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Nr. 92 Zweites Statt Gtetzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)Dienstag, 2t. April (931
Freihandel und Getreidezötte.
Eine Rückschau.
Don Prof. Or. Kurt Ritter, Berlin.
Bei den Reichstagsberatungen über die in der deutschen Agrarpolitik eibzuschlagenden Wege hat wiederum der Hinweis eine große Rolle gespielt, daß die deutsche Landwirtschaft sich in erster Linie aus die Hervorbringung hochwertiger Produkte einst ellen solle; es entspreche nicht den wirtschaftlichen Voraussetzungen der Gegenwart, bei der Entscheidung über die Zweckmäßigkeit des Zollschutzes das Getreide maßgebend sein zu lassen. Die Agrarpolitik müsse darauf Rücksicht nehmen, daß die Landwirtschaft nur ein Teil der deutschen Volkswirtschaft ist und daß Getreidezölle die Lebenshaltungskosten verteuern*und damit die Exportfähigkeit der Industrie stark beeinträchtigen.
Viele, die diese Argumentation in den Rachkriegsjahren vertreten, sind offenbar der Meinung, daß es sich dabei um ganz neue Einsichten handle. Sonst würde man beiläufig nicht immer wieder sagen, daß gerade die gesamte Wirtschaftsentwicklung der Rachkriegszeit neue Wege auf dem Gebiete der Handelspolitik verlange. Tatsächlich sind dies aber Argumente, die schon viele Jahrzehnte alt sind. Die schärfste Formulierung haben sie erstmalig in England gesunden, als in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Absatzmöglichkeiten der Industrie zurückgingen und die englischen Daumwvllindustriellen dafür die Getreidezölle im eigenen Lande verantwortlich machten. Auch damals erkannte man nicht, daß die Einengungen des industriellen Exports in erster Linie aus die Jndustralisverung inanderenTeilenderWelt zurückgesührt werden müssen.
Schon im Jahre 1820 hatten sich Londoner Kaufleute mit der Bitte an das englische Parlament gewandt, durch den Abschluß von Handelsverträgen den Export zu erleichtern und dieser- halb auch die englischen Zölle herabzusetzen. Diese Bemühungen hatten einige Erfolge, unter denen in erster Linie die Einführung der gleitenden Getreidezollskala im Jahre 1828 zu nennen ist. Aber in Fluß kam die Freihandelsbewegung in England erst, als Richard C o b d e n und John Bright 1839 die Anti-Corn- Law-League gründeten. Run gelangte die Manchesterlehre zur Blüte, welche als einseitig zugespihte Freihandelslehre zu bezeichnen ist. Ihren Bemühungen ist es zuzuschreiben, daß England 1846 den Beschluß faßte, die Getreide- zölle zu beseitigen, und in der Folgezeit ganz zum Freihandel überging.
Seit dieser Zeit gehören die Argumente der Manchesterschule zum eisernen Inventar der Ge- treidezollgegener: werden die Lebensmittelzölle beseitigt, so wird damit das Preisniveau gesenkt und der Export vergrößert. Die Erleichterung der Lebens.n tteleinfuhr bedeutet aber fernerhin, daß diejenigen Länder, welche Agrarprodukte im Lieberschuß erzeugen, nun für diese größere Absatzmöglichkeiten erhalten und demzufolge wiederum stärkere Käufer industrieller Produkte werden, so daß auch von dieser Seite her die heimische Industrie durch die Beseitigung der Lebensmittelzölle begünstigt wird. Das bringt auch den Arbeitern eine erweiterte Betätigungsmöglichkeit. Cobden und seine Anhänger sagten dann schließlich, daß auch die Landwirtschaft durch die Beseitigung der Kornzölle Kreuzweg der Liebe.
1 Roman von Paul Grobem
Urheberrechtsschuh: Romandienst „Digo", Berlin W 30.
Nachdruck verboten!
(Schluß.)
