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Das bißchen Erde.

Vornan von Richard Stowronnek.

Copyright by I. Engelhorns Nachf., Stuttgart.

11. Fortsetzung. Nachdruckoerboten.

Ob hei woll wedderkömmt", fragte Mik«n, wischte sich mit der arbeitsharten Hand über die Augen. Aber sie bekam keine Antwort. Lentz muhte plötzlich husten, weil ihm so eine ver­dammte kleine Scefliege mit eins in die unrechte Kehle gefahren war. Danach gingen sie ausein­ander, ein jedes an seine Besorgungen, llnö es wurde für lange Zeit gar still und einsam aus der Vellahner Schlohinsel ... Wenn aber Graf Malte fern in Afrika unter dem funkelnden Kreuz des Südens die langend« Sehnsucht nach der Heimat schickte, stellte sie ihm sich immer in dem Bilde zweier alten Leutchen dar, die auf einer efeuumsponnenen Freitreppe standen. Der Weihbart, mit einer verwitterten Husarenmühe guf dem Kopfe, die er einem besvndern Tage zu Ehren trug, und das alte Züngferlein, «in ewiges Strickzeug zwischen den nimmer rastenden Händen. So standen sie wartend, wenn er sich zuweilen verspätet hatte bei der Heimkehr vom Alten-Krakower Galgenberge: zwei Paar treue Augen spähten die Dammallee entlang, die von der Schlohinsel zum festen Land« führt«, und barmten sich, ob ihrem geliebten Sorgenkinde nicht ein unvermutetes Unglück zugestohen wäre----

2.

Die erste Begrüßung mit den beiden Getreuen war vorüber, aber die Wiedersehensfreude schwang noch lange in ihren Herzen nach, wie der Ton einer stark angeschlagenen Saite. Immer wieder sahen die beiden Altchen ihren heimgekehrten jungen Herrn an, freuten sich, dah sie ihn wieder hatten und nickten einander zu, wenn sie bemerkt zu haben glaubten, dah er sich gegen früher zu seinem Vorteil verändert hätte. Fast noch gröher schien er ihnen geworden zu sein, aber das war wohl nur Einbildung, weil sie selbst den Rücken gebückter trugen als vor zwei Iahren und langsam schon in die Erde zurück­wuchsen. In einem jedoch tauschten sie sich nicht, aus dem Iüngling war ein Mann geworden, der aus klaren Augen in die Welt blickte und fest in seinen Schuhen stand. Der lieh sich von dem Hohenrömnitzer drüben noch lange nicht di« Butter vom Brote nehmen! Rur Miken fand, er wäre viel zu hager im Gesicht« geworden, aber das wollte sie schon bald wieder heraus­füttern. Lentz hingegen meinte, das stände ihm gerade schön, und eine Entdeckung freut« ihn

ganz besonders. Der junge Herr lachte genau so, wie sein seliger Herr Rittmeister gelacht hatte, dasselbe schüttelnde Lachen, das so ansteckend wirkte. Das lag wohl daran, dah in den zwei Jahren sein« Brust eine richtig« breite Manns­brust geworden war, aber es war doch ein« große Freude, dah der Sohn dem Vater auch in solchen Aeuherlichkeiten glich. Wenn man die Augen schloß, konnte man glauben, die Zeit wäre stillgestanden ...

Malt« Römnitz aber freute sich nicht weniger, dah er die beiden Altchen noch in leidlicher Rüstigkeit wiedergefunden hatte. Gar manchmal hatte er da draußen gebangt, sie könnten nicht mehr da sein, wenn er heimkäme. Uni) das wäre ihm ein schwererer Verlust gewesen als mancher andre. Mit allem, was ihm seit der frühesten Iugend an Schicksalen widerfahren, waren sie beide doch unlöslich verbunden, und immer hatten sie in blinder Treue zu ihm gestanden ...

