M. 195 Sweiter Blatt
ölehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 22. August 195(
Moden vom Wochenend.
Don Harry Schreck.
Vie Dame.
Beim Pflücken von Beeren aller Art trägt die Dame, die auf ihr Aeußere» bedacht ist, in diesem Sommer ein« gemustert« Bluse, die an den ku^geschnittenen Aermeln und Blenden mit Mottenlöchern versehen ist. Menn sie dazu einen glockig gebauschten Rock mit tief angelegter unb oben abgesteppter Falte wählt, wird sie besonder- im August darauf achten, bah der Stoff hier und dort ein paar zlbanglo» verstreute, schwarze Teerflecken aufzuwelsen hat.
Für daS Unkrautjäten kommt vor allem der gelbgestreifte Schlafanzug mit geknöpftem Westen- einsatz und seitlich Aur Schleife gebundenem Gürtel in Frage. Während die einfachere Ausführung mehrere kräftige Risse im Schalkragen vorsieht, bevorzugt der verwöhntere Geschmack etliche verloren gegangene, zum mindesten aber lose baumelnde Knöpfe. Beim Abschneiden verblühter Rosen ergänzt man diese Bekleidung durch einen au» der Form geratenen Strvhhut.
Zum Empfang von Gästen eignet sich ein Rach- mittagsklcid in Schwarzweih au» Romain oder Marocain mit aparten Hohlnahtverzierungen. 3m Gegensatz zur Frühjahrsmvde gilt e» al» fesch und kleidsam, dem Gewebe dadurch eine eigenartige Rote zu geben, dah man aus Versehen auf einer frischgestrichenen Dartenbank Platz nimmt und so die sonst etwa» eintönige Fläche an den Hüftpassen mit handbreiten, flaschengrünen oder rostroten Querstreifen belebt.
Der Herr.
Gelegentlich de» Anstreichen» seine» Paddelboot» zeigt sich der korrekt angezogene Herr mit Vorliebe in leicht ausgefransten Frackhosen, zu denen ein Sporthemd mit halben Aermeln und sestangeschnittenem Kragen gehört. Herren, die ein Faltboot besitzen, entsprechen hingegen dem zur Vorherrschaft gekommenen Etil am besten, wenn sie beim Flicken ihres Fahrzeugs den zwei- rcibigen Rorfolksakko mit ansteigendem Revers und gemischten Oelklecksen wählen.
Für Herren, die sich am Abend dem Sprengen von Obst bäumen und Rasenanlagen widmen, kom-
Selbsthilfe und Währungshilfe.
Der Zwang zur konsequenten Deflation. Don Or. Arthur Dix.
Die Gesichtspunkte, die der bekannte Wirtschaft»wtsscn'chastler hier in die Diskussion wirft, verdienen al» beachtenswerte Anregung gewertet zu werden.
..Die gesamte deutsche Wirtschaft muh sich aus einem niedrigen Niveau von Kosten, Preisen, Einkommen und öffentlichen Ausgaben neu einrichten. Rur darin wird die wirtschaftliche Selbsthilfe bestehen können, auf deren Weg uns die jüngsten Ereignisse so kategorisch verwiesen haben." Dieser Satz im letzten Mo- nat»bericht der D-T-Dank hat wohl in allen wirtschaftlichen Kreisen lebhafte Zustimmungen gefunden. Aber ihm fehlt doch wohl noch ein R a ch s a tz. Wir können un» in Deutschland noch immer nicht entschließen, da» Kind beim richtigen Hamen zu nennen und die Wege zu beschreiten, die praktisch am Ende doch allein übpg bleiben, um da» theoretisch erkannte Ziel zu erreichen.
In der Inflation»zeit. die wir nach dem Kriege erlebten, wurde richtig« Inflation bi» zum äußer- ften ilebeemaf) getrieben. Jetzt wird immer von einer DeflationSzeit gesprochen, aber die praktischen Folgerungen werden nicht gezogen — oder höchsten» mit BehelsSmitteln. nicht mit einer durchgreifenden Radikalkur.