Run blätterte er mit fliegenden Händen. Hier waren die Korrespondenzen mit der Dank. Der erste Blick genügte. Alle Zahlungen kamen im Auftrage Lirsulas. Kein Zweifel — sie war die Besitzerin der Klinik, und Fräulein von Rommertz nur vorgeschoben.
Wigand klappte das Register zu und stützte sich schwer auf den Tisch. Seine Gedanken flogen zurück, in jene Stunde, wo Ursula ihn zu bestimmen gewußt hatte, die Position hier anzu- nehmen. Er vergegenwärtigte sich jedes Wort, dos sie gesprochen. Sie hatte damals so getan, als ob sie nur im Interesse der Freundin, oder doch hauptsächlich deswegen, ihn gewinnen möchte — aber nun lag es hac zutage: nicht um der Freundin willen, seinetwillen war es geschehen. Sie hatte ihm eine Existenz schaffen wollen — darum diese ganze Komödie!
Eine heiße Röte schoß plötzlich in Wigands Antlitz. Er, der nie im Leben eines Menschen । Hilfe nachgesucht, hatte — ohne daß er es wußte, I freilich — Unterstützung empfangen, Almosen!
Und zu der Scham gesellte sich auflodernd der Zorn: Wie durfte sie das wagen? Gerade sie! ! Wieder durchzuckte ihn ein Gedanke: Weil sie sich schuldbeladen gegen ihn fühlte. Mit Geld hatte sie ihre Seele freizukaufen und ihn abzu- sinden gesucht!
Schwer sank er in den Stuhl zurück. Minutenlang sah er regungslos. Run hieß es also wieder von neuem beginnen. Ja, nicht einmal die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen, bot sich chm jetzt, nachdem er seine Meldung zurückgezogen hatte. Was also nun?
Aber ganz gleich was, jetzt hieß es nur hier ein Ende machen — ihr das Almosen vor die Füße werfen, das sie gewagt hatte, ihm zu reichen.
Mit einem Ruck erhob sich Wigand, stellte das Driesregister wieder an seinen Platz und ging hinüber in sein Zimmer. Schwer ging dort am Schreibtisch seine Feder über das Papier hin.
Dann klingelte er.
Die Schwester du jour erschien.
„Schwester Martha, hier der Brief muß sofort an Frau Drenck."
„Gewiß. Herr Doktor. Ich sende ihn gleich I mit dem Hausburschen hin."
So war Wigand wieder allein. Aber es litt ihn nicht in dem engen Raum. Er zog sich an und ging aus dem Haus,
„Herr Doktor ist noch nicht drinnen."
Das gerade vorübergehende Hausmädchen be-
nicht benachteiligt würde, weil durch Steigerung der Kaufkraft der industriell tätigen Bevölkerung die Rachfrage nach hochwertigen Agrarprodukten wächst und deren besserer Absatz dann einen Ausgleich für den Fortfall der Kornzölle bietet.
Diese Argumentation hat in Deutschland und anderen Ländern auch schon in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beim Kampf um die Agrarzölle eine große Rolle gespielt. Wer in den Veröffentlichungen der damaligen Zeit nachliest, findet, daß den deutschen Landwirten immer wieder die Llmstellung aus hochwertige Produkte empfohlen wurde. Auch Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wyrde das alte Argument wieder hervorgeholt. Lind jetzt findet es nun ebenfalls wieder eifrig Anwendung! Originell also der Vorschlag, der der deutschen Landwirtschaft gemacht wird, wirklich nicht!
