Nr. 45 Zweiter Blatt
siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberhessen)
lNontag. 23. gebruar |93t
Zeitungsschau.
Der bekannte Freikorpsführer Kapitän Ehrhardt übt in einem Artikel in der Deutschen Allgemeinen Zeitung scharfe Kritik an dem Auszug der nationalen Opposition aus dem Reichstag. Er schreibt u. a.:
Durch eine Kette falscher Entscheidungen, fehlerhafter Lagebeurteilungcn, demagogischer Berrannt- heitcn hat die nationale Opposition sich selbst von der Mitbestimmung der deutschen Geschicke auf lange Zeit hinaus ausgeschlossen, hat sie in beispiellos kurzsichtiger Weise Selbstmord verübt. Es hat keinen Zweck, durch kraftmeierische Gesten sich an dieser bitteren Tatsache vorbeizudrucken. Der Reichstag ist keineswegs „zerschlagen", wie cs ein offizieller Aufruf der Opposition behauptet. Der Auszug der Opposition wird auf alle Fälle mit einer Blamage, d. h. mit der Rückkehr der Opposition ins Parlament enden. Es ist eine leere Drohung, wenn der nationalsozialistische Qlbge- ordnete Frank 11 den Bürgerkrieg an die Wand malt. Die Wehrmacht des Reiches und die Polizeimacht des größten Staates Preußen sind fest in der Hand der gesehlichen Gewalten. Mit der Erzeugung von Putschpsychosen Iaht sich allenfalls e« Propagandaersolg erzielen, im Iahre 1931 aber keine ernsthafte Politik mehr machen." — Wesen^ und Aufgabe einer nationalen Opposition stehen unverrückbar fest. Wird der Staat von international-marxistischen Parteien regiert so darf die nationale Opposition nur ein Ziel verfolgen: Bekämpfung und Sturz dieser antinationalen Regierung und Uebernahme der Regierungsgewalt. Trifft die nationale Opposition jedoch auf eine Regierung, in welcher an und für sich einwandfreie, wenn auch in anderer Parteischattierung nationale Minister den Ausschlag geben, so ist es Pflicht der Opposition, innenpolitisch das Abgleiten dieser Regierung nach links zu verhindern, außenpolitisch der Regierung das Rückgrat zu stärken, damit sie im Ramen eines kraftvollen Boltes verhandeln kann. Der innerpolitischo Weg besteht entweder in einer scharfen aber sachlichen Kritik, die niemals die Brücken zu einer gemeinsamen Erneuerungsarbeit gegen Links abbricht, oder im Eintritt in die Regierung, um etappenweise die nationalen Ziele zu erreichen. Ob die nationale Opposition dabei an eine legale ilebernafjine der Alleinmacht für späterhin denkt, ist einstweilen belanglos. Ter außenpolitische Weg besteht selbst bei schärfster Kritik der innerpvlitischen Regierungsmaßregeln in einem planmäßigen, in Gemeinschaft und im Einverständnis mit der Regierung durchgeführten Spiel, um den Forderungen der Regierung beit nötigen Bolksnachdruck zu verleihen. Der französische Außenminister Briand ist ein Meister dieses Spiels und es wäre undenkbar in Frankreich, daß ein Abgeordneter der zweitgrößten Partei den ungeheuerlichen Sah in die Welt hinausschleudern könnte: „Die Regierung ist nur noch das Vollzugsorgan für die feindlichen Unterdrücker- und Ausbeutermächte."