Gleich nach feiner Ankunft hatte er einen laschen Gang durch den Park gemacht und alle Räume des Schlößchens, wie um sich zu über­zeugen, dah alles noch da wäre, was er vor zwei Iahren verlassen. Ietzt saß er an dem run­den Tische auf der Diele, die vom Frühjahr an immer als Wohnzimmer diente, und lieh sich gut schmecken, was Miken an heimatlichen Lecker­bissen ausgetragen hatte. Eine milde Gänsebrust gab es als Vorspeise, wie ein Rosenblatt so zart, eine würzige Leberwurst mit Majoran und Speckklümpchen, die vierzehn Tag: lang im Rauch von Duchenspänen gehangen hatte, und zum Schlüsse einen wohl fünfpfündigen Hecht aus dem Vellahner See. In einer Sauce aus Meer­rettich und saurer Sahne schwamm er, mit aller­hand Grünzeug und einigen Pfefferkörnlein an- gerührt. Wie der Kem einer jungen Haselnuß schmeckte fein Weihes Fleisch, das Köstlichste aber waren die kleinen Klötzchen, deren Hauptbestand­teil die bräunliche Leber bildete ...

Mit einer wahren Andacht Malte, lieh sich zwischen den einzelnen Gerichten di« ge­hörige Zeit und tränt einen alten Rauentalev noch vom Vater her, den Lenh zur Feier der Heimkehr aus dem Keller geholt und gehörig am Brunnenwasser gekühlt hatte. Ganz wohlig und glückselig war ihm zumute, und er erzählte, wie er manches liebe Mal sich da drauhen nach Mikens Kochkunst gebangt hätte. Wenn der Riggerkoch ein zähes Huhn auf den Tisch fetzte mit einem Brei aus Hirsegrühe oder einen Antilopenrücken, den man kaum schneiden konnte, weil er gleich nach dem Erlegen des Wildes aufs Feuer gekommen war, dann hätte er jedesmal den Reisegefährten den Mund wässerig gemacht, ob sie sich wohl vorstellen könnten, wie ein Vellahner Spieherrücken schmeckt«, von Fräulein Dannappel mit Lieb« und Butter und Sahne

nebst einigen Wacholderbeeren gebraten. Immer hätte er ausreißen müssen danach, damit die andern ihn nicht erschlügen ... So erzählte er scherzend, Miken aber stand dabei und errötete vor Freude wie ein junges Mädchen, dem zum ersten Male eine Liebeserklärung gemacht wird. Und plötzlich lachte Graf Malte auf. Fast hätte er vergessen gehabt, ihr den Gruß eines alten Verehrers zu bestellen, der noch heute in ganz besondrer Treue ihrer gedächte. Olbet sie mühte raten, wer das wohl gewesen sein könnte.

Miken wurde noch röter und legte ordentlich erschrocken die Hand auf die Brust.

Gott steh' mich bei, aus Afrika? Ich hab' doch da unten fein« Bekanntschaften?" ... Und Lenh fügte mit einem Schmunzeln hinzu, ein Menschenfresser wäre es wohl kaum gewesen, bet hätte sich etwas Saftigeres herausgesucht. In so gehobener Stunde durfte er sich wohl ein kleines Scherzlein vor dem jungen Herrn ver­statt en. Danach lachten sie alle drei, und Graf Malt« erzählte, auf der Rückreise hätte er in der großen Regerstadt Tabvra zu seiner Ueber- raschung und Freude den ehemaligen Theologie­kandidaten Siewers getroffen, aber nicht als Missionar, sondern als wohlhabender Händler, der auf weiten Fahrten ins Inner« Kautschuk und Elfenbein gegen billigen Kattun und Glas­perlen von den Eingeborenen tauscht«. Die christ­liche Lehre wäre nicht gut für di« Rigger, denn in diese dicken Schädel dürft« «s niemals hinein, dah alle Menschen dieser Welt eigentlich Brüder wären, darunter litte nur der Respekt und das Geschäft. Und weiter erzählt« er, wie er in dem gastfreien Haus« des ehemaligen Lehrers sich acht Wochen lang gesund gepflegt hätte von dem bösen Tropenfieber und einem tiefen Rih am Dein, den er einem angeschossenen Düffel ver­dankte. Fast immer hätten sie dabei von der Heimat gesprochen, der rothaarige Siewers und seine rundliche Frau mit einem dicken Düben auf dem Arm, der zum Schreien dem Dater glich. Rur dah er nicht das Dein nachzog, weil er noch nicht laufen konnte, und unter dem roten Kraushaar natürlich keine Schmisse hatte ...