Aber das sachliche Urteil über ihn hängt ja nicht von seiner Originalität ab, sondern davon, ob er zweckmäßig erscheint. Darf man — das ist die erste Frage — aus dem englischen Vorgehen Rückschlüsse auf Deutschland ziehen? Das ist schon deshalb völlig unmöglich, weil die englische Agrarvcr assung mit dem Vorherrschen des Pachtverhältnisses grnnz andere Voraussetzungen für die W'rtschaftspolitik bietet. Ferner können die andersartigen natürlichen Voraussetzungen Britanniens mit seinem feuchten Klima und die besonderen wirtschaftlichen Vorbedingungen, die es zum ersten Industrieland der Welt gemacht haben, nicht unberücksichtigt
bleiben. Sodann ist zu beachten, daß die Physiognomie der Landwirtschaft der Welt sich stark geändert hat. Vor hundert Jahren spielten unter den Agrarerzeugnissen im internationalen Handel nur Weizen und Baumwolle eine nennenswerte Rolle. Heutzutage aber ist die Zahl der weltwirtschaftlich wichtig gewordenen Agrarprodukte stark gewachsen. Gerade auch bei den hochwertigen Produkten nimmt der internationale Wettbewerb von Jahr zu Jahr zu. Und sodann: wohin sollten all die hochwertigen Erzeugnisse a b g e s e h t werden, wenn sich die ganze deutsche Landwirtschaft in erster Linie auf ihre Produktion einstellte? Dann würde nämlich die Produktion weit über den Bedarf hinausgehen.
So richtig es also auch ist, wenn man danach strebt, die Hervorbringung von Edelprodukten in der deutschen Landwirtschaft auszudehnen, um die Einsuhrnotwendigkeiten zu verringern, so ist es doch falsch, wenn man bei diesen lÄmühungen über das Ziel hinausschießt und bei der Agrarpolitik in einseitiger Weise nur ein paar Agrarzweige berücksichtigen will. Das Vorbild Englands, das auf diese Weise seinen Getreidebau vernichtet hat, warnt. Trotz des Freihandels besitzt England jetzt nicht mehr die industriellen Exportmöglichkeiten wie einst! Die Begeisterung für den Freihandel, der in England schon Anjang des 20. Jahrhunderts mit der Bewegung zum Greater Britain wachsende Gegnerschaft fand, ist daher auch dort immer mehr in der Abnahme begriffen.
Am die Stillegung von Wölfersheim.
Eine Kundgebung der oberhessischen Landgemeinden.
Der Vorstand des Provinzialverbandes O be r hes sen des H ess i schen L a n d- gemeindetags befaßte sich in seiner gestrigen Sitzung in Gießen eingehend mit der Frage des künftigen Schicksals des Lleberland- werks Ober Hessen in Verbindung mit der angekündigten Stillegung des Wölfersheimer Schwelkraftwerks. Rach der Aussprache faßte man einmütig folgende
Entschließung:
„Der Vorstand des Provinzialoerbandes Ober- Hessen des Hessischen Landgemeindctages als die berufene Vertretung der oberhessischen Gemeinden verfolgt mit schwerer Sorge die Entwicklung auf dem Gebiete der Eleltrizitäts- wirtschaft hinsichtlich des künftigen Schicksals des lleberlandwerks Oberhessen.
Die oberhefsischen Gemeinden erachten die Aufrechterhaltung der kommunalen Selbständigkeit des lleberlandwerks Oberhessen als eine Lebensnotwendigkeit für die Interessen der Dcmohner der Provinz auf dem wichtigen Wirtschaftsgebiet der Stromversorgung.
Es muß davor gewarnt werden, die Stromversorgung vollständig in die Hände eines großen Elektrizitätskonzerns zu legen, der alsdann die Stromverteilung in Oberhessen bis zur letzten Lampe diktieren wird. Die Provinz Oberhessen darf unter keinen Umständen auf i h r Ueberlandwerk verzichten, lediglich um einen anderen Betrieb, der nicht rentabel ist, aufrechtzuerhalten. Die oberhefsischen Gemeinden haben ihre
Stromlieferungsverträge mit der Provinz Oberhessen abgeschlossen und nicht mit einer Preußischen Elektrizitätsgesellschaft, die an Oberhessen nur ganz geringes Interesse hat. Sie müssen deshalb verlangen, daß
die Provinz unter keinen llmstäuden ihren Einfluß auf die Stromversorgung der ober- hessischen Gemeinden aufgibt.