Die seitherige nationale Opposition hat weder das notwendige Maß des Derantwor- lungsbewußtseins aufgebracht noch wesentliche praktische Erfolge erzielt. Der Dew:is hierfür ist leicht zu erbringen: Als die Regierung Brüning ihre Tätigkeit als Mindcrhcitsregierung begann, zwang sie die Sozialdemokratie nur dadurch zur Annahme von Gesehen, indem sie durchblicken ließ: „Geht es nicht mit Links, so geht es mit Rechts!" Die Sozialdemokratie wurde zusehends einflußloser. Als dann am 14. September dank der aufrüttelnden nationalen Propaganda der Nationalsozialisten mehr als acht Millionen Wähler sich für die nationalen Oppositionsparteien entschieden, war der Weg für die Reichsrcgicrung frei, durch Hine'mnahme der seitherigen Opposition sich eine starke, dauernde und unabhängige Grundlage zu schaffen. Es ist kein Geheimnis, daß die Regierung Brüning sich mehrfach bemühte, Deutschna.ivnale undRa- tionalsozialisten zum Eintritt in die Reichsregierung zu betoegen. Die Rationalsozialisten hatten zuvor feierlichst erklärt, daß sie keine revolutionäre, sondern eine verfassungsmäßige und parlamentarische Partei seien, die allein auf legalem Wege nach der Macht strebe. 3n Thüringen und Braunschweig beschritten sie ■ ■■ i« । . । । ii —— -------
Oderhessischer Kunftverein.
Die gestern, am Sonntagvormittag, eröffnete neue Ausstellung im Oderhessischen Stunftocrein umfaßt graphische Arbeiten von Hermann Mayrhofer (München) und Oelgemälde, Aquarelle und Radierungen von Josef Steib in Düsseldorf.
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Mayrhofers Lithographien behandeln überwiegend landschaftliche Motive und zeichnen sich durch saubere Technik und eine zarte, manchmal filigranartig wirkende Linienführung, ferner durch oft beträchtliche, stets geschickt vorgenommene Aussparungen, weite Perspektiven und gelegentlich miniaturhaftcs Format aus: doch ist auf allen Blättern eine gewisse bildmäßige Rundung und Geschlossenheit der Objekte bemerkenswert Wir nennen als Beispiel etwa: „Am englischen Garten", „Oberwiesenfeld II", „Pleinting" und „Bei Dachau". Seltener tauchen figürliche Motive auf, wie die lachenden und streitenden Clowns, die lachende Frau oder der ganz impressiv behairdclte Rückenakt. Richt alltäglich erscheinen in dieser Technik etliche Stilleben (mit liegender Flasche: Granatäpfel; Rosen) — man vermißt hier die Farbe, welche einige getönte Lithos wohltuend belebt und deren gepflegte Behandlung auch in den beiden einzigen Aquarellen (Vorort- l'traße; Knoblauchstilleben) zu rühmen ist.
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Den breitesten Raum in der neuen Ausstellung nimmt eine Kollektion von Oelgernälden, Aquarellen und Graphiken des in Düsseldorf lebenden Josef Steib ein, sie gibt einen gut orientierenden lieber- dlick über die vielseitige Produktion dieses Künstlers. Die Radierungen wirken gelegentlich etwas hart im Strich; das „Selbstportrat: Sublimierung einer Depression" mutet thematisch wie ein Nachklang vom Expressionismus an, dem Steib im übrigen ziemlich ferngestanden zu haben scheint. Die Aquarelle von der Eifel und vom Niederrhein erscheinen im Gesamtton stellenweise ein wenig verwaschen, was wohl nicht ausschließlich auf die atmosphärischen Eigentümlichkeiten der hier wiederge- qcbencn Landschaftsausschnitte zurückzuführen ist. Ruhiger und gesammelter gibt sich daneben etwa das zehr einfache ländliche Thema „Alter Stall".
den Weg, den ihnen Brüning zeigte. Hier gaben sie sich mit dem Erreichbaren zusrieden.