AI» feinencit Karl H,elf ferich die Dor- arbelten für die Wiedergenesung der völlig zerrütteten deutschen Währung betrieb und dabei zunächst noch den Gedanken an die Roggenmark verfolgte, der alsbald durch die Rentenmark ab- aelöst wurde, habe ich in dem Augenblick, in dem ich von seinen Plänen erfuhr, ihn dahingehend umAuftimmcn versucht, dah er etwa nicht wieder die alte Mark von 1 00 G ol d- Pfennigen für da» verarmte Deutschland a l» Münzeinheit festsehte, sondern — seinem Gedanken der Roggenmark entsprechend eigentlich viel logischer — eine Münzeinheit, die damal» etwa dem Prei» von 10 Pfund Roggen entsprochen haben würde. Da» wären 66 Pfennige gewesen, ilnb e» wäre dem Deutschen in der Nachkriegszeit sehr zuträglich gewesen, sich unter dem psychologischen Druck einer solchen neuen Münzeinheit daran zu gewöhnen, fortab nur noch 66 Pfennig« au»zugeben, wo er früher eine Mark ausgegeben hatte. lMan erinnere sich, dah sowohl Mussolini in Italien, wie Poincarö in Frankreich die Lire bzw. den Franken erheblich unter der Friedensparität stabilisierten.) Helfferich stimmte diesem Grundgedanken in persönlicher Aussprache durch- au» zu, muhte aber leider erklären, dah die Vorbereitungen der Gesetzgebungsarbeit schon soweit getrieben seien, dah eine einschneidende Aende- rung nicht mehr möglich sei.
Vielleicht ist e» auch gut gewesen, dah damals noch kein Schritt zur Herabsetzung der deutschen Münzeinheit unternommen wurde. Denn die öffentliche Hand war zu jener Zeit ja eine so auher- vrdentlich offene Hand, dah man möglicherweise, wett entfernt davon, anstatt 100 Pfennige nunmehr nur 66 Pfennige zu bezahlen, lieber auf das Doppelte der SinheitSmünze, also statt von 100 Pfennig« auf 66 lieber auf 132 Pfennige gegangen wäre. Jetzt aber ist doch wohl cnblkb der Zeitpunkt gekommen, in dem daS deutsche Volk den Zwang zur Sparsamkeit erkannt hat, und trotz alledem wird die sogenannt« nationale Selbsthilfe nicht viel vorwärts kommen, wenn ihr nicht eine WährungShtlfe beispringt. Das ganze Problem der Einstellung auf ein niedrigere» Riveau von Kosten, Preisen, Einkommen und öffentlichen Ausgaben spitzt sich doch, wenn e» mit einer Radikalkur praktisch angegriffen werden soll, zu der «Stag« zu: Wie ist e» möglich, sämtliche laufenden Markforderungen in Deutschland mit einem Schlag« umzuwandeln, sagen wir etwa in Forderung von 70 Pfennigen? Dabei muh natürlich alle» einbegriffen werden: Löhne und Gehälter, Schulden und Guthaben, Hypotheken und Zinsen, Mieten und Preise.
DaS Problem toirfb natürlich außerordentlich kompliziert dadurch, dah c» nicht genügen würde, alle Forderungen innerhalb Deutschlands in dieser Weife herabzusehen, sondern dah die praktische Wirksamkeit ohne große Schädigung einzelner Wirtschast»teile davon abhängt, ob und in welchem Maße man auch di« AuSlandS- gläubiger in diesen, wenn man so sagen will, einseitigen .ZwangSoerglrich" hineinzuziehen vermag. Aus der einen Seite muß naturgemäß berücksichtigt werden, dah schwere Schädigungen de» deutschen Auslandskredite- vermieden werden müssen. Auf der anderen Veite wird man in Erwägung ziehen dürfen, daß die gegenwärtigen Inhaber von öffentlichen Schuldverschreibungen Deutschland- im Auslande bei einer Um- Wandlung dieser Art meist immer noch über den heutigen Kursstand dieser Anleihe hinaus gesichert bleiben und dah die grohen ausländischen Rohstofflieferanten lieber an ein auf dieser BasiS sanierte- Deutschland künftig gröhere Lieferungen machen würden, anstatt alte Forderungen mehr oder weniger eingefroren und den Absatz empfindlich stocken zu sehen.