Der Vorstand des Oberhefsischen Landgemeinde- tages spricht die Erwartung aus, daß sich die maßgebenden Organe der Provinzialoerwaltung bei ihren Entschließungen in einer so schwerwiegenden Frage nur von rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten unter Ausschluß aller parteipolitischen Erwägungen leiten lassen." In der Aussprache ergab sich die bemerkenswerte Feststellung, daß von der gesamten Belegschaft des Wölfershnmer Werkes ein großer Teil aus nichthessischen Arbeitern und sogar zum Teil aus Ausländern besteht. Ferner wurde darauf hingewiesen, daß bei früheren Stillegungen größerer oberhessischer Betriebe, wie z. B. Bamag-Meguin in Butzbach, Buderus in Hirzenhain, Brauneisensteingrube in Ober-Roßbach, Grube Friedrich in Trais-Horlosf, Erwägungen, wie sie im Falle Wölfersheim zu Gunsten eines Verkaufs des Lieberlandwerks angestellt werden, nicht geltend gemacht worden sind. Außerdem wurde die Befürchtung ausgesprochen, daß bei einem Lleber- gang des Lieberlandwerks Oberhessen an die Preuhen-Elertra dieser Konzern im Laufe der Zeit die einheimischen oberhessischen Arbeitskräfte durch Arbeiter aus seinem Gebiet ersetzen werde.
merkte es zu der stellvertretenden Oberin, Frau Drenck, die sie an die Tür zu Wigands Sprechzimmer klopfen sah. Es war acht Li.hr morgens, wo dieser sonst immer gerade in die Klinik zu kommen pflegte. Auch Lirsula war eben erst ins Haus getreten und hatte nur schnell in Beates Zimmer abgelegt.
„Es ist gut", dankte sie dem Mädchen und trat in den Raum ein. Sie mußte ihn sprechen, ehe er noch mit einem andern hier ein Wort gewechselt, das vielleicht alles zu spät machte. Trotz ihrer Entschlossenheit trat ihr Fuß doch zaudernd über die Schwelle. Eine bange Scheu legte sich ihr beklemmend ums Herz. Daß sie hier so eindrang! — Was würde er von ihr denken? Wie würde er aufnehmen, was sie ihm sagen wollte?
Heute nacht, wo sie sich in schweren Kämpfen diesen Entschluß abgerungen hatte, war ihr in der erregten Stimmung alles so klar, so überzeugend erschienen. Aber nun, wo sie ihr Vorhaben im nüchternen Licht des Alltags betrachtete, kam es ihr so unmöglich vor. Lind in tiefstem Zagen stand sie nun hier.
Während sie beklommen auf jeden Tritt draußen lauschte, drängte alles noch einmal auf sie ein, was sie seit gestern bestürmt hatte. Immer wieder hatten ihr seine Worte vom Morgen im Ohr geklungen: „Die Frau, die ich haben möchte, werde ich nie haben." Lind dazu sein Blick, der in ihrem Herzen brannte!
Sie wußte es nun: Er liebte sie unverändert wie ehedem — wie damals in der längst entschwundenen seligen Jugendzeit, wie später in jenen Leidenstagen am Genfer See, wo sie seine noch einmal emporlodernde Liebe so selig und unselig gemacht hatte. Lind abermals fiel ihr jetzt ihr Schein ins Herz — zum letzten Male, kein loderndes Flammen mehr, nur ein letztes blasses Aufleuchten noch, dem bald das Erlöschen folgen würde.
Sie hätte in Tränen zerfließen mögen, so traurig war ihr ums Herz. Roch einmal sah sie den Stern ihres Glückes aufschimmern, mit zuckenden Händen hätte sie nach ihm greifen mögen; aber sie stand starr mit ineinandergekrampften Händen: Sie durfte ja nicht ihr Schwur an Freds Sterbelager!