3m Reich jedoch stellten sie Anfangs orberun- gen. die jede Regierung ablehncn muß.e, wollte sie sich nicht selbst aufgeben. Statt der gebotenen zwei Ministersitze, von denen aus sich in aller Ruhe die legale Machtverbreiterung hätte betreiben lassen, forderte man die bedingungslose Auslieferung der Reichswehr. Anstatt in fachlicher Arbeit das nach rechts neigende Zentrum zu überzeugen, daß es sich in nationalem und religiösem Interesse mehr lohnt, in Preußen ebenfalls mit rechts, als mit dem Marxismus zu regieren, forderte man kurzsichtig die sofortige Koalitions ösung in Pr.ußen. Als dann die Derhandlungen fich hinzogen, erfolgten plötzlich die hemmungslosen nationalsozialistischen Kampfansagen an ‘Brüning und die Reichswehr, die diktatorische Forderung auf Alleinherr fchaf t, die gröblichsten Schmähungen der amtierenden Reichs- miniftcr. Dies alles von einer Partei, deren Fraktion immerhin erst die Hälfte der rein marxistischen Fraktionen zählt. Wenn heute Hitler der Ansicht ist, daß er im nächsten Reichstag 200, im übernächsten 300 Abgeordnete seiner Partei aufmarschieren lassen und erst dann die Regierung übernehmen werde, so weicht er der Verantwortung aus.
Das Ergebnis dieser Taktik liegt vor: Die Sozialdemokratie in Preußen, die durch die Septemberwahlen völlig überrascht worden war, fand Zeit zum Gegenschlag. Zum Sturz der sozialdemokratischen Parieiherrschaft in Preußen ohne Mithilfe der nationalen Opposition aber ist die Reichsregierung zu schwach. Außerdem sind die Gegenwartsaufgaben so dringend — Stabilisierung des Reichshaushaltes, Eröffnung der außenpolitischen Verhandlungen, lleber- windung der Arbeitslofennot —, daß die Reichs-
vegierung. um überhaupt arbeitsfähig zu sein, sich zwangsläufig in die Abhängigkeit von der Sozialdemokratie begeben mußte. Da jedoch die großen entscheidenden Revisionsverhandlungen seitens des Auslandes nur mit einer Reichsregierung erfolgreich zu Ende geführt werden können, die sich nach rechts verbreitet hat, so erreicht die Gesamtausschaltung der nationalen Opposition allenfalls eine Verlängerung der deutschen Versklavung.
Länger als ein Jahrzehnt hat die nationale Opposition gef ordert: Regierungsbete'ligung, eine unabhängige und starke Reichsregierung, Kampf gegen verantwortungslose Demokratie uni) Partei Willkür. 11 n b jetzt, wo eine Reichsregierung, an deren nationaler Grundeinstellung fein Zweifel erlaubt ist, e s unternimmt, die nachweislich früher von der nationalen Opposition beim Reichstag eingebrachten Forderungen zu erfüllen, bietet diese Opposition das peinliche Schauspiel, sich als Gralshüter der Weimarer Versagung und der parlamentarischen Demokratie aufzuspielen. Die Geschichte wird dereinst dieses Satierspiel geißeln und es als einen nicht wieder gutzumachenden Fehler brand- marfen, daß die Führer zweier Parteien, die von 8 Millionen den Auftrag erhielten, für eine Verstärkung der nationalen Front zu sorgen, die dazu bereite Reichsregierung in die Arme der Sozialdemokratie trieben. Anstatt mit der Regierung Brüning-Dietrich die Kräfte des gemeinsamen Emeuerungswillens zum Wohle von Staat und Volk zu betätigen, werden Regierung und nationale Opposition künftig ihre Kräfte widereinander zerreiben. Der nationalen Opposition ist die Parteizum Selbst zweck geworden. Der lacbenDc Dritte ist die internationale Sozialdemokratie. Die Ration hat Grund zum Trauern!
Zwei neue poflaufoünien in Oberhessen.