Auf alle Fälle sind daS sehr ernste Probleme, die nicht von heut« aus morgen gelöst, sondern im Verein mit den ausländischen Gläubigern durchgearbeitet werden mühten.
Für die inländische Wirtschaft aber bleibt fraglos die Notwendigkeit bestehen, in einer Deflationszeit auch konsequente Deslationspolitik zu treiben und einer verarmten Wirtschaft mit entscheidenden Mit
teln den Uedergang zu einem „niedrigeren Niveau von Kosten. Preisen. Einkommen und össentlichen Ausgaben' zu erleichtern. Und diese» entscheidende Mittel wäre am besten zu finden, wenn man mit Harker Entschlossenheit der Erkenntnis Rechnung tragen würde, dah unsere Münzeinheit für unsere wirtschaftliche Lage zu hoch ist.
Kürzlich wurde in einem pazifistischen Pariser Blatt eine Zoll« und WährungS-Union mit Deutschland vorgeschlagen. Man mag über diesen Vorschlag wie immer denken. Erwägenswert erscheint dabei der eine Kernpunkt emc» Herab- aehenS auf einen niedrigeren Münzfuß. Der Einwand, daß eS im Grunde genommen doch gar keinen Unterschied mache, wenn eben sämtliche Forderungen und Guthaben in gleicher Weise herabgeseyt toürben, ist durchaus nicht stichhaltig. Man kann in allen Ländern beobachten daß der Goldwert der Münzeinheit einen beträchtlichen Einfluß hat aut die allgemeinen Kosten der Lebenshaltung. Wenn man in Vorkriegszeiten Auslandreisen machte, so gab man in Frankreich den Franc, in Holland den Gulden, in Dänemark die Krone, in Rußland den Rubel und in den Vereinigten Staaten den Dollar ungefähr ebenso aus wie in Deutschland die Mark.
DaS heutige Deutschland hätte wirllich allen Anlaß, folgerichtige Deflation zu treiben und seine Münzeinheit in einer Weise herab- zufehen. die der deutschen.Drearmung wenigstens einigermaßen Rechnung trägt.
Unruhe inZrland.
Oer nationale Zreiheitstampf flackert erneut auf. — Oe Dalera fordert Eingliederung Ulsters.
Don unserem O.-Korrespondenten.
Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten I London, August 1931, In den zehn Jahren seiner Unabhängigkeit ist der irische Freistaat nicht zur Ruhe gekommen. Die letzten Rachrichten von der Grünen Insel, die von dem Wiederaufleben des Terrors, von drohenden neuen Unruhen und drastischen Ge- genmahnahmen der Regierung sprechen, kommen daher auch kaum überraschend. Man weih, dah der alte Kampf zwischen den Anhängern des jetzigen Ministerpräsidenten Evsgrave und den Republikanern De Valeras weitergeht und dah ein Friede zwischen diesen sich bekämpfenden Parteien so leicht nicht hergestellt werden kann. Geht es doch dabei um die staatsrechtliche Stellung Irlands überhaupt, um die Frage, ob Irland e i n ganz unabhängiger Staat unter Einschluß deSprvtestantischenUlster sein, oder ob es Dominion im englischen Im peri u m unter Ausschluß von Ul st er bleiben soll. Der Vertrag zwischen Groh-Dritannien und Irland, der das gegenwärtige Dertragsver- hältniS regelt, bestimmt bekanntlich das letztere, und die Regierung Eosgrave hat sich vor etwa zehn Jahren, als die Selbstverwaltung des Landes nur unter diesen Bedingungen zu erhalten war, mit ihm abgefunden, während De Dalera den Kampf für die .völlig« Befreiung" Irland- weiter fortsetzt.