3n diesen Stunden der Qual hatte sie Jörg Wigands Brief erreicht. Wie ein Geißelhieb traf sie, was er ihr schrieb:
„Sehr geehrte Frau Drenck!
Ein Zufall hat mich soeben belehrt, welches Spiel Sie sich mit mir erlaubt haben, daß Sie wähnten, eine Herzensschuld mit Geld aufwiegen zu können! Ich kann zu Ihrer Entschuldigung nur annehmen, daß Sie nicht fähig sind, zu ermesien, was Sie mir damit antalen, als Sie mich mein Leben von Ihrer Gnade fristen ließen. Ich würde selbstverständlich auf der Stelle die Klinik verlassen, wenn mich nicht die Pflicht gegen meine Patienten hinderte, einfach davonzulaufen. So bleibe ich denn notgedrungen, bis
ich einen geeigneten Vertreter beschafft habe, was in wenigen Tagen geschehen sein wird. Ich darf aber wohl erwarten, daß Sie so viel Rücksicht auf mich nehmen werden, daß Sie mir Ihren Anblick in diesen Tagen ersparen. Ich kann die geschäftlichen Angelegenheiten ohne jeden Schaden für Ihr Unternehmen mit Schwester Martha und der Sekretärin erledigen.
Iörg Wigand."
In unaussprechlicher Qual hatte LIrsulas Herz gezuckt: Das konnte er von ihr denken. — so ihr Werk hilfsbereiter Freundschaft auffassen? Sein Leben hatte sie neu aufrichten wollen, und nun hatte sie es zertrümmert. Run würde er sich hinaustreiben lassen in den Strom der Welt und irgendwo zerschellen. Durch sie — wieder um ihretwillen! Für das Gute, das sie hatte säen wollen, hatte sie Verderben geerntet — seine Liebe hatte sich nun in Haß gewandelt.
Rein, nein! In einem Aufruhr bäumte sich alles in ihr dagegen auf. Es sollte, Surfte nicht sein!
Warum sollte er zugrunde gehen und sie? Warum sollte sie das erlösende Wort nicht sprechen, das ihm den furchtbaren Irrtum benahm, das ihm ihr Herz zeigte, wie es sich wand in Sehnen nach ihm? Warum nicht?
Du blasser Schatten, der du auftauchst aus schwarzer Gruft, willst du es wehren? Was starrst du mich so drohend, fordernd an? Hab' ich dir nicht genug gegeben — meine Iugend, meine unwiederbringlich - verlorene Iugend, an deiner Seite vertrauert in unsäglicher Pein. Hab' ich damit nicht gesühnt, was ich an Leid über dich gebracht, ohne es zu wollen? - Oder meinst du, ich sei gebunden durch mein Gelübde, das ich in einem Augenblick der Verzweiflung tat? Wars's nicht aus freien Stücken, daß ich's gab? Was^ hindert mich also, es zu widerrufen?
Rein, du sollst mich nicht mehr schrecken und mir den Willen lähmen! Ich will nicht —, hörst du? Ich will nicyt! Ich will nicht mehr in sklavischer Furcht, sobald du Schatten mir erscheinst, mich angstvoll ducken und alles Sehnen und Hoffen wieder verjagen — nein, ich stehe aufrecht und sehe dir ins Auge. -Untere Rechnung ist ausgeglichen. Frei jeder Verpflichtung gegen dich! — Frei bin ich, will meinen Anteil an Leben und Glück, und du wirst mich nicht hindern!