Zu unserem Bericht im „Gießener Anzeiger" Nr. 44 vorn vorigen Samstag über die Einrichtung neuer Postautolinien in Ober- Hessen ersah.cn wir weiter, daß die Oberpoft- direltion Darmstadt noch Uebernahme des Autooer- kchrs „Butzbach und Umgegend" zwei neue Kraftpostlinien einzurichten beabsichtigt und zwar: a) auf der Strecke Butzbach — Niederkleen — Hochelheim unter Bei ührung der Orte Pohlgöns, Kirchgöns, Ebersgöns, Oberlleen (gleichzeitig Haltestelle für Kleeberg), Niederkleen und Dornholzhausen; b) auf der Stxecke Butzbach- Ziegen berg unter Berührung der Orte Niederweisel, Ostheim, Hochweisel, Münster, Fauerbach und Langenhain. Als betricbslcitendes Postamt ist Butzbach' vorgesehen. Die Fahrplanentwürfe sind den beteiligten Gemeinden zur Stellungnahme bereits zugegangen. Die Einrichtung der Linien geschieht, vorbehaltlich der Genehmigung durch das Rcichs- postministerium, unter folgenden Bedingungen: 1. die beteiligten Gemeinden haben vom 1. April 1931 ab eine Mindesteinnahme von 75 Pfennig je gefahrenen Kilometer bis zum Höchstbetrage von 8000 Mark jährlich zu gewährleisten. 2. Der zum Ausgleich einer etwaigen Mindereinnahme zu zahlende Zuschuß wird vierteljährlich auf Grund des Betriebsergebnisses durch die Oberpostdirektion Darmstadt ermittelt. Ueberschüsse eines Vierteljahres werden gegen Fehlbeträge anderer Vierteljahre desselben Betriebsjahres aufgerechnet. Der endgültige Ausgleich wird am Schlüsse des Rechnungsjahres, das mit dem Betriebsjahr (1. April bis 31. März) zusammenfällt, vorgenommen. Ein Ausgleich von Ueberschüsfen und Fehlbeträgen verschiedener Rechnungsjahre findet nicht statt. 3. In bezug auf die Verkehrszeiten der Äraftpoft wird den Wünschen der Gemeinden, soweit es mit den Bedürfnissen des Postdienstbetriebes vereinbar ist, entsprochen werden. Die endgültige Festsetzung des.Fahrplanes und der Fahrpreise ist Sache der Obcrpostdire't'on. 4. Die Vereinbarung soll zunächst bis zum 31. März 1935 und dann stillschweigend mit einer beiden Teilen zustehenden Kündigungsfrist von drei Monaten weitergelten. Die Kündigung seitens der Gemeinden kann nur mit Zustimmung aller an den Kraftpostlinien beteiligten Gemeinden erfolgen. Sollte sich das Ergebnis der Kraftpost bereits vor dem 1. April Der entscheidende Eindruck geht von den teilweise großangelegten Oelbildern aus, die vorwiegend figürliche und landschaftliche Vorwürfe (besonders aus dem rheinischen Industriegebiet) behandeln, daneben gibt es einige Stilleben. Charakteristisch erscheint für diese Arbeiten ein klarer Realismus der Gestaltung und eine schwerflüssige, gedrungene, manchmal ganz pastose Farbgebung, die nur fetten einmal — „Industrie bei Mülheim" — zu einem phantastisch aufgewühlten Furioso der Palette gesteigert wird, sympathisch und ganz persönlich berühren die mit viel Liebe, kräftig und lebendig gemalten Fami- lienbildnisse „Mein Vater" und „Mein Junge". Eine ähnliche, gesunde Gedrungenheit des im Rhythmus der Arbeit bewegten menschl.chen Körpers erweisen die Bilder des Sensendenglers und der Spinatsäerin. Lockerer und impressiver geben sich hierneben etwa die „Drei Frauen am Rhein", ferner die sehr sicher gesehenen .Hühner" und auch gewisse Partien des großen Familienbildes mit den Kindern. Diel schwerer und wuchtiger wirkt wiederum das an gewisse Arbeiten des späten Corinth erinnernde Stilleben mit rosa und gelben Tulpen. Bemerkenswert ist endlich eine unkonventionell gemalte und farbig entschieden kontrapunktierte. „Kreuzigung", die, wie wir hören, später noch in die Kollektion einbezogen werden soll. —Y—
Erinnerungen aus der Kindheit.