De ValeraS Republikaner vertreten ein maximale- nationales Programm, das vom Standpunkte der nationalen Geschichte Irlands aus immerhin verständlich ist. Solange Rord - Irland nicht zum irischen Freistaat gehört, ist eben nicht ganz Irland befreit und ist immer noch ein Teil dc» Bodens Alt-Irlands von den Engländern besetzt. Und solange der gegcn- wärttge Vertrag zwischen dem irischen Freistaat und Groß-Britannien besteht, hat Irland eben die volle außenpolitische Freiheit nicht Aurüderbalten, die es als Nationaler Staat fordern könnte. Solange es gelungen bleibt, jeden Krieg Englands an dessen Seite mitzumachen, ist es eben auhenpvlittsch nicht frei. Uno endlich ist es nut logisch, wenn die Anhänger De Valeras noch immer grundsätzlich die gegenwärtige Verfassung des
Lande-, die ja doch irgendwie in dem engllsch- irischen Vertrag von 1921 wurzelt, ablehnen, obwohl sie sich formal der ihnen verfassungsmäßig gebotenen Mittel bedienen und die Abgeordneten der Republikaner sogar einen Eid auf die Verfassung abgelegt haben.
Unverständlich sind allerdings für den Außen- stehenden dieMi11el. mit denen sich die Parteien im irischen Freistaat noch immer bekämpfen, und die grausamen Terrorakte, die immer wieder die Aufmerksamkeit der Welt auf die innere Lage Irlands lenken. Denn die grundsätzliche Gegnerschaft zwischen der Regierungspartei und den Republikanern könnte, so sollte man meinen. auch mit geistigen Waffen ausgetragen werden und brauchte nicht immer zur Bildung geheimer Gesellschaften von Verschwörern, zur Erschießung von Polizisten, zu Eisenbabnatten- taten und sonstigen Gewaltakten führen, wie fie im Sommer dieses Jahres sowohl aus dem Süden wie aus dem Rorden des Landes berichtet wurden. DaS lebhafte irische Temperament allein macht diese Dinge noch nicht verständlich
Man muh sich vielmehr daran erinnern, daß der irische Freiheitskampf in seinen letzten Stadien mit ähnlichen Mitteln geführt worden ist und daß die letzten blutigen Ereignisse dieser Art in den Jahren 1921 -23 zu verzeichnen waren, also er st kurze Zeit zurückliegen. Besonders die Zeiten des .englisch-irischen Krieges" 1920/21 brachten ja den unerhörtesten Terror. Um die Engländer, die seinerzeit Irland noch besetzt hielten, aus dem Lande zu treiben, führten die irischen Rationalisten seinerzeit die systemattsche Erschießung von Polizisten und die systematische Zerstörung von Eisenbahnen durch, Maßnahmen, die selbstverständlich zu der schärfsten Abwehr führten, die allerdings im Endergebnis wirkungslos blieb. Die Devöllerung, die in ihrer überwiegenden Masse nationalistisch gesinnt war, machte mit den irischen Schützen gemeinsame Sache, so dah alle Bemühungen, dieser Terror gruppen Herr zu werden, zum Scheitern verurteilt waren. Die blutigen und schrecklichen Ereignisse jener Zeit hatten allerdings den Erfolg, dah England unter dem Eindruck diele- Terrors sich zur Gewährung
derSelbstverwaltung an Irland enffchloß und mit Irland den Vertrag schloß, der die hcu- tige Grundlage de» Freistaate» Irland barfteHt,
Dieser Vertrag, der aber die Billigung De Valero» und seiner radikalen Anhänger ircma!» gefunden hat. wurde der Anlaß dafür, daß bi« nationale Bewegung Irland» sich m eine gemäßigte und in eine rak^kale Richtung spaltete, bei der die radikale Richtung all die Methoden zur Bekämpfung der Regierung übernahm, die seinerzeit gegen die Engländer angewandt worden waren. Mit den gleichen terroristischen Methoden wurde von den Republikanern der Kampf gegen die irische Regierung fortgesetzt, so daß noch fast Awei ganze Jahre lang der Terror in Irland forttoütete, eh« e» schließlich Eosgrave gelang, sich durchzusetzen und die Ruhe und Ordnung im Lande wieder herzustellen Wobei er allerdings gegen feine eigenen 2anb»Ieutc mit Methoden vorgehen mußte, die selbst von feinen Freunden alSGegenterrvr bezeichnet werden, also den Methoden feiner Gegner kaum nachstanden Erst im Mai 1923, nachdem De Dalera. wohl weil er au» Amerika von feinen Anhängern keine Geldmittel mehr erhielt und weil ganz Irland des Bürgerkriege» müde war, feine Anhänger aufgefordert hatte, die Feindseligkeiten einzustellen, trat die Ruhe im Lande wieder ein. fo daß endlich auch die ersten regulären Wahlen zum irischen Parlament, zum Dail Eireann, stattfinden konnten.