So hatte es Ursulas Seele, sich emporraffend im Selbsterhaltungstrieb, hinausgeschrien in dieser Rächt — in einem Freiheitstaumel. Der Schrecken vor Freds Schatten war gewichen in diesem Sturm neu erwachenden Lebens; auch jetzt in der Stunde der Entscheidung trat er nicht mehr ängstigend vor ihre Seele. Und doch war ihre Brust so eingeschnürt — die zage Scheu des liebenden Weibes, das vor dem Manne den Schleier von ihrer Seele ziehen will.
Da — jetzt draußen Schritte, Worte — seine Stimme! Ursula fuhr sich mit der Hand zum Herzen. Die Tür ging auf. Wigand trat ein.
turnen, Sport und Spiel.
VsB.-Gießen.
VfB. (Liga) — Spv. Offenbach 1902 (Liga) 3:1.
Das Freundschaftsspiel der Grünweißen gegen die Offenbacher, das viele Zuschauer nach dem Wald- sportplatz gelockt hatte, sah zwei gleichwertige Gegner im Feld. In Spielanlage, in Ballbehandlung und Kombination war keine der Mannschaften der anderen wesentliches voraus, jedoch gingen die VfB.er mit durchwea etwas mehr Elan an den Ball und konnten so stets eine leichte Feldüberlegenheit erzielen. Aus der Mannschaft des Gegners ragte eigentlich niemand besonders hervor; der Tormann war zuverlässig die Verteidigung bemühte sich nach Kräften, das Zuspiel der Läuferreihe zum Sturm ließ bei den Gästen immer ein klein wenig zu wünschen übrig, aber trotzdem entwickelte sich ein spannendes Spiel, das die VfB.er auf Grund ihres größeren Eifers verdient gewannen.
Der Spielverlauf brachte während der ersten Viertelstunde eine deutliche Ueberlegenheit der Hiesigen, die Offenbacher kamen nur zu gelegentlich.n Durchbrüchen aus ihrer Spielhälfte und mußten bereits in der 15. Minute den Grünweißen (nachdem schön zuvor ein Schuß hart an die Latte ging) den ouhrungstreffer übeilafien. Haupt hatte sich energisch eingesetzt und den Treffer erzielt. In'der 40. Minute fiel das zweite Tor (durch Feldmann) nachdem kurz vorher der Schiedsrichter ein Tor als un- flültia erklärte. Mit 2:0 für VfB. wurden die Seiten gewechselt.
Während der zweiten Spielhälfte schoben sich die Gäste etwas mehr in den Vordergrund und hielten das Spiel offen, da die VfB.er leicht nachließen. Trotzdem war der Torwart des Gegner immer etwas mehr beschäftigt, da sich die Gießener vor dem Tor entschlossener zeigten. Einige sichere Torgelegenheiten der Hiesigen blieben dabei unaus- genützt, der Ball ging entweder daneben oder hoch darüber. Die Offenbacher vermochten sich jedoch vor dem Tor noch weniger durchzufetzen, denn die Verteidigung (Henrichs, Bingel) war sehr auf dem Posten. Das einzige Tor der Gäste resultierte denn auch aus einem Elfmeter, den der Torhüter trat und der von Balser nicht gehalten werden konnte. Gegen Schluß arbeiteten die VfB.er wieder eine Ueberlegenheit heraus und schließlich verwandelte Lehrmund kurz vor dem Schlußpfiff eine saubere Flanke durch Kopfball. Die Entscheidungen des «Schiedsrichters wurden von Seiten des Publikums und der Spieler nicht immer widerspruchslos hingenommen.
1900 (Ligareserve) — $(L Daubringen I 2:1.