In der Ostpreußischen Sozialen Frauenschule hat man das Thema „Kindheitserinnerungen an Bild, Gedicht und Buch" behandelt und dabei interessante Beobachtungen gemacht, wie Frieda Magnus-Unzer im Buchhändler-Börsenblatt mitteilt. Bei den Erinnerungen an Bilder stehen die Engel in erster Reihe, und zwar haben sie meist als Schutzengel sehr zur Beruhigung des Kindes beigetragen. Außerdem wurden an Bildern. die aus der Kindheit her in steter Erinnerung geblieben sind, angeführt: springende Löwen, der Tod als Gerippe, Dürers „Ritter, Tod und Teufel", dann verschiedene Bilder aus der Bibel, solche von Ludwig Richter. Landschafts- szenen, Docklins Toteninsel und der Hubertus- Hirsch. Den .Zinsgroschen" von Tizian konnte
1935 als völlig unwirtschaftlich Herausstellen, so wird die Oberpostdirektion mit den Gemeinden wegen Aenderung, oder vorzeitiger Aufhebung des Betriebes in Verbindung treten. Bis zur Eröffnung der Linien durch die Postverwaltung werden die Strecken durch den Autoverkehr Butzbach und Umgegend vorläufig wciterbefahren.
Oberbeffen.
Landkreis Gictzen.
r. Lang-Gons, 22. Febr. Im hiesigen Kriegerverein hielt Heer B o n h a r t, der Dezirksleiter der Kriegerkameradschaft „Hassia" für Oberhessen, am Samstag einen Vortrag. Rach einleitenden Worten über den Zweck und die Aufgabe der Kricgervereine behandelte er Land und Leute in Mazedonien. Der Redner, der dort in den Iahren 1917/18 als Kompanieführer den Krieg erlebte, verstand es — unter Darbietung sehr klarer Lichtbilder von eigenen Aufnahmen — die Zuhörer in fesselnder und anschaulicher Weise hinzuführen in ein Land, dessen Kultur doch noch sehr zurückliegt. Der Vorsitzende, Kamerad Stern, dankte mit warmen Worten.
Beuern. 21. Febr. Der hiesige Evangelische Frauenverein besZ oß seine dies- winterliche Tätigkeit mit einem Familienabend, zu dem auch die Männer eingeladen waren. Herr Pfarrer Schmitt legte in einer längeren Ansprache die Ziele und Bestrebungen der evangelischen Frauenvereine dar. Einige von Frau Pfarrer Schmitt eingeübte »Hans-Sachs- Stücke", ausgeführt von jüngeren Mitgliedern des Kirchenchores, fanden reichen Deisall. Der gemeinsame Gesang einiger schöner Lieder bereicherte noch die Feier.
Kreis Schotten.
T Schotten, 22. Febr. Die Reisenden, die am Freitagfrüh das Postauto von Ulrichstein nach Schotten benutzten, hatten mehrmals das Vergnügen, ihr Auto aus dem Schnee auszugraben um we'.terf ähren zu können. Reun- mal war es steckengeblieben. Da die Gemeinde Feldkrücken an dem ihr zur Freihaltung zufallen-
eine der Antwortenden als Kind nicht ansehen, ohne zu weinen, weil sie glaubte, der Pharisäer wolle „dem Herrn Jesus etwas tun“. An Derschen, die aus der Kindheit haften blieben, werden besonders lehrhafte Reime ausgeführt, fo solche, die von der Langschläferei, vom Raschen oder vom Abknicken der Daun-äste heilten. Häufig erwähnt werden Reime aus dem „Struwelpeter", aus Speckkers Fabeln, aus den Kinderbüchern von Robert Reinick und Wilhelm Busch. Die Kinder haben auch schon Gedichte von den größeren Geschwistern aufgeschnappt, die ihnen unvergeßlich blieben, so etwa „O lieb, solang du lieben kannst", „Droben stehet die Kapelle", „Das Schloß am Meer" von Uhland, den „Fischer" von Goethe, die „Auswanderer" von Freiligrath oder „Die Sonne bringt es an den Tag". Eigenartig sind die Phantasiegebllde, die Gedichte erregen können. So erzeugte der Vers „Sei uns mit Iubelschalle, Christkindlein, heut gegrüßt" in der Phantasie das Bild eines leuchtenden Kindes in einer Zwiebelschale, und mit dem Begriff „rost-rot" verband sich ein sehr rot getöntes Pferd in einem Bilderbuch. Das Bild ist zuerst von Märchen- und Geschichtenbüchern nicht zu trennen; dann aber treten die Märchen und Sagen auch als selbständige Erinnerungen he vor, am häufigsten natürlich die Grimmschen Märchen, aber auch sehr oft die Märchen aus „Tausend und einer Rächt". Vielleicht hat das orientalische Fremdartige gerade für das nordische Mädchen besondere Anziehung. Die heimische Sagenwelt bleibt den Kindern aus ihrer frühen Iugendzeit im Gedächtnis, dagegen waren die Erinnerungen an die antiken Göttersagen stark verblaßt. Robinson unb Onkel Tom. auch Till Eulenspiegel sind gute Bekannte tret Kindheit, die im späteren Leben nicht vergessen werden. Auch den Iungrnädchenbüchern bewahrt man eine zärtliche Erinnerung, wenngleich sie mit etwas Beschämung erwähnt werden. Reben diesen Büchern wurden die Antwortenden in ihrer Entwicklung beeinflußt durch Erinnerungen an Werke von Theodor Storm, Wildenbruch, Frehtag, Dahn, Hauff, Rosegger, C. F. Meyer und manchen andern.