Fast volle acht Jahre inneren Friedens, bi«? hierauf folgten, reichten jedoch nicht aus, um die Feindschaft der Anhänger De Valero» und der Anhänger EoSgrove» in friedliche Dahnen zu lenken. De Valero bemühte sich zwar, seine Anhänger mehr und mehr von Gewalttaten abzuhalten, leimte es aber doch nickst verhindern, daß sich immer wieder Geheimgesellschaften bildeten und gelegentliche Terrorakte von Personen verübt wurden, die ihm zweifellos nahestehen. Der alte Kampf um di« Eingliederung de» protestantischen Ulster, das mitten im Frieden Immer noch von einer starken Garnison gegen einen etwaigen irischen Einfall geschützt werden muß, in das katholische Irland wird weiter von ihm fortgefefct und es ist lehr Zweifel, daß er noch zu Weiterungen fühven kann
Wenn sich daher in den letzten Monaten die Rachrichten über Terrorakte wieder häuften und wenn z. D. der irische Iusti-Minister in einer Redr erklärte, daß von der Agitation der De Dalera- Leute selbst die irisch« Armee infiziert werde, so versteht man es, daß derartige Dinge in England di« lebhafteste Besorgnis hervorgerufen haben. Ist e» doch nur zu bekannt, daß auch Irland unter der Wirtschaftskrise auf das schwerste leidet und daß besonder» die irischen Bauern mit ihrer Lag« überaus unzufrieden sind. Ist doch auch dieS ellung der Regierung EoS- grave überaus prekär, da sie im Parlament über keine echte Mehrheit verfügt und gewärtig sein muß, bei den nächsten Wahlen auf legalem Wege vom radikalen Flügel der De Balera-Leute über den Haufen gerannt zu werden. Daß De Valero ausgerechnet an der Grenz« deS englisch verwalteten Ulster Brandreden hält, ist somit alle» andere als ein gute» Zeichen. Roch ist e» in Irland ruhig und noch sind die Terrorakt« vereinzelt und auf gewiss« Landgegenden beschränkt. Aber tote lange wird e» dauern, bl» e» in Irland wieder loSgeht, bi» von neuem der nationale Terror die Fahne de» Aufruhrs entfaltet?
Daten fÜr Lamßtag, 22. August.
Sonnenaufgang 5.21 Uhr, Sonnenuntergang 19.34 Uhr. — Mondaufgang 17.02 Uhr, Monduntergang 23.19 Uhr.
1818: der Rechtslehrer Rudolf von Ihering tn Aurich geboren; — 1850: der Dichter Nikolaus Lenau in Oberdöbling gestorben.
Daten für Sonntag, 2S. August.