Aus dem Walds Piel platz wurde am Sonntagvormittag das zweite Spiel der Sonderrunde um die Spitze der 1. Gauklafse ausgetragen. Die Dl u- weißen traten in einer gegen den Vorsonntag gänzlich veränderten Ausstellung an. Man hatte verschiedene Spieler aus der 3. und 4. Mannschaft hinzugezogen, die ein wesentlich besseres Spiel lieferten, als es gegen die Ligareserve des VfB. gezeigt wurde. Der Kampf wurde reichlich hart durchgeführt, überschritt zu Zeiten, hauptsächlich •gegen das Ende der zweiten Halbzeit, als die Daubringer auf den Ausgleich drängten, die Grenzen des Erlaubten. Zur Halbzeit führten die Gäste mit 1:0; sie erwiesen sich während der ersten Halbzeit auch als die Besseren und brachten manchen gefährlichen Angriff vor des 'Gegners Tor. Rach dem Wechsel drehten jedoch die D'au- weißen etwas mehr auf, schufen eine Feldüberlegenheit, die schließlich in zwei Treffern ihren Ausdruck fand. Der Sturm der Hiesigen hakte allerdings schwere Arbeit, denn die schlagsichere
Ein Erschrecken, dann ein ausflammender Zornesblick — also sie doch hier, trotz seiner Bitte! Sofort griff seine Hand wieder zur Tür.
„Rur ein Wort — Sie muffen mich hören!" Ein kurzes Schwanken, dann die harte Antwort. „Sprechen Sie!"
^Sie tun mir unrecht." Lirsula preßte die Hände krampfhaft ineinander. „Zwar haben Fräulein von Rommertz und ich Ihnen den Sachverhalt geheim gehalten — aber nur fürs erste! Später — zu geeigneter Gelegenheit sollten Sie natürlich alles erfahren. Wie konnten Sie mir nur solch Motiv unterschieben? Im Wunsche, Ihnen als Freundin die Wege ebnen zu können ..."
„Reichten Sie mir das Almosen hin!" Mit auf- flammendem Blick schleuderte er es ihr ins Gesicht.
Lirsula wurde bleich, ein letzter Kampf, dann kam es von ihren Lippen:
„Sie glauben, ich fühle mich schuldig Ihnen gegenüber, weil — weil ich Ihnen seinerzeit ein Gefühl für Sie vorgetäuscht, das ich nie besessen?"
„Muh ich es nicht glauben, wo alles für Sie vergessen ist, was einst zwischen uns war?"
„Wer sagt Ihnen das?"
„Ihr ganzes Verhalten, Ihre kühle Gemessen- heit mir gegenüber; Ihr Entschluß, Diakonisse zu werden; Ihr Gelübde, nicht wieder zu heiraten!"
Eine Stille, ihr Herz schlug ihr bis in den Hals hinauf; dann klang ihre Frage:
„Wollen Sie wißen, warum ich dies Gelübde tat?"
„Run?"
„Weil ich in Freds Sterbestunde mich einer Gedankensünde schuldig gemacht — weil ich mich mit meinem geheimen Sehnen zu einem andern Mann geflüchtet hatte."
„Lirsula!" Er riß ihre Hände an sich, ihre zitternden, eiskallen Hände. „Zu mir?"
Sie neigte nur stumm ihr Haupt.
„O — du!" Im nächsten Moment hatte er sie an seine Brust gerissen, und seine Lippen tranken die Tränen von ihren Wimpern. „Lind nun — Lirsula, dies Gelübde?"
„Ich hab' es widerrufen, heute nacht!"
Zum erstenmal glänzten ihn wieder die dunklen Augen an im alten, strahlenden Leuchten, und fest umschlangen ihre Arme seinen Hals. Sie ließ ihn nun nicht mehr — nie!
So verharrten sie lange, in der Seligkeit des Wiederfindens. Dann nahm Wigand die geliebte Frau mit sanfter Zärtlichkeit schützend an seine Brust, und sprach mit einer Stimme, in der es leise nachllang von allem Weh:
„Wir sind lange irregegangen, Lirsula, und die beste Zeit unseres Lebens hat uns dieses Irren gekostet: Llnsere verlorene Iugend. Aber" — und innig drückte er sie an sich — „Höheres ist uns wiedergewonnen: unsere Liebe. Lind die bleibt nun uns — immerdar!"
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