den Teil der Straße im Oberwald feine Arbeiter gestellt hatte, blieb den Reisenden feine andere Wahl, als sich dieser .erwärmenden" Tätigkeit mit Eifer hinzugeben, um — wenn auch mit Verspätung — doch anS Ziel zu kommen.
# Glashütten, 21. Febr. Im Dasaltwerk von Hermann trug fich heute vormittag ein schwerer llnglücksfall zu. Ein mit Steinen beladener Rollwagen kippte um. Während einer der Mitfahrenden sich retten konnte, ging dem anderen, dem jugendlichen Arbeiter Karl Maurer, der Wagen über das rechte Bein, das zweimal gebrochen wurde. Dr. Lucius in Hirzenhain leistete die erste Hilfe und ordnete die Ucberfübrung deS Verunglückten in die Chirurgische Klinik nach Gießen an.
Krciö Büdingen.
△ Michelnau, 21. Febr. Seinen 90.Geburtstag beging in körperlicher Frische unser Mitbürger Christian Zimmermann. Er ist einer der wenigen, noch lebenden Teilnehmer des Feldzuges von 1866.
Kreis Alsfeld.
cf. Merlau, 21. Febr. Bei der Rutzholz- versteigerung des Forstamts Rieder-Ohmen, die hier stattfand, wurden folgende Preise erzielt: ein Festmcter Kiefem-Schnittholz 40 bis 48 Mf., Kicsern-Langholz 28 bis 35 Mk., Lärchen-Lang- holz 25 bis 40 Mk., Eichenstämme 2. und 3. Älaje 25 bis 30 Mk., 4. Klasse 30 bis 40 Mk., 5. Klasse 40 bis 65 Mk., Ahorn 20 bis 30 Mk.
• Bleidenrod, 21. Febr. Landwirtschaftsrat Direktor Dr. Becker vom LandwirtschastSamt in Alsfeld hielt hier einen gut besuchten Vortrag über Düngungsfragen und Sortenwahl beim Saatgut. Der Redner zeigte u. a. in aufschlußreichen Darlegungen, welche Sorten von Feldfrüchten sich für unsere Gegend am besten Aum Anbau eignen. Bürgermeister Schultheiß sprach dem Redner im Ramen der zahlreichen Besucher Dank für den lehrreichen Vortrag aus.