1813: Sieg der Preußen bei Großbeeren; — 1831: Feldmarschall Graf Neithardt von Gneisenau in Posten gestorben; — 1866: Friede zu Prag zwischen Oesterreich und Preußen.
men nach übereinstimmenden Berichten nur ausrangierte Tennisschuhe in Betracht, die an der Kappe durchgestoßen und an den Seitenrändern passend abgescheuert sind. Erwünscht, ja geradezu erforderlich ist in dieser Verbindung ein dunkelblauer Trainingsanzug mit Reißverschluß und durchgewetzten Kniestücken. Strümpfe jeder Art find dabei strengstens verpönt.
Beim Umgraben von Beeten wird sich der Weltmann, der an ein sorgfältiges und gepflegte» Auftreten gewöhnt ist, stets für ein sanft verschlissenes und in den Bügelfalten verbeultes Deinlleid entscheiden, das durch weitere Kleidungsstücke zu bereichern eine bedauerliche Verirrung bedeuten würde. Falls man trotzdem nicht auf eine gewisse kleine Eigenheit verzichten möchte, binde man einen schlichten Riemen aus braunem Leder umS linke Handgelenk....
Da» Kind.
Gesellige Zusammenkünfte an der Sandkiste bringen es während der warmen Jahreszeit gewissermaßen von selbst mit sich, daß das richttg eingekleidete Kind zum Spielanzug aus starkem Waschstoff eine dünne Lehmkruste auf den Händen und eine freundlich gefprenkelte Schmutzschicht im Gesicht wählt. An den Ellenbogen und an den Kniescheiben darf felbstverständlich ein bißchen Schorf von frisch zugeheilten Schrammen und Kratzwunden zutage treten.
Entschließt sich die ansprechend ausgestattete Jugend zur Teilnahme an den Belustigungen des RachlaufspielenS und Dallabschlagens, bleibt es -war ihrem freien Ermessen überlassen, ob sie den spitzen oder den ovalen Ausschnitt am Kragen der Dubi-Overall» und Kleinmädchen-Röckchen bevorzugt. Ganz unstatthaft wäre es indes, diese Gewandung ohne die jetzt vielfach gesehenen praktischen Taschen zu lassen, in die man Frösche oder feuchten Lehm steckt.
Dor allem aber wird daS in modischen Dingen bewanderte Kind stet» daran denken, für die wohlüberlegte Farbenzusammenstellung seines Sonnenbrandes zu sorgen: Anfänger begnügen sich hier mit einem zarten Rosa, das Fortgeschrittene mit einem straffen Braun vertauschen, während der letzte Schick einen beherzten Uedergang zur mulat- tisch nachgedunkelten Hautfärbung verlangt....
(In diesem Fall trägt auch das mondäne Kind gar nichts I)
Oas Bier auf Öen Dachboden!
In einem glänzenden Essay beleuchtet der Heidelberger Historiker Prof. Dr. Willy Andreas den Platz, den die Astrologie in der grohen Zeitenwende zu Ende des Mittelalter- eingenommen hat. Sie hals, da- steht fest, die Gemüter am Vorabend der Reformation erhitzen. Ein oft gedrucktes Prognostikon Johann Lichtenbergers redete z. B. von einem Umsturzpropheten im Mönchsgewande, eine alte Weissagung freilich. die bis ins 9. Jahrhundert reicht unb auf arabische Quellen führt. Die Druckerprelle erleichterte die Verbreitung astrologischer Prophezeiungen ungemein. ..Wie wärt es sonst möglich gewesen", schreibt Andreas im Septemberheft von Velhagen & Klasings Mon<. tS - heften. „daß die Konjunktionsansage de» Professors Gtöff ler von einem Zusammen treffen fast sämtlicher Planeten im Zeichen der Fische einen wilden Federkrieg darüber enffesselte, ob und in welcher Gestalt die von ihm angesagte Ratur- katastrophe eintreten werde. Als der auf bar ge'ruar 1524 feftgelegte Zeitpunkt