mehr an die Riesenratten der Schuppen von Havre herantraut.
Seit vier Jahren experimentierte er mit den Tieren herum. Genau zur rechten Zeit ist er fertig geworden, um nun den Kaiverwaltungen von Havre eine Großzucht dieser Tiere anbieten zu können. Man hat beobachtet, daß allein die Anwesenheit der Wildkatzen genügt hat, um die Ratten zum Verschwinden zu bringen.
Jetzt legt man in der Nähe von Havre große Farmen an, auf denen nichts anderes gezogen werden soll als Katzen — Katzen der besagten Art und unbeschränkt in der Zahl.
Der Neffe des großen Pasteur hat sich kontraktlich verpflichtet, im Laufe von drei Monaten genug Katzen zu züchten, die den gewünschten Ansprüchen genügen, um in wenigen Tagen dann alles an Ratten verjagt zu haben, was sich in Havre blicken läßt.
Ein Schotte als Theaterportier.
(g) London.
Der Schotte William Brake versah vier Jahrzehnte hindurch treu und brav die Dienstobliegenheiten des Portiers im Londoner Palace-Theatre. Er kam mit zwanzig Jahren nach London, wollte sich ursprünglich für die Armee anwerben lassen, besuchte aber eine Theatervorstellung und meldete sich als taufrischer Kunstschwärmer bei der Direktion. Er wurde sofort engagiert; leider nicht als Schauspieler, sondern nur als Portier. In dieser Eigenschaft sparte er mit echt schottischer Leidenschaft und es gelang ihm in der Tat, nach vierzigjähriger Dienstzeit seinen Erben ein Vermögen von 6000 Pfund zu hinterlassen. 6000 Pfund aus Trinkgeldern — eine Leistung, zu der wirklich nur ein Schotte fähig ist. Keinem Theaterportier der Welt war dieses Kunststück jemals gelungen. Weiland Mister Brake verdiente zweifellos, zum Ehrenbürger von Aberdeen ernannt zu werden. Und die lachenden Erben sind trotz des Pfundsturzes restlos zufrieden.
Drei Millionen Dollar für ein Ange.
(a) Neuy 0 rk.
Die teuerste chirurgische Operation der Welt ist kürzlich in den Vereinigten Staaten ausgeführt worden. Der Patient war ein regierender König, und der Operateur einer der bekanntesten Spezialisten der Neuen Welt. Der König von Siam, Prajadhipok, leidet feit mehreren Jahren schon an einer lästigen, die Sehkraft merklich herabmindernden Entzündung des linken Auges. Um es zu heilen und sich zu erhalten, scheute er sich nicht, die weite Reise von 17 000 Kilometer zu machen, die zwischen Bangkok und Neuyork liegen. Der Spezialist, den er in Anspruch nahm, ist einer der drei oder vier amerikanischen Augen-Fachärzte, die jährlich eine Einnahme von drei bis vier Millionen Dollar haben und Nie- senhonorare beanspruchen. Der Scheck, den der asiatische Fürst nach geglückter Operation dem Arzt überreichte, soll die Höhe von zwei Millionen Dollar auf-
Wenn Menschen auseßnandevsehn
CRoman von 3. Schneider-Foersil.
Urheberrechtsschutz Verlag O.Meister, Werdau.
20. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Was machst du für Sachen, Rosmarie?" Horvaths Finger hoben die zitternden der jungen Frau an die Lippen. Seine Augen senkten sich btttend in die ihren. „Du hast ja- schon einmal Abschied von ihm genommen — damals, weißt du noch? Er ist. ohne jedes Unheil zurückgekehrt. Wenn er sich etwa diesmal für immer drücken wollte, so suchen wir ihn."
Seine Rede entlockte ihr ein Lächeln, das in Szengerhi alle Qualen der Eifersucht aufs neue weckte. „Bleibst du länger in Wien?" Er vermochte es nicht, seiner Frage einen ruhigen Klang zu geben. ,
Horvath vernahm den Zwischenton und sah zu Rosmarie hinüber. „Arme, kleine Frau! Run begriff er ihre Rervenkrise. Aber seinetwegen sollte sie nicht zu leiden haben. „Ich fahre noch heute abend nach Budapest weiter und von, dort in die Steppe. Großmutter wartet auf wich . erklärte er und stand mit aussehendem Pulsschlag, als Rosmarie bat: ,
„Nimm mich mit, Guido! Bela will, dah ich den Sommer bei Aga verbringe."
Der Künstler sah zu Szengerhi hinüber. ..Wenn Hein Mann erlaubt, daß ich dir meinen Schuh angedeihen lasse, so könnte ich mir gar keine größere Freude denken, als deinen Wunsch zu erfüllen." Delas Augen starrten ihn frostig an. „Er würde mich am liebsten ertotirgen", dachte Horvath. „Armer Kerl! So ist es, wenn man Abschied nimmt und ein Weib zurückläßt, das keine zwanzig Jahre zählt. — Zwanzig 3ahre!