Das war ein Ruhepunkt in all den bunten Abenteuern", schloß Graf Malte und sah nach­denklich vor sich hin.Und wir haben auch noch über manches andre gesprochen, was nur mich allein anging. Vieles wurde mir dadurch klar, wo ich im Dunkeln herumgetappt hatte" ...

Che", sagte Miken,dieser Herr Kannedat Siewers is wohl immer schonnen possierlichen und nachdenklichen Mensch gewesen. Einmal is er zu mich in die Küche gekommen, wie ich gerade eine Gans zwischen die Kni« geklemmt hatte und mit dem Messer in' Kopf das Dlut abzapfte. Da fragte er, ob ich mich wohl bewuht wäre, ein Geschöpf Gottes zu töten, das gleich mir eine

unsterbliche Seele hätte. Ich lachte bloh: .Herr Kannedat, das muh doch sein, wegen dem Wohl­geschmack, und das Blut gibt hinterher Schwarz» sauer mit Backpflaumen und Klöh«. Eine un­sterbliche Seele aber haben wir Menschen bloh allein/ Da zuckte er die Achseln: .Wissen Sie das ganz genau. Fräulein Dannappel?' Mir war ganz gruselig zumut, und in einem Sinnieren ging ich 'rum, bis am andern Mittag der Herr Kannedat sich das Schwarzsauer schmecken lieh, dah nur die Knochen übrigblieben. Da merkte ich denn, dah er bloh ein Spaßmacher war und den Leuten allerhand nichtsnutzige Flausen in den Kopf setzte."

3a", sagte Malte,ein Spaßmacher, der «s verdammt ernsthaft meinte ...

Danach gab es eine schweigsame Pause, und Miken empfahl sich mit einem Knickse, sie hätte noch in der Küche zu tun. In Wirklichkeit, weil jetzt nach allem Ermessen der unangenehme Teil des Abends begann. Der junge Herr hatte ge­nug erzählt von sich selbst, jetzt kamen die Fra­gen nach dem. was sich in den zwei Iahren zu Hause zugetragen hätte. Die Antwort darauf überließ sie gerne ihrem alten Dienstgefährten. Und Lentz sah ihr brummelnd nach. So waren schon die Frauenzimmer: wen^es Ernst wurde, drückten sie sich! Aber auch er gckmchte sich nach Möglichkeitdiplomat'sch" zu verhalten, feinem jungen Herrn den ersten Abend in der Heimat nicht zu verderben. Wenn er morgen früh er­fuhr, was sich in Hohenromnitz zugetragen hatte, war noch immer Zeit genug ...

Graf Malte schob den Teller zurück und steckte sich behaglich eine Zigarre an.

Ra, nu los, Alter, und hübsch der Reihe nach! Meinem Leib hat die Miken satt gemacht, für das übrige muht du sorgen. Und ich' muh sagen, ich bin gründlich ausgehungert in den zwei Iahren. Wenn die andern Herren ihre Post be* kamen, hab' ich mich immer still beiseite ge­drückt und manchmal fast das Heulen gekriegt. Dah mein Herr Onkel mir nicht schrieb, braucht« mich nach dem Abschied ja nicht zu wundern. An den Tüschower Lewenitz aber hatte ich mich zwei», mal gewandt und herzlich gebeten, er möchte mit doch über einiges, was mich besonders inter­essierte, Rachricht geben. Gr hat's anscheinend nicht fertiggebracht, vor 'lauter Bedenken; nur bei meiner Rückkehr aus dem Innern fand ich in Daressalam eine Postkarte mit einer An­sicht vom Strelitzer Hof in Molhahn. Und darauf stand mit Bleistift gekritzelt: ,Du wardst di ja bös tounnern, mien Sähn. wenn du wedder to Hus kömmst/ Kein Rame darunter, aber nach der Handschrift konnte es Wohl der Tüschower gewesen sein."

(Fortsetzung folgt)

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