gekommen tocr verlief dieser Termin ganz harmlos, und das Jahr fiel, wie es scheint, nicht einmal durch außerordentliche Rässe auf, anstatt der großen Wafferllut aber brach im folgenden Jahre der Bauernkrieg aus, den man allenfalls auf Rechnung jener Schreckenskonjunktion setzen konnte. Immerhin, fünfundzwanzig Jahre hatte die Spannung gedauert; mehr als ein halbes Hundert Autoren hatte sich di« Köpfe über das nahende Hiw.melscreignis zerbrochen: Schriffen für und wider waren seit dem Erscheinen des Stöffler- schen Almanachs (1499) darüber verfaßt, weit über hundert waren im Druck erschienen. Auch in Italien war viel darüber geschrieben worden. und infolgedessen war die Rervosität immer mehr gestiegen, fo daß einige Obrigkeiten eS für angebracht hielten, Veröffentlichungen zur Beschwichtigung der Untertanen zu veranlassen. Kein Geringerer al» Dürer, in dessen Seelenleben s.ch überhaupt die Empfänglichkeit der bamaPgen Menschen für ungewöhnliche Erscheinungen und schreckhafte Dinge malt, hat unS einen nächtlichen Angstraum von gewaltigen Wassermassen, die vom Himmel strömen, ausgezeichnet, in dem sich das Grauen vor dem Kommenden widerspiegelt. ES ist ein Reflex der allgemeinen
Deun-ruh-gung, die fo weit ging, daß Fürsten und Herren ernstlich erwogen, ob sie sich mit ihren RegierungSkanzleien und Heeren nicht an hochgelegene Punkte zurückziehen sollten. Und vom Bürgermeister der Stadt Wittenberg hieß es, cr habe Bier im Vorrat auf den Dachbcchen, seines Hauses bringen lasten!"
Oer Kuß vor der Filmkamera.
Es ist eine alte Geschichte, daß eine Sach« um fo schwerer durchzuführen ist. je leichter sie cm»- sieht. Und ein Kuß auf der Leinwand des Film» erfordert nicht nur gewissenhafte, sondern sozusagen wistenschaftllche Vorarbeit. Darüber wußte kürzlich, wie amerikanische Zeitungen erzählen, der Filmstar auS Hollywood. Jeanette Mac- bona! d. allerhand mitzuteilen: .Die Kuß-S^ne, die ja da» Publikum ganz besonders interessiert, muß natürlich auf da» Genaueste und Prägnan- tefte einstudiert sein, und die Wirkung muh so ausfallen, daß jeder Zuschauer, noch mehr jede Zuschauerin empfindet: So ist das richttg, fo mache ich» auch! Wenn aber einer glaubt, dah sich die Partner bei diesen Ausnahmen bloß hinstellen und sich auf da» Zeichen de» Regisseur- Hin küssen, während die Kamera auf nimmt, so befindet er sich auf dem HolAtoeg. Oft und oft, meist bi» zum persönlichen Ueoerdruh. wird diese .einfache" Szene geprobt, ehe sie endlich aufnahmereif ist. Um allen Anforderungen gerecht au werden, habe ich mir im Laufe der Zett eine Bibliothek angeschafft, die von nicht- anderem handelt, al- von der Siebe und ihren AusdruckS- formen. Ich hab« oft junge Mädchen der verschiedensten Rationen bariuftellen, und da muß ich doch wissen, welche besonderen Eigentümlichkeiten beispielsweise eine Holländerin, eine Italienerin. eine Französin beim Küssen verrät. Denn — bleibt auch im Grunde ein Kuh immer ein Kuh — fo haben doch die Frauen der verschiedenen Völker ihre ureigene Art de» Kusse». Die Japaner übrigen» kennen ihn gar nicht! Da ich nun nicht in der Gage bin, jede-mal ein Mädchen der entsprechenden Ratton. da» ich verkörpern soll, zu befragen: Wie küßt man in Ihrer Heimat, so studiere ich eben alle» sorgfältig, um eine naturgetreue Darstellung de- Kusse- zu gewährleisten."