I Ober-Oleen, 20. Febr. Die Anlage einer Kirchenheizung ist hier Wirklichkeit geworden. ilnfere Kirche besitzt jetzt eine nach dem System der AEG. von der Firma Hermann Haardt (Lauterbach) ausgeführte Fußbank- Heizung mit Rohrheizkörpern, sowie je einem kleinen Strahlofen für den Organistenplatz und die Sakristei. Durch diese Anlage ist es möglich gewesen, unseren an sich schwer heizbaren Kirchen- raum einigermaßen anzuwärmen und vor allein den Füßen der Kirchenbesucher einen warmen Platz zu geben. Da diese elektrische Heizung dem Auge kaum sichtbar angebracht ist, wurde eine Verunstaltung der schönen alten Dorskirche, wie sie bei der viel umständlicheren Ofenheizung mit langen Ofenröhren und Kaminen öfters vor- kommt, glücklicherweise vermieden. Zu den Kosten sind aus freiwilligen Gaben der Gemeindeglieder in den letzten beiden Iahren rund taufend Mark zusammengekommen. Don der gleichen Firma wurde nun auch die bisher noch fehlende elektrische Beleuchtung in unserer Kirche angebracht. Die Gemeinde verdankt diese einer hochherzigen Stiftung der Familie Decher- W i l b e r in Rewark-Rewjersey (Amerika). Die acht Kinder dieser Familie wollten damit das Andenken ihres in Ober-Gleen geborenen und in Amerika 1929 verstorbenen Vaters, Daniel Decher, ehren.
5V? Mi lionen Mk. Defizit im Offenbacher Etat.
WSR. Offenbach, 21. Febr. Der Offenbacher Etat für 1931, der jetzt zur Vorlage gelangt, schließt mit einem Defizit von 5,5 Millionen Mark ab, gegen ein Defizit von drei Millionen im Iahre 1930. Der Oberbürgermeister begründet die hohe Abschluhzifser mit der hohen Leistung für das Wohlfahrtsamt, die 8,5 Millionen Mark beträgt Dieser Betrag übersteigt die gesamten Steuereinnahmen der Stadt. Wie der Oberbürgermeister weiter erklärt, haben bereits der frühere Reichs, inanzminister Moldenhauer und auch der jetzige Reichssinanzminister Dietrich die Rotlage der Stadt Offenbach anerkannt. Zur Beschaffung von Deckungsmitleln werden neue Steuern (Getränke-, Bier- und Bür- g er (teuer) beantragt.
Sochschulnachrichten.
Professor Dr. Franz Gutmann an der Universität Breslau hat den an ihn ergangenen Rus auf den Lehrstuhl der wirtschaftlichen Staatswissenschasien an der UniDerfität Göttingen als Rachfolger von Geheimrat K. 01* denberg angenommen. — Der an der Technischen Hochschule in Karlsruhe neuAuerrichtende Lehrstuhl für theoretische Physik ist Dem v. Professor Dr. Richard Decker an Der Technischen Hochschule in Ch ar lottenburg angeboten worden.
Der durch die Emeritierung des Geheimen Ra- • tes Dr. Karl von Göbel an der Universität München erledigte Lehrstuhl der Botanik ist dem o. Professor Dr. Fritz von W e 11 st e i n an der Universität Göttingen angeboten worden. — Zur Wiederbesehung der Zweiten ordentlichen Professur für Mechanik an der Technischen Hochschule in München ist ein Ruf an den Ordinarius Dr.-Ing. Karl Federhofer an der Technischen Hochschule in Graz ergangen. Wie amtlich bestätigt wird, ist das Ordinariat für römisches Recht, bürgerliches Recht und Wirt- schaftsrecht an der Universität Tübingen dem o. Professor Dr. Hans Kreller in Mün- st er i. W übertragen worden. Dr. Kreller tritt an Stelle von Staatsrat Prof. Dr. Max von; Rümelin. — Der durch das Ableben von Prof. W. Zangemeister an der Universität Königsberg erledigte Lehrstuhl dec Geburtshilfe und Gynäkologie ist dem Professor Dr. August Mayer in Tübingen angeboten worden.
Der ordentliche Profesior der Ohrenheilkunde an der Grazer Universität Dr. Hmrs Zange ist auf den Lehrstuhl für Ohren-, Rasen- und Kehlkopfhellkunde an Der Universität Iencr berufen worden. — Professor Dr. Hans Wink* l e r, Direktor des Botanischen Gartens in Hamburg, hat den an ihn ergangenen Ruf nach München als Rachfolger von Geheimrat St v. Ooebel auf das Ordinariat für Botanik an der Universität München abgelehnt.