Liebe kleine Rosma.ie, die Zett war vorbei, in der er ihr die Tränen von den Wangen küssen durfte. Aber er würde sie schon trösten, dah sie ihr Lachen wiederfand.
Eine Stunde später rollte der Wagen des V-Zuges, der Szengerhi und Török nach Norden trug, aus der Halle. Bela lehnte weit aus dem Fenster geneigt und ließ den Blick nicht von dem bleichen, versteinerten Antlitz, das wie Schnee unter dem blauen Schleier aufleuchtete.
„Rosmarie, wenn ich zurückkomme."
Török riß freit Unvorsichtigen vom Fenster weg nach dem Inneren des Wagens. Eine Sekunde zu spät, und Belas Kopf wäre an einem der Masten, die sich längs des Geleises hinzogen, zerschellt worden. Szengerhi fiel auf den Sitz.
„Was wolltest du ihr noch sagen, mein Junge? forschte der Professor teilnehmend.
„Daß ich nie, nie wieder von ihr gehen werde, wenn ich diesmal zurückkehre."
Török mußte das Gesicht abwenden. Er konnte diese Verzweiflung in Belas Antlitz nicht mehr sehen.
Und draußen hetzten die Räderpaare immer weiter in die Rächt hinein, weg von Wien, der ungewissen Ferne entgegen.
„Rosmarie, ein Brief von deinem Mann! Der zwanzigste, glaube ich." Aga lachte und knüpfte die Schurzbänder über den breiten Hüften. Sie blieb stehen, bis die junge Frau die Hülle aufge- schnitten hatte, die Zeilen las und dann, ohne ein Wort zu verlieren, die Blätter auf den Tisch zurücklegte.
„Geht es ihm gut?“ Aga verspürte seit kurzem, daß sie Nerven hatte und daß diese zappelig zu werden begannen.
Rosmarie nickte gleichmütig. „Was sollte ihm fehlen?" Sie nahm den Brief, riß ihn in kleine Stücke und lieh sie in die Glut des Herdes fallen.
Mit einem Kopfschütteln sah die Alte ihr nach, wie sie nach dem Garten ging. Wenn das ein gutes Ende nahm! Rosmaries Vater war auch gegangen, sogar dreimal. Nie hatte die Mutter gezürnt. Und als er das drittemal zurückkehrte, war sie tot gewesen, gestorben an der Sehnsucht nach ihm.
Rosmarie würde nicht an der Sehnsucht nach ihrem Manne sterben. Sie würde ihren Weg allein gehen, auch ohne ihn. Und wenn er wiederkehrte!
Sie spähte durch das Fenster und sah die junge Frau im Schatten der Obstbäume sitzen und in den Himmel starren, so weit das Geäst ihn freigab. Schwalbenpaare schwirrten über sie hinweg, und ein Kranich strebte dem Süden zu. Am Haus vorüber eilte ein Schritt.
„Horvath!"
Die Alte fuhr mit dem Handrücken nach dem Munde, der den Namen gesprochen hatte.
Rosmarie sah erst auf, als der Geiger dicht vor ihr stand. „Noch immer in Trauer, Kind?" Er nahm ihr dunkles Kleid sorgsam zur Seite, um neben ihr Platz zu finden. „Schreibt er auch fleißig, der böse Mann? Wieviel Schwüre der Treue hast du ihm schon geschickt?"
„Keinen! Ich habe kaum zwei seiner Briefe beantwortet."
Er wurde ernst. „Das darfst du nicht tun! Du weißt nicht, wie hart man wartet. Denn quälen, nicht wahr, ihn mit Absicht quälen, das willst du doch nicht!"
Statt einer Antwort kam ein tiefes Atemholen. „Guido, ich möchte so gerne wieder frei sein! Ganz frei von ihm!"
„Rosmarie!"
„Ich möchte die Fesseln wieder abschütteln können, einem Manne Weib sein zu müssen, einem
Manne, Guido, dem die Berühmtheit niehr gilt als all die Liebe, mit der ich ihn überschüttet habe."
„Du bist ungerecht, Rosmarie!"
„Ich habe geglaubt, ich sei ihm alles!"
„Das bist du auch! Glaub mir's doch! Wir Männer sind nur anderer Art. Versuche dich in seine Lage zu denken."
„Ich will nicht. Wenn ich dich geheiratet hätte, Guido, würdest du mich auch nach so kurzer Zeit schon allein zurückgelassen haben und über mich hinweggegangen sein?"
„Rosmarie, bedenke."
„Ach so." Sie sah mit müden Augen nach dem feinen Nebelstreifen, der den Horizont umrandete. „Das ist wieder eine Frage, auf die ein Mann lügen muh. Nein, sprich nicht! Ich schenke frir die Antwort!"
Er sah die aufeinandergepreßten Lippen und die Härte in ihrem Blick und neigte sich über ihre Hände. „Sein Beruf ist doch auch so ganz ein anderer als der meine“, verteidigte er den abwesenden Freund. „Ich hätte dich selbstverständlich überallhin mitgenommen, wohin du mir hättest folgen wollen.
„Durch die ganze Welt, Guido!"
Sein Rücken war tief nach vorn geneigt, damit sie sein Gesicht, aus dem jede Farbe gewichen war, nicht zu sehen vermochte. Nach einer Weile erhob er sich. „Kommst du mit? Ich gehe zu Janos?"
Sie schloß sich ihm an. Schweigend gingen sie zusammen über die Sturzäcker, den Rain entlang, nach der Hütte des Rinderhirten. Als sie vor dem Alten standen, hielt er die Augen zu einem Spalt geöffnet und blinzelte zu ihnen auf.
„Es geht allen gleich. Allen! Erst schreien sie vor Wonne, dann kriechen =fie vor Leid."
Rosmarie nickte, lehnte neben ihm an einem Pfosten des Zeltes und horchte auf Horvaths Stimme, der drinnen mit dem Kinde sprach. „So groß ist mein Junge schon' So groß! Aah! — Hnd einen Kuß kann er geben! Noch einen, Hdo! Noch einen, ja!"
Janos sah zu ihr auf. In dem pergamentenen Gesicht spielte ein Lächeln. „Wenn du ein Kind hättest, Rosmarie! Heber einem Kinde vergißt man den Mann."
Sie schauerte zusammen. „Hm Gott, nur das nicht"
Horvath kam aus der Hütte, den Kleinen an der Hand.
„Wie ähnlich er dir ist", sagte Rosmarie ahnungslos, setzte sich neben Janos auf ein Bündel Heu und nahm den Knaben auf den Schoß. „Heberlaß ihn mir, Janos, er soll es gut bei mir haben."
„Cs geht ihm nicht schlecht", war die Crwide- 1 rung. „Wenn es kalt wird, schläft er bei Raja
Dosanhi, und wenn er groß ist, kommt er zu feinem Vater in die Stadt."
»Er hat einen Vater?" fragte die junge Frau und errötete, als der Hirte ein leises Lachen anfjub. Guido neigte sich zu dem Kinde herab und streichelte sein und Rosmaries Haar.
Der Kleine strebte von ihrem Schoß und spielte mit dem Hunde, der den Pferch umkreiste. Der Künstler sah jeder seiner Bewegungen nach, verfolgte die dicken festen Beinchen, die mit dem Tier Schritt zu halten trachteten und horchte auf das Jauchzen, das herüberklang, als er ein Füllen einzuholen suchte.
Er hatte wahrhaftig nichts von seiner Mutter. Alles von ihm. Die Aehnlichkeit wurde mit jedem Sommer wahrnehmbarer. Auch Rhythmus und Sinn für alles Schone war dem Jungen angeboren. Vielleicht würde Raja diesmal seinen Bitten zugänglicher sein und das Kind seiner Obhut überlassen.
Er sah auf Rosmarie herab und erwog blitzschnell, ob er sich ihr anvertrauen sollte. Wer sie würde sich vielleicht dann von ihm zurückziehen und es peinlich empfinden, oft mit ihm allein zu sein. Trotz ihres Weibtumes und des Leides, das fie jetzt erfuhr, war sie doch noch eine Frauenblüte, die behütet fein wollte. Er hatte auch Furcht, ihr Vertrauen zu verlieren.
Am Abend wartete er, bis Raja zu Janos herauskam, um dem Jungen gute Nacht zu sagen. Raja und Horvath sahen sich selten, oft vergingen Tage, bis sie sich zu Gesicht bekamen.
Sie begrüßten sich mit einem schweigenden Nicken und hatten denselben knappen Gruß, wenn sie sich verabschiedeten. Niemals gingen sie gemeinsam nach Hause. In Rajas Ohr klang das Wort des Vaters: „Zwischen einem Horvath und einer Dosanhi gibt es keine Brücke."
Aber auch der Geiger hatte mit aller Macht gegen das Erinnern anzukämpfen, daß sein Kind der Enkel des Mannes war, der ihm den Vater gemordet, noch ehe er ihn kennengelernt hatte. Was der Tote einst an ihm verschuldet, das hatte der Sohn wettgemacht, indem er ihm das Leben rettete, als ihn der Schlamm des Hortobagy zu ersticken drohte.
Dosanhis Verhalten aber blieb sich immer gleich. Für ihn gab es keine Genugtuung.
Raja kniete am Boden und nahm das Gesicht des Kindes zwischen ihre feingliebrigen Hände. Als Horvath zu reden begann, lehnte sie den Kopf etwas zurück und hielt den Knaben gegen die Brust gedrückt. Während er sprach, verblaßte sie und preßte das Kind nur noch fester an sich, bis es zu weinen begann.
„Guido! Du willst das Kind haben, das nicht einmal das deine ist?"
lFortsehung folgt.